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Full text of "Geschichte und Topographie der Stadt Rom im Altertum"

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^  r^    4,.  /o 


HARVARD   UNIVERSITY. 


LIBRARY  OF  THE 

Classical  Department, 

HARVARD    HALL. 


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o 


GESCHICHTE  UND  TOPuöRAPHIE 


DER 


STADT  ROM  IM  ALTERTUM. 


VON 


Da  OTTO  ^BERT 

CCSTOa    DBB   DHIT.-BIBUOTHBK  UBD  DOCBKT   FOB   ALTB   0B6CHICHTB  ZV   OÖTTIBOBIC. 


ERSTE  ABTEILUNG. 


X 
LEIPZIG, 

DRUCK  UND  VEBLAO  VON  B.  G.  TEUBNEE. 

1883. 


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Classieal  üfoa,i:ncr,t, 


ffUNd^         2ä  JULI912 


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Inhalt. 

Kapitel  1. 
Die  YoraussetzuDgen  der  Stadtbildung^  Roms  .  .  t 

Kapitel  2.                    ^-^  •. 
Die  Dörfer  des  Westpalatinus 3ö 

Kapitel  3. 
Tyie  palatinische  Stadt 04 

Kapitel  4. 
Das  Septimontium iCi: 

Kapitel  5. 
Die  ramniach-titiBche  Doppelstadt  .  . 2U 


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I 


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Erstes  Kapitel. 
Die  Voranssetzungeii  der  Stadtbildung  Roms. 

Die  Ebene  von  Latium  ist  eine  yerhältnismäfsig  junge  Bil- 
dung: sie  ist  ursprünglich  vom  Meer  bedeckt  gewesen,  aus  dem 
nur  einzelne  Höhen  wie  Inseln  und  RiflFe  hervorgeragt  haben 
mogen.^)  Vulkanische  Kräfte  haben  die  Ebene  geschaffen:  denn 
ihnen  verdanken  Land^  Gebirge  und  Seeen,  sowie  die  ganze  eigen- 
tOmlich  gestaltete  Oberfläche  ihre  Entstehung.  Zunächst  waren 
es  Vulkane,  welche  über  die  noch  vom  Meere  bedeckte  Ebene 
eine  mächtige  Schicht  vulkanischen  Tuffs  ergossen,  der,  alle  Teile 
des  weiten  Gebiets  in  fast  gleichem  Mafse  überflutend,  wie  eine 
schützende    Decke   sich  über  dieselben   gelagert   hat.*)     Weiter 


1)  Vgl.  G.  Brocchi  dello  stato  fisico  del  suolo  di  Borna.  Roma  1820, 
namentlich  die  parte  seconda  dieses  Bachs  della  fisica  costituzione  del 
raolo  S.  82  ff.  Sodann  die  zahlreichen  Arbeiten  Gins.  Ponads,  namentlich  sullo 
Btato  fisico  del  suolo  di  B,oma,  Giom.  Are.  1868,  Bd.  155,  S.  28  —  49;  sto- 
ria  naturale  del  Lazio,  Giom.  Are.  1859.  Bd.  158.  S.  104—143.  Storia  fisica 
dell'  Italia  centrale,  Atti  della  r.  accad.  dei  Lincei  1870—71.  Bd.  24.  S. 
191—224.  Femer  G.  vom  Bath  Zeitschr.  d.  d.  geolog.  Gesellsch.  Bd.  18. 
1866.  S.  487—642.  Endlich  v.  Moltke  Wanderbuch.  Berlin  1879.  S.  31—65, 
den  ich  um  so  lieber  hier  nenne,  als  seine  Darstellung  eine  im  besten  Sinne 
populäre  Beschreibung  der  geologischen  Vorgänge  giebt,  welche  die  lati- 
nische Ebene  geschaffen  haben.  Aufserdem  sei  hier  für  diese  und  alle  fol- 
genden Fragen  ein  für  allemal  die  vom  Ministero  di  agricoltura  industria 
e  commercio  für  die  Pariser  Ausstellung  1878  publizierte  Monografia  della 
citt^  di  Roma  e  della  Campagna  Romana;  vol.  1  und  2,  sowie  Appendice 
ond  Atlas.  Roma  1881  genannt:  ein  Werk,  welches  eine  grofse  Fülle  von 
Material  und  Litteratur  zusammenfafst. 

2)  über  das  Emptionsgebiet  dieses  Tufis  vgl.  vom  Rath  a.  0.  S.  498: 
„Werfen  wir  diese  Frage  (nach  der  Ausbruchsstelle  des  Tufis)  für  die  un- 
geheure Masse  des  römischen  Tuffs  auf,  welche  einen  Raum  von  etwa  zwan- 
zig deutschen  Quadratmeilen  in  einer  mittleren  Mächtigkeit  von  weit  über 
100  Fuls  bedeckt,  so  können  wir  deren  ürsprungsstätte  nur  in  den  vulka- 
nischen Bergen  um  den  ciminischen  und  sabatinischen  See  finden**. 

Oilberi,  Getoh.  n.  Topogr.  Komi.  1 


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~     4     - 

rend  nun  vulkanische  Senkungen  im  W.  und  SW.  die  Seeen  von 
Albano  und  Nemi  schaffen  ^),  ergiefsen  sich  aus  den  mächtigen 
Kratern  des  Gebirges  Flüsse  von  Lava,  Ströme  von  Aschenregen 
über  die  Abhänge  herab  und  in  die  Ebene  der  Campagna  hinein 
und  führen  so  neue  Elemente  der  Bildung  dem  Boden  zu.  Denn 
während  noch  heute  mehrere  alte  Lavaströme  erkennbar  sind*), 
die  vom  Monte  Cavo  herab  ihren  Weg  in  die  Ebene  genommen 
haben,  sind  es  aufser  diesen  harten  erstarrten  Lavamassen  nament- 
lich die  beiden  Bildungen  des  Sperone^)  und  Peperino*),  die  als 


jünger  sind  als  diejenigen,  welche  die  Ebene  mit  der  Tuffschicht  überzogen 
haben,  erkennt  man  namentlich  daran,  dafs  die  Produkte  jener  in  dünnen 
Straten  die  Tuffe  überlagern. 

1)  Andere  Eraterseeen  sind  der  lacus  Gabinus,  Eegillns  etc.:  vgl.  vom 
Rath  a.  0.  616  ff. 

2)  Über  die  Lavaströme  vgl.  vom  Rath  a.  0.  S.  682  ff.  Auf  Rom  zu 
haben  sich  zwei  Ströme  ergossen,  deren  einer  1*/,  Miglie  südöstlich  vor 
der  Porta  S.  Sebastiano,  der  andere  4  Miglien  südlich  vor  Porta  S.  Paolo 
sein  Ende  findet;  beide  haben  aber  einen  gemeinsamen  Ursprung  westlich 
vom  Albanersee:  auf  dem  Walle  des  ersteren  Stromes  läuft  eine  Strecke 
der  Via  Appia.  Vgl.  die  Karte,  welche  vom  Rath  seiner  Abhandlung  bei- 
gefügt hat.  Über  die  Bestandteile  dieser  kurz  als  Basalt  bezeichneten  Lava- 
massen vgl.  vom  Rath  a.  0.  Diese  Lava  ist  hart  und  tönend  und  hat  eine 
bläulich- schwarze  Farbe:  sie  wurde  besonders  zu Strafsenpflasteningen  ver- 
wandt.    Moltke  a.  0.  S.  40. 

3)  Vom  Rath  a.  0.  624 ff.:  „Die  Lava  Sperone  stellt  eine  poröse, 
leichte,  bei  dem  ersten  oberflächlichen  Blicke  fast  dicht  erscheinende  Masse 
dar  von  bräunlich-  oder  gelblich-grauer  Farbe".  „Der  Sperone  erscheint  in 
mächtigen  bankartigen  Massen  gelagert  und  bildet  wesentlich  den  tuscula- 
nischen  Höhenzug  und  vielleicht  die  Hauptmasse  des  ganzen  Gebirges.  An 
seiner  Oberfläche  geht  der  Sperone  allmählich  in  zusammengebackene 
Schlackenconglomerate,  dann  in  lockere  Schlacken  und  Aschen  über,  welche 
Schichten  bilden,  wie  dieselben  einen  Niederfall  aus  der  Luft  beweisen. 
Diese  Massen,  teils  von  roter  und  brauner,  teils  von  schwarzer  Erde,  schlie- 
fsen  durch  ihre  Lagerung  und  un verbundene  Beschaffenheit  im  Vergleiche 
mit  dem  römischen  Tuffe  eine  marine  Bildung  aus.  Aus  diesen  lockeren 
Tuffen  besteht  der  centrale  Krater  mit  dem  M.  Cavo,  der  grölsere  Teil  der 
Valle  di  Molara,  sowie  der  ganze  peripherische  Ringp^all.  Die  Schlacken 
und  Aschenmassen  bedecken  in  einem  weiten  Umkreise  das  Land  und  ver- 
breiten sich  in  stets  dünneren,  durch  feiner  zerteiltes  Material  gebildeten 
Straten  bis  weit  in  die  Ebenen.** 

4)  Vom  Rath  a.  0.  S.  639 ff.:  „unter  allen  vulkanischen  Gesteinen  ist 
der  Peperin  das  anfallendste  und  seltsamste;  es  ist  in  dieser  Weise  von 
keinem  andern  Punkte  der  Erde  bisher  bekannt  geworden.  Eine  Breccie 
von  meist  lichtgrauer  Farbe,  welche  zahllose  Einschlüsse  enthält,  oft  so 
dichtgedrängt,    daOa   das   erdige  Cement   beinahe  verschwindet.     Die  Ein- 


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Produkte  der  Eruptionen  des  Albanergebirges  nachweisbar^  in 
mehr  oder  weniger  festen  Gestaltungen  grofse  Teile  des  Gebirges 
selbst  sowie  der  Ebene  überdeckt  haben.  ^) 

Als  nun  die  Thätigkeit  der  Vulkane  allmählich  erlosch^, 
war  die  physische  Gestaltung  der  Ebene  abgeschlossen  und  mensch- 
licher Thatkraft  ein  Boden  geschaflten,  auf  dem  sie  mit  Erfolg 
wirken  konnte.  Das  ist  denn  auch  geschehen:  in  die  neugeschaf- 
fene Ebene  sind  —  wer  mochte  auch  nur  eine  Vermutung  dar- 
über wagen,  wieviele  Jahrhunderte  zwischen  den  mächtigen  Erup- 
tionen des  Albaner  Kraters  und  der  Besiedelung  durch  die  ersten 


Schlüsse  sind  teils  wohlgebildete  Erystallef  teils  Gesteinsblöcke,  teils  end- 
lich interessante  Mineralaggregate**.  „So  verdankt  der  Peperin  seine  Ent- 
stehung vielfach  wiederholten  vulkanischen  Auswürfen,  deren  Material  in 
schlammähnlichen  Massen  sich  um  die  Ausbruchsdffnungen  lagerte  und  spä- 
ter erhärtete.**  Er  ist  jüngeren  Alters  als  der  Lavabasalt,  welchen  er  an 
vielen  Stellen  überdeckt,  v.  Moltke  a.  0.  42  ff.  Der  Hauptfundort  des 
Peperin  ist  der  westliche  und  südwestliche  Teil  des  Albanergebirges  mit 
seinen  Abhängen. 

1)  Die  Alten  bezeichnen  den  Sperone  und  Peperino  mit  den  Namen 
lapis  Albanns  und  Gabinns  nach  den  Hauptsteinbrüchen  und  haben  sich 
dieser  Steinarten  hauptsächlich  in  der  Periode  der  Republik  bedient. 

2)  Es  ist  eine  Streitfrage,  wann  die  Thätigkeit  der  Albaner  Vulkane 
erloschen  ist.  De  Bossi  vertritt  die  Ansicht,  dafs  dieselbe  noch  bis  in  histo- 
rische Zeit  fortgedauert  hat:  vgl.  namentlich  Ann.  delF  Inst.  1871,  S.  239 
— 279  und  stützt  sich  dafür  vor  allem  auf  die  sog.  Hausumen,  die  mit  einer 
Beihe  anderer  Gegenstände  imd  namentlich  mit  Libralassen,  welche  nicht 
über  das  Ende  des  6.  Jahrh.  v.  Chr.  hinaufgerückt  werden  können,  angeb- 
lich unter  den  Peperinstraten  gefunden  worden  sind ;  femer  auf  die  wieder- 
holten Angaben  von  Erd-  und  Steinregen  in  historischer  Zeit,  welche  er 
auf  vulkanische  Eruptionen  -zurückführt.  Was  den  letzteren  Punkt  betrifft, 
so  erkennt  mit  Recht  Jordan  (ich  eitlere  so:  Topographie  der  Stadt  Rom 
im  Altertum  von  H.  Jordan),  der  1,  1,  120  Anm.  5  eine  Aufzählung  dieses 
Prodigium  giebt,  die  Erd-  und  Steinregeü  nicht  als  Eruptionen  an.  Was  aber 
die  Fnnde  in  der  Nekropolis  von  Albano  betrifft,  so  handelt  es  sich  dabei 
om  eine  Controverse,  die  namentlich  in  den  Adunanze  des  Istituto  vom  3., 
10.  und  24.  Februar  1871  sehr  lebhaft  zwischen  Rossi  und  Ponzi  diskutiert 
(vgl.  Bull,  dell'  Ist  1871.  S.  34—63),  aber  nicht  zum  Austrag  gebracht 
worden  ist.  Vgl.  namentlich  die  letzte  Abhandlung  de  Rossis  hierüber  in 
Gli  Studi  in  Italia  1880.  U,  73 ff.  216 ff.  481  ff.,  wo  zugleich  die  früheren 
Arbeiten  des  Verfassers  über  diesen  Gegenstand  mitgeteilt  werden.  Für 
uns  ist  die  ganze  Frage  von  untergeordneter  Bedeutung.  Auf  dem  Gebiete 
der  Stadt  Rom  kann  man  mit  Wahrscheinlichkeit  nur  das  solum  fnmans 
des  Tarentum  auf  dem  Campus  Martius  (vgl.  Kap.  6)  und  die  Aquae  lau- 
tolae  (vgL  Kap.  4)  als  vulkanische  Erscheinungen  geltend  machen. 


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—     6     — 

Einwanderer  Hegen*)  —  Ansiedler  vom  Norden  und  vom  Meere 
her  eingezogen  und  haben  in  dem  Ringen  langer  Generationen 
diesen  beschränkten,  von  der  Natur  in  keiner  Weise  bevorzugten 
Raum  zu  einer  der  wichtigsten  Stellen,  ja  schliefslich  zum  Mittel- 
punkte der  Welt  gestaltet.  Betrachten  wir  daher  diese  Ebene 
selbst  noch  etwas  genauer. 

Die  Campagna,  im  grofsen  und  ganzen  betrachtet  eine  Ebene, 
bietet  dennoch  eine  nicht  geringe  Abwechslung.  Die  Anschwel- 
lungen und  Senkungen  des  Tuflfbodens;  die  tief  eingeschnittenen 
Betten  von  Bächen,  die  gewöhnlich  aber  versiegt  sind,  oder  nur 
dürftig  fliefsen;  die  eintönige  und  doch  so  warme  Färbung  der 
gewellten  braunen  Fläche;  das  weite  Schweigen  und  die  melan- 
cholische Einsamkeit  des  öden  Landes,  wie  es  sich  heute  dem  Auge 
darbietet:  alles  dieses  kommt  zusammen,  der  Ebene  ein  sehr  cha- 
rakteristisches Gepräge  zu  verleihen,  welches  zu  allen  Zeiten  die 
Aufmerksamkeit  des  Künstlers,  des  Naturfreundes,  des  Geschichts- 
forschers* in  gleicher  Weise  auf  sich  gelenkt  hat.  Die  Anschwel- 
lungen des  Bodens  zu  Hügeln  sind  nirgends  bedeutend:  kuppen- 
förmig  ragen  diese  TuflFerhebungen  durchschnittlich  kaum  30  Meter 
aus  der  Ebene  auf. 

Diese  Ebene,  an  und  für  sich  betrachtet,  enthält  kein  Mo- 
ment, welches  geeignet  wäre,  ihr  eine  besondere  Bedeutung  zu 
verleihen:  diese  erhält  sie  erst  durch  den  Flufs,  welcher  sie  durch- 
strömt.*) Aus  dem  Appennin  kommend,  windet  sich  derselbe  in 
vielfachen  Schlangenlinien  durch  die  Ebene  hindurch  und  bahnt 
sich,  durch  vielfache  Zuflüsse  verstärkt,  durch  jene  kuppenartigen 
Höhen  seinen  Weg,  die  rechts  und  links  seine  Ufer  krönen.  So 
gelangt  der  Flufs  —  drei  deutsche  Meilen  aufwärts  von  seiner 
heutigen  Mündung  —  zu  einer  Gruppe  von  Hügeln,  die,  der 
oben    angegebenen   Durchschnittshöhe  von  30  Meter   etwa   ent- 


1)  Nach  dem  Fallen  der  Wasserhöhe  begann  die  Vegetation  ihr 
Leben  und  wir  haben  anzunehmen,  dafs  zwischen  den  Endpunkten  des 
Zurücktretens  der  Gewässer  und  der  ersten  Einwanderungen  menschlicher 
Bewohner  ein  reiches  Pflanzenleben  zu  Wäldern  und  zu  einer  vollen 
Flora  erwachsen  war.  Das  hebt  Ponzi  Giorn.  Are.  1868.  Bd.  165  S.  46 
hervor. 

2)  Über  den  Tiber  im  allgemeinen  vgl.  G.  Ponzi  storia  geol.  del  Te- 
vero  Giorn.  Are.  1869.  Bd.  164.  S.  129—149.  Das  Buch  von  Molini  il  Te- 
vere  Firenze  1879  kenne  ich  nicht;  das  von  Smith  the  Tiber  and  its  tri- 
butaries,  London  1877  bietet  wenig  für  unsern  Zweck  Branchbares. 


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-     7     — 

sprechend ')y  wie  ein  zusammenhängendes  System  erscheinen,  wel- 
ches die  Natur  planmälsig  gestaltet  und  in  seinen  Einzelgliedem 
in  enge  Beziehung  zu  einander  gebracht  zu  haben  scheint.  Der 
Fluls  windet  sich  durch  diese  Gruppe  hindurch,  oder  richtiger  an 
ihr  vorbei.  Denn  indem  er  zunächst  eine  groise  Biegung  nach 
Westen  macht,  in  welche  Bucht  sich  die  unter  dem  Namen  Cam- 
pos Martins  bekannte  Ebene  hineinlegt,  wendet  er  sich  sodann 
wieder  mehr  nach  SO.  zurück,  um  zwischen  Capitol,  Palatin  und 
Äyentin  auf  der  einen,  dem  Janiculum  auf  der  andern  Seite  sich 
hindurchzudrängen  und  dann,  sein  Thal  erweiternd,  dem  Meere 
zuzuströmen.  So  lälst  er  die  eigentlich  zusammenhängende  Gruppe 
des  linken  Ufers  unberührt  und  scheidet  dieselbe  nur  von  dem 
langgedehnten  Höhenzuge  des  rechten  Ufers,  welcher  sich  in  grö- 
Iserer  Höhe  und  mächtigerer  Bildung  der  eng  geeinten  Gruppe 
des  jenseitigen  Ufers  gegenüber  lagert  Diese  Höhen  des  linken 
Ufers  sind  die  eigentlichen  Stadthüge^  Roms. 

Nimmt  man  seinen  Standpunkt  auf  dem  capitolinischen  Hügel  ^, 
dem  westlichsten  der  linkstiberinischen,  so  sieht  man  denselben 
allmählich  gegen  0.,  genauer  gegen  SO.,  im  Forum  zu  einer 
Ebene  abfallen,  welche  sich  in  ziemlich  derselben  Richtung  (nur 
entschiedener  gegen  0.  gewendet)  bis  zur  Grenze  der  einstigen 
Seryiauischen  Mauer  und  darüber  hin  ausdehnt  und  so  die  Stadt 
gleichsam  in  zwei  Teile  zerlegt:  südlich  den  Palatinus  und  Cae- 
lius,  nördlich  den  Quirinalis  (nebst  dem  Viminalis)  und  den  Es- 
quilinus  lassend.^  Diese  vier  Hügel  erscheinen  wie  vier  schirmende 


1)  Höhenangaben  finden  sich  bei  Brocchi  a.  0.  S.  211  ff.  Vgl.  auch 
Jordan  1,  1,  132  ff.  Für  onsem  Zweck  genügt  die  allgemeine  Angabe  des 
Textes;  über  die  Haopthdhen  vgl.  später  betr.  Orts. 

2)  Es  ist  dieser  Orientiemngsstandpunkt  der  natürlichste:  das  mag 
Goettüng  Gesch.  der  r.  Staatsverf.  202  veranlaTst  haben,  in  der  Sacra  Via 
den  lim  es  decomanus  der  Gesamtstadt  zu  erblicken,  eine  Ansicht,  die 
Nissen  Tempi.  S.  S6  zu  der  seinen  gemacht  hat.  Vgl  darüber  Kap.  S. 
Oute  Bemerkungen  über  Lage,  Bildung  etc.  der  Stadthügel  giebt  L.  v.  Buch 
geognost.  Beobachtungen  2,  36ffl 

3)  Bei  diesen  und  allen  folgenden  choro-  und  topographischen  Aus- 
fahrongen  setie  ich  die  Vorlage  einer  der  vielen  neueren  H.  Kiepertschen 
Karten  des  alten  Rom  voraus.  Zur  Vergleichung  wird  auch  vielfach  ein 
Plan  des  modernen  Rom  nützlich  sein:  ich  verweise  in  dieser  Beziehung  auf 
Pianta  topographica  della  Direzione  generale  del  Censo  (1S66);  am  zugäng- 
lichsten und  bequemsten  wird  sich  der  Bädekers  Mittel-Italien  und  Rom 
(18S3)  beigegebene  gleichfalls  auf  H.  Kiepert  zurückgehende  Plan  der  Stadt 


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—    8    — 

Bastionen,  die  zum  Schutze  der  mittleren  Ebene,  je  zwei  auf 
jeder  der  beiden  Seiten,  errichtet  worden  sind:  während  der  Aven- 
tin  weiter  stromabwärts  dem  Palatinus  nach  Süden  sich  gegen- 
über lagert  und,  am  nächsten  an  den  Flufs  herantretend,  wie  zur 
Beherrschung  desselben  aufgeworfen  scheint.  Man  kann  den 
charakteristischen  Unterschied  der  südlichen  Hügel  von  den  nörd- 
lichen dahin  fixieren,  dafs  jene  sämtlich  steil  und  isoliert  sind^), 
während  diese,  alle  mit  einander  zusammenhängend,  bedeutend 
weniger  mächtig  und  imponierend  dem  Blicke  entgegentreten. 
Enge  Thäler  scheiden  den  Palatinus  vom  Gaelius  sowohl  wie  vom 
Aventinus,  während  auch  diese  letzteren  beiden  Hügel  wieder 
durch  eine  Thalsenkung  getrennt  sind.     Umgekehrt  hängen  die 

erweisen.  Beide  Gesichtspunkte  vereinigend,  anf  dem  Piano  der  modernen 
Stadt  zugleich  die  Reste  der  antiken  wiedergebend,  ist  —  auTser  andern  — : 
a  plan  of  Borne  ancient  and  modern  by  John  Henry  Parker  C.  B.  (Oxford). 
[1881].  Für  einzelne  Teile  wird  später  betr.  Orts  auf  Spezialpläne  hinge- 
wiesen werden.  Eine  besondere  kritische  Erörterung  der  neueren  Stadt- 
plane  —  die  sich  för  unsern  Zweck  ausschliefst  —  enthält  Jordan  1,  1, 
105 — 114:  die  daselbst  —  im  wesentlichen  von  H.  Matzat  herrührende  — 
Skizze  betrachtet  alle  seit  der  Mitte  des  16.  Jahrh.  bis  zur  Gegenwart  er- 
schienenen Pläne  und  Karten,  unter  denen  besonders  der  —  nach  der  Jor- 
danschen  Skizze  neu  (von  Lanciani)  herausgegebene  —  Plan  Bufalinis  zu 
nennen  ist  (la  pianta  di  Roma  di  Leonardo  Bufalini.  Koma  1879):  weil  er 
eine  höchst  interessante  und  wichtige  Darstellung  der  Stadt  um  die  Mitte 
des  16.  Jahrh.  giebt.  Die  leider  nur  verhältnilsmälBig  geringe  Ausbeute  ge- 
währenden Beste  des  auf  die  Zeit  des  Severus  und  Caracalla  zurückgehen- 
den offiziellen  Stadtplans  citiere  ich  nach:  Forma  urbis  Romae  regionum 
Xnil  edidit  H.  Jordan.  Berlin  1873.  Derselbe  hat  auch  das  neueste  am 
3.  April  1882  gefundene  Bruchstück  veröffentlicht  in:  Ricardo  Lepsius  gra- 
tulatur  —  Institutum  archaeologicum  Germanicum.  Romae  1883.  —  Was 
endlich  die  Regionarier  betrifft,  so  citiere  ich  auch  diese  in  der  Ausgabe 
von  H.  Jordan,  der  —  in  der  erwähnten  Forma  p.  47 — 54  —  die  zwischen 
334  und  357  n.  Chr.  geschriebene  Notitia  und  das  jedenfalls  vor  448  n.  Chr. 
geschriebene  Curiosum,  welche  beide  auf  eine  zwischen  315  und  834  ge- 
schriebene ältere  Zusammenstellung  zurückgehen,  vereinigt  und  so  diese 
ältere  Quelle  wieder  hergestellt  hat,  bei  deren  Wiedergabe  die  Zusätze  der 
Notitia  einer-,  des  Curiosum  anderseits  durch  besondere  Klammem  kennt- 
lich gemacht  werden. 

1)  Nur  die  Ostseite  des  Caelius  verliert  in  etwas  diesen  Charakter,  in- 
dem sie  sich  gleichfalls,  wenn  auch  weniger  als  die  Nordhügel,  langsam 
und  allmählich  zur  Ebene  absenkt  Und  das  hat  Ponzi  Giom.  arc.  155, 
S.  44  und  v.  Moltke  a.  0.  S.  59  veranlafst  den  Capitolin,  Palatin  und  Aven- 
tin  in  die  eine,  den  Quirinal,  Viminal,  Esquilin  und  Caelius  in  die  andere 
Kategorie  zu  rechnen. 


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—    9    — 

Nordhügel,  wenigstens  auf  einer  Seite,  eng  zusammen:  sie  wachsen 
gleichsam  aus  einer  Wurzel  heraus.  Ihr  gemeinsamer  Rücken 
wird  nämlich  von  einer  Hochebene  im  0.  der  Stadt  gebildet,  von 
der  aus  die  Einzelhügel  gegen  W.  und  SW.  vorstofsen.  Am 
nördlichsten  liegt  der  Quirinalis:  er  streckt  sich  von  jenem  ge- 
meinsamen Rücken  aus  nach  SW.,  dreht  aber  seine  Spitze  mehr 
nach  S.,  ja  nach  SO.  um.  Fast  umgekehrt  ist  es  mit  der  Haupt- 
masse des  Esquilinus,  die  am  weitesten  südlich  von  der  gemein- 
samen Hochebene  auslaufend  gerade  gegen  W.  sich  richtet,  um 
ihre  letzte  Spitze  mehr  nach  NW.  umzubiegen.  So  treten  sich 
die  letzten  Ausläufer  des  Quirinalis  und  Esquilinus  gegenüber, 
um  zwischen  sich  nur  ein  geringes  Thal  übrig  zu  lassen.  Diesen 
beiden  Hauptzügen  —  des  .Quirinalis  und  Esquilinus  —  laufen 
zwei  geringere  Züge  parallel,  die,  von  jenen  in  die  Mitte  genom-. 
men,  wie  schwache  Nachahmungen  derselben  erscheinen.  Denn 
wie  eine  Wiederholung  des  Quirinals  im  kleinen  verläuft  der  Vimi- 
nalis,  während  anderseits  die  geringere  Masse  des  Esquilinus,  die 
unter  dem  Sondernameu  Cispius  der  älteren  Zeit  bekannt  war, 
der  Richtung  nach  gleichfalls  der  südlicheren  Hauptmasse  sich 
anschlielst  und  so  wie  eine  wenn  auch  geringere  Parallelbildung 
dieser  auftritt.  So  erscheinen  Oppius  —  diesen  Sondernamen 
trug  die  südliche  Hauptmasse  des  Esquilinus  —  und  Cispius, 
Viminalis  und  Quirinalis  wie  vier  Zungen,  die  in  ihren  letzten 
Spitzen  gleichsam  auf  eine  Stelle  hinweisen:  und  diese  Stelle 
ist  eben  das  Thal,  welches  sich  in  beschränktem  Umkreise  unter 
und  zwischen  den  vier  Spitzen  ausdehnt  und  im  Altertum  den 
Namen  Subura  trug.  Diese  beiden  Systeme,  das  nördliche  der 
in  ihrer  Wurzel  zusammenhängenden  Hügel  und  das  südliche  der 
isolierten  Bergkuppen,  treten  sich  gegenüber  und  lassen  das  in 
der  Stadtbildung  selbst  von  dem  Forum  und  seiner  östlichen  Fort- 
setzung eingenommene  Thal  zwischen  sich. 

Um  sich  ein  richtiges  Bild  von  dem  Terrain  der  Stadt  im 
Altertum  zu  machen,  mufs  man  festhalten,  dafs  dasselbe  durch- 
gehend im  Lauf  der  Zeit  eine  nicht  unwesentliche  Bodenerhöhung 
erfahren  hat.  Einmal  sind  Unebenheiten  desselben,  die  einst  vor- 
handen waren,  beseitigt,  planiert*);  anderseits  überhaupt  die  Ober- 

1)  Es  ist  mifc  Spir.  Aubert  Roma  e  Tinondazione  del  Tevere  in  Giorn. 
Arcad.  1868.  Bd.  211  S.  146  f.  und  M.  St.  de  Rossi  Atti  d.  acc.  pontif.  dei 
Lincei  Anno  24.  1871  S.  364 ff.  anzunehmen,  dafs  die  Hügel  durchgehend 


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~     10     — 

fläche  darch  Schuttmassen,  welche  sich  über  sie  gelagert  haben, 
in  die  Höhe  gewachsen.  Man  kann  annehmen,  dafe  überall  durch- 
schnittlich diese  Erhöhung  circa  8  Meter  —  bald  mehr  bald 
weniger  —  beträgt:  die  Ausgrabungen  auf  dem  Forum,  dem  Pa- 
latinus  etc.  haben  den  alten  Boden  erst  in  einer  solchen,  ja 
gröüseren  Tiefe  erreicht.^) 

einen  steileren  Abfall  gehabt  haben,  als  sie  sich  heute  dem  Auge  darbieten. 
Es  kann  das  aber  in  der  Hauptsache  nur  von  den  dem  Tiber  selbst  zuge- 
kehrten Seiten  gelten.  An  manchen  Hügeln  läfst  sich  diese  im  Laufe  der 
Zeit  teils  unabsichtlich,  teils  absichtlich  geschehene  Veränderung  noch  nach- 
weisen: so  die  Ausfüllung  des  Thaleinschnitts  auf  dem  Palatinus,  die  Um- 
gestaltung des  Quirinalis  durch  Anlegung  des  Forum  Trajanum,  die  Ab- 
schroffuDg  des  Esquilinus  nach  N.  0.  etc.:  über  diese  letztere  vgl.  Rossi 
jm  Bull.  d.  commiss.  arch.  com.  6  S.  66;  über  jene  vgl.  £ap.  2  und  5. 

1)  Ich  führe  hierfür  einige  Beispiele  an.  Um  das  Jahr  1700  wurde 
zwischen  Aventin  und  Tiber  das  Pflaster  einer  Strasse  32  palmi  =  c.  7  meter 
tief  aufgedeckt  (vgl.  Crescimbeni  stato  della  basil.  di  S.  Maria  in  Cosmedin 
p.  34  bei  Brocchi  a.  0.  S.  83);  gleichfalls  um  1700  zwischen  Quirinal  und 
Yiminal  ein  Pflaster  c.  12  meter  tief  (vgl.  Montfaucon  diar.  Ital.  p.  195). 
Brocchi  sagt  (a.  0.  82  f.):  la  roccia  del  Palatino  non  si  pu6  ravvisare  in 
Villa  Spada  che  a  quaranta  piä  parigine  (=»  c.  12  meter)  di  profondita 
rimanendo  sepolta  sotto  le  rovine  del  palazzo  de'  Cesari.  Qnanto  il  suolo 
sia  alzato  sulla  cima  di  Aventino  lo  danno  a  divedere  i  sotterranei  che  sono 
entro  alcune  vigne  rimpetto  alla  chiesa  di  S.  Sabina  ove  si  mostrano  grandi 
archi  interrati  di  antichi  ediflzi.  ün'  immensa  congerie  di  rovinacci  e  ac- 
cumulata  sulla  falda  del.  Pincio  rivolta  verso  quelle  del  Quirinale.  II  piano 
del  foro  Bomano  alla  colonna  di  Foca  h  ben  venticinqne  piedi  sotto  quelle 
dell*  odierno  campo  Vaccine  e  questa  colonna  medisima  fu  eretta  sopra 
antiche  rovine  etc.  Das  Marsfeld  ist  seit  der  Eaiserzeit  um  15  F.  erhöht; 
das  ausgegrabene  Forum  Trajani  liegt  gegen  20  F.  tiefer  als  das  jetzige 
Strassenpflaster;  die  Via  Ostiensis  an  der  Cestiuspyramide  12  F.  unter  dem 
Niveau  der  neuen  Strafse.  Moltke  a.  0.  S.  59  f.  (So  liegt  auch  die  alte 
Via  Gassia  zwischen  Rom  und  Foligno  3  m.,  die  Via  Aemilia  bei  Piombino 
8  m.  tief  unter  der  Oberfläche:  vom  Rath  a.  0.  506.)  Das  antike  Strassen- 
pflaster unter  S.  Anastasia  liegt  54  palmi  (c.  12  meter)  unter  dem  heutigen 
Niveau  Bull.  d.  Inst.  1863  S.  113.  Die  neuesten  Ausgrabungen  auf  der 
Via  Nazionale  erreichten  erst  14  m.  tief  den  antiken  Boden:  Bull.  d.  Comm. 
mun.  9.  1881  S.  197;  andere  bei  der  Villa  Wolkonsky  7  m.  tief  (das.  199), 
andere  zwischen  S.  Lorenzo  und  Porta  Maggiore  10  m.  tief  (das.  203).  Be- 
deutend geringere  Tiefe  des  antiken  Bodens  ist  gewöhnlich  durch  beson- 
dere Verhältnisse  bedingt:  so  3  m.  (das.  S.  205)  (auf  Bauten  spätester  Zeit 
stofsend),  2,50  m.  (das.  6.  1878  S.  69),  durch  eine  Niederlegung  des  Bodens 
schon  in  antiker  Zeit  erklärt  etc.  Instruktiv  ist  die  Angabe,  das.  8.  1880 
S.  12,  wonach  die  ältesten  Grabmäler  zwischen  Minerva  Medica  und  Porta 
Maggiore  9,75  m.,  die  Golumbarien  der  Statilii  ebendort  6,25  m.,  die  Eaiser- 


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-    11    - 

Anderseits  ist  es  allerdings  sicher^  dafs  auch  das  Flufsbett 
selbst  gegen  das  Altertum  sich  nicht  unbedeutend  erhöht  hat 
und  man  mag  daher  zunächst  annehmen,  dafs  bei  dieser  Erhöhung 
des  Bodens  auf  der  einen ,  des  Wasserspiegels  auf  der  andern 
Seite  das  Wechselverhältnis  beider  sich  nicht  geändert  habe.  Denn 
dafs  der  Spiegel  des  Flusses  sich  erhöht  hat,  geht  einmal  aus 
dem  Umstände  hervor,  dafs  Terminalcippi  des  Tiberufers  bedeu- 
tend tiefer  gefunden  sind,  als  die  heutige  Höhe  des  Tiberufers 
beträgt^);  sodann  aus  dem  aufgedeckten  Boden  des  alten  Empo- 
rium,  welcher  zeigt,  dafs  seit  der  Zeit  Hadrians  dieser  Boden  um 
circa  1  Meter  sich  erhöht  hat^);  femer  aus  der  Thatsache  dafs 
auch  die  unterirdischen  Zuflüsse  des  Tiber  ihr  Bett  gegen  einst 
bedeutend  erhöht  haben,  indem  sie  jetzt  vielfach  über  dem  alten 
Strafsenpflaster  sich  befinden');  endlich  aus  der  Höhe  des  Aus- 
flusses der  Gloaca  maxima,  welche  ursprünglich  über  dem  Spiegel 
des  Wassers  und  nicht  unter  demselben  gemündet  haben  mufs.*) 

bauten  endlich  2 — 3  m.  unter  dem  beatigen  Boden  liegen.  Andere  Angaben 
siehe  das.  S.  163  (Esquilin  6  m.),  S.  186  (S.  Vitale  8  ra.)i  S.  201  (Garten 
des  Maecenas  9  m.);  das.  6.  1878  S.  10  ff.  (Piasza  di  Pietra  3  m.);  das. 
166  ff.  (Via  di  Face  nor  1,60  m.,  Inschrift  a.  d.  J.  124  n.  Chr.);  das.  6.  1877 
S.  66  (Esquilin  6,66  m.),  das.  147  (vor  der  Porta  Latina  2,50  m.);  S.  181 
(Vicns  portae  Collinae  5  m.).  Einige  Vergleichnngen  zwischen  antiken  und 
jetzigen  Höhenmafsen  giebt  Jordan  1,  1,  132  f.  Übrigens  war  das  allmäh- 
liche Anwachsen  des  Bodens  schon  den  Alten  selbst  nicht  verborgen,  vgl. 
Frontin.  de  aquis  1,  18:  nam  et  coUes  sensim  propter  frequentiam  incendio- 
rom  exerevemnt  rudere.  So  liegen  Pflaster  und  Fundamente  verschiedener 
Perioden  übereinander,  wie  man  das  auf  dem  Forum,  Palatin  etc.  (vgl.  Bull. 
d.  comm.  8.  1880  S.  12),  namentlich  auch  an  Kirchen  wie  S.  demente 
u.  a.  erkennen  kann.  Aubert  Giom.  arc.  211  S.  146  giebt  die  maximale 
Erhöhung  des  antiken  Bodens  auf  10  Meter  an.  Vgl.  Lanciani  Monogr.  1, 2  ff. 

1)  De  Rossi  spricht  (Atti  d.  acc.  pontif.  d.  Lincei  1870  —  71  p.  368) 
von  dem  im  J.  1819  gefundenen  (=>  G.  I.  L.  VI,  1234a)  als  dem  unico  mo- 
numento  di  tal  genere  che  sia  stato  rinvenuto  al  proprio  posto.  Der  im 
J.  1872  gefundene  (»  C.  I.  L.  VI,  1241b)  steht  jedenfalls  auch  bedeutend 
tiefer  als  das  heutige  Niveau  und  scheint  gleichfalls  von  seiner  alten  Stelle 
nicht  verrückt  zu  sein. 

2)  Hierüber  handelt  besonders  der  Brief  von  L.  Bruzza  an  de  Kossi 
bei  diesem  a.  0.  S.  368  ff.  Vgl.  den  auf  dem  Boden  des  alten  Emporium 
1870  gefundenen  Terminalcippus  C.  I.  L.  VI,  1234  f. 

3)  Dieser  umstand  ist  besonders  von  Aubert  a.  0.  S.  150  ff.  hervor- 
gehoben. 

4)  Vgl.  V.  Moltke  a.  0.  S.  62:  ,^Nur  bei  sehr  niedrigem  Wasserstande 
nämlich  kommt  die  Ausmündung  des  Abzugskanals  nahe  anfserhalb  Ponte 
rotte  zu  Tage.     Die  mittlere  Flut  benetzt  schon  den  SchluIjBstein  des  Ge- 


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-     12    — 

Aber  so  sicher  man  aus  diesen  Anzeichen  auf  die  Erhöhung  des 
Flufsbettes  selbst  zurückschlief sen  darf  ^);  so  ist  doch  der  Zweifel 
berechtigt,  ob  diese  Erhöhung  des  Flufsbettes  in  demselben  Ver- 
hältnis, d.  h.  in  demselben  Grade  erfolgt  ist,  wie  die  Erhöhung 
des  Stadtbodens  und  ob  demnach  nicht  doch  im  Altertum  ver- 
hältnismäfsig  der  Flufsspiegel  höher  gelegen  hat  und  somit 
auch  der  Stadtboden  in  höherem  Grade  Überschwemmungen  aus- 
gesetzt gewesen  ist  als  heute.  ^) 

Zweitens  aber  ist  anzunehmen,  dafs  der  Tiber  bedeutend 
gröfsere  Wassermassen  in  seinem  Bette  zum  Meere  gewälzt  hat: 
und  darüber  ist  an  dieser  Stelle  noch  ein  Wort  zu  sagen.  In 
der  That  stimmen  die  Geologen  darin  überein,  dem  Tiber  sowohl 
grölsere  Wassermassen,  als  —  was  ebenso  wichtig  ist  —  ein 
stärkeres  Gefälle  für  die  älteste  Zeit  zuzuweisen.  Was  den  er- 
steren  Punkt  betrifft,  so  erkennt  man  denselben  noch  heute  klar 
und  deutlich  aus  der  Höhe  der  Travertinbildung^):  vor  den  Tho- 
ren  sowohl  wie  innerhalb  der  Stadtmauern  reicht  eine,  wenn  auch 
nur  in  einzelnen  Parti  een  und  Punkten  vorhandene  Linie  des  Tra- 
vertin  bis  zu  15  m.  über  der  Thalfläche:  bis  zu  dieser  maximalen 
Höhe  müssen  also  die  diluvialen  Wasser  gereicht  haben.  Bei 
einer  solchen  Wasserhöhe  mufste  nicht  nur  der  Campus  Martins, 
sondern  überhaupt  die  heutige  Stadt  überflutet  sein,  der  Capitolin, 
Aventin  und  Palatin  als  Inseln  hervorragen,  die  übrigen  Hügel 
als  weit  vorspringende  Halbinseln  und  Landzungen  erscheinen.'^) 


wölbes.  Es  ist  aber  durchaus  unwahrscheinlich,  dals  der  kunstfertige  Er- 
bauer die  Sohle  des  Kanals  tiefer  als  bis  an  den  gewöhDlichen  Wasserspiegel 
gefuhrt  haben  sollte".    Vgl.  Aubert  a.  0.  S.  149. 

1)  Der  Hauptgrund  hierfür  wird  in  der  stetigen  Schiammansetzung  des 
Tiber  bei  seinem  Ausflusse  liegen,  wodurch  aoch  sein  Bett  sich  stetig  er- 
höht hat:  vgl.  Aubert  a.  0.  147  ff.  Der  alte  Hafen  von  Ostia  liegt  von  der 
jetzigen  Mündung  fast  4  Miglien  entfernt;  die  jährliche  Anschwemmung 
schätzt  man  auf  fast  2  Meter.    Monografia  I,  XXXIX. 

2)  Vgl.  V.  Moltke  a.  0.  S.  63:  „Bedenkt  man,  dafs  der  Tiber  von  Rom 
bis  zur  Mündung  bei  Fiumiciuo  überhaupt  nur  20  FuTs  Gefälle  hat,  und 
da(s  dies  Gefälle  zu  keiner  Zeit  viel  weniger  betragen  konnte,  wenn  der 
Flnls  nicht  aufhören  sollte  zu  fliefsen,  so  ergiebt  sich,  dafs  das  Maximum 
der  Aufdämmung  doch  nur  wenige  Fufs,  vielleicht  gerade  die  Höhe  des 
Gewölbes  der  Cloaca  betragen  kann^S 

3)  Vgl.  vom  Rath  a.  0.  S.  505.  Ponzi  storia  geologica  del  Tevere 
S.  20.     Storia  fisica  deir  Italia  centrale  a.  0.  S.  211.     Brocchi  a.  0.  S.  85. 

4)  Vom  Rath  a.  0.  S.  605.  Ponzi  dei  monti  Mario  e  Vaticano  in  Att. 
d.  R.  Acc.  d.  Lincei  1874—75  S.  554.  v.  Moltke  a.  0.  S.  59. 


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—     13     — 

Was  aber  den  zweiten  Punkt,  das  stärkere  Gefalle  des  Flusses 
betriffit^  so  nehmen  die  Geologen  an,  dafs  der  Boden  in  späterer 
Zeit  eine  abermalige  leichte  Erhebung  durch  die  noch  nicht  gänz- 
lich erloschenen  vulkanischen  Kräfte  erfuhr^),  wodurch  notwendig 
der  Lauf  des  unteren  Tiber  ein  langsamerer  wurde.  Hatte  bei 
einem  stärkeren  Gefälle  namentlich  die  Enge  zwischen  Janiculum 
und  Aventinus  wiederholt  das  Wasser  zur  Stauung  und  zum 
Übertreten  gebracht*),  so  mufste  nun  bei  einem  langsameren 
SWmen  des  Wassers  dieses  selbst  einen  bequemeren  und  nor- 
maleren Abflufs  erhalten.  Auch  dadurch  also  mufste  sich  all- 
mählich  dasjenige  Wechselverhältnis  zwischen  dem  Flusse  und 
seinen  üferstrecken  herausbilden,  welches  im  wesentlichen  noch 
heute  vorhanden  ist. 

Wenn  nun  diese  beiden  Momente,  die  stärkere  Wassermasse 
und  die  heftigere  Stromschnelle,  zunächst  auch  nur  für  eine  Vor- 
zeit feststehen  mögen,  so  ist  es  doch  anderseits  höchst  unwahr- 
scheinlich, dafs  der  Übergang  von  jener  Periode  zu  demjenigen 
Zustande,  ivie  wir  den  Flufs  noch  heute  vor  uns  haben,  sich 
gleichsam  mit  einem  Schlage  und  fast  unvermittelt  vollzogen 
habe.')  Im  Gegenteil  nehmen  die  Geologen  an,  dafs  dieses  Über- 
gewicht des  Flusses,  wenn  ich  mich  so  ausdrücken  darf,  noch 
bis  in  die  historischen  Zeiten,  wenn  auch  allmählich  mehr  und 
mehr  zurücktretend,  fortgedauert  hat  und  erkennen  in  den  Teichen 
und  Sümpfen,  wie  sie  sich  bis  in  die  historischen  Zeiten  auf 
dem  Boden  der  Stadi  erhalten  haben,  mit  Recht  Residua  älterer 


1)  Vgl.  Ponzi  8ix)ria  geol.  del  Tevere  S.  20  f.  v.  Moltke  a.  0.  S.  68. 

2)  Vgl.  V.  Moltke  a.  0.  S.  67  ff.:  „Sowohl  ober-  als  unterhalb  Roms 
üt  das  Stromthal  von  einem  Thalhang  zum  anderen  durchschnittlich 
y«  deutsche  Meile  hreit.  Zwischen  dem  Aventin  aber  und  dem  südlichen 
^  des  Gianicolo,  da,  wo  die  jetzige  Stadtmauer  herabsteigt,  treten  sich 
die  Hohen  aof  1000  Schritt  nahe.  Hier  muTs  natürlich  jedesmal  eine  Stauung 
Btsttfinden,  wenn  nach  heftigen  Regengüssen  im  Gebirge  Tiber,  Nera,  Ve- 
Hno,  Anio,  Paglia  und  so  viele  andere  Zuflüsse  ihre  schnellen  Fluten  herab- 
föbren".  Und  das.  S.  68:  „Die  Wirkung  der  Anstauung  des  Tiber  vor  Rom 
hat  sich  in  der  Bildung  der  römischen  Hügel  deutlich  kundgegeben.  Von 
<lem  hohen  felsigen  Gianicolo  zurückgewiesen,  wälzten  sich  die  Fluten  gegen 
^  niedrigere  linke  Ufer**. 

3)  Ponzi  st.  geol.  d.  Teyere  S.  21:  „ma  per  quanto  vogHa  conoedersi 
ftlla  diminuzione  delle  masse  aoquee,  al  sollevamento  del  suolo ,  agV  inter- 
nuDenti  delle  materie  di  trasporto,  lo  socio  delle  acque  non  fu  istantaneo; 
ftnzi  venne  in  taluni  luoghi  ritardato  per  lunga  serie  di  anni". 


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—     14     — 

Perioden^),  wie  denn  auch  die  Tradition  einmütig  diese  Annahme 
bestätigt*)  Das  heutige  Verhältnis  des  Tiber  zum  Boden  der 
Stadt  ist  ein  solches,  dafs  die  jährlichen  Überschwemmungen  des 
Flusses  regelmäfsig  das  Marsfeld  unter  Wasser  setzen,  die  inne- 
ren Teile  der  Stadt  aber  selten  erreichen^):  wir  haben  anzu- 
nehmen, dafs  dieser  letztere  Fall  im  Altertum  bedeutend  häufiger 
eintrat  als  heute  und  dafs  namentlich  auch  die  Ebene  des  Forum 
boarium  imd  des  Velabrum  konstanter  unter  ihnen  gelitten  haben.*) 
Was  aber  die  für  das  Altertum  anzunehmenden  gröfseren 
Wassermassen  betrifit,  so  mag  zu  ihrer  Erklärung  hier  noch  auf 
einen  Umstand  hingewiesen  werden,  der  auch  in  anderer  Hin- 
sicht wichtig  ist.  Es  ist  anzunehmen,  dafs  die  Hügel,  welche 
später  die  Stadt  trugen,  selbst,  sowie  nicht  minder  die  Ebene 
der  Campagna  einst  von  Wald  bedeckt  waren.  Die  Ansicht  der 
Geologen^),  wie  die  Tradition  selbst  stimmen  auch  in  diesem 
Punkte  wieder  überein.  Die  Sage  hebt  diese  Thatsache  nicht 
nur  im  allgemeinen  hervor,  sondern  knüpft  auch  an  die  einzel- 


1)  Ponzi  a.  0.  vom  Rath  a.  0.  8.  505  f.  de  Bossi  a.  0.  865.  y.  Moltke 
a.  0.  S.  60ff. 

2)  Hierauf  wird  im  Einzebien  zurückzukommen  sein:  es  sei  daher  hier 
nur  an  die  Sage  von  der  Aussetzung  des  Romulus  und  Hemus  erinnert, 
welche  das  Hereintreten  des  Tiber  bis  weit  in  das  Innere  der  Stadt  zar 
Voraussetzung  hat. 

3)  Die  Höhen  älterer  Überschwemmungen  finden  sich  bei  Brocchi 
a.  0.  S.  214  verzeichnet  Über  diejenigen  der  neueren  Zeit  vgl.  die  Efe- 
meridi  von  Betocchi,  der  die  Statistik  einzelner  Jahre,  sowie  einzelner  Über- 
schwemmungen aufstellt:  so  vom  J.  1869.  Atti  d.  acc.  reale  dei  Lincei 
1870—71  S.  49  flF.;  1870  das.  S.  221  ff.;  1874  das.  1874—75  S.  532  ff.;  von 
der  Zeit  1862—70  das.  S.  262  ff.;  von  der  Überschwemmung  im  Dezember 
1870  das.  S.  121  ff.,  im  Jannar  1871  das.  S.  169 ff.  Vgl.  v.  Moltke  a.  O. 
S.  56 f.:  „Im  Jahre  1598  erhob  sich  binnen  kurzer  Zeit  der  Spiegel  des 
Tiber  um  327,  FuTs.  Oar  nicht  selten  überschwemmt  er  plötzlich  alle 
Gärten  und  Weinberge  vom  Fufs  des  Monte  Mario  bis  zur  Stralse  nach 
Ponte  Molle  und  noch  im  Jahre  1846  stand  das  Wasser  in  der  Stadt  selbst 
bis  nahe  an  den  Spanischen  Platz**. 

4)  Vgl.  de  Rossi  a.  0.  378  ff. 

5)  Vom  Rath  sagt  hierüber  a.  0.  S.  507:  „In  einem  gebirgigen  Lande 
alter  Kultur  wie  Italien,  wo  seit  den  ältesten  Zeiten  die  Oberfläche  der 
mittleren  Berglehnen  für  die  Bebauung  gelockert  und  Kämme  der  Gebirge 
entwaldet  sind,  erreicht  die  stetige  Erhöhung  der  Thalflur  und  der  Ebenen 
einen  viel  bedeutenderen  Grad,  als  in  unsem  nördlichen  Ländern,  wo  der 
Mensch  erst  spät  und  bei  weitem  nicht  in  dem  Ma&e  die  Erdoberfläche 
ihrer  naturlichen  Pflanzendecke  beraubte**. 


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—     15     — 

nen  Haine  und  Bäume^  wie  dieselben  später  noch  an  den  ver- 
seliiedensten  Teilen  der  Stadt  sich  befanden,  an,  um  in  ihnen  die 
Reste  der  alten  Wälder  wieder  za  erkennen.^)  Mit  diesem  Um- 
stände ist  aber  ein  weiterer  unmittelbar  verbunden.  Wald  und 
Wasser  stehen  in  direkter  Wechselbeziehung:  wo  Wald  ist,  ist 
auch  Wasser  und  die  bewaldeten  Höhen  und  £benen  des  Stadt- 
bodens,  wie  der  ganzen  Campagna  sind  nicht  ohne  zahlreiche 
QaeUen  und  Bäche  zu  denken.  Auch  das  hebt  die  Sage  bestimmt 
hervor  und  die  Forschung  bestätigt  sie  hierin.*)  Alle  Anzeichen 
sprechen  demnach  dafür,  dals  in  einer  Urzeit  sowohl,  wie  in  den 
alteren  Zeiten  der  Stadt  selbst  Wald  und  Wasser  eine  unendlich 
wichtigere  Stelle  unter  den  Bildungsfaktoren  der  Xandschaft  ein- 
genommen haben  und  dafs  die  Wichtigkeit  dieses  doppelten  Mo- 
ments erst  sehr  allmählich  mehr  und  mehr  zurückgetreten  ist. 
Auf  diesen  sehr  wesentlichen  Unterschied  in  Bezug  auf  Wald 
ond  Wasser  in  der  älteren  und  in  der  späteren  Zeit  ist  ohne 
Zweifel  auch  der  Umstand  zurückzuführen,  dafs  das  Elima  stetig 
an  Gesundheit  verloren  hat  Denn  obgleich  schon  die  Alten 
selbst  wiederholt  hervorheben,  dafs  ihre  Stadt  nicht  zu  den  ge- 
sundesten gehöre^),  so  deutet  doch  andererseits  nichts  darauf  hin, 


1)  Die  einzelnen  Angaben  der  Tradition  fafst  v.  Moltke  a.  0.  S.  66  ff. 
za  einer  sehr  anBchanlichen  Schilderung  des  AnesehenB  der  Stadt  resp.  der 
Gegend,  wo  dieselbe  sich  später  erhob,  znsammen.  „Soviel  steht  fest,  dafs 
Jahrhunderte  später,  als  Born  schon  alle  Hfigel  bedeckte,  seine  Maaem  noch 
weite  Felder  nnd  Haine  nmschlossen,  welche  den  Göttern  geweiht,  von  der 
Axt  verschont  blieben.  Es  waren  die  Überbleibsel  jenes  ursprünglichen 
Waldes/*  Jordan  1,  1,  146  Anm.  89  zählt  eine  Reihe  dieser  lud  auf,  auf 
die  an  den  betr.  Stellen  näher  einzugehen  ist.  Welche  Baumarten  hier  be- 
sonders in  Betracht  kommen,  giebt  v.  Moltke  a.  0.  S.  68  ff.  an. 

2)  Eine  grofse  Zahl  von  Quellen  und  Bächen  nennt  die  Sage  und  der 
Kult  auf  dem  Boden  der  Stadt  Rom,  die  jetzt  verschwunden  oder  auf  das 
dürftigste  Mals  beschränkt  sind:  vgl.  darüber  im  einzelnen  gleichÜEdls  später. 
Zu  beachten  ist  auch  der  Kult  der  Quell-  und  Waldgötter,  wie  wir  ihn  in 
vielfacher  Wiederholung  in  Rom  finden.  Vgl.  Jordan  1,  1, 139  f.  v.  Moltke 
sagt  a.  0.  S.  87:  „Seitdem  die  Waldgötter  aus  den  schauerlichen  Hainen 
vertrieben,  sind  auch  die  N%jaden  aus  ihren  Grotten  verscheucht.  Der 
Wftsserreichtam  der  Quellen  hat  sich  vermindert  imd  der  Tau  senkt  sich 
sjArlicher  auf  die  von  der  Sonne  verbrannten  Fluren**. 

8)  Diese  Ajigaben  beziehen  sich  freilich  zunächst  auf  die  Umgebung 
der  Stadt,  während  diese  selbst  der  direkte  Tadel  nicht  trifft:  vgl.  Cic.  de 
rep.  2,  6  locnmque  delegit  et  fontibus  abundantem  et  in  regione  pestilenti 
salabrem:  collea  enim  sunt  qui  cum  perflantnr  ipsi  tum  afferunt  vallibus 


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-     16     - 

dafs  damals  schon  ebenso  wie  heute  eine  nie  ganz  verschwin 
dende  und  in  jedem  Hochsommer  an  Intensivität  zunehmend( 
Fieberluft  die  Bewohner  der  Stadt  zur  Flucht  zwange  oder,  wem 
dieses  nicht  möglich  war,  massenweise  danieder  warf.*)  Wem 
also  auch  kein  wesentlicher  Temperaturunterschied  gegen  heut< 
für  die  ältere  Zeit  anzunehmen  ist^),  so  mufs,  wie  bemerkt,  dat 
Vorherrschen  von  Wald  und  Wasser,  sowie  nicht  minder  die 
intensivere  Kultur  des  Landes  und  das  wirkliche  Bewohntseil 
aller  der  später  und  jetzt  zu  grofsen  Teilen  verödet  stehenden 
Hügel  und  Räume  die  Stadt  zu  einer  wesentlich  gesunderen  ge- 
macht haben,  als  sie  heute  ist.^) 

Die  Sage  läfst  die  Stadt  aus  sehr  geringen  Anfangen  ent- 
stehen. Und  in  der  That:  wer  in  Rom  die  sich  drängende  Nähe 
der  Stadthügel,  die  engen  Grenzen  der  Mauern  der  palatinischen 
Burg,  die  geringen  Umfönge  der  nachweisbar  ältesten  Quartiere 


umbram;  Liv.  7,  38  in  pestilenti  atqne  arido  circa  nrbem  solo.  Aber  An- 
gaben wie  Horat.  epp.  1,  7,  6  ff.  sat.  2,  6,  18  ff.  Od.  2,  14,  16  f.  luven.  4,  66 
zeigen,  dafs  im  Sommer  eine  Fieberlnft  anch  in  Rom  selbst  herrschte.  Und 
der  Preis  der  gesunden  Stadt  von  Seiten  des  Camillus  bei  Liy.  6,  54  (sa- 
lubenimos  coUes)  kommt  als  rhetorisches  imd  tendenziöses  Machwerk  kaum 
in  Betracht.  Es  kann  aber  auch  nicht  ohne  Bedeutung  sein,  dafs  Altäre 
der  Febris  schon  auf  allen  drei  Hügeln  des  ältesten  Borns,  dem  Palatinufl, 
dem  £squilinos  und  Quirinalis  standen,  vgl.  Valer.  Max.  2,  6,  6. 

1)  Vgl.  Jordan  1,  1,  143  f.  und  die  daselbst  Anm.  36  ang^efubrte 
Litteratnr. 

2)  Über  das  heutige  Klima  Roms  in  Vergleich  zu  dem  der  alten  Zeit 
handeln  Brocchi  a.  0.  S.  215  ff.,  so¥rie  Seochi  clima  di  Borna  Giom.  arc. 
1864.  Bd.  187  S.  113  —  130.  Letzterer  führt  den  Durchschnitt  der  Maxims 
uud  Minima  des  Barometers  and  des  Thermometers  sowie  der  Regenmassen 
von  80  Jahren  an;  über  die  Winde  vgl.  denselben  Bd.  191  S.  222 ff.  Da- 
nach Jordan  a.  0.  1,  1^  140  ff.  Theob.  Fischer  stellt  in  seinen  Studien  über 
das  Klima  der  Mittelmeerländer  (Petermanns  Ergänzungsheft  Nr.  58)  S.  53 
die  Durchschnittszahlen  (aus  der  Zeit  von  1782  —  1875)  über  Regenmenge, 
Regentage,  Schneetage,  Gewittertage  und  relative  Feuchtigkeit  zusammen. 
Dafs  die  klimatischen  Verhältnisse  im  Altertum  wesentlich  andere  ge- 
wesen, ist  höchst  unwahrscheinlich:  die  Angaben  über  strenge  Winter  etc. 
stellt  Jordan  1,  1,  145  zusammen:  aus  ihnen  erhellt,  dafs  starker  Frost 
damals  so  gut  wie  heute  etwas  höchst  seltenes  war.  Nissen  spricht  im 
allgemeinen  (Verhandl.  d.  34.  Vers,  der  Phil.  Trier  187»  S.  29—33)  seine 
Ansicht  dahin  aus,  dats  das  antike  Italien  einen  strengeren  Winter  und  eine 
minder  intensive  Dürre  im  Sommer  als  das  jetzige  hatte. 

3)  Vgl.  im  allgemeinen  die  Ausführungen  von  v.  Moltke  a.  0.  S.  72—92. 
Die  Verödung  der  Campagna  wird  besonders  von  Aubert  il  clima  di  Roma 
in  Uli  Studi  in  Italia  1878.  I  S.  188  ff.  345  ff.  497  ff.  hervorgehoben. 


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sieht,  dem  zwingt  sich  immer  von  neuem  der  Schlafs  auf,  wie 
beschränkt  die  erste  Stadt-  und  Staatsbildung  selbst,  wie  dürftig 
bemessen  ihre  Verhältnisse  gewesen  sein  müssen. 

Die  Geschichtskundigen  des  antiken  Rom  sind  sich  dieser 
geringen  Anfange  ihrer  Stadt  viel  klarer  bewufst  gewesen,  als 
es  die  modernen  Forscher  durchgehend  sind.  So  einstimmig 
Sage  und  Historie  des  Altertums  die  Gründung  des  römischen 
Staats  an  den  Palatin  anknüpft,  so  übereinstimmend  ist  sie  zu- 
gleich darin,  die  Kulturverhältnisse  der  ältesten  Gemeinden  als 
höchst  primitive  darzustellen.  Immer  wieder  heben  die  Schrift- 
steller, welche  von  der  Gründung  Roms  erzählen,  hervor,  wie  es 
eine  Hirtenbevölkerung  war,  welche  innerhalb  der  Grenzen  der 
späteren  Stadt  safs,  ihre  Herden  weidete,  ihre  Schilf-  und  Holz- 
hütten baute  und  ein  kärgliches  Leben  fristete.^)  Es  ist  diese 
Hervorhebung  des  Hirtencharakters  der  ältesten  Bewohner  Roms 
um  so  beachtenswerter,  als  schon  früh  der  Stolz  der  alten  pa- 
tricischen  Geschlechter,  denen  doch  allein  das  Verdienst  der 
Gründung  der  Stadt  zukam,  grofs  war  und  speziell  die  beliebte 
Zurückführung  auf  die  trojanische  Zeit  und  die  trojanischen  Hel- 
den es  ihnen  sehr  nahe  legen  mufate,  ihren  Ahnen  eine  glän- 
zendere Stellung  schon  für  die  Zeiten  der  Gründung  Roms  zu 
vindizieren.  Aber  trotzdem  ist  das  Bewufstsein,  dafs  es  Hirten 
gewesen,  welche  Rom  gegründet  haben,  stets  unerschüttert  ge- 
blieben und  diese  Thatsache  wie  ein  Fundamentalsatz  der  rö- 
mischen Geschichte  angesehen  worden.     Wir  dürfen  deshalb   in 


1)  Schwegler  führt  Rom.  Gesch.  1, 467  Anm.  1  eine  Reihe  von  Stellen 
an,  die  leicht  vermehrt  werden  könnten,  welche  auf  den  alten  Hirten- 
charakter der  ersten  Bevölkerung  Roms  hinweisen.  Auch  wurmten  die  rö- 
mischen Antiquare  sojbr  wohl  schon  die  Konsequenzen  zu  ziehen,  welche  in 
Ausdrucken  wie  pecunia,  peculatus,  peculium  etc.  liegen:  vgl.  Fest.  s.  vv. 
Varro  l.  1.  5,  95  und  r.  r.  2,  1.  Gut  sind  die  Bemerkungen  hierüber  von 
Blum  Einl.  in  Roms  alte  Gesch.  160  ff.  Diese  Anschauung  tritt  uns  speciell 
in  Bezug  auf  den  Palatin  und  seine  älteste  Geschichte  entgegen.  Die  Ab- 
leituogen  seines  Namens  vom  balare  oder  palare  des  Viehs  (bei  Paul.  p.  220) 
oder  von  der  Hirtengöttin  Pales  (bei  Solin.  1,  16)  gehen  von  der  Annahme 
als  einer  selbstverständlichen  aus,  dafs  der  Palatin  einst  zur  Weide  des 
Viehs  benutzt  wurde.  Dals  die  Alten  hier  durchaus  richtigen  Traditionen 
folgen,  resp.  richtige  Schlüsse  und  Anschauungen  wieder  geben,  beweist  die 
ziemlich  allgemein  angenommene  und  sicher  richtige  Etymologie  des  Namens 
Palatium  von  PA  (pasco)  =  Weideplatz.  Schwegler  a.  0.  1,  440  A.  10. 
Jordan  1,  1.  182  A.  61.  Vgl.  noch  J.  Guidi  in  Bull.  d.  Com.  mun.  9. 1881.  63  ff. 
Gilbert,  Gesch.  u.  Topogr.  Born«.  •    2 


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—     18    — 

dieser  Hervorhebung  des  primitiven  Kulturzustandes  der  ersten 
Bewohner  des  romischen  Bodens  ein  durchaus  glaubwürdiges 
Moment  erkennen. 

Es  ist  uns  jetzt  gestattet,  einen  verhältnismäfsig  sehr  klaren 
Blick  in  die  älteren  Zeiten  der  latinischen  Stämme  zu  thun. 
Durch  Aufdeckung  der  Terremare  Oberitaliens  ist  es  uns  möglich 
geworden,  uns  von  dem  Zustande,  dem  Leben  und  Schaffen  der- 
jenigen Bevölkerungen,  die  einst  in  diesen  Wohnstätten  gesessen 
haben,  genügend  zu  unterrichten.  Heibig  hat  die  Resultate  einer 
langen  Reihe  von  Spezialuntersuchungen  an  Ort  und  Stelle  im 
ersten  Bande  seiner  Beiträge  zur  altitalischen  Kulturgeschichte*) 
zusammengestellt  und  uns  so  ein  höchst  anschauliches  und  in- 
teressantes Bild  von  den  Vorfahren  der  Latiner,  der  Stufe  ihrer 
Kultur,  der  Form  ihres  Lebens,  der  Art  ihres  Wohnens  und 
Schaffens  entrollt.  So  mifstrauisüh  man  im  allgemeinen  solchen 
Forschungen  gegenüber  sich  verhalten  mag,  so  scheint  doch  hier, 
wo  es  sich  um  ein  aus  fast  hundert  bekannten  Pfahldörferstätten 
zusammengetragenes  Material  handelt,  jeder  Zweifel  an  der  Rich- 
tigkeit der  Beobachtungen,  sowie  der  aus  ihnen  gezogenen  Re- 
sultate ausgeschlossen  und  nur  das  eine  könnte  in  Frage  gezo- 
gen werden,  ob  es  sich  in  Wirklichkeit  hier  um  die  Vorfahren 
der  Latiner  und  nicht  vielmehr  um  ein  anderes  Volk  handelt, 
das  wir  so  in  seinem  Thun  und  Treiben  beobachten  und  stu- 
dieren können.*)  Aber  auch  das  mufs  bei  genauer  Prüfung  aller 
für  und  wider  sprechenden  Momente  zurückgewiesen  werden  und 
Helbigs  Annahme,  dafs  die  Pfahldörfer  Niederlassungen  seien, 
welche  von  den  Italikern  während  der  ältesten  Periode  ihrer  An- 
säfsigkeit  auf  der  Appenninhalbinsel  gegründet  wurden,  darf  als 
ein  gesichertes  gelten.^ 


1)  Die  Italiker  in  der  Poebene.  Leipzig  1879. 

2)  Die  von  Heibig  a.  0.  S.  29 ff.  zarückgewiesene  Annahme,  dafs  die 
Terremare  den  Ligurern  gehören,  wird  von  einer  Reihe  von  Forschem  auf- 
recht erhalten:  vgl.  E.  Brizio  i  Liguri  nelle  terremare  N.  Antol.  1880  Vol. 
63,  668  ff.;  gegen  ihn  Pigorini  Bull,  deir  Inst.  1881.  4  —  7.  Bedenken  im 
Einzelnen  gegen  Helbigs  Ansicht  giebt  Deecke  Qött.  Gel.  Anz.  1880.  969  ff. 
Ausdruck.  Eine  wesentliche  Ergänzung  des  Helbigschen  Buches  bietet 
M.  Voigt  in  Bursians  Jahresber.  1879.  III  S.  600  ff. 

3)  Am  bestimmtesten  spricht  für  die  Gleichheit  der  Bewohner  der 
Terremare  mit  den  Vorfahren  der  Latiner  die  Übereinstimmung  der  Funde 
auf  römischem  Boden  mit  denjenigen  der  Terremare  selbst.  Zu  wieder- 
holten Malen  ist  einerseits  in  der.  Umgegend  des  Albaner  Sees,  anderseits 


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-     19     - 

Wollen  wir  das  eigentlich  Charakteristische  der  Pfahldörfer 
kurz  zusammenfassend  bezeichnen,  so  ist  dasselbe  einmal  in  der 
Beschränktheit^  anderseits  in  dem  Haften  am  Lokale  zu  finden.^) 


auf  dem  Esquilinos,  dem  Virninalis,  sowie  auch  auf  dem  Quirinalis  mid 
Caelios  eine  bedeutende  Menge  von  uraltem  Hausgerät  mannigfachster  Art 
aufgedeckt,  welches  mit  dem  in  den  Terremare  gefundenen  übereinstimmt, 
oder  nur  so  geringe  und  unwesentliche  Abweichungen  von  flemselben  auf- 
weist, dals  diese  letzteren  sehr  wohl  aus  durch  die  Zeit  oder  das  Local  be- 
dingten Besondemheiten  sich  erklären  lassen.  Vgl.  Heibig  a.  0.  S.  82  ff. 
M.  S.  de  Rossi  in  Buonarotti  Ser.  H.  Vol.  IX.  Marzo  1874.  S.  (73  ff.)  79  ff. 
Bull.  d.  Com.  mnn.  6.  1878.  64  ff.  Qli  Studi  in  Italia  1880.  11,  4« 7  ff.  Eine 
sehr  reiche  Sammlung  dieser  Funde  ist  in  dem  Besitze  L.  Nardonis.  Die 
römischen  Funde  dieser  Art  sind  teils  unmittelbar  auf  dem  ursprünglichen 
jungfräulichen  Boden  gemacht;  teils  unmittelbar  unter  Teilen  des  eervia- 
nischen  Walles,  sodafs  Rossi  ein  Recht  hat,  die  Bewohner,  auf  welche  diese 
Funde  zurückgehen,  als  poco  anteriori  alla  fondazione  delle  mura  ed  aggere 
di  Serrio  Tullio  zu  bezeichnen;  während  anderseits  das  Hinabreichen  der 
Funde  bis  auf  den  ursprünglichen  Boden  dieselben  Bewohner  zugleich  als 
die  ersten  und  ältesten  der  Stadt  erweist.  Auch  eine  grofse  Tuffummauerung, 
welche  mit  einer  dieser  ältesten  Fundstätten'  enge  zusammenhängt,  von  der- 
selben Qualität  wie  die  Serviusmauerf  wenn  auch  aus  unregelmäfsigen  Stücken 
(vgL  Rossi  Bull.  d.  comm.  mun.  6.  139  ff.),  weist  auf  die  Kontinuität  der 
BeTölkcrung  Roms  hin.  Die  Annahme  Brizios  (a.  0.)  u.  A.,  dafs  auch  auf 
dem  Boden  der  Stadt  Rom  Ligurer  gesessen  haben  (vgl.  Cuno  Vorgesch. 
Borns  1.  Leipzig  1878.  S.  140  ff.)  stützt  sich  nur  auf  einige  zerstreute  An- 
gaben (Fest  p.  321.  Serv.  Aen.  11,  817  Dion.  1,  10.  40.  Philist.  fr.  2),  die 
sich  leichter  in  anderm  Zusammenhang  erklären  (vgl.  Kap.  4). 

1)  Die  Beschränktheit  dieser  Niederlassungen  geht  daraus  hervor,  dafs 
dieselben  durchschnittlich  nicht  über  den  Raum  von  3 — 4000  Q  M.  hinaus- 
gehen. Denkt  man  sich  also  einen  Raum  von  60  M.  Länge  und  gleicher 
Breite  (oder  in  ähnlichem  Verhältnisse),  so  wird  die  Beschränktheit  einer 
solchen  Ansiedelung  klar.  Wie  sehr  aber  di»'se  durch  Erdwall  und  Graben 
gegen  aussen  abgegrenzten  und  in  sich  abgeschlot^senen  Wohnräume  au  der 
einmal  gewählten  Stätte  hafteten,  geht  namt^ntlich  aus  zwei  Umständen 
hervor.  Brannten  die  ans  Stroh  und  Reidig  notdürftig  aufgeführten  Hütten 
ab,  so  wurden  auf  den  Schutthaufen  derselben  neue  errichtet,  obgleich  doch 
das  wenig  bevölkerte  umliegende  Land  leicht  anderweitigen  Raum  für  Neu- 
gründungen bieten  muTste.  Sodann  tritt  das  Haften  an  dem  eiiimaji  ge- 
wählten Lokale  in  dem  eigentümlichen  Umstände  hervor,  dals  vor  dem 
eigentlichen  Hüttenbau  selbst  eine  Zubereitung  des  Gesamtraums  für 
denselben  erfolgte:  man  überdeckte  nämlich  den  gesamten  inneren  Raum, 
nachdem  man  ihn  gegen  aufsen  durch  Graben  und  Wall  abgeschlossen  hatte, 
mit  einer  Bohlenlage,  indem  man  zunächst  Reihen  von  2—3  M.  langen 
Pfählen  in  den  Boden  einrammte,  diese  Pfahlreihen  der  Länge  wie  der  Breite 
nach  durch  horizontale  Balken  verband  und  über  die  letzteren  eine  Lage 
von  Bohlen  breitete;  über  diese  wurden  dann,  um  eine  möglichst  ebene 


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-     20     - 

Und  gerade  dieses  sich  Beschränken  auf  einen  knapp  bemessenen 
Raum,  der  nun  aber  als  Mittelpunkt  der  gesamten  Existenz  mit 
Zähigkeit  festgehalten  wird,  läfst  uns  erkennen,  welche  Bedeu- 
tung die  Vorfahren  der  Latiner  dem  Lokale  beigelegt  haben. 
Kann  man  als  die  eigentlich  stadtbildenden  Faktoren  Geschlecht 
und  Wohnraum  bezeichnen,  so  tritt  uns  hier  als  das  erste,  we- 
nigstens sichitlich  erkennbare  dieser  beiden  Momente  das  lokale 
entgegen.  Damit  soll  keineswegs  die  Bedeutung  des  anderen, 
des  gentilicischen  Moments  zurückgedrängt  werden:  aber  es  soll 
eben  diesem  letzteren  als  gleichberechtigtes  das  lokale,  die  Be- 
deutung des  Wohnraums  für  die  Stadt-  und  Staatsbildung,  ge- 
genübergestellt werden.  Man  hat  vielfach  das  gentilicische  Moment 
als  das  allein  staatsbildende  hervorgehoben  und  dem  entsprechend 
oft  sich  dahin  ausgesprochen,  dafs  die  Familie  den  Staat  ge- 
schaffen, indem  dieselbe  zum  Geschlecht,  dieses  zu  Stamm  und 
Staat  sich  entwickelt  habe.^)  In  dieser  Form  ist  ein  solches 
übergewichtliches  Betonen  des  gentilicischen  Moments  einseitig, 
ja  geradezu  unrichtig:  in  gleicher  Weise  müssen  beide  Faktoren 
—  Geschlecht  und  Wohnraum  — ,  da  wo  es  sich  um  die  Bildung 
von  städtischen  oder  staatlichen  Organismen  handelt,  hervor- 
gehoben werden. 

Wenden  wir  diesen  Satz  auf  die  Stadtbildung  Roms  an,  so 
hat  sich  diese  durch  das  wirksame  Ineinandergreifen  zweier 
Faktoren  vollzogen,  indem  einmal  das  organische  Wachsen  und 
das    Aneinanderschliefsen    der   in   der   Familie   wurzelnden    Ge- 


Fläche zu  erzielen,  Schichten  von  Sand,  Kieseln  und  Thonerde  ausgebreitet 
und  hierauf  die  Wohnstätten  selbst  errichtet.  Man  ersieht  daraus,  wie  die 
eigentliche  Zubereitung  des  Bodens  für  die  Aufiiahme  der  Hütten  das  haupt- 
sächliche war  —  denn  diese  letzteren  waren  das  Produkt  geringer  Arbeit 
—  und  wie  dieselbe  durchaus  auf  eine  gemeinsame  Thätigkeit  der  Dorf- 
bevölkerung zurückschliefsen  läfst.  Ein  solches  Pfahldorf  läfst  seine  ße- 
wohner  in  engster  Vereinigung  erkennen. 

1)  Niebuhr  hebt  R.  G.  1,  339  f.  dieses  doppelte  Moment,  welches  auf 
die  Stammbildung  einwirkt,  mit  Recht  hervor;  legt  aber  meiner  Ansicht 
nach  zuviel  Gewicht  auf  das  gentilicische.  Vgl.  auch  Genz  das  patricische 
Rom.  1  ff.  Jedenfalls  darf  man  nicht  die  Gens  der  späteren  römischen  Zeit 
schon  auf  eine  Urzeit  übertragen  und  das  Künstliche  und  Gemachte,  was 
uns  in  der  Gentilitätsverfassung  —  zum  Teil  wenigstens  —  später  entge- 
gentritt, als  etwas  Ursprüngliches  ansehen.  Ein  Pfahldorf  haben  wir  uns 
schon  als  eine  Verbindung  mehrerer  natürlicher  Geschlechter  zu  gegen- 
seitigem Schutz  und  zur  Pflege  ihrer  gemeinsamen  Interessen  zu  denken. 


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-     21     — 

scblechtereinheiten,  sodann  das  sich  Geltendmachen  der  einzelnen 
lokal  umgrenzten  Dorfgemeinden^  sowie  die  Verbindung  mehrerer 
solcher  Dörfer  zu  Kreisen  höherer  Ordnung  in  gleicher  Weise 
auf  die  Schöpfung  der  Stadt  und  des  Staats  Rom  eingewirkt 
haben.  Die  Wichtigkeit  jenes  ersteren  Prinzips  geht  noch  deut- 
lich aus  der  Stellung  hervor,  welche  die  Gentilverfassung  sich  im 
römischen  Staatsorganismus  durch  alle  Zeiten  —  wenn  auch  na- 
türlich allmählich  an  Kraft  und  Wirksamkeit  einbüfsend  —  er- 
halten hat:  die  Bedeutung  des  zweiten,  des  lokalen  Prinzips  — 
wie  wir  es  kurz  bezeichnen  können  —  wird  im  Verlauf  der  fol- 
genden Untersuchungen  wieder  und  wieder  hervortreten.  Denn 
durch  das  allmähliche  Aneinanderschlieüsen  von  Dörfern,  Dorf- 
gemeinden ist  die  Stadt  Rom  erwachsen  und  eine  Geschichte 
dieser  —  namentlich  der  ältesten  und  älteren  Zeit  —  wird  dieses 
allmähliche  Anwachsen,  welches  sich  in  der  Form  eines  Krystal- 
lisationsprozesses  vollzieht,  zu  verfolgen  haben. 

Wer  den  Spuren  der  Sondersiedelungen  nachgeht,  wie  sich 
dieselben  auf  dem  Boden  der  späteren  Stadt  Rom  in  ältester 
Zeit  gebildet  haben,  allmählich  in  gröfsere  Kreise  aufgegangen 
und  schlief slich  in  der  einen  Gesamtstadt  yersch wunden  sind, 
der  wird  sich  bald  überzeugen,  dafs  die  Sage  in  engster  Beziehung 
zu  jenen  £inzelgemeinden  steht.  Wie  sich  die  römische  Sage 
augenscheinlich  in  verschiedenen  Kreisen  bildet,  Ton  verschie- 
denen Kernpunkten  ausgeht,  von  verschiedenen  Bevölkerungs- 
elementen getragen  wird,  so  entspricht  sie  darin  genau  jenen 
ursprünglich  unabhängig  und  gleichberechtigt  neben  einander 
stehenden  Dorf-  und  Gaukreisen,  deren  schliefsliche  Vereinigung 
eben  die  Stadt  geschaffen  hat. 

Die  römische  Sage  —  wie  die  Sage  überhaupt  —  wird 
freilich  heutzutage  mit  einer  Geringschätzung,  ja  mit  einer  Ver- 
achtung behandelt,  die  ihr  jede  historische  Bedeutung  abspricht 
Sie  ist  in  den  Augen  der  meisten  Forscher  ein  mehr  oder  weniger 
geistloses  Spiel  der  Phantasie  und  der  Kombinationssucht,  eine 
Sammlung  von  Willkür  und  Borniertheit,  der  gegenüber  ein  voll- 
kommenes Ignorieren  der  einzig  berechtigte  Standpxmkt  scheint.  ^) 


1)  Yop  diesem  Standpunkte  aus  sagt  Jordan  1,  1.  153:  „dafs  die  so- 
genannte Geschichte  der  sieben  Könige  in  ihrem  wesentlichen  Teile,  der 
Verfassungsgeschichte,  eine  Kette  wohl  oder  übel  ersonnener  Erfindungen, 
Rückschlüsse   und  Worterklärungen  sei,  diese  Ansicht  bildet  für  uns  die 


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—     22    — 

Diese  Auffassung  der  römischen  Sage  teile  ich  nicht:  und  da  wir 
im  Verfolg  unserer  Untersuchungen  wiederholt  die  Sage  zur  Auf- 
hellung der  einzelnen  Perioden  der  älteren  Stadtgeschichte  werden 
heranziehen  müssen,  so  erscheint  es  geboten,  der  Stellung,  die 
wir  prinzipiell  ihr  gegenüber  einzunehmen  haben,  uns  vorher  klar 
bewufst  zu  werden. 

Die  romische  Sage  beruht  —  wie  alle  Sage  —  auf  Personi- 
fikation.*) Jedes  einheitliche  und  als  Einheit  sich  fühlende  Volks- 
element setzt  sich  einen  Heros,  einen  Eponymen,  auf  den  es  die 
eigenen  Thaten  überträgt  und  in  dem  es  sich  selbst  personifiziert 
und  zugleich  idealisiert.  Worin  das  einigende  Band  besteht, 
durch  welches  das  Volkselement  zusammengehalten  wird,  ist  im 
grofsen  und  ganzen  gleichgültig:  mag  es  die  gleiche  Abstam- 
mung, mag  es  der  gemeinsame  Wohnraum  sein,  erst  die  Gemein- 
samkeit Yon  Interessen,  von  Anschauungen,  von  Traditionen  er- 
zeugt dieses  Gefühl  der  Zusammengehörigkeit,  der  Einheit.  Am 
stärksten  wird  diese  Einheitlichkeit  da  empfunden,  wo  eine  Ge- 
meinde gleicher  Abstammung  auf  einem  gemeinsamen  Wohn- 
räume eng  zusanmiensiedelt  und  durch  das  Band  einer  alle  An- 
gehörigen gleichmäfsig  umschliefsenden  politischen  Organisation 
zusammengehalten  wird.  Eine  solche  Stammes-  oder  Gemeinde- 
einheit empfindet  am  ersten  das  Bedürfnis,  sich  selbst  von  an- 
deren ähnlichen  Einheiten  zu  unterscheiden  und  bezeichnet  sich 
daher  mit  einem  Namen,  der  eine  besonders  hervorragende  und 
charakteristische  Eigenheit  entgegen  denen  der  benachbarten  oder 
fremden  Gemeinde-  oder  Stammeskreise  hervorhebt  Und  indem 
sich  somit  die  einzelne  Stammesgemeinde  mit  dem  Namen,  der 
entweder  aus  ihrer  eigenen  Initiative  hervorgegangen  ist,  oder 


Voraussetzang  für  die  Kritik  der  in  dieselbe  verwebten  GeBchichte  der 
städtischen  Bauten  and  der  Stadterweiterung*S  Dem  gegenüber  betont 
Nissen  Templum  105  mit  Recht,  dafs  der  Sagenschatz  der  Italiker  eine  Fülle 
von  BelehroDg  enthalte,  ohne  welche  ein  richtiges  Bild  der  ältesten  Ge- 
schichte schlechterdings  nicht  gewonnen  werden  könne;  und  dafs  daher  die 
Geschichtschreibang  stets  von  neuem  auf  die  Tradition  zurückgreifen  müsse. 
Vgl.  auch  die  Worte  L.  v.  Rankes  Weltgesch.  2,  1.  S.  8:  „wo  die  volle 
historische  Wahrheit  nicht  zu  entdecken  ist,  hat  auch  eine  alte  Überliefe- 
rung, so  sagenhaft  sie  sein  mag,  ihren  Wert.  Eine  so  grofsartige,  inhalts- 
volle Tradition  wie  die  römische  giebt  es  überhaupt  nicht  in  ^er  Völker- 
gesohichte**. 

1)  Auch  Mommsen  erklärt  Hermes  16,  1  richtig,  dafs  alle  Sage  Per- 
sonifikation ist. 


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-     23     — 

den  sie  von  Nachbaxen  aufgenommen  hat^),  personifiziert^  schafft 
sie  die  Gestalt,  die  Persönlichkeit  eines  Eponymen,  der  in  allem 
was  er  thut  die  Züge  der  Gemeinde,  des  Stammes  wiederspiegelt, 
aas  dem  er  hervorgegangen  ist  mid  den  er  vertritt.^)  Je  weiter 
der  Stamm^  die  Gemeinde  selbst  auf  der  Bahn  wirklich  histori- 
scher Zeiten  fortschreitet,  desto  mehr  löst  sich  der  Name  des 
Idealreprasentanten  von  dem  Stamme  selbst  und  wird  zu  einer 
Sonderpersönlichkeit,  wenn  auch  natürlich  ihr  Zusammenhang  mit 
dem  Stamme  selbst  festgehalten  wird.  Die  Thaten,  die  diesem 
Stanmies-  oder  Gemeindeeponymen  beigelegt  werden,  sind  natur- 
gemafs  die  Thaten  des  Stammes,  der  Gemeinde  selbst  in  ihrer 
alteren  Zeit:  wenn  auch,  je  mehr  das  Licht  der  historischen  Zeit 
die  Geschichte  des  Stammes  beleuchtet,  jener  Eponym  in  das 
Halb-  oder  Ganzdunkel  einer  Vorzeit  zurücktritt  und  nun  mehr 
und  mehr  ins  wunderbare  erhöht  wird. 

Wenden  wir  diese  allgemeinen  Sätze  auf  die  römische  Sage 
an,  so  sind  die  römischen  Könige  die  personifizierten  Einzel- 
gemeinden, aus  deren  allmählichem  Zusammenschlufs  sich  die 
Stadt  gebildet  hat  Die  Thaten  also,  welche  die  Sage  von  ihnen 
zu  berichten  weifs,  sind  die  Thaten  der  Gemeinden,  der  Stämme, 
der  Bevölkerungselemente,  welche  eben  von  ihnen  vertreten,  in 
ihnen  personifiziert  sind.  Sie  sind  daher  in  ihrem  Kerne  das 
Resultat  der  lebensvollen  Sagenbildung  selbst:  das  Produkt  der 
Traditionen,  welche  über  den  betreffenden  Stamm  selbst  —  seine 
Herkunft,  seine  Schicksale;  seine  Thaten,  seine  Leiden  —  im 
Volksmunde  sich  bilden,  sich  erhalten,  sich  fortpflanzen.  Gerade 
das  aber,  worauf  gewöhnlich  das  meiste  Gewicht  gelegt  wird. 


1)  Dieser  Fall,  dafs  die  Initiative  der  Namengebung  von  einem  andern 
—  gew5hnlicb  einem  benachbarten  —  Stamme  oder  Gemeinde  ausgeht,  ist 
jedenfalls  ebenso  häufig,  wenn  nicht  häufiger.  Aber  der  Stamm,  dem  der- 
selbe gilt,  nimmt  ihn  selbst  auf  und  an,  weil  das  Bedür&is,  sich  selbst  von 
andern  Stämmen  namentlich  zu  unterscheiden,  je  länger  je  mehr  wächst. 
Es  ist  nicht  selten,  dails  ein  Name,  der  von  Haus  aus  ein  herabsetzender 
und  tadelnder  war,  später  zum  Ehrennamen  wird.    • 

2)  Im  Volksmunde  heiftt  es  noch  heute  in  gleicher  Weise  „der  Busse", 
„der  Franzose",  „der  Preufse",  „der  Hannoveraner**,  wo  es  sich  in  Wirk- 
lichkeit um  die  Gesamtheit  des  Volks  oder  Stammes  handelt:  „der  Preulse** 
hat  „den  Hannoveraner**  geschlagen,  hat  sich  in  des  letzteren  Stadt  und 
Lande  festgesetzt,  hat  seinen  König  vertrieben  —  solche  und  ähnliche  An- 
salze zur  Sagenbildung  hat  man  1866  oft  und  deutlich  genug  verfolgen 
können. 


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-     24     - 

die  chronologische  Reihenfolge^  ist  das  unwesentlichste:  denn  die 
Konigsnamen  sind  ursprünglich  nehen  einander  entstanden  und 
getragen  worden:  erst  eine  klügelnde  Geschichtssystematik  spä- 
terer Zeit  hat  sie  in  die  Reihenfolge  gebracht^  die  wir  heute  als 
wesentlich  betrachten  und  die  schon  den  späteren  Zeiten  der 
römischen  Republik  selbst  als  historisch  galt.^)    In  Bezug  hierauf 


1)  Dafs  die  bekannte  Reihenfolge  der  römischen  Könige  eine  erst 
später  künstlich  gemachte  ist  und  keineswegs  genau  dem  relativen  Alter 
und  der  Bedeutung  der  über  die  einzelnen  Eönigsgestalten  im  Umlauf  be- 
findlichen Traditionen  entspricht,  geht  schon  aus  der  charakteristischen  Ver- 
schiedenheit der  Statuen  hervor,  welche  auf  dem  Kapitole  sich  befanden; 
deren  Verschiedenheit  eben  den  verschiedenen  Zeiten  entspricht,  in  denen 
diese  Traditionen  zum  formellen  Abschlufs  kamen  resp.  von  den  Priestern 
gebracht  wurden.  Als  die  ältesten  treten  uns  unter  den  sieben  Königs- 
statuen  nach  Plin.  n.  h.  34,  28  die  des  Romulus  und  T.  Tatius  entgegen, 
die  noch  sine  tunica  waren  (vgl.  Ascon.  in  Scaur.  fin.);  als  die  jüngsten  nach 
33,  24  die  des  Numa  und  Servius  Tullius,  die  schon  Ringe  trugen. 
Daraus  folgt  jedenfalls,  dafs  diese  Königsstatuen  zu  sehr  verschiedenen 
Zeiten  aufgestellt  worden  sind:  namentlich  die  letzteren  beiden  sind  erst 
verhältnismäfsig  spät  in  die  Königsreihe  aufgenommen  worden.  Eigentüm- 
Jich  ist,  dafs  unter  den  sieben  Königsstatuen  (Die  Gass.  43,  45:  die  achte 
Statue  war  dann  die  des  M.  Brutus)  die  des  Tatius  war  (Plin.  und  Ascon. 
aa.  00.):  man  darf  daraus  vielleicht  schlielsen,  dafs  der  letzte  Tarqui- 
nius  von  der  Reihe  ausgeschlossen  war  (auch  bei  Ovid  Fast.  6,  624  ist  Ser- 
vius Tullius  der  siebente  rex),  wenn  nicht  vielleicht  die  Angaben  des  Plinius 
und  Asconius  irrtümlich  auf  die  Statuen  des  Romulus  und  Tatius  auf  der 
Sacra  Via  (statt  auf  die  des  Kapitels)  sich  beziehen,  worüber  Serv.  Aen.  8, 
641  (ed.  Lion)  zu  vergleichen,  oder  die  Siebenzahl  des  Dio  auf  einem  Ver- 
sehen desselben  beruht.  Über  die  Zeit  in  der  wir  die  Aufstellung  der 
Königsstatuen  anzusetzen  haben  vgl.  Detlefsen  de  arte  Rom.  antiquiss.  II 
(Progr.  V.  Glückstadt  1868),  der  mir  aber  zu  wenig  die  aus  den  angeführten 
Judicien  zu  folgernde  zeitliche  Verschiedenheit  der  einzelnen  Königsstatuen 
zu  berücksichtigen  scheint.  Was  zunächst  das  Tragen  der  Toga  ohne  Tu- 
nica betrifft,  so  läfst  sich  allerdings  leider  aus  Gell.  6,  12  nicht  ersehen, 
bis  wann  diese  Sitte  die  allgemeinere  war.  Wenn  aber  Detlefsen  mit  den 
Statuen  des  Romulus  und  T.  Tatius  die  Reiterstatuen  des  M.  FurinsCamillus  und 
des  Q.  Marcius  Tremulus  vergleicht,  die  gleichfalls  noch  sine  tunica  waren  und 
von  denen  jene  c.  416,  diese  c.  448  u.  c.  errichtet  sein  muss:  so  ist  doch 
zu  bemerken,  dafs  diese  letzteren  statuae  equestres  von  vornherein  schon 
auf  eine  spätere  Zeit  zu  weisen  scheinen,  als  in  der  die  statuae  pedestres 
der  beiden  ältesten  Könige  errichtet  sein  müssen.  Aber  nehmen  wir  auch 
zunächst  an,  dab  diese  etwa  um  400  u.  c.  oder  850  v  Chr.  aufgestellt  sind, 
80  müssen  doch  die  Statuen  des  Numa  und  Servius  jedenfalls  um  eine  viel 
bedeutendere  Zwischenzeit  von  denen  des  Romulus  und  T.  Tatius  getrennt 
werden,  als  Detlefsen   geneigt  scheint.    Denn  wenn   sich   auch  aus  Plin. 


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—     25     — 

ist  aber  hervorzuheben,  dafs  die  systematisierende  Priesterweis- 
heit, welche  die  Konige  in  diese  Reihenfolge  gebracht,  ein  gro- 
fses  Geschick  hierbei  bewiesen  hat;  denn  sie  hat  sich  bei  An- 
ordnung dieser  Königs-  d.  i.  Gemeindenainen  mit  richtigem  Gefühl 
durch  die  Bücksicht  darauf  bestimmen  lassen,  wie  die  in  den  ein- 
zefaien  Namen  repräsentierten  Stamm-  und  Bildungsfaktoren  der 
Stadt  nach  einander  in  die  eigentliche  Stadtgeschichte  eingetreten 
sind  und  ^entscheidende  Bedeutung  für  die  Entwicklung  des 
stadtischen  und  staatlichen  Organismus  gewonnen  haben.  Damit 
Terliert  aber  der  oben  ausgesprochene  Satz,  dafs  die  Königsnamen 
Terschiedene  Einzelgemeinden  darstellen  und  ursprünglich  neben 
emander  sich  getragen  haben,  seine  Gültigkeit  nicht. 

n.  h.  33,  17  ergiebt,  dafs  schon  um  300  v.  Chr.  die  Sitte  des  Ringetragens 
allgemeiner  wurde,  so  muTste  doch  diese  Sitte  schon  sehr  lange  bestanden 
ond  demnach  die  Überzeugung,  dals  es  nie  anders  gewesen  sei,  geschaffen 
haben,  als  man  die  Ednigsstatnen  des  Numa  und  Senrius  TuUius  gleichfalls 
mit  Rbgen  abbildete.  Qerade  durch  die  Vergleichung  mit  den  älteren 
KGnigsstatuen  hätte  der  Künstler  auf  die  Notwendigkeit  geführt  werden 
müssen,  auch  die  neu  anfzustellenden  ohne  Ring  zu  bilden  und  sie  dem- 
nach auch  änfserlich  sogleich  als  den  älteren  gleichartig  erscheinen  zu 
lassen:  wenn  damals  eben  das  Moment  des  Ringetragens  als  Zeichen  einer 
jttogeren  Zeit  überhaupt  noch  bewufst  gewesen  wäre.  Ich  setze  danach 
die  Statuen  des  Romnlus  und  T.  Tatius  um  wenigstens  350  v.  Chr.,  die 
des  Numa  und  Senrius  Tullius  frühestens  250  v.  Chr. :  während  die  übrigen 
Statoen  um  oder  nach  300  aufgestellt  zu  sein  scheinen,  wenn  man  wirklich 
aas  dem  Umstände,  dafs  auf  Münzen  der  Gens  Marcia  (Mommsen  röm. 
Münzw.  Nr.  290.  S.  641  f.)  der  Kopf  des  Ancus  bartlos  erscheint,  Schlüsse 
ziehen  dörfte,  da  die  Sitte  des  Barbierens  erst  um  300  y.  Chr.  aufkam. 
Varro  de  r.  r.  2,  11,  10.  Vgl.  hierüber  J.  J.  Bernoulli  röm.  Ikonographie 
L  Stuttg.  1882.  S.  15f. :  dafs  die  spätere  ßartlosigkeit  des  Ancus  auf  Mün- 
zen auf  die  Bartlosigkeit  der  Statue  zutückgeht,  ist  mir  wenigstens  keines- 
wegs sicher.  Jedenfalls  ergiebt  sich,  wie  schon  oben  bemerkt,  aus  der  ver- 
schiedenen Darstellung  der  Könige,  dafs  dieselben  auch  zu  yerschiedenen 
Zeiten  aufgestellt  worden  sind:  Romulus  und  Titus  Tatius  zuerst  —  und 
diese  beiden  bin  ich  geneigt,  in  eine  nicht  xmerheblich  ältere  Zeit  hinauf- 
surücken  als  die  Mitte  des  4.  Jahrh.  v.  Chr.,  namentlich  da  Plin.  34,  22. 
29  den  EOnigsstatuen  überhaupt  ein  hohes  Alter  zuschreibt  —  Numa  und 
Serrius  Tullius  znletzt  und  zwar  nicht  früher  als  250  y.  Chr.;  yielleioht 
auch  Ancus  Marcius  nicht  fem  yon  dieser  Zeit  Die  an  die  einzelnen 
KOnigsnamen  sich  anschliefsenden  Traditionen  sind  somit  offenbar  unab- 
hängig yon  einander  getragen  und  zu  yerschiedenen  Zeiten  in  den  EOnigs- 
statuen gleichsam  fixiert  worden:  man  mag  daraus  schlieisen,  dafs  die  An- 
erkennung aller  in  denEönigen  repräsentierten  Bildungselemente  der  Stadt 
lu  gleichem  Range  erst  zu  einer  yerhältnismäfsig  sehr  späten  Zeit  zum 
Abschluls  gekommen  isi 


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—     26     — 

Wenn  wir  nun  auch  im  allgemeinen  die  Annahme,  dafs  die 
verschiedenen  Eönigsnamen  Roms  ebensovielen  ursprünglich  selb- 
ständigen Gemeinden  entsprechen,  im  Verlauf  unserer  Unter- 
suchungen durchaus  bestätigt  sehen  werden,  so  ist  hier  doch  noch 
eine  nähere  Präzisierung  dieser  für  die  Betrachtung  und  Erfor- 
schung der  älteren  Geschichte  der  Stadt  äufserst  wichtigen  und 
folgenreichen  Auffassung  nötig.  Es  kann  zunächst  koinem  Zwei- 
fel unterliegen,  dafs  die  Tarquinier  wirkliche  historische  Persön- 
lichkeiten sind,  die  daher  auch  eine  durchaus  andere  Auffassung 
verlangen/  als  die  älteren  nur  auf  Personifikation  beruhenden 
Träger  der  verschiedenen  Stammsagen.  Indem  die  Pontifices 
daher  ihre  Namen  den  älteren  Namen  hinzufügten,  haben  sie 
zwei  durchaus  verschiedene  und  deshalb  in  Wirklichkeit  völlig 
auseinander  zu  haltende  Elemente  willkürlich  verbunden.  Nur 
die  älteren  Namen  und  Gestalten  des  Romulus,  des  Titus  Tatius, 
des  Tullus  Hostilius,  des  Ancus  Marcius,  des  Servius  TuUius  sind 
Personifikationen:  nur  für  diese  gilt  also  der  Satz,  dafs  sie  die 
Repräsentanten  verschiedenerEinzelgemeinden,verschiedener  Volks- 
elemente sind.  Wie  überall,  so  geht  auch  hier  Sage  und  Geschichte 
in  einander  über  und  verbindet  somit  Personifikationen  und  wirk- 
lich historische  Persönlichkeiten  zu  einer  Reihe,  die  von  Haus 
aus  verwandte,  aber  doch  nicht  gleichwertige  Begriflfe  sind.  Was 
aber  die  Königsnamen  selbst  betriflFt,  so  sind  dieselben,  wie  wir 
später  im  einzelnen  sehen  werden,  entweder  die  wirklichen  Namen 
der  in  ihnen  personifizierten  Gemeinden,  oder  sie  sind  von  beson- 
ders charakteristischen  Beziehungen  eben  dieser  Gemeinden  her- 
genommene Appellativa^):  immer  drücken  sie  in  prägnantester 
Weise  die  bestimmten  Einzelgemeinden  aus,  die  eben  in  ihnen 
personifiziert  werden  sollen.  Dafs  diese  Namen  endlich  als  die 
Namen  von  Königen  sich  darstellen  ist  erklärlich:  „König"  war 
der  sakrale  und  der  politische  Repräsentant  der  Gemeinde;  wurde 
diese  selbst  nun  personifiziert,  so  ergab  es  sich  gleichsam  von 
selbst,  sie  in  der  Stellung  und  in  der  Würde  ihres  legalen  Re- 
präsentanten  auftreten  zu  lassen.     Wir  haben  denmach  in  den 


1)  Romas,  die  ältere  Form  von  Romulus  und  zugleich  von  Romanus, 
ist  demnach  der  personifizierte  ramnische,  Tatius  der  personifizierte  tatische 
oder  titische  Stamm  etc.  Appellativa  sind  Ancus,  Hostus,  Servius,  deren 
Zusammenhang  mit  ancus  (ancilla),  hostis,  servus  unverkennbar  und  schon 
wiederholt  hervorgehoben  ist.  Über  den  Namen  des  Numa,  sowie  über  die 
angeführten  Namen  im  einzelnen  später  betr.  Orts. 


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—     27     - 

einzelnen  Königen  Roms  die  von  Königen  geleiteten,  in  der  Form 
von  Königsherrschaffcen  sich  darstellenden  Einzelgemeinden  Roms 
zu  erkennen. 

So  bestimmt  wir  nun  an  dem  historischen  Kerne  der  Königs- 
gestalten festhalten  müssen,  so  ist  damit  nicht  ausgeschlossen, 
dals  dieselben  in  hohem  Mafse  von  einer  Fülle  ungehörigen  ~ 
mythischen  und  gefölschten  —  Beiwerks  umkleidet,  überdeckt, 
entstellt  sind.  In  Bezug  darauf  kommen  folgende  Gesichtspunkte 
in  Betracht. 

Zunächst  ist  festzuhalten,  dafs  jede  Volks-,  oder  Stammes-, 
oder  Gemeindesage  eng  mit  dem  Glauben  eben  desselben  Volkes 
oder  Stammes  zusammenhängt  Mit  andern  Worten:  im  Laufe 
der  Zeit  schmelzen  die  Sagen  des  Stammheros,  des  Epony- 
men,  mit  den  Mythen  des  Stammgottes  zusammen:  auf  den 
ersteren  werden  die  des  letzteren,  wenigstens  teilweise,  übertragen 
und  so  mehr  und  mehr  der  eigentlich  historische  Gehalt  jenes 
getrübt  und  entstellt.  Das  gilt  auch  von  den  römischen  Königen.') 
Diese  mythischen  Elemente  sind  also  bei  der  Betrachtung  der- 
selben auszuscheiden  und  aufser  Rechnung  zu  lassen. 

Sodann  tritt  uns  einmütig  die  Tendenz  entgegen,  die  Könige, 
d.  i.  wieder  die  durch  sie  personifizierten  Gemeinden,  als  Römer 
von  Haus  aus  erscheinen  zu  lassen.  Diese  Tendenz  ist  ver- 
ständlich: der  Name  „Römer''  war  ursprünglich  von  einer  Ge- 
meinde ausgegangen,  aber  er  war  im  Laufe  der  Zeit  ein  Ehren- 
name aller,  die  Bezeichnung  der  Zugehörigkeit  zur  Gesamtstadt 
überhaupt  geworden:  und  jeder  wollte  nun  auch  von  Haus  aus 
Römer,  guter  Bürger  des  römischen  Gemeinwesens  gewesen  sein. 
Das  widersprach  freilich  in  entschiedenster  Weise  der  Geschichte 
selbst.  Diese  Könige,  d.  i.  Gemeinden,  waren  der  Mehrzahl  nach 
in  Wirklichkeit  ursprünglich  Fremde,  ja  Feinde  gewesen;  die  Ent- 
wicklung der  Stadt  hatte  sich  vielfach  in  erbitterten  Fehden,  in 


1)  So  ist  Romulus  in  gleicher  Weiae  der  Eponym  der  Ramnes,  „der 
Bamne"  sclilechthiD,  wie  das  Abbild  des  Mars.  Das  tritt  namentlicli  bei 
seiner  Gebort  und  bei  seinem  Tode,  resp.  seiner  Himmelfahrt  hervor.  Ähn- 
lich verhält  es  sich  mit  den  übrigen  Königen:  vgl.  im  einzelnen  später. 
Wenn  ich  übrigens  von  „dem  Stammgotte**  spreche,  so  soll  damit  nicht 
gesagt  sein,  dafs  ich  jedem  Stamme,  jeder  Gemeinde  ihre  bestimmte  ein- 
zelne Gottheit  zuweise:  aber  die  Verbindung  des  Eponymen  erfolgt  regel- 
mäfisig  mit  demjenigen  Gotte,  der  seinem  Charakter  nach  zu  dem  Eponymen 
die  nächste  Beziehung  und  mit  ihm  die  gröfste  Übereinstimmung  aufweist. 


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—     28     - 

blutigen  Kämpfen  vollzogen,  und  hätte  man  diese  zum  Ausdruck 
bringen  wollen,  so  würde  die  ältere  Geschichte  der  Stadt  ein 
durchaus  anderes  Aussehen  erhalten  haben,  als  sie  jetzt  zeigt. 
Aber  damit  wäre  auf  die  Mehrzahl  derjenigen  Elemente,  aus  denen 
die  Stadt  erwachsen  war,  ein  höchst  bedenkliches  Licht  gefallen: 
so  regte  sich  naturgemäls  das  Streben,  die  Spuren  der  alten 
Gegensätze  zu  verwischen.  Die  einstigen  Kämpfe  wurden  absicht- 
lich in  der  Erinnerung  getrübt,  durch  Fälschung  getilgt,  in  der 
Tradition  gemildert  oder  ganz  aus  ihr  hinausgeworfen.  Die  spä- 
tere Darstellung  der  ältesten  romischen  Geschichte  —  der  Königs- 
zeit wie  auch  der  frühesten  Zeit  der  Republik  —  läfst  in  der 
Fassung,  in  der  wir  sie  allein  oder  fast  allein  kennen,  nichts, 
oder  doch  nur  verhältnismäfsig  sehr  wenig  davon  ahnen,  welche 
Krisen  die  Entwicklung  der  Stadt  oder  des  Staates  hat  durch- 
machen müssen,  bis  diese  für  alle  Gemeindeelemente  in  gleicher 
Weise  zur  Grundlage  des  gesamten  Lebens  und  Wirkens  wurde. 
Dieser  Standpunkt  des  falschen  Patriotismus^)  ist  es  also,  welcher 
im  höchsten  Grade  die  ältere  Geschichte,  wie  sie  sich  nament- 
lich an  die  Königsnamen  anknüpft,  gefälscht  hat. 

Als  drittes  Moment,  welches  auf  die  Gestaltung  der  älteren 
Geschichte  der  Stadt  einen  bedenklichen  Einflufs  geltend  gemacht 
hat,  kommt  noch  die  merkwürdige  Kombinationslust  der  römischen 
Priester  und  Antiquare  in  Betracht.  Die  alten  Traditionen  und 
Institutionen,  die  antiquarischen,  sowie  Staats-  und  sakralrecht- 
lichen Ausdrücke  waren  im  Laufe  der  Zeit  in  ihrer  eigentlichen 
und  ursprünglichen  Bedeutung  dem  Bewufstsein  entschwunden: 
und  doch  suchte  man  überall  nach  Klarheit,  nach  Verständnis 
dieser  Dinge.  So  kombinierte  nun  die  gewöhnlich  nicht  über 
den  Standpunkt  der  Schülerhaftigkeit  sich  erhebende  Priester- 
weisheit mit  der  gröfsten  Freiheit,  ja  mit  einer  unerhörten  Will- 
kür und  suchte  sich  auf  diese  Weise  alte,  nicht  mehr  vorhan- 
dene Sagen,  Institutionen,  Begriffe  mundgerecht  und  verständlich 
zu  machen.  Dabei  waren  ihrem  beschränkten  Standpunkte  die 
äufserlichsten  Ähnlichkeiten,  die  trivialsten  Beziehungen  natur- 
gemäls die  liebsten,  an  die  sie  sich  zur  Deutung  von  Traditionen, 
Begriffen,  Institutionen  hielt.  Namentlich  ist  hier  die  geradezu 
unglaubliche  Etymologisierungssucht  hervorzuheben:  der  entfern- 


1)  Von  diesem  wird  die  folgende  Einzelforscbong  eine  Reihe  von  Bei- 
spielen anzuführen  haben. 


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—     29     — 

teste  Gleichklang  von  Worten,  von  Ausdrücken  brachte  dazu, 
auch  die  Begriffe  innerlich  in  Beziehung  zu  bringen,  den  einen 
ans  dem  andern  sachlich  abzuleiten.  Diese  Kombinationen  und 
Deutungen  werden  uns  nun  von  den  Antiquaren  überliefert,  welche 
sie  entweder  selbst  sich  zurecht  machen,  oder  sie  als  feststehende 
Erklärungen  und  Definitionen  den  priesterlichen  Kreisen  resp. 
den  Schriften  der  Pontifices,  Augures  etc.  entnehmen:  und  es  er- 
fordert in  jedem  einzelnen  Falle  die  schärfste  Kritik,  diese  ge- 
machten Kombinationen  und  Folgerungen  von  dem  echten  Ge- 
halte älterer  Traditionen  zu  sondern.^) 

Denn  solche  ältere  Traditionen  sind  in  der  That  vorhanden 
gewesen  und  es  würde  ein  schwerer  Fehler  sein,  alles,  was  sich 
an  die  einzelnen  Königsnamen  knüpft,  als  gleichmäfsig  wertlos 
und  unglaubwürdig  zu  verwerfen.  Man  mufs  in  Erinnerung  be- 
lialten,  dafs  die  Bedeutung  der  Königsnamen  resp.  der  Könige 
selbst  als  der  Repräsentanten  verschiedener  Bevölkerungs-  und 
Gemeindeelemente  erst  sehr  allmählich  dem  Bewufstsein  sich  hat 
entziehen  können  und  nachweislich  sich  entzogen  hat.  Waren 
die  einzelnen  Königsnamen  wirklich,  wie  wir  angenommen  haben ^ 
die  Repräsentanten  verschiedener  Einzelgemeinden,  die  dem  ent- 
sprechend ursprünglich  an  gesonderten  Teilen  und  Hügeln  der 
Stadt  hafteten*),  in  bestimmten  Bevölkerungselementen  wurzelten, 
so  wäre  eine  Ignorierung  dieses  ihres  ursprünglichen  Wesens, 
dieser  ihrer  bestimmten,  ja  vielfach  gegensätzlichen  Einzelbedeu- 
tnng  von  Seiten  der  ältesten  Geschichtsschreibung  geradezu  un- 
möglich gewesen.  Erst  sehr  allmählich  hat  sich  eine  Umgestal- 
tung der  alten  Einzelsagenkreise,  eine  Ausgleichung  der  verschie- 
denen sich  widersprechenden  Traditionen  vollziehen  können.  Die 
Tendenz  der  Pontifices,  denen  bekanntlich  die  Aufgabe,  die  Ge- 
schichte der  Stadt  zu  schreiben,  zugefallen  war,  hat  freilich  augen- 

1)  Varro ,  Verrius  u.  A.  bieten  eine  fast  Tmerschöpfliche  Fülle  solcher 
EombinatioDen  und  Etjmologieen. 

2)  So  allein  erklärt  es  sich»  dafs  die  verschiedenen  Könige  mit  ein- 
seinen Hügeln  als  ihren  Wohnstätten  zusammengebracht  werden,  was  Jor- 
dan 1,  1,  157  freilich  als  der  albanischen  Königstafel  an  Ärmlichkeit  gleiche 
Erfindung  bezeichnet  Ambrosch  gebührt  das  hohe  Verdienst,  auf  den  Wert 
dieser  Traditionen  mit  Entschiedenheit  hingewiesen  zu  haben ;  vgl.  nament- 
lich seine  Studien  und  Andeutungen  im  Gebiet  des  altrömischen  Bodens 
und  Kultus.  Heft  1.  Breslau  1889.  Es  ist  nur  zu  bedauern,  daCs  die  zu 
seiner  Zeit  natnrgemftfs  noch  nicht  so  sichere  topographische  Forschung  ihn 
^el&ch  zu  falschen  Kombinationen  und  unrichtigen  Schlüssen  verleitet  hat. 


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—     30    — 

schemlich  von  Anfang  an  das  Ziel  verfolgt^  die  Entwicklung  der 
Stadt  so  einheitlich  und  ungestört  wie  möglich  darzustellen:  aber 
sie  hat  dieses  Ziel  doch  erst,  wie  gesagt,  sehr  allmählich  und 
vollkommen  niemals  erreichen  können.  So  fliefst  die  Geschichte 
der  älteren  Perioden  der  Stadtentwicklung,  wenigstens  in  der 
Form,  wie  wir  sie  allein  kennen,  wohl  in  einem  Strome  dahin: 
aber  überall  vermögen  wir  noch  die  verschiedenen  Quellen  und 
Bäche  zu  sehen,  die  erst  allmählich  in  den  einen  Strom  gelei- 
tet sind,  und  die  Kunst  und  den  Zwang  zu  erkennen,  die  erfor- 
derlich gewesen  sind,  jene  einheitliche  Richtung  des  Stroms  zu 
erzielen. 

So  haben  wir  ein  Recht,  die  Tradition  der  Königszeit,  wenn 
auch  im  Laufe  der  Zeit  getrübt  und  gefälscht,  doch  in  ihrem 
ursprünglichen  Kerne  als  echt  und  glaubwürdig  aufzufassen.  Als 
die  Priester  daran  gingen,  die  Überlieferungen,  wie  dieselben  sich 
an  die  einzelnen  Könige  d.  i.  Gemeinderepräsentanten  knüpften, 
zu  ordnen,  zu  verarbeiten,  in  eine  zusammenhängende  Geschichte 
zu  bringen,  konnten  sie  den  ursprünglichen  Charakter,  die  unter- 
scheidenden Merkmale,  die  mannigfaltigen  Einzelbeziehungen  dieser 
Sondergestalten  nicht  ohne  weiteres  ignorieren,  wenn  sie  nicht 
der  damals  noch  lebendig  flutenden  und  ihrem  Kerne  nach  auf 
Wahrheit  beruhenden  Sage  geradezu  ins  Gesicht  schlagen  woll- 
ten. Und  wenn  uns  demnach  die  einzelnen  Königsgestalten  in 
Verbindung  mit  bestimmten  Lokalen,  Institutionen,  Ereignissen 
entgegentreten,  so  haben  wir  darin  nicht  von  vornherein  eine 
willkürliche  Erfindung  der  Priester  zu  erkennen  —  die  als  solche 
in  den  meisten  Fällen  ganz  unverständlich  und  unerklärlich  sein 
würde  — ,  sondern  die  Wiedergabe  der  echten  Tradition,  die  sie 
wohl  in  einzelnen  Fällen  absichtlich  und  planmäfsig  umgestalten 
und  fälschen  konnten,  der  sie  aber  im  grofsen  und  ganzen  sich 
anschliefsen  mufsten,  wenn  sie  eben  mit  ihrer  Darstellung  über- 
haupt Glauben  finden  wollten.^)     Die  Kontinuität  der  Tradition 


1)  Es  muls  hier  darauf  hingewiesen  werden,  dafs  die  Priesterkollegien 
nnd  Sodalitöten  durchgehend  auf  Kooptation  beruhten:  wie  ist  es  da  denk- 
bar, dafs  die  von  Haus  aus  doch  unzweifelhaft  vorhandenen  Sondertraditio- 
nen in  diesen  Vereinigungen  sich  rasch  verloren  unb  verwischt  haben  soll- 
ten? So  waren  die  Sodales  Titii  ausdrücklich  retinendis  Sabinorum  sacris 
eingesetzt  und  müssen  demnach  die  titischen  Traditionen  ex  officio  gepflegt 
haben;  die  Kollegien  der  Salii,  der  Luperci,  der  firatres  Arvales  femer  er- 
gänzten sich,  wie  bemerkt,  selbst,  womit  eine  Erhaltung  resp.  allmähliche 


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—    31     — 

ist  also  —  das  dürfen  wir  mit  vollem  Rechte  aussprechen  — 
nicht  durch  die  Priester  unterbrochen:  sondern  nur  allmählich 
in  ein  Bett  geleitet^  in  welchem  die  bis  dahin  gesondert  fliefsen- 
den  Überlieferungen  sich  fanden,  sich  ausglichen,  sich  verschmol- 
zen. Es  kann  demnach  wohl  Aufgabe  der  Forschung  sein,  diese 
Umbildung  und  Fälschung  der  Tradition  in  ihren  einzelnen  Zügen 
zu  verfolgen :  damit  hört  diese  selbst  nicht  auf,  eine  Hauptquelle 
für  unsere  Kenntnis  der  älteren  Perioden  der  Stadtgeschicht«  zu 
bleiben. 

Als  letztes  Moment  endlich,  welches  auf  die  Entstellung  der 
ältesten  romischen  Geschichte  eingewirkt  hat,  ist  die  mafslose 
Ruhmredigkeit  der  spätem  Zeit  zu  bezeichnen.  Die  Römer  litten 
—  so  kann  man  sich  ausdrücken  —  unter  den  mächtigen  Dimen- 
sionen der  späteren  Verhältnisse  von  Stadt  und  Staat.  Dafs  Rom 
einst  klein  gewesen,  konnte  man  sich  theoretisch  wohl  einreden 
und  glauben:  im  einzelnen  dieses  praktisch  zu  entwickeln,  ver- 
mochte man  nicht  mehr.  So  steht  nach  der  späteren  im  Umlauf 
befindlichen  Darstellung  die  Stadt  sofort  mit  ihrer  Gründung  als 
GroJBstadt  da:  die  Hirtenfehden,  die  Bauernkämpfe  werden  zu 
gewaltigen,  kunstmäfsig  geführten  Kriegen  mächtiger  Städte  und 
Staaten,  zu  denen  die  Anschauung  und  die  Technik  später  Zeit 
Züge  und  Farben  lieferi  Man  mufs  also  immer  erst  die  Ver- 
hältnisse der  Königszeit  von  den  Mafsen  der  Darstellung,  in  der 


Weiterbildang  der  ursprünglichen  Traditionen  und  sacralen  Legenden  von 
selbst  verbunden  ist.  In  Bezug  anf  die  Angnres  erkennt  man  namentlich 
aas  Cic.  de  domo  15,  39  die  Lebendigkeit  der  Tradition,  der  gegenüber 
die  schriftliche  Fixierung  durch  die  commentarii  angurum  resp.  durch  die 
libri  reconditi  (Cic.  de  nat.  deor.  2,  18.  42.  Serv.  Aen.  1,  398)  sehr  zurück- 
tritt Einzelne  Geschlechter  —  die  Potitii  und  Pinarii,  die  Fabii  und  Quin- 
ctilii,  die  Curiatii  und  Horatii  u.  a.  —  pflegten  gleichfalls  uralte  Gebrauche 
und  Sagen  und  müssen  dieselben  naturgemäfs  mit  Zähigkeit  festgehalten 
haben.  Auch  den  älteren  Überlieferungen  der  Stadt  entgegengesetzte  Kulte  und 
Traditionen,  wie  die  an  die  dii  adventicii  des  Caelias  sich  knüpfenden  und 
in  sacri£cia  gentilicia  sich  fortpflanzenden  (vgl.  Cap.  6),  haben  sich  bis  in 
die  späteste  Zeit  erhalten  und  müssen  notwendig  Sonderkreise  der  Sage 
geschaffen  resp.  erhalten  haben,  die  nicht  ohne  weiteres  ignoriert  werden 
konnten.  Man  könnte  noch  eine  ganze  Reihe  von  Momenten  hinzufügen, 
welche  die  Notwendigkeit  erkennen  lassen,  dafs  eine  künstliche  Ausglei- 
chung aller  dieser  gesonderten  Sagen-  und  Kultkreise  im  günstigsten  Falle 
durch  eine  systematische  Einwirkung  von  Seiten  der  Annalisten,  der  Ponti- 
fices  etc.  allmählich  erzielt,  keineswegs  aber  mit  einem  Schlage  und  voll- 
kommen jedenfalls  niemals  erreicht  werden  konnte. 


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-     32     — 

sie  uns  entgegentreten;  auf  die  ihnen  gebührenden  ursprünglichen 
Mafse  reduzieren,  ehe  man  an  ihre  Erklärung  geht.  Das  allmäh- 
liche Werden  der  Stadt,  ihr  schrittweise  erfolgendes  Entstehen 
und  Anwachsen  aus  dem  föderativen  Zusammenschlufs  kleiner 
Dorf-  und  Gemeindeansiedlungen  mufs  man  sich  erst  aus  solchen 
Momenten  heraussuchen  und  klarmachen,  die  unbeeinflufst  von 
Priestermache  und  Ruhmredigkeit  geblieben' sind. 

Und  damit  kommen  wir  zu  einem  Moment,  welches  noch 
einer  ganz  besonderen  Hervorhebung  bedarf.  Es  ist  natürlich, 
dafs  zur  Aufhellung  der  älteren  Geschichte  der  Stadt  alles,  was 
hierfür  in  Betracht  kommt,  herangezogen  und  erforscht  werden 
mufs:  Lokale  und  Denkmäler,  Institutionen  und  Kulte,  Mythen, 
Sagen  und  Traditionen  sind  in  gleicher  Weise  zu  berücksichtigen 
und  zu  verwerten.  Was  man  aber  in  ganz  ungebührlicher  Weise 
bislang  unterschätzt,  ja  ignoriert  hat,  ist  das  Sakralrecht:  und 
doch  ist  kein  Gebiet  des  römischen  Altertums,  wo  es  sich  um 
Aufhellung  der  ältesten  Perioden  des  römischen  Lebens  handelt, 
wichtiger  als.  dieses.^)  Namentlich  aber  ist  es  eine  Seite  der 
römischen  Sakralaltertümer,  auf  die  man  bislang  so  gut  wie  gar 
nicht  geachtet  hat:  das  ist  der  eminent  historische  Gehalt  der- 
selben. .  Man  betrachtet  durchschnittlich  das  römische  Sakralrecht 
viel  zu  sehr  für  sich  und  beschränkt  es  auf  das  religiöse  und 
kultliche  Leben,  ohne  zu  bedenken,  dafs  dasselbe  einst  alle 
Seiten  des  Lebens  —  und  um  so  intensiver,  je  wichtiger  diese 
waren  —  weihend  und  heiligend  und  zugleich  religiös  bindend 
und  verpflichtend  durchdrungen  hat.  Jede  staatliche  Listitution, 
wie  sie,  von  kleinerem  zu  gröfserem  Kreise  fortschreitend,  die 
Bürger  und  Angehörigen  desselben  zu  gleichen  Rechten  und  Pflich- 
ten umfafst,  ist  zugleich  für  die  römische  Auffassung  —  speziell 
der  älteren  Zeit  —  eine  religiöse,  eine  sakrale  Institution,  die 
gerade  nach  dieser  Richtung  hin  am  bindendsten,  ja  allein  bin- 
dend ist.  Jede  Staatsform  —  im  weitesten  Sinne  des  Ausdrucks  — 
hat  demnach  eine  entsprechende  Kultform  geschaflfen,  sei  es,  dafs 
sie  selbst  zugleich  als  solche  angesehen  und  behandelt  ist,  oder 


1)  So  verdienstvoll  manche  neaere  UntersuchuDgen  sind  and  so  vor- 
trefflich die  allgemeine  Darstellung  des  Gesamtstoffs  von  Marquardt  (röm. 
Staatsverw.  Bd.  3.  Leipzig  1878)  den  jetzigen  Stand  unseres  Wissens  und 
Verstehens  von  den  sakralen  Institutionen  Roms  darlegt,  so  bleibt  das  Wort 
von  Bouchä-Leclercq  (les  pontifes  de  Tancienne  Biome.  Paris  1871)  auch  heute 
noch  gültig:  Fhistoire  des  institutions  religieuses  ä.  Rome  est  encore  k  faire. 


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—     33     -^ 

—  wo  das  nicht  möglich  —  sei  es,  dafs  ihr  eine  das  politische 
Verhältnis  in  religiöser  Form  aussprechende  parallele  Kultform 
zur  Seite  gestellt  ist.  ^)  Auf  diese  Weise  haben  alle  die  einzel- 
nen Phasen  der  stadtischen  und  der  staatlichen  Entwicklung, 
sowie  die  einzelnen  Faktoren  des  Stadt-  und  des  Staatsorganis- 
mos  zu  kultlichen  und  sakralen  Parallelschopfungen  geführt^  aus 
denen  man  auf  die  ihnen  entsprechenden  politischen  Institutionen 
zorückzuschlielsen  befugt  ist.  Denn  während  die  Formen  der 
Entwicklung  von  Stadt  und  Staat  —  wie  es  selbstverständlich 
ist  —  wandelbar  gewesen  sind  und  unter  dem  Einflüsse  neu  hin- 
zutretender Momente  und  Thatsachen  andern  Formen  und  Insti- 
totionen  gewichen  sind,  sind  jene  kultlichen  Parallelschöpfungen, 
resp.  die  religiös  bindenden  Momente  der  Staatsformen  selbst,  aus 
superstitiösen  Motiven  bestehen  geblieben  und  haben  sich  als  die 
redenden  Zeugen  und  Repräsentanten  früherer  Entwicklungsphasen 
darch  alle  Wandlungen  der  Stadt-  und  politischen  Geschichte  er- 
halten. Und  mochte  einer  spätem  Zeit  auch  völlig  das  Ver- 
ständnis des  ursprünglichen  Wesens,  der  einstigen  Bedeutung 
dieser  Kultformen  abhanden  gekommen  sein,  dieselben  vollziehen 
sich  dennoch  mit  derselben  Genauigkeit  und  Skrupulosität  wie 
einst,  wo  sie  wirklich  Leben  und  Bedeutung  gehabt  hatten.  Aber 
gerade  in  diesem  starren  Festhalten  der  alten  Formen,  auch  dann, 
wenn  sie  den  wirklichen  Verhältnissen  nicht  mehr  entsprachen, 
liegt  die  hohe  Wichtigkeit,  der  besondere  Wert  derselben,  eben 
•weil  sie  gerade  so  auf  einstige  thatsächliche  Verhältnisse,  die  im 
Laufe  der  Zeit  der  Umwandlung  oder  dem  Vergehen  anheim- 
gefallen waren,  ein  helles  Licht  werfen.  Sie  reden  eine  Sprache, 
die,  so  altertümlich  sie  klingen  mag,  doch  für  den,  der  einmal 
in  ihre  Ausdrucksweise  sich  eingelebt  hat,  klar  und  verständlich  . 
ist.  Und  ein  Übertragen,  ein  .Übersetzen  —  wenn  ich  mich  so 
ausdrücken  darf  —  dieser  Kultsprache  nach  ihren  Formen  und 
Formeln  in  die  ihr  entsprechende  Ausdrucks-  und  Darstellungs- 
weise der  eigentlich  historischen  Entwicklung  von  Stadt  und  Staat 
ist  gewöhnlich  mit  nicht  zu  grolsen  Schwierigkeiten  verbunden: 

1)  Wenn  Jordan  1,  1.  199  Anm.  77  fragt: 'setzen  denn  alle  sakralen 
Kollegien  selbständige  (Gemeinden  vorans?  so  ist  diese  Frage  allerdings 
in  der  Hauptsache  zu  bejahen;  aber  mit  der  Einschränkung,  dafs  jene 
wiederholt  auch  die  einzelnen  Phasen  der  Geschichte  des  Wechsel- 
Verhältnisses  der  verschiedenen  Gemeinden  zum  Ausdruck  zu  bringen  be- 
stimmt sind. 

Gilbert,  Oeicb.  u.  Topogr.  Borns.  ,  8 

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-     34     — 

es  ist  möglich,  auf  diese  Weise  die  Hauptphasen  der  stadtischen 
und  staatlichen  Entwicklung  wieder  aufleben  zu  lassen. 

Von  diesem  Standpunkte  aus  betrachtet  ist  die  Geschichte 
der  Stadt  die  Geschichte  ihrer  sacralen  Institutionen:  und  wenn 
ich  glaube,  auf  den  folgenden  Blättern  die  Stadtgeschichte  Roms 
in  manchen  Punkten  klarer  zeichnen  zu  können,  als  dies  bislang 
geschehen  ist,  so  stütze  ich  mich  für  diese  Überzeugung  haupt- 
sächlich gerade  auf  die  eben  dargelegte  Auffassung  des  römischen 
Sakralrechts.  Fassen  wir  das  römische  Recht  im  allgemeinen 
als  den  einfachsten  und  zugleich  erschöpfendsten  Ausdruck  aller 
Verhältnisse,  wie  sie  zwischen  den  einzelnen  Personen  —  den 
cives  Romani  —  sich  gestalten  konnten  und  in  immer  wieder- 
kehrenden, wenn  auch  kasuistisch  noch  so  wechselnd  zur  Erschei- 
nung kommenden  Einzelfällen  sich  wirklich  gestalteten:  so  ist 
dieses  Sakralrecht  eben  nur  ein  Teil  dieses  allgemeinen  Rechts.^) 
In  seinen  Formen  und  Formeln  prägt  sich  das  Wechselverhält- 
nis zwischen  den  verschiedenen  Einzeldörfern,  Städten  und  Ge- 
meinden, aus  denen  die  spätere  Gesamtstadt  erwachsen  ist,  den 
adäquatesten  Ausdruck:  nur  dafs  diese  Formen,  wie  es  die  glaubens- 
frohe und  glaubensbedürftige  Zeit  eben  verlangt,  in  ihrer  ver- 
bindenden Kraft  nicht  —  oder  wenigstens  nicht  allein  —  an  diese 
realen  Verhältnisse,  deren  Ausdruck  sie  zunächst  dienen,  selbst 
sich  wenden,  sondern  zugleich  sich  an  den  Himmel  knüpfen  uiid 
seine  Mächte  zu  Zeugen  und  Schützern  herbeirufen. 

und  damit  kommen  wir  zu  einem  letzten  Momente,  welches, 
wenn  es  auch  mit  den  eben  erörterten  in  engstem  Zusanmien- 
hange  steht,  doch  noch  besonders  hervorgehoben  werden  mufs: 
es  ist  das  die  römische  Götterwelt.  Für  die  Erkenntnis  dieser 
steht  uns  „die  älteste  aller  aus  dem  römischen  Altertum  auf  uns 
gekommenen  Urkunden",  wie  sie  Mommsen^)   mit  Recht  nennt, 

1)  Vgl.   Ulpian.  Institut.  1   (Dig.  1,  1,  2):  publicum  ius  in  aacris  in 
«  sacerdotibus  in  magistratibuB  consistit:  das  Sacralrecht  erscheint  demnach 

als  integrierender  Bestandteil  des  Staatsrechts. 

2)  ßOm.  Gescb.  1,  164:  Ich  zitiere  nach  der  6.  Aufl.  1868,  die  —  so- 
weit ich  sehe  —  in  allen  Stücken  mit  der  neuesten  7.  Aufl.  Bd.  1.  1881 
gleichlautend  ist.  Vgl.  aöch  Jiommsens  Worte  im  C.  I.  L.  1,  p.  376:  vere 
igitur  contendimus  laterculum  supra  propositum  eum  ipsum  esse,  quem 
Numae  regi  tribuerunt  Romanae  antiquitatis  enarratores,  id  est  quo  com- 
prchendantur  feriae  cae,  quarum  originis  memoria  non  exstet.  Die  An- 
gaben der  einzelnen  Kaiendarien  zitiere  ich  nach  Mommsens  Ausgabe  im 
C.  I.  L.  I,  p.  293  —  860:  dazu  sind  seine  commentarii  p.  861fr.,  besonders 


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das  ist  das  Verzeichnis  der  ofifentlichen  und  benannten  Festtage, 
der  Feriae  publicae,  im  Kalender  zu  Gebote.  Die  hohe  histo- 
rische Bedeutung,  die  in  dieser  Urkunde  liegt,  ist  noch  von  nie- 
mandem genügend  gewürdigt  worden:  und  der  allmählichen  Ent- 
stehung, dem  schrittweise  sich  aneinander  Schliefsen  dieser  Götter 
und  Feste  zu  einem  einheitlichen  System  werden  wir  in  unseren 
Untersuchungen  zu  folgen  haben.  Wir  werden  sehen,  wie  der 
Gotterkreis  und  der  Festcyklus,  welcher  in  dieser  Urkunde  zum 
Ausdruck  kommt,  allein  und  ausschliefslich  den  ältesten  Gemein- 
den und  Bevölkerungselementen,  von  denen  die  Bildung  von  Stadt 
und  Staat  ausgegangen  ist,  angehört;  und  wie  es  denmach  lati- 
nische, genauer  gesprochen  ramnische  oder  römische  Gemeinden 
mit  ihren  Göttern  sind,  die  sich  in  den  Mittelpunkt  der  Ent- 
wicklung gestellt  habeU;  um  andern  fremden  -—  sabinischen  und 
taskischen  —  Gemeinden  nur  das  Recht  einzuräumen,  sich  an 
sie  und  ihre  Ordnungen  empfangend  und  teilnehmend  anzuschlie- 
feen.  Rom  ist  geworden  durch  das  Ai^inanderschliefsen  kleiner 
Einzelgemeinden:  als  der  Ausgangspunkt  aber  und  Erystallisations- 
kem  dieses  langdauernden  und  unter  mannigfachen  Störungen 
und  Unterbrechungen  sich  vollziehenden  Prozesses  ist  das  ram- 
nische Stammeselement  auf  und  an  dem  Palatin  anzusehen. 


seine  commentarii  diami  p.  382  —  412  zu  vergleicheo.  Die  KenntniB  des 
rOmiachen  Kalenders  hat  übrigens  seit  dem  Erscheinen  des  ersten  Bandes 
des  C.  I.  L.  dnrch  die  AnffindoDg  weiterer  gröfserer  Stücke  der  acta  fra- 
tmm  Arvalinm,  speziell  des  dazu  gehörigen  Kalenders,  eine  bedeutsame 
Erweiterung  erfahren,  infolge  dessen  alle  Kaiendarien  noch  einmal  im  C. 
L  L.  VI,  1.  p.  625  —  639  abgedruckt  sind:  die  Acta  Arvalium  das.  p.  469 
— 590.  Auf  einzelne  Angaben  dieser,  sowie  auf  erläuternde  Behandlungen 
derselben  von  Seiten  Jordans,  Mommsens  etc.  wird  betr.  Orts  zu  verweisen 
sein.  Hier  seien  auch  zugleich  die  chronologischen  Lehrbücher  erwähnt, 
welche  mit  diesen  Fragen  sich  beschäftigen:  Mommsen  Rom.  Chronol.  bis 
auf  Caesar.  2.  Aufl.  Berlin  1858.  Huschke  das  alte  röm.  Jahr  und  seine 
Tage.  Breslau  1869.  0.  £.  Hartmann  der  röm.  Kalender.  Herausg.  von 
L.  Lange.  Leipzig  1882.  An  dieser  Stelle  führe  ich  endlich  überhaupt  die 
Sammlung  der  Stadtinschriften  an:  C.  L  L.  VI,  1.  2.  Edidd.  E.  Bormann 
et  6.  Henzen.     Berolini  1876.  82. 


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—     36     — 


Z^^^eites  Kapitel. 
Die  DSrfer  des  Westpalatinns. 

Die  Sage  knüpft  einstimmig  die  Ursprünge  der  Stadt  an  den 
Palatinus*):  imd  in  der  That  weisen  alle  Momente  darauf  hin, 
dafs  die  Überlieferung  hierin  der  Wahrheit  entspricht  und  dafs 
demnach  an  und  auf  dem  Palatinus  die  Anfange  der  Stadtbildung 
Roms  zu  suchen  sind. 

Der  palatinische  Berg,  wie  er  sich  heute  dem  Blick  darbietet, 
ist  eine  einheitliche  Höhe,  etwa  35  M.  über  den  jetzt  bedeutend  er- 
höhten Boden  der  antiken  Stadt  sich  erhebend,  mit  einem  Umfange 
von  etwa  1800  M.^  Er  bildet  ein  unregelmäfsiges  Viereck,  dessen 
Seiten  im  Verhältnis  zu  den  vier  Weltgegenden  wie  verschoben  er- 
scheinen und  fast  überall  mehr  oder  weniger  schroff  abfallen.^)   Auf 


1)  Vgl.  Fest.  p.  266  s.  v.  Romain:  die  hier  vereinigten  Traditionen 
der  hellenischen  Historiker  gehen,  so  widersprechendes  sie  im  einzelnen 
bieten,  doch  durchgehend,  entweder  stillschweigend  oder  ausdrücklich,  vom 
Palatinus  aus.  Vgl.  auch  die  Erzählung  des  Diocles  von  Peparethos  bei 
Plnt  Rom.  3,  dessen  Angabe  bei  Fest.  a.  0.  ohne  Zweifel  verloren  ge- 
gangen ist  Damit  stimmen  bekanntlich  die  Angaben  der  römischen  Schrift- 
steller durchaus  überein,  wofür  es  genügt,  auf  Varro  6,  164.  6,  24.  34.  Liv. 
1,  7  (Palatium  primum  —  muniit).  12  (in  Palatio  prima  urbi  fundamenta 
iecit).  33  (Palatium  sedes  veterum  Romanorum).  Dion.  1,  87  (noXC^Bi  tb 
naXldvtiav)  u.  a.  Si  Dio  fr.  4,  16.  6,  2.  Diod.  8,  6  (Bekk.).  Tac.  ann.  12, 
24  zn  verweisen. 

2)  Vgl.  Visconti-Lanciani  guida  del  Palatino  Roma  1873.  S.  9:  „il 
monte  Palatino  ha  metri  1744  di  circonferenza:  la  sua  sommita  nel  piü 
elevato  punto  s^innalza  metri  61,20  sul  livello  del  mare;  metri  36,40  sull"" 
antico  piano  di  Roma;  metri  32,00  su  quello  di  Roma  moderna;  come  per 
esempio  suU'  odiemo  pavimento  della  via  Trionfale.  £  il  meno  elevato  ed 
il  men  grande  dei  sette  colli  di  Roma*S  Über  die  physische  Beschaffenheit 
des  Hügels,  die  sich  in  keinem  wesentlichen  Punkte  von  derjenigen  der 
übrigen  Hügel,  wie  wir  sie  oben  S.  6  ff.  kennen  gelernt  haben,  unterscheidet, 
vgl.  die  Worte  M.  St.  de  Rossis  das.  S.  9ff. 

8)  Vgl.  Visconti-Lanciani  a.  0.  S.  8:  „la  figura  della  pianta  di  questo 
colle  ^  un  trapezio  che  molto  si  accosta  al  quadrato.  Quindi  h  che  la 
citt4  primitiva,  e  specialmente  il  suo  pomerio,  riusci  di  forma  quasi  qua- 
drata;  ond*  ebbe  il  nome  di  Roma  Quadrata.  I  quattro  lati  del  monte 
non  corrispondoDO  peraltro  esattamente  ai  quattro  venti  cardinali,  ma  ne 
sono  feriti  alquanto  in  obliquo".  Der  Kürze  wegen  bezeichne  ich  mit  W. 
die  genauer  gegen  NV^.  orientierte  Seite  des  Hügels  und  dem  entsprechend 
auch  die  andern  Seiten  einfach  mit  N.;  0.,  S. 


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—     37     — 

allen  Seiten  umgeben  von  Thalniederuugen  erscheint  der  palatinische 
Berg  selbst  wie  der  gegebene  Mittelpunkt,  die  natürliche  Festung 
dieser  Ebenen,  die  sich  wie  schutzbedürftig  an  ihn  anlehnen.^) 

Es  ist,  um  sich  ein  richtiges  Bild  von  der  ursprünglichen 
Gestalt  des  palatinischen  Bergs  zu  machen,  festzuhalten,  dafs  der- 
selbe namentlich  gegen  N.  und  NW.  nicht  unwesentliche  Um- 
gestaltungen erfahren  hat.  Der  Palast  des  Caligula  —  Ober 
S.  Maria  Liberatrice  —  hat  sich  beträchtlich  über  den  eigent- 
lichen Rand  des  Bergs  hin  ausgedehnt:  und  wenn  auch  die  ur- 
sprüngliche Verbindung  dieses  Eaiserpalastes  selbst  mit  dem 
Dioskurentempel,  ja  mit  dem  Kapitole,  schon  von  Claudius  wieder 
aufgehoben  worden  ist^),  so  haben  doch  die  Ausgrabungen  ge- 
zeigt^ dafs  hier  machtige  Substruktionen  über  den  Rand  des  Berges 
hinübergegriffen  haben  und  auch  nach  dem  Abbruch  jener  Ver- 
bindung geblieben  sind.  ^  In  gleicher  Weise  ist  anzunehmen, 
dafs  die  famesischen  Gärten,  welche   sich  jetzt  weit  nach  dem 

1)  Am  bedentendsten  igt  die  westliche  Ebene,  zwischen  Palatinus  nnd 
Tiber.  Der  letztere  macht  hier  eine  kräftige  Biegnng  nach  0.,  sodafs  er 
an  dieser  Stelle  der  alten  Stadt  am  nächsten  kommt.  Die  Südwestecke  des 
Hagels  liegt  gerade  dem  Knie  dieser  Flofsbiegnog  gegenüber.  Von  der 
unmittelbar  nnter  dem  Palatinns  liegenden  Kirche  S.  Teodoro  bis  zum  Tiber- 
rande  habe  ich  c.  385  M.  gemessen  (dnrch  die  Via  Fenili,  Via  S.  Qiov. 
Decollato,  Via  Ponte  Rotto :  was  nicht  ganz  die  direkte  Entfernung  ist,  wes- 
halb man  etwa  ein  Viertel  jener  Somme  abziehen  mag):  von  S.  Anastada 
bis  xun  -Flusse  ist  eine  etwas  geringere  Entfernung.  Die  Thäler  im  S. 
zvischen  Palatinus  und  Ayentinus,  im  0.  zwischen  Palatinus  und  Caelius 
aind  enger,  im  N.  legt  sich  die  Ebene  des  Forum  mit  ihrer  östlichen  Fort- 
setzung vor.  Der  einzige  bequeme  Niedergang  von  der  Höhe  des  Hügels 
zam  Tbale  findet  nach  N.  zu  statt,  wo  er  unweit  des  Titusbogens  mündet; 
hier  ist  auch  der  Hauptfahrweg  im  Altertum  gewesen.    Darüber  später. 

2)  Über  den  Bau  des  Caligula  vgl.  vorläufig  Dio  Cass.  69,  28.  Suet 
Calig.  22.  Derselbe  ging  über  den  Dioskurentempel  und  die  Basilica  lulia 
(wie  deutlich  aus  loseph.  Ant  19,  1 ,  11  und  Suet.  Calig.  37  erhellt)  zum 
Capitole.  Dafs  diese  Verbindung  schon  unter  Claudius  aufgehoben  wurde, 
darf  man  aus  den  Worten  Dies  60,  6  dnidtDne  toig  Jtoa%ovQoig  top  vBtav 
schlielsen,  welche  zeigen,  dafs  durch  Claudius  der  Tempel  aufhörte,  ein 
Annex  des  Eaiserpalastes  zu  sein. 

3)  Die  bis  an  den  Fufs  des  Hügels  reichenden  mächtigen  Pfeiler  und 
Wölbungen  waren  von  Erdmassen  verschüttet  (Bull,  deir  Inst.  1866.  S.  366), 
haben  aber  natürlich  in  der  ursprünglichen  Anlage  des  Caligula  freigestan- 
den und  müssen  demnach  über  den  Hügelabhang  selbst  hinuntergereicht 
haben.  Sie  erscheinen  wie  hohe  übereinander  getürmte  Gemächer  und  Ge- 
schosse, die  durch  die  famesischen  Anlagen  zum  Teil  zu  Grotten  und  Sou- 
terrains umgeschaffen  worden  sind. 


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-     38     - 

Forum  zu  ausdehnen,  zum  grofsen  Teile  den  Berg  künstlich  nach 
N.  zu  erweitert  haben  ^)  und  dafs  dieser  demnach  auf  der  Nord- 
und  Nordwestseite  um  ein  nicht  unbeträchtliches  Stück  über 
seine  ursprüngliche  Gestalt  hinausgewachsen  ist. 

Abgesehen  von  diesen  späten  und  spätesten  Veränderungen 
erscheint  der  palatinische  Berg  —  so  weit  wir  heute  urteilen 
können  —  durchaus  als  ein  einheitlicher.  Es  ist  deshalb  sehr 
auffallend,  dafs  derselbe  in  einer  der  ältesten  sakralen  Urkunden, 
die  wir  überhaupt  besitzen,  in  drei  Sonderhöhen  zerlegt  uns  ent- 
gegentritt, welche  die  Namen  Palatium,  Cermalus  und  Velia 
tragen.*)  Es  ist  kein  Anzeichen  dafür  vorhanden,  dafs  diese  drei 
Höhen  an  Bedeutung  wesentlich  unter  einander  verschieden  ge- 
wesen seien,  sodafs  die  eine  übergewichtlich  über  die  andern 
beiden  hervorgeragt  habe:  die  Angehörigen  dieser  Einzelhöhen 
erscheinen  durchaus  als  die  gleichberechtigten  Glieder^)  eines  ur- 
alten Bundes,  der  sich  aber  nichi  allein  auf  diese  drei  Höhen 
des  Palatinus  beschränkt,  sondern  auch  auf  die  Höhen  des  be- 
nachbarten Esquilinus  ausgedehnt  und  so  einen  Verband  von 
sieben  Montes  gebildet  hat,  deren  Bewohner  sich  in  ihrer  Zu- 
sammengehörigkeit als  Montani  gefühlt  und  darnach  benannt 
haben.*)     Bis  in  die  späte  Eaiserzeit  hat  sich  das  Fest,  welches 


1)  Die  famesischen  Gärten  sind  eine  Schöpfung  des  Papstes  Paolo  III. 
Farnese  (1634—40),  der  dazu  die  Hilfe  der  berühmtesten  Künstler  seiner 
Zeit  in  Anspruch  nahm.  Der  Eingang  speziell  ist  ein  Werk  Yignolas.  Vgl. 
Yisconti-Lanciani  Guida  S.  63  ff.  Durch  die  Anlage  dieser  Gärten  mnfs  die 
ganze  nördliche  Seite  des  Palatinus  umgestaltet,  d.  h.  im  wesentlichen  vor- 
geschoben sein. 

2)  Die  sieben  einzelnen  Montes,  welche  sich  an  dem  Feste  des  Septi- 
montium  beteiligten,  sind  —  auch  hier  wohl  nach  Antistius  Labeo  —  bei 
Fest.  340  und  341  aufgezählt:  darnach  korrigiert  sich  die  ausführlichere 
Angabe  das.  348,  wo  Caelio  monti  eingeschoben  ist.  So  schon  Bunsen  Be- 
schr.  Roms  1,  686  f.  Auf  die  übrigen  Montes  sowie  auf  ihre  Vereinigung  und 
das  dieser  Vereinigung  entsprechende  Fest  selbst  komme  ich  Kap.  4  zurück. 

3)  Diese  ursprüngliche  Gleichberechtigung  aller  sieben  Montes  kommt 
in  dem  Opfer  zum  Ausdruck,  welches  in  septem  locis  (Paul.  p.  341)  bei 
der  Prozession  stattfand:  diese  sieben  Stellen,  an  denen  geopfert  wird,  ent- 
sprechen eben  den  sieben  Montes,  von  denen  also  keiner  bevorzugt  erscheint. 

4)  Dafs  der  Name  montani,  wie  er  sich  wiederholt  als  Ausdruck  einer 
bestimmten  Klasse  der  Stadtbevölkerung  findet  (vgl.  Fest.  340.  Cic.  de  domo 
28,  74),  auf  diese  alten  sieben  Montes  sich  bezieht  —  trotz  der  Konfusion 
dieser  sieben  montes  mit  den  sieben  Hügeln  der  servianischen  Stadt  bei 
Varro  1.  1.  6,  24  —  wird  von  Jordan  1,  1,  279  Anm.  mit  Unrecht  bezwei- 
felt: vgl.  Marquardt  3,  184. 


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-     39     - 

zum  sakralen  Ausdruck  jener  uralteu  Vereinigung  eingesetzt  war, 
erhalten  und  illustriert  so,  wie  ein  auf  die  Nachwelt  gerettetes 
Stück  Urgeschichte,  eine  der  ältesten  Phasen  römischer  Stadt- 
entwicklang. 

Es  liegt  von  vom  herein  nahe,  diese  sieben  Montes;  wie  sie 
im  Septimontium  vereinigt  uns  entgegentreten,  als  die  Sitze  und 
Mittelpunkte  von  sieben  gleichberechtigten  Siedlungen  zu  betrach- 
ten, die  sich  zu  gegenseitigem  Schutze  föderativ  aneinander  ge- 
schlossen hatten.  Im  wesentlichen  bilden  diese  sieben  Buudes- 
glieder  zwei  Kreise,  die  sich,  wie  schon  bemerkt,  einmal  an  den 
Palatinus,  sodann  an  den  Esquilinus  anschliefsen.  Wir  dürfen 
aber  annehmen,  dafs  diese  Einzelhöhen,  welche  ausdrücklich  als 
Montes  bezeichnet  werden,  wirklich  ursprünglich  einzelne,  von 
einander  geschiedene  Sonderhöhen  gebildet  haben,  wie  sich  das 
in  Bezug  auf  die  Teile  des  Esquilinus  noch  deutlich  erkennen 
läfet.*)  Die  drei  einzelnen  Montes,  in  die  zerlegt  der  palatinische 
Hügel  hier  erscheint,  müssen  also  wirklich  einmal  der  Natur  des- 
selben entsprochen,  an  seine  physischen  Verhältnisse  sich  ange- 
schlossen haben.  Wenn  wir  daher  sehen,  wie  der  eine  dieser 
drei  Namen  —  wenn  auch  unter  etwas  veränderter  Form^)  — 
im  Laufe  der  Zeit  zum  Gesamtnamen  des  ganzen  Berges  wird 
innerhalb  dessen  die  beiden  andern  Namen  Cermalus  und  Velia 
nur  als  nebensächliche  Punkte  erscheinen^),  so  darf  man  daraus 
den  sichern  Schlufs  ziehen,  dafs  diese  Veränderung  das  Produkt 
bestimmter  historischer  und  lokaler  Umgestaltungen  gewesen  ist, 
durch  welche  der  ursprünglich  dreigeteilte,  in  drei  Sonderansied- 
limgen  zerfallende  Hügel  zu  einer  einheitlichen  Gemeinde  und 
zugleich  die  einstigen  Sonderböhen  zu  einem  gemeinsamen  Pla- 
teau, zu  einem  zusammenhängenden  einheitlichen  Lokale  umge- 
scbaffen  worden  sind.  Das  läfst  sich  nun  in  der  That  noch 
nachweisen. 


1)  Auf  die  Subura,  die  später  wenigstens  nicht  als  Höhe,  sondern  als 
Thal  erscheint,  komme  ich  zarück:  auch  von  ihr  werden  wir  die  Bezeich- 
nQDg  Mona  als  mit  Recht  geltend  kennen  lernen. 

2)  Dafs  der  spätere  Name  des  Gesamtbergs  Palatinus  aus  dem  älteren 
der  Einzelhöhe  Palatium  hervorgegangen,  bedarf  keines  Beweises;  aber 
auch  der  letztere  Name  selbst  wird  ohne  Unterschied  für  den  ganzen  Berg 
gebraucht. 

3)  Dieses  Verhältnis  findet  schon  in  der  Ai-geenirkunde  seinen  Aus- 
druck, wo  auf  dem  Palatium  vier  —  wie  es  scheint  — ,  auf  dem  Cermalus 
^d  auf  der  Velia  je  ein  sacellum  genannt  werden.    Darüber  vgl.  Kap.  8. 


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—     40     - 

Die  im  J.  1861  auf  Kosten  des  Kaisers  Napoleon  unter  Lei- 
tung von  P.  Rosa  auf  dem  Palatinus  vorgenommenen  Ausgrabun- 
gen sind  für  die  Bestimmung  der  ursprünglichen  physischen  Ge- 
stalt, sowie  der  Topographie  des  Berges  selbst  von  entscheidender 
Bedeutung  geworden.  Sie  haben  vor  allem  das  wichtige  Resultat 
gehabt,  dafs  sie  das  einstige  Vorhandensein  eines  Intermontium, 
eines  Thaleinschnitts  konstatiert  haben,  welcher  den  Berg  von 
NO.  nach  SW.  gleichsam  in  zwei  Hälften  zerlegt  hat*)  Dieses 
Intermontium  ist  in  seinem  Anfange  in  dem  Einschnitt  zu  suchen, 
welcher  in  der  Via  di  S.  Bonaventura  von  N.  her  in  den  Berg 
hineinläuft,  während  die  Fortsetzung  sich  einst  noch  mehr  nach 
W.  gewandt  und  unterhalb  der  sogenannten  Villa  Mills*)  über 
den  Berg  sich  erstreckt  hat.  Diese  natürliche  Gestalt  des  Bergs 
weist  von  selbst  darauf  hin,  die  drei  durch  das  Septimontium 
bezeugten  Einzelhöhen  des  Bergs  so  zu  fixieren,  dafs  zwei  der- 
selben entweder  der  einen,  oder  der  andern  Hälfte  zuzuweisen 
sind:  der  erwähnte  Einschnitt  mufs  die  Grenze  zwischen  zwei 
Einzelmontes  der  einen,  einem  der  andern  Hälfte  gebildet  haben. 
Rosa  hat  der  Osthälfte  —  als  deren  Mittelpimkt  man  die  jetzige 
Höhe  von  S.  Bonaventura  bezeichnen  mag  —  den  Namen  Velia 
gegeben^),  was  zweifellos  richtig  und  worauf  hernach  zurückzu- 
kommen ist:  damit  sind  wir  auf  die  Westhälfte  des  Bergs  für 
die  beiden  Montes  Cermalus  und  Palatium  angewiesen.  Suchen 
wir  daher  zunächst  das  Verhältnis  dieser  beiden  Montes  zu  ein- 
ander festzustellen. 

Dafs  der  Name  resp.  die  Höhe  des  Cermalus*)  am  West- 


1)  Einen  vorläufigen  Bericht  über  die  Resultate  der  Ausgrabungen 
erstattete  Henzen  ßuU.  deir  Inst.  1862.  225  sqq.,  der  von  Rosa  selbst  Bull. 
1865.  846  sqq.  bestätigt  wurde.  Die  Resultate  sind ,  wenn  auch  nicht  in 
allen  Punkten,  angenommen  von  Visconti- Lanciani  guida  del  Palatino. 
Roma.  1873.  Einen  Plan  des  Palatins,  aus  dem  man  namentlich  den  Gang 
des  intermonzio  erkennen  kann,  giebt  Rosa  Monum.  dell'  Inst.  Vol.  VIII. 
tav.  XXIII;  auch  bei  Visconti-Lanciani  findet  sich  ein  solcher  im  Anhange. 

2)  Diese,  nach  ihrem  Mheren  Besitzer  so  genannt,  ist  jetzt  ein  Nonnen- 
kloster des  Ordens  des  Franz  von  Sales. 

3)  Henzen  a.  0.  232  fi".  Rosa  a  0.  366. 

4)  Die  Form  Cermalus  ist  die  allein  richtige :  sie  findet  sich  bei  Varro 
1.  1.  5,  54.  Paul.  p.  55.  341;  vgl.  Plut.  Rom.  3  o  vvv  KeQfiaXbv  HaXovai  na- 
Xai  de  FsQfiavov.  Wenn  Plutarch  hinzufügt:  mg  ^oi%bv  oti  xal  tovj  a^Bl- 
q>ovg  yegfucvovg  ovofLcciovaiv ,  so  deutet  er  damit  richtig  den  Grund  an, 
weshalb  die  Form  Cermalus   auch  als  Qermalus  gesprochen  wurde:  weil 


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-     41     — 

palatinus  haftet^  ist  natürlich  vou  allen  Forschern ,  die  sich  mit 
dieser  Frage  beschäftigt  haben,  erkannt  worden:  eine  genaue  Fi- 
xienmg  desselben  ist  aber  entweder  überhaupt  nicht  versucht 
oder  sie  ist  unrichtig  vorgenommen.^)  Rosa  hat  bestimmt  auf 
die  Nordwestspitze  des  palatinischen  Berges  als  den  alten  Cer- 
malns  hingewiesen  und  damit  zuerst  den  rechten  Weg  angedeutet 
Denn  in  der  That  darf  man  es  als  durchaus  sicher  bezeichnen, 
dafs  der  Name  Cermalus  ausschlielslich  an  dem  nordwestlichen 
Teile  des  Berges  gehaftet  hat  und  dafs  derselbe  keineswegs,  wie 
gewöhnlich  geschieht,  über  die  ganze  Westhälfte  desselben  aus- 
gedehnt werden  darf. 

Die  Ebene,  wie  sie  sich  unmittelbar  an  den  Fufs  des  West- 
palatinus  anlehnt  und  nördlich  und  südlich  über  denselben  hinaus- 
geht, zerfällt  in  drei  Quartiere:  das  Forum  boarium,  das  Velabrum, 
den  Tuscus  vicus.  Von  diesen  ist  das  erste  die  unmittelbare 
Fortsetzung  des  Circusthales  bis  zum  Flusse;  das  zweite,  an  jenes 
nach  N.  zu  sich  anschliefsend,  geht  etwa  bis  zur  heutigen  Kirche 
S.  Teodoro;  das  dritte,  der  Tuscus  vicus,  nimmt  den  nördlichsten 
Teil  bis  zum  Forum  ein.^)    Man  kann  nun  nachweisen,  dafs  der 

eben  die  Sage  dieses  Lokal  in  enge  Beziehung  zu  den  Zwillingen  brachte. 
So  gebraucht  schon  die  Argeerurknnde  —  wahrscheinlich  aber  nur  in  der 
Redaktion  wie  sie  bei  Yarro  vorliegt  —  diese  Form,  wie  auch  im  Anschlufs 
daran  Varro  selbst  a.  0.  6,  54.  Vielleicht  darf  man  den  Namen  Cermalos 
—  der  bei  Clem.  Alex,  ström.  1,  21  auch  Carmalus  heifst  —  nait  der  Car- 
menta  in  Verbindung  bringen,  die  der  Sage  nach  auf  der  Uöhe  dieses  Mons 
eine  Knltst&tte  hatte  (Dion.  1,  32.  Serv.  Aen.  8,  836),  his  dieselbe,  wie  es 
icheint,  in  eine  solche  der  Victoria  verwandelt  wurde  (Str.  5,  230.   Dion. 

1,  31.  Serv.  Aen.  8,  51). 

1)  Das  gewöhnliche  ist,  dafs  der  Cermalus  mit  dem  Westabhang  über- 
baopt  identifiziert  wird:  so  im  ganzen  übereinstimmend  Becker  1,  417. 
Niebohr  E.  G.  1,  431.    Preller  Regg.  180.    Mommsen  R.  G.  1,  48.   Jordan 

2,  266.  Henzen-Bosa  aa.  00.  fixieren  den  clivus  Victoriae  speziell  anf 
die  Nordwestseite  des  Berges:  und  so  wenig  ich  es  auch  als  sicher  oder 
nur  wahrscheinlich  bezeichnen  kann,  dafs  die  von  Rosa  aufgedeckte  Strafse 
mit  dem  clivus  Victoriae  selbst  —  der  älteren  Zeit  —  etwas  zu  thun  hat, 
80  halte  ich  doch  den  Hinweis  auf  die  Nordwestspitze  zur  Identifikation 
des  Cermalns  im  Allgemeinen  ffir  entschieden  richtig:  obgleich  Henzen- 
Kosa  im  Wesentlichen  gleichfalls  an  der  alten  Auffiassnng  festhalten,  indem 
ne  den  Cermalus  über  die  ganze  Westseite  des  Bergs  ausdehnen.  Vgl. 
BnU.  1862  8.  281.  Bull.  1865  S.  347. 

2)  Genaueres  über  die  Ausdehnung  dieser  Quartiere  im  einzelnen 
■päter.  Nur  das  mag  gleich  hier  hervorgehoben  werden,  dafs  diese  Di- 
strikte mehr  nach  S.  zu  schräg  abfallen,  sodafs  das  Forum  südlich  durch 


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—     42     — 

clivus  Victoriae,  welcher  von  der  Höhe  des  Cermalas  in  die 
Ebene  hinabführte,  unmittelbar  auf  die  Grenzlinie  des  Tuseus 
vicus  und  des  Velabrum  traf,  so  dafs  also  auch  die  häufig  er- 
wähnte und  mit  dem  clivus  selbst  in  unmittelbare  Verbindung 
gebrachte  porta  Romana  an  dieser  Stelle  sich  befand.^)  Mit 
diesem  clivus  Victoriae  —  wie  derselbe  nach  einem  auf  seiner 
Höhe  befindlichen  Heiligtum  der  Victoria  benannt  wird  —  und 
der  porta  Romana  wird  nun  aber  anderseits  der  Cermalua  selbst 
so  eng  verbunden,  dafs  an  dem  unmittelbaren  lokalen  Zusammen- 
hang dieser  drei  Namen  nicht  gezweifelt  werden  kann.*)  Haben 
wir  in  dem  Mons  Cermalus  den  Gesamtnamen  der  Höhe  zu  sehen, 
so  ist  der  clivus  Victoriae  der  Abstieg  von  der  Höhe  dieses  Mons 
zur  Niederung,  während  die  porta  Romana  —  auf  die  wir  zurück- 
kommen —  uns  als  ein  altes  Stadtthor  geschildert  wird,  welches 
diesen  Niederstieg  einst  abschlofs. 

Alle  Anzeichen,  die  uns  nun  über  den  Cermalus  selbst  zu 
Gebote    stehen,  weisen  durchaus    übereinstimmend    nur   auf  die 

die  spätere  porta  Trigemina,  das  Velabrnm  nördlich  durch  den  spätem  pons 
AemiliuB  (Ponte  rotto)  begrenzt  wird. 

•  1)  Vgl.  Festus  pag.  262  porta  Romana  (dieser  Name  ist  von  Jordan 
1,  1,  176.  Anm.  40  als  der  eigentlich  übliche  erwiesen:  Varro  hat  auch  Ro- 
manula)  instituta  est  a  Bomulo  infimo  clivo  Victoriae  qui  locus  gradibus 
in  quadram  formatus  est;  Varro  1.  1.  6,  24  hoc  sacrificium  (Accae  Larentiae) 
fit  in  Velabro  qua  in  Novam  Viam  exitur  —  non  longe  a  porta  Romana; 
1.  1.  5,  164  alteram  Romanam  a  Roma  dictam  qnae  habet  gradus  in  Nova 
Via  ad  Volupiae  sacellum.  Aus  den  Worten  Varros  in  Velabro  qua  in 
Novam  Viam  exitur,  darf  man  schliefsen,  dafs  die  Nova  Via  bis  unmittelbar 
an  das  Velabrum,  aber  nicht  über  dasselbe  hinüberfShrte,  worauf  eingehen- 
der Kap.  6  zurückzukommen  ist.  Darnach  mündeten  also  die  Stufen,  welche 
von  der  porta  Romana  herabführteu,  zwar  auf  die  Nova  Via,  aber  an  einer 
Stelle,  von  wo  man  das  Velabrum  selbst  betrat.  Und  da  die  Nova  Via  das 
Gebiet  des  Tuseus  vicus  durchschreitend  an  der  Südgrenze  desselben  endete, 
so  müssen  eben  die  Stufen  der  porta  Romana  etwa  auf  die  Grenzscheide 
der  beiden  Gebiete  getrofiEen  haben.  Die  ausdrücklich  in  Velabro  zube- 
nannte Kirche  S.  Giorgio  —  die  man  häutig  zur  Fixierung  der  Lage  der 
porta  Romana  benutzt  hat  —  befand  sich  demnach  allerdings  auf  dem  Be- 
zirk des  alten  Velabrum,  aber,  was  man  übersieht,  nicht  auf  seinem  nörd- 
lichen Endpunkte,  sondern  eher  an  seinem  südlichen:  die  porta  Romana  ist 
also  jedenfalls,  da  sie  den  nördlichen  Greiizpunkt  des  Velabrum  bezeichnet, 
weit  mehr  nach  N.  hinaufzurücken. 

2)  Dionys.  1,  32  weist  den  clivus  Victoriae  und  das  Lupercal  einem 
Xocpog  zu:  Varro  aber  1.  l.  6,  24  leitet  gerade  von  dem  Lupercal  den  Namen 
Cermalus  ab. 


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-     43     - 

Nordwestseite  des  palatinischeü  Bergs.  Dahin  gehört  zunächst 
eine  Angabe  des  Propertius  *),  der  den  Tuscus  vicus  selbst,  der 
doch  nur  den  nordwestlichen  Teil  des  palatinischen  Hügels  be- 
grenzt, mit  der  Aussetzung  der  Zwillinge,  deren  Verbindung  mit 
dem  Germalus  feststeht,  in  unmittelbare  Beziehung  bringt.  So- 
dann ist  eine  Angabe  des  Liyius^)  wichtig,  aus  der  gleichfalls 
die  direkte  Nachbarschaft  des  Tuscus  vicus  mit  dem  Cermalus 
hervorgeht:  der  letztere  hier  also  wieder  nur  die  Nordwestspitze 
des  Palatinus  sein  kann.  Femer  ist  eine  Angabe  des  Festus^) 
über  die  porta  Bomana  zu  vergleichen,  nach  der  dieselbe  an- 
geblich von  den  Sabinem  benannt  worden  war  quod  ea  proxime 
aditus  erat  Komam:  wobei  man  doch  wieder  nur  an  einen  Punkt 
denken  kann,  welcher  der  sabinischen  Ansiedlung  auf  dem  Qui- 
rinalis  möglichst  benachbart  war. 

Weisen  diese  Spuren  übereinstimmend  auf  die  Nordwestseite 
des  Palatinus,  so  ist  anderseits  kein  Moment  vorhanden,  aus  dem 
man  irgendwie  die  Ausdehnung  des  Cermalus  über  die  ganze 
Westseite  des  Bergs  schliefsen  oder  gar  erweisen  könnte.  Wie 
der  clivus  Victoriae  mit  der  porta  Romana  ausdrücklich  der 
Grenzscheide  zwischen  Tuscus  vicus  und  Velabrum  zugewiesen 
wird,  so  wird  der  Cermalus  selbst  in  die  unmittelbare  Nachbar- 
schaft des  Tuscus  vicus  gewiesen:  ich  fasse  danach  den  Cerma- 
lus als  die  Höhe  über  S.  Maria  Liberatrice,  von  wo  der  clivus 
Victoriae  nach  S.  W.  zu  sich  zur  Ebene  herabsenkend  etwa  bei 
S.  Teodoro  dieselbe  erreichte. 

Was  die  zweite  Höhe  des  Septimontium ,  das  Palatium,  be- 
triffl;,  so  ist  zunächst  zu  bemerken,  dafs  allerdings  kein  bestimm- 
tes Anzeichen  vorhanden  ist,  dasselbe  lokal  genau  zu  bestimmen. 
Infolge  dessen  haben  auch  wohl  fast  alle  Forscher  es  unterlassen, 
über  ihre  ursprüngliche  Begrenzung  sich  auszusprechen.*)  Und 
doch  liegt  die  Sache  so,  dafs  wir  das  Palatium  auf  alle  Fälle 
als  eine  bestimmt  umgrenzte  Einzelhöhe  zu  fassen  haben,  genau 
80  wie  alle  übrigen  sechs  Montes  des  Septimontium,  die  wir 
sämtlich  noch  mit  bestimmten  Teilen  des  esquilinischen  oder 
palatinischen  Bergs  identifizieren  können.     Die   Bestimmung  der 

1)4.  2,  iff. 

2)  33,  26  lapus  —  Tasco  vico  atqne  inde  Germalo. 

3)  p.  262. 

4)  Nor  Visconti- Lanciani  Guida  a.  0.  machen  hiervon  eine  Ausnahme: 
ihre  Ansetznng  der  drei  Höhen  ist  aber  unannehmbar. 


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—     44     - 

ursprünglichen  Einzelhöhe  des  Palatium  wird  nun  aber  durch 
einen  Umstand  —  auf  den  ich  schon  oben  hinwies  —  wenigstens 
bedeutend  erleichtert^  nämlich  durch  das  durch  Rosas  Ausgra- 
bungen konstatierte  Intermontium^  welches,  wie  wir  sahen ,  den 
ganzen  palatinischen  Berg  ursprünglich  in  zwei  Hälften  zerlegte. 
Das  Palatium  kann  nur  entweder  auf  der  einen  oder  auf  der 
andern  Seite  dieses  Interyalls  gesucht  werden,  da  es  sich  nicht 
über  dasselbe  hin  erstreckt  haben  kann.  Dazu  kommt  ein  zweiter 
Umstand,  welcher  gleichfalls  die  Bestimmung  dieser  Einzelhöhe 
erleichtert:  sie  kann  nur  im  Süden  des  Gesamtbergs,  sei  es  der 
Ost-,  sei  es  der  Westhälfte,  gesucht  werden.  Denn  an  der  Nord- 
seite der  einen  Hälfte  haftet  der  Name  des  Cermalus  —  wie  wir 
gesehen  haben  — ;  an  der  Nordseite  der  andern  Hälfte,  wie  be- 
kannt ist  und  worauf  wir  noch  zurückkommen  werden,  der  Name 
Velia*^:  wir  sind  also  für  die  Bestimmung  des  Mons  Palatium 
auf  die  Südseite,  sei  es  der  Westhälfte,  sei  es  der  Osthälfte  des 
Gesamtberges  angewiesen.  Und  da  können  wir  k^en  Augen- 
blick zweifeln,  für  welchen  dieser  beiden  Punkte  wir  uns  zu  ent- 
scheiden haben.  Zu  allen  Zeiten  ist  die  Südwestecke  des  pala- 
tinischen Bergs,  die  wir  noch  heute  in  ihren  heiligen  Bauten  und 
Denkmälern  wenigstens  andeutungsweise  vor  Augen  haben,  als 
der  Mittelpunkt  der  ältesten  Stadt-  und  Staatsbildung  betrachtet 
worden:  hier  sollte  der  Stadtgründer  nicht  nur  vor*  seiner  Er- 
hebung zum  König  gewohnt^  sondern  auch  als  Herrscher  und  Er- 
bauer der  palatinischen  Stadt  seinen  Thron  gehabt  haben  ^);  hier 
stand  seine  Hütte,  um  welche  sich  als  ihren  Mittelpunkt  die  pa- 
latinische  Mauer  legte  ^);  hier  war  die  heiligste  Stätte  Roms,  die 
selbst  die  alles  nivellirenden  Eaiserbauten  nicht  anzutasten  ge- 
wagt haben.  Und  wenn  der  Name  dieser  einzelnen  Höhe  —  des 
Palatium  —  später  zum  Gesamtnamen  des  ganzen  palatinischen 
Hügels  geworden  ist,  so  liegt  es  doch  von  vornherein  nahe,  eben 
diesen  im  Laufe  der  Zeit  zu  so  übergewichtlicher  Bedeutung  ge- 
langenden Einzelmons  eben  da  zu  suchen,  wo  durch  alle  Zeiten 
hindurch  der  Mittelpimkt  nicht  nur  des  Bergs  sondern  der  ganzen 


1)  Welcher  Name  aber   —   vgl.  unten  —  auf  die  ganze   Osthälfbe 
sich  bezieht. 

2)  Flut.  Rom.  20, 

3)  nsffl   xrjv  ^avctvXov  oUiav    —    iatio^rj  ^Pcifirj   heifst    es    bei    Die 
fr.  4,  15  Dind. 


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—     45     — 

« 

Stadt  gesehen  worden  ist.  An  der  Südwestseite  des  Palatinus^) 
hat  demnach  von  Haus  ans  der  Name  Palatinm  gehaftet^  wäh- 
rend die  übrigen  Teile  des  Berges  andere  Namen  führten:  yon 
luer  ans^  als  dem  heiligsten  und  wichtigsten  Punkte,  hat  sich  die 
Geltung  des  Namens  —  wenn  auch  meist  unter  etwas  veränderter 
Form  gebraucht  —  auf  den  ganzen  Berg  ausgedehnt  und  hat 
so  die  andern  beiden  Namen,  die  einst  eine  gleichberechtigte 
Bedeutung  hatten,  allmählich  zu  Namen  untergeordneten  Werts 
herabgedrücki 

So  sehen  wir  die  Westhälfte  des  palatinischen  Bergs  in 
zwei  Einzelmontes  geschieden^  die  im  Besitze  zweier  Glieder  des 
Septimontiumfoedus  erscheinen.  In  nächster  Nachbarschaft  haben 
die  Angehörigen  dieser  beschränkten  beiden  Siedlungen^)  gelebt: 
Berührungen  und  Beziehungen  mannigfachster  Art  sind  unver- 
meidlich gewesen  und  haben  die  Geschichte  jener  Ansiedlungen 
zu  einer  bewegten  und  für  die  Stadtentwicklung  Roms  höchst 
folgeureichen  gestaltet.  Gehen  wir  daher  jetzt  den  Spuren  dieser 
beiden  Ansiedelungen  nach:  denn  zahlreich  sind  die  Momente 
des  Lokals^  der  Denkmäler,  des  Kults,  der  Sage,  die  in  seltener 
Übereinstimmung  auf  diese  Zweiteilung  des  Westpalatinus  hin- 
weisen. 

Bekanntlich  ist  die  Westseite  des  Palatinus  reich  an  Denk- 
mälern, welche  mit  der  Gründungssage  verknüpft  werden.  Es 
ist  aber  sehr  charakteristisch,  dafs  diese  Denkmäler  einer  heiligen 
Urzeit  genau  an  zwei  Punkten,  zwei  Stellen  sich  befinden,  deren 
eine  die  äufserste  Südwest-,  deren  andere  die  Nordwestecke  ist; 
sodafe  wir  auf  der  Westseite  des  Berges  zwei  von  einander  ge- 
schiedene Komplexe  von  heiligen  Gebäuden  nachweisen  können, 
den  einen  am  Cermalus,  den  andern  am  Palatium  —  wie  wir 
diese  Montes  fixiert  haben  — ,  die  beide  in  engste  Beziehung 
zu  den  Ghründem  der  Stadt  treten. 

Die  eine  dieser  beiden  Stellen  —  ich  habe  dieselbe  vorhin 
schon  erwähnt  —  ist  noch  heute  klar  erkennbar  und  wird  jedem, 
der  sie  einmal  gesehen,  im  Gedächtnis  haften.  Unmittelbar  der 
Nordwestecke  des  Aventin  gegenüber,  über  dem  Abhänge,  der 

1)  D.  h.  natürlich  an  der  Südhälfte  des  Westpalatinus  überhaupt,  im 
0.  durch  den  Thaleinschnitt,  im  N.  dnrch  den  Cermalus  begrenzt. 

2)  Nimmt  man  den  Flächeninhalt  dee  palatinischen  Bergs  mit  Nissen 
Tempi.  85  zn  12  Hektaren  an,  so  würde  derjenige  eines  der  beiden  Einzel- 
i&cmtes  des  Westpalatinns  zn  kaum  3  Hektaren  sich  herausstellen. 


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-     46     - 

vom  Palatinus  in  das  Circusthal  hinabführt,  aber  doch  ganz 
nahe  der  Ecke  des  Berges,  die  nach  S.  und  nach  W.  sich 
wendet,  zeigen  sich  dem  Auge  die  alten  und  hoch  interessanten 
Fundamente  und  Mauern  von  Bauten,  welche  die  Zerstörungen 
von  Jahrtausenden  überdauert  haben.  Diese  Denkmäler  einer 
uralten  Zeit  befinden  sich  unmittelbar  vor,  d.  h.  innerhalb  der 
Reste  der  ältesten  Burgmauer,  welche  sie  schützend  gegen  W. 
und  S.  umschlossen  hat;  noch  ist  der  Niedergang  klar  erkennbar, 
der  von  hier  hinab  ins  Circusthal  führte.  ^)  Auf  eben  diese  Stelle 
weisen  eine  Reihe  von  Anführungen  verschiedener  Schriftsteller 
hin,  welche  uns  genauer  mit  ihr  und  den  auf  ihr  befindlichen 
Gebäuden  und  Denkmälern  bekannt  machen. 

Zunächst  ist  es  der  Niederstieg  selbst,  der  unsere  Aufmerk- 
samkeit in  Anspruch  nimmt:  schroff  steigt  er  ins  Thal  hinab, 
wenn  auch  zum  gröfsten  Teil  jetzt  zerstört,  von  alten  Sub- 
struktionen  rechts  und  links  gestützt.  Dieser  Niedergang  wird 
von  mehreren  Schriftstellern  uns  genannt.  Nach  ihm  bestimmt 
zunächst  Plutarch  *)  die  Wohnung  des  Romulus,  indem  er  dieselbe 
angiebt  naQcc  tovg  Xsyofiivovg  ßad'^ovg  xaXijg  axtrjg,  ovtoi  S* 
alci  TteQl  tijv  Big  %ov  CiCTCoÖQoyiov  %ov  ^iyav  ix  IlaXatlov  xard- 
ßaöiv.  Ferner  erwähnt  den  Niedergang  Diodor^),  der  ihn  aus- 
drücklich als  Kaxlov  xardßaöig  bezeichnet,  deren  Xt^Cvriv  xkC- 
^xa  —  die  ßad'fiovg  des  Plutarch  —  er  gleichfalls  KaxCav  nennt 


1)  Vgl.  über  die  Stelle  Visconti-Lanciani  Guida  S.  131:  ^^qnesto  an- 
golo  estremo  della  collina  contiene  molte  altre  rovine,  di  antichissima  opera 
quadrata,  sulla  coi  pertinenza,  come  sarebbe  difficile  per  ora  pronnnziare 
un  definitivo  giudizio,  cosi  h  facilissimo  avvedersi,  ch^  esse  certamente  ne 
richiamano  ai  primi  tempi  di  Roma,  allorch^  Toso  dei  marmi  peregrini  noii 
solo,  ma  anche  quella  dei  mattoni  era  pressochä  sconoscluto**. 

2)  Romol.  19  ff.  Diese  Stelle  ist  wiederholt  milsverstanden.  Becker 
11.3 ff.  419  bezieht  sie,  sowie  die  sogleich  anzuführende  des  Dionysius  auf 
den  Teil  des  Bergs  von  S.  Teodoro  bis  S.  Anastasia  und  Henzen  im  Bull. 
1862.  223  denkt  sich  die  von  Plutarch  genannte  %axa^aaig  wie  einen  langen 
Qang,  der  von  der  Nordwesthöhe  des  Cermalus  längs  des  ganzen  West- 
abhangs zum  Cirkus  führte.  Die  Worte  berechtigen  zu  einer  solchen  An- 
nahme nicht,  sondern  lassen  in  dieser  xcixcc^ccoig  nichts  anderes,  als  die  so- 
gleich zu  erwähnende  KanCov  %<xxa^ccoi£  des  Diodoros,  die  scalae  Caci  des 
Solinus  erkennen.  Über  diesen  Niederstieg  urteilt,  soweit  ich  sehe,  allein 
Lanciani  richtig  Guida  133,  der  auch  die  Worte  Tac.  hist.  3,  84  Vitellius 
capta  urbe  per  aversam  Palatii  partem  Aventinum  in  domum  uxoris  sellnla 
defertur  mit  Recht  auf  diesen  Niederstieg  bezieht 

3)  4,  21. 


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-     47     — 

und  hier  zugleich  die  Wohnung  des  Kaxüxg  selbst,  d.  i.  des  Cacus, 
ansetzt.^)  Mit  Plutarch  und  Diodor  stimmt  endlich  Solinus  über- 
ein, der  die  Grenze  der  palatinischen  Mauer  auf  der  einen  Seite 
ad  supercilium  scalarum  Caci  d.  h.  unmittelbar  über  den  scala^ 
Caci  ansetzt*),  die  wieder  nichts  anderes  als  die  xatdßaöig  des 
Plutarch  und  Diodor  sein  können.  An  diesem,  noch  heute,  wie 
bemerkt,  deutlich  erkennbaren  Niederstiege  haben  wir  also  einen 
festen  Punkt  für  die  Ansetzung  derjenigen  Gebäude  gewonnen, 
die  mehr  oder  weniger  bestimmt  mit  ihm  in  Verbindung  gebracht 
werden. 

Mit  eben  dieser  Stelle  bringt  zunächst  Plutarch  den  heiligen 
Eomelkirschenbaum  zusammen:  der  Sage  nach  hatte  Romulus, 
wie  Plutarch  gleichfalls  erzählt,  seine  Lanze  vom  Aventin  her- 
übergeschleudert und  aus  ihrem  Schafte  war  der  Baum  erwachsen. 
Den  Baum  selbst  hatte  Plutarch  übrigens  nicht  mehr  gesehen, 
da  er  bei  einer  Ausbesserung  des  Niedergangs  vom  Palatin  zum 
Thal  des  Circus  unter  der  Regierung  des  Caligula  nicht  vorsich- 
tig genug  behandelt  und  deshalb  ausgegangen  war:  er  war,  wie 
Plutarch  bemerkt,  von  einer  Mauer  umgeben  gewesen.^) 

An  eben  denselben  Punkt  —  wo  der  heilige  Komelkirschen- 
baum  stand  und  von  wo  der  Niederstieg  ins  Thal  der  Murcia 
seinen  Anfang  nahm  —  verlegt  Solinus  auch  das  tugurium  Fau- 
stuli*)    Dieses   tugurium    des   Faustulus   ist   nun   ohne    Zweifel 

1)  Die  korrupten  Worte  Plntarchs  %€clrjg  d%tijg  sind  ohne  Zweifel  mit 
Bethmann  ßnll.  dell'  Inst.  1862.  S.  40  in  SndXris  Kaulrjg  zn  ändern,  so^afs 
die  Identität  des  von  Plutarch  gemeinten  Niederstiegs  mit  dem  von  Diodor 
and  Solinus  erwähnten  nur  um  so  sicherer  wird. 

2)  1,  18. 

3)  Vgl.  die  Erzählung  Plutarchs  darüber  Rom.  20.  Er  fügt  derselben 
Bodann  noch  hinzu:  tovro  d'  ot  fi,Btä  ^PatfivXav^  ag  tv  xi  tmv  ayiattaxcav 
tt^mv  (fvXaxtovtsg  mal  csßoiuvoi^  nBQUtB£%icav,  oxm  S\  ngoaiovti  do^sis 
p,il  ^€iUqov  stvttt.  iiri9l  xXmifOv,  dXX'  otov  dtQotpsiv  %al  (pd^ivstv,  6  i^^v  sv- 
0vg  itpQec^s  x^avy^  xoig  ngoittvyxdvovaiv'  ot  d'  SansQ  i(i7[Q7jefm  ßorjd'ovv- 
T«(,  ißoenv  vdm(ff  xal  awitifsxov  navxaxod'sv^  dyycta  nXrjQTj  xofitSovtsg  inl 
TOP  xoxov.  Diese  Angabe  weist  vielleicht  auf  sakrale  Gebräuche,  die  sich 
an  den  heiligen  Baum  knüpften.  Die  Schlufsworte  Plntarchs:  Fa^ov  dh 
Kaiea(fog,  &g  q>aaiy  xdg  dvaßdaetg  ini^sxsvdiovtog  xal  xav  xexvixmv  ns(fiO' 
^txovxcov  xd  nXrialoVy  iXa^ov  at  f^at  xaxo^eArat  navxdnaci  xal  x6  (pvxov 
ipuqdw^  haben  Becker  S.  420,  verleitet,  die  von  Gerhard  vorgeschlagene 
Änderung  der  Worte  Solin.  1,  18  scalarum  Caci  in  scalarum  Caii  anzuneh- 
men, was  aus  dem  eben  Bemerkten  sich  von  selbst  widerlegt. 

4)  A.  0.  Solinus  sagt  bestimmt  ad  supercilium  scalarum  Caci,  d.  h. 
nnmittelbar  über  den  scalae. 


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-     48    — 

identisch  mit  der  anderweitig  genannten  casa  Romuli.  ^)  Denn 
wenn  Solinas  in  Bezug  auf  jenes  bemerkt:  ibi  Romulus  mansi- 
tavit,  so  dürfen  wir  aus  diesen  Worten  wohl  schliefsen,  dafs  Ro- 
mulus in  dem  tugurium  selbst  wohnte,  sodafs  dasselbe  also  za- 
gleich  das  tugurium  resp.  die  casa  des  Romulus  war.  Nicht  nur 
fafst  man  den  Ausdruck,  den  Solinus  ftir  den  Aufenthalt  des  Ro- 
mulus in  dem  tugurium  Faustuli  gebraucht,  mansitavit,  am  ein- 
fachsten in  der  Bedeutung  ,,als  Gast  wohnen^^:  es  kann  auch  an 
und  für  sich  keineswegs  auffallen,  die  Wohnung  des  Faustulus 
zugleich  als  Wohnung  des  Romulus  betrachtet  zu  öehen,  da  ja 
der  Sage  nach  Romulus  eben  von  Faustulus  als  Pflegesohn  auf- 
genommen, also  doch  in  dessen  eigenem  Hause  erzogen  war. 
Das  tugurium  Faustuli  dürfen  wir  danach  als  identisch  mit  der 
casa  Romuli  fassen. 

Von  dieser  Hütte  des  Faustulus  resp.  des  Romulus  giebt 
uns  nun  Dionys  noch  eine  genauere  Schilderung,  aus  der  wir  er- 
sehen, dafs  dieselbe  aus  Flechtwerk  von  Holz  und  Schilfrohr  be- 
stand: wir  können  also  diese  Hütte  kaum  in  einer  der  Bauten 
wiedererkennen^),  die  wir  noch  heute  mit  ihren  Mauern  und 
Fundamenten  nicht  unbedeutend  über  den  Erdboden  hervorragen 
sehen.  Im  Gegenteil  haben  wir  ein  Recht,  noch  andere  Gebäude 
an  dieser  Stelle  einst  befindlich  anzunehmen.     Es  sind  hier  na- 


1)  Das  Dehmen  auch  Heibig  die  Italiker  in  der  Poebene  51,  sowie 
Jordan  2,  268  an.  Plutarchs  Worte  Rom.  20  m%€i.  —  'Peafi^Xos  —  na^a 
tovg  Xsyoiiivovg  ßa^fiovg  stimmen  damit  also  darchans  überein.  Und  wieder 
dasselbe  sagt  Dionys.  1,  79,  indem  er  die  Lage  der  Hütte  fixiert  ^x  xov 

jTlalXavTCov  inl  trjs  iCQog  xov  tjinodQOfiov  otQStpovarig  Xccyovog.  Die  Stellung 
der  Worte  i%  IlaXhxvtiov  ist  offenbar  nicht  ganz  passend:  aber  Dionys 
kann  doch  nichts  anderes  sagen  wollen,  als  dafs  jene  Hütte  sich  befand 
inl  xijg  i%  tov  IlccXXavtüiv  n(fbg  xov  tnn6d(fOiLOV  cxQBtpovorig  Xfxyovog.  Die 
Bedenken  aber,  die  man  ans  dem  Ausdruck  Xayav  schöpfte,  welches  man 
glaubte  als  Höhle  oder  ähnlich  fassen  zu  mü9sen,  erledigen  sich  durch  die 
Beobachtung,  dafs  gerade  Dionys  dieses  Wort  wiederholt  ganz  als  „Abhang^* 
gebraucht;  vgl.  z.  B.  3,  24.  9,  23.  2,  15.  Man  ersieht  also  aus  diesen  genau 
sich  deckenden  und  ergänzenden  Stellen,  dafs  die  casa  Romuli  oder  das 
tugurium  Faustuli  unmittelbar  an  oder  über  den  scalae  Caci  sich  befand. 
Die  casa  Romuli  findet  sich  noch  bei  den  Regionariem  Notit.  Heg,  X. 
Vgl.  Preller  Regg.  180  über  sie. 

2)  Ich  kann  deshalb  nicht  mit  Lanciani  Guida  133  übereinstimmen^ 
der  diese  Schilfhütte  des  Romulus  mit  dem  einen  der  noch  heute  erkenn- 
baren Gebäude  identifiziert.  Dio  Cass.  48,  43  nennt  die  casa  Romuli  axfjvti 
71  tov  ^PaiivXoVy  deren  Zerstörung  durch  Feuer  l£  tsQovQyüxg  xivog  er  erwähnt. 


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-     49     — 

mentlicb  zwei  Gebäude^),  die  deutlich  hervortreten:  das  erste 
einem  kleinen  Tempel  oder  einer  Kapelle,  das  zweite  einem  Ge- 
bäude vergleichbar,  welches  ein  Rechteck  bildend  und  aus  dem 
ältesten  TuflF  des  Hfigels  errichtet*),  von  alten  Steinmetzzeichen 
bedeckt')  mit  seinem  verwitterten  Gemäuer  ohne  Zweifel  in  die 
ältesten  Zeiten  der  Stadt  hinaufreicht.^) 

Bieten  uns  diese  Reste  alter  Gebäude  an  und  für  sich  keinen 
Anhalt  sie  genau  zu  identifizieren,  so  sind  wir  doch  nicht  ohne 
Anhalt,  auf  Grund  der  Angaben  der  Alten  selbst  mehrere  Ge- 
bäude mit  Wahrscheinlichkeit  hierher  zu  verlegen,  deren  Zusammen- 
bringung mit  jenen  Resten  sich  dann  von  selbst  ergeben  mag. 
Zunächst  glaube  ich  berechtigt  zu  sein,  hierher  die  curia  Saliorum 
zu  verlegen.  'Dieses  Gebäude  erhält  durch  den  in  ihm  auf- 
bewahrten litnus  Romuli  eine  unmittelbare  Beziehung  zu  dem 
Stadtgründer  selbst  und  der  ältesten  Periode  der  Stadtgeschichte ; 
und  die  Wahrscheinlichkeit  spricht  jedenfalls  dafür,  sie  auf  die- 
sem  ältesten  Teile  des  Bergs  anzusetzen^),  wenn  wir  auch   die 


1)  Vgl.  über  sie  Lanciani  a.  0,  132  f. 

2)  Die  uralten  Steinbrüche   des   Hügels   befinden  sich   unweit  dieser 
SteUe.  Vgl.  Lanciani  a.  0.  73. 

3)  Eine  Sammlnog  dieser  Steinmetzzeichen  findet  sich  bei  Bmzza  Ann. 
deir  bst  1876.  72  ff.  Tav.  d'agg.  JK;  und  bei  Jordan  1,  1.  259  ff.  Während 
jener  in  ihnen  Zeichen  des  etruskischen  Alphabets  zu  erkennen  meint,  will 
Jordan  höchstens  die  Anwendung  von  4  Buchstaben  des  latinischen* 
Alphabets  zugeben.  Doch  vgl.  Jordan  Krit.  Beiträge  z.  Qesch.  d.  lat. 
Spr.  Berlin  1879.  S.  163  f.  368  f. 

4)  Lanciani  sagt  a.  0.:  che  fino  agli  estremi  giomi   della  potenza  ro- 
mana  tramandarono  le  testimonianze  della  prima  origine  della  cittä. 

ö)  Cic.  de  div.  1,  17,  30  Quid?  lituus  iste  vester  quod  clarissimnm 
est  insigne  auguratus,  unde  vobis  est  traditus?  Nempe  eo  Romulus  regiones 
direxit  tum  qnum  urbem  condidit.  Qui  quidem  Romuli  lituus,  id  est  in- 
corrum  et  leniter  a  summo  inflexum  bacillum,  quod  ab  eins  litui  quo  ca- 
nitar  similitudine  nomeu  invenit,  qnum  situs  esset  in  curia  Saliorum  quae 
est  in  Palatio  eaque  deflagrasset  inventus  est  integer.  Dionys.  14,  6  iv  Sh 
TJ  *Pofi|7  %ccXiccg  tig  "A^bos  ^^Q^  ^sqI  xriv  iiO(fV(pTiv  t^QVftivrj  xov  IlaXcczCov 
^'f>y%€cta(pXsystaa  taig  ni^i^  ol%iotig  %(og  iSafpovg  dva%a^aiQO(iivci)v  zcäv  ol- 
iMnidatv  tv€%cc  tfjg  inianevrig,  iv  (t'Söji  t^  nsQi%av6t(p  onoSto  ro  cvfißoXov 
^  &opoi7uafiov  tijs  nolBtog  dUcmaBv  dnad'igj  (onalov  i%  ^uti^ov  xmv 
^x^flsy  i%t%afiMa>Vy  ola  (piqovci  ßov%oXoi  xccl  vofisig  ot  filv  %aXccv(f07cag^  ot 
^f  loyooßoXa  TUcXovvtsg,  m  *P(OfivXog  6QVi9'Sv6fi,svog  öisyQatpe  tmv  oltovav 
TOS  l^^ag^  oTfi  Z71V  noXiv  oUC^tiv  SfiBXXsv.  Der  lituus  war  also  nichts  an* 
deres  als  ein  Hirtenstecken,  der  aus  der  ältesten  Zeit  Roms  herübergerettet 
var  resp.  aus  ihr  herstammen  soUto:  deshalb  kann  er  auch  als  clava,  Hirten- 
Gilbert,  Oesoh.  n.  Topogr.  Borns.  4  ^^  ^ 

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-    50     - 

Einsetzung  der  Salii  selbst  erst  der  folgenden  Periode  zuweisen 
werden.  Es  liegt  aber  weiterhin  nahe^  diese  curia  Saliorum  mit 
dem  Yon  den  Regionariern  erwähnten  Auguratorium  ^)  zu  identi- 
fizieren. Hätte  es  neben  der  curia  Saliorum  noch  ein  Augura- 
torium  gegeben,  so  würde  man  mit  Sicherheit  erwarten  dürfen, 
dafs  auch  der  Augurstab  des  ßomulus  in  dem  letzteren  aufbewahrt 
wurde.  Haben  wir  in  der  Curia  selbst,  wie  wir  ausführlicher 
Kap.  6  darzulegen  haben,  das  Gemeinde-  und  Kulthaus  eines 
Bezirks,  einer  Ansiedelung  zu  sehen,  so  haben  wir  die  mit  Wahr- 
scheinlichkeit auf  dem  Palatium  anzusetzende  Curia  Saliorum  als 
den  ältesten  Gemeindemittelpunkt  der  Ansiedelung  vom  Palatium 
zu  fassen,  der  als  solcher  zugleich  das  sacrarium  des  höchsten 
Gemeindegottes,  des  Mars,  wie  das  Auguratorium  des  Bex  Augur 
war.  Es  ist  sehr  beachtenswert,  dafs  überall,  wo  die  curia  Sa- 
liorum erwähnt  wird,  sowohl  die  Auguration  des  Romulus,  wie 
die  Stadtgründung  mit  ihr  in  Beziehung  gebracht  wird:  der  li- 
tuus  Romuli  wird  geradezu  als  das  Symbol  des  Synoikismos 
bezeichnet,  welcher  durch  Romulus  erfolgte.  Und  wie  das  au- 
guraculum  des  kapitolinischen  Bergs  —  der  Arx  —  nach  Süden 
orientiert  war*),  so  verlegen  wir  auch  am  natürlichsten  das 
Auguraculum  des  Palatium  an  den  Südrand  des  Bergs,  wo  es 
nach  Süden  orientiert  den  auspizierenden  Rex  au&ahm. 

Noch  auf  ein  anderes   heiliges  Gebäude   weisen   bestimmte 

«Anzeichen  hin.     An  der  Südwestecke   des   Palatinus   haften   die 

Erinnerungen  an  Cacus:  hier  sollte  er  gewohnt  haben,  hier  wurde 

der  Niederstieg  selbst  geradezu  nach   ihm  benannt.*)    Von  ihm 


keule  bezeichnet  werden:  vgl.  Fast  Praen.  ad  28  Apr.  (feriae)  Marti.  Hie 
dies  appellatnr  ita  qood  in  atrio  antorio  tubi  lustrantur,  qnibns  in  sacris 
utnntur.  Latatius  quidem  clayam  eam  ait  esse  in  minis  Pala[ti  i]ncen8i  a 
Gallis  repertam  qna  Romulus  nrbem  inangnraverit.  Denselben  Vorgang  er- 
wähnt auch  Val.  Max.  1 ,  8,  11,  wo  die  curia  als  sacrarium  Saliorum  be* 
zeichnet  wird.    Vgl.  endlich  Fest.  p.  362  a. 

1)  Notitia  Reg.  X,  wo  auf  das  Auguratorium  die  aedes  lovis  (Victo- 
ris)  folgt. 

2)  Vgl.  Liv.  1,  18  (Numa)  inde  ab  auguro  —  dednctus  in  arcem  in 
lapide  ad  meridiem  versus  consedit. 

3)  Über  die  Verbindung  des  Cacus  mit  dem  Aventin  vgl.  Kap.  7.  'Ev 
TCO  TlaXaxCfp  ist  bei  Diod.  a.  0.  die  ausdrückliche  Bestimmung  sowohl  fSr 
die  oliiUa  Kccnia,  wie  für  die  KXiiia^  Ka%Ccc  und  damit  stimmt  die  Angabe 
des  Livius  1,  7,  des  Dionysius  1,  39,  des  Propertius  6,  9  überein.  Preller 
Regg.  162  f.  hat  das  von  den  Regionariem  erwähnte  atrium  Caci  neben  der 


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—    51     -- 

aber  kann  seine  Schwester,  die  Cacia,  nicht  getrennt  werden  und 
ich  muTs  es  deshalb  als  wahrscheinlich  bezeichnen,  dafs  das 
sacellom  der  Cacia,  welches  diese  der  Sage  nach  zum  Lohn  dafür 
erhielt,  dafs  sie  ihren  Bruder  verrieth^),  gleichfalls  an  dieser 
Stelle  sich  befand. 

Wie  uns  der*  Kult  der  Cacia  geschildert  wird,  haben  wir*  in 
ihr  eine  Vesta  zu  erkennen.  Die  einstige  hohe  Bedeutung  dieser 
Kapelle  geht  aus  dem  Umstände  hervor,  dafs  der  Cacia  in  diesem 
ihrem  sacellum  von  den  vestalischen  Jungfrauen  ein  Opfer  dar- 
gebracht wurde.*)  Trügen  nicht  diese  Anzeichen,  so  haben  wir 
in  dem  sacellum  Caciae  den  ältesten  Gemeindeheerd  zu  sehen, 
eben  weil  die  Cacia  ganz  als  Vesta  erscheint,  und  nur  eine  ältere 
Form  dieser  ist.  Der  spätere  Kultmittelpunkt  des  Gesamtstaats, 
das  Yestaheiligtum  am  Forum,  hat  durch  die  in  jährlicher  Opfe- 
rung ihrer  Priesterinnen  unterhaltene  Yerbindimg  mit  jenem 
ältesten  Centrum  des  Kultlebens,  den  Zusammenhang  zwischen 
den  Anfängen  der  Stadtbildung  und  ihrer  späteren  Entwicklung 
sacral  aufrecht  gehalten. 

Sodann  gehört  dem  Palatium  die  Diva  Palatua^)  an,  die  für 
•die  Schutzgottin  des  Palatium  erklärt  und  von  einem  besondem 
Flamen  bedient,  jedenfalls  gleichfalls  eine  bedeutende  Stelle  unter 
den  an  dieser  Stelle  verehrten  Gottheiten  eingenommen  hat. 
Beim  Feste  des  Septimontium,  wo  auf  allen  sieben  Montes  je  ein 
sacrificinm  dargebracht  wurde,  gehörte  das  auf  dem  Palatium  der 


aia  maxüna  des  Hercules  fixieren  zu  dürfen  geglaubt,  womit  Jordan  2,  98 
übereinstimmt.  Aber  diese  Vermutung  ist  nicht  nur. gänzlich  hypothetisch, 
sondern  nachweislich  falsch,  da  die  VIII.  Regio,  in  welcher  dieses  atrium 
Oad  erw&hnt  wird,  auf  keinen  Fall  bis  zum  Forum  boarium  ausgedehnt 
werden  kann,  eben  weil  die  X.  Regio  das  Velabrum  einschliefst  und  jene 
doch  nicht  dieses  übersprungen  haben  kann.  Wo  das  hier  genannte  atrium 
Caci  anzusetzen  ist,  mufs  dahin  gestellt  bleiben.  Wenn  Preller  die  Angabe 
des  Aethicus  Cosmogr.  anfahrt,  dessen  heutiger  Text  lautet:  Tyberis-iuxta 
fonun  boarium,  quem  cacum  dicunt  transiens,  so  ist  hier  für  cacum  zweifel- 
los locum  zu  schreiben,  wie  Preller  übrigens  selbst  schon  andeutet. 

1)  Lactant.  1,  20,  36  Caca  quae  Hercnli  fecit  indicium  de  furto  boum. 
ScTT.  Verg.  Aen.  8,  190.  Hunc  (Cacum)  soror  sua  eiusdem  nominis  prodi- 
dii    Unde  etiam  sacellum  meruit. 

2)  Vgl.  Serv.  Aen.  8,  190  Caciae  —  per  yirgines  Vestae  sacrificabatur. 
M/ihogr.  2,  158  Cacia  sacellom  meruit  in  quo  ei  per  virgines  Vestae  sacri- 
ficftbatnr.    Vgl.  hierzu  Prenner  Hestia- Vesta.  S.  886  ff. 

3)  VgL  Fest.  p.  245.  Palatoalis  Flamen  constitutus  est  quod  in  tntela 
eins  deae  Palatium  est  Varro  7,  45. 

4* 

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-     52     - 

Diva  Palatua  und  führte  die  besondere  Bezeichnung  Pala- 
tuar.^)  Wir  dürfen  daraus  schliefsen,  dafs  auch  ihr  ein  beson- 
deres Kultheiligtum,  ein  sacellum  oder  eine  ara,  gehört  hat,  an 
dem  das  sacrificium  selbst  stattfand. 

Ferner  möchte  es  sich  empfehlen,  an  eben  dieselbe  Stelle, 
did  Südwestecke,  die  älteste  Erinnerung  an  die  Lares  praestites 
zu  verlegen,  resp.  ihre  ara  selbst  anzusetzen.  Ovid  erwähnt  einen 
schon  zu  seiner  Zeit  fast  ganz  verfallenen  Altar  der  Lares  prae- 
stites*), giebt  aber  leider  durchaus  keinen  Anhaltspunkt  für  die 
Bestimmung  der  Stelle,'  wo  sich  dieser  Altar  befand.  Liegt  es 
nun  nahe,  die  gleichfalls  erwähnte  Göttin  Praestitia  oder  Prae- 
stana^)  mit  den  Lares  praestites  in  innere  Verbindung  zu  brin- 
gen, so  wird  jene  anderseits  wieder  in  engere  Beziehung  zu 
der  Südwestecke  des  Palatinus  durch  die  Angabe  gebracht,  dafs 
ihre  Verehrung  auf  Veranlassung  des  kräftigen  Lanzenwurfs  des 
Komulus  ins  Leben  gerufen  sei.  Da  der  heilige  Kirschbaum, 
wie  schon  bemerkt,  als  die  Lanze  des  Romulus  selbst  galt,  so 
scheint  der  Zusammenhang  der  Praestana  oder  Praestitia  mit 
dieser  Stelle  unabweislich  zu  sein  und  daraus  auch  für  die  An- 
setzung  der  ara  der  Lares  praestites  der  Schlufs  sich  von  selbst, 
zu  ergeben.  Nissen*)  hat  die  weiter  zurückliegende  und  von 
Rosa  mit  dem  Namen  Auguratorium  bezeichnete  Ruine  für  die 
Lares  praestites  in  Anspruch  genommen,  was  unmöglich,  da 
Ovid  ausdrücklich  nur  von  einer  und  zwar  schon  verfallenen  Ara 


1)  Fest  p.  348  PMatio  cai  sacrificium  quod  fit  Palatnar  dicitor. 

2)  Fast.  5,  129  ff.  Von  der  ara  heilst  es:  sed  longa  vetnstas  destmit 
et  saxo  longa  senecta  nocet.  Der  Zusatz  arserat  illa  quidem  Curibus  — 
wodurch  in  ÜbereiDstimmung  mit  Varro  6,  74  die  Herkunft  dieses  Culta 
von  den  Sabinern  angedeutet  werden  soll  —  beweist  nichts.  Vgl.  Kap.  6. 
Das  altertümliche  dieser  Lares  praestites  geht  auch  aus  ihrer  Verbindung 
mit  dem  Hunde  hervor,  ohne  welchen  sie  überhaupt  nicht  zu  denken  sind: 
was  Plutarch  zu  seiner  Frage  Q.  R.  51  veranlalst  hat.  Mit  ihrem  Kulte 
scheint  die  Gens  Caesia  in  Verbindung  gestanden  zu  haben,  da  auf  ihren 
Münzen  die  mit  einem  Hundsfell  bekleideten  Larei^jünglinge  erscheinen. 
Vgl.  Mommsen  R.  Münzw.  S.  660.  N.  174. 

3)  Arnob.  4,  3  führt  die  Verehrung  der  GK^ttin  Praestana  auf  die  Ver- 
anlassung des  Lanzenwurfs  des  Romulus  zurück.  Dafs  sie  speziell  am  Pa- 
latin  haftet,  geht  aus  ihrer  Vergleichung  mit  der  Göttin  Panda  hervor,  die, 
in  Beziehung  auf  das  viam  pandere  T.  Tatio,  dem  Kapitol  zugewiesen  wird. 
Vgl.  auch  Tertull.  ad  nat.  2,  11  (ntiae)  praestitiam. 

4)  Tempi.  212  ff. 


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spricht:  diese  mit  den  später  hier  aufgestellten  Statuen  mögen 
wir  uns  hier  befindlich  denken.^) 

So  glaube  ich  auf  der  Höhe  des  Palatium,  an  der  heute 
noch  klar  erkennbaren  Stelle^  eine  Reihe  heiliger  Gebäude  und 
Denkmäler  nachweisen  zu  können.  Und  mag  auch  die  Verbin- 
dung des  einen  oder  des  andern  gerade  mit  dieser  Südwestecke 
des  Palatium  zweifelhaft  sein:  es  bleibt  auf  alle  Fälle  sicher^  dafs 
dieselbe  durch  einen  zusammenhängenden  Komplex  heiliger  Ge- 
bäude zu  einem  der  denkwürdigsten  und  bedeutsamsten  Punkte 
der  Stadt  geweiht  gewesen  ist.*)  Auf  engstem  Räume  sind 
alle  diese  Denkmäler  und  Kultstätten  vereinigt:  und  in  der  in- 
neren Zusammengehörigkeit  derselben^  die  alle  in  der  ältesten 
Zeit  und  speziell  in  Romulus  ihren  vereinigenden  Mittelpunkt 
haben,  tritt  uns  unzweifelhaft  das  sacrale  Centrum  einer  uralten 
Ansiedlung  entgegen. 

Gleicher  Art  weisen  nun  andere  Angaben  ebenso  einmütig 
auf  einen  zweiten  Punkt,  und  zwar  am  Cermalus,  hin,  der  nicht 
minder  durch  eine  lange  Reihe  von  Denkmälern  einer  heiligen 
Urzeit  geweiht  ist,  die  wieder  sämtlich  in  engster  Wechselbezirfiung 
unter  einander  stehen.  Ovidius  spricht  von  dieser  Stelle  bei 
seiner  Erzählung  der  Zwillingslegende:  und  nachdem  er  gesagt 
hat,  dafa  die  Mulde,  in  welcher  die  Zwillinge  ausgesetzt  waren, 
hier  in  limo  sitzen  blieb  —  silvis  adpulsus  opacis  —  fügt  er 
noch  folgende  weitere  Schilderung  des  Lokals  hinzu:  arbor  erat 
—  remanent  vestigia  —  quaeque  vocatur  Rumina  nunc  ficus 
Bomula  ficus  erat.  Venit  ad  expulsos  lupa  feta  gemellos  — ; 
illa  loco  nomen  fecit  locus  ipse  Lupercis.^  Hier  wird  also  die 
Antreibung  der  Zwillinge,  der  ruminalische  Feigenbaum*),  sowie 

1)  Über  die  Statuen  vgl.  Detlefsen  de  arte  Rom.  antiquiss.  pari  I 
8.  20  (Progr.  v.  Glückstadt  1867). 

■  2)  Auf  einen  gröüseren  Komplex  von  Gebäaden  weist  auch  einmal  die 
Angabe  des  Dionys.  14,  6,  wo  es  von  der  curia  Saliorum  heifst:  ffvyxara- 
9^<ATa  Tfttg  niqii  oU^aig;  sodann  die  Argeerprozession,  bei  welcher  allein 
ner  sacraria  auf  dem  Palatium  erscheinen. 

3)  Fast.  2,  411  ff. 

4)  Daus  der  ruminalische  Feigenbaum  später  allein  auf  dem  Comi- 
titun  sich  befand  ist  sicher:  vgl.  aufser  Ovid  a.  0.  Plin.  n.  h.  15,  77; 
des  Li?in8  Angabe  1,  4  ubi  nunc  ficus  ruminalis  est  (auf  dem  Palatinus) 
mag  aus  älteren  Quellen  übernommen  sein,  die  des  Feigenbaums  zum  Jahre 
458  a.  c.  erwähuteu,  in  welchem  die  Ogulnii  das  eherne  Staudbild  am  Lu- 
percal  weihten;  vgl.  auch  Liy.  10,  23.  Mommsen  nimmt  an,  Ennius  (v.  71 
Vahlen)  habe  überhaupt  erst  den  Urfeigenbaum  des  Germalus  angebracht, 


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—    54    — 

das  Lupercal  in  engste^  offenbar  auch  lokale  Beziehung  zu  ein- 
ander gebracht.  Die  Antreibung  der  Zwillinge  gerade  an  den 
Cermalus  —  was  übrigens  Ovid  selbst  schon  andeutet  —  ist  nun 
aber  anderswoher  als  allgemeine  Annahme  bekannt,  wofür  vor 
allem  Varro  zu  vergleichen  ist,  welcher  sagt^):  Germalum  a  ger- 
manis  Bomulo  et  Bemo  quod  ad  ficum  ruminalem  ibi  inventi 
quo  aqua  ibema  Tiberis  eos  detulerat  in  alveolo  expositos.  Und 
mit  dieser  Angabe  des  Varro  stimmt  Dionys  an  verschiedenen 
Stellen  seiner  Erzählung  überein.  Auch  er  erwähnt,  dafs  dieser 
Ort  einst  dicht  bewaldet  war  und  dafs  sich  in  diesem  Walde  eine 
Grotte  des  Lupercus  befand,  in  der  sich  eben  die  Wölfin  verbarg. 
Ausdrücklich  setzt  er  diese  Höhle  nicht,  wie  man  häufig  die 
Sache  auffafst,  an  den  Abhang  selbst,  sondern  an  den  Fuls  des 
Hügels^),  wo  sie  sich  demjenigen,  der  unter  der  Westseite  des 
palatinischen  Berges  herging,  zeigte:  dBixwtai,  sagt  er  deshalb, 


indem  er  ihn  aus  dem  allein  bekannten  und  TOrhandenen  des  Comitinm  für 
den  Palatinns  erfand  (B.  F.  2,  11  f.  Hermes  16,  2):  aber  daraus  daüs  Fabius 
die  Zwillinge  an  einem  Felsstück  —  des  Palatinns  —  (so  schliefst  Momm- 
sen)  landen,  resp.  ihre  Wanne  an  einem  solchen  um&Uen  lälst,  ergiebt  sich 
noch  keineswegs,  dafs  er  den  Feigenbaum  dort  nicht  kannte.  Im  Gegenteil 
darf  man  den  Feigenbaum  schon  bei  Fabius  bestimmt  voraussetzen:  denn 
wenn  es  bei  ihm  heifst  Dion.  1,  79  =-  fr.  6b  Peter:  riv  ydq  %iq  ov  noXv 
äni%(ov  i'KSid'sv  tsqbg  xcaqeg  vXjj  ßad'eC^  avQrjQStprig,  so  kann  man  als  sicher 
annehmen,  dafs  jener  Feigenbaum  zu  diesem  alten  Haine,  den  also  noch 
Fabius  kannte,  gehört  hatte.  Erwähnt  also  Fabius  noch  einen  Hain,  Ennius 
nur  den  einzelnen  Baum,  so  liegt  doch  die  Vermutung  nahe,  dafs  jener 
Hain  infolge  der  wachsenden  Anbauten  allmählich  sich  lichtete;  dafs  später 
aus  religiösen  Motiven  wenigstens  ein  Baum  noch  erhalten  wurde;  dafs 
endlich  auch  dieser  fiel  —  Ovid  sagt  noch:  vestigia  remanent,  während 
Dionysius  ausdrücklich  bezeugt,  dafs  der  von  Fabius  noch  erwähnte  Hain 
zu  seiner  Zeit  völlig  verschwunden  war.  1,  79.  JedenfEÜls  geht  aus  diesem 
zweifellosen  Umstände  der  einstigen  Existenz  eines  Hains  von  Bäumen,  den 
Fabius,  wenn  auch  vielleicht  nur  noch  aus  der  Erinnerung  erwähnt,  mit  , 
Sicherheit  hervor,  dafs  die  ficus  ruminalis  des  Palatinns  nicht  eine  Fiction 
später  Zeit  ist.  Ahnlich  weisen  an  den  verschiedensten  Stellen  der  Stadt 
später  einzMne  Bäume  und  Baumgruppen  auf  das  einstige  Vorhandensein 
ganzer  Haine,  wie  die  Alten  selbst  wiederholt  bezeugen.  Auch  die  casa  Ro- 
muli hat  man  später  auf  das  Kapitel  übertragen  und  doch  ist  ihre  ursprüng- 
liche Existenz  auf  dem  Palatinns  autser  Zweifel.  Vgl.  noch  auD^er  Schwegler 
R.  G.  1,  892  f.  Jordan  1,  1.  200. 

1)  De  1.  1.  6,  66. 

2)  1,  82^  wo  ausdrücklich  dem  AovneQ%dXtov  als  dQx<^i^  —  (inrilaiov 
vno  tm  XoqxD  das  NCurig  tinBvog  inl  ty  Hoqvfpy  xov  Xofpov  entgegengesetzt 
wird.    Vgl.  auch  1,  79. 


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-     55    - 

taxa  tr^v  izl  tbv  Ctcxoöqoiiov  tpigovöav  odov,  womit  er  die  hei- 
lige Prozessionsstrafse  vom  Forum  durch  den  Tuscus  vicus  und 
das  Yelabrum  bezeichnen  will.^)  Das  Lupercal^  der  ruminalische 
Feigenbaum,  die  Stelle,  wo  der  Sage  nach  die  Zwillinge  einst 
landeten:  alle  diese  Denkmäler  und  Plätze  erscheinen  hier  eng 
Terbunden  in  der  Tiefe,  am  untersten  Abhänge  des  Cermalus. 

Mit  diesen  Denkmälern  hängt  nun,  so  weit  wir  erkennen 
können,  noch  ein  weiteres  zusammen,  das  sacellum  der  Bumina, 
welches  von  Varro  erwähnt  wird.^)  Bei  Besprechung  der  Mittel 
die  Milch  gerinnen  zu  machen  sagt  er:  non  negarim  ideo  apud 
dirae  Rumiae  (1.  Ruminae)  sacellum  a  pastoribus  satam  ficum. 
ibi  enim  solent  sacrificari  lacte  pro  vino,  et  pro  lactentibus.  mam- 
mae  enim  rumis,  sive  rumae  ut  ante  dicebant  a  rumi;  et  inde 
dieuntur  subrumi  agni:  lactentes  a  lacte.  ^)  Hier  wird  also  eine 
ficus  neben  dem  sacellum  Ruminae  erwähnt  und  es  ergiebt  sich 
Yon  selbst,  die  hier  genannte  als  identisch  mit  der  ficus  rumi- 
nalis  zu  fassen,  die  danach  eben  von  ihrem  Standorte  neben 
dem  sacellum  der  Rumina  ihren  Namen  empfangen  hatte.  Ich 
halte  dieses  Heiligtum,  obgleich  es  nur  hier  erwähnt  wird,  für 
sehr  bedeutsam:  dafs  die  Rumina  eine  Eultgöttin  Roms  war, 
wissen  wir  aus  wiederholten  AnfQhrungen  derselben,  unter  denen 

1)  Es  heilst  bei  Dion.  1,  79:  t6  filv  ovv  aXaog  oitiitt,  Bia^ivBi^  zo  81 
m^ov  i^  ov  ri  Xtßag  i%d^dotai  tm  IlaXXavtüp  nqoacoKodofkruiivov  dsinwzai 
nata  tfjv  inl  xov  tnnoÖQOfiov  tpigavauv  odov.  Man  darf  durch  den  letzten 
ZusaU  sich  nicht  verföhren  lassen,  an  die  oben  behandelte  Südwestecke 
des  palatinisehen  Berges  za  denken,  wo  Dionys  ix  tov  UaXKavxiov  inl  trjg 
^g  top  tn^oSQOfi^v  atqstpovcrig  Xayovog  die  Wohnung  des  Komulus  er- 
wähnt Denn  die  letztere  befindet  sich,  wie  wir  sahen,  an  den  direkt  zum 
CirkoB  absteigenden  scalae  Caoi;  jene  Höhle  zeigt  sich  dagegen  dem,  wel- 
cher auf  der  bekannten  Prozessionsstralbe  vom  Forum  zum  Girkus  geht 
Über  diese  Prozessionsstrafse  ist  Dion.  6,  36.  7,  72.  Flut.  Rom.  6  zu  ver- 
gleichen, wo  die  Ausdrücke  ij  q>i^ovaa  dCodog  ano  t^g  dyoQccg  iid  tov  fiiyav 
tnodqofiov  und  of  dno  tov  KanitnXCov  ts  xal  ät'  dyoqag  ayovteg  inl  tov 
f^ttv  tmrod^iiov  sowie  triv  elg  tov  £itn6difOfiov  fpsQovaav  ayoqag  ndqoÖov  — 
zeigen,  dafs  diese  Strafse  unter  dem  Westabhange  des  Palatinus  her  eine  sehr 
bekannte  war,  weshalb  eine  Verwechslung  jenes  Ausdrucks  des  Dionysius  mit 
der  Ix  Too  UaXXtcvtCov  n^og  tbv  £nn6dQ0(Mfv  otQefpovarj  Xaymv  sich  bestimmt 
aosgchüelst.  Servius  hat  offenbar  die  Stelle  des  Dionysius  im  Sinne  gehabt, 
wexm  er  zu  Aen.  8,  90  sagt  ficus  RuminaUs  ad  quam  eiecti  sunt  Romulus 
et  Bemus  quae  fuit  ubi  nunc  est  Lnpercal  in  Circo:  die  letzten  beiden 
Worte  sind  natürlich  Unsinn  und  aus  Dionys'  Beschreibung  herausgerissen. 

2)  De  r.  r.  2,  11. 

3)  Diese  Angabe  lälst  Mommsen  a.  0.  ganz  unberücksichtigt. 


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Dämentlich  diejenige  des  Augustinus  ^)  zu  nennen  ist.  Auch  Plu- 
tarch*)  erwähnt  diese  Göttin,  nennt  sie  aber  'Pov(iMa  und  be- 
zeichnet sie  als  eine  Göttin  tijg  ixtQoq)rig  täv  vrijtlfov  htin^Bkal' 
a^at  doxov0a'  xal  dvovüiv,  fugt  er  hinzu,  avty  vtjipdXia  ocal 
yaka  totg  tsQotg  imöTcivdovöLv,  Aus  den  altertümlichen  Ge- 
bräuchen'), die  nach  diesen  Angaben  zu  schliefsen  mit  dem  Kult 
verbunden  waren  und  welche  in  die  älteste  Hirtenzeit  Roms 
zurückreichen,  geht  hervor,  dafs  wir  es  bei  diesem  Heiligtum  mit 
einem  uralten  zu  thun  haben,  und  es  darf  als' sicher  bezeichnet 
werden,  dafs  dasselbe  auf  die  ganze  Ausbildung  der  Sage  von 
den  Zwillingen,  ihre  Nährung  durch  eine  Wölfin  etc.  eine  bedeu- 
tungsvolle Einwirkung  ausgeübt  hat:  doch  ist  dieses  näher  aus- 
zuführen hier  nicht  der  Platz.  Jedenfalls  haben  wir  ein  Recht, 
dieses  Heiligtum  in  engste  Beziehung  zu  den  übrigen  heiligen 
Denkmälern  dieser  Gegend  zu  bringen. 

In  diesen  Zusammenhang  gehören  ferner  noch  zwei  Kult- 
lokale,  das  ist  einmal  die  Curia  Acculeja,  es  ist  sodann  das  se- 
pulcrum  Accae  Larentiae.  Was  das  erstere  betriflft,  so  wird  seine 
Lage  als  extra  urbem  antiquam  non  longe  a  porta  Romana  an- 
gegeben.*)    Diese  curia  Acculeia^)  ist  aber   sehr   eigentümlich, 

1)  de  ciy.  d.  7,  11. 

2)  Rom.  4. 

3)  Diese  werden  anch  von  Yarro  bei  Nonius  p.  167  bezengt:  hisce 
nnminibus  laote  fit  non  vino^  Cnninae  propter  cunas,  Bnminae  propter  ru- 
mam  (d.  i.  mammam).  Wegen  der  scheinbar  durchaus  sichern  Zasammen- 
bringunfi^  des  Wortes  rnma  oder  mmis  mit  mamma  vgl.  auch  Paul.  p.  271 
und  Plm.  n.  h.  15,  77. 

4)  Die  Worte  Varros  1.  1.  6,  24  qui  uterque  locus  extra  urbem  anti- 
quam fuit  werden  am  natürlichsten  auf  die  curia  Acculeia  und  auf  das 
Larentinal  bezogen:  denn  weder  das  Yelabrum  überhaupt,  noch  die  Nova 
Via,  welche  beide  zur  näheren  Bestimmung  des  Larentinal  angeführt  wer- 
den, kann  man  als  locus  bezeichnen;  das  sepulcrum  Accae  sowie  die  Stelle, 
wo  Diis  Manibus  Servilibus  geopfert  wird  —  welche  gleichfalls  beide  er- 
wähnt werden  —  sind  in  Wirklichkeit  von  dem  Larentinal  nicht  verschie- 
den. Ganz  aufser  Zweifel  gestellt  wird  aber  die  Lage  der  curia  Acculeia 
durch  Varro  L  1.  5,  164,  wo  es  von  der  porta  Romana  heilst:  quae  habet 
gradus  in  Nova  Via  ad  Volupiae  sacellum;  das  sacellum  Volupiae  —  wel- 
ches mit  der  curia  Axiculeia  identisch  —  lag  also  unmittelbar  unter  den 
Stufen  der  porta  Bomana.  Dieses  sacellum  Volupiae  wird  wahrscheinHch 
auch  Varro  1.  L  5,  43  erwähnt,  wo  die  Worte  et  unde  escendebant  ad  in- 
fumam  novam  viam  locus  sacellum  labrum.  Velabrum  —  wahrscheinlich 
zu  ändern  sind  in:  sacellum  Volupiae.     Velabrum  — . 

6)  Curia  steht  hier  in  der  Bedeutung  eines  Eultgebäudes;  vgL  dar- 


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—     57     — 

da  in  ihr  zwei^  ja  drei  verschiedene  Gottesdienste  stattfinden: 
einmal  ist  es  sicher,  dafs  sie  neben  jener  Bezeichnung  die  andere 
saceUom  Yolupiae  trug^),  woraus  man  doch  schliefsen  darf^  dafs 
eben  Volupia  in  ihr  eine  Hauptstelle  einnahm;  sodann  aber  wird 
wieder  als  auf  der  ara  Volupiae  sitzend  die  Göttin  Angerona 
genannt')^  sodafs  also  Volupia  und  Angerona  gleichmäfsig  in 
diesem  sacellum  Volupiae  resp.  in  dieser  curia  Acculeia  verehrt 
erscheint.  Aus  dem  letzteren  Namen  aber  möchte  man  mit  Recht 
auch  auf  die  Verehrung  der  Acca*)  selbst  zurückschliefsen,  da 
beide  Namen  wohl  kaum  von  einander  getrennt  werden  können. 

In  dieser  eigentümlichen  Kumulierung  von  Göttemamen  und 
Kulten  mochte  man  wieder  am  natürlichsten  ein  Zusammentreffen 
Terschiedener  Bevölkerungselemente  erkennen,  welche  sich  in 
ihrem  Gottesdienste  ausglichen  und  verschmolzen.  Die  Curia 
Acculeia  selbst  aber  ist  offenbar  das  uralte  Kult-  und  Gemeinde- 
haas, in  dem  sich  eben  die  verschiedenen  Gottesdienste  der  zu 
ihr  gehörigen  Gemeinde  vereinigten. 

In  unmittelbarer  Nähe  befand  sich  nun  noch  ein  zweites 
Kultlokal,  welches  wieder  in  derselben  Weise  eine  Vereinigung 
und  Verschmelzu^jg  verschiedener  Namen  und  Dienste  zeigt.  Denn 
einmal  heilst  der  Festtag  selbst,  dessen  Feier  an  dieser  Stelle 
stattfindet,  Larentinal  oder  Larentalia*),  welches  Fest  in  Wirk- 
lichkeit zunächst  dem  Jupiter  gilt;  andererseits  heifst  die  Stelle 
selbst  sepulcrum  Accae,  woneben  zugleich  ein  Opfer  den  Diis 
Manibus  Servilibus  (Serviliis?)  stattfindet.^)    Obgleich  nun  beide 

über  Kap.  6.  Für  Acculeia  hat  Verrius  Flaccns  z.  d.  Fasti  Praen.  21.  Dec. 
auch  Occal(eia);  Varros  Angabe  scheint  mir  sicher. 

1)  Nach  Macrob.  1,  10,  7  fanden  die  feriae  divae  Angeroniae  in  sa- 
cello  Volupiae  statt,  wo  dieselbe  in  ara  Volupiae  ihr  simulacrom  hatte.  Da 
aber  uach  Varro  1.  1.  6,  28  Angeronalia  ab  Angerona,  cui  saorificium  fit  in 
curia  Accoleia  et  cuios  feriae  pnblicae  is  dies,  so  folgt,  dals  die  curia  Ac- 
culeia wieder  mit  dem  sacellum  Volupiae  identisch  isi 

2)  Vgl.  Macrob.  a.  0. 

3)  Acculeios  scheint  mir  von  Acca  abzuleiten,  sodals  die  curia  selbst 
von  der  Acca  ihren  Namen  hatte,  in  ihr  aber  zugleich  die  Angerona  und 
Yolapia  verehrt  wurden. 

4)  Varro  1.  L  6,  23  f. 

5)  Varro  bestimmt  a.  0.  das  der  Acca  Larentia  jährlich  am  25.  Dez. 
dargebrachte  sacrificium  als  stattfindend  in  Velabro  qua  in  Novam  Viam 
exitnr  —  non  longe  a  porta  Bomana.  Hier  befand  sich  nach  Cic.  ad  Brut. 
15  eine  ara,  die  demnach  an  der  Grenze  des  Velabrum  nach  dem  Tuscus 
neu  zu,  da,  wo  die  Via  nova  in  die  porta  Bomana  einmündete »  sich  be- 


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Eultstätten  bestimmt  schon  dem  Velabrum  selbst  zugewiesen 
werden,  so  müssen  sie  doch  in  unmittelbarster  Nähe  jener  übrigen 
Kultlokale,  die  wir  im  vorhergehenden  kennen  gelernt  haben,  ge- 
sucht werden:  und  die  Bedeutung  dieses  Platzes  in  seiner  Be- 
ziehung zur  Gründimgssage  selbst  wird  dadurch  um  ein  Bedeu- 
tendes erhöht.^) 

Haben  wir  also  den  Hain  uud  die  Höhle  des  Lupercus  mit 
der  vor  ihr  befindlichen  ara,  wie  auch  das  sacellum  Buminae 
mit  dem  nach  ihm  benannten  Feigenbaum,  sowie  nicht  minder 
unweit  davon  die  curia  Acculeia  mit  dem  Dienste  der  Angerona 
und  Yolupia  sowie  Altar  und  Grabmal  der  Acca  Larentia  in 
der  Tiefe  am  Abhänge  des  Berges  zu  suchen,  wo  naturgemafs 
auch  die  Landung  der  Mulde,  welche  die  Zwillinge  geborgen 
haben  sollte,  nach  allgemeinem  Glauben  erfolgt  war:  so  möchte 
endlich  auch  in  nicht  zu  grofser  Feme  von  hier  die  aedes  Romuli 


fand.  Das  Fest  galt  eigentlich  dem  Jupiter,  wie  ans  der  alten  Beischrift 
des  Kalenders  z.  d.  T.  (C.  I.  L.  I,  p.  375)  hervorgeht;  vgl.  auch  Macrob. 
S.  1,  10,  10:  nnd  es  ist  vielleicht  auf  den  hier  verehrten  Jupiter  der  Bei- 
name Buminus  zu  beziehen,  den  Augustin.  de  civ.  d.  7,  11  in  enge  Bezie- 
hung zur  Rumina  bringt:  das  sacellum  Ruminae  und  der  mit  der  ara  der 
Acca  Larentia  verbundene  Jupiter  Ruminus  würden  dann  nicht  nur  lokal, 
sondern  auch  innerlich  eng  verbunden  sein.  Das  Fest  war  aber  zugleich 
ein  Totenfest,  indem  der  Acca  Larentia  ein  Totenopfer  dargebracht  wurde, 
weshalb  es  Cato  bei  Macrob.  S.  1,  10,  12  als  annua  parentatio  bezeichnet. 
Im  übrigen  vgl.  Mommsen  R.  F.  2,  1  fiP.  die  echte  und  die  falsche  Acca 
Larentia  (aus  „Festgaben  für  Homeyer  zum  28.  Juli  1871*0»  dessen  Fol- 
gerungen und  Ergebnisse  ich  aber  fast  in  keinem  Punkte  billigen  kann. 
Näher  aber  auf  die  Sage  hier  einzugehen  ist  unmöglich.  Die  beste  Wider- 
legung der  Annahme  Mommsens,  dafs  der  ganze  Sagenkomplez,  welcher 
sich  an  Acca  Larentia  knüpft,  auf  Erfindungen  später  Zeit  beruht,  bietet 
das  Fest  der  Larentalia  selbst,  welches  auch  Mommsen  natürlich  nicht 
umhin  kann  als  uralt  zu  bezeichnen:  dals  dieses  aber  auch  an  das  Lokal 
selbst,  wo  sich  später  wenigstens  sein  Hauptakt  abspielt,  vor  der  porta 
Romana,  geknüpft  ist,  zeigt  die  Teilnahme  des  flamen  Quirinalis,  des  älte< 
sten  Priesters  der  Stadt,  wie  wir  sehen  werden.  Selbst  wenn  also  die  Acca 
Larentia  eine  Erfindung  späterer  Zeit  wäre,  so  würde  doch  das  Lokal  selbst 
—  und  um  die  Wichtigkeit  dieses  handelt  es  sich  hier  in  erster  Linie  — 
nicht  minder  bedeutsam  bleiben.  Richtig  ist,  was  Mommsen  nachweist, 
dass  der  Sagenkomplez,  wie  er  sich  an  die  Acca  Larentia  knüpft,  aus  zwei 
Teilen  besteht,  die  erst  spät  verschmolzen  sind:  nicht  aber  der  frivole,  son- 
dern der  ernste  Teil  ist  der  ältere  Bestandteil.  Vgl.  darüber  noch  Kap.  6. 
1)  Vgl.  Preller  2,  26  ff.,  der  richtig  hervorhebt,  dafs  Acca  Larentia 
und  Dea  Dia  von  Haus  aus  nicht  wesentlich  verschieden  gewesen  sein  können. 


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anzusetzen  sein,  von  welcher  die  Argeerurkunde  berichtet.^)  Un- 
abhängig Yon  diesen  lokal  zusammenhängenden  Denkmälern  und 
Gebäuden  ist  aber  das  Heiligtum  der  Victoria,  welches  von  Dio- 
njsius  ausdrücklich  auf  der  Höhe  des  Berges  angesetzt  wird,  an 
dessen  FuXse  jene  übrigen  Denkmäler  sich  befanden.^  Da  der 
Kult  der  Victoria  als  eine  in  die  Zeit  vor  der  Gründung  Roms 
hinaufreichende  Institution  bestimmt  bezeichnet  wird,  so  hat  ihr 
Heiligtum  auch  inhaltlich  nichts  mit  jenem  Komplex  von  heiligen 
Statten  gemein,  welche  am  Fufse  des  Berges  die  von  ihnen  ein- 
genommene Stelle  gleichfalls  zu  einer  der  heiligsten  und  bedeut- 
samsten der  Stadt  erheben. 

Ziehen  wir  aus  vorstehendem  unsere  Folgerungen.  An  zwei 
genau  bestimmten  Punkten  der  Westseite  des  Palatinus  haften 
die  Erinnerungen  und  Sagen  von  den  Gründern  Roms:  auf  der 
Hohe  des  Palatium  und  am  Fufse  des  Cermalus.  Schärfer,  denke 
ieh,  konnte  die  Scheidung  des  Westpalatinus  in  zwei  selbstän- 
dige, von  einander  unabhängige  Teile  nicht  hervorgehoben  wer- 
ben: die  beiden  heiligen  Stätten,  die  fem  von  einander  gelegen^, 


1)  Varro  L  1.  6,  64.  Man  wirft  gewöhnlich  mit  dieser  aedes  Romuli 
die  casa  Bomnli  zusammen  —  so  s.  B.  Jordan  2,  268  f.  — ,  was  unmöglich 
i^  Haben  wir  bestimmt  den  Namen  Cermalus  an  der  Nordwestecke  des 
palatinischen  Berges  haftend  kennen  gelernt,  so  kann  die  aedes  Bomnli 
des  Cermalus  mit  der  casa  Romuli,  ivelche  letztere  ebenso  sicher  der  Süd- 
westecke desselben  Berges  gehört,  nichts  gemein  haben.  Eine  üngenanig- 
Iteit  des  Ausdrucks  ist  unmöglich  anzunehmen:  denn  wenn  wir  nicht  einmal 
die  Ausdrücke  der  offiziellen  Argeerurkunde  (Germalense  quinticeps  apud 
aedem  Bomnli)  wörtlich  nehmen  dürfen,  so  wüfste  ich  nicht,  worauf  wir 
uns  noch  verlassen  könnten.  Gerade  aus  dem  umstände,  dafs  in  der  Ar- 
geerprozession  dem  eigentlichen  Palatium  vier  Kapellen  zugewiesen  werden, 
dem  Cermalus  und  der  Velia  je  eine,  geht  mit  Sicherheit  hervor,  dafs  wir 
den  Cermalus  im  Gegensatz  zu  dem  Palatium  auf  seinen  ursprünglichen 
ond  eigentlichen  Umfang  —  die  Nordwestseite  —  beschränken  müssen.  Mir 
ist  das  wahrscheinlichste;  dafs  wir  die  aedes  Bomnli  an  der  Stelle  von 
S.  Teodoro  zu  suchen  haben,  dessen  Bundbau  sicher  auf  einem  antiken  Ge- 
bende errichtet  ist:  hier  mochte  sich  der  Kult  des  Romulus  fixiert  und  im 
Aiuehluifl  an  ihn  auch  die  Localisierung  der  Gründungssage  vollzogen  haben. 

2)  Dion.  1,  32.    Vgl.  unten. 

3)  Auf  der  Höhe  habe  ich  von  dem  Punkte  über  S.  Teodoro  bis  zu 
den  Mauerresten  der  Südwestecke  120  m.;  in  der  Tiefe  von  S.  Teodoro 
bis  S.  Anastasia  ^  welche  etwa  gerade  unter  jenen  Mauerresten  liegt  — 
^  m.  gemessen.  Vergleicht  man  mit  diesen  Entfernungen  die  Mafse  der 
Teiremare,  so  wird  man  nicht  in  Zweifel  sein,  dafs  sie  sehr  wohl  in  ihren 
äoIserBten  Abständen  zwei  verschiedenen  Gemeinden  angehören  können. 


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jede  f{ir  sicli  in  eigentümlicher  Weise  die  Erinnerang  an  die 
Gründung  der  Stadt  und  den  Kult  des  Gründers  bewahrten, 
können  nur  als  die  alten  Kult-  und  Gemeindemittelpunkte  der 
zwei  gesonderten  Ansiedlungen  vom  Cermalus  und  vom  Palatium 
gefafst  und  verstanden  werden.^) 

Auf  diesen  Dualismus,  der  uns  in  dem  Nebeneinander  zweier 
ursprünglich  gleichberechtigter  Einzelgemeinden  des  Westpala- 
tinus  entgegentritt,  weist  nun  auch  die  Sage  von  den  Gründer- 
zwillingen Romulus  und  Remus  hin,  auf  die  wir  daher  im  fol- 
genden etwas  näher  eingehen  müssen. 

Wenn  die  Sage  von  den  Zwillingen  auch  stets  sehr  mannig- 
faltige Deutungen  erfahren  hat,  so  hatte  man  doch  bislang  nicht 
angestanden,  irgend  einen  thatsächlichen  Gehalt  als  derselben  zu 
Grunde  liegend  anzunehmen,  sei  es  nun,  dafs  man  denselben  auf 
historischem,  oder  auf  religiösem  oder  mythologischen  Gebiete 
suchte.  Diese  Ansicht  von  der  Bedeutung  der  Sage,  d.  h.  von 
irgend  einem  thatsächlichen  Gehalte,  der  in  ihr  zum  Ausdruck 
komme,  ist  neuestens  von  Mommsen  bekämpft  und  die  Überein- 
stimmung römischen  Glaubens  an  die  Sage  selbst  als  eine  nur 
künstlich  gemachte  zu  erweisen  gesucht:  die  Sage  soll  eine  be- 
wufste  Fiktion  später  Zeit  sein.^)  Mommsen  formuliert  seine 
Ansicht  dahin,  dafs  die  Legende  in  der  Zwischenzeit  von  Ver- 
treibung der  Könige  bis  zur  Aufstellung  des  ehernen  Standbildes 
der  Wölfin  mit  den  Zwillingen  im  Jahre  458  d.  St.^)  zu  dem 
Zwecke  erfunden  und  gestaltet  sei,  um  das  Konsulat  dem  König- 
tum resp.  dieses  jenem  wesentlich  gleichartig  und  ebenbürtig  zu 
machen,  indem  eben  dem  Doppelamte  des  Konsulats  ein  Doppel- 
königtum gegenübergestellt  sei.*) 


1)  In  Bezug  auf  die  im  yorhergehenden  bebandelte  Topographie  des 
WeRtpalatinuB  sei  noch  bemerkt,  dafs  hier  eine  anglaubliche  Verwirrnng 
herrscht,  indem  gewöhnlich  der  clivus  Victoriae  mit  der  porta  Romana  und 
dem  entsprechend  zugleich  mit  allen  übrigen  Eultlokaleu  des  Cermalus  und 
Velabrum  viel  zu  weit  nach  Süden  und  damit  unmittelbar  an  die  Kult- 
stätten des  Palatium  gerückt  werden.    So  auch  die  Eiepertschen  Karten. 

2)  Hermes  16,  1  fiP.:  die  Remuslegende. 

3)  Mommsen  führt  die  erste  Kunde  resp.  die  ersten  litterarischen  Aus- 
führungen über  diesen  Gegenstand  auf  Kallias,  den  Zeitgenossen  und  Ge- 
schichteschreiber des  Agathokles,  c.  300  t.  Chr.  zurüc^  von  welcher  Zeit 
die  eigentliche  Schöpfung  resp.  Erfindung  der  Sage  nicht  sehr  weit  ab- 
liegen könnte. 

4)  A.  0.  22. 


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-Gl- 
ich halte  diese  Art  der  Lösung  des  Problems  der  Zwillings- 
sage für  unmöglich.  Die  Annahme^  dafs  eine  künstliche  Mache 
noch  im  vierten  und  fünften  Jahrhundert  der  Stadt  solche  Kraft 
gehabt  habe^  eine  Sage  zu  erfinden  und  für  sie  den  allgemeinen 
Glauben  in  einer  Weise  zu  erzwingen ,  dafs  dieselbe  zu  einem 
Fundamentalsatze  religiöser  Überzeugung  wurde^  ist  mir  undenk- 
bar. Und  wenn  die  Sage,  wie  sie  nach  Mommsen  zu  einem  be- 
stimmten Zwecke  erfunden  sein  soll,  diesem  Zwecke  überhaupt 
entsprochen  hätte:  aber  welche  Analogieen  sind  denn  zwischen 
dem  Consalat  und  dem  Doppelkönigtum  des  Bomulus  und  Remus 
Torhanden?  Bemus  erscheint  nur  als  Rex  collega,  um  sofort  — 
und  zwar  auf  die  gewaltthätigste  Weise  —  beseitigt  zu  werden: 
wo  bietet  sich  in  der  ganzen  Konsulatsgeschichte  eine  Parallele 
fÄr  solche  Abrogation  des  Amtes?  Würde  nicht  vielmehr  die 
Sage  gerade  die  Berechtiguug  des  Remus,  als  Gollega  zu  fungie- 
ren, hervorgehoben  haben,  statt  dieselbe  absichtlich  zu  unter- 
drücken? Und  wo  haben  wir  auch  nur  das  geringste  Anzeichen 
dafQr,  dafs  jemals  in  Rom  die  Tendenz  vorhanden  gewesen,  das 
Konsulat  als  gleichartig  dem  Königtum  darzustellen?  Wird  nicht 
im  Gegenteil  übereinstimmend  das  eiiie  dem  andern  eni^egen- 
gesetzt,  der  lebenslänglichen  Monarchie  des  letzteren  das  durch 
KoUegiaiitat  und  Annuität  beschränkte  Konsulat  gegenübergestellt? 
Dnd  welcher  Grund  wäre  ferner  für  die  freierfindende  und  frei- 
formelnde  Mache  vorhanden  gewesen,  gerade  diejenige  höchst 
wundersame  Form  ihrer  Invention  zu  geben,  dafs  die  Reges  Col- 
Icgae  zugleich  Zwillinge  waren?  Und  war  denn  nicht  in  dem 
Doppelkönigtum  des  Romulus  und  Titus  Tatius  schon  —  wenn 
man  deren  überhaupt  zu  bedürfen  glaubte  —  eine  Parallele  für 
das  Konsulat  vorhanden?  Diese  Einwände,  die  jedem,  der  mit 
Mommsens  Abhandlung  sich  näher  beschäftigt,  als  Fragen  sieh 
aufdrangen,  mögen  es  erklären,  wenn  ich  die  so  versuchte  Lösung 
des  Problems  der  Zwillingssage  ablehne:  die  Legende  von  Romu- 
lus und  Remus  wäre  die  denkbar  schlechteste  Erfindung,  wenn 
ihren  Schöpfern  wirklich  darum  zu  thun  gewesen  wäre,  in  ihr 
dem  republikanischen  Konsulat  ein  Gegenbild  schon  in  der  Königs- 
zeit zu  schaffen. 

Nach  dem,  was  ich  oben  über  die  Bildung  der  Stammreprä- 
sentanten, der  Eponymen,  gesagt  habe,  kann  es  nicht  zweifelhaft 
sein,  was  wir  in  Romus,  Romulus  zu  erkennen  haben.  Romus 
ist  mit   dem   Stammnamen   der  Ramnes  unzertrennlich  verbun- 

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—     62     — 

den^),  er  ist  der  Ramne^  der  Römer  und  demnach  in  seiner  Personi- 
fikation der  sagenhafte  Ahnherr,  der  Repräsentant  dieses  Stam- 
mes: seine  Geschichte  ist  die  Geschichte  dieses.  Und  wenn  Romu- 
lus  demnach  als  der  Schöpfer  und  Gründer  von  Stadt  und  Staat 
erscheint,  so  heifst  das  eben  nichts  weiter,  als  dafs  dem  in  ihm 
personifizierten  Stamme  derRamnes  diese  Gründung  Ton  Stadt 
und  Staat  zukommt. 

Eines  ist  nun  aber  von  Mommsen  ganz  unzweifelhaft  erwiesen: 
der  Name  des  Remus  hat  keine  Existenzberechtigung.  Die  älte- 
sten Quellen  sprechen  nur  von  Romus  und  Romulus,  offenbar 
zwei  verschiedenen  Formen  eines  Namens,  ohne  des  Remus  zu 
gedenken:  die  Sage  hat  also  von  Haus  ans  nur  an  dem  einen 
Namen  Romus  gehaftet,  der  in  dem  Romulus  sich  gleichsam  selbst 
einen  Doppelgänger  schafil.  Dieser  doppelte  Romus  bleibt  unter 
allen  Umständen  eine  merkwürdige  Bildung.  Denn  der  Eponjm 
eines  Stammes,  einer  Stadt  ist  naturgemäfs  Einer ^)  und  die 
Zwillingsgestalt  jenes  ist  nur  aus  eigentümlichen,  in  historischen 
Verhältnissen  begründeten  Umständen  zu  erklären.  Wenn  nun 
der  Name  des  Romus  =  Romulus  bestimmt  nachweisbar  an  der 
Gemeinde  des  Cermalus^),  sowie  an  der  des  Palatium*)  haftet,  ja 
auch  später  noch  an  den  Kultstätten  dieser  beiden  Siedlungen 
den  sakralen  Mittelpunkt  derselben  bildet,  so  folgt  daraus  eben 
nur  dieses,  dafs  beide  Gemeinden  eines  Stammes,  wenigstens 
eines  gemeinsamen  Namens  gewesen  sind  und  dafs  sie  demnach 
beide  auf  Romus  oder  Romulus  als  ihren  Ahnherrn  und  Eponym 
ein  Anrecht  gehabt  haben.  Und  da  beide  Gemeinden  auch  nach 
ihrer  föderativen  Vereinigung,  wie  wir  später  sehen  werden,  eine 
gewisse  Selbständigkeit  als  Stadtdistrikte  bewahrt  und  jede  ihren 
sakralen  Mittelpunkt  mit  dem  Kulte  ihres  Stammheros  festgehalten 
haben,  so  hat  auch  fernerhin  jede  der  beiden  den  Romus  oder 

1)  Auch  Mommsen  fafst  bekatiDtlich  (R.  G.  1,  43)  die  Ramnes  nur  als 
eiDe  andere  Namensform  der  Romani  und  sieht  in  dieser,  der  älteren  Sprach- 
periode geläufigen,  dem  Lateinischen  aber  in  früher  Zeit  abhanden  gekom- 
menen Lautverschiebang  ein  redendes  Zeugnis  für  das  unvordenkliche  Alter 
des  Namens.  Daraus  geht  auch  der  enge  Zusammenhang  zwischen  den 
Namen  Ramnes  und  Romus  (»  Romulus)  hervor. 

2)  Insofern  hat  Mommsen  Recht,  wenn  er  sagt  a.  0.:  „ein  Doppel- 
gründer für  eine  als  Einheit  empfundene  Institution  ist  immer  ein  Wider- 
spruch". 

3)  In  der  aedes  Romuli. 

4)  In  der  casa  Romuli,  abgesehen  von  allen  weiteren  Sagen  und  Kulten. 


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—    63    — 

Romalas  speziell  für  sich  in  Anspruch  nehmen  und  in  ihm  den 
besondem  Ahn-  und  Stammherrn  ihrer  Gemeinde  sehen  zu  dürfen 
geglaubt.^)  So  erklärt  es  sich^  dafs  der  Name  sowohl  am  Cer- 
malas  wie  am  Palatinm  nicht  nur  von  Haus  aus  haftet,  sondern 
durch  alle  Zeiten  sich  erhalten  hat. 

Dieser  Dualismus  der  ramnischen  Nachbargemeinden  und 
ihrer  Eponymen  ist  —  wie  ich  überzeugt  bin  —  der  Grund,  aus 
dem  die  Sage  von  den^Brüderpaare  Romus  erwachsen  ist.  War 
dieser  Romus  hier  wie  dort  gleichmäfsig  geglaubt  und  verehrt, 
80  lag  es  nahe,  als  später  eine  Vereinigung  und  Ausgleichung 
der  verschiedenen  Sagen  und  Traditionen  stattfand,  den  Romus 
der  einen  und  den  Romus  der  andern  Gemeinde  zu  einem  Brüder- 
paare zu  vereinen.^)  Und  wie  nach  romischem  Glauben  der 
Gründer  der  Stadt  zugleich  als  ihr  Schutzherr  selbst  fortlebte*), 


1)  So  erklärt  sich  am  besten  der  Ansdrnck  altellas  Romulns,  den  Paal. 
p.  7  überliefert:  er  weist  anf  das  Nebeneinander  des  doppelten  Romains, 
in  Namen,  Kalt  und  Sage. 

2)  Wie  nnterschiedslos  von  Hans  aus  die  Brüder  gefaXst  worden  sind, 
geht  namentlich  darans  her?or,  dafs  anch  ihre  Namen  —  in  der  späteren 
Differenzierung  —  so  sonderbar  wechselnd  gebraucht  wurden.  So  erscheint 
ßemos  Catull.  58,  5.  Propert.  2,  1,  23.  5,  6,  80.  luvenal.  10,  73  u.  a.  a.  St. 
völlig  gleich  Romulns:  und  selbst  der  Name  Quirinus  wird  von  Juvenal 
11,  105  für  beide  Brüder  angewandt.  Ja  die  älteste  Version  der  Sage  — 
wie  sie  Ennius  bei  Cic.  de  div.  1,  48,  107  wiedergiebt  —  läfst  die  grund- 
legenden Auspida  de  urbe  condenda  von  Romulns  auf  dem  Aventinus  vor- 
nehmen, woraus  man  gleichfalls  mit  Recht  schliefsen  darf,  dais  damals  die 
Sage  noch  nicht  —  namentlich  in  Bezug  auf  die  Namen  —  eine  definitive 
einheitliche  Formulierung  erfahren  hatte.  ^ 

3)  Mommsens  Zeitschr.  f.  A.  W.  1845  S.  135  ausgesprochene  Ansicht, 
dzb  jede  Gens  ihren  Lar  d.  h.  ihren  Heros  (eponjmos)  gehabt  habe,  wird 
dorch  alle  Zeugnisse  und  Angaben,  die  wir  darüber  haben,  bestätigt;  aus 
ihnen  geht  hervor,  dais  jedes  Haus  diesen  ihren  Stammherm  als  Hauslar 
verehrte,  weshalb  jedes  Haus  auch  nur  einen  Lar  hat.  Vgl.  Marquardt  3, 
120  C  Dem  entsprechend  dürfen  wir  auch  von  der  einheitlichen  Gemeinde 
den  Glauben  an  einen  Heros  eponymos  annehmen,  der  nun  als  Lar  zugleich 
als  Schützer  der  Gemeinde  gedacht  wurde.  Die  Zweiheit  der  Lares,  wie 
sie  uns  als  praestites,  compitales,  rurales ,  viales,  permarini,  militares, 
pnblici  etc.  erscheinen,  beruht  auf  dem  Zusammenschliefsen  zweier  Strafsen, 
Beziri^e  etc.,  deren  Genien  nun  zu  einem  Paare  werden.  Andererseits  frei- 
lich kann  man  es  als  sicher  bezeichnen,  dais  später  eine  Vermischung  der 
beiden  Begriffe,  der  stets  in  der  Zweiheit  verehrten  Penates  und  der  Lares, 
stattfindet,  wodurch  nun  auch  die  letzteren  ohne  speziellere  Veranlassung 
zu  einem   Paare    werden.    Aber  das  gilt  nur  für  eine   spätere  Zeit.    Die 


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—     64     - 

so  gestaltete  sich  auch  der  doppelte  Romas  der  beiden  eng  ver- 
einigten Gemeinden  der  Ramnes  zu  einem  schützenden  Zwillings- 
paare, welches  nun  an  die  Spitze  der  Stadtsage  trat.  Aber  wie 
der  Romus  von  Haus  aus  nichts  anderes  als  die  personifizierte 
ramnische  Gemeinde  selbst  war,  so  hat  die  Sage  auch  durchaus 
richtig  in  dem  verschiedenen  Schicksale  des  einen  und  des  andern 
Bruders  das  verschiedene  Schicksal  der  einen  wie  der  andern 
der  beiden  ramnischen  Gemeinden  gezeic^met.^)  Je  verschiedener 
aber  das  Schicksal  dieser  und  jener  war,  desto  dringender  mufste 
sich  allmählich  das  Bedürfnis  geltend  machen,  den  einen  gemein- 
samen Namen  der  Zwillinge  zu  differenzieren:  und  so  ist  endlich 
aus  dem  einen  Romus  ein  Remus  geworden,  offenbar  im  Anschlufs 
an  die  Remoria  oder  Remona,  vielleicht  auch  die  aves  remores, 
welche  nicht  von  Remus  erst  geschaffen,  sondern  welche  im 
Gegenteil  zur  Schaffung  resp.  Gestaltung  seines  Namens  den  An- 
lafs  gegeben  haben.  ^) 

Wir  haben  demnach  auch  in  der  Zwillingssage  ein  Moment 
zu  erkennen,  welches  auf  den  Dualismus,  ja  den  Gegensatz  hin- 
weist, aus  dem  Roms  Gründung  hervorgegangen  ist.  Und  es  ist 
in  dieser  Sage  ebensosehr  die  Gleichheit  der  Brüder  beachtenswert 
—  in  der  die  Stammes-  und  Namensgleichheit  und  Gleichberech- 
tigung der  Nachbargemeinden  zum  Ausdruck  kommt  — ,  wie  der 
Kampf,  in  den  die  Brüder  geraten  und  der  auf  den  Kampf 
zurückschliefsen  läfst,  der  dem  föderativen  Zusammenschlufs  der 
beiden  Gemeinden  voraufging.  Aus  dem  Umstände,  dafs  der  eine 
Bruder  den  andern  erschlägt,  dürfen  wir  allerdings  den  Schlufs 
ziehen,  dafs  die  eine  Gemeinde  ihre  Selbständigkeit  als  Gemeinde 

Lares  praebtites  sind  die  Lares  pnblici  der  älteste^  Stadtbildnng  d.  h.  die 
za  einem  Paare  geeinten  Ahnherren  der  beiden  ramniächen  Gemeinden. 

1)  Die  Sage  von  der  Tötung  des  Hemus  durch  seinen  Bruder,  worauf 
dieser  allein  —  und  zwar  oflfenbar  auch  über  die  Mannschaften  des  Bru- 
ders —  als  König  herrscht,  kann  nur  so  verstanden  werden,  dafs  die  durch 
EemuB  repräsentierte  Gemeinde  ihre  Selbständigkeit  verliert.  Den  Tod  des 
llemus  verbindet  die  Sage  sehr  passend  mit  dem  Mauerbau,  weil  durch  die 
Gründung  der  einheitlichen  palatinischen  Stadt  —  bei  der,  wie  wir  sehen 
werden,  die  Gemeinde  des  Palatium  durchaus  die  entscheidende  Rolle 
spielte  —  in  der  That  die  frühere  Selbständigkeit  des  Cermalus  am  un- 
mittelbarsten getroffen  ist. 

2)  Auf  diesen  sehr  wichtigen  Umstand  und  damit  zugleich  auf  den 
Gegensatz  zwischen  Aventin  und  Palatin  komme  ich  bei  Behandlung  jenes 
Kap.  7  zurück. 


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aufgeben  und  sich  einem  Gemeinwesen  unterordnen  mufste; 
indem  aber  die  Sage  selbst  nach  dem  Tode  des  einen  Bruders 
noch  formell  einen  Doppelthron')  bestehen  läfst,  deutet  sie  an, 
dafe  das  Foedus  keineswegs  'zur  Vernichtung  der  einen  Gemeinde 
gefuhrt  hat,  wenn  auch  eine  Unterordnung  derselben  in  poli- 
tischer Beziehung  erfolgt  ist.  Mag  demnach  auch  die  Sage  im 
Laufe  der  Zeit  vielfache  Modifikationen,  willkürliche  Umgestal- 
tungen, eine  mannigfaltige  Durchsetzung  mit  fremden  Elementen 
erfiahren  haben  ^:  in  ihrem  echten  Grundkerne  weist  sie  zweifel- 

1)  Das  ist  allerdings  nar  eine  vereinzelte  Version,  der  Caesias  Hemina 
bei  Diomed.  1,  p.  379  Ausdruck  giebt;  sie  wird  aber  durch  weitere  Andeu- 
tungen, wie  Propert  6,  1,  9  als  allgemeiner  verbreitet  bestätigt  (Tibull.  2, 
5,  24  nennt  dagegen  Bemus  nur  in  Bezug  auf  die  Zeit  vor  dem  Mauerbau 
consors  Bomuli).  Eine  solche  Version  wäre  überhaupt  nicht  möglich  ge- 
wesen, wenn  nicht  das  Nebeneinanderfortbestehen  der  beiden  Gemeinden 
als  eine  Thatsache  traditionell  sich  fortgepflanzt  hätte.  Bestimmter  freilich 
weist  die  Erhaltung  der  beiden  Eultmittelpunkte  und  die  an  dieselben  sich 
knäpfenden  Sacra  auf  die  sakrale  Fortexistenz  auch  der  besiegten  Gemeinde. 

2)  Hierauf  näher  einzugehen,  liegt  aufser  meiner  Aufgabe:  vgl.  dar- - 
über  Schwegler  R.  G.  1,  384 ff.;  nur  auf  die  wichtigsten  Momente  sei  hier 
kurz  hingewiesen.  Die  Verbindung  des  Mars  mit  der  Bhea  Silvia  und  die 
Schwängerung  der  letzteren  hat  ursprünglich  eine  rein  mythische  Bedeu- 
tung gehabt:  sie  bezieht  sich  auf  himmlische  Vorgänge,  denn  Rhea  Silvia 
ist  als  Göttin  von  Haus  aus  aufzufassen.  Wie  in  allen  Stammsagen  Reli- 
gion und  Sage,  heilige  und  profane  Geschichte  in  einen  Strom  zusammen- 
flie&t,  80  ist  auch  die  ursprünglich  nur  in  Naturvorgängen  spielende  Ver- 
bindong  des  Mars  und  der  Rhea  auf  die  Erde,  speziell  in  die  ramnische 
Geschichte  hereingezogen  und  denmach  die  Rhea  zur  Tochter  eines  Stamm- 
königs  gemacht  Auch  der  resp.  die  aus  jener  Verbindung  entsprossenen 
S5hne  sind  ursprünglich  göttliche,  himmlische  Wesen:  gleichfalls  aber  auf 
die  Erde  herabgezogen  und  mit  dem  Stammherm  der  Gemeinde  identifiziert. 
Wölfin  und  heiliger  Baum,  Specht  und  anderes  haben  nicht  minder  zunächst 
eine  himmlische  Existenz  und  sind  wieder  erst  später  mit  Lokalen  (Höhle 
am  Lnpercal),  Kulten  (der  Rumina,  des  Lupercus),  Denkmälern  etc.  (ficus 
niininalis)  der  eigenen  Ansiedlung  zusammengebracht,  jene  in  diesen  wieder- 
gefunden. Vgl.  hierfür  F.  L.  W.  Schwartz  der  Ursprung  der  Stamm-  und 
(iründangssage  Roms.  Jena  1878.  Später  hat  sich  sodann  mehr  und  mehr 
^e  Historifizierung  der  himmlischen  Vorgänge  vollzogen,  indem  die  histo- 
liflchen  Erinnerungen  an  den  Zusammenhang  mit  Alba,  an  den  Gegensatz 
^  zweigeteilten  Ramnes  u.  a.  auf  die  Gestaltung  jener  eingewirkt  haben. 
Auf  die  Hervorhebung  der  Zweiheit  der  von  Mars  und  der  Silvia  erzeug- 
ten Söhne  hat,  wie  ich  oben  ausgeführt  habe,  allerdings  in  erster  Linie  die 
Zweiheit  der  ramnischen  Gemeinden  eingewirkt,  deren  jede  ihren  Stamm- 
benm  Romas  als  speziellen  Schutzherrn  verehrte;  sodann  aber  der  allen 
iodogermanischen  Völkern  gemeinsame  Glaube  an  zwei  Göttersöhne,  die 

Gilbert,  Gesch.  u.  Topogr.  Boms.  6  ^^  - 

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los  auf  den  Dualismus  zweier  Gemeinden  hin,  die  erst  durch 
Gewalt  zu  der  Schöpfung  eines  einheitlichen  Staats  gebracht 
worden  sind.  Und  dafs,  als  diese  zum  ersten  Kerne  einer  Stadt- 
bildung sich  zusammenschliefsenden  Gemeinden  die  des  Cermalus 
einer-,  des  Palatium  andrerseits  zu  verstehen  sind,  darf  nach  dem, 
was  wir  oben  gesehen  haben,  als  sicher  bezeichnet  werden. 

Die  Sage  berichtet,  dafs  den  Ansiedlungen  der  Ramnes  auf 
dem  Westpalatinus  —  wie  sie  durch  und  in  dem  Namen  des 
Romulus  (und  Remus)  zusammengefafst  werden  —  ältere  vor- 
aufgingen ^):  und  es  ist  kein  Grund,  diese  Angabe  der  Sage  zu 
bezweifeln.      Sowohl    auf  dem    Cermalus^)    wie    auf  dem   PaJa- 


der  Ehe  von  Himmel  und  Erde  —  der  ältesten  Form  des  Glanbens  —  ent- 
sprossenf  welche  Zweiheit  dorcbau»  der  Natur  selbst  entspricht,  worauf  ich 
hier  freilich  nicht  näLer  eingehen  kann.  Die  in  allen  Stammsagen  Grie- 
chenlands unter  den  verschiedensten  Namen  vorkommenden  Dioskuren  sind, 
wenn  sie  auch  gleichfalls  schon  in  vielen  Punkten  historifiziert  erscheinen, 
ein  Beweis  dafür«  dafs  der  Glaube  an  eine  solche  Zweiheit  ein  allgemeiner 
-yrox:  diese  Zweiheit  der  himmlischen  Göttersöhne  ist  wieder  auf  die  ir- 
dischen Verhältnisse  übertragen,  die  letzteren  als  Abbild  und  Wiederspie- 
gelung jener  aufgefafst  und  danach  selbst  gemodelt,  gewandelt  und  als 
feststehender  Glaubenssatz  in  die  heiligen  Traditionen  aufgenommen. 

1)  Am  Cermalus  die  des  Euander,  über  den  vgl.  Schwegler  R.  G.  1, 
351  ff.  Seine  Niederlassung  wird  ausdrücklich  (so  von  Dionys.  1,  32)  unter 
und  auf  dem  Cermalus  angesetzt;  doch  bringen  andere  Angaben  ihn  über- 
haupt mit  dem  Palatin  und  speziell  auch  mit  dem  Forum  boarium  in  Be- 
ziehung. Allerdings  sollte  auch  er  schon  ältere  Ansiedler  hier  vorgefunden 
haben,  doch  ist  er  es,  auf  den  mit  Vorliebe  die  Benennung  des  palatini- 
Rchen  Berges  zurückgeführt  wird.  Schwegler  1,  443.  Am  Palatium  weist 
die  Wohnung  des  Cacus  auf  eine  ältere  Bevölkerung:  wie  denn  überhaupt 
die  Sage  von  dem  Wohnen  des  Hirten  Faustulus  und  der  Aufnahme  der 
Zwillinge  durch  diesen  eine  ältere  Bevölkerung  hier  voraussetzt. 

2)  Das  Heiligtum  der  Victoria,  wie  es  durch  den  clivus  Victoriae  auf 
der  Höhe  des  Cermalus  bezeugt  wird  Dion.  1,  32,  mufs  ursprünglich  ein 
Heiligtum  der  Carmentis  gewesen  sein  Dion.  1,  31.  Serv.  A.  8,  51,  welche 
letztere  als  die  Mutter  des  Euander  bezeichnet  wird.  Vielleicht  ist  die 
Göttin  resp.  das  Heiligtum  bei  Unterwerfung  der  ramnischen  Gemeinde  des 
Cermalus  unter  die  des  Palatium  umgenannt  worden.  Imgleichen  wird  das 
Liipercal  auf  die  vorromulische  Zeit  zurückgeführt  Dion.  1,  32,  wie  auch 
das  Fest  der  Luperealien  derselben  Zeit  zugeschrieben  wird:  vgl.  später. 
Aber  auch  das  Kultlokal  der  Acca  Larentia  gehört  dieser  älteren  Zeit  an: 
alt)  Pflegemutter  der  Zwillinge  und  Frau  des  Faustulus  wird  sie  deutlich 
als  einer  älteren  Bevölkerung  angehörig  gekennzeichnet,  welche  die  Zwil- 
linge d.  i.  die  neue  ramnische  Bevölkerung  bei  sich  aufnimmt.  Vgl.  über 
sie  Preller  2,  26  ff.     Faustulus  ist  übrigens  kein  anderer  als  Faunus  d.  i. 


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-     67     — 

tium*)  werden  konsequent  clie  Kültlokale  und  Denkmäler  der  älteren 
Zeit  von  denen  der  eigentlich  romulischen  Gründung  unterschie- 
den und  diese  Unterscheidung  dürfen  wir  mit  gutem  Rechte  auf 
bestimmte  sakrale  Traditionen  zurückführen,  wie  sie  sich  in  den 
Priesterschaften  und  Sodalitaten  fortgepflanzt  hatten,  welche  den 
Kult  dieser  Lokale  unterhielten  und  besorgten.^)  Es  ist  hier 
nicht  der  Ort,  die  Frage  nach  den  verschiedenen  Bevölkerungs- 
elementen zu  erörtern,  welche  aufeinander  folgend  Rom  kolonisiert 
haben ^):  eine  solche  Untersuchung,  die  nur  in  grofsem  Zusam- 
menhang mit  der  allgemeinen  Geschichte  behandelt  werden  kann, 
gehört  nicht  in  eine  Stadtgeschichte  Roms,  da  das  Werden  und 
Wachsen  der  Stadt  nur. in  sehr  geringem  Mafse  von  allen  älte- 
ren vorromulischen  Kolonisationen  beeinfiufst  worden  ist.  Die 
Ramnes  haben  eben  in  die  früheren  Sitze  einer  älteren  Bevöl- 
kerung sich  niedergelassen  und  mit  Vertreibung  oder  mit  Assi- 
milierung jener  sich  zu  Herren  derselben  gemacht.  Dafs  in  Wirk- 
lichkeit der  letztere   Fall  eingetreten,  d.  h.  dafs  die  ramnischen 

LnpercQs  ^=b  Pan  selbst.  Ein  näheres  Eingehen  auf  den  ganzen  Sagenkom- 
plex ist  an  dieser  Stelle  nicht  möglich:  nar  das  eine  scheint  sich  mir  mit 
Sicherheit  ans  demselhen  zu  ergehen,  dafs  die  ältere  Bevölkerung  den  Kult 
des  Faunus  =-  Lupercus  sowie  der  Acca  Larentia  hatte,  an  den  sich  so- 
dann die  hinzugekommene  ramnische  Bevölkerung  anschlofs. 

1)  Bomulus  setzt  sich  der  Sage  nach  durch  seinen  Lanzenwurf  vom 
Aventin  aas  in  den  Besitz  der  schon  vorhandenen  Kültlokale:  vgl.  oben 
S.52f.  Denn  als  vorramnisch  mufs  man  an  dieser  Stelle  den  Kult  des  Cacus 
nebet  der  Cacia,  aber  auch  wohl  den  der  Palatua  bezeichnen;  wie  ja  auch 
das  toguriam  Faustuli  eine  ältere  Bevölkerung  voraussetzen  läfst 

2)  Namentlich  die  Luperci  —  über  die  hernach  —  haben  ex  officio 
die  alten  Traditionen  unterhalten  und  gepflegt. 

3)  Rubino  hat  in  den  Beiträgen  zur  Vorgesch.  Italiens,  Leipzig  1868, 
diese  Frage  nach  den  ältesten  Völkerverhältnissen  Latiums  behandelt,  aber 
keineswegs  gelöst.  Vgl.  Seh  wegler  1,  198  ff.  Ein  näheres  Eingehen  auf 
diese  Frage,  die  nur  im  Zusammenhang  mit  einer  Untersuchung  über  die 
lltesten  Völkerverhältnisse  überhaupt  behandelt  werden  kann  und  weit- 
schichtige  Erörterungen  erfordert,  schlieÜBt  sich  für  uns  von  selbst  aus: 
doch  komme  ich  bei  Behandlung  des  Septimontinm  Kap.  4  noch  einmal 
aaf  diese  Frage  zurück.  Für  mich  steht  es  fest  —  um  nur  dieses  eine  zu 
betonen  —  dafs  fremde,  speziell  hellenische  Anregungen  vom  Tiber  her  auf 
die  am  Aventin  und  Palatin  angesiedelten  alten  Qemeinden  stattgefunden 
haben.  Aber  auch  die  einheimischen  Volkselemente  sind  offenbar  in  ver- 
schiedenen Schichten  und  dem  entsprechend  in  verschiedenen  Phasen  des 
Vorstolsens,  Znsammentreffens  und  Verschmelzens  an  diesen  Punkten  ein* 
aoder  gefolgt. 

6* 

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-     68     - 

Zuwanderer  mit  den  älteren  Besitzern  sich  ausglichen  und  ver- 
schmolzen, mag  man  mit  Recht  aus  dem  Fortbestehen  der  Heilig- 
tümer jener  folgern,  an  die  sich  nun  die  neuen  Kultlokale  an- 
schliefsen. 

Nur  eine  Frage  bedarf  noch  der  Aufklärung:  wie  wir  uns 
das  Verhältnis  zwischen  den  Höhen  und  den  Niederungen  zu 
denken  haben.  Diese  Frage  ist  kontrovers.  Während  Mommsen ') 
die  Höhen  nur  als  Zufluchtsstätten  fafst  und  die  eigentlich  städtische 
Ansiedlung  unterhalb  derselben  in  der  Ebene  sieht:  hat  noch  neuer- 
dings Pöhlmann^  den  entgegengesetzten  Standpunkt  verfochten 
und  die  Niederlassungen  auf  die  Höhen  selbst  verlegt.  Dafs  die 
Ebenen  später  die  eigentlichen  Wohnstätten  waren,  ist  zweifel- 
los und  nachweisbar:  sie  aber  auch  schon  für  die  ältesten,  vor- 
romulischen  Zeiten  und  Ansiedlungen  zu  den  eigentlichen  Wohn- 
plätzen zu  machen,  scheint  mir  nicht  so  sicher.  Jedenfalls  aber 
haben  die  Hauptheiligtümer  jeuer  ältesten  Siedlungen  auf  der 
Höhe  gelegen,  wie  nicht  minder  die  Sage  darin  einstimmig  ist, 
die  Höhen  auch  als  den  Weideplatz  des  Viehes  zu  fassen.^)  Wir 
dürfen  es  demnach  als  wahrscheinlich  bezeichnen,  dafs  die  älte- 
sten Ansiedlungen  sich  wesentlich  an  die  Höhen  hielten,  wenn 
sie  auch  sich  bis  auf  die  Ebenen  ausgedehnt  haben  mögen;  dafs 


1)  Nach  Mommsen  R.  G.  1,  36  ff.  haben  wir  uns  Latium  aas  einer 
Reihe  von  Gauen  bestehend  zu  denken,  welche  von  Haus  aus  wieder  in 
eine  Anzahl  zugleich  örtlich  und  geschlechtlich  vereinigter  stamm-,  sprach- 
und  sittengleicher  Genossenschaften  zerfielen.  Jeder  Gau  hatte  einen  festen 
örtlichen  Mittelpunkt,  der  aber  regelmäXsig  nur  als  Zufluchtsstätte,  nicht 
als  eigentliche  Stadt'  galt.  Dem  entsprechend  fafst  er  denn  ib.  49  f.  den 
Palatin  als  den  ältesten  und  ursprünglich  einzigen  Mauerring,  läfst  aber 
die  städtische  Ansiedlung  unterhalb  der  Burg  beginnen.  Diese  Ansicht  ist 
für  die  eigentlichen  pagi  durchaus  zutreffend:  Mommsen  verkennt  aber,  dafs 
den  pagi,  welche  als  Gauver&ssung  noch  in  der  historischen  Zeit  die  herr- 
schende ist,  eine  ältere  Form  des  Siedeins  voraufgeht,  die  wir  einerseits  in 
den  Pfahldörfern  Oberitaliens,  andererseits  in  den  beschränkten  Gemeinden 
kennen  lernen,  wie  dieselben  an  die  Montes  sich  anschliefsen  und  nach 
ihnen  benennen.  Erst  durch  den  Zusammenschlufs  mehrerer  dieser  geringen 
Dorfgemeinden  entsteht  ein  pagus,  wie  wir  das  auf  dem  Boden  der  Stadt 
Rom  wenigstens  an  mehreren  Beispielen  noch  bestimmt  werden  verfolgen 
können. 

2)  Die  Anfänge  Roms.     Erlangen  1881. 

3)  Vgl.  oben  S.  17.  In  dieser  Benutzung  der  Höhen  als  SchutzsiÄtten 
liegt  der  charakteristische  Unterschied  zwischen  den  Montes  und  den  Ter- 


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—    69     — 

die  Bamnes  sodann  an  die  alten  Kultmittelpunkte  sich  zwar  an- 
geschlossen^ zugleich  aber  —  wie  wir  noch  näher  sehen  werden 
—  mehr  und  mehr  die  Ebenen  in  die  Ansiedlungen  mit  herein- 
gezogen haben;  dafs  endlich  die  palatinische  Stadt  das  eine  alte 
Kultlokal  der  Höhe  —  des  Palatium  —  selbst  zum  Mittelpunkt 
fSr  sich  erhoben  resp.  als  solchen  beibehalten  hat,  während  fortan 
die  Niedenmgen  ausschliefslich  die  eigentlichen  Wohnbezirke 
bilden.  Jedenfalls  hat  die  Höhe  des  Palatium  so  den  Kultmittel- 
punkt dreier  auf  einander  folgender  Phasen  der  Stadtentwicklung, 
der  ältesten,  sowie  der  ramnischen  Ansiedlung,  wie  nicht  minder 
der  palatinischen  Stadt  gebildet. 

Wie  wir  nun  aber  auch  das  Verhältnis  zwischen  Höhen  und 
Niederungen  auffassen  mögen,  der  enge  Zusammenhang  beider 
kann  nicht  geleugnet  werden.  Es  ist  noch  niemals  genügend 
kervorgehoben,  welche  Bedeutung  gerade  darin  liegt,  dafs  diese 
uraltesten  Bezirke  der  Stadt,  wie  sie  südlich  und  westlich  vom 
Palatinus  liegen,  in  so  bestimmt  von  einander  geschiedene  und 
durch  Bondemamen  bezeichnete  Einzelteile  zerfallen:  das  Vela- 
brum,  der  Tuscus  vicus,  das  Forum  boarium,  die  Vallis  Murcia 
werden  nach  ihren  uralten  Grenzen  für  alle  Zeiten  streng  fest- 
gehalten und  doch  sind  natürliche  Verhältnisse  kaum  irgendwie 
vorhanden,  welche  die  Scheidung  dieser  Niederungen  in  verschie- 
dene Teile  erklären.  Die  ganze  Ebene  von  den  Abhängen  des 
Aventinus  bis  zum  spätem  Forum  Romanum  ist  eine:  und  wenn 
sich  trotzdem  für  dieselbe  kein  einheitlicher  Name  herausgebildet 
hat,  so  müssen  hierauf  bestimmte  historische  Gründe  eingewirkt 
haben.  Das  Velabrum  mufs  von  dem  Tuscus  vicus  und  dem 
Forum  boarium,  dieses  letztere  wieder  von  der  Vallis  Murcia 
durch  sehr  bestimmte  und  eigentümliche  thatsächliche  Verhält- 
nisse geschieden  gewesen  sein  und  diese  können  nur  in  dem  Um- 
stände gesucht  werden,  dafs  sie  ^on  Haus  aus  in  dem  Besitze 
verschiedener  Gemeinden  waren.  Betrachten  wir  daher  diese 
Bezirke  etwas  genauer. 

Das  Velabrum  gehört  als  die  natürliche  Niederung  eng  zum 
Westpalatinus  hinzu:  der  clivus  Victoriae,  welcher  von  der  Höhe 
des  üermalus  auf  das  Velabrum  herabführte  und  dasselbe  an 
seiner  nördlichsten  Grenze  betrat*),  hat  zu  allen  Zeiten  die 
direkteste    und    unmittelbarste  Verbindung   zwischen   Höhe   und 


1)  Vgl.  oben  S.  42. 

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-     70     - 

Niederung  aufrecht  erhalten^):  beide  müssen  in  engstem  Zusam- 
menhang unter  einander  gestanden,  die  Niederung  einen  inte- 
grierenden Bestandteil  des  Besitzes  der  Gemeinde  vom  Cermalus 
gebildet  haben. ^)  Das  geht  auch  daraus  hervor,  dafs  das  einzige 
Kultlokal  des  Velabrum  —  die  ara  der  Acca  Larentia  —  aufs 
innigste  mit  den  Heiligtümern  des  Cermalus  verbunden  erscheint.^) 
Wir  liaben  also  das  Velabrum  als  den  eigentlichen  Wohnbezirk, 
wenigstens  als  im  Besitz  der  Gemeinde  zu  fassen,  welche  —  im 
Septimontium  —  sich  nach  der  Höhe  des  Cermalus  benannt  hat. 
In  gleicher  Weise  hat  auch  der  Niederstieg,  welcher  vom 
Palatium  in  das  Cirkusthal  hinabführte,  die  Verbindung  zwischen 
jener  Höhe  und  dieser  Niederung  aufrecht  erhalten*)  und  auch 
hier  ist  der  enge  und  uralte  Zusammenhang  von  Berg  und  Thal 
nicht  zu  leugnen:  die  vallis  Murcia  —  wie  dieses  Thal  hiefs  — 
mufs  wieder  einen  integrierenden  Bestandteil  des  Gebiets  der- 
jenigen Gemeinde  gebildet  haben,  welche  sich  nach  der  Höhe  des 
Palatium  benannte.  Namentlich  sind  es  die  Heiligtümer  dieses 
Distrikts  der  Vallis  Murcia,  welche  einmal  das  hohe  Alter  dieser 
Ansiedelung  überhaupt,  sodann  speziell  die  Wechselbeziehung 
zwischen  der  Ebene  und  der  Höhe  erweisen.     Zwei  Heiligtümer 


1)  Der  palatinische  Hügel  selbst  mnis  an  seiner  Westseite  —  nach 
dem  Velabrum  zu  —  schon  früh  abgeschro£Pt  sein,  wie  er  noch  heute  er- 
scheint: ohne  Zweifel  ist  das  bei  Gründung  der  palatinischen  Stadt  ge- 
schehen, über  die  hernach.  Doch  hat  während  der  ganzen  republikanischen 
Zeit  der  clivus  Yictoriae  bestanden,  wie  die  oben  (S.  42)  betrachteten  An- 
gaben beweisen:  erst  die  Eaiserbauten  scheinen  ihn  beseitigt  zu  haben. 

2)  Die  alles  scharf  pointierende  Sage  wollte  wissen,  die  Ebene  des 
Velabrum  sei  einst  Sumpf  gewesen:  Varro  l.  1.  6,  43  f.  Tibull  2,  5,  33  f. 
Ovid.  Fast.  6,  399.  Prop.  4,  9,  6  f.  Plut.  Rom.  6.  Dafs  diese  Sage  nicht  ohne 
Grund,  geht  aus  der  Anlage  der  Cloaca  maxima  hervor,  die  ohne  Zweifel 
der  Entwässerung  auch  dieses  StadtteDs  mit  gedient  hat.  Doch  hindert 
das  nicht  anzunehmen,  dafs  der  Bezirk,  namentlich  in  seinen  höher  gele- 
genen Teilen,  schon  früh  angebaut  war.  Auf  die  nahe  liegende  Gefahr  der 
Überschwemmung  beziehe  ich  auch  den  Umstand,  dafs  der  ganze  Bezirk 
aufser  dem  nahe  an  den  Hügel  selbst  herangerückten  Heiligtum  der  Acca 
Larentia  kein  Kultlokal  aufzuweisen  hat.  Über  den  Namen,  dessen  Bedeu- 
tung noch  nicht  mit  Sicherheit  erkannt  ist,  vgl.  Jordan  1,  1.  194  ff.  ^  der 
sich  für  Schwinge  oder  Mulde  entscheidet;  Nissen  Tempi.  84,  der  das  Ve- 
labrum als  „Viertel  der  Velitcä**  d.  h.  der  nicht  vom  Mauerring  geschützten 
fafst;  den  Zusammenhang  von  Velabrum  mit  Velites  halte  auch  ich  wenig- 
stens für  sehr  wahrscheinlich. 

3)  Vgl.  oben  S.  67  f. 

4)  Vgl.  oben  S.  46  f. 


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—     71    — 

treten  uns  nämlich  in  der  Yallis  Murcia  entgegen;  deren  eines 
—  die  ara  Consi  —  an  der  äuisersten  Grenze  derselben  im  0.  ^), 
deren  anderes  dagegen  —  das  sacellum  Murciae  —  im  Centrum 
derselben^)  liegt.  Dafs  beide  aus  einer  Urzeit  stammen  ist  un- 
zweifelhaft: denn  das  erstere  weist  die  Sage  schon  in  eine  Periode, 
die  der  des  Romulus,  also  der  ramnischen  Ansiedlungen,  Yorauf- 
liegt*);  während  das  zweite  in  seiner  centralen  Bedeutung  für 
den  ganzen  Distrikt  aus  dem  Umstände  sich  erkennen  läfst,  dafs 
es  dem  gesamten  Thale  seinen  Namen  gegeben  hat.^)  Die  Kulte 
und  Sacra,  wie  sie  sich  an  beide  Heiligtümer  knüpfen,  weisen 
einen  ebenso  originalen  wie  altertümlichen  Charakter  auf;  der 
Cirkus,  welcher  später  fast  das  ganze  Thal  einnahm,  hat  beide 
Denkmäler  einer  Urzeit  nicht  anzutasten  gewagt:  die  ara  Consi 
lag  jetzt  am  Endpunkte  des  Cirkus  selbst  —  an  den  Wende- 
saulen desselben^)  — ,  während  das  sacellum  Murciae  fortan  das 
Centrum  auch  des  Cirkus  bildete.^)  Die  uralte  Wechselbeziehung 
zwischen  der  vallis  Murcia  und  dem  palatinischen  Berge  zeigt 
sich  aber  namentlich  an  dem  Heiligtume  des  Consus.  Denn  nicht 
nur  führt  die  Sage,  wie  schon  bemerkt,  die  Gründung  desselben 
auf  die  ältesten  Bewohner  des  Berges  zurück,  sondern  verknüpft 


1)  Die  Lage  der  ara  am  Osten  de  des  Cirkus  geht  aus  dem  Umzüge 
der  Luperci  hervor,  über  den  hernach. 

2)  Vgl.  Varro  1.  1.  5,  154  intumus  Circus  Ad  Murcim  (L  Murciae?) 
Tocatnr.     Ad  Murciai  auch  Liv.  1,  33.    C.  I.  L.  I,  p.  284  (Elogium  Valerii). 

3)  Es  wird  auf  Enander  zurückgeführt.  Dion.  1,  33.  2,  31.  Jedenfalls 
i«t  es  schon  in  der  romnlischen  Periode  vorhanden,  da  die  ältesten  Ereig- 
nisse —  der  Raub  der  Sabinerinnen  —  gerade  an  dieses  Eultlokal  anknüpfen. 

4)  DaTs  der  Name  der  Vallis  Murcia  mit  dem  erwähnten  Heiligtum 
in  Zusammenhang  steht,  kann  keinem  Zweifel  unterliegen,  wenn  dieser 
letztere  auch  in  seiner  ursprünglichen  Form  wie  Bedeutung  nicht  feststeht. 
Tgl.  Preller  1,  438  ff.  Jordan  weist  hier  mit  Recht  auf  den  Zusammen- 
bang  der  Venus  in  ihren  nachweisbar  ältesten  Formen ,  als  Murcia  und 
Cluacina  mit  Wasser  hin:  der  Kult  der  Venus  Murcia  wird  mit  der  Marana 
nuammenhängen,  welche  das  Cirkubthal  durchströmte:  vallis  Murcia  heilst 
wahrscheinlich  geradezu  „Sumpfthal".  Über  den  zweifelhaften  Nameu  dieses 
Flülschens  im  Altertum  vgl.  Jordan  1,  1.  188  f. 

6)  Varro  1.  1.  6,  20  (Conso)  in  circo  ad  aram  eins. 

6)  Dafs  das  Heiligtum  der  Venus  Murcia  innerhalb  des  Cirkus  lag, 
geht  namentlich  aus  dem  Ann.  delF  Inst  1870  S.  246  tav.  d'agg.  L.  M. 
von  Zangemeister  behandelten  Relief  hervor,  wo  das  Heiligtum  als  Sacellum 
nüt  einem  Götterbilde  darin  und  einem  Baum  daneben  in  dem  Umkreise 
des  Cirkus  selbst  erscheint. 


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-     72     - 

dasselbe  auch  unmittelbar  mit  Romulus  selbst:  demi  an  der  ara 
des  Consus  sollte  Romulus  das  erste  gemeinsame  Fest  der  neu- 
gegründeten Stadt  gestiftet  haben;  und  dort  hatte  sich  zugleich 
der  Sage  nach  eines  der  wichtigsten  und  folgenreichsten  Stücke 
der  ersten  Geschichte  der  Stadt  abgespielt.*)  Wir  werden  bei 
Betrachtung  der  palatinischen  Stadt  sehen,  dafs  in  der  That  ge- 
rade diesem  Räume  eine  der  wichtigsten  Rollen  in  der  ältesten 
Stadtorganisation  zugefallen  ist. 

Wenn  demnach  der  enge  Zusammenhang  dieses  Thaies  mit 
dem  Palatium  und  der  Geschichte  des  Romulus  d.  h.  des  ramni- 
schen  Stammes  als  sicher  gelten  darf,  so  fragt  sich  nun,  in  wel- 
cher Beziehung  zu  diesem  Thale  der  Vallis  Murcia  wieder  die 
demselben  vorgelagerte  Ebene,  welche  später  unter  dem  Namen 
Forum  boarium  bekannt  ist,  zu  denken  sei.  ünmerkhch  geht 
das  Thal  selbst  in  die  Ebene  des  Forum  über  und  diese  kann 
nicht  anders,  denn  als  die  Fortsetzung  und  der  Abschlufs  jenes  be- 
zeichnet werden,  welches  in  der  Richtung  von  0.  nach  W.  gehend 
seine  natürliche  Grenze  erst  am  Tiber  erhält  Sehen  wir  uns 
daher  das  sogenannte  Forum  boarium  etwas  genauer  an. 

Die  älteste  urkundlich  beglaubigte  Bedeutung  des  Worts 
Forum  ist  die»  schon  auf  den  Zwölftafeln  ^)  vorkommende,  wonach 
es  —  hier  speziell  auf  das  Sepulcrum  angewandt  —  den  Vor- 
raum bedeutet,  wie  es  denn  etymologisch  von  foras  draufsen  nicht 
zu  trennen  ist.     Forum  ist  demnach  das  Aufsen^),  der  Aufsen- 


1)  Über  Consus  nnd  seinen  Kult  vgl.  Marquardt  3,  322.  Preller  2,  23  ff. 
Auf  einzelne  dieser  höchst  eigentümlichen  Gebräuche,  wie  sie  sich  an  die 
ara  des  Consus  knüpfen,  komme  ich  noch  zurück.  Vgl.  über  die  Beziehung 
dieser  ara  zur  romulischen  Zeit  namentlich  Yarro  1.  l.  6,  20  Consualia  dicta 
a  Conso  quod  tum  feriae  publicae  ei  deo  et  in  circo  ad  aram  eins  ab  sacer- 
dotibus  ludi  illi  quibus  virgines  Sabinae  raptae.  Sehr  interessant  ist  die 
von  Tertull.  de  spect.  6  mitgeteilte  Inschrift:  Consus  consilio,  Mars  duello, 
Lares  coillo  potentes,  wie  sie  sich  am  Altar  des  Consus  fand.  Wenn  diese 
Inschrift  auch  nicht  sehr  alt  sein  mag,  so  ist  es  doch  die  durch  sie  als 
zusammengehörig  gekennzeichnete  Göttergruppe.  Vgl.  auch  Ascon.  in  Cic. 
Verr.  1,  31.  p.  92.  Kiefsl.  et  Scholl.  Statt  des  verdorbenen  coillo  ist  am 
besten  comitio  zu  lesen.  Consus,  Mars  und  die  Lares  bezeichnen  den  den 
beiden  Westgemeinden  zugehörigen  Hauptkult. 

2)  Cic.  de  leg.  2,  24,  61;  vgl.  Xll  Tabb.  reliquiae  ed.  Schoell.  p.  166 
(Tab.  X,  11). 

3)  Forum  ist  das  Neutrum  eines  Adjektivs  forus,  wie  denn  noch  Luci- 
lius  (ed.  Lachmann  103)  forus  i.  e.  locus  statt  forum  gebraucht  und  diese 
Form  auch  sonst  mannigfach  vorkommt.    Forum  ist  also  „das  Draoüsen", 


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—     73     - 

räum:  und  wie  noch  spät  jedes  Haus  in  Rom  seinen  Aufsen- 
raum,  seinen  Hof,  seinen  hortus  besafs^),  so  ist  auch  das  Forum 
als  der  Hof^)  einer  Ansiedlung  zu  fassen,  auf  welchem  die  Be- 
wohner derselben  diejenigen  Geschäfte  verrichten,  die  ihnen  nicht 
in  ihrer  speziellen  Beziehung  zum  eigenen  Hause,  sondern  in 
ihrem  Verhältnis  zu  Mitbewohnern  und  Fremden,  sowie  zur  Ge- 
samtgemeinde als  solcher  zukommen. 

Solche  Auüsenräume,  in  ihrer  Eigenschaft  als  Verbindungs- 
glieder zwischen  der  einen  und  der  andern  Ansiedelung,  resp. 
zwischen  festen  Niederlassungen  und  fremden  zuwandernden  Volks- 
elementen,  sind  die  naturgemäfsen  Ursprünge  und  Anknüpfungs- 
punkte des  Verkehrs,  des  Handels.^)    Eine  Dorfgemeinde  uralter 


der  AnlBem^am.  Die  verschiedenen  sechs  Bedentnngen  des  Worts,  welche 
Fest  pag.  84  anführt,  lassen  sich  sämtlich  aus  dem  Begriff  „Anisen**  ent- 
wickeln. 

1)  Nissen  Pomp.  St.  542.  660  f. 

2)  Mir  scheint  der  etymologische  Zusammenhang  von  forum  oder  forus 
und  hortus  unabweislich ;  wie  dieser  ursprünglich  der  unmittelbar  ans  Haus 
sich  anschliefsende  Hof  gewesen  ist,  so  ist  auch  der  forus  locus  der  Hof 
der  Gemeinde  (vgl.  z.  ß.  Paul.  p.  102  horctum  et  forctum).  Nach  Nissen 
Tempi.  141  entspricht  dem  hortus,  der  für  allerhand  grobe  Verrichtungen 
des  Hauses  diente,  in  der  Stadt  das  Forum  boarium.  Diese  Ansicht  Nissens 
ist  aber  nur  halb  richtig:  denn  das  Forum  boarium  hat  von  Haus  aus  eine 
organische  Beziehung  nur  zur  Sondergemeinde  des  Palatium,  später  der  pa- 
iatinischen  Stadt,  nicht  aber  zur  Gesamtstadt:  denn  es  ist  eben  das  älteste 
Stadtforum  überhaupt.  Diese  Rolle,  die  ihm  so  ursprünglich  zufiel,  hat  es 
später  an  das  Forum  Romanum  abgetreten,  welches  aber  seinerseits  gleich- 
lalla  wieder  durch  bestimmte  geschichtliche  Verhältnisse  zu  dieser  Rolle 
gelangt  ist:  darüber  vgl.  später. 

3)  Nissen  Tempi.  141  behandelt  das  Forum  und  fafst  dasselbe  gleich- 
falls, wie  schon  bemerkt,  richtig  als  Hof.  Konsequenzen  aber  sehe  ich  von 
^18860  aus  der  Grundbedeutung  des  Worts  nicht  gezogen.  Namentlich  ist 
nicht  von  ihm  hervorgehoben,  dafs  in  den  ältesten  Formen,  in  denen  uns 
^heser  Begriff  thatsächlich  begegnet,  derselbe  durchaus  noch  diesem  etymo- 
logischen Kerne  entspricht:  das  Forum  Romanum  ist  nur  zu  verstehen,  wenn 
wir  bedenken,  dals  es  ursprünglich  der  gemeinsame  Aufseoraum  zweier  be- 
nachbarter Pagi  war  —  der  Ranmes  und  Titics  —  die  auf  diesem  gemein- 
samen Aulsen-  und  deshalb  zugleich  Mittelraume  zusammentrafen.  Aus  der- 
ielben  Wurzel  haben  sich  auch  die  als  Fora  bekannten  Orte,  welche  zuerst 
Märkte  waren,  entwickelt.  Näher  auf  diesen  interessanten  Begriff  einzugehen 
wt  hier  nicht  der  Ort.  Wenn  später  bei  Errichtung  von  Städten  das  Forum 
in  der  Mitte  derselben  angelegt  wurde,  so  beweist  das  nur,  dafs  der  Begriff 
^i«w«  Worts  im  Laufe  der  Zeit  degeneriert  war.  Die  verschiedenen  Stadt- 
Wirke  nehmen  hier  diejenige  Stelle  ein,  welche  ursprünglich  die  versohie- 


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-     74     - 

Zeit  ist  zu  einheitlich  ^  d.  h.  in  diesem  Falle  zu  einseitig  orga- 
nisiert, um  in  der  eigenen  Mitte  schon  einen  lebhafteren  Produkte 
austauschenden  Verkehr  zu  ermöglichen,  eben  weil  diese  Pro- 
dukte bei  den  gleichmäfsigen  Lebensverhältnissen  aller  Dorf- 
bewohner zu  gleichförmig  und  zu  wenig  verschieden  sind.  Erst 
die  Berührung  mit  andern,  auf  wesentlich  verschiedenem  Boden 
der  Produktion  stehenden  Gemeinden  resp.  Volkselementen  bringt 
ein  dringenderes  Bedürfnis  des  Austausches  d.  h.  des  Kaufs  und 
Verkaufs  hervor.  Je  fremder  die  Elemente  die  sich  berühren 
und  je  verschiedener  damit  zugleich  die  Produkte  sind,  die  sie 
hervorbringen  und  infolge  dessen  veräufsem  können,  desto  un- 
mittelbarer stellt  sich  das  Bedürfnis  gegenseitigen  Produkten- 
austausches heraus:  wie  denn  zu  allen  Zeiten  nirgends  leichter 
und  natürlicher  grofse  Messen  entstanden  sind,  als  an  berühm- 
ten Kultstätten,  zu  denen  ein  Zusammenflufs  der  verschiedensten 
und  fernsten  Bevölkerungselemente  erfolgt. 

Wir  haben  demnach  das  später  boarium  zubenannte  Forum 
als  den  Hof,  den  Aufsenraum  der  auf  der  Südhöhe  des  Palatinus 
und  in  der  Vallis  Murcia  angesiedelten  Gemeinde  anzusehen.  Die 
spätere  Beschränkung  dieses  Markts  auf  Vieh  ^)  zeigt  uns,  welcher 
Zweig  des  Handels  von  den  ersten  Zeiten  desselben  an  in  Rom 
und  speziell  hier  der  hervorragendste  gewesen  ist  Vieh-  und 
speziell  Rinderherden  waren  das  hauptsächliche,  fast  das  einzige 
Besitztum  jener  alten  Dörfler  des  Palatin  und  jeder  Wechsel- 
verkehr zwischen  ihnen  und  fremden  Handeltreibenden  konnte 
sich  nur  so  vollziehen,  dafs  diese  letzteren  für  ihre  Waren  Vieh 
eintauschten.  Auf  diesem  Gebiete  und  über  dasselbe  hinweg 
haben  sich  demnach  die  ältesten  Handelsbeziehungen  der  ersten 
palatinischen  Gemeinde  vollzogen:  und  die  Sage  ist  sich  dieser 
Thatsache,  die  für  die  Geschichte  Roms  von  fundamentaler  Be- 
deutung geworden  ist,  sehr  klar  bewufst  gewesen  und  stets  ge- 
blieben, indem  sie  diesen  Raum  einstimmig  als  denjenigen  be- 
zeichnet, an  den  sich  die  ältesten  Namen  fremder  Kulte,  fremder 
Anfahrer,  überseeischer  Beziehungen  knüpfen.    Der  oberflächlichste 


denen  um   einen  gemeinsamen  Aufsen-   und   Mittelraum   sieb  aneinander 
schlierisenden  selbständigen  Dörfer  eingenommen  hatten. 

1)  Es  ist  natürlich,  dafs  das  ursprünglich  ohne  weitere  Nebenbezeich- 
nung genannte  f'orum  den  Zusatz  boarium  erhielt,  als  an  seine  Stelle  bei 
Erweiterung  der  Stadt  ein  anderer  Raum  als  eigentliches  Stadtforum  ge- 
treten war. 


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-     75    — 

Blick  auf  die  Natur  des  Flusses  und  des  Lokals  zeigt  die  Wahr- 
heit die  in  dieser  Tradition  der  Sage  liegt:  jede  Berührung  der 
Fremde  mit  den  Ansiedlem  des  Palatin  und  Aventin  hat  über 
diesen  Raum  hin  stattfinden  müssen  und  hat  so  das  Forum  boa- 
riam  zu  einem  der  historisch  bedeutsamsten  Punkte  der  alten 
Welt  gestaltet.*)  Denn  das  darf  als  sicher  bezeichnet  werden: 
in  der  dem  Tiber  zugewandten  Front  des  südlichen  und  west- 
lichen Palatinabhangs  und  in  der  von  ihr  aus  sich  vollziehenden 
Verbindung  mit  diesem  Flusse  und  durch  ihn  wieder  ermöglich- 
ten Vermittlung  des  nachbarlichen,  sowie  des  überseeischen  Ver- 
kehrs liegt  der  Schlüssel  für  das  Verständnis  der  Entstehung 
und  Bedeutung  der  uralten  Roma.^)  Speziell  aber  mag  noch 
darauf  hingewiesen  werden,  wie  gerade  die  Südgemeinde  in  ihrem 
dem  Tiber  zugewandten  Hofe  das  eigentliche  Centrum  bildet  für 
diesen  Verkehr  mit  Nachbaren  und  Fremden:  nach  Süden  an  die 
Aventingemeinde,  nach  Norden  an  die  Cermalusgemeinde  stofsend, 
bietet  sie  nicht  nur  für  diese,  sondern  auch  ebenso  für  die  jen- 
seits des  Tiber  sefshaften  Etrusker^),  und  für  die  anfahrenden 
Fremden  den  naturgem'afsen  Mittelpunkt,  das  selbstverständliche 
Verbindungsglied  aller  Beziehungen,  alles  Verkehrs,  alles  Handels. 
Für  diese  Bedeutung  des  Forum  boarium  resp.  der  Gemeinde 
des  Palatium  hat  uns  nun  das  Sakralrecht  eine  höchst  bedeut- 
same Bestätigung  hinterlassen.  Dionysios*)  berichtet  uns  folgen- 
des: 6  ßco^wg  i(p^   ov  tag  dexdtag  ini^v6Bv  'HQaxkrjg   xaXstrat 


1)  Das  tritt  besonders  in  Hercules  hervor,  der  vom  Tiber  aus  zum 
Aventin  wie  zum  Palatin  in  Beziehungen  tritt,  deren  Mittelpunkt  die  ara 
maxima  bildet.  Vgl.  Schwegler  1,  862  ff.  371  ff.  Dafs  auch  Euander  von 
liier  aus  den  Boden  der  späteren  Stadt  betretend  gedacht  wurde,  zeigt  die 
(lemselben  unweit  der  porta  Trigemina  geweihte  ara  Dion.  1,  32,  wie  auch 
die  Errichtung  der  ara  maxima  selbst  auf  Euander  zurückgeführt  wird.  Liv. 
li  7.  Dion.  1,  40.  Auch  Aeneas  kommt  naturgemäfs  den  Tiber  herauf  bis 
«Dm  Forum,  um  von  dort  aus  den  Palatin  zu  besuchen.  Verg.  Aen.  8,  98  ff. 

2)  Dieser  Gesichtspunkt  ist  von  Mommsen  besonders  hervorgehoben, 
daCs  es  genügt,  anf  seine  Darstellung  R.  G.  1,  46  ff.  und  Kap.  13  zu  ver- 
weisen, wenn  ich  auch  die  von  ihm  für  eine  frühe  Beziehung  Roms  auf  das 
Meer  and  überseeischen  Verkehr  hervorgehobenen  Momente  nicht  alle  an- 
nehmen kann  und  namentlich  die  von  ihm  betonte  sehr  frühe  Ausdehnung 
des  Gebiets  der  Stadt  bis  zum  Meere  verwerfen  mufs.    Vgl.  Kap.  7. 

3)  Diese  Nachbarschaft  der  Etrusker  wird  uns  bestimmt  bezeugt,  vgl. 
Qoter  anderen  Stellen  Fest.  p.  218  s.  v.  Pectuscam;  sie  ist  —  trotz  Momm- 
lens  Widerspruch  —  entschieden  anzunehmen. 

4)  1,  40. 


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-     76     - 

^Iv  vno  'P0(uci<ov  Miyiötog^  i<5xv  81  BoaQtag  Xsyo^avrig  ayogäg 
TcXri^Cov^  ayi^xBvo^BvoQ  al  xai  xig  akXog  imo  täv  ini%mQC(ov, 
Zifxov  TS  yaQ  iic  avtä  xal  övvdijxai  totg  ßovXo^ivocg  ßsßacmg 
XI  dcaTCQcirrsöd'ac  xal  dexarevöscg  xQi]fidt(ov  yivovxai  övxval  xccr' 
Bvxdg.  Zu  dieser  wichtigen  Stelle  möge  die  Untersuchung  von 
Danz^)  verglichen  werden,  der  seine  Ausführung  über  die  Nach- 
richt des  Dionysius  dahin  zusammenfafst :  „der  Gedanke,  den 
Dionys  ausspricht,  ist  also  einfach:  wer  sich  die  Erfüllung  eines 
Vertrags  sichern  will,  mufs  sich  ihn  eidlich  an  der  ara  maxima 
bestärken  lassen". 

Es  ist  eine  interessante  Aufgabe,  die  Entstehung  und  Ent- 
wicklung der  ältesten  Rechtsverhältnisse  Roms,  soweit  dieses 
möglich,  in  ihrer  Genesis  zu  verfolgen,  woraus  auch  für  das  Ver- 
ständnis der  Verfassungs-,  sowie  der  geschichtlichen  Entwicklung 
selbst  die  bedeutsamsten  und  lichtbringendsten  Folgerungen  sich 
ergeben.^)  Darauf  näher  einzugehen  ist  hier  freilich  nicht  der 
Ort.  Die  Ausbildung  der  Rechte  des  paterfamilias,  sehr  wahr- 
scheinlich aber  auch  die  ersten  Anfänge  des  ius  commercii  müssen 
sich  schon  im  Schoüse  der  Familie,  der  Gens  und  der  ältesten 
Form  einer  dorfmäfsigen  Siedelung  mehrerer  Gentes  gebildet 
haben.  Je  weiter  sich  aber  der  Kreis  derjenigen  ausdehnte,  die 
der  einzelne  paterfamilias  als  sich  gleichberechtigt  anerkennen 
und  mit  denen  er  verkehren  mufste,  desto  dringender  stellte  sich 
die  Notwendigkeit  heraus,  die  Formen  dieses  Verkehrs  selbst  aus- 
zubilden und  sie  so  zu  einem  Verkehrsrechte  zu  gestalten,  dem 
sich  alle  Angehörige  eines  Kreises  fügten  und  so  den  ersten 
festen  Grund  zu  einem  gesicherten  und  geschützten  Rechtszustande 


1)  Der  sakrale  Schutz  im  römischen  Rechtsverkehr.   Jena  1857.  S.  114. 

2)  Es  mag  hierfüi*  namentlich  aaf  v.  Jherings  Geist  des  r.  R.,  beson- 
ders Bd.  1,  hingewiesen  werden,  welches  Buch  mir  die  wiederholteste  und 
lebhafteste  Anregung  gegeben  hat.  Ich  verdanke  dem  Werke  —  wenn  anch 
weniger  fSr  die  vorliegende  Arbeit  —  so  viele  Belehrung,  dafs  es  mir  ge- 
stattet sein  möge,  desselben  hier  dankbar  zu  gedenken,  v.  J bering  hat 
anch  fQr  die  eigentlich  geschichtliche  Entwicklung  des  römischen  Staats 
ein  tiefes  Verständnis:  und  ich  stehe  nicht  an,  seinen  Untersuchungen  reich- 
lich dieselbe  Bedeutung  für  unsere  Erkenntnis  des  ältesten  römischen  Staats 
beizumessen,  wie  Mommsens  Forschungen.  Nur  das  eine  möchte  ich  be- 
merken, dafs  mir  mitunter  nicht  genügend  den  thatsächlichen,  mehr  oder 
weniger  zufölligen  Momenten,  wie  sie  für  die  staatliche  Entwicklung  Roms 
wichtig  und  wiederholt  entscheidend  geworden  sind,  bei  v.  Jhering  Rech- 
nung getragen  zu  sein  scheint 


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-     77     - 

kgteD.  Das  ist  an  der  ara  maxima  des  Hercules  geschehen: 
die  beiden  Hauptrechte,  welche  die  späteren  Juristen  als  Teile 
des  ins  commercii  hervorheben,  das  ius  emendi  et  vendendi  und 
das  ius  nexus,  müssen  in  dem  ersten  lebhafteren  Verkehre,  dessen 
Mittelpunkt  die  ara  maxima  bildete,  ihre  Ausbildung  empfangen 
haben.  Und  mag  immerhin  die  Anregung  zur  Ausbildung  dieser 
Rechtsnormen  mit  aus  der  Fremde  gekommen  sein,  diese  selbst 
atmen  so  sehr  echt  römischen  Geist ,  dafs  wir  sie  direkt  auf  die 
Gemeinden  des  Palatinus  zurückzuführen  ein  Recht  haben.  ^) 

Wenn  wir  so  das  Forum  boarium  von  Haus  aus  als  den 
eigentlichen  Berührungspunkt  für  Einheimisches  und  Fremdes 
erkennen  können,  so  ist  es  beachtenswert,  dafs  es  diesen  seinen 
Charakter  sakral  durch  alle  Perioden  der  Stadt  bewahrt  hat: 
fremde  und  einheimische  Kulte  und  Riten  treten  uns  hier  noch 
spät  in  engster  Verbindung  und  Verschmelzung  entgegen.     Ein- 

1)  Die  Lage  der  ara  maxima,  sowie  die  Grenzen  des  Forum  boarium 
sind  durch  RoBsis  Abhandlung  in  den  Mon.  ann.  bull.  1854,  28—38  fest- 
gestallt  Vgl.  auch  Mommsen  im  C.  I.  L.  I,  p.  160.  Das  Forum  war  die 
area,  welche  sich  dem  Circus  maximus  vorlegt,  südlich  bis  an  die  Wurzeln 
des  Aventin  sich  erstreckt,  nördlich  dagegen  den  Fufs  des  Palatin  nicht 
erreiehi  Die  ara  maxima  lag  unmittelbar  auf  der  Ostgrenze  des  Forum: 
denn  wenn  Dionys.  1,  40  sie  Bouqüxs  iByoiiivrjg  ccyoQ&g  nXrjö^ov^  Ovid.  Fast. 
1}  581  sie  dagegen  mit  dem  Forum  selbst  in  unmittelbare  Verbindung 
bringt,  so  ergiebt  sich  der  Schlufs  aus  diesen  und  anderen  Angaben  von 
selbst.  Vgl.  ßossi  a.  0.  S.  28  ff.  Später  ist  neben  der  ara  selbst  ein  Rund- 
tempel dem  Hercules  emchtet,  dessen  Lage  durch  die  Anführungen  von 
Schriftstellem  des  15.  und  16.  Jahrh.  —  da  der  Tempel  erst  unter  Sixtus  IV. 
(U71~84)  abgebrochen  ist  —  und  durch  eine  im  Vatikan  aufgefundene 
alte  2^chnmig  desselben  von  Bossi  a.  0.  festgestellt  ist.  Er  lag  unmittel- 
bar hinter  der  Kirche  S.  Maria  in  Cosmedin  nach  dem  Aventin  zu.  Bei 
dem  Abbruch  des  Tempels  wurden  die,  jetzt  in  den  Kapitolinischen  Samm- 
lungen befindlichen  Weihinschriften  nebst  einer  Bronzestatue  des  Gottes 
gcfujideu:  in  jenen  wird  der  Gott  als  Victor  oder  Invictus  bezeichnet. 
C.  1.  L.  VI,  1,  n.  312  —  319.  Gleichfalls  in  unmittelbarer  Verbindung  mit 
<ier  Ara  maxima  und  dem  spätem  Rundtempel  ist  das  Consaeptum  oder 
Atrium  anzusetzen,  über  welches  vgl.  Solin.  1,  10.  11.  Wir  haben  uns  das- 
selbe als  heiligen  Baum  zu  denken,  der  sich  in  späterer  Zeit  allmählich 
Erweiterte,  da  hier  die  Opferschmäuse  stattfanden,  die  aus  den  ex  voto  dar- 
gebrachten Zehenten  folgten.  Man  zeigte  hier,  wie  Solinus  a.  0.  sagt, 
^enle,  Humpen  und  ein  angeblich  von  Euander  dargebrachtes  Bild  des 
Gottes,  über  welches  Plin.  n.  h  10,  79  und  Serv.  Aen.  8,  288  berichtet 
Vgl.  über  dasselbe  Detlefsen  a.  0.  I  18a7  S.  4  f.  19  f.  Es  ist  nicht  unwahr- 
scheinlich, dals  an  Stelle  der  spätem  Bronzestatue  ein  altes  Holzbild  sich 
bier  onprünglich  befunden  hat. 


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—     78     - 

heimisch  scheint  zunächst  der  Kult  zu  sein,  welcher  sich  an 
den  „Doliola"  genannten  Baum  knüpfte.^)  Derselbe  befand  sich 
an  der  äufsersten  Grenze  des  Bezirks  nach  W.  zu,  also  unmittel- 
bar am  Tiber;  die  Ceremonien  welche  sich  hier  vollzogen  sind 
augenscheinlich  uralt:  sie  weisen  in  mancher  Beziehung  eine  auf- 
fallende Analogie  zu  den  an  der  äufsersten  Ostgrenze  der  Vallis 
Murcia,  der  ara  Gonsi,  vorgenommenen  Kulthandlungen  auf  und 
es  ist  mir  wahrscheinlich,  dals  zwischen  beiden  Punkten,  als  den 
beiden  äufsersten  Grenzpunkten  des  Gesamtgebiets,  eine  innere, 
auch  sakral  zum  Ausdruck  kommende  Beziehung  obwaltete.^) 
Aus  der  Fremde  gekommen  ist  dagegen  der  Kult,  wie  er  sich 
in  der  Mitte  des  Forum  vollzog:  hier  befand  sich  ein  locus  saxo 
conseptus,  innerhalb  dessen  bei  besonderen  Veranlassungen,  na- 
mentlich bei  schweren  Unglücksfällen,  das  Opfer  lebendiger  Men- 
schen dargebracht  wurde,  die  hier  vergraben  wurden.  Sehr  be- 
zeichnend bestanden  diese  Menschenopfer  aber  aus  Fremden,  ni(ht 


1)  Vgl.  Varro  l.  1.  6,  167  Locus  qui  vocatur  Doliola  ad  cluacam 
maximam  ubi  noo  licet  deepuere,  a  doliolis  sab  terra.  Eorum  daae  tra> 
ditae  historiae,  quod  alii  inesse  aiant  oesa  cadaverum,  alii  Numae  Poinpilii 
religiosa  quaedam  post  mortem  eius  infossa.  Zu  diesen  beiden  Traditionen 
tritt  als  dritte  die  von  Liv.  6,  40  berichtete,  wonach  die  Priester  beim  Ein- 
fall der  Gallier  Optimum  ducunt  condita  in  doliolis  sacello  proximo  aedi- 
bus  flaminis  Quirinalis  ubi  nunc  despui  religio  est  defodere.  Diese  dritte 
Tradition  findet  sich  aach  bei  Paul.  p.  69  und  in  der  Glosse  des  Placidus 
8.  V.  Doliola  (ed.  Deverling  S.  82)  erwähnt.  Danach  steht  die  Stelle  selbst 
am  Tiber  unweit  des  Ausflusses  der  Cluaca  maxima  fest. 

2)  Die  drei  eben  erwähnten  Traditionen,  welche  sich  an  den  Ort  Do- 
liola knüpfen,  sind  nur  verschiedene  Versionen,  welche  aus  der  Thatsache, 
dalJs  an  dieser  Stelle  bestimmte  Heiligtümer  vergraben  waren,  heraus- 
gesponnen  sind.  Darauf  dafs  bei  Yarro  die  eine  Version  der  Sage  speziell 
auf  Nuroa  Pompilius  zurückgeführt  wird,  lege  ich  in  diesem  Falle  kein 
Gewicht,  da  in  seinem  Namen  sich  später  alle  sakralen  Traditionen  za  kon- 
zentrieren suchen;  anderseits  hat  auch  die  Beziehung  auf  cadaverum  ossa, 
die  in  „kleinen  Fässern*^  aufbewahrt  sein  sollen,  keine  Glaubwürdigkeit. 
Ich  halte  den  Ursprung  dieses  Eultlokals  für  sehr  alt  and  erkläre  speziell 
den  Umstand,  dals  die  Heiligtümer  vergraben  waren,  aus  der  Gefahr  der 
Überschwemmung:  der  erste  Anlafs  dieses  Kults  ist  die  unmittelbare  Nähe 
des  Flusses  gewesen,  welche  dazu  zwang,  auf  den  Schutz  jener  Heiligtümer 
zu  sinnen,  weshalb  man  sie  eben  in  doliolis  vergrub.  Eine  engere  Be- 
ziehung dieses  Kultlokals  zu  der  ara  Consi  tritt  insofern  hervor,  als  auch 
diese  letztere  selbst  tief  in  der  Erde  stand  und,  das  ganze  Jahr  verborgen, 
nur  an  den  Consualien  aufgedeckt  wurde  Dion.  2,  31.  PJut.  Rom.  14.  Ter- 
tull.  de  spect.  6,  8. 


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—     79     -     . 

Bomern,  eben  weil  dieser  ganze  blutige  .Gebrauch  aus  der  Fremde 
stammie.^)  Gegen  diese  offenbar  fremde  Ceremonie  bildete  dann 
aber  einmal  im  Jahre  einen  augenscheinlich  bewufsten  Gegensatz 
das  Opfer,  welches  in  schärfster  Form  den  echt  römischen  Cha- 
rakter zum  Ausdruck  brachte:  im  November  wurde  nämlich  gleich- 
falls in  diesem  Räume  ein  Opfer  dargebracht,  bei  dem  alle  aus- 
landischen Volkselemente  ängstlich  ausgeschlossen  waren.  ^)  Man 
erkemit  aus  diesen  Sitten  und  Gebräuchen,  wie  einheimische  und 
fremde  Elemente  hier  auf  diesem  Räume  zusammentreffen,  sich 
Tereiüigen  und  doch  in  ihrem  Gegensatze  sich  erhalten. 

An  der  ara  maxima  des  Herkules  ist  übrigens  die  Herrschaft 
des  fremden  d.  h.  griechischen  Elements  allmählich  ganz  über- 
wiegend geworden.  Die  Ceremonien  und  Formen  dieses  Kults 
Tollzogen  sich  später  ganz  nach  griechischem  Ritus,  wie  denn 
aoch  die  in  dem  heiligen  Conseptum  des  Gottes  angeblich  aus 
ältester  Zeit  aufbewahrten  Reliquien  ganz  der  hellenischen  Auf- 
fassung des  Gottes  entsprechen.*)  Stets  hat  die  ara,  später  auch 
der  mit  ihr  verbundene  Rundtempel  des  Hercules  eine  der  be- 
merkenswertesten Stellen  unter  den  römischen  Sacra  eingenom- 
men and  haben  in  Rom  selbst  als  die  sichersten  Merkmale  dafür 
gegolten,  dafs  hellenische  Einflüsse  seit  ältester  Zeit  an  der  Ent- 
wicklung einheimischer  Kultur  thätig  gewesen  sind. 

Eine  besondere  Erwähnung  verdient  übrigens  noch  die  Lage 
der  Heihgtümer  in  der  Vallis  Murcia  und  auf  dem  Forum.  Wäh- 
rend die  ara  Consi  an  der  äufsersten  Ostgrenze  der  Vallis,  die 
ara  Murciae  in  der  Mitte  derselben  liegt,  wird  die  ara  des  Her- 
cules genau  auf  die  Grenze  der  Vallis  selbst  und  des  Forum  au- 
gesetzt, sodafs  sie  wie  ein  Verbindungsglied  der  beiden  geschie- 


1)  Einzelne  Fälle  dieses  aalsergewöhnlichen  Opfers  bei  Liv.  22,  57. 
Dio  fr.  47.  Plut  Marc.  3.  Plnt.  Q.  R.  83.  Plin.  28,  12.  Es  wurden  je  nach- 
dttn  Gallas  et  Galla,  Graecus  et  Graeca  (Liv.  22,  67)  oder,  wie  Plin.  a.  0. 
tunzofSgt,  aliarum  gentinm  cum  qaibns  tarn  res  esset,  hier  vergraben.  Der 
Ort  hieis  Ad  busta  Gallica,  was  Varro  1.  1.  5,  157  erklärt,  qnod  Roma  re- 
^l>erata  Gallomm  ossa  qni  possederont  urbem  ibi  coacervata  ac  consepta. 
^Uch  Liv.  5,  48.  Dafs  der  ganze  Ritus  kein  römischer,  hebt  Livius  selbst 
22t  57  hervor. 

2)  Plnt.  Marc.  3  iti  tucI  vvv  iv  x^  Nosfiß^üp  [irivl  9q6aiv  ''ElXriöi  xal 
Aclttrai^  anoi^xovg  xal  aQ'^axQVi  UqovffyCag. 

3)  Der  hellenische  Charakter  des  Herculeskults ,  speziell  an  dieser 
Stelle,  wird  wiederholt  hervorgehoben:  vgl.  Liv.  1,  7.  Varro  bei  Macrob. 
8.  3,  6,  17.  Dion.  1,  39.  Str.  5,  p.  230. 


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.    -     80     - 

denen  und  doch  eng  zusammengehörigen  Räume  erscheint.^) 
Wieder  bilden  dann  die  Doliola  den  äufsersten  End-,  die  Busta 
den  Mittelpunkt  des  Forum  ^):  man  erkennt  deutlich  die  syste- 
matische Anordnung  dieser  fünf  Heiligtümer. 

Wir  haben  nun  in  Bezug  auf  die  ara  maxima  des  Hercules 
noch  ein  Moment  zu  erwähnen,  welches  darauf  hinweist,  dafs  die 
Gemeinde  des  Cermalus  zuerst  uud  formell  die  Vorstandschaft 
ihrer  Nachbargemeinde  anerkannt  hat,  zugleich  aber  von  dieser 
—  in  gewisser  Weise  wenigstens  —  als  berechtigt  zur  aktiven 
Teilnahme  an  dem  Dienst  der  ara  herangezogen  ist.  An  dem 
Kulte  dieser  ara  waren  nämlich  speziell  zwei  uralte  patricische 
Geschlechter  beteiligt:  die  Pinarii  und   die  Potitii.^)     Die  Sage 


1)  Sie  erscheint  allerdings  mehr  nach  dem  Aventin  zu  gerückt,  wie 
die  Lage  der  Kirche  S.  Maria  in  Cosmedin  zeigt:  darüber  vgl.  Kap.  7. 

2)  Dio  fr.  46  bestimmt  die  "^Busta  Gallica  iv  fiiarj  tij  dyoQu:  diese 
dyoQtt  ist  eben  das  Forum  boarium. 

3)  Über  die  Einsetzung  der  Potitii  und  Pinarii  zum  Dienst  des  Her- 
cules berichtet  Festus  p.  237  Potitium  et  Pinarium  Hercules,  cum  ad  aram, 
quae  hodieque  maxima  appellatur,  decimam  bovum,  quos  a  Geryone  ab- 
ductos  abigebat  Argos  in  patriam,  profanasset,  genus  sacrifici  edocuit.  quae 
familia  et  posteri  eins  non  defuerunt  decumantibus  usque  ad  App.  Claudium 
Censorem,  qui  quinquaginta  millia  aeris  gravis  his  dedit,  ut  servos  publicos 
edocerent  ritum  sacrificandi :  quo  facto  Potitii,  cum  essent  ex  famiha  numero 
duodecim,  omnes  iutererant  (1.  interierunt)  intra  diem  XXX.  Pinarius,  quod 
non  adfuit  sacrificio,  postea  cautum  est,  jie  quis  Pinariorum  ex  eo  sacrificio 
vesceretur;  und  Livius  1,  7  ibi  tum  primum  —  sacrum  Herculi  adhibitis  ad 
ministerium  dapemque  Potitiis  ac  Pinariis,  quae  tum  familiae  maxime  in- 
clutae  ea  loca  incolebant,  factum,  forte  ita  evenit,  ut  Potitii  ad  tempus 
praesto  essent,  hisque  exta  apponerentur,  Pinarii  extis  adesis  ad  ceteram 
vcnirent  dapem,  inde  institutum  mansit  donec  Pinarium  genus  fuit  ne  extis 
soUemnium  vescerentur.  Potitii  ab  £uandro  edocti  antistites  sacri  eins  per 
multas  aetates  fuerunt,  donec  tradito  servis  publicis  sollemni  familiae  mini- 
sterio  genus  omne  Potitiorum  interiit.  Vgl.  damit  Dionys.  1,  40,  der  die 
Obliegenheiten  der  beiden  Geschlechter  charakterisiert  Tlotiticov  fihp  rjyov- 
fiivcav  trjg  UqovqyCag  %al  zav  ifi,nvQ(ov  ccnaffxofisvcav  ^  TlivaqCaiv  8^  anXdy- 
%v(ov  XB  fistovaiag  slQyofiivmv  xal  otfa  dllcc  ixQfjv  vn  dfupotv  yivsG^ai  xriv 
dsvtiQav  tifiriv  ixovroavj  was  er  mit  dem  Zuspiltkommen  der  Pinarii  beim 
Rufe  des  Hercules  motiviert,  vvv  fiivtoi,  setzt  er  hinzu,  oviiiti  xoig  yivtei 
xovxoig  7}  TtBQl  xcig  tsQOVQyCocg  inifiiXeia  dvansnottj  dXXä  naidsg  i%  xov  Sri- 
fioaiov  (ovTitol  dQoiciv  avxdg.  Ferner  Macrob.  3,  6,  12  flF.  Vergil.  Aen.  8, 
269  f.  und  Servius  z.  d.  St.  Orig.  gent.  R.  8.  Wahrend  Livius  a.  0.  nur 
allgemein  das  Schicksal  der  Potitii  berührt,  spricht  er  sich  9, 29  eingehender 
darüber  aus:  eodem  Appio  (cens.  312  v.  Chr.)  auctore  Potitii  gens,  cuius 
ad  aram  maximam   Herculis  familiäre  sacerdotium  fuerat,  servos  publicos 


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•-    81     - 

wollte  wissen^  dafs  die  Pinarii  einem  Rufe  des  Hercules  nicht 
sogleich  Folge  leistend  zu  spät  gekommen  und  somit  des  Anteils 


ministem  delegandi  caasa  soUemnia  eins  sacri  docaerat.  traditur  inde  dicta 
mirabile  et  qnod  dimoTOndis  stata  suo  sacris  religionem  facere  posset,  cum 
dnodeciin  £Eiiniliae  ea  tempestate  Potitionun  essent,  puberes  ad  triginta, 
omnes  intra  annum  cum  stirpe  ezstinctos;  nee  nomen  tantom  Potitiomm 
interisse,  sed  censorem  etiam  Appiom  memori  denm  ira  post  aliquot  annos 
lamiüibus   captum:   womit  auch  Serv.  a.  0.  übereinstimmt,  dessen  Worte 
8,  179  omnem  familiam  perdiderit  Pinariorum  auf  Verwechselung  beruhen. 
Wihrend  also   Livius  die  Änderung  des  Opferdienstes  durch  Übertragung 
m  seryi  public!  als  ein  Factum  berichtet,  beieichnet  er  den  damit  in  Be- 
ziehnng  gebrachten  Untergang  der  Gens  Potitia  ausdrücklich  nur  als  eine 
an  sich  unglaubwürdige  Tradition  (traditur).    An  jenem  zu  sweifeln  ist 
kein  Grund:  und  darf  man  demnach  die  Existenz  der  beiden  Geschlechter 
der  Pinarii  und  Potitii  als  durchaus  sicher   bezeichnen.    In  Wirklichkeit 
wird  sich  die  Sache  so  yerh  alten,  dafs  in  Folge  des  Aussterbens  der  Potitii 
der  Opferdienst  dieses  Geschlechts  durch  Appius  Claudius  an   servi  public! 
fibertragen  wurde:  die  Sage  hat  das  Aussterben  der  Gens   zur  Folge  des 
ge&nderten  Kults  gemacht,  und  nun  jenes  noch  weiter  ausgeschmückt  Wenn 
Jordan  (bei  Preller  2,  291  f.)  den  Umstand,  dafs  der  Name  der  Potitii  — 
deren  Aussterben  in  oder  um  das  J.  812,  wie  wir  eben  sahen,  ausdrücklich 
berichtet  wird  —  sich  später  nirgends  nachweisen  lälst,  als  den  ,,schlageDd- 
iten  Beweis  dafür**  ansieht  „dafs  die  ganze  Geschichte  aus  einer  kläglichen 
etymologisoben  Spielerei  herausgesponnen  ist",  so  kann  ich  ihm  darin  nicht 
folgen.    Der  Name  der  Potitii  muls  ebenso  wie  ihre  Stellung  den  Pinarii 
gegenüber  im  Kulte  des  Hercules  existiert  haben,  weil  eine  spätere  Erfin- 
dung sowohl  des  Namens  selbst  wie  der  an  denselben  sich  knüpfenden  Tra- 
ditionen meiner  Ansicht  nach  als  geradezu  undenkbar  sich  von  selbst  aus- 
•chlieliBt.    Denn  wie  sollte  die  Erfindung  gerade  auf  den  an  und  für  sich 
doch  keineswegs  klaren  Namen  Potitii  gekommen  sein  —  abgesehen  von 
den  Traditionen  selbst,  die  als  Erfindung  gänzlich  unverständlich  bleiben 
worden.    An  der  einstigen   Existenz  der  Potitii  und  ihrem  Verhältnis  zu 
den  Pinarii  zweifeln  daher  auch  weder  Niebnhr  R.  G.  1,  98 f.,  noch  Mar- 
qoardt  3, 128,  noch  Preller  a.  0.,  noch  Boss!  a.  0.  36,  noch  Willems  le  s^nat 
de  la  r^publ.  Rom.  I  1879.  S.  85,  wie  auch   Mommsen  de  coli.  11  f.  durch 
nichts  andeutet,  die  Existenz  des  Geschlechts  beruhe  auf  späterer  Erfindung. 
EHe  Existenz  der  Pinarii  und  ihre  Beziehung  zum  Dienste  des  Hercules  ist 
^  alle  Fälle   sicher   (vgl.  z.  B.   die  Worte   Ciceros  de  domo  134  quos 
»emoriae  proditum  est  ab  ipso  Hercule  sacra  didicisse;  Verg.  Aen.  8,  270): 
vnd  schon  daraus  folgt,  dafs  die  ganze  Sage  yon  den  beiden  Geschlechtem 
nicht  mit  Schwegler  B.  G.  1,  370  als  mythisch  betrachtet  werden  kann. 
Wir  haben  hier  ebenso  ein  solemne  familiae  ministerium  zu  sehen^  wie  in 
da  Spesialdiensten  so  yieler  anderer  Geschlechter.     Die  Geschlechter  sind, 
^  speziell  das  der  Potitii,  wie  auch  die  Horatier,  die  Cariatier,  die  Aure- 
^tt  Q.  a.,  eben  nach  ihrem  Dienste  und  ihrem  Verhältnisse  zu  dem  Spezial- 
kalte  benannt  worden:  denn  Potitii  muls  allerdings  mit  potiri,  potis  zusam- 

eilb«ri,  Oetch.  n.  Topogr.  Roint.  6 

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—     82     - 

an  dem  Opferschmause  verlustig  gegangen  seien^  womit  sie  offen- 
bar nur  eine  Motivierung  des  Umstandes  zu  geben  suchte^  dafs 
die  Pinarii  in  ihrer  Teilnahme  an  der  Priesterschaft  der  ara  als 
die  minder  berechtigten  und  untergeordneten  erschienen.  Dieses 
eigentümliche  Verhältnis  der  beiden  Gentes  erklärt  sich  am  ein- 
fachsten aus  historischen  Verhältnissen  und  zwar  aus  dem  Hinzu- 
tritt eines  zweiten  Geschlechts ;  als  Vertreters  einer  zweiten  Gre- 
meinde,  zu  dem  ursprünglichen  nur  einer  Gemeinde  gehörenden 
und  daher  auch  nur  Ton  einem  Geschlechte  verwalteten  Kulte. ^) 
Dafs  hier  aber  nur  die  beiden  Gemeinden  des  Cermalus  und  des 
Palatium   in   Betracht  kommen   können^   leuchtet   ein.^)     Hatte 


menhängen.  Es  ist  aber  nicht  mit  Battmann  Mythol.  2 ,  294  ff. ,  Schwenck 
ROm.  Mytbol.  268  in  der  Stellung  der  beiden  Geschlechter  der  Aosdrack 
zweier  Stände  oder  Klassen  der  Bevölkerung,  sondern  das  Verhältnis  zweier 
Gemeinden  zu  einander  zu  erblicken:  wobei  man  aber  auf  keinen  Fall 
mit  Schwenck  Rh.  Mus.  6,  483  ff.  an  Kömer  und  Sabiner  denken  darf. 
Zweifelhaft  ist  übrigens,  wie  das  Verhältnis  der  Pinarii  zum  Herculesdienste 
nach  der  Neuordnung  dieses  im  J.  312  v.  Chr.  sich  gestaltet  hat.  Denn 
obgleich  die  Pinarii  bis  in  die  Kaiserzeit  nachweisbar  sind,  bezeugen  Livius 
sowohl  als  Dionys,  dafs  zu  ihrer  Zeit  auch  die  Pinarii  nicht  mehr  am  Dienste 
selbst  beteiligt  waren:  Livius'  Worte  donec  Pinarium  genus  fuit  sind  wohl 
dahin  zu  deuten,  während  Dionys  vvv  (livtoi  ovniti  xotg  yevtct  xovtotg  ^ 
nfifl  rag  isQovi^yiag  ixifiiUuc  avdneizcci  dieses  ausdrücklich  hervorhebt. 
Man  darf  wohl  annehmen,  dals  durch  App.  Claudius  nach  dem  Aussterben 
der  Potitii  überhaupt  eine  Neuordnung  des  Dienstes  stattfand  und  damals 
schon  auch  die  Pinarii  von  demselben  zurücktraten  und  ihre  Obliegenheiten 
gleichfalls  an  servi  publici  abtraten.  In  dieser  Form  hat  der  Kult  —  unter 
Leitung  des  Praetor  urbanns  —  bis  ins  4.  Jahrh.  n.  Chr.  noch  bestanden, 
wie  nicht  nur  Varro  1.  l.  6,  64.  Macrob.  3,  12,  2.  Serv.  Aen.  8,  276  n.  A., 
sondern  auch  Inschriften  (vgL  Bossi  a.  0.  35  f.)  bezeugen. 

1)  Es  ist  durchaus  Regel,  dals  ein  bestimmter  Kult  von  einem  Ge- 
schlechte verwaltet  wird:  vgl.  die  Curiatii  im  Dienste  des  lanus  Curiatios, 
die  Fabii  im  Dienste  des  ()uirinus,  die  Nantii  im  Dienste  der  Minerva  n.  a. 

2)  Das  gebt  auch  noch  aus  einer  andern  Angabe  hervor.  Diodor  be- 
richtet über  die  Ankunft  des  Hercules  4,  21  und  sagt  von  der  damaligen 
Bevölkerung  des  Palatinus  folgendes:  iv  tavtjj  dl  tmv  inupavmv  l^vtsg  dv- 
difov  Kdniog  xal  UivdQiog  iSi^avxo  zov  ^Hqa%kia  i^vCoig  tti^oX6yoig  %a\  dda- 
Ifeaig  xsxaQiciiivaig  hCfitiaccp.  aal  tovttov  tmv  dvdQOP  vitofLPiqfuitta  fftt^^i 
TmpSs  %&if  %aiQmv  dutfUvH  %octa  r^v  ^Pmiiriv,  tmp  ya^  vvv  svyspap  dvdQciv 
th  tmv  Ihvttqlmv  opoiuiionepov  yivog  diafLhu  naqd  xotg  ^PaiuUoig  mg  vndi^ 
%ov  aQxaiotcctoVf  tov  91  Ka%Cov  iv  tm  IlaXcctCtp  natdßaclg  iaxiv  etc.  Hier 
tritt  an  die  Stelle  des  Potitius,  des  Ahnherrn  der  Potitii,  Cacus  selbst:  Ca- 
cus  aber  gehört  dem  Palatium,  wie  wir  sahen,  woraus  also  folgt,  dals  die 
Potitii  dem  Palatium,  die  Pinarii  demnach  dem  Cermalus  angehören.    In 


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—    83     - 

nrsprüDglich  nur  das  dazu  auserlesene  Geschlecht  der  Südgemeinde 
den  Dienst  versehen^  so  war  nach  ihrer  Verschmelzung  mit  der 
Nachbargemeinde  des  Cermalus  ein  Geschlecht  dieser  als  teil- 
nehmend an  dem  Dienste  zwar  zugelassen  ^  aber  ihre  Minder- 
berechtigung auch  äufserlich  in  sehr  bestimmter  Weise  kenntlich 
gemacht  und  festgehalten. 

Ein  ganz  analoges  Verhältnis  tritt  uns  nun  an  dem  Ilaupt- 
kalte  der  Cermalusgemeinde,  dem  Lupercal;  entgegen:  auch  hier 
hat  sich  offenbar  die  Hinzuziehung  einer  zweiten  Gemeinde  resp. 
eines  zweiten  ministrierenden  Geschlechts  zu  dem  ursprünglich 
einheitlichen  Dienst  vollzogen;  und  auch  hier  können  wir  nur 
ui  die  Gemeinde  des  Palatium  denken  ^  welche  teilnehmend  zu 
dem  schon  bestehenden  Kulte  hinzutrat.  Die  Formen  freilich, 
anter  denen  sich  diese  Teilnahme  vollzogen  hat,  sind  hier  ganz 
andere  als  an  der  ara  maxima:  sie  sind  aber  nicht  minder  signi- 
fikante, ja  eminent  charakteristische. 

An  das  Lupercal  knüpft  sich  nämlich  ein  uraltes  Fest,  die 
Prozession  der  Luperci  an.  Wir  kennen  dieselbe  hauptsächlich 
ab  Lustration  der  palatinischen  Stadt  und  als  solche  werden  wir 
im  folgenden  Kapitel  auf  dieselbe  zurückkommen.  Es  war  aber 
allgemeiner  Glaube,  dafs  das  Fest  selbst  schon  vor  Romulus 
gestiftet  sei  ^)  und  in  der  That  weisen  alle  Anzeichen  darauf  hin, 
data  seine  Stiftung  in  die  ältesten  Zeiten  gehört^)  und  dafs  es 
spater  nach  Erbauung  des  oppidum  Palatinum  erweitert  und  auf 
dieses  letztere  übertragen  ist.  Hier  sei  deshalb  nur  dasjenige 
Moment  hervorgehoben,  welches  —  ebenso  wie  an  der  ara  ma- 
xima —  das  Hinzutreten  eines  zweiten  Teilnehmers  zu  dem 
ursprünglich  einheitlichen  Feste  erweist.  Es  waren  nämlich  zwei 
darchans  geschiedene  Sodalitäten,  welche  den  Kult  an  der  ara 
des  Lupercus  ausübten  und  welche  namentlich  die  Prozession 
Yolhogen:  und  zwar  standen  dieselben  unter  der  Leitung  zweier 
patricischer  Geschlechter,  der  Fabii  und  Quinctilii'),  weshalb  die 

ObereinsiimmiiDg  damit  schlug  Preller  vor  (Regg.  152  f.),  statt  des  verdor- 
l^ttieii  Caeximpamm  viri  nnicarumqae  virium  imperio  bei  Fest.  p.  266  zu 
icwn:  Caei  et  Pinarii  miitaram  virium  imperio. 

1)  Die  meisten  nnd  ältesten  Schriftsteller,  Fabins  Pictor,  Cincius  Ali- 
iBontos,  Cato  und  Piso  hatten  sich  für  die  Stifbaog  des  Festes  durch  Eaan- 
^  ausgesprochen,  Dion.  1,  79. 

2)  Auch  nach  Jordan  1,  1,  162  weist  dieses  Fest  in  das  höchste  Alter- 
^  surück. 

8)  Dals  es  die  Qainctilii  waren  uud   nicht  —  wie  Mommsen  R.  G. 

6* 

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-     84     - 

Sodalitaten  selbst  sich  Fabiani  und  Quinctiliani  nannten.  Ich 
halte  es  für  das  schätzenswerteste  Verdienst  der  neuesten  Unter- 
suchung über  die  Luperkalien  ^),  dafs  sie  die  Fabier  als  den 
Ramnes  zugehörig  nachgewiesen  hat  In  der  That  kann  f&r  eine 
sabinische  origo  dieser  gens  nur  das  eine  Moment  angefCLhrt 
werden^  dafs  ihr  ein  bestimmter  Opferdienst  auf  dem  collis  Qui- 
rinalis  zustand:  wir  werden  aber  später  (Kap.  5)  nachweisen, 
dafs  dieser  priesterliche  Dienst  ebenso  wie  der  Gott  selbst,  dem 
derselbe  galt,  von  dem  Palatin  auf  den  Quirinalis  übertragen 
worden  ist.  Die  Fabier  knüpften  ihren  Stamm  direkt  an  He- 
rakles und  eine  Nymphe  des  Tiberstroms  an:  Herakles  sollte  bei 
seiner  Anwesenheit  in  Rom,  als  er  mit  Euander  und  Gacus  am 
Palatin  und  Aventin  verkehrte,  den  Fabius  nebst  dem  Latinus, 
Aventinus  und  dem  Palas  —  dem  Eponymen  des  Palatium  — 
gezeugt  haben:  Grund  genug  die  Fabische  gens  dem  Stamme  der 
Ramnes  zuzuweisen.*)  Dafs  die  Prozession  der  Luperci  aber  in 
zwei  Abteilungen  sich  vollzog,  indem  die  Quinctiliani  und  Fabiani 
getrennt  liefen^),  mufs  jedem  der  ein  Verständnis  für  solche 
sakrale  Handlungen  besitzt,  als  ein  höchst  merkwürdiges  und 
höchst  bedeutungsvolles  Moment  erscheinen.  Vollzieht  sich  sonst 
jeder  lustrierende  Umzug  um  das  Gebiet  eines  Dorfs,  eines  pagus, 
einer  Stadt,  soweit  wir  sehen  können,  naturgemäfs  in  einer  Pro- 
zession^), so  mufs  doch  diese  Doppelprozession  eben  ihre  Bedeu- 
tung haben,  die  nur  in  dem  Dualismus  derjenigen  Elemente  er- 
kannt werden  kann,  aus  denen  die  Stadt  selbst  resp.  die  älteste 
Gemeinde  erwuchs.  Und  wenn  ausdrücklich  die  eine  dieser 
Sodalitäten  dem  Romulus,  die  andere  dem  Remus  zugehörig  ge- 
naunt  wird,  so  haben  wir  darin  insofern  eine  gute  sakrale  Über- 
lieferung zu  sehen,  als  wir  eben  in  diesen  beiden  Namen  jenen 
Dualismus  ausgedrückt  erkennen  dürfen. 

Bleiben  wir  aber  noch  einen  Augenblick  bei  diesem  Umzüge 
der  Luperci  stehen.     Derselbe  setzte  sich,  wie  ausdrücklich   be- 


ll 63  Anm.  und  Marqnardt  3,  422  wollen  —  die  Quinctii,  welche  die  eine 
Abteilung  der  ProzeBsion  leiteten,  ist  dnrcb  die  sogleich  zu  erwähnende 
Abhandlung  Ungers  festgestellt. 

1)  Von  Unger  im  N.  Rh.  Mus.  36,  50  ff.   Doch  vgl.  schon  Bnbino,  Bei- 
trage S.  267  ff. 

2)  ünger  a.  0. 

3)  Vgl.  hierüber  im  allg.  Marquardt  3,  421  ff. 

4)  Marqaardt  3,  195  ff. 


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--     85     - 

lichtet  wirdy  nicht  nur  aus  zwei  verschiedenen  Sodalitäten  zu- 
sammen;  sondern  diese  vollzogen  die  Prozession  auch  ganz  getrennt^ 
indem  sie,  jede  Partei  für  sich,  aber  zugleich  in  einem  Wett- 
kampfe  gegen  einander  liefen:  das  sagt  Tubero  bei  Dionysius^), 
indem  er  hervorhebt,  sie  seien  i%  dia0tfj^tog  gelaufen;  und  das- 
selbe wollen  die  Worte  des  Valerius  Maximus  ^)  divisa  pastorali 
tnrba  und  die  des  Ovidius')  diversis  exit  uterque  partibus  besagen. 
Dieser  eigentümliche  Umstand  findet  nur  so  seine  Erklärung, 
dafs  wir  in  dem  gemeinsamen  Laufe  der  beiden  Sodalitaten  ein 
agonistisches  Moment  erkennen,  welches  auch  darin  hervortritt, 
dafs  die  Fabiani  der  Sage  nach  zuerst  von  dem  Wettlauf  heim- 
gekehrt waren  und  ihren  später  kommenden  Nebenbuhlern  die 
besten  Bissen  des  Mahles  vorweg  genommen  hatten.^)  Dieses 
agonistische  Moment  spielt  in  der  Stadtgeschichte  Roms,  wie 
überhaupt  im  Altertume,  eine  äufserst  wichtige  Rolle:  alte  Feinde 
die  diese  Feindschaft  früher  in  blutigen  Fehden  und  Kämpfen 
zum  Ausdruck  gebracht  hatten,  haben  in  der  Stiftung  eines  Agon, 
eines  Wettkampfs,  einmal  die  Erinnerung  an  die  alten  Sträufse 
festgehalten,  sie  gleichsam  fortgepflanzt  und  verewigt,  anderseits 
aber  den  ernsten  Charakter  derselben  in  ein  fröhliches  Spiel  und 
zogleich  in  eine  wetteifernde  Übung  ihrer  Kräfte,  ihres  Mutes 
und  ihrer  Gewandtheit  umgestaltet^)  Immer  kann  man  aus  dem 
spatern  Vorhandensein  solcher  Agone  auf  ältere  wirkliche  Kämpfe 
turückschliessen.  So  haben  wir  also  auch  in  dem  Wettkampf 
der  Jünglinge  vom  Germalus  und  derer  vom  Palatium  —  wie 
wir  die  Fabiani  und  Quinctiliani  auffassen  dürfen  —  den  alten 
Gegensatz  der  einstigen  Nebenbuhler  und  Widersacher  zu  er- 
kennen, der  in  dem  frohen  Spiel  eines  gemeinsamen  Wettlaufs 
seinen  Ausgleich  und  zugleich  sein  Erinnerungsfest  erhalten  hat. 
Werfen  wir  jetzt  noch  einen  Blick  auf  das  Verhältnis  der 
beiden  Gemeinden  selbst,  so  gebührt,  soweit  uns  ein  Urteil  hier- 
fiber  zusteht,  der  Südgemeinde  durchaus  das  Verdienst,  die  eigent- 
liche Anregung  zum  föderativen  Anschlufs  der  Nordgemeinde  und 
damit  zur  Schöpfung  städtischer  Bildung   gegeben  zu  haben.  ^) 

2)  2,  2,  9. 

8)  Fast  2,  371  f. 

4)  Ovid.  a.  0.  2,  378  flf. 

5)  Wir  werden  noch  eine  Reihe  solcher  Agone  kennen  lernen. 

6)  Nach  Dionys.  a.  0.  wnrden  nicht  nur  die  privatrechtlichen  Spon- 
lionen,  sondern  auch  die  internationalen  foedera  in  gleicher  Weise  an  der 


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Lag;  wie  wir  gesehen  haben^  die  ara  maxima  unmittelbar  auf 
der  Grenze  zwischen  der  Vallis  Murcia  und  dem  Forum,  so  kann 
sie  nur  als  eine  Schöpfung  der  Südgemeinde  aufgefafst  werden. 
Unmittelbar  an  ihren  Wohnbezirk  das  Heiligtum  heranrückend, 
hatte  sie  die  ara  auf  ihrem  Hofe  aufgestellt:  auf  diesem  ihrem 
Hofe^)  fanden  sich  Nachbaren  und  Fremde  ein,  handelten  und 
verhandelten,  kauften  und  tauschten  und  mullsten  sich  für  alle 
Geschäfte  den  Rechtsnormen  fÖgen,  die  die  Südgemeinde  auf- 
gestellt und  deren  Schutz  sie  eben  der  ara  maxima  anvertraut 
hatte.  Räumte  sie  nun  auch  der  Nachbargemeinde  die  Teilnahme 
am  Kulte  desjenigen  Gottes,  welcher  als  der  Schutzherr  für  jede 
Art  von  Commercium  galt,  und  damit  zugleich  das  bleibende 
Recht  auf  den  Anteil  am  Verkehr  und  an  der  Aufsicht  über  seine 
Normen  ein,  so  hat  sie  doch  zugleich  ^durch  die  geringere  Stel- 
lung, welche  sie  dem  mitministrierenden  Geschlechte  der  Nach- 
baren anwies,  sehr  bestimmt  die  Duldung  und  die  Unterordnung 
zum  Ausdruck  gebracht,  in  der  diese  ihr  gegenüber  sich  befan- 
den. Umgekehrt  aber  ist  die  Südgemeinde  in  die  Teilnahme  am 
Gemeindekult  des  Cermalus  am  Lupercal  eingetreten  und  hat  hier 
gleichfalls  die   erste  Stelle   für   sich   in  Anspruch   genommen.^) 

ara  maxima  geweiht  mid  empfingen  hier  erst  ihre  verbindende  Kraft:  wir 
haben  anzunehmen,  dafs  anch  das  älteste  foedos  zwischen  der  Gremeinde 
des  Palatinm  nnd  der  des  Cermalus  hier  abgeschlossen  worden  ist. 

1)  Ich  kann  mich  nicht  davon  überzeugen,  dafs  solche  Begriffe  wie 
forum,  pomerium  etc.  als  uralte  schon  aus  der  älteren  Heimat  Norditaliens 
oder  sonst  woher  mitgebrachte  oder  überkommene  zu  betrachten  sind,  son- 
dern glaube,  dals  sie  durch  sehr  bestimmte  thatsächliche  Verhältnisse  ent- 
standen und  ausgeprägt  sind.  Das  später  boarium  zubenannte  Forum  weist 
in  eine  hohe  Urzeit,  in  die  ersten  Anfänge  römischer  Stadtbildung,  und  nichts 
steht  im  Wege  anzunehmen,  dals  dasselbe  überhaupt  der  Ausgangspunkt 
fOr  die  Bildung  dieses  Begriffs  geworden  ist 

2)  Am  Luperkalienfeste  erscheinen  die  Fabiani  als  die  Bevorrechteten 
darin,  dafs  sie  zuerst  Tom  Wettlauf  heimkommen;  weshalb  es  bei  Ovid 
Fast  2,  375  ff.  heifst:  venit  irritus  illuc 

Romulus  et  mensas  ossaque  nuda  yidet. 
Bisit  et  indoluit  Fabios  potuisse  Remumque 
vinoere,  Quinctilios  non  potuisse  suos. 
Die   Quintiliani  werden   hier    also  geradezu  die  Besiegten    genannt  und 
es  ist   anzunehmen,  dals  die  hier  von   Ovidius  typisch  gezeichnete  erste 
Feier   des    Festes   in   den   beibehaltenen    Kultgebräuchen   desselben   stets 
sich   erhielt.    Wenn  Mommsen   B.  G.   1,  63  Anm.   und   Marquardt  a.  O. 
423  den  Fabiani  den  zweiten  Rang  beilegen  und  sich  zum  Erweis  dessen 
auf  den  Umstand  stützen,  dafs  sie  die  Sodalität  dos  Remus  genannt  werden, 


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So  läfst  'sie  der  Nacbbargemeinde  in  sakraler  Beziehung  wohl 
ihre  Selbständigkeit,  schafft  aber  in  dem  Verhältnis  zwischen 
sich  und  jener  in  allen  Hauptstücken  eine  communio  sacrorum, 
bei  der  ihr  die  erste,  die  eigentlich  leitende  Bolle  zufällt 

Schärfer  aber  noch  tritt  diese  prädominierende  Stellung  auf 
dem  politischen  Gebiete  hervor,  wenn  wir  aus  den  immerhin  nur 
dfirfijgen  Momenten,  welche  uns  Sage  und  Becht  bieten,  Schlüsse 
ziehen  dürfen.  Die  Südgemeinde  beraubt  die  Nachbargemeinde 
der  eigenen  Leitung  und  Begierung,  zwingt  sie  zur  Unterordnung 
unter  ihren  eigenen  Bex,  yeranlafst  sie  zur  Erbauung  einer  ge- 
meinsamen Arx,  für  welche  sie  ihr  Heiligtum  zum  Kultmittel- 
punkte  erhebt  und  läfst  so  beide  Nachbarbezirke  fortan  als  eine 
Einheit  unter  einem  Könige,  mit  einer  Burg,  mit  einem  Popu- 
los  erscheinen.^) 

So  fällt,  wenn  unsere  bisherigen  Untersuchungen  wenigstens 
ihrem  Kerne  nach  die  Wahrheit  treffen,  auf  die  älteste  Stadt- 
periode Boms  soviel  Licht,  dafs  wir  wagen  dürfen,  uns  von  den 
Elementen,  aus  denen  die  ersten  Anfänge  der  Stadt  erwachsen 
sind,  sowie  von  dem  Voi^nge  dieser  Stadtbildung  selbst  ein 
Bild  zu  entwerfen.  Zwei  Hirtengemeinden  ^)  haben  wir,  die  eine 
auf  dem  Germalus,  die  andere  auf  dem  Palatium  sitzend,  resp. 
die  Sitze  schon  älterer  Ansiedlungen  einnehmend,  kennen  gelernt: 


80  ist  dagegen  zu  bemerken,  dafs  dieses  bei  dem  schwankenden  Gebrauche 
jener  Namen  (vgl.  oben  S.  63)  ganz  ohne  Bedeutung  ist;  hier  aber  speziell 
kommt  noch  hinzu,  dafs  in  der  Verbindung  der  Fabiani  mit  Bemus  die 
Erumerong  daran  sich  erhalten  hat,  dafs  ihre  Sodalität  von  Haus  aus  die 
weniger  berechtigte  war,  weil  sie  eben  sich  in  die  Teilnahme  am  Kult  ein- 
gedrängt hatte,  so  dafs  nur  die  Thatsache  des  Sieges  ihr  den  ersten  Bang 
▼erechafft  hatte.  Denn  festhalten  muls  man,  woran  ich  oben  erinnert  habe, 
dafs  die  Lnperci  in  dem  agonistischen  Moment,  welches  ihnen  innewohnt, 
die  Übarwindung  der  einen  Gemeinde  durch  die  andere  wiederspiegeln.  Es 
gehören  ako  die  Fabii  der  Gemeinde  des  Palatium,  die  Quinctilii  der  des 
Cennalus:  damit  stimmt  einmal  die  hohe  Stellung  der  gens  Fabia  über- 
haupt, sodann  speziell  die  Übertragung  des  Qnirinusopfers  auf  dem  Quiri- 
Bal  an  diese  Gens.  Dieser  Dienst,  der  wie  kein  anderer  einen  politischen 
Charakter  trug,  gebührte  mit  itecht  nur  einer  der  yomehmsten  Gentes  vom 
Palatium:  darfiber  ygl.  £ap.  6. 

1)  Daranf  wird  im  folgenden  Kapitel  näher  einzugehen  sein. 

2)  Dafs  auch  die  ramnisehen  Gemeinden  als  Hirtendörfer  zu  fassen, 
geht,  a^^ehen  von  der  Sage,  Yor  allem  aus  dem  Hirteneharakter  der 
liopercalia  heryor,  welche  jene  älteste  Zeit  gleichsam  dokumentarisch 
fixiert  haben. 


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—     88    — 

sie  breiten  sich  von  hier  aus  auf  die  vorgelageiten  Ebenen  des 
Velabrom  und  der  Yallis  Murcia  aus^  schliefsen  sich  jede  um 
einen  Eultmittelpunkt  zusammen ,  wobei  sie  die  älteren  Eult- 
lokale  der  früheren  Ansiedler  mit  herübernehmen;  treten  in  Be- 
ziehungen zu  einander  und  vereinigen  sich  —  wahrscheinlich  nicht 
ohne  Kampf  —  zu  einem  föderativen  Verbände^  indem  sie  sich, 
wie  commercium  und  connubium,  so  gegenseitig  Teilnahme  an 
den  Sacra  gewähren,  wobei  je  ein  Geschlecht  der  einen  zu  dem 
eigentlich  ministrierenden  Geschlechte  des  Hauptkults  der  andern 
Gemeinde  als  teilnehmend  hinzutritt.  In  diesem  Wechselverhält- 
nis  der  beiden  Gemeinden  tritt,  soweit  wir  erkennen  können,  die 
Südgemeinde  als  die  stärkere,  den  eigentlichen  Anstofs  gebende 
hervor:  ihr  Hof  wird  die  bedeutungsvolle  Stätte  der  mannigfal- 
tigsten Beziehungen  zu  Nachbarn  und  Fremden;  sie  nimmt  in 
den  gemeinsamen  Sacra  die  erste  Stelle  ein;  ihre  Eultstätte  auf 
der  Höhe  des  Palatium  wird  zum  Mittelpunkt  der  neuen  Burg 
erhoben,  wie  auch  ihr  Name  zum  Namen  des  Gesamtberges  wird; 
sie  endlich  übernimmt  politisch  die  Leitung  und  Regierung  der 
Bundesangelegenheiten  selbst. 

Wir  haben,  wie  ich  schon  oben  bemerkt  habe,  Grund  anzu- 
nehmen, dafs  das  Fest  der  Lupercalia  —  in  älterer  Form  —  schon  für 
diese  beiden  verbündeten  Gemeinden  die  das  politische  Bundesver- 
hältnis weihende  und  darstellende  sakrale  Institution  gewesen  ist.^) 
Desgleichen  aber  können  wir  mit  Sicherheit  eine  andere  Institution 
auf  diese  älteste  Phase  dar  Stadtbildung  Roms  zurückführen:  die  Ein- 
setzung des  Flamen  Quirinalis,  der  als  der  erste  stöndige  priesterliche 
Beamte,  der  Opferbläser  dieses  ältesten  Bundes  aufzufassen  ist. 

Der  Flamen  Quirinalis  erscheint  in  engster  Beziehung  zu  den 
im  Vorstehenden  betrachteten  Stammsitzen  der  Ramnes  und  schon 
das  zwingt  uns,  ihn  als  ein  durchaus  dem  ramnischen  Stamme 
zugehöriges  Priestertum  anzusehen.  Es  ist  nicht  richtig,  was  noch 
Jordan^)  Preller  sagen  läfst,  dafs  seine  Wohnung  in  der  Nähe 
des  templum  Quirini  gewesen  sei.  Wenn  Livius  beim  Einfall 
der  Gallier  die  heiligsten  Sacra  in  doliolis  sacello  proximo  aedi- 
bus   flaminis   Quirinalis  ubi  nunc  despui   religio   est   vergraben 

1)  Auch  das  Kollegium  der  Fratres  Arvales  fasse  ich  in  seinen  An- 
fängen als  der  Zeit  der  Ramnes  angehörig  auf:  es  hat  aber  sf^ter  eine  er- 
weiterte Bedeutung  erhalten  und  erscheint  es  mir  passender,  bei  Betrach- 
tang dieser  (Kap.  8)  auch  die  ältere  Phase  mit  zn  berfloksichtigen. 

2)  Preller  1,  371. 


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—    89    — 

werden  lärst^)^  so  kann  man  hier  nur  an  den  schon  oben  be- 
trachteten Ort  Doliola  —  an  der  Westgrenzc  des  Forum  boarium  — 
denken.  Denn  Plutarchs  Worte^  der  diese  Vergrabung  vtto  tä 
vm  rot;  Kvgivov  stattfinden  läfst^,  sind  offenbar  aus  einem  Misf- 
Terstandnis  seiner  Quelle,  des  Livius,  geflossen.^)  Die  von  diesem 
erwähnte  aedes  fiaminis  Quirinalis  lag  also  auf  dem  Forum  boa- 
rium. Hier  auf  dem  Gebiete  der  verbündeten  Gemeinden  hatte 
er  als  der  Bundespriester  seine  Wohnung  aufgeschlagen;  von  hier 
hat  er  ohne  Zweifel  die  Aufsicht  und  Leitung  der  gemeinsamen 
Sacra  gehabt.  In  späterer  Zeit  sehen  wir  ihn  namentlich  an  drei 
Tagen  resp.  drei  Orten  thätig  und  alle  drei  Akte  seines  Priester- 
toiDS  sind  hocht  bedeutsam.  Einmal  bringt  er  am  23.  Dezember 
am  Larental  der  Acca  Larentia  ~  also  auf  dem  Gebiete  der  Cer- 
malasgemeinde  —  ein  Opfer  dar^);  sodann  findet  unter  seiner 
Assistenz  an  den  (üonsualien,  und  zwar  am  21.  August  —  an 
welchem  Tage  die  Sabinerinnen  geraubt  sein  sollten  —  an  der 
ira  des  Consus  ein  feierliches  Opfer  statt^);  endlich  vollzog  er 
am  Feste  des  Robigus,  am  25.  April,  auf  dem  Wege  nach  Nomen- 
tom  5  Millien  von  der  Stadt  eine  Kulthandlung.^) 

1)  5,  40. 

2)  Camill.  20. 

3)  Ich  halte  es  f3r  sicher,  dafs  die  Worte  des  Platarch  Dor  aus  einem 
Müsrerständnis  der  Worte  des  Livias  resp.  einer  älteren  lateinischen  Quelle 
m  erklären  sind.  Die  aedes  flaminis  (jnirinalis  ist  das  Haas  des  flamen: 
Platarch  bat  das  Wort  als  Tempel  verstanden  nnd  diesen  anf  den  Qniri- 
008  selbst  bezogen.    Vgl.  Peter  Quellen  Plutarchs  S.  19  f. 

4)  Gell.  7,  7,  7 :  a  flamine  Quirinali  sacrificium  ei  publice  fit  Macrob. 
1,  10,  15  sagt  nur  per  flaminem;  die  Angabe  Plutarchs  Rom.  4  o  tov'Ageog 
^9tvg  ist  ein  Irrtum:  vgl.  Mommsen  B.  F.  2,  3  f.  Nach  Gic.  ad  Brut.  1, 
15,  S  nahmen  auch  die  Pontifices  an  diesem  Totenopfer  teil. 

5)  Vergl.  TertuU.  de  spect  6  sacrificant  apud  eam  (aram  Gonsi)  — 
III  Kai.  Sept  flamen  Quirinalis  et  Virgines.  Es  ist  wieder  zu  beachten, 
dalk  das  Opfer,  welches  der  Flamen  Quirinalis  an  der  ara  des  Consus  vor- 
nahm, unter  Assistenz  der  Yestaiinnen  geschah:  in  dieser  Teilnahme  der 
Priesterinnen  des  späteren  Zentralheiligtums  der  Stadt  an  dem  Kult  des 
Utesten  Ausgangspunktes  der  römischen  Stadtentwicklung  spricht  sich  die 
Kontinuität  zwischen  den  älteren  und  den  späteren  Phasen  der  Stadtgeschichte 
MS,  welehe  die  Priesterweisheit  so  klug  festzuhalten  nnd  in  ganz  bestimm- 
ten Akten  äniserlich  zu  dokumentieren  gewuTst  hat.  In  gleicher  Weise 
vorde  —  wie  wir  oben  sahen  —  auch  die  Beziehung  zwischen  dem  Yesta- 
heiligtume  und  dem  sacellum  Caciae  aufrecht  erhalten. 

e)  Ovid.  Fast  4,  901  ff:  Gal.  Praen.  z.  d.  T.  Eine  vollständige  Auf- 
ühlung  aller  hierher  gehörigen  Stellen  findet  sich  bei  Marquardt  3,  551  f. 


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—    90    — 

Was  diese  letztere  betrifft,  so  bedarf  es  keines  Nachweises, 
dafs  ihre  Einsetzung  einer  spätem  Zeit  angehöri^  die  wahrschein- 
lich —  nach  Erweiterung  des  Umfangs  der  Stadt  und  des  Staats  — 
fortan  anstatt  oder  neben  einer  älteren  Ceremonie  vollzogen  wurde. 
Ich  glaube  noch  zu  erkennen,  welches  diese  ältere  Ceremonie  war, 
die  ursprünglich  statt,  und  später  neben  der  angeführten,  dem 
Flamen  Quirinalis  zustand.  Das  Opfer  nämlich,  welches  am 
25.  April  auf  der  Via  Claudia  am  5.  Meilensteine  dargebracht 
wurde,  galt  dem  Robigus,  der  durch  dasselbe  zum  Schutz  für  die 
Saaten  —  ne  robigo  occupet  segetes  —  bewogen  werden  sollte. 
Das  Opfer  bestand  aus  den  Eingeweiden  eines  Hundes  und  eines 
Schafes:  das  Hundeopfer  stand  offenbar  in  Beziehung  zu  dem  Hunds- 
stern, dessen  Einflufs  auf  die  Saat  als  besonders  geföhrlieh  be- 
trachtet wurde.  Nun  fand  aber  in  Rom  selbst  ein  ganz  ähnliches 
Opfer  statt,  indem  hier  unweit  der  Catularia  porta  ad  placandum 
caniculae  sidus  rufae  canes  immolabantur.  ^)  Die  Catularia  porta 
kommt  allerdings  nur  einmal  bei  Festus  Tor:  wenn  auch  das 
Opfer  der  rufae  oder  rutilae  canes  wiederholt  erwähnt  wird.*) 
Jene  Catularia  porta  etwa  auf  die  Opferhandlung  am  5.  Millia- 
rium  zu  beziehen  ist  unmöglich:  denn  nicht  nur  wird  sie  aus- 
drücklich als  Rom ae  befindlich  bezeichnet:  auch  das  Opfer  selbst, 
welches  in  ihrer  Nähe  stattfand,  wird  gleichfalls  speziell  als 
Romae  d.  h.  in  der  Stadt  selbst  vollzogen  gekennzeichnet.') 
Mommsen  entscheidet  sich  deshalb  auch  mit  Recht  dahin,  in  der 
porta  Catularia  ein  Stadtthor  in  Rom  zu  sehen.  ^)    Es  fragt  sich 


Roblgm  iet  mit  Mommieii  C.  I.  L.  I  892  nar  als  eine  Indigitation  des  Mars 
rustieus  zu  fassen.    Vgl.  Gate  de  r.  r.  141. 

1)  Panl.  p.  45  Catularia  porta  Romae  dicta  est,  quia  non  longe  ab 
ea  ad  placandum  sidas  frogibus  inimioum  rufae  canes  immolabantur,  nt 
fruges  flavescentes  ad  matoritatem  perdacerentar. 

2)  Fesi  p.  285  Rutilae  canes  —  immolabantur  —  canario  sacrificio 
pro  frogibas  deprecandae  saevitiae  causa  sideris  caniculae.  Ebenso  erwähnt 
Philargyr.  Yerg.  Georg.  4,  425  dieses  sacrum  Canarium. 

3)  Philarg.  a.  0. :  ideoque  Romae  omnibas  annis  sacrum  Canarium  fit 
per  pnblicos  sacerdotes. 

4)  C.  I.  L.  I,  p.  392.  Nur  darf  man  nicht  die  porta  Catnlaria  selbst 
mit  ihrem  Opfer  in  irgend  welche  räumliche  Yerbindraig  mit  jenem  Opfer 
am  5.  Meilenstein  bringen  wollen.  Wir  haben  es  hier  mit  zwei  durchaus 
verschiedenen  Kulthandlungen  zu  thun,  deren  eine  auf  der  Via  Claudia,  die 
andere  in  Rom  selbst  stattfand:  dals  sie  aber  beide  an  demselben  Tage 
stattfanden,  darf  als  sicher  gelten,  wie  sie  auch  natfirlich  demselben  sakra- 
len Gedanken  zum  Aasdruck  gedient  haben. 


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—    91     —    . 

nur,  wo  wir  dasselbe  anzusetzen  haben.  Die  Ceremonie  selbst 
macht  einen  höchst  altertümlichen  Eindruck^)  und  die  Bethei- 
figong  des  Flamen  Quirinalis  weist  speziell  auf  den  Palatiuus. 
Das  dritte  Thor  der  palatinischen  Stadt  ^  ist  uns  nun  wohl  seiner 
Lage^  nicht  aber  seinem  Namen  nach  bekannt:  ich  stehe  nicht 
an,  in  jener  Bezeichnung  den  Namen  des  dritten  palatinischen 
Stadtthors  zu  sehen,  d.  h.  desjenigen  Thors  des  oppidum  Pala- 
tintun,  welches  die  scalae  Caci  und  damit  den  Zugang  zur  pala- 
tinischen Stadt  abschlofs.')  So  tritt  uns  die  Bedeutung  des 
Flamen  Quirinalis,  als  des  Bundespriesters  der  foderirten  Gemein- 
den vom  WestpalatinuS;  nach  jeder  Richtung  hin  entgegen:  auf 
dem  gemeinsamen  Bezirk  wohnhaft,  erscheint  seine  Thätigkeit 
speziell  an  den  drei  bedeutsamsten  EultsIStten  der  einen  und  der 
andern  sich  erweisend.^) 

Hat  man  also  ein  Recht,  das  Priestertum  des  Flamen  Qui- 
rinalis den  ältesten  Gemeinden  des  Westpalatinus,  den  Ramnes, 
zuzuweisen,  so  folgt  daraus  mit  Notwendigkeit,  dafs  auch  Quiri- 
nus  selbst,  dem  eben  jenes  Priestertum  gilt,  den  Ramnes  gehört. 
In  der  That  kann  kein  Zweifel  sein,  dafs  Quirinus  von  Haus  aus 
nur  in  Beziehung  zu  Mars^)  und  Romulus  steht  und  demnach 


1)  Anf  ein  hohes  Alter  weist  namentlich  das  Hundsopfer,  und  es  ist 
wieder  sehr  bezeichnend,  dafs  die  Hnndsopfer  des  römischen  Kults  in  ganz 
ber?orragender  Weise  den  ältesten  Kulten  und  Kultstätten  des  Palatin  eigen- 
tSmlich  sind.  Ein  Hundsopfer  findet  an  den  Luperealien  an  der  ara  des 
Lnpercus  statt  Plut  Romul.  21.  Q.  B.  68.  Zusammen  mit  einem  Hunde 
erscheinen  die  Lares  praestites  Oyid.  F.  6, 129  ff.  Plut.  Q.  B.  61,  wie  sie  selbst 
lach  in  Hundsfelle  eingehüllt  sind:  vgl.  oben  S.  62  f.  Der  Genita  Mana,  die 
keine  andere  als  die  Mania,  die  Mutter  der  Laren  ist  (Macrob.  1,  7,  14. 
Varro  L  1.  9,  61),  wird  gleichfalls  ein  Hund  geopfert  Plut.  Q.  R.  62.  Von 
dem  Consaeptum  des  Herctdes  auf  dem  Forum  boarium  wurden  ängstlich 
sHe  Hunde  femgehalten  Solin.  1,  11. 

2)  Über  diese  Thore  vgl.  das  folgende  Kapitel. 

5)  Stand  hier  die  alte  ara,  später  die  Statuen  der  Lares  praestites  mit 
ihrem  Hunde,  wie  ich  oben  wahrscheinlich  zu  machen  gesucht  habe,  S.  62  f., 
10  gewinnt  der  Name  der  porta  Catularia  noch  eine  besondere  Besiehung. 

4)  Auf  eine  besondere  Stellung  des  Flamen  Quirinalis  weist  auch  ein- 
mal der  Umstand,  da(s  beim  Einfalle  der  Oallier  gerade  an  seiner  Woh- 
Bimg  die  Heiligtfimer  Tergraben  werden  Liv.  6,  41,  sowie  die  G^leitung  der 
TestaUnnen  nach  Caere  bei  derselben  Gelegenheit  durch  ihn  Liv.  a.  0. 
VaL  Max.  1,  1.  10.  (C.  L  L.  I,  p.  286.  No.  XXIV.) 

6)  Dieser  Überzeugung  als  einer  in  Bom  wenn  auch  nur  Ton  einem 
Teile  der  Kenner  getragenen,  giebt  Dionys.  2,  48  Ausdruck:  of  nlv  ya(f  iip' 


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.    —    92     — 

als  ein  besonderer  Enltname  jenes  aufzufassen  ist,  mit  dem  so- 
dann der  Name  des  Stammherm  als  seines  Sohnes  natorgemäfs 
verbunden  oder  yerschmolzen  ist.  In  dieser  Beziehung  auf  Mars 
und  Romulus  ist  Quirinus  ein  durchaus  ramnischer  Name  und 
Kult.  Ich  werde  im  5.  Kapitel  genauer  nachweisen,  dafs  die  spä- 
tere Verehrung  des  Quirinus  auf  dem  fortan  nach  ihm  benann- 
ten quirinalischen  Hügel  auf  eine  bestimmt  nachweisbare ,  von 
den  Römern  selbst  stets  und  wiederholt  hervorgehobene  Über- 
tragung des  ramnischen  Gottes  und  Namens  zurückzuführen  ist. 
Die  ursprüngliche  Zugehörigkeit  des  Quirinus  zum  Stamme  der 
Ramnes^  zum  Palatinus,  zur  ältesten  Phase  der  Stadtentwicklung 
Roms  ist  eine  von  den  Römern  selbst  bestimmt  ausgesprochene 
und  allgemein  anerkannte:  dem  gegenüber  die  Vorliebe  des  Sabi- 
ners  Varro  für  die  Sabiner  und  seine  Tendenz,  alle  möglichen 
Kulte  und  Institutionen  auf  diese  letzteren  zurückzuführen,  nicht 
in  Betracht  kommen  kann.  Unter  dem  speziellen  Kultnamen 
Quirinus  —  auf  dessen  höchst  charakteristische  Bedeutung  ich 
im  folgenden  Kapitel  zurückkomme  —  haben  die  vereinigten 
palatinischen  Gemeinden  Mars-Romulus  ^)  zu  ihrem  Bundesgotte 


ivos  otovtai  d'sov  noXenmnv  dydvav  ^yf(i6vog  indteffov  tav  6po(iat<ov 
natfiyoifsCcd'ai  (ot  dh  icara  Svo  tixTxsüd'ai  Sainovatv  noXsiiiütaif  tä  ovoftata), 
1)  Wenn  Preller  1,  S74  sagt,  dafs  zur  Zeit  des  Cicero  Romnlos  nnd 
Quirinus  allgemein  für  dieselbe  Person  galten,  so  ist  dem  gegenüber  zu 
bemerken,  da&  diese  Identifikation  der  beiden  Namen  schon  bei  Ennius 
nachweisbar  ist:  vgl.  Nonios  s.  v.  Hora.  FQr  die  Zagehörigkeit  des  Qai- 
rinas  zu  den  Sabinern  erklärt  sich  namentlich  Ambrosch  Stadien  1 ,  169  ff. 
Schwegler  1,  531  ff.  Preller  1,  369  ff.:  darüber  ausführlicher  Kap.  5.  Es 
ist  aber  zu  bemerken,  dafs  Quirinus  ursprünglich  kein  Nomen  proprium,  son- 
dern ein  Appellativ  ist  —  über  dessen  Bedeutung  Kap.  3  — ,  was  daraus 
ersichtlich,  dafs  auch  lanus  den  Beinamen  Quirinus  führt  Ebenso  hat  ur- 
sprünglich Mars  sowohl  wie  Bomulus  diese  Bezeichnung  erhalten  und  ist 
erst  allmählich  der  Name  Quirinus,  von  jenen  abgelöst,  zu  einer  selbstän- 
digen Gestalt  geworden.  Wie  nahe  das  lag,  zeigt  eine  Vergleichung  der 
sehr  alten  sakralen  Bestimmung  über  die  opima  spolia  bei  Fest.  pag.  189 
mit  Plut  Marc.  8:  der  lanus  Quirinus  dort  wird  hier  zum  Quirinus.  In 
alten  stereotypen  Schwurformeln  steht  Quirinus  schon  für  Romulus:  so  in 
dem  Eide  des  Philippns  Diod.  37,  17  (Bekk.):  thv  dia  tov  KanBtmliov  nal  triv 
iotCav  tijg  ^Pnfirig  %al  thv  nuxqAov  avxr\g''Aqfriv  %uX  xov  yhvdq%riv  'EwdXiavt 
so  ist  mit  Preller  (1,  93)  statt  des  überlieferten  "HXtog  zu  lesen.  Diese  Be- 
zeichnung des  Quirinus  als  y^ifaffvig  entspricht  durchaus  andern  ähnlichen 
Formeln  wie  Verg.  Q.  1,  498  Dii  patrii  indigetes  et  Romule  Vestaque  Mater; 
Ov.  Met.  15,  861  Dique  Indigetes  genitorque  Quirine  ürbis  et  invicü  geni- 
tor  Gradiye  Quirini:  der  Quirinus  als  genitor  urbis  ist  gleich  dem  y^dqxfig 


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—    93    — 

erhoben  und  zu  seinem  Dienste  den  Flamen  Quirinalis  eingesetzt: 
in  diesem  Kalte  kommt  die  sakrale  Einheit  zum  Ausdruck,  in  die 
fortan  die  verbündeten  Gremeinden  zu  einander  treten.  Der  Kult  des 
gemeinsamen  Stammgottes  und  Ahnherrn  beider  Gemeinden  bildet 
fär  dieselben  das  stärkste  vereinigende  Band:  und  die  Thatsache, 
dafs  dieser  Quirinns  dem  Glauben  stets  als  Einer  gegolten  hat, 
ist  der  überzeugendste  Beweis  dafür,  dafs  ein  und  derselbe  Stamm- 
herr hier  wie  dort  verehrt  worden  ist  und  dafs  der  Dualismus 
der  beiden  Gemeinden  sich  voll  und  ganz  in  eine  politische  und 
sakrale  Einheit  umgestaltet  hat. 

Nur  auf  einen  Umstand  mag  hier  zum  Schlüsse  noch  auf- 
merksam gemacht  werden.  Wenn  wir  den  Flamen  Quirinalis  am 
23.  Dezember,  am  25.  April  und  am  21.  August  th'ätig  sehen 
und  die  Feste,  an  denen  er  diese  seine  Thätigkeit  ausübt,  zu  den 
ältesten  und  bedeutsamsten  des  romischen  Festcyklus  gehören, 
80  tritt  uns  schon  hier  in  klar  erkennl>aren  Zügen  das  System 
des  romischen  Festkalenders  entgegen:  denn  je  vier  Monate  aus- 
einanderliegend  und  mit  der  Wintersonnenwende  beginnend  ent- 


bei  Diod.  a.  0.  So  ist  auch  in  der  DeTOtionsformel  des  Decias  Liv.  8,  9 
lane  loppiter  Mars  pater  Quirine  Bellona  Laras  etc.  kein  Grand,  in  dem 
pater  Qnirine  (denn  pater  ist  mit  Qairine^  nicht  mit  Mars  zu  verbinden) 
einen  andern  als  eben  den  Romulus  genitor  orbis  zu  erblicken;  und  ebenso 
Polyb.  3,  25.  Erst  seit  xmd  durch  Varro  ist  dieser  allgemeinen  Auf&ssung 
des  Quirinns  entgegen  die  Verbindung  desselben  mit  den  Sabinern,  wenn 
aoch  nicht  aufgebracht,  so  doch  betont:  vgl.  namentlich  Varro  bei  Dion. 
2,  84  und  Varro  1.  1.  5,  74:  darüber  Kap.  6.  —  Mit  dem  Quirinns  muTs  die 
Gens  Memmia  in  besonderer  Beziehung  gestanden  haben :  auf  Münzen  dieser 
Gens  erscheint  der  Kopf  und  Name  des  Quirinns  (Mommsen  Münzw.  S.  642). 
Da  die  Memmii,  Yon  Mnestheus  sich  ableitend,  zu  den  troischen  Familien 
gerechnet  wurden  (Serv.  Aen.  6,  117),  so  ist  auch  von  hier  aus  keine  Be- 
nehong  des  Quirinns  zu  den  Sabinern  erkennbar.  Mommsen  a.  0.  bezieht 
die  Worte  des  Catull  (28  fin.)  opprobria  Bomuli  Bemique,  welche  er  in 
Bezug  auf  einen  Memmius  und  einen  Piso  gebraucht  (auch  die  Calpurnii 
Ehrten  ihren  Stammbaum  bis  in  die  ältesten  Zeiten  der  Stadt  hinauf),  auf 
diese  Verbindung  der  Gens  Memmia  mit  Quirinns  d.  i.  Romulos.  Über  die 
entsprechenden  Münzen  der  Fabii  vgl.  unten.  Wenn  man  wirklich  mit 
DeÜe&en  a.  0.  II  p.  4  annehmen  dürfte,  dafs  die  Angaben  der  Inschrift 
einer  pompejanischen  Basis,  welche  einst  eine  Statue  des  Bomulus  getragen 
haben  muls  (Mommsen  L  N.  2189)  den  Angaben  entlehnt  sind,  welche  die 
Basis  der  capitolinischen  Romulusstatue  enthielt,  so  wäre  damit  für  die 
Identifikation  des  Romulus  und  Quirinns  ein  jedenfalls  bis  in  die  Mitte  des 
i  Jahrh.  v.  Chr.  hinaufreichender  Beweis  erbracht:  denn  hier  schon  wird 
Bomulus  Qnirinus  genannt.    Vgl.  BernouUi,  röm.  Ikonogr.  S.  8  f. 


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—     94    — 

sprechen  jene  Feste  den  kritischen  Epochen  des  alten  dreigeteil- 
ten Jahres.  Aus  diesem  Kerne  werden  wir  das  ganze  Festjahr 
herauswachsen  sehen. 

Wenden  wir  uns  nun  zu  der  grofst^n  und  dauerndsten  That 
dieser  beiden  verbündeten  ramnischen  Gemeinden^  der  Erbauung 
der  palatinischen  Burg. 


Drittes  Kapitel. 
Die  palatinische  Stadt. 

Es  ist  sehr  schwierig;  den  rechten  Staudpunkt  zu  gewinnen^ 
Ton  dem  aus  die  palatinische  Stadt  zu  betrachten  ist.  Die  unter 
der  Leitung  von  P.  Rosa  vorgenommenen  Ausgrabungen  schie- 
nen festgestellt  zu  haben,  dafs  der  Umfang  der  palatinischen 
Mauern  sich  ansschliefslich  auf  die  Westhälfte  des  Berges  be- 
schränkte^): und  diese  Ansetzung  des  Stadtkreises  würde  gut  zu 
dem  von  mir  im  vorhergehenden  Kapitel  entwickelten  Nachweise 
eines  Zusammenschlusses  der  beiden  Gemeinden  des  Cermalus 
und  des  Palatium  passen,  indem  in  diesem  Falle  der  Bau  selbst 
am  einfachsten  auf  jene  beiden  verbündeten  Gemeinden  zurück- 
geführt würde:  macht  doch  die  Sage  die  Zwillinge  geradezu  zum 
Centrum  des  Mauerbaues,  indem  sie  diesen  letzteren  Ausgangspunkt 
ihres  Streits  und  Anlafs  zum  Tode  des  Bemus  sein  läfst. 

Diese  Ansetzung  des  Mauerumfangs  ist  nun  aber  nicht  un- 
bestritten geblieben.  Auf  Gruud  weiterer  Ausgrabungen  hat  Lan- 
ciani^  angeblich  konstatiert,   dafs  die  Mauer  am  südlichen  Ab- 


1)  Vgl.  Bull,  deir  Inst.  1862,  S.  231. 

2)  Vgl.  Lancianis  Abhandlung  salle  mora  e  porte  di  Servio,  in  deren 
erstem  Paragr.  Ann.  delF  Inst.  1871.  41  ff.  er  die  fortificazioni  di  Roma  ante- 
rior! a  Servio  Tullio  d.  i.  hauptsächlich  die  Mauern  der  palatinischen  Stadt 
einer  Prüfung  unterzieht.  Danach  hat  eine  im  Jan.  1870  vorgenommene 
Ausgrabung  die  Fortsiitzung  einer  Mauer  auf  dem  südlichen  Abhänge  kon- 
statiert, die  aber  nicht  —  wie  man  erwarten  müTste,  wenn  sie  ausschlieCs- 
lieh  auf  die  Weathälfte  des  Berges  beschränkt  gewesen  wäre  —  im  rechten 
Winkel  sich  nach  Norden  umbiegt,  sondern  in  derselben  Richtung  nach 
Osten  zu  weiter  läuft.  Lanciani  erklärt  sich  besonders  auf  Ghrund  dieser 
Ausgrabung  dahin,  dafs  die  Mauer  den  ganzen  Berg  umschlossen  haben 
müsse.  Ich  bedaure  sehr,  dafs  meine  bei  meiner  Anwesenheit  in  Rom  nicht 
speziell  auf  diese  Frage  gerichteten  Forschungen  mich  haben  versäume« 


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-     95    — 

haDge  sich  nicht  anf  die  durch  das  Intermontium  von  dem  übrigen 
Berge  geschiedene  Westseite  beschränkte^  sondern  über  dasselbe 
bis  aaf  den  Raum  der  Osthälfte  des  Beides  sich  fortsetzte.  Ich 
halte  diese  angebliehe  Feststellung  des  verlängerten  Mauerlaufs 
noch  nicht  für  entscheidend:  denn  das  von  Lanciani  beschriebene 
Stack  Mauer  erscheint  mir  in  hohem  Grade  der  Aufklärung  be- 
dfirftig^),   da  die   Yerbauung   alter  Mauerteile  mit  solchen  viel 


litten,  die  Lage  der  einxehieii  Fundstücke  der  Mauer  genau  zu  prüfen: 
venigstens  wage  ich  niclit,  mich  auf  meine  damaligen  Untersuchungen  der 
Maoeneste  zu  berufen.  Über  die  ursprüngliche  Konstruktion  der  Mauer 
lälst  sich  nach  den  erhaltenen  Resten  ein  hinreichendes  urteil  fallen:  vgl. 
die  Worte  Lancianis  a.  0.  44  darüber:  ,,cinque  sono  i  tratti  finora  scoperti 
delle  mura  palatine,  tutü  costruiti  ad  un  modo  con  massi  di  tufa,  presi 
^la  roccia  istessa  del  coUe,  disposti  senza  %juto  di  cemento  in  letti  ori- 
lontah,  alti  dai  5S  ai  62  centimetri,  ed  alternati  seoondo  la  maniera  etrusca 
in  QUO  Strato  nel  senso  della  lunghezza,  neir  altro  seconda  la  larghezza'^ 
Diese  fünf  erhaltenen  Beste  der  Mauer  sind  zunächst  ein  Stück  Yon  7  Lagen 
tn  der  Ecke  über  dem  Velabrum  ,,che  h  il  piü  importante  e  il  piü  conser- 
aervato,  i  massi  yariano  dai  m.  1,34  a  1,  62  in  lunghezza  e  da  m.  0,43  a 
0,49  in  larghezza.  La  grossezza  ordinaria  del  muro  6  di  m.  1,41 ;  la  mas- 
nma  altezza  attuale  m.  4,  20;  per6  giunto  air  angolo  onde  avere  maggiore 
aoliditä  la  grossezza  del  muro,  aumenta  fino  ai  m.  4,50*'.  Das  zweite  Stück 
befindet  sich  in  Anlagen  der  Kaiserzeit  verbaut  „presso  il  Casino  della 
▼igna  giä  Ndssiner  (im  SW.  des  Berges);  se  ne  vengono  soltanto  tre  strati 
alti  ciascuno  m.  0^59*^  Das  dritte  Stück,  in  7  Lagen  erhalten,  befindet  sich 
un  Südrande  unmittelbar  an  dem  Thaleinschnitt,  der  hier  einst  von  N. 
kommend  gemündet  haben  muls:  es  wird  nach  einem  späten  hier  befind- 
lichen Gebäude  als  am  Eingange  der  casa  Geloziana  bezeichnet:  über  dieses 
Stack  TgL  hernach  „II  4*^  tratto  trovasi  circa  60  m.  piü  lontano  sul  con- 
fine  deir  orto  annesso  alla  yilla  Mills,  composto  di  soli  tre  strati  alti  come 
sempre  m.  0,59*^  „II  6^  finalmente  trovasi  innanzi  la  fronte  del  palazzo 
dei  Flavi  non  lontano  del  tempio  di  Giove  Statore/'  Vgl.  Lanciani  a.  0. 
44  f.  und  Jordan  1,  1,  172  f.  Der  letztere  führt  als  weiteres  Stück  noch 
an  ,,über  S.  Teodoro  einzelne  grofse  Tufblöcke  in  den  kaiserlichen  Back- 
•ieinbauten  steckend". 

1)  Der  von  Lanciani  a.  0.  43  erwähnte  unter  dem  14.  Jan.  1870  ge- 
inachte  Fund  bezieht  sich  doch  offenbar  auf  dieselbe  Ausgrabung,  welche 
er  a.  0.  44  unter  Nr.  3  als  im  Dezember  1869  beginnend  erwähnt;  und  das 
luer  nntei:  No.  3  genannte  Mauerstück  ist  wieder  dasselbe,  welches  er  weiter 
oben  als  am  14.  Jan.  1870  gefunden  bezeichnete.  Dieses  Stück  ist  aber 
eigentümlich.  Die  Anwendung  von  Mörtel,  der  Einbau  in  ein  viel  späteres 
Gebäude  macht  es  mir  sehr  verdächtig  und  es  liegt  die  Annahme  nahe, 
dab  wir  es  hier  mit  Stücken  der  alten  Mauer  zu  thun  haben,  die  zum 
Zwecke  der  Verwendung  für  ein  GeMude  späterer  Zeit  verschleppt  sind, 
^or  80  erklärt  sich  einmal  die  Anwendung  von  Mörtel,  anderseits  die  plaxk- 


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^     96     - 

jüngeren  Alters,  sowie  die  Anwendung  Ton  Mörtel  bei  der  Auf- 
mauerung  dieser  Stücke  das  Ganze  in  sehr  verdächtigem  Lichte 
erscheinen  läfst.  Festgestellt  —  das  darf  man  sagen  —  ist  noch 
keines  wegS;  dafs  die  Mauer  der  palatinischen  Stadt  resp.  Burg 
einst  den  ganzen  Berg  umschlossen  hat.  Ein  definitives  Resultat 
in  dieser  Beziehung  kann  man  —  wenn  überhaupt  —  erst  von 
der  Aufdeckung  des  ganzen  Berges  erwarten,  der  bekanntlich  auf 
seiner  Osthälfte  noch  zu  einem  Hauptteile  unangerührt  ist 

Ich  gestehe,  dafs  für  mich  die  Entscheidung  dieser  Frage 
von  untergeordnetem  Werte  ist,  da  wir,  selbst  wenn  wir  annehmen 
müfsteU;  die  Mauer  habe  nicht  den  Gesamtberg  umschlossen, 
dennoch  nachweisen  können,  dafs  das  nicht  eingeschlossene  Stück 
der  Osthälfte  Staats-  und  sakralrechtlich  ebenso  betrachtet  worden 
ist,  als  der  von  dem  Mauerringe  selbst  umschlossene  Teil.  Da 
aber  natürlich  eine  Entscheidung  dieser  Frage,  sie  mag  mm  aus- 
fallen wie  sie  wolle,  immerhin  sehr  bedeutsam  bleibt,  so  mag 
es  zunächst  hier  versucht  werden,  aus  einer  Prüfung  der  Angaben 
der  Alten  selbst  nach  dieser  Richtung  hin  zu  etwas  mehr  Klar- 
heit zu  gelangen. 

Der  Name  Roma  quadrata,  den  die  Alten  wiederholt  an- 
führen, hat  nachweislich  zwei  verschiedene  Bedeutungen^)  gehabt 


mälsige  Einfügung  in  das  hier  befindliche  späte  Banwerk,  worüber  Lanciani 
bemerkt:  „un  muro  di  grandissimi  blocchi  di  tufa  compatto  tagliati  a  bagna 
e  legati  con  cemento,  il  quäle  dopo  cssersi  avanzato  verso  il  monte  per 
m.  4,06  piega  ad  angolo  retto,  in  modo  da  formare  Tiatelaratura  della  Ca- 
mera che  chiamerb  di  Sestilio  Rufo  dai  bolli  del  suo  pavirnento^S  Jordan 
1,  1,  173  stützt  sich  zum  Erweis  seiner  Annahme,  dafs  die  Mauer  sich  nicht 
auf  die  Westhälfte  des  Bergs  beschränkt  habe,  scheinbar  auf  ein  anderes 
Stück,  das  oben  als  viertes  erwähnte,  welches  er  aber  selbst  nicht  gesehen 
hat  und  von  welchem  Lanciani  Guida  p.  78  sagt:  „del  resto  basterebbe  la 
scoperta  di  un  tratto  ulteriore  del  recinto  di  Romolo  avvenuta  nel  princi- 
pio  del  1860  sotto  la  villa  Mills,  a  persuaderci  che  tale  recinto  abbracciava 
tutto  intero  il  perimetro  della  colliua*^  Jedenfalls  ist  die  ganze  Frage  noch 
durchaus  nicht  entschieden.  Den  Versuch  N.  Wendts  im  Bull,  deir  Inst. 
1882.  53—58,  die  Existenz  der  palatinischen  d.  i.  romulischen  Mauer  über- 
haupt zu  leugnen,  die  Reste  derselben  teils  als  Substruktionen  des  Hügels, 
teils  als  Reste  alter  Gebäude  zu  erweisen,  erwähne  ich  hier  nur,  da  sie 
meiner  Ansicht  nach  keiner  Widerlegung  bedarf. 

1)  Bei  Festus  p.  258  ist,  wie  weiter  unten  gezeigt  wird,  nur  der  Mun- 
dus  zu  verstehen  unter  Quadrata  Roma;  bei  Varro  Solinus  1,  17.  18  nur 
die  Burg  in  ihrem  Mauern mfange.  Diese  letztere  Bedeutung  haben  auch 
die  Worte  des  Dionysius  2,  65,  wonach  das  Vestaheiligtum  intog  viig  tit(f€c- 


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—    97     — 

Einmal  war  er  die  Bezeichnung  des  ganzen  von  Mauern  um- 
schlossenen Raums;  er  war  femer  nicht  minder  die  Bezeichnung 
des  Mondus^  der  sakralrechtlich  als  Mittelpunkt  jeder  Stadt  be- 
trachteten eigentümlichen  Erdöfihung,  auf  die  hernach  zurück- 
zukommen sein  wird.  Über  die  Roma  quadrata  als  Bezeichnung 
des  ganzen  von  Mauern  umschlossenen  Stadt-  oder  Burgraums 
hatte  Varro  gehandelt  und  Solinus  hat  uns  seine  Worte  erhalten, 
die  eine  genaue  Prüfung  verlangen.  Solinus  sagt^):  nam,  ut  ad- 
firmat  Varro  auctor  diligentissimus,  Romam  condidit  Romulus  — : 
dictaque  primum  est  Roma  quadrata  quod  ad  aequilibrium  foret 


70VOV  %aXoviiirrig  'Pafkrig  r^v  ^P(0(ivlog  irs^x^asv  sich  befand  und  auch  die 
von  Festus  a.  0.  mitgeteilten  Worte  des  Ennius  et  quis  est  erat  (Müller: 
qui  se  sperat)  Romae  regnare  quadrata  e  können  sich  nur  anf  die  ganze 
Barg  beziehen,  obgleich  sie  Festus  ffir  den  Mundus  verstanden  wissen  will. 
Plotarchus  Rom.  9  läfst  gleichfaUs  den  BomiJus  rfiv  nalovfiivriv  'PapLrjv 
novadgarriv  ontQ  iötl  tSTQayaivov  gründen:  die  eigentümliche  Darstellung, 
daOs  Bomulus  dieses  vor  der  Auspicieneinholung  tbut,  geht  uns  hier  nichts 
IUI.  Wenn  es  sodann  ib.  11  heilst,  dals  Romulus  amis  zriv  noUv,  so  kann 
man  diese  Worte  wenigstens  auf  eben  die  schon  erwähnte  Roma  quadrata 
beziehen.  Eine  Konfusion  ist  es  aber  jedenfalls,  wenn  nun  erst  der  Mun- 
dus und  zwar  auf  dem  Comitium  angelegt  wird,  was  allerdings  darauf  hin- 
raweisen  scheint,  dals  Plutarchus  dem  Romulus  hier  aufser  der  Gründung 
der  Roma  quadrata  auch  diejenige  der  spätem  Stadt  zuschreiben  will.  Es 
ist  möglich,  dafs  die  Worte  des  Tzetzes  ad  Lycophr.  1262  ngo  dl  rfig  ^e- 
ydXrig  tavxrig  ^Ptofirig  riv  intias  *P(opLvlog  negl  xriv  ^avozvlov  oUlav  h  ogd 
Ihdatüo  itBQa  teTQäytovog  ixt^&ri  *P(6fir}  nagoc  *P<6fiOv  xal  *P(OfivXov  naXaio- 
ti^v  tovvtaVf  die  er  —  jedenfalls  nur  im  Excerpt  —  dem  Dio  entlehnt,  auf 
dieselbe  Tradition  zurückgeht,  die  mau  in  den  eben  besprochenen  Worten 
Plutarchs  finden  kann.  Wahrscheinlicher  ist  mir  aber,  dafs  sie  überhaupt 
anders  verstanden  werden  müssen,  als  gewöhnlich  geschieht:  es  scheint  mir, 
dals  man  die  Worte  so  abteilen  mufs,  dafs  tcqo  trjg  fieydXrig  tavtrig  *P(6firig  rjv 
htics  'PcaiivXog  zusammen  gehören,  worauf  wieder  nsgl  t^v  ^avotvXov  oUCccv 
hf  OQH  TlaXatüo  irigcc  zstgayonvog  inzütd'ri  *P(6^7j  n,  *P.  h.  'P.  einen  neuen  zu- 
tammenhängenden  Satz  bilden.  Tzetzes  resp.  Dio  will  sagen,  dals  der  Gründung 
XT^g  (i^ydXrjg  xuvtrig  *P(6fi7ig  durch  Romulus  die  Gründung  der  zstgaycovog 
*P(afLTi  vorau^ing,  welche  letztere  er  dem  Romulus  und  Remus  zuschreibt. 
Er  sagt  also  —  durchaus  sachgemäTs  —  dafs  vor  der  Erbauung  desjenigen 
Rom,  wie  es  noch  zu  seiner  Zeit  vorhanden  war,  dio  Gründung  der  Roma 
quadrata  auf  dem  Palatinus  erfolgte.  Die  (isydXri  avtrj  'Poafirj  ist  also  die 
Borna,  wie  sie  zu  allen  Zeiten  des  Mittelalters  noch  fortbestand  und  welche 
Dio  —  des  Tzetzes  Vorlage  —  z.  B.  selbst  fr.  8  als  rj  xar'  rjfueg  noXig  be- 
zeicbnet.  Nur  darin  also  liegt  der  Irrtum  des  Tzetzes,  dals  er  die  Erbauung 
der  Gesamtstadt  gleichfalls  dem  Romulus,  diejenige  der  palatinischen  Stadt 
dem  Bomulus  und  Remus  zuschreibt:  diese  Eonfusion  gehört  allein  ihm. 
1)  1,  18. 

Gilbert,  üescb.  u.  Topogr.  Korns.  7 

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—    98     — 

posita.  ea  incipit  a  silya  quae  est  in  area  Apollinis  et  ad  super- 
cilium  scalarum  Caci  habet  terminum,  ubi  tugurium  fuit  Faustuli. 
Es  ist  klar,  deSs  Varro  hier  —  wie  ich  schon  angedeutet  habe  — 
den  ganzen  Mauerumfang  angeben  will:  denn  da  wir  den  einen 
der  hier  genannten  Endpunkte  als  die  äufserste  südwestliche  Ecke 
des  Mauervierecks  kennen,  so  ist  auf  keinen  Fall  an  die  Koma 
quadrata  als  Mundus  zu  denken,  dessen  Lage  an  einem  viel  weiter 
östlich  gelegenen  Punkte  feststeht;  es  kann  hier  nur  die  Roma 
quadrata  als  der  mauerumschlossene  Burgraum  überhaupt  ver- 
standen  werden.  Varro  bezeichnet  nun  als  den  andern  Endpunkt 
de«  Mauerumfangs  die  silya  quae  est  in  area  Apollinis.  Diese 
Grenzbestimmung  kann  nur  so  yerstanden  werden,  dafs  die  silva 
selbst  aufserhalb  des  Mauerrings  sich  befand:  der  Endpunkt  der 
Mauer  war  also  zugleich  der  Anfang  des  Waldes,  der  sich 
demnach  auf  der  Osthälfte  des  Berges,  jenseits  d.  h.  aufserhalb 
der  Burgmauer  befand.  Varro  will  ofiPenbar  die  Diagonale  yon 
der  südwestlichen  (ad  supercilium  scalarum)  zur  nordöstlichen 
Ecke  (silva  quae  est  in  area  Apollinis)  des  Mauervierecks  ziehen, 
um  so  die  maximale  Ausdehnung  des  Raums  —  nach  seinen 
beiden  entferntesten  Punkten  gemessen  —  zu  geben.  ^)  Es  folgt 
aber  aus  dieser  Angabe,  dafs  die  alte  Burgmauer  jedenfalls  nicht 
bis  zum  äufsersten  nordöstlichen  Rande  des  Berges  selbst  ging, 
eben  weil  wenigstens  noch  eine  silva  jenseits  der  Mauer  lag. 
Die  Mauer  selbst  aber  bildete  ein  Rechteck,  wie  der  Name  so- 
wohl, wie  die  ausdrückliche  Versicherung  des  Varro  erkennen 
lassen.*) 

Um  diese  Angabe  des  Varro  zu  verstehen,  mufs  man  in  Er- 
innerung behalten,  dafs,  als  Varro  schrieb,  die  grofsen  Verän- 
derungen auf  dem  Palatinus  schon  begonnen  hatten:  die  Nieder- 

1)  Jordan  bezeichnet  1,  1.  168  die  beiden  Endpunkte  des  Solinns  als 
den  nordwestlichen  und  den  südöstlichen  Endpnnkt  dos  ganzen  von  der 
Burgmaner  umschlossenen  Berges,  was  ich  nicht  verstehe.  Man  denkt  an 
ein  Verschreiben  für  nordöstlich  und  südwestlich:  aber  da  Jordan  die  silTa 
selbst  ausdrücklich  in  der  VUla  Mills  ansetzt,  so  kann  dieser  Punkt  doch 
wieder  nicht  mit  dem  nordöstlichen  Endpunkte  des  ganzen  Berges  zu- 
sammenfallen. 

2)  Auch  dieser  Umstand  spricht  entschieden  gegen  die  Annahme,  dafs 
die  Mauer  den  ganzen  Berg  umschlofs.  Denn  der  Berg  selbst  bildet  keines- 
wegs ein  Rechteck  —  vielmehr  ein  Trapez  —  und  würde  weder  der  Be- 
zeichnung Roma  quadrata  noch  der  weiteren  quod  ad  aequilibrium  foret 
posita  entsprechen. 


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-     99     - 

legQDg  eines  Häuserkomplexes  daselbst  zur  Herstellung"  der  area 
des  Apolltempels,  mit  dem  wieder  das  kaiserliche  Haus  sowie  der 
Vestatempel  zusammenhingt),  kann  die  alte  Ringmauer  der  Burg 
nicht  unberührt  gelassen  haben:  ja  man  kann  dieses  bestimmt 
nachweisen.  Denn  wenn  Varro  auf  die  durch  Augustus  frei- 
gelegte Area  des  Apollotempels  selbst  den  einen  Endpunkt  der 
Mauer  verlegt,  so  kann  man  doch  nicht  annehmen,  dafe  über 
die  area  selbst  oder  einen  Teil  derselben  die  alte  Mauer  noch 
hinüberlief.  Im  Gegenteil  dürfen  wir  aus  dieser  Angabe  den 
sichern  Schlufe  ziehen,  dafs,  wenn  nicht  früher,  so  jedenfalls  durch 
die  Bauten  des  Augustus,  an  diesem  Teile  ihres  Umfangs  die 
alte  Mauer  niedergelegt  war:  ja  ich  glaube,  dafs  gerade  die  durch 
Augustus  heryorgerufene  Umgestaltung  des  Palatin  für  Varro  der 
Änlafs  gewesen  ist,  den  alten  Umfang  der  Roma  quadrata  so 
genau  zu  bestimmen,  um  den  fortan  nicht  mehr  sichtbaren  Maner- 
zug  seinerseits  schriftlich  zu  fixieren.  Jedenfalls  aber  spricht 
diese  Angabe  des  Varro  bestimmt  gegen  die  Annahme,  dafs  die 
alte  Mauer  den  ganzen  Berg  umschlossen  habe. 

Andererseits  weist  nun  aber  die  Lage  des  Mundus  mit  Ent- 
schiedenheit auf  ein  grofseres  zu  ihm  gehöriges  Gebiet,  als  die 
Westhalfte  des  Berges  aUein  umfaXst*  Wir  lesen  nämlich  bei 
Festas^)  folgendes  über  denselben:  Quadrata  Roma  in  Palatio 
ante  templum  Apollinis  dicitur,  ubi  reposita  sunt  quae  solent  boni 
ominis  gratia  in  urbe  condenda  adhiberi  quia  saxo  munitus  est 
initio  in  speciem  quadratam.  Die  nähere  Charakterisierung  dieses 
Baumes,  wie  sie  sich  hier  findet,  stimmt  mit  dem,  was  wir  über 
den  Mundus  im  allgemeinen  erfahren^),  zu  genau  überein,  um 


1)  Ober  des  Augustus  Bauten  vgl  Kap.  10.  Dia  area,  von  Joseph. 
Ani  lud.  19,  3,  2  Bv(fvx<0(^^  tov  IlaXcctlov  genannt,  umfaßte  nicht  nur  den 
Apolltempel,  sondern  auch  das  Haus  des  Augustus,  s^wie  den  Vestatempel, 
wie  ans  Ovid.  F.  4,  951  f.  deutlich  hervorgeht.  An  den  Beiirk  der  Villa 
^Us  verlegt  Lanciani  Gnida  37  f.  die  Area,  womit  Jordan  a.  O^Jiberein- 
stimmt.  Es  war  also  auf  der  Ostseite  dea  Berges,  durch  Ai:tgU8tus  eine 
groüse  Fläche  geebnet  und  freigelegt,  die  er  für  die  hi^Ti  zu  errichtenden 
neuen  Bauten  und  Anlagen  bestimpat  hatte. 

2)  Pag.  268. 

3)  Ober  den  Mundus  vgl.  noch  auTser  Fest,  a«  O.  pag.  157.  Ovid.  Fast. 
4,  821  ff.  Plut.  Bomul.  11 :  der  letztere  setzt  irrtümlich  den  ältesten  Mundus 
schon  auf  das  Comitium,  v^as  nur  für  die  servianische  Boma  gelten  kann: 
▼gl  hierüber  später.  Im  allg.  Müller- Deecke  Etrusker  2,  38  ff.  147  ff.  Auf 
den  Mundus  der  area  Apollinis  deutet  auch  Joseph.  Ant.  Ind.  19,  3,  2  mit 

7* 


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—     100    — 

noch  einen  Augenblick  zu  zweifeln,  dafs  die  Yon  Festus  genannte 
quadrata  Roma  wirklich  der  Mundus  der  Stadt,  d.  h.  der  alten 
palatiniscben  Stadt  war,  der  sich  demnach  ante  templum  ApoUi- 
nis  befand.  Nun  haben  wir  aber  aus  Varros  Angaben  den  Apollo- 
tempel mit  seiner  Area  als  die  äufserste  Grenze  des  Mauervier- 
ecks im  0.  und  NO.  kennen  gelernt;  und  es  folgt  daraus,  dafs 
der  Mundus,  der  selbst  hier  ante  templum  ApoUinis  angesetzt 
wird,  keineswegs  in  der  Mitte,  sondern  höchstens  am  äufsersten 
Ende,  wenn  nicht  gar  aufserhalb  ^)  des  mauerumschlossenen  Raums 
sich  befand,  wenn  sich  dieser  eben  nur  auf  die  Westhälfte  des 
Berges  beschränkte. 

Da  nun  aber  als  erstes  Erfordernis  eines  Mundus  von  der 
Auguralweisheit  seine  Lage  in  der  Mitte*)  desjenigen  Gebiets 
bezeichnet  wird,  für  welches  er  bestimmt  war,  und  kein  Grund 
Yorhanden  ist  für  die  Annahme,  jener  Grundsatz  sei  hier  nicht 
angewandt:  so  ist  der  Schlufs  unab weislich,  dafs  das  zu  dem 
Mundus  der  palatiniscben  Stadt  hinzugehörige  Gebiet  sich  nicht 
auf  die  Westseite  des  Palatinus  beschränkt  haben  kann,  sondern 
dafs  dasselbe  einen  bedeutend  gröi^eren  Umfang  gehabt  haben 
mufs.  Der  Mundus  bezeichnet  demnach  den  Mittelpunkt  des 
Stadtgebiets:  die  Mauern  dagegen  umschliefsen  nur  die  Burg 


den  Worten  nq&xov  8\  oUrj^^rivai  xrjg  *P(Oftaüov  noXsmg  tovto  nuQaSCdcoaiv 
h  nsQl  avt^g  X6yo$:  er  spricht  nämlich  von  der  6vqv%(oqia  xov  nahxtCov. 
Schon  hierdurch  widerlegt  sich  die  Annahme  Jordans  a.  0.,  des  Festns 
Angabe  über  den  Mundus  beruhe  auf  einem  Müfiyerständnisse:  Jordan  will 
mit  Roma  quadrata  nur  den  Berg  d.  i.  Mauerumfang  und  die  Grenze  des 
Pomerium  bezeichnen  lassen,  während  er  den  Ausdruck  för  den  Mundus 
selbst  nicht  gelten  lälst. 

1)  Dieses  letztere  nehme  ich  aber  nicht  an,  sondern  verlege  den 
Mundus  zwar  innerhalb  des  Mauerrings,  aber  unweit  der  Ostmauer  selbst: 
die  Bauten  des  Augustus  haben  wohl  die  Mauern,  aber  nicht  den  Mundus 
anzutasten  gewagt,  der  demnach  auch  fernerhin  an  seiner  ursprünglichen 
Stelle  blieb  und  nun  auf  die  Area  Apollinis  zu  liegen  kam.  In  den  Resten 
des  capitolinischen  Stadtplans  ist  uns  der  Mundus  erhalten:  denn  das  von 
Jordan  Forma  urbis  Romae  auf  Tab.  I  unter  1.  wiedergegebene ,  durch 
(A)rea  Apo(Ilinis)  näher  gekennzeichnete  kleine  Quadrat,  zu  dem  Stufen 
von  zwei  Seiten  hinaufführen,  stimmt  so  genau  mit  dem,  was  wir  von  der 
Roma  quadrata  als  Mundus  wissen,  überein,  dafs  die  Annahme  Beckers 
1,  107  und  Lancianis  Guida  28,  derselbe  sei  hier  abgebildet,  als  richtig  be- 
trachtet werden  darf. 

2)  Vgl.  Plut.  Rom.  10  Tov  'Pco/ütJXov  xatpqov  OQVXXOvxog  §  x6  xeCxog 
^fieXXs  nvTilovad'ai, 


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—     101     - 

dieses  Stadtgebiets,  welche  als  solche  einen  integrierenden  Be- 
standteil des  letzteren  gebildet  hat.  Diese  Erkenntnis,  dafs  der 
Muodus  auf  einen  gröfseren  Umkreis  des  zu  ihm  gehörigen  Ge- 
biets weist,  als  ihn  die  palatinischen  Mauern  umschliefsen,  wird 
nnn  auch  durch  die  bekannte  von  Tacitus  näher  angegebene  Linie 
des  Pomerium^)  bestätigt,  auf  die  wir  hernach  näher  eingehen 
werden.  Wir  ersehen  aus  ihr  mit  vollkommener  Sicherheit,  dafs 
die  palatinische  Stadt  weit  über  denjenigen  Umfang  hinausging, 
den  die  Mauerlinie  umschlofs.  Denn  diese  Grenzlinie,  wie  sie 
Tacitus  beschreibt,  beschränkt  sich  überhaupt  nicht  auf  den  pala- 
tinischen Berg,  sondern  umspannt  ihn  in  weitem  Bogen  in  der 
Tiefe.  Der  Umkreis  desjenigen  Gebiets,  welches  als  städtisches 
oder  wenigstens  als  einheitliches  und  zusammengehöriges  durch 
die  von  Tacitus  beschriebene  Linie,  sowie  nicht  minder  durch 
den  Mundus  in  der  Mitte  gekennzeichnet  wird,  fiel  also  auf  alle 
Fälle,  selbst  wenn  wir  die  Mauer  den  ganzen  palatinischen  Berg 
umschliefsen  lassen,  auf  serhalb  der  Mauer:  und  aus  dem  Grunde 
halte  ich  die  Ehitscheidung  der  Frage,  ob  nur  ein  Teil  des  pala- 
tinischen Bergs  von  Mauern  umgeben  war,  oder  ob  der  ganze 
Berg  einen  Mauerring  bildete,  für  prinzipiell  verhältnismäfsig  un- 
uDwichtig:  die  Frage  nach  dem  ältesten  Stadtumfange,  nach  der 
Bedeutung  des  Pomerium  und  weiteres  damit  Zusammenhängen- 
des ist  völlig  unabhängig  von  der  Ausdehnung  oder  Einschrän- 
kung des   Mauerringes  über  den  halben  oder  den   ganzen  Berg. 

Es  ergiebt  sich  also  aus  Vorstehendem  von  selbst,  wie  wir 
das  Verhältnis  dieser  verschiedenen  Gebiete  und  Bezirke  zu  ein- 
ander aufzufassen  haben:  der  mauerumschlossene  Raum  ist  die 
Borg,  der  Gesamtraum  dagegen  einschliefslich  dieser  Burg  ist 
das  Stadtgebiet;  der  Burgraum  ist  ein  integrierender  Bestandteil 
eben  dieses  letzteren,  für  welches  der  Mundus  den  sakralen  Mittel- 
punkt bildet 

Die  palatinische  Stadt  weist  also  mit  Notwendigkeit  darauf 
Wn,  dafs  der  Bund  der  beiden  Westgemeinden,  wie  wir  ihn  im 
vorhergehenden  Kapitel  kennen  gelernt  haben,  sich  schon  auf 
die  Osthälfte  des  Berges,  die  Gemeinde  der  Velia^,  ausgedehnt 
hatte,  als  die  Stadt  selbst   gegründet  wurde.     Der  Stadtumfang, 


1)  Ann.  12,  24, 

2)  DaCs  die  Velia  mit  der  Osth&lfte  des  Berges  zusammenfällt,  wird 
gleich  nachgewiesen  werden. 

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—     102    — 

wie  ihn  der  Mundus  ante  templum  Apollinis,  das  Pomerium  in 
der  Tiefe  des  Berges  kennen  lehrt,  ist  demnach  nur  aus  einem 
Zusammenschluüs  aller  drei  Einzelmontes  oder  Gemeinden  des 
palatinischen  Bergs,  wie  wir  dieselben  aus  dem  Septimontium 
kennen  gelernt  haben,  erklärlich:  es  fragt  sich,  ob  wir  für  diesen 
von  selbst  sich  ergebenden  Schlufs  auch  Beweise  im  einzelnen  haben. 

Wir  haben  in  der  That  solche.  Denn  auch  für  diese  Bnt- 
wicklungsphase  der  römischen  Stadt-  und  Staatsbiidung  bietet 
das  Sakralrecht  sehr  bedeutsame  Bestätigungen,  deren  hauptsäch- 
liche wir  hier  kurz  betrachten  wollen. 

Es  kommt  hier  namentlich  eine  merkwürdige  Nachricht  des 
Festus  in  Betracht.  Festus  berichtet  nämlich  ^))  dafe  es  einst  ein 
altes  Kurienlokal,  Veteres  Curiae,  gab  —  nach  Festus'  Darstellung 
der  yereinigende  Mittelpunkt  sämtlicher  30  Curiae  der  spätem 
Gesamtstadt  — ,  welches  als  nicht  geräumig  genug  sich  heraus 
stellte,  weshalb  man  ein  neues,  Novae  Curiae,  baute.  Als  man 
aber  die  Sacra  der  Einzelkurien  aus  dem  alten  Lokale  evozieren 
wollte,  weigerten  sich  sieben^  Kurien  —  von  denen  aber  nur 
vier  mit  Namen  genannt  werden  —  dem  Folge  zu  geben  und 
zwar  aus  religiösen  Bedenken:  itaque,  so  schliefst  Festus  den 
Artikel,  Foriensis  Raptae  Veliensis  Velitiae  res  divinae  fiunt  in 
veteribus  curiis.  Es  erhoben  also  von  den  dreifsig  Kurien,  in 
die  das  römische  Stadt-  oder  Staatsgebiet  später  zerfiel,  nur  sieben 
oder  gar  nur  vier*)  gegen  die  Verlegung  ihrer  Sacra  religiöse 
Bedenken  und  diese  letzteren  wurden  offenbar  als  gewichtig  genug 
angesehen,  um  ihnen  Folge  zu  geben.  Diese  vier  durch  ihre 
sakrale  Exklusivstellung  als  innerlich  zusammengehörig  charakteri- 
sierten Kurien  hiefsen  Foriensis,  Rapta,  Veliensis,  Velitia:  wir 
haben  in  ihnen  —  sei  es  allein,  sei  es  mit  noch  drei  anderen 
nicht  genannten  zusammen  —  eine  Vereinigung  zu  erkennen,  die 


1)  P.  174  8.  v.  Novae  curiae.  Ich  mule  die  wichtige  Stelle  in  ihrem 
ganzen  Umfange  hier  ansschreiben :  Novae  curiae  proximae  compitnm  Fa- 
bricinm  aedificatae  sunt,  quod  param  amplae  erant  veteres  a  Romnlo  factae 
übe  is  populnm  et  sacra  in  partis  triginta  distribuerat,  ut  in  iis  ea  sacra 
cnrarent,  qoae  cum  ex  veteribus  in  novas  evocarentur,  Septem  curiamm 
per  religiones  evocari  non  potuerunt.  itaque  Foriensis,  Raptae,  Veliensis 
(1.  Veliensis),  Velitiae  res  divinae  fiant  in  veteribus  curis. 

2)  Auf  die  Zahl  komme  ich  zurück. 

3)  Je  nachdem  wir  an  der  Zahl  septem,  oder  an  den  vier  einzeln  auf- 
geführten Namen  festhalten  wollen:  vgl.  hernach. 


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—     103     - 

wirklich  einmal  eine  ganz  besondere  Beziehung  gehabt  haben 
m(i&.  Sehen  wir  Yon  der  Rapta  ab,  deren  eigentümlicher  Name 
allein  schon  genügt,  ihr  eine  Sonderstellung  anzuweisen  —  ich 
komme  auf  sie  zurück  — ,  so  sind  die  drei  übrig  bleibeuden 
Kariennamen  mit  Sicherheit  aus  bekannten  Lokalen  der  Stadt  zu 
erklären  und  weisen  in  ihrer  Verbindung  auf  einen  Zusammen- 
hang mit  dem  Umfang  des  Gesamtpalatins,  der  drei  Sonderhöhen 
des  Cermalus,  des  Palatium  und  der  Velia  hin.  Denn  der  Name 
der  curia  Veliensis  kann  nur  von  der  Velia,  derjenige  der  curia 
Foriensis  nur  vom  Forum  entlehnt  sein,  während  der  Name  der 
earia  Velitia  am  einfachsten  und  natürlichsten  mit  dem  Velabrum 
zusammengebracht  wird.  ^)  Als  dasjenige  Forum  aber,  welches 
hier  durch  den  Kuriennamen  bezeugt  ist,  können  wir  nur  das 
Forum  boarium  annehmen,  weil  dasselbe  nicht  nur  das  älteste 
und  ursprünglich  einzige  der  Stadt,  sondern  auch  dasjenige  ist, 
welches  für  die  palatinische  Stadt  überhaupt  allein  in  Betracht 
kommen  kann.  Man  muis  bedenken,  dals  man  es  bei  diesen 
Euriennamen  mit  sehr  alten,  den  nachweisbar  ältesten  Stadtteilen 
za  thun  hat:  der  Name  des  Forum,  welches  einst  allein  diese 
Bezeichnung  geführt  hatte,  konnte,  nachdem  er  einmal  in  ältester 
Zeit  in  das  Sakralrecht  aufgenommen  und  damit  zu  einem  solennen 
Kultausdruck  geworden  war,  auch  dann  nicht  mehr  geändert 
werden,  als  die  fortschreitende  Stadtentwicklung  einen  anderen 
Platz  zum  Hauptforum  der  Stadt  gemacht  hatte  und  diesen  des- 
halb in  erster  Linie  als  das  Forum  schlechthin  bezeichnete.^) 

Die  drei  vom  Sakralrecht  ausdrücklich  als  zusammengehörig 
anerkannten  Kurien  stellen  sich  somit  von  selbst  in  Parallele 
mit  den  drei  Montes  des  Septimontium:  dem  Palatium  entspricht 
die  Foriensis,  dem  Cermalus  die  Vehtia,  der  Velia  die  Veliensis, 
nur  dafs  eben  in  den  Curiae  die  Niederungen,  die  eigentlichen 
Wohndistrikte,  in  den  Montes  dagegen  die  schirmenden  Höhen 
und  Eultmittelpunkte  zum  Ausdruck  kommen,  welche,  wie  wir 


1)  Auch  Nissen  Tempi.  84  verbindet  das  Velabrum  mit  den  Velites; 
die  Endang  -brum  ist  jedenfalls  nur  eine  Ableitongssilbef  mag  man  sie  nun 
nut  Corsaen  Krit.  ßeitr.  351  ff.  auf  den  Ort,  oder  mit  Jordan  1,  1.  196  auf 
(las  Instrument  beziehen  und  danach  den  Namen  Velabrum  als  einen  mittel- 
bar oder  unmittelbar  auf  das  Lokal  bezogenen  erklären'. 

2)  Genau  gesprochen  heifst  es  immer  Forum  boarium  und  Forum  Ro- 
mannm:  der  Ausdruck  Foriensis  kann  sich  daher  ebenso  gut  auf  das  eine, 
wie  anf  das  andere  beziehen. 


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—     104     — 

gesehen  haben,  an  einander  grenzend  und  in  einander  übergehend 
in  engster  einheitlicher  Beziehung  zu  einander  gestanden  haben. 
Auf  den  Umstand,  dafs  die  dem  Palatium  entsprechende  Curia 
von  dem  Forum  und  nicht  von  der  Vallis  Murcia  ihren  N^men 
erhalten  hat,  werden  wir  zurückkommen:  im  Übrigen  haben  wir, 
wie  gesagt,  die  natürliche  Verbindung  und  innere  Beziehung  der 
Niederungen  südlich  und  westlich  vom  Palatinus  zu  den  sie  über- 
ragenden Höhen  oben  kennen  gelernt,  sodafs  es  uns  nicht  schwer 
wird,  in  den  Curiae  Foriensis  und  Velitia  die  Gemeinden  der 
Montes  Palatium  und  Cermalus  wieder  zu  erkennen.  Noch  deut- 
licher tritt  dieses  bei  der  dritten  Gemeinde  hervor,  wo  Mons  und 
Curia  identische  Namen  führen.  Gehen  wir  daher  jetzt  auf  die 
Velia  selbst  etwas  näher  ein,  deren  Lage  und  Umfang  unter  den 
Topographen  keineswegs  feststeht. 

Ich  habe  schon  oben  bemerkt,  dafs  Rosa  in  der  Osthälfte 
des  paiatinischen  Berges  die  Yelia  erkannt  hat  und'  dafs  ich  diese 
Annahme  auch  zu  der  meinen  mache.*)  Die  gewohnliche  An- 
sicht^) geht  dahin,  als  Velia  die  geringe  Bodeuausch wellung  zu 
fassen,  welche  sich  vom  Palatin  über  den  Titusbogen  nach  der 
Basilica  Constantini  und  dem  Tempel  der  Venus  und  Roma  hin- 
zieht und  sich  demnach,  die  Ostseite  des  Forum  begrenzend,  ge- 
rade nach  der  Subura  wendet,  um  deren  Umfang  nach  S.  zu 
zu  beengen.  Physisch  ist  diese  Bodenanschwellung  nichts  weiter, 
als  ein  Ausläufer  der  Höhe  von  S.  Bonaventura,  also  der  Velia, 
wie  sie  Rosa  fafst;  und  als  einen  solchen  Anhängsel  der  weiter 
südwärts  liegenden  Haupthöhe  stellt  sie  denn  Henzen  auch  mit 
Recht  dar.^)  Man  nimmt  nun  freilich  gewöhnlich  an,  dafs  jene 
Bodenanscbwellung  im  Altertum  bedeutender  gewesen  sei:  denn 
da  die  Alten  wiederholt  von  der  dominierenden  Position  der 
Velia  reden*),  so  mufs  ein  solcher  Ausdruck  mit  Notwendigkeit 
dazu  drängen,  die  Identität  dieses  Hügels  —  wie  sich  derselbe 
in  gelinder  Schwellung  vom  Titusbogen  zur  Kirche  SS.  Cosma 
e  Damiano  zieht  —  mit  jener  Velia,  als  der  imponierenden  und 
drohenden  Höhe,  abzuweisen.    Aber  ich  wüfste  nicht,  was  irgend 

1)  Vgl.  Henzen  Bull,  dell'  Inst.  1S62,  231.  Auch  Jordan  scheint  sich 
der  Rosaachen  Ansicht  anzuschliefsen ,  indem  er  2,  266  die  Velia  als  die 
Höhe  erklärt,  auf  welcher  S.  Bonaventura  und  der  Titusbogen  stehen. 

2)  Besonders  lebhaft  von  Becker  246  ff.  vertreten. 

3)  A.  0. 

4)  Vgl.  hernach. 


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—    105    — 

wie  far  die  Annahme  angeführt  werden  könnte,  jene  Bodenan- 
schwellung sei  im  Altertum  bedeutender  gewesen.  Sowohl  auf 
der  Hohe  des  Titusbogens,  wie  an  der  Stelle,  wo  heute  die  Kirche 
SS.  Cosma  e  Damiano  —  der  alte  Penatentempel,  wie  wir  sehen 
werden  —  steht,  können  wir  doch  mit  Sicherheit  die  Höhe  des 
alten  Niveaus  kontrollieren  und  haben  danach  weit  eher  ein 
Recht,  dieselbe  als  im  Altertum  noch  weniger  imponierend  zu 
beKeichnen,  als  sie  heute  ist.  und  wenn  Becker  für  seine  Be- 
stimmung der  Velia  ganz  besonders  noch  die  Worte  des  Diony- 
sias^)  betont,  mit  denen  dieser  die  Lage  des  Penatentempels 
beschreibt,  so  sei  doch  dem  gegenüber  darauf  hingewiesen,  dafs 
der  Ausdruck  vii  OvsXvaig  —  dem  auch  sonst  gebräuchlichen 
sab  Veliis  entsprechend  —  unter  allen  Umständen  schlecht  für 
einen  erhöhten  Raum  passen  würde. 

£s  ist  nun  unverkennbar,  dafs  in  Bezug  auf  die  Velia  ein 
merkwürdiges  Schwanken  in  den  Angaben  zu  Tage  tritt.  Schon 
der  Name  steht  nicht  fest:  Varro*)  sagt  konsequent  Veliae,  womit 
auch  Asconius^)  und  Dionysius*)  übereinstimmen,  während  es 
sonst  Velia •'^)  heifsi  Dieselbe  Gegend,  die  Dionysius  sub  Voliis 
nennt,  heilst  anderswo  in  Velia^);  die  einen  sprechen  offenbar 
Yon  einer  Veliensischen  Niederung,  die  andern  von  einer  Velien- 
sischen  Höhe.')  Worin  haben  wir  die  Erklärung  für  diese  Wider- 
sprüche zu  finden? 

1)  DioD.  1,  68.  Die  Handschriften  haben  vnsXaCaig  und  man  hat  diesen 
Aoadruck  wohl  auf  einen  sonst  nicht  bekannten  Bezirk  „unter  den  Oliven** 
bezogen  (so  Ambrosch  Studd.  128).  Da  nun  aber  der  hier  vneXocUxtg  liegend 
bezeichnete  Penatentempel  nach  andern  Angaben  (so  Angustns  im  Monum. 
Ancyr.)  in  Velia  lag,  so  scheint  allerdings  die  Beziehung  jene«  Ausdrucks 
reap.  die  Emendation  des  überHeferten  Worts  unabweislich.  Ob  vn*  Ove- 
^•^  oder  V7c'  'EUaig  zu  schreiben  sei,  mag  dahin  gestellt  bleiben:  die 
Aoalogie  scheint  fflr  'Elüxig  zu  sprechen,  da  Dionys.  auch  5,  19  'EUav 
^,  48  'Eliag  (mit  Varianten)  sagt,  wogegen  nicht  das  OviUa  1,  20  spricht. 

2)  De  1.  1.  5,  64  (zweimal);  bei  Nonius  12,  p.  620  (Quicherat). 

3)  In  Pison.  62. 

4)  A.  0.  1,  68. 

6)  So  das  MoDum.  Ancyr.  und  sonst;  jedenfalls  ist  dieses  die  ältest 
beglaubigte  Form,  da  die  Argeerurkunde  sie  hat:  Varro  1.  1.  6,  64. 

6)  Der  von  Dion.  a.  0.  vn  OvsXütig  oder  vn'  'EXiatg  fixierte  Penaten- 
tempel heilst,  wie  schon. bemerkt,  bei  Augustus  in  Velia. 

7)  Von  einer  Niederung  müssen  die  Ausdrücke  vn*  OvsXü)ng  bei  Dion. 
—  womit  wieder  in  Velia  identisch  ist  — ,  sub  Velia  bei  Asconius  a.  0. 
^  a.  Terstanden  werden,  während  die  sogleich  zu  erwähnenden  Berichte 


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-      106     — 

Die  Velia  als  eine  nicht  unbedeutende  üöhe  zu  fassen  sind 
wir  zunächst  durch  die  Angaben  über  das  Haus  des  Yalerius 
Poplicola  gezwungen.*)  Übereinstimmend  berichten  Livius,  Dio- 
nysius,  Plutarchus,  Cicero  von  diesem  Hause  und  man  ersieht 
aus  ihren  Worten*),  dafs  des  Valerius  Errichtung  eines  Hauses 
au  einem  hohen  bedrohlichen  Punkte  wie  eine  allgemein  bekannte 
Thatsache  betrachtet  wurde;  und  dafs  ferner  die  Lage  dieses 
Hauses  nach  allgemein  feststehender  Anschauung  eine  solche  war, 
dafs  sie  ohne  weiteres  den  Argwohn  des  Volkes,  Valerius  wolle 
sich  die  Königsherrschaft  aneignen,  erregte.  Ein  solcher  Arg- 
wohn wäre  überhaupt  nicht  denkbar  gewesen,  wenn  Valerius 
gerade  mit  Vermeidung  aller  wirklich  bedeutenderen  Höhen  für 
sein  Haus  eine  Stelle  gewählt  hätte,  die  in  keiner  Weise  über 
die  Durchschnittshöhe  jedes  andern  Hauses  hinausgegangen  wäre. 
Denn  es  ist  doch  klar,  dafs  jede  Stelle  irgend  eines  der  Montes 
oder  CoUes  bedeutend  höher  imd  imponirender  gewesen  wäre, 
als  die  Stelle  an  der  Valerius  sein  Haus  errichtete,  wenn  wir 
eben  der  gewöhnlichen  Annahme  von  der  Lage  der  Velia  uns 
anschliefsen  wollten. 

Werden  wir  schon  hierdurch  auf  die  Osthälfte  des  palatini- 
sehen  Bergs  als  die  eigentliche  Velia  hingewiesen,  so  kommt  noch 
bestätigend  hinzu,  dafs  eine  andere  Version  derselben  Sage  von 
dem  Hause  des  Valerius  dasselbe  ganz  konsequent  auf  den  pala- 
tinischen  Berg   verlegt^),  was  ja  durchaus  stimmt,   da   in   dem 

vom  Hause  dea  Valerius  offenbar  von  der  Velia  als  einer  bedeutenden  Höhe 
sprechen. 

1)  Ober  das  Haas  des  Valerius  vgl.  im  Allgemeinen  Mommseo  im 
C.  I.  L.  I,  S.  286.  Jordan  1,  1.  190.  Anm.  64.  Becker  249  ff. 

2)  Ich  muss  zur  besseren  Eontrolle  die  Worte  selbst  hier  aufführen: 
Liv.  2,  7  in  summa  Velia;  ibi  alto  atque  munito  loco  arcem  inexpugna- 
bilem  fore  (fama  ferebat);  Dion.  6,  19  kv  inup^ovca  xona»  xatstmevacato 
X6(pov  vnsQusifiBvov  dyoQccg  vilnjXbv  inistKÄg  xal  neffitofiop  ov  %oclovai  Ovc- 
liav^  inXe^diievog;  Plut.  Poplic.  10  oUlav  ini%(}Sftafi>ivriv  rj  ayo^a  nccl 
na^ogaaav  ii  vrpovg  anavtciy  SvanqoaoSov  S%  nsXccaai  %ai  ;|^aAe9r^v  iimd'sp^ 
Cic.  de  rep.  2,  31  in  excelsiore  loco  Veliae;  Val.  Max.  4,  1,  1  aedes  excel- 
siore  loco  positae  instar  arcis. 

3)  Mir  ist  es  ganz  zweifellos,  dafs  die  Sage  von  dem  Hause  des  M. 
Valerius  (des  Bruders  des  Poplicola)  identisch  ist  mit  deijenigen  vom  Hause 
des  Poplicola.  Da  dieselbe  zuerst  von  Valerius  Antias  berichtet  wird  (vgl. 
Ascon.  Pison.  52),  so  ergiebt  sich  der  Schluüs  von  selbst,  dafs  dieser  grosse 
Fälscher,  der  zu  Ehren  seiner  Gens  die  ganze  römische  Geschichte  entstellt 
hat,  auch  hier  die  alte  Tradition  umgemodelt  hat.    Borichtete  diese  ein- 


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—     107     — 

Namen  des  palatinischen  Bergs  die  einstige  Sonderhöhe  Velia 
später  ganz  aufgegangen  war.  Geht  also  die  gesamte  Über- 
lieferung von  der  Thatsache  als  einer  unzweifelhaften  und  all- 
gemein anerkannten  aus,  dafs  Valerius  sein  Haus  in  einer  im- 
ponirenden  Position  errichtete;  und  verbindet  sie  ebenso  konsequent 
mit  derselben  den  Namen  Velia  resp.  Palatinus,  so  weist  uns  das 
mit  Sicherheit  auf  die  Osthälfte  des  palatinischen  Bergs:  diese 
hat  einst  —  wie  die  Namen  Cermalus  und  Palatium  an  der 
Westhälfte  desselben  haften  —  den  Namen  Velia  getragen. 

Damit  sind  freilich  die  Widersprüche,  die  sich  an  den  Namen 
Velia  knQpfen,  noch  nicht  gelöst:  und  doch  scheint  mir  diese 
Losung  sehr  nahe  zu  liegen.  Man  vergisst  nämlich,  dafs  wir 
auf  dem  Gebiete  der  Stadt  Rom  nicht  nur  einen  Mons  VeKa  — 
aus  dem  Septimontium  —  sondern  auch  eine  Curia  Veliensis, 
einen  Stadtdistrikt  Velia  kennen.    Der  Zusammenhang  beider  soll 

stunmig  von  dem  Argwohn,  der  sich  an  das  imponierende  Haas  des  Vale- 
rios  Poplicola  geknüpft  hatte;  so  verwandelte  Antias  diesen  Argwohn  in 
eine  freiwillig  vom  Volke  übertragene  Ehre,  nur  dafs  er  dieselbe  nicht  auf  . 
Poplicola  selbst  za  beziehen  gewagt  hat,  sondern  dessen  Bruder  zuwies.  Die 
Angaben  über  diesen  lauten  Ascon.  a.  0.:  nam  [M.]  Valerio  Maxime  inter 
alios  honores  domus  quoque  publica  aedificata  est  in  Palatio;  Varro  (ib.): 
M.  Valerio  quia  Sabines  vicerat  aedes  in  Palatio  tributas;  Plut.  Popl.  20 
jiQag  icxBv  (M.  Valerius)  inl  roig  ^Qucykßoig^  oUictv  «vre»  ysvia&ai  Svjfio- 
«&K  apaldfiaaiv  iv  UaXatüp;  Dion.  5,  39  das  Volk  beschliefst  OvaXsffüp 
(M.)  doQfav  Tonov  tlg  otttriaiv  iv  tm  %ifat{ax(p  tov  IlaXaxlov  Öod^vai  x«l 
m;  (ig  tqv  nataanivr^v  dandvag  ^x  tov  drjftoaiov  xoQrjy^^^ti^'  Alle  diese 
Angaben  gehen  auf  Antias  zurück.  Plin.  36,  112  legt  —  wahrscheinlich 
in  Vereinigung  der  widersprechenden  Angaben  —  die  Ehren  beiden  Brü- 
dern bei.  Es  ist  nicht  richtig  für  jene  Zeit  schon  anzunehmen,  dafs  jeder 
Brnder  sein  eigenes  Haus  besafs:  die  Familie  wohnte  noch  zusammen.  Das 
hebt  übrigens  die  Sage  selbst  wieder  insofern  hervor,  als  sie  das  gentilicische 
Erbbegiilbnis  der  Valerii  in  der  Velia,  also  neben  dem  Hause  des  resp. 
<ler  Valerii  selbst  angiebt:  vgl.  Plut.  Popl.  23  hatpfj  (Poplicola)  —  htog 
««fog  %ai>a  xrjv  naloviiivTjv  OvbXüxVj  &atB  xal  yivBi  navtl  trjg  tacpfjg  f4«r- 
«övt.  ungenau  Q.  R.  79.  Dion.  6,  48:  ^  ßovXri  —  x^Q^ov  iv&a  inav^rj 
mI  ixutpri  —  i^  '^  noXsi  cvvByyvg  tijg  dyogäg  dnsSsi^fv  vn  OvhXlag'  xal 
i9xif  aaxtQ  tsqov  xovxo  xotg  i%  inehov  xov  yivovg  ivd'dnttcd'ai.  dvsifisvov. 
-  Cic.  de  leg.  2,  23.  58.  Da  in  Ältester  Zeit  vor  der  Decemviralgesetz- 
gebuDg  Haus  und  Grabstelle  verbunden  war  (Serv.  Aen.  5,  64  ubi  quis 
foiMet  exstinctus  ad  domum  suam  referebatur;  6,  162  apud  maiores  omnes 
m  rais  domibus  sepeliebantur),  so  ersehen  wir  ans  jenen  Angaben,  dafs  das 
Hana  der  Valerii  eben  eines  war  und  in  der  Velia  sich  befand:  die  ver- 
scbiedenen  Angaben  von  dem  Hause  des  Poplicola  und  seines  Bruders  Mar- 
cus beziehen  sich  also  in  Wirklichkeit  auf  ein  und  dasselbe. 


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—     108     - 

nicht  geleugnet  werden:  keineswegs  aber  fallen  beide  zusammen. 
Wie  die  einst  selbständigen  Montes  Cermalus  und  Palatium  als 
Stadtdistrikte  in  die  Tiefe  hinabgerückt  sind,  so  haben  wir  auch 
von  der  Yelia  anzunehmen,  dafs  sie  als  Mons  eine  Höhe  ist,  als 
Curia  dagegen  hauptsächlich  in  der  Ebene  zu  suchen  ist.  Dazu 
kommt,  dals  der  Name  Velia  als  Bezeichnung  des  Mons  nach- 
weislich allmählich  ganz  abgekommen  ist,  eben  weil  der  Name 
Palatium  oder  Palatinus  auf  den  ganzen  Berg  sich  ausdehnte 
und  damit  den  Namen  der  Einzelhöhe  allmählich  unterdrückte. 
So  hat  sich  der  Name  naturgemäfs  mehr  und  mehr  auf  die  tiefer 
liegenden  Teile  eingeschränkt,  sodafs  wir  uns  nicht  wundern 
dürfen,  wenn  die  späten  Angaben  teils  ein  Schwanken  in  der 
Auffassung  der  Velia  zeigen,  teils  nur  die  Tiefe  berücksichtigen. 
In  Bezug  auf  die  doppelte  Eigenschaft  der  Velia  als  Höhe  und 
Tiefe  hat  sich,  wie  ich  annehmen  zu  dürfen  glaube,  die  Namens- 
form Veliae  gebildet,  welche  neben  der  älteren  Form  Velia  her- 
geht. Anderseits  erklären  sich  wieder  durch  das  Verschieben 
des  Namens  und  der  durch  denselben  bezeichneten  Ortlichkeit 
die  Widersprüche  in  den  Angaben  über  den  Bau  des  Hauses  der 
Valerier^),  dessen  Verlegung  von  der  Höhe  der  Velia  in  die  Tiefe, 
d.  h.  also  vom  Mons  Velia  in  die  Curia  Veliensis,  als  sicher  an- 
zusehen ist;  und  endlich  auch  so  am  einfachsten  das  Schwanken 
der  Ausdrücke  in  Velia  und  sub  Velia  (resp.  sub  Veliis).  War 
die  ursprüngliche  Beziehung  des  Namens  auf  den  Mons  noch  im 
Bewufstsein,  so  bildete  sich  unwillkürlich  für  die  Tiefe  der  Aus- 
druck sub  Velia,  während  umgekehrt  in  Velia*)  —  in  Beziehung 

1)  Über  diese  Verle^Dg  des  Hauses  berichtet  wieder  Liv.  a.  0.  delata 
confestim  materia  omnis  infra  Veliam  et  ubi  nunc  Vicae  potae  est,  domus 
in  infimo  clivo  aedificata.  Plut.  a.  0.  idsxovto  yag  ot  tp^oi  rov  Ovallegiov 
axQig  ov  xonov  idtoxsv  6  drifiog  ctvtm  xal  %oct6a%Bvaa8V  ol%lav  iyiB^vtig  fj^f- 
TQoat SQixv,  onov  vvv  isgov  iativ  OvtHug  Tloxug.  Q.  R.  91.  lulius  Hyginus 
bei  Ascon.  a.  0.  P.  Valerius  aedium  pub[lice  lojcum  sub  Veliis  ubi  nunc 
aedis  Victoriae  est:  diese  Victoriae  ist  nur  durch  ein  Mifsverständnis  aus 
der  Vioa  Pota  entstanden,  der  Platz  ist  bei  allen  derselbe.  Poplicola  ver- 
legte also  sein  Haus  von  der  Höhe  der  Velia  in  die  Tiefe  der  Curia  Ve- 
liensis, d.  h.  in  die  Gegend  der  aedes  Penatium.  Und  aus  der  Verwechs- 
lung und  Zusammen würfelung  dieser  beiden  verschiedenen  Stellen  des  Hauses 
erklären  sich  die  verschiedenen  Angaben  der  Quellen,  auf  die  alle  im  Ein- 
zelnen näher  einzugehen  unnötig  ist.  Neben  dem  Hause  in  der  Ebene  ist 
dann  auch  das  ErbbegiUbnis  der  Valerii  anzusetzen. 

2)  Jul.  Hyginus  a.  0.  hat  sab  Veliis;  Dien.  6,  48  vn    OveXiag;  Cic. 


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-     109     — 

aaf  die  Tiefe  gebraucht  —  diese  ganz  als  Stadtdistrikt  fafst.  In 
dieser  Weise  scheinen  mir  die  über  die  Velia  überlieferten  schein- 
bar sich  widersprechenden  Angaben  am  natürlichsten  ihre  Er- 
klärung zu  finden:  als  Einzelmons  ist  die  Velia  die  Ostseite  des 
palatinischen  Bergs,  während  sie  als  Euriendistrikt  sich  mehr 
and  mehr  auf  das  dieser  Hohe  vorgelagerte  und  physisch  zu  ihr 
gehörige  Hügelland  ausgedehnt  und  schliefsÜch  wieder  auf  das- 
selbe sich  beschränkt  hat. 

Mit  diesem  Wohnbezirk  der  Velia,  wie  wir  denselben  im 
Vorhergehenden  kennen  gelernt  haben,  hängt  meiner  Ansicht  nach 
noch  ein  anderer  Bezirk  zusammen,  der,  wenn  er  sich  auch  nicht 
bestimmt  als  zur  Velia  hinzugehörig  nachweisen  läfst,  doch  am 
ersten  und  besten  im  Zusammenhang  mit  ihr  verstanden  werden 
kann.  Dieser  Bezirk  ist  die  Vallis  Egeriae  oder  Camenarum. 
An  der  Südostspitze  des  palatinischen  Berges  treffen  die  beiden 
Thäler  zusammen,  die,  das  eine  durch  Palatin  und  Aventin,  das 
andere  durch  Palatin  und  Caelius  gebildet,  von  W.  und  von  N. 
auf  einander  zulaufen,  um  dann  gemeinsam  weiter  nach  Südost 
sieh  fortzusetzen.  Hier  wo  der  Aventin  von  S.,  der  Caelius  von 
N.  —  beide  in  ihren  äufsersten  Hohengrenzen  —  sich  gegen- 
über treten,  dehnt  sich  bis  zur  spätem  Porta  Capena  ein  kleines, 
aber  anmutiges  Thal  aus,  dessen  Traditionen  und  sakrale  Ge- 
bräuche ihm  ein  hohes  Alter  und  eine  ganz  besondere  Bedeutung 
zuschreiben.^)     Jedenfalls    scheint   mir    aus   denselben   das    eine 

de  rep.  2,  31  sub  Veliam;  Liv.  a.  0.  infra  Veliam;  Dion.  1, 6S  vn'  OvsUa^  (?); 
dagegen  Mon.  Ancyr.  in  Velia:  alle  diese  Ausdrücke  beziehen  sich  nach- 
weislich anf  eine  nnd  dieselbe  Gegend  nnd  zwar  die  durch  den  Penaten- 
tempel  d.  h.  die  Kirche  SS.  Damiano  e  Cosma  näher  gekennzeichnete.  Bis 
hierher  erstreckte  sich  also  wenigstens  die  Curia  Veliensis,  die  von  der 
Höhe  des  Titosbogens  sich  senkte  nnd  nachher  wieder  etwas  hob,  auf  der 
einen  Seite  durch  das  Forum,  auf  der  andern  durch  die  Niederung  zwischen 
Caelius  und  Esquilin  begrenzt,  während  sie  selbst  die  Grenze  gegen  die 
Sabnra  bildete. 

1)  Die  Traditionen  knüpfen  sich  an  Numa:  vgl.  Liv.  1,  21  lucus  erat, 
qoem  medium  ex  opaco  specu  fons  perenni  rigabat  aqua;  quo  quia  se  per- 
Baepe  Numa  sine  arbitris  velut  ad  congressum  deae  inferebat,  Camenis  enm 
Ittcum  sacravit,  quod  earum  ibi  concilia  cum  coniuge  sua  Egeria  essent. 
Plnt  Num.  18  unoQSitai  %aX%Y^v  niltrjv  i^  ovQavov  %ata(pSQOHBvriv  slg  rag 
Noviui  nsöstv  %siQag,  inl  S^  avTJ  d'cevfidaiov  xtva  Xoyov  Xiyscd'ai  vno  tov 
fti9iUmg,  ov  'HysQÜcg  te  %al  xmv  MovaÄv  nv^ia^ai.  —  ht  8\  iqrivai  Mov- 
9aii  xal^iSQaitat.  ro  %(oqCov  i%sivo,  %al  xovg  nsQl  avto  Is^iimvag^  onov  tä 
voUa  qpoiTcotfai  itvvStatQißovaiv  avxA'  xriv  Sl  nriyqv^  ^  %axaqSBi  xo  %toifioVy 


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-     110     — 

mit  Sicherheit  hervorzugehen,  dafs  dieses  Thal  schon  sehr  früh 
in  die  engste  Beziehung  zum  Palatin  und  zur  palatinischen  Stadt 
getreten  istJ)  Und  weisen  wir  das  Thal  zwischen  Caelius  und 
Palatin  —  durch  welches  die  Grenze  des  Pomerium  der  palati- 
nischen Stadt  hindurchlief  —  am  natürlichsten  dem  Bezirk  der 
Velia  zu,  deren  Ostabhang  in  dasselbe  sich  hemiedersenkt,  so 
mag  auch  das  ThaF  der  Camenen,  welches  wie  eine  Fortsetzung 
jenes  erscheint,  am  richtigsten  mit  demselben  in  Verbindung  ge- 
bracht werden.  Irgendwelche  Sicherheit  ist  allerdings  für  diese 
Annahme  nicht  vorhanden :  und  nur  das  eine  darf  man,  wie  schon 

vSatQ  tsQOV  anoSii^ui  xaCg  ^Eatidoi  naQd'ivoigy  onag  Xuftßdvovaai  nccd''  rjfid- 
QaVy  ayvCimct  xorl  ^alvmci  x6  avu%xoqov,  Serv.  Aen.  1,  8  His  (sei.  MneiB) 
Numa  aediculam  aeneam  brevem  fecerat,  quam  postea  de  caelo  tactam  et 
in  aede  Honoris  et  Virtutis  collocatam  Fulvius  Nobilior  in  aedem  Herculis 
transtulit,  nnde  aedis  Herculis  et  Musarum  appellator.  Plin.  n.  h.  34,  19 
notatnm  ab  anctoribns  et  L.  Attiäm  poetam  in  Camenaram  aede  maxima 
forma  statnam  sibi  posnisse,  cam  brevis  admodam  fnisset  Das  Thal  wird 
wegen  seiner  Xu\i,^vBg  Plut.  a.  0.,  seiner  Quelle  Vitruv.  8,  3  (der  von  einer 
andern  Quelle  sagt:  ita  est  suavis  uti  nee  fontinalis  ab  Camoenis  —  desi- 
deretur),  Liv.  a.  0.  (fons  perenni  aqua),  seiner  kühlen  Grotte  (Liv.  a.  O. 
ex  opaco  specu),  seiner  Waldung  (Sulpicia  Sat.  67  laureta  Numae)  etc. 
wiederholt  erwÄhnt  und  gepriesen;  vgl.  namentlich  luvenal.  Sat.  3,  10 ff.: 

Sed  dum  tota  domus  reda  componitur  una, 

Substitit  ad  yeteres  arcus  madidamque  Capenam, 

Hie  ubi  noctumae  Numa  consütuebat  amicae. 

Nunc  sacri  fontis  nemus  et  delubra  locantur 

ludaeis,  quorum  cophinus  foenumque  snpellex. 

Omnis  enim  populo  mercedem  pendere  iussa  est 

Arbor  et  eiectis  mendicat  silva  Camenis. 

In  vallem  Egeriae  descendimus  et  speluncas 

Dissimiles  veris:  quanto  praesentius  esset 

Numen  aquae,  viridi  si  margine  clauderet  undas 

Herba,  nee  ingenuum  violarent  marmora  tophum. 
1)  Das  geht  hauptsächlich  aus  der  von  Plutarch  a.  0.  aberlieferten 
Notiz  hervor,  wonach  die  Vestalinnen  alles  Wasser,  welches  sie  zu  ihren 
heiligen  Handlungen  gebrauchten,  ans  dem  Camenenquell  schöpften,  zu  dem 
sie  täglich  mit  ihren  Schöpfkrügen  hemiederstiegen.  Da  alle  Traditionen, 
wie  sie  sich  an  Numa  knüpfen,  einmal  an  dem  Vestaheiligtume  selbst 
haften,  anderseits  nicht  minder  im  Thal  der  Camenen  wurzeln,  so  tritt  auch 
in  jener  Königsgestalt  die  enge  Verbindung  zwischen  beiden  Lokalen  her- 
vor: vgl.  Kap.  5.  In  jener  durch  alle  Zeiten  Roms  festgehaltenen  sakralen 
Verknüpfung  des  späteren  Stadtmittelpunkts  mit  der  Vallis  Egeriae  hat  das 
römische  Sakralrecht  selbst  sein  Urteil  über  das  Alter  und  über  die  einstige 
Bedeutung  des  letzteren  ausgesprochen. 


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—   111   — 

bemerkt,  als  sicher  bezeichnen,  dafs  zwischen  diesem  Thale  und 
den  im  Vorhergehenden  betrachteten  alten  Bezirken  der  palatini- 
sehen  Stadt  eine  engere  Beziehung  bestanden  hat. 

Die  wechselnden  Namen  —  Vallis  Egeriae  oder  Vallis  Ca- 
menaram  —  sind  im  wesentlichen  identisch.*)  Denn  wie  die 
Carmenta  oder  Carmentis  als  eine  und  zugleich  als  zwei  verehrt 
wurde,  so  sind  auch  die  dem  Namen  nach  mit  dieser  identischen 
Camenae  nur  die  wechselnden  Formen  der  einen  Egeria,*)  Das 
Thal  scheint  in  einem  Altar  oder  Heiligtum  dieser  Gottin  seinen 
sakralen  Mittelpunkt  gehabt  zu  haben  ^),  an  das  sich  wohl  die 
m  demselben  gehörige  Bevölkerung  anschlofs.  Unzertrennlich 
mit  ihm  verbunden  ist  Name  imd  Gestalt  des  Numa:  und  das 
ist  eines  der  sichersten  Merkmale  zur  Erkenntnis  von  Wesen 
und  Herkunft  dieses  Königsnamens,  der  später  in  so  hohem  Mafse 
Gegenstand  einer  verfälschenden  Umgestaltung  geworden  ist: 
darauf  wird  im  Zusammenhang  zurückzukommen  sein. 

Aus  diesem  Thale  führt  der  Weg  in  direkter  Richtung  nach 
den  heiligen  Kult-  und  Ausgangsstätten  Roms,  nach  Alba  Longa, 
nach  Aricia,  nach  Lanuvium.  Und  wenn  daher  dieselben  Namen 
und  Sagen  dort  wie  hier  uns  entgegentreten,  so  ist  darin  eine  Be- 
stätigung dessen  zu  sehen,  dafs  die  Bevölkerung  der  Vallis  Egeriae 
gleichfalls  einst  vom  Albanergebirge  gekommen  war.'') 

Müssen   wir  also  hier  über  die  Form  des  Zusammenhangs 


1)  Egeria  selbst  wird  als  Camene  bezeichnet  Dion.  2,  60  'HyBqCav  xmv 
Mw9$h  lUetv.  Plut.  Nmn.  8.  Wenn  Egeria  nicht  selbst  Camene  genannt 
wird,  wird  sie  doch  stets  in  engste  Beziehung  zn  denselben  gebracht. 

2)  Die  Camenae  heifsen  noch  bei  Varro  1.  1.  7,  26.  PauL  p.  43  Casme- 
Dae  d.  h.  Carmenae,  woraus  die  Identit&t  mit  den  Carmentes  hervorgeht. 
Aach  ist  Egeria  ebenso  wie  die  Carmenta  oder  Carmentis  Gebortsgöttin 
PaoL  p.  77.    Plin.  n.  h.  7,  11.    Über  die  Carmenta  selbst  vgl  Kap.  5. 

3)  Vgl.  Serv.  a.  0.  Musis  Numa  aedicolam  brevem  fecerat.  Es  ist 
freilich  beachtenswert,  dafs  das  Thal  auch  in  den  späteren  Beschreibungen 
den  Eindrack  eines  abgelegenen,  stillen,  wenig  belebten  macht  (vgl.  die 
oben  angefOhrten  Stellen),  sodafs  man  auf  ein  Unbewohntscin  desselben  zu 
nhlielsen  sich  veranlaCst  fühlen  könnte.  Wenigstens  weist  nichts  darauf 
bin,  dais  dieses  kleine  Thal  einen  eigenen  Eurienbezirk  gebildet  hat,  wes- 
balb  man  auch  hierdurch  auf  die  Annahme  geleitet  wird,  dasselbe  als  Teil 
einee  anderen  Bezirks  aufzufassen,  wofür  sich  in  diesem  Falle  die  Velia  am 
natürhchsten  darbietet. 

4)  Vgl.  Verg.  Aen.  7,  761  ff.  Ovid.  Fast.  3,  261  ff.  Wenn  Ovid.  Metam. 
15,  iS7  ff.  das  Verhältnis  umkehrt  und  die  Egeria  von  Rom  nach  Aricia 
«ntweichen  lä&t,  so  beruht  das  auf  willkürlicher  Erfindung. 


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—     112    — 

zwischen  diesem  Bezirke  und  den  übrigen  Bezirken  der  palatini- 
schen  Stadt  ein  bestimmtes  Urteil  zurückhalten^  so  haben  wir 
dagegen  —  nach  dem  oben  Erörterten  —  ein  Recht  die  drei 
Montes  des  palatinischen  Bergs  mit  den  drei  Curiae  veteres  in 
Zusammenhang  zu  bringen  und  in  den  letzteren  wesentlich  die 
ersteren  wieder  zu  erkennen:  nur  mit  dem  schon  hervorgehobenen 
Unterschiede,  dafs  jene  die  alten  einst  selbständigen  Gemeinden 
darstellen,  welche  sich  nach  den  schirmenden  Hohen  benennen, 
diese  die  lokalen  Distrikte  eines  gröDseren  einheitlichen  Gemein- 
wesens sind. 

So  sehen  wir  die  drei  Dörfer,  wie  sie  sich  um  den  Palatinos 
lagern  imd  an  die  Einzelhöhen  dieses  Berges  anschliefsen,  zu 
einem  Bimde  zusammentreten:  sie  bauen  auf  dem  hierfür  passend- 
sten Teile  des  Berges  eine  Burg,  zu  deren  Mauer  sie  den  Stein 
des  Berges  selbst  benutzen,  um  sie  aus  mächtigen  Quaderstücken 
zu  einem  festen  hohen  Bollwerk  zu  gestalten^)*,  sie  legen  nach 
den  verschiedenen  Wohnbezirken  zu  drei  Thore  in  die  Ringmauer, 
die  so  den  unmittelbaren  Zugang  zu  dieser  gemeinsamen  Schutz- 
und   Zufluchtsstätte  vermitteln^;   sie  legen  endlich  dem  Mauer- 


1)  Über  die  noch  erhaltenen  Beste  der  palatinischen  Mauer  vgl.  oben 
S.  94f.  und  Lanciani  Goida  77  fiF.  Die  Manerstücke  sind  aus  den  noch  heute 
sichtbaren  Steinbrüchen  (Guida  129)  genommen ,  im  sogenannten  Läufer- 
und Bindersystem  d.  h.  ohne  Anwendung  von  Mörtel,  die  Blöcke  über  ein- 
ander geschichtet,  gebaut,  diese  selbst  durchschnittlich  2  Fuls  hoch,  6—8 
FuTs  lang. 

2)  Es  stand  fest,  dafs  die  palatinische  Stadt  3  Thore  gehabt  habe: 
vgl.  Plin.  n  h.  3,  66  urbem  tres  portas  habentem  Romulus  reliquit.  Da- 
nach die  Hegel  der  prudentes  Etruscae  disciplinae  bei  Serv.  Aen.  1,  422 
apud  conditores  Etruscarum  urbium  non  pntatas  iustas  urbes  fuisse  in  qui- 
bus  non  tres  portae  essent  dedicatae.  Vgl.  Yarro  1.  1.  5,  164  praeterea 
intra  muros  dici  video  portas:  in  Palatio  Mucionis  a  mugitn  quod  ea 
pecus  in  bucita  circum  antiquum  oppidum  exigebaut;  alteram  Bomanulam 
ab  Roma  dictam  qnae  habet  gradus  in  Nova  Via;  tertia  est  lanualis  dicta 
ab  lano  etc.  Diese  dritte  beruht  auf  einer  Konfusion  Varros  vgl.  Kap.  6. 
Über  die  Romanula  oder  richtiger  Romana  vgl.  oben  S.41f.  und  weiter  unten. 
Auf  die  porta  Mucionis  komme  ich  gleichfalls  unten  zurück.  Man  darf  ans 
Varros  Angabe  schliessen,  dafs  schon  zu  seiner  Zeit  der  Name  des  dritten 
Thors  verschollen  war:  nur  die  Tradition  von  den  drei  Thoren  stand  ihm 
fest;  und  da  er  für  das  dritte  Thor  keinen  Platz  und  keinen  Namen  wuIste, 
so  warf  er  mit  demselben  die  porta  lanualis  zusammen,  die  in  Wirklichkeit 
mit  der  palatinischen  Stadt  nichts  zu  thun  hat.  Dafs  dieses  dritte  Thor 
mit  den  scalae  Gaci  in  Verbindung  zu  bringen,  ist  sicher:  wo  dasselbe  aber 
anzusetzen,  ob  oben  oder  mehr  unten,  ist  ungewifs,  es  hängt  das  mit  der 


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—     113     — 

ringe  selbst  noch  ein  Gebiet  ¥or,  welches  sie  aus  dem  Besitz 
der  Einzelgemeinden  herausnehmen  und  es  zum  Bundesgebiet 
erklären. 

Aus  Vorstehendem  ergiebt  sich  also,  wie  wir  den  von  dem 
Mauerringe  auf  der  Höhe  umschlossenen  Raum  aufzufassen  haben. 
Derselbe  hat  —  auch  wenn  wir  ihn  auf  den  ganzen  Berg  aus- 
dehnen —  auf  keinen  Fall  für  die  Wohnungen  seiner  Bürger, 
für  Tempel  und  öflFentliche  Gebäude,  für  Ackerland  und  Viehweide 
einer  zahlreicheren  Bevölkerung  genügen  können.  Und  anderseits 
ist  der  Bau  wieder  ein  viel  zu  mächtiger  gewesen,  als  dafs  wir 
nicht  von  denjenigen,  die  ihn  aufführten,  annehmen  dürften,  sie 
seien  stark  genug  gewesen,  ihre  Kraft  über  die  engen  Grenzen 
ihrer  Mauern  hinaus  wirksam  zu  machen.  Der  durch  die  Mauer 
nmschlossene  Raum  kann  demnach  nur  verstanden  werden,  wenn 
wir  ihn  eben  als  Burg  der  zu  Thal  wohnenden  Bevölkerung,  als 
Schutz  und  Schirm  für  Zeiten  der  Not  und  als  sicheren  Platz 
für  Tempel  und  öffentliche  Gebäude  auffassen.  *)  Die  unmittelbar 
unter  den  Mauern  liegenden  Niederungen  müssen  die  eigentliche 
Bürgerschaft  getragen  haben,  welche  innerhalb  der  Mauern  der 
Burg  eben  nur  für  Fälle  der  Not  sich  zurückzog.  Zu  dem  Zwecke 
ist  der  an  und  für  sich  schon  steile  Abhang  des  Bergs  noch 
mehr  abgeschrofflb*):  namentlich  aber  die  zwei  Aufgänge  von 
Westen  und  Südwesten,  auf  denen  einst  die  Dörfler  des  Cerma- 
lus  and  des  Palatium  ihre  Heerden  hinauf-  und  hinabgetrieben 
hatten,  zu  Fufssteigen*)  verengt,  um  nur  einen  bequemen  Auf- 
gang als  Fahrweg  nach  Nordosten  zu  schaffen. 

Dieser  letztere  Umstand,  die  Verlegung  des  Haupt-  ja  des 
einzigen  Aufgangs  zur  Burg  nach  Nordosten,  bezeichnet  eine  der 
wichtigsten  Thatsachen  der  ältesten  Stadtgeschichte  Roms,  da  er 

Frage  zosammen,  wie  wir  uns  das  VerteidigangBaystem  dieser  Thore  zu 
denken  haben,  worüber  unten.  Über  den  Namen  dieses  dritten  Thors  habe 
ich  oben  S.  91  eine  Vermutung  gewagt. 

1)  Vgl.  Mommsen  R.  6.  1,  51:  „die  städtische  Ansiedlung  hat  in  Rom 
wie  überall  nicht  innerhalb,  sondern  unterhalb  der  Burg  begonnen." 

2)  Es  gilt  dieses  besonders  von  der  West-  und  Nordwestseite,  an 
denen  eben  deshalb  auch  kein  weiterer  Vorraum  dem  Burgringe  selbst  vor- 
gelegt worden  ist,  wie  sich  namentlich  auch  aus  der  weiter  unten  zu  be- 
trachtenden Grenze  des  Pomerium  der  palatinischen  Stadt  ergeben  wird. 

3)  Die  gradus  der  porta  Romana  (vgl.  oben  S.  42)  zeigen,  dafs  der 
cliTQs  Victoriae  kein  Fahrweg  war;  von  den  scalae  Caci  können  wir  das 
iu>ch  heute  erkennen. 

Gilbert,  Oeach.  a.  Topogr.  Roms.  8 

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—     114     — 

ein  völliges  Verschieben  des  Schwerpunkts  der  städtischen  Ent- 
wicklung in  sich  schliefst.  Wir  werden  uns  später  der  näheren 
Betrachtung  dieses  Umstandes  nicht  entziehen  können:  hier  haben 
wir  zunächst  noch  bei  dem  Anschlufs  der  Velia  an  die  Doppel- 
gemeinde des  Westpalatinus  zu  verweilen  und  denselben  weiter 
nach  seiner  Bedeutung  und  seinen  Konsequenzen   zu   betrachten. 

Ich  habe  oben  schon  bemerkt^),  dafs  auf  die  Erhebung  des 
ganzen  palatiuischen  Bergs  zu  einem  einheitlichen  und  in  sich 
abgeschlossenen  Bezirk  sowohl  die  Lage  des  Mundus,  als  auch 
die  Grenzlinie  des  Pomerium  hinweist,  welch  letztere,  von  Taci- 
tus  in  sehr  genauer  Umschreibung  uns  überliefert^),  unten  im 
Thale  den  ganzen  palatiuischen  Berg  umkreist.  Das  zwingt  uns 
auf  die  schwierige  Frage  nach  dem  Wesen  und  der  Bedeutung 
des  Pomerium  etwas  näher  einzugehen. 

Was  haben  wir  unter  dem  Pomerium  zu  verstehen?  Diese 
Frage  haben  sowohl  die  alten  Schriftsteller,  wie  die  modernen 
Forscher^)  verschieden  beantwortet.  Zwar  darin  sind  sie  einig, 
dafs  sie  das  Wort  etymologisch  als  pone  =  post  merium  d.  h. 
als  den  Raum  hinter  der  Mauer  fassen;  aber  wo  der  Standpunkt 
zu  nehmen,  von  wo  aus  das  post  zu  verstehen  sei,  darüber  können 
sie  sich  nicht  einigen.  Denn  es  ist  klar,  dafs  man  sich  einmal 
in  die  Stadt  .stellen  kann,  in  welchem  Falle  das  post  aufserhalb 


1)  Vgl.  S.  99. 

2)  Ann.  12,  24. 

3)  Vgl  Mommscn  R.  F.  2,  23 ff.,  der  in  diesem  erweiterten  Abdruck 
des  ursprünglich  im  Hermes  10,  40  ff.  erschienenen  Aufsatzes  schon  auf  die 
in  der  Zwischenzeit  erschienene  Behandlung  des  Gegenstandes  von  Nissen 
Pompej.  Studd  466  ff.  Eücksicht  nimmt.  Ausserdem  behandelt  dasselbe 
Thema  Jordan  1,  1.  163 ff.,  der  Hermes  16,  1  ff.  noch  eine  nachträgliche 
Bemerkung  über  die  Form  des  Wortes  pomerium  hinzufügt;  auch  er  kommt 
im  wesentlichen  zu  denselben  Resultaten  wie  Mommsen.  Die  Form  des 
Wortes  pomerium  steht  urkundlich  durch  die  erhaltenen  Pomerienst/eine 
selbst  (C.  I.  L.  VI  1.  1231—33),  wenn  auch  erst  der  Kaiserzeit  angehörig, 
sowie  durch  den  konstanten  Gebrauch  der  Schriftsteller  fest  Vielleicht  ist 
aus  der  von  Paul  p.  248  handschriftlich  überlieferten  Form  posimirium,  die 
ohne  Halt  zu  sein  scheint,  auf  die  frühere  oder  gleichzeitige  Existenz  der 
Form  postmerium  zu  schliessen.  Jedenfalls  steht  die  Ableitung  dieser  Form 
von  pone  =■  post  und  moerus  «-  murus  fest.  Schon  die  Alten  selbst  heben 
diese  Bildung  des  Wortes  durch  post  und  murus  hervor,  vgl.  Cic.  orat.  47, 
157  pomeridianas  quadrigas  quam  postmeridianas  libentius  dixerim;  Varro 
1.  I.  ö,  143  qui  (orbis)  quod  erat  post  mumm  postmoerium  dictum.  Liv. 
1,  44  pomerium  vorbi  vim  solam  intuentes  postmerium   interpretantur  esse. 


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der  Mauern  ist;  dafs  man  aber  scheinbar  mit  demselben  Rechte 
seinen  Standpunkt  aufserhalb  der  Stadt  nehmen  kann,  in  welchem 
Falle  das  post  innerhalb  der  Stadt  liegen  würde.  Mommsen  und 
Jordan  nehmen  den  letzteren,  Nissen  dem  Prinzip  nach  den  er- 
steren  Standpunkt  ein,  obgleich  letzterer  sich  in  der  Praxis  dahin 
entscheidet,  in  dem  Pomerium  einen  Landstreifen  innerhalb  und 
aufserhalb  der  Mauern  zu  sehen,  worin  eine  Reihe  älterer  nam- 
hafter Forscher  —  Becker^),  C.  0.  Müller^),  Seh  wegler  ^)  —  mit 
ihm  übereinstimmen.  Denn  das  ist  sicher,  dafs  in  der  späteren 
Praxis  ein  Streifen  an  beiden  Seiten  der  Mauer  wiederholt 
von  den  Quellen*)  als  unter  den  Begriff  des  Pomerium  fallend 
bezeichnet  wird:  ob  mit  Recht  oder  unrecht  kann  man  natürlich 
von  vornherein  nicht  entscheiden.  Aber  diese  offenbare  Differenz 
zwischen  dem  späteren  Sprachgebrauch  und  der  im  Worte  selbst 
liegenden  Bedeutung,  die  das  den  Begriff  bestimmende  post  ur- 
sprünglich doch  nur  von  einem  Standpunkte  aus  gesagt  haben 
kann,  sollte  wenigstens  das  eine  klar  machen,  dafs  der  Begriff 
des  Pomerium  eine  Entwicklungsgeschichte  gehabt  hat,  die  den- 
selben —  wie  so  häufig  —  seiner  eigentlichen  und  urspi-ünglichen 
Bedeutung  ent&emdet  hat.  Man  sollte  daher  nicht  ein  für  alle 
Zeiten  gültiges  Prinzip  zu  finden  suchen,  in  welches  alle  Einzel- 
falle, mögen  sie  nun  passen  oder  nicht,  eingezwängt  werden:  son- 
dern man  sollte  sich  bescheiden,  die  ursprüngliche  Bedeutung  des 
Wortes  mit  Sicherheit  zu  bestimmen  und  dann  untersuchen,  wie 
lange  demselben  diese  Bedeutung  geblieben  ist.  Suchen  wir 
daher  zunächst  festzustellen,  welches  die  ursprüngliche  Bedeutung 
des  Worts  ist. 

Mommsen  behauptet,   dafs   bei  den  Bezeichnungen,  die  auf 

1)  S.  96. 

2)  MüUer-Deecke  Etr.  2,  151. 

3)  R.  G.  1,  447. 

4)  Vgl.  vor  allem  Liv.  a.  0.  pomerium  verbi  vira  solam  intuentes, 
postmoerium  interpretantnr  esse:  est  antem  magis  circamoerium ,  locus, 
quem  in  condendis  urbibus  quondam  Etrusci,  qua  mumm  ductnri  erant, 
certis  circa  terminis  inangurato  consecrabant  ut  neque  interiore  parte  aedi- 
ficia  moenibuB  continuarentur,  quae  nunc  vulgo  etiam  coniungunt,  et  extrin- 
aecos  pari  aliquid  ab  humano  cultn  pateret  soli.  hoc  spatinm  quod  neque 
liabiiari  neque  aran  fas  erat,  non  magis  quod  post  murum  esset,  quam 
quod  murus  post  id,  pomerium  Romani  appellarunt:  et  in  urbis  incremento 
Bemper,  quantnm  moenia  processura  erant,  tantnm  termini  hi  consecrati 
proferebwitur. 

8* 
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-     116     - 

ein  Schliefsen  hinauslaufen,  einem  einfachen  Gesetze  der  Logik 
zufolge,  die  Angaben  „vor"  und  „hinter*^  in  allen  Sprachen  der 
Regel  nach  so  gehandhabt  werden,  dafs  der  Eingeschlossene  den 
Blick  nach  aufsen,  nicht  der  Ausgeschlossene  den  Blick  nach 
innen  richte.^)  Aber  schon  Nissen^)  weist  darauf  hin,  dafs  die 
Alten  bei  der  Mauer  an  den  Schutz  und  die  Sicherheit  dachten, 
welche  sie  gewährte:  und  das  ist  durchaus  richtig.  Um  einen 
uralten  Begriff,  wie  es  das  pomerium  ist*),  zu  verstehen,  darf 
man  nicht  mit  modernen  Anschauungen  rechnen:  ein  modernes 
Staatsgebiet  ist  —  selbst  wenn  wir  eines  der  wenigst  umfang- 
reichen zur  Vergleichung  heranziehen  —  ein  unendliches  gegen- 
über dem  antiken  und  zwar  speziell  jener  ältesten  Zeit,  in  der 
noch  Stadt  und  Staat  zusammenfiel  und  in  der  sich  eben  Aus- 
druck und  Begriff  Pomerium  gebildet  hat.  Der  Gegensatz  von 
Stadt  und  flachem  Lande,  welchen  Mommsen  hervorhebt,  gilt  für 
jene  Zeit  nicht,  wo  letzteres  nur  einen  integrierenden  Bestandteil 
des  Stadtgebiets  bildete.  War  die  Stadt,  d.  i.  der  mauerumschlos- 
sene Raum,  der  Mittelpunkt  des  gesamten  Stadtgebiets,  so  konn- 
ten auch  die  in  dem  Schutze  des  Mauerringes  wohnenden  sich 
nicht  wie  „hinter  Schlofs  und  Riegel  sitzend*'  ansehen,  sondern 
wie  in  ihrer  Wohnung  und  in  ihrem  Besitztum  geschützte,  die 
von  diesem  ihrem  sichern  Standpunkte  aus  auf  das,  was  hinter 
den  Mauern,  als  aufserhalb  des  Mauerschutzes  gelegen  blickten. 
Von  diesem  Standpunkte  aus  kann  pomerium  also  nichts  anderes 
sein  als  ein  Raum  aufserhalb  der  Mauer. 

Müssen  wir  also  Mommsens  Standpunkt  prinzipiell  als  un- 
richtig bezeichnen,  so  stimmen  die  von  ihm  zum  Beweise  des- 
selben angeführten  Beispiele  in  Wirklichkeit  keineswegs  zu  seiner 
Theorie.  Es  kommt  hier  hauptsächlich  auf  die  Erklärung  der 
Worte  Varros*)  an:  terram  unde  exsculpserant  fossam  vocabant 

1)  A.  0.  27  f. 

2)  A.  0.  471  mit  Anführung  Ton  Pompon.  Dig.  L  tit.  16,  239,  7  op- 
pidum  ab  ope  dicitar  quod  eins  rei  causa  moenia  sint  constituta,  und  mit 
Berufung  auf  Varro  1.  I.  6,  141.  Auch  das  deutsche  Recht  geht  von  dieser 
Anschauung  aus:  die  deutsche  Stadt  des  Mittelalters,  sagt  Gengier  deutsche 
Staatsrechtaltertümer.  Erlangen  1882.  S.  8,  war  in  ihrer  aulseren  Erschei- 
nung eine  Schutzstätte  des  Friedens  wider  Feindeseinfall  und  Befehdung. 

3)  Die  Form  pomerium  gehört  einer  Zeit  an,  welche  noch  vor  der 
Bildung  derjenigen  Lautgesetze  liegt,  die  wir  als  allgemein  gültig  für  die 
lateinische  Wortbildung  kennen;  wozu  Jordan  Hermes  15,  3  f.  zu  vergleichen. 

4)  De  1.  1.  5,  148. 


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-     117     — 

et  introrsum  iactam  murum:  post  ea  qui  fiebat  orbis^  urbis  prin- 
cipitun^  qui  quod  erat  post  murum  postmoerium  dictum:  eoque 
auspicia  urbana  finiuntur.  Mommsen  sowohl  wie  Jordan  betrach- 
ten es  als  selbstverständlich,  dafs  die  von  Varro  gebrauchten  Aus- 
drücke introrsum  und  post  ea  synonyme,  identische  Begriffe  be- 
zeichnen und  glauben  daraus  mit  Sicherheit  schliefsen  zu  dürfen, 
dafs  das  post  in  die  Stadt  falle.  Aber  eine  solche  Interpretation 
der  Worte  kann  ich  nicht  für  sachgemäfs  halten.  Stellt  Varro 
ausdrücklich  die  erste  Anlage  der  Stadt  als  einen  Ring  dar,  der 
durch  die  die  Grenze  der  anzulegenden  Stadt  umkreisende  Furche 
des  Gründungspfluges  —  den  sulcus  primigenius  —  gebildet  wird  ^), 
so  giebt  er  doch  durch  den  Gebrauch  des  introrsum  iactam 
terram  zu  erkennen,  dafs  er  sich  selbst  als  innerhalb  dieses 
Ringes  stehend  betrachtet.^)  Von  diesem  Standpunkte  aus  kann 
aber  das  postea  nur  im  Gegensatz  zu  dem  introrsum  stehend 
gefaCst  weFden:  ist  das  introrsum  innerhalb  des  Stadtkreises, 
80  ist  das  post  aufserhalb  desselben;  post  ea  bezeichnet  also 
außerhalb  Mauer  und  Graben. 

Diese  Deutung  der  Worte  Varros,  welche  die  Ausdrücke  in- 
trorsum nnd  post  als  in  natürlichem  Gegensatze  zu  einander  stehend 
fafst,  findet  ihre   volle  Bestätigung  in  einer  Angabe   des  Dio^), 


1)  Weshalb  es  bei  ihm  heifst  oppida  condebant  in  Latio  Etrusco  ritu 
mulii  (1.  malta),  id  est  iunctis  bobus  taaro  et  vacca  interiore,  aratro  cir- 
cnm  agebant  sulcom. 

2)  Das  wird  auch  durch  die  Worte  iunctis  bobus  tauro  et  vacca  in- 
teriore  bezeichnet. 

3)  Fr.  6,  2.  Die  Worte  gehören  den  Constantinischen  Excerpten  de 
sententiis  an  (Mai  p.  627)  nnd  lauten:  oti  ^PayfivXog  inl  xov  TlaXXcivxiov  xo 
T^S  ^klXovoriq  ^asad'ai  *P<6tirig  üx^fia  SiayQccqxov  xocvqov  dafidXsi  awi^Bv^s^ 
rw  i^fv  tavQOv  ^^m  ngog  to  nsSiov  vsvovxa,  xijv  8^  SdiKxXiv  ngog  xr^v 
«6i«»,  avf/.ßoXmmg  8ia.  xovxcnv  svxofisvog  xovg  fiev  avögag  (poßsgovg  slvai 
toig  ^ffli,  xag  91  y^'^'^^^^S  yovifwvg  xal  niaxdg  oUovgovg.  fixa  ßmXov 
lapnv  ^lo^ev  ^am  f^nxsi  xrjg  noXemg^  svxofisvog  ccno  xciv  dXXoxgCmv  xd  xav- 
m  avjfir.  Ich  bin  auch  heute  noch  der  Meinung  (vgl.  meine  Schrift.  Rom 
und  Karthago,  Leipzig  1876.  S.  3),  dafs  Dios  Darstellung  der  älteren  römi- 
schen Geschichte  in  ihren  Hauptteilen  auf  Fabius,  sei  es  direkt,  sei  es  in- 
direkt, zuräckgeht:  und  lege  dem  entsprechend  diesem  Berichte  des  Dio 
über  die  Stadtgründung  Roms  eine  aufser ordentliche  Bedeutung  bei.'  Aus 
Die  ist  die  Angabe  des  Lydus  de  mens.  4,  60  geflossen,  wo  sich  gleichfalls 
dieser  Gegensatz  des  ^üod  und  des  l£o)  findet.  Mit  Dio  endlich  stimmt  auch 
Cato  überein,  der  sich  (bei  Serv.  Aen.  6,  765)  gleichfalls  innerhalb  des 
Stadtkreises  stellt  und  von  hier  aus  den  Vorgang  der  Furche nziehung  be- 


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—     118     — 

die  von  niemandem,  wie  es  scheint,  in  ihrer  hohen  Bedeutung 
gewürdigt,  dennoch  in  mehr  als  einer  Beziehung  sehr  wichtig 
ist.  Dio  stellt  nämlich  gleichfalls  tö  Saco  des  mauerumschlosse- 
nen Stadtraums  bei  Beschreibung  des  pomerium  in  so  scharfen 
Gegensatz  zu  ro  Igo,  dafs  man  erkennt,  wie  natürlich  und  selbst-* 
verständlich  der  Standpunkt  im  Innern  des  Mauerrings  betrach- 
tet wurde,  von  dem  aus  betrachtet  ro  i^c)  d.  i.  das  post  mit  dem 
aufserhalb  der  Mauer  zusammenfiel.  Die  Worte  Varros  können 
also  dem  entsprechend  auch  nur  so  verstanden  werden,  dafs  das 
post  und  das  introrsum  Gegensätze  bilden. 

Ähnlich  verhält  es  sich  nun  mit  den  übrigen  vom  pomerium 
handelnden  Stellen/  unter  denen  hauptsächlich  nur  noch  eine,  die 
Angabe  des  Messalla^),  Beachtung  verdient.  Wie  wenig  zweifel- 
los dieselbe  derjenigen  Auffassung  des  Pomerium  entspricht,  die 
wir  bei  Mommsen  finden,  geht  schon  aus  dem  Umstände  hervor, 
dafs  Nissen  dieselbe  stillschweigend  und  wie  selbstvewständlich  in 
seinem  entgegengesetzten  Sinne  erklärt.^)     Wir  haben  also  eia 

schreibt:  daher  die  Worte  vaccam  intrinaecus  iungebant  —  ut  glebae  omnes 
intrinsecus  caderent.  Wenn  also  Jordan  a.  0.  169  erklärt,  es  ergebe  sich 
„in  schlagender  Weise"  aus  Varros  Worten,  dafs  die  Auguraldisziplin  selbst 
unter  post  murum  „innerhalb"  verstanden  habe,  so  kann  ich  ihm  darin 
nicht  Recht  geben.  Und  wenn  ferner  Mommsen  a.  0.  29  in  Anknüpfung 
an  die  Stelle  bei  Varro  sagt:  „so  gewifs  die  Mauer  hinter  dem  Graben,  so 
gewifs  ist  auch  das  Pomerium  hinter  der  Mauer", -so  wüfete  ich  nicht,  was 
uns  hinderte,  umgekehrt  zu  sagen:  so  gewifs  der  Graben  hinter  der  Mauer, 
so  gewifs  ist  auch  das  Pomerium  hinter  dem  Graben  und  damit  zugleich 
hinter  der  Mauer.  Für  das  Sakralrecht  war  Mauer  und  Graben  eins,  eben 
weil  nach  dem  ursprünglichen  Gedanken  des  Ritus  die  dem  Graben  ent- 
nommene Erde  die  Mauer  bildete:  vgL  die  Worte  Varros  a.  0.  terram  unde 
exculpserant  fossam  vocabant  et  introrsum  iactam  murum. 

1)  Die  Worte  lauten  bei  Gell.  13,  14^  1:  Pomerium  quid  esset  augu- 
res  populi  Romani  qui  libros  de  auspiciis  scripserunt  istius  modi  sententia 
definierunt:  pomerium  est  locus  intra  agrum  effatum  per  totius  urbis  cir- 
cuitum  pone  muros  regionibus  certis  determinatus  qui  focit  finem  urbani 
auspicii.  Diese  Worte  sind  also  nach  der  Versicherung  des  Gellius  selbst 
den  libri  der  augures  de  auspiciis  entnommen  und  dürfen  demnach  als  die 
offizielle  Definition  des  pomerium  gelten. 

2)  Vgl.  Nissen  a.  0.  472.  Die  Angabe  des  Messalla  resp.  der  libri  de 
auspiciis  ist  so  wichtig  und  charakteristisch,  dafs  ich  ihr  hier  noch  eine 
kurze  Betracchtung  gestatte.  Sie  geht  von  der  Anschauung  aus,  dals  das 
für  die  Stadt  bestimmte  Gebiet  aus  der  Gesamtmasse  des  Landes  heraus- 
gehoben wird ;  das  Sakralreoht  nimmt  also  aus  dem  gesamten  Umkreise  ein 
bestimmtes   Stück   heraus,    für   welches  Ausscheiden  der  charakteristische 


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—     119     - 

ßecht,  das  Pomerium  in  dem    Sinne  aufzufassen,  dafs   es  einen 
Raum  aufs  erhalb  der  Mauer  bedeutet^) 

Sehen  wir  nun,  wie  mit  dem  so  gefundenen  Begriffe  des 
Pomerium  die  nachweisbar  ältesten  Thatsachen  übereinstimmeu. 
Tacitus*)  beschreibt  uns  das  Pomerium  der  palatinischen  Stadt 
sehr  genau.  Nach  dieser  seiner  Angabe  läuft  die  Grenzlinie  des 
Pomerium  in  der  Tiefe,  bald  näher,  bald  ferner  dem  die  Höhe 
des  Berges  kränzenden  Ma^erzuge  zur  Seite  gehend,  und  läfst  so 
zwischen  sich  und  dem  Mauerringe  der  Höhe  einen  bald  mehr 
bald  weniger  bedeutenden  Zwischenraum.  Hier  also  kann  das 
Pomerium  wieder  nichts  anderes  sein,  als  der  Raum  zwischen 
der  Mauer  auf  den  Rändern  des  Berges  und  der  von  Tacitus  be- 
schriebenen Grenzlinie  im  Thale,  das  heifst  also  ein  Raum  aufs  er- 
halb des  Mauerringes:  das  nachweisbar  älteste  Pomerium  ent- 
spricht also  durchaus  derjenigen  Bedeutung,  die  wir  als  ihm  von 
Haus  aus,  sowie  nach  den  Definitionen  des  Sakralrechts  einwoh- 
nend, kennen  gelernt  haben. 


Ausdruck  e&ri  gebraucht  wird.  Denn  durch  das  feierliche  AusHprechen 
und  Bestimmen  des  fraglichen  Raums  für  seinen  bestimmten  Zweck  wird 
dieser  selbst  —  das  ist  die  Auffassung  des  heiligen  Rechts  —  wirklich  als 
ein  besonderer  ausgeschieden,  gleichsam  herausgeschnitten.  Der  so  heraus- 
geschnittene Raum  bildet  in  seiner  Gesamtheit  das  Stadtgebiet;  er  zerfällt 
(einmal  in  die  Stadt  selbst,  sodann  in  dae  aufserhalb  der  Stadtmauer  befind- 
liehe Gebiet:  nnd  mit -diesem  letzteren  ist  der  Name  Pomerium  verbunden. 
Daher  die  Bestimmung  dieses  als  innerhalb  des  ausgehobenen  Gebiets  selbst 
befindlich  (intra  agrum  el£atum),  aber  hinter  den  Mauern  der  Stadt  und 
iwar  per  totins  urbis  circuitum.  Die  Stadtmauer  auf  der  einen,  die  äufserste 
Grenze  des  ager  effatus  auf  der  andern  Seite  bildet  die  beiden  Grenzlinien 
des  Pomerium  und  mit  der  änfsem  Grenzlinie  ist  zugleich  der  finis  urbani 
auspicii  verbunden.  Das  pomerium  ist  demnach  ein  Raum  (locus),  welcher 
wie  ein  breiter  Landstreifen  die  gesamte  Mauer  auf  ihrer  auswärts  gekehr- 
ten Seite  umkreist.  Und  mit  dieser  Definition  stimmt  Festus  p.  250  fiber- 
«D,  dessen  zerstückeile  Worte  veluti  post  moe  —  intro  muris  urbis  sicher 
w  zu  fassen  sind,  dafs  sie  sich  auf  dasjenige  Gebiet  beziehen,  welches  auf 
der  einen  Seite  durch  die  Grenzen  des  ager  effatus,  auf  der  andern  —  und 
zwar  nach  innen  (intro)  —  durch  die  Mauern  der  Stadt  selbst  eingeschlos- 
sen wird.  Mommsens  Annahme,  dafs  die  Mauer  als  zur  Stadt  selbst  nicht 
ungehörig  zu  denken;  dals  die  städtischen  Auspicien  ein  Stück  vor  der 
Stadtmauer  —  d.  h.  innerhalb  der  Stadt  —  ihr  Ende  erreicht,  diese  selbst 
al^  auTserhalb  des  Auspicienraumes  gelassen  habe,  richtet  sich  meiner  An- 
sicht nach  selbst. 

1)  Ober  daä  Pomerium  der  späteren  Gesamtstadt  vgl.  Kap.  8. 

2)  Ann.  12,  24. 


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-     120     — 

Jordan*)  hat  nun  zum  Schutz  der  von  ihm  vertretenen  Theo- 
rie zu  der  Hypothese  seine  Zuflucht  genommen,  in  der  Tiefe  sei 
eine  zv^reite  Mauer  hergelaufen.  Sehen  wir  daher,  was  sich  für 
diese  Annahme  anführen  läfst. 

Es  kommen  hier  zwei  Angaben  in  Betracht,  deren  eine  sich 
bei  Tacitus,  deren  andere  sich  bei  Festus  findet.  Denn  wenn 
Tacitus*)  ausdrücklich  das  initium  condendi,  das  primum  pome- 
rium,  den  sulcus  designandi  oppidi  coeptus  identifiziert,  so  scheint 
daraus  allerdings  hervorzugehen,  dafs  er  die  älteste  Mauer  eben 
da  ansetzt,  wo  er  den  sulcus  primigenius  sein  läfst,  d.  i.  in  der 
Tiefe.  Aber  es  darf  als  völlig  sicher  bezeichnet  werden,  dafs 
Tacitus  hier  verschiedene  Begriffe  konfundiert..  Mit  besserm,  d.  h. 
mit  einzigem  Rechte  läfst  die  vorzügliche  Quelle  des  Dio^)  den 
sulcus  primigenius  bestimmt  und  ausdrücklich  auf  der  Höhe  des 
Berges  —  inl  Uakkavtiov  —■  ziehen:  eine  Angabe,  die,  wie  schon 
bemerkt,  bislang  so  gut  wie  gar  keine  Beachtung  gefunden  hat. 
Und  mit  dieser  Ansetzung  stimmt  —  als  stärkster  Beweis  — 
eben  die  Mauer  selbst  überein,  deren  Reste  wir  auf  der  Höhe 
noch  verfolgen  können.  Als  Tacitus  schrieb,  war  diese  Mauer 
in  ihrem  Zuge  schon  verfallen  und  zum  gröfsten  Teile  verschwun- 
den, während  die  Linie  im  Thale  durch  den  jährlich  vollzogenen 
Umgang  der  Luperci  noch  dem  Bewufstsein  sich  erhielt.  So  lag 
es  nahe,  diese  Grenzlinie  im  Thale  als  die  eigentliche  Mauerlinie 
zu  fassen.  In  Wirklichkeit  ist  diese  Thallinie  aber  nur  die 
äufsere  Grenze  des  Pomerium,  deren  innere  mit  der  Mauer  auf 
der  Höhe  selbst  zusammenfällt.  Denn  da,  wie  wir  sahen,  das 
Pomerium  nicht  eine  Linie,  sondern  eine  Fläche  ist,  welche  wie 
ein  Streifen  im  Kreise  um  einen  innern  Raum  herumläuft,  so  hat 
es  selbstverständlich  zwei  Grenzlinien  gegeben,  eine  äufsere  und 
eine  innere:  Tacitus  verwechselt  also  jene  mit  dieser;  der  Mauerzug 
selbst  ist  also  durchaus  unabhängig  von  der  Thallinie,  wie  sie 
Tacitus  beschreibt,  und  jener  ist  mit  Dio  allein  und  ausschliefs- 
lich  auf  der  Höhe  des  Berges  selbst  anzusetzen. 

1)  1,  1,  166  ff.  173  ff. 

2)  A.  0. 

3)  Die  Stelle  des  Dio  lautet  fr.  6,  2:  ort  'Pm^vlog  inl  tov  nuXlccV" 
xiov  to  x^g  fifXlov df^g  ^asüd'cti  *P<6iirjg  cx^iia  diaygatpmv  xavQov  dafiaXfi 
avvsSsv^Sj  worauf  eine  nähere  Erklärung  dieser  symbolischen  Handlung,  vgl. 
oben  S.  117,  folgt.  Hier  wird  also  —  im  Gegensatz  gegen  Tacitus^  Angabe 
—  der  sulcus  designandi  oppidi  coeptus  inl  tov  TlaXlavtiov  d.  h.  auf  der 
Höhe  des  Berges  fixiert. 


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—     121     — 

Die  zweite  Angabe,  auf  welche  sich  die  Annahme  einer  im 
Thale  laufenden  Mauer  stützen  kann,  findet  sich  bei  Festus.  ^) 
Festns  berichtet  nämlich  Folgendes:  Romanam  portam  vulgus  ap- 
pellat  ubi  ex  epistylio  defluit  aqua,  qui  loci]s  ab  antiquis  appel- 
lari  solitus  est  statuae  Cinciae  quod  in  eo  fuit  sepulcrum  fami- 
liae.  sed  porta  Romana  instituta  est  a  Romulo  infimo  clivo 
Victoriae  qui  locus  gradibus  in  quadram  formatus  est.  Befand 
sieh  wirklich,  wie  Verrius  angab,  die  porta  Romana  infimo  clivo, 
so  scheint  dieselbe  allerdings  nicht  ohne  eine  dazu  gehörige 
Mauer  zu  denken,  und  diese  letztere  wäre  daher  gleichfalls  infimo 
cHyo  —  und  nicht  auf  der  Höhe  —  anzusetzen.  Aber  dieser 
Schlafe,  der  sich  allerdings  zunächst  von  selbst  darbietet,  ist  nur 
scheinbar  richtig.     Die  porta  Romana*)   ist   unzertrennlich    mit 


1)  P.  262.     Zum  Teil  ist  die  Stelle  schon  oben  S.  42  besprochen. 

2)  Jordan  nimmt  an  (vgl.  1,  1,  173  ff.  176  f.  Anm.  40.  178.  Anm.  43), 
die  porta  Romana  sei  überhaupt  aus  der  Entstellung  eines  Volksausdrucks 
fSr  einen  Wasserleitungsbogen  hervorgegangen.  Ich  bei  rächte  es  dagegen  als 
darchans  sicher,  dafs  ein  Thor  an  dieser  Stelle  in  älterer  Zeit  wirklich  vor- 
handen gewesen  ist,  da  der  clivus  mit  Notwendigkeit  ein  Thor  wenigstens 
oben  in  dem  Mauerringe  voraussetzt,  in  den  der  clivus  doch  einmünden 
molste.  Was  die  Angabe  des  Festus  selbst  betrifft,  so  sind  in  derselben 
offenbar  zwei  verschiedene  Ansiebten  vereinigt:  die  des  vulgus,  wonach  die 
porta  sich  da  befunden  haben  soll,  ubi  ex  epistylio  defluit  aqua,  und  die 
des  Verrius  selbst,  der  mit  dem  sed  der  vorher  angeführten  Meinung  ent- 
gegen zu  treten  scheint  und  sich  dahin  ausspricht,  dafs  die  porta  sich  in- 
fimo cUvo  befanden  habe.  Von  dem  Thore  selbst  war  also  offenbar  nichts 
mehr  übrig  —  wenn  man  nicht  eben  das  epistylium  darauf  beziehen  will  — : 
€fi  war  nur  noch  eine  Tradition  im  Umlauf,  welche  den  clivus  Victoriae 
selbst  mit  einer  einst  hier  vorhanden  gewesenen  porta  verknüpfte.  So  be- 
bestimmt ich  nun  aber  zu  erkennen  glaube,  dafs  die  Angabe  des  Festus 
i'fei  verschiedene  Ansichten  über  die  Lage  der  porta  Romana  in  sich  ver- 
einigt, so  glaube  ich  doch  anderseits,  dafs  dieselben  sich  im  wesentlichen 
nicht  sehr  von^  einander  unterscheiden.  Denn  auch  die  Ansicht  des  volgus, 
die  das  Thor  dahin  setzte,  ubi  ex  epistylio  defluit  aqua,  mufs  jedenfalls 
dieses  in  der  Tiefe  gesucht  haben.  Denn  wenn  es  bei  Festus  in  Bezug  auf 
«iiese  Stelle  heifst  qui  locus  ab  antiquis  appellari  solitus  est  statuae  Cin- 
^  quod  in  eo  fuit  sepulcrum  eins  familiae  (auch  p.  67  heifst  es:  Cincia 
locus  Bomae,  ubi  Cinciomm  monimentum  fuit),  so  darf  man  daraus  mit  Sicher- 
heit Bchlielsen,  dafs  diese  Stelle  gleichfalls  in  der  Tiefe  lag:  denn  das  Erb- 
begräbnis kann  man  unmöglich  auf  der  Höhe  sich  denken.  Es  kann  sich 
^  betreffs  der  Ansicht  des  volgus  und  der  des  Verrius  selbst  nur  um  ge- 
rioge  Differenzen  handeln:  die  allgemeine  Volksmeinung  knüpfte  an  einen 
alten  Bogen  an,  der  vielleicht  in  Wirklichkeit  mit  dem  sepulcrum  Cincio- 
^^^  in  Beziehung  stand;  Verrius  aber  setzt  das  Thor  unmittelbar  am  Ende 


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—     122     — 

dem  clivus  Victoriae  verbunden:  nichts  aber  hindert  uns  anzu- 
liehmen,  dafs  dieser  clivus  in  der  Zeit^  als  die  Befestigung  des 
Palatinus  noch  eine  wirklich  ernstliche  war,  als  solcher  gleich- 
falls befestigt  war.  Befand  sich  also  wirklich  eine  porta  infimo 
clivo,  so  steht  dieselbe  mit  der  Befestigung  des  clivus  überhaupt 
in  Zusammenhang,  welcher  wahrscheinlich  durch  Seitenmauern 
gedeckt  von  der  Höhe  des  Hügels  in  die  Ebene  hinabführte  und 
hier  bei  seinem  Austritt  in  diese  noch  durch  ein  Thor  geschützt 
war.  Ganz  dasselbe  Verteidigungssystem  werden  wir  bei  der 
Stadt  des  Esquilin  kennen  lernen.  Es  würde  also  keineswegs 
aus  dem  wirklichen  Vorhandensein  einer  porta  infimo  clivo 
folgen,  dafs  eine.  Mauer  den  Palatin  in  der  Tiefe  umzog:  sondern 
nur  das  eine,  dafs  eine  porta  den  Aufgang  des  clivus  selbst 
schützte,  indem  sie  ihn  nach  unten  zu  abschlofs  und  ihn  so  ver- 
teidigte. Diese  porta  infimo  clivo  würde  also  keineswegs  das 
Vorhandensein  einer  porta  oben,  d.  h.  in  dem  oberen  Mauerringe 
der  Höhe  ausschliefen,  sondern  sie  geradezu  voraussetzen.  Denn 
führte  ein  clivus  den  Cermalus  hinan,  so  mufs  es  doch  wohl  als 
selbstverständlich  betrachtet  werden,  dafs  derselbe  in  den  oberen 
Mauerring  ausmündete,  so  lange  dieser  letztere  überhaupt  noch 
vorhanden  war:  das  war  aber  nur  möglich,  wenn  in  dem  Mauer- 
ringe selbst  eben  eine  Öffnung,  d.  h.  ein  Thor  war.  Die  porta 
infimo  clivo  hat  also  durchaus  nichts  innerlich  Unwahrschein- 
liches: sie  ist  in  Zusammenhang  mit  der  ihr  entsprechenden  porta 
des  obern  Mauerrings  ein  integrierender  Bestandteil  des  gesam- 
ten Verteidigungssystems,  welches  sein  Hauptgewicht  auf  die 
Sicherheit  der  Auf-  und  Zugänge  zur  Stadt  legte,  die  es  wohl- 
überlegt sowohl  unten  wie  oben  durch  Festungsthore  abschlofs. 
Keineswegs  also  kann  man  aus  dieser  porta  infimo  clivo  auf  das 
Vorhandensein  einer  den  Berg  in  der  Tiefe  umkreisenden  zweiten 
Mauer  schliefsen.  ^) 

resp.  am  Aufgange  zum  clivus  Victoriae  an:  und  diese  Fixierung  des  Thors 
ist  sicher  richtig,  da,  wenn  hier  überhaupt  ein  Thor  war,  es  notwendig  mit 
dem  clivus  in  innere  Beziehung  gebracht  werden  mufs.  Was  das  sepulcrum 
Cinciorum  betrifft,  so  haben  wir  ohne  Zweifel  in  den  Ciucii  ein  altes  patri- 
eise hes  Geschlecht  zu  sehen,  welches  einst  eine  bedeuteüde  Rolle  gespielt 
haben  mag:  historisch  bekannt  sind  nur  die  plebejischen  Zweige  derselben. 
1)  Undenkbar  wäre  es  übrigens  auch  nicht,  dafs  in  der  Tiefe  ursprüng- 
lich kein  Thor  vorhanden  war  und  doch  die  Tradition  an  dieser  Stelle  ganz 
allgemein  ein  Thor  annahm.  Man  bedenke  in  Bezug  darauf  Folgendes.  Über- 
einstimmend berichten  Yarro  sowohl  (1.  1.  5,  164  alter  am  (portam)  Koma- 


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-     123     - 

In  bestimmtester  Weise  wird  nun  aber  diese  Hypothese  einer 
zweiten  Stadtmauer  in  der  Tiefe  durch  einen  von  Varro  erwähn- 
teo  und  durchaus  unzweifelhaften  Umstand  widerlegt:  das  ist  die 
positive  Angabe^  der  Bezirk  des  Velabrum  habe  sich  extra  urbem 
antiqoam  befunden.  ^)  Daraus  folgt,  dafö  im  Westen  keine  zweite 
Maoer  hergegangen  sein  kann,  eben  weil  das  ganze  Gebiet  unter- 
halb des  Westabhangs  des  Berges  nicht  zur  Stadt  hinzugehörte  und 
demnach  doch  auch  nicht  die  Stadtmauer  selbst  tragen  konnte.*) 


oam  a  Borna  dietam  qaae  habet  gradus  in  Nova  yia)  als  Festus  (pag.  262 
porta  Bomana  iostitata  est  a  Romulo  infimo  chvo  Victoriae  qui  locus  gra- 
dibus  in  qoadram  formatus  est),  dafs  Siofen  den  clivus  herabführten,  welche 
in  die  Tiefe  mündeten:  dieselben  scheinen  allerdings  nur  den  letzten  Teil 
des  Abstiegs  eingenommen  zu  haben,  indem  hier  in  Form  eines  Quadrats 
steinerne  Stufen  von  drei  verschiedenen  Seiten  den  Aufgang  des  clivus  be- 
gannen. Denkt  man  sich  nun  das  Thor  in  der  Mauer  auf  der  Höhe  des 
dims,  von  dem  ein  Abstieg  hemiederfuhrte,  so  erklärt  es  sich  leicht,  wie 
an  diesen  Abstieg,  resp.  an  seinen  Endpunkt  in  der  Tiefe,  sich  der  Name 
der  porta  heften  konnte,  als  sie  selbst  eben  im  Laufe  der  Zeit  auf  der 
Höhe  verfallen  und  verschollen  war.  Denn  diesen  Abstieg  resp.  die  Stufen, 
in  denen  er  ausmündete,  konnte,  ja  mufste  man  in  gewisser  Weise  als  not- 
wendigen Teil  des  Thors  selbst  betrachten,  da  dieses  mitsamt  den  Stufen 
ein  eng  zusammengehöriges  Ganzes  bildet:  jene  gradus  waren  in  der  That 
der  eigentliche  Austrittspunkt  von  der  Höhe  in  die  Tiefe,  das  Thor,  aus 
dem  heraus  man  von  der  Burg  und  aus  dem  Mauerringe  in  die  Ebene  trat. 
Es  würde  sich  also,  wie  mir  scheint,  leicht  erklären,  wie  im  Laufe  der  Zeit 
eine  Verwechslung  dieser  beiden  Ausgangspunkte,  des  einen  in  der  Höhe 
aus  der  Mauer  selbst,  des  andern  in  der  Tiefe  in  die  eigentliche  Stadt  sich 
vollzog,  nachdem  eben  jener  in  der  Höhe  durch  die  Niederlegung  der  Mauer 
Terschollen  war.  Diese  Erwägung,  für  so  berechtigt  ich  sie  an  und  für 
sich  halte,  scheint  mir  aber  hier  aus  dem  Grunde  unnötig,  weil  ich  die 
wirkliche  ESxistenz  eines  alten  Thors  in  der  Tiefe  —  korrespondierend  dem 
jfl  der  Höhe  —  in  der  That  für  sehr  wahrscheinlich  halte. 

1)  Wie  Varro  1.  1.  6,  24  bezeugt:  qui  uterque  locus  extra  urbem  anti- 
qoam fuit,  mag  man  nun  den  uterque  locus  auf  das  Velabrum  überhaupt, 
oder  nur  auf  die  Einzelpunkte  der  curia  Acculeia  und  des  Larentinal  be- 
nähen: vgl.  oben  S.  66. 

2)  Diese  Lage  des  Bezirks  —  extra  urbem  antiquam  —  ist  immerhin 
interessant  genug,  um  noch  einen  Augenblick  bei  ihr  zu  verweilen.  Haben 
wir  die  Curia  Velitia  mit  dem  Velabrum  in  innem  Zusammenhang  gebracht, 
«0  können  wir  auch  die  Bezeichnung  Velites  von  dem  einen  wie  von  der 
*<»dem  nicht  trennen.  Unter  velites  versteht  man  Leichtbewaflftiete ,  Er- 
S&nxnngsmannschaften ,  die  im  Lager  aufserhalb  des  Walls  sich  befinden, 
der  Legionen  und  Bundesgenossen  nmgiebt.  Schon  Nissen  Tempi.  84  hat 
»of  die  Ähnlichkeit  hingewiesen ,  die  hierin  zwischen  der  Lage  des  Vela- 
hnim  und  der  Lagerung  der  Velites  hervortritt.    Es  ist  mir  wahrscheinlich, 


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—     124     — 

Damit  fällt  aber  die  ganze  Hypothese  in  nichts  zusammen.  Wie 
wir  also  auch  die  porta  Romana  erklären  wollen:  sie  beweist 
auf  keinen  Fall  eine  zweite  Stadtmauer  in  der  Tiefe.  Und  spricht 
gegen  eine  solche  nicht  nur  diese  positive  Angabe,  sondern  auch 
das  Nichtvorhandensein  jedes  Überrestes;  die  Unwahrscheinlich- 
keit  ferner,  dafs  ein  verhältnismäfsig  so  geringer  Raum,  wie  es 
der  palatinische  Berg  mit  dem  schmalen  ihn  umkreisenden  Ringe 
der  Ebene  ist,  von  einer  doppelten  Mauer  umgeben  gewesen  sein 
sollte;  die  Unmöglichkeit  endlich,  dafs  die  hochheiligen  Stätten 
der  ara  maxima,  der  ara  Consi  gerade  in  resp.  an  der  Ringmauer 
selbst  lagen:  so  haben  wir  ein  Recht,  die  Existenz  einer  zweiten 
Mauer  in  der  Tiefe  abzuweisen  und  die  Angabe  des  Tacitus,  wie 
oben  geschehen,  auf  eine  Verwechslung  der  äufseren  Grenzlinie 
des  Pomerium  mit  der  inneren  zurückzuführen. 

Danach  glaube  ich  mit  Bestimmtheit  den  ursprünglichen  Be- 
griff und  die  älteste  praktische  Anwendung  des  Pomerium  be- 
stimmen zu  können.  Der  Name  pomerium  hat  ursprünglich  an 
demjenigen  Räume  gehaftet,  welcher  zwar  aufserhalb  der  eigent- 
lichen Burgmauer  lag,  aber  doch  zusammen  mit  dem  Burgraume 
selbst  ein  einheitliches  und  zusammengehöriges  Gebiet  bildete. 
Die  Arx  und  ihr  Pomerium  bilden  zusammen  eine  Einheit:  das 
Pomerium  ist  wie  ein  Aufsenhof,  der  sich  dem  Mauerringe  selbst 
vorlegt.  Dieser  Gesamtraum  ist  nun  aber  staatsrechtlich  von 
höchster  Bedeutung  geworden.^)     Denn  es  kann  meiner  Ansicht 

dafs  die  Bürger  des  Velabrum  überhaupt  anfangs  eine  minder  berechtigte 
Stellong  im  Staate  nnd  im  Heere  einnahmen,  was  sich  sehr  leicht  ans  der 
geschichtlichen  Entwicklung  erklärt,  in  der  wir  das  Velabrum  in  seinem  Ver- 
hältnis zum  Palatium  kennen  gelernt  haben.  Während  demnach  die  Ge- 
meinden der  Velia  sowohl  wie  des  Palatium  jede  ein  Stück  ihres  Sonder- 
gebiets zum  gemeinsamen  Besitz  hergaben  und  dadurch  den  ersten  Grund- 
bestand des  Staatsgebiets  bildeten,  war  das  Velabrum  hiervon  ausgeschlossen, 
welches  somit  eine  gewisse  Sonderstellung  einnahm  und  nur  als  minder- 
berechtigtes Mitglied  anfangs  zur  neuen  Stadt  binzugehörte.  Aus  dieser 
historischen  Stellung,  welche  die  velitische  Gemeinde  einnahm,  erklärt  sich 
also  einmal  das  Ausgeschlossensein  des  ganzen  Bezirks  von  der  Stadt;  ander- 
seits aber  erklärt  sich  so,  wie  Name  und  Stellung  sich  an  die  „Velites" 
knüpfen  und  ihnen  bleiben  konnte^  lange  nachdem  dieser  Ausdruck  eine 
viel  allgemeinere  Bedeutung  erworben  und  von  der  eigentlichen  Bürger- 
schaft des  Velabrum  sich  gänzlich  gelöst  hatte:  denn  für  eine  minder- 
berechtigte Stellung  dieses  Bezirks  in  historischer  Zeit  ist  überhaupt 
kein  Anzeichen  vorhanden. 

1)  Für  mich  steht  fest,  dafs  an  diesem  aus  bestimmten  Gründen  der 


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-     125    — 

Daeh  kein  Zweifel  sein,  dafs  wir  in  diesem  Räume  denjenigen 
Bezirk  zu  sehen  haben^  welchen  die  zum  Foedus  zusammentreten- 
den drei  Gemeinden  des  palatinischen  Bergs  aus  ihrem  Sonder- 
besitz  ausgeschieden  und  zum  Gemeinbesitz^  zum  Gesamteigentum 
des  Foedus  selbst  bestimmt  haben.  In  der  Burg  und  dem  ihm 
zugelegten  Räume  erhoben  jene  Hirtendörfer  jedes  einen  Teil  des 
eigenen  Bezirks  zum  Gemeinbezirk  und  haben  in  ihm  den  Ge- 
danken des  einheitlichen  Foedus,  d.  h.  der  gemeinsamen  res 
publica,  des  Staats  verkörpert  Der  zum  Staatsgebiete  erklärte 
Bezirk  bildete  also  von  nun  an  den  Mittelpunkt  des  gesamten 
Bundesgebiets:  es  unterschied  sich  fortan  Einzel-  und  Gemein- 
besitz, Gemeindedistrikte  und  Staatsgebiet:  um  das  gemeinsame 
Staatsgebiet  legten  sich  im  Kreise  die  Sondergebiete  der  einzel- 
nen Distrikte  herum,  die  einst  als  selbstäudige  Gemeinden,  jetzt 
als  Kurien  fortlebten.  In  diesen  ihren  Sondergebieten  bildeten 
sie  ein^n  bestimmten  Gegensatz  zu  dem  Bundes-,  dem  Staats- 
gebiete, an  das  sie  sich  wie  an  einen  schützenden  Mittelpunkt 
anschlössen. 

Es  liegt  uns  nun  eine  doppelte  Aufgabe  ob:  einn\al  genau 
den  Umfang  festzustellen,  den  der  so  zum  Bundesbesitz  aus- 
geschiedene Raum  einnahm;  sodann  uns  der  Gründe  bewufst  zu 
werden,  aus  denen  gerade  dieser  -  Bezirk  zum  Gemeinbezirk  er- 
hoben worden  ist.  Stellen  wir  daher  zunächst  den  Umfang  dieses 
Bezirks  fest. 

Tacitus^)  berichtet  über  die  Grenzen  desselben  Folgendes: 
sed  initium  condendi  et  quod  primum  pomerium  Romulus  posu- 
erit  noseere  band  absurdum  reor.  igitur  a  foro  boario,  ubi  aereum 

^er  vorgelegten  Baume  der  Begriff  des  pomerium,  wie  er  später  im  Staats- 
^  Sakralrechte  eine  wichtige  Bolle  spielt,  überhaupt  erst  sich  gebildet 
hat  Das  Wort  ist  ein  uraltes  lateinisches,  und  dafs  der  Begriff  selbst  aus 
der  Fremde  gekommen  sei,  durch  nichts  indiciert.  Wenn  so  viele  Institu- 
tionen des  Sakralrechts  in  Bom  auf  uralte  etruskische  Einflüsse  zurück- 
geführt werden,  so  erklärt  sich  dae  aus  dem  faktischen  Vorhandensein  der 
logores  und  anderer  etruskischer  Elemente  späterer  Zeit:  diese  haben 
B^targemäTs  ein  Intere^e  gehabt,  diejenigen  Einrichtungen  und  Biten,  auf 
<lie  sie  später  allerdings  einen  sehr  bestimmten  Einflufs  gewonnen  hatten, 
«hon  auf  etruskische  Einwirkungen  ältester  Zeit  zurückzuführen.  Begriff 
'oid  Ausdruck  Pomerium  haben  sich  meiner  Überzeugung  nach  ebenso  wie 
Begriff  und  Ausdruck  des  Forum  erst  in  Bom  gebildet  und  haben  von  hier 
*hren  Weg  durch  Italien  genommen. 
1)  A.  0. 


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—     126     - 

tanri  simnlacrum  aspicimus,  quia  id  genus  animalium  aratro  sub- 
ditur,  sulcus  designandi  oppidi  coeptus  ut  rnagnam  Hercalis  aram 
amplecteretur.  inde  certis  spatiis  interiecti  lapides  per  ima  mon- 
tis  Palatiui  ad  aram  Consi,  mox  curias  veteres,  tum  ad  sacellum 
Lamm  forumque  Romauum  et  Capitolium  non  a  Romulo  sed  a 
Tito  Tatio  additum  urbi  credidere:  ich  lasse  absichtlich  den  letz- 
ten Satz  ohne  Interpunktion,  weil  wir  erst  sehen  müssen,  was 
zusammengehört.^)  Tacitus  giebt  hier  also  an,  dafs  Grenzsteine 
um  den  ganzen  Berg  oder  wenigstens  den  Hauptteil  desselben 
herumliefen:  und  zwar  standen  dieselben  in  bestimmten  Zwischen- 
räumen und  liefen  so  von  der  ara  maxima  bis  zur  ara  des  Con- 
sus,  von  dieser  bis  zum  Kultlokal  der  curiae  veteres,  von  diesem 
endlich  bis  zum  sacellum  Larum.^) 

Sehen  wir  uns  diese  Punkte  nach  ihrer  wahrscheinlichen 
Lage  genauer  an,  so  entsprechen  sie  offenbar  den  Ecken  des 
Bergumfangs:  die  ara  maxima  bezeichnet  —  wenn  auch  mehr 
in  die  Ebene  hineingeschoben  —  die  Südwestecke,  die  ara  Consi 
die  Südostecke,  die  curiae  veteres  die  Nordostecke  —  auf  die 
Lage  des  sacellum  komme  ich  sogleich  zurück.  Es  erklärt  sich 
also  auf  diese  Weise  sehr  natürlich,  weshalb  Tacitus  gerade  diese 
Punkte  nennt:  die  Reihe  der  cippi  resp.  der  Lustrationszug  ging 
in  gerader  Linie  von  einem  der  genannten  Punkte  bis  zum  andern, 
um  bei  jedem  derselben  eine  Biegung  zu  machen  und  nun  wieder 
direkt  auf  den  folgenden  Punkt  zuzulaufen.  Die  von  Tacitus  an- 
geführten Einzellokale  sind  also  die  vier  Wendepunkte  der  Linie 
resp.  des  Prozessionszugs. 

1)  Die  Handschrift  bat  Laram  de,  doch  bat  schon  der  Korrektor  das 
de  gestrichen.     Vgl.  Jordan  1,  1.  163  f. 

2)  Die  gewöhnliobe  Auffassung  der  Worte  certis  spatiis  interiecti  lapi- 
des, wonach  man  die  certa  spatia  unabhängig  von  den  im  Folgenden  ein- 
zeln aufgezählten  Distanzen  fafst,  so  dafs  die  ara  Consi,  die  curiae  veteres, 
das  sacellum  Lamm  nur  als  Ruhepunkte  in  der  Umschreibung  des  pala* 
tinischen  Bergs  erscheinen,  halte  ich  nicht  für  richtig.  Mir  erscheint  es 
natürlicher  und  einfacher,  die  certa  spatia  eben  in  den  drei  namentlich  aaf> 
geführten  Lokalen  wieder  zu  erkennen,  d.  h.  mit  ihnen  zu  identifizieren,  in 
welchem  Falle  wir  freilich  das  ad  nicht  als  „bis",  sondern  als  „bei"  zu 
fassen  haben.  Die  Grenzsteine  standen  demnach  in  bestimmten  Zwischen- 
räumen und  zwar  bei  der  ara  Consi,  bei  den  curiae  veteres  und  beim  sa- 
cellum Lamm,  ohne  Zweifel  aber  auch  bei  der  ara  maxima  selbst,  von  der 
die  ganze  Umschreibung  ausgeht  Beispiele  des  so  gebrauchten  ad  siehe 
Tac.  Ann.  1,  87.  2,  87.  3,  ß.  3,  60.  3,  18.  4,  11  etc.  CJerber  und  Greef 
Lexicon  Taciteum  ö.  28. 


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-     127     — 

Man  hat  es  nun  stets  als  äufserst  auffallend  bezeichnet^  dafs 
die  Umschreibung  des  Bergs  ein  Stückwerk  bleibt:  denn  indem 
der  Umzug  von  dem  Forum  boarium^  speziell  von  der  ara  ma- 
lima,  ausgeht^  läfst  er  die  Westseite  des  Bergs  ganz  unberührt: 
und  um  wenigstens  einen  notdürftigen  Abschlufs  zu  erzielen,  hat 
man  die  Worte  forumque  Romanum  zu  sacellum  Larum  heran- 
gezogen, d.  h.  nach  forum  Rom.  ein  gröfseres  Interpunktions- 
zeichen gesetzt,  sodafs  die  Beschreibung  der  Lustrationslinie  nicht 
nur  bis  zum  sacellum  Larum,  sondern  weiter  bis  zum  Forum 
Romanum  gehen  würde.  ^)  Aber  man  darf  hier  doch  sogleich 
darauf  aufmerksam  machen,  wie  wenig  angebracht  das  Forum 
Romanum  an  dieser  Stelle  ist:  haben  wir  in  der  ara  ma- 
xima,  der  ara  Consi,  den  curiae  veteres,  dem, sacellum  ganz»  be- 
stimmte Einzellokale,  so  ist  dagegen  das  Forum  Romanum  ein 
so  vager  viel  umfassender  Begriff,  dafs  er,  zu  jenen  Einzellokalen 
hinzugefügt,  sich  sehr  wunderbar  ausnehmen  würde.  Und  da 
das,  was  damit  bezweckt  wird  • —  der  Umschreibung  die  nötige 
Vollständigkeit  zu  geben  —  in  Wirklichkeit  doch  nicht  völlig 
erreicht  wird,  so  trennen  wir  richtiger  die  Worte  forumque  Ro- 
manum von  dem  Vorhergehenden  und  verbinden  sie  mit  den  fol- 
genden: forumque  Romanum  et  Capitolium  non  a  Romulo  sed 
a  Tito  Tatio  additum  urbi  credidere.^)  In  welcher  Beziehung 
diese  Worte  mit  den  vorhergehenden  stehen,  scheint  mir  klar: 
Tacitus  will  erklären,  weshalb  er  seine  Umschreibung  mit  dem 
sacellum  Larum  beendet,  eben  weil  die  daran  anschliefsenden 
Teile  --  speziell  das  Forum  —  einst  nicht  im  Besitz  der  ver- 
einigten drei  Gemeinden  resp.  der  palatinischen  Stadt  waren. 
Natürlich  konnte  der  Umzug  doch  nur  auf  eigenem  Gebiete  statt- 
finden, für  dieses  bildete  aber  das  sacellum  Larum  die  äufserste 
Grenze.     Es  bedarf  das  noch  einer  Bemerkung.     Man  übersieht. 


1)  Vgl.  hierüber  Jordan  1,  1.  163.  Anm.  20,  der  sich  dieser  entgegen- 
gesetzten Auffassung  der  Worte  anschlielÄt.  Dagegen  hat  schon  Becker 
S-  93  richtig  nach  Lamm  ein  Kolon  gesetzt  und  foromqne  et  Capitolium, 
äU  ausserhalb  des  alten  Pomerium  befindlich,  zusammen  gelassen. 

2)  Daus  das  Forum  Romannm  erst  durch  das  Bilndnis  zwischen  lidmem 
nnd  Sabinem  zur  Stadt  hinzugekommen  sei,  ist  eine  ganz  allgemeine  An- 
nahme des  Altertums  und  unzweifelhaft  richtig.  Vgl.  üionys.  2,  60.  66. 
Ka  dahin  und  selbst  spater  sollte  es  eine  sumpfige  und  wald bewachsene  Nie- 
dening  gewesen  sein,  die  völlig  erst  durch  Tarquinius'  Kloakenbau  trocken 
gelegt  war.     Vgl.  darüber  später. 


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-     128     - 

scheint  mir,  die  Notiz  des  Tacitas,  dafs  die  Grenzlinie  per  ima 
montis  Palatini  hergehe^):  schliefst  also  Tacitus  seine  Beschrei- 
bung mit  dem  sacellum  Larum  und  fügt  sogar  noch  die  Bemer- 
kung hinzu,  dafs  das  Forum  erst  später  zur  Stadt  hinzugefügt 
sei,  so  liegt  doch  darin  deutlich  genug  ausgedrückt,  dafs  die 
Grenzlinie  hier  die  ima  verlasse.  Und  das  ist  denn  auch  sicher 
richtig.  Wir  wissen,  dafs  die  Ebene  des  Velabrum  nicht  zur 
Stadt  des  Palatin  gehört  hatte;  die  Grenzlinie  der  Stadt  mufste 
also  hier  auf  der  Westseite  unmittelbar  am  Abhänge  des  Bergs 
herlaufen:  das  gilt  aber  ohne  Zweifel  auch  schon  für  die  Strecke 
vom  Sacellum  Larum  bis  zum  Velabrum.*)  Wenn  also  Tacitus 
die  Beschreibung  der  Grenzlinie  erst  mit  der  ara  maxima  beginnt, 
mit«dem  sacellum  Larum  schon  endet,  so  ist  er  sicher  nicht  dabei 
von  der  Meinung  ausgegangen,  die  alte  Stadt  habe  im  Westen 
und  Nordwesten  überhaupt  keine  Grenzlinie  gehabt,  sondern  teilt 
die  letztere  aus  dem  Grunde  nicht  mit,  weil  dieselbe  sich  hier 
so  eng  an  den  Palatinus  selbst,  seinen  Abhang,  anschlofs,  dafs 
er  ihre  Mitteilimg  für  überflüssig  hielt:  er  wollte  eben  nur  die 
Linie,  soweit  sie  per  ima  lief,  mitteilen.  Wir  haben  daher  ein 
Recht,  das  sacellum  Larum  wirklich  für  das  äufserste  Ende  der 
Grenzlinie  im  Thal,  anzusehen:  von  hier  an  schlofs  sich  dieselbe 
resp.  der  sie  beschreitende  Prozessionszug  eng  und  unmittelbar 
an  die  Abhänge  des  palatinischen  Berges  selbst  an. 

Das  sacellum  Larum  steht  nun  seiner  Lage  nach  genau  fest. 
Denn  wenn  Solinus^)  'den  Ancus  Marcius  in  summa  sacra  via 
ubi  aedes  Larum  wohnen  läfst,  anderseits  aber  die  Wohnung 
dieses  Königs  von  Varro*)  dahin  bestimmt  wird,  dafs  sie  gewesen 

1)  Ähnlich  die  Angabe  des  Messalla  bei  Gell.  13,  14,  2:  antiqnissimam 
autem  pomerium,  quod  a  Romnlo  institutam  est,  Palatini  montis  radicibus 
terminabatur.  Messalla  schöpft  ansgesprochenermafsen  aus  den  Augoral- 
büchern,  Tacitus  nach  Jordan  1,  1.  164  aus  Messalla,  was  mir  aber  nicht 
nötig  scheint,  da  ihm  der  Umzug  der  Luperci  sehr  wohl  aus  der  Erfahnrng 
selbst  bekannt  sein  konnte,  während  Messalla  seine  sehr  eingehenden  An- 
gaben offenbar  einer  schriftlichen  Quelle  entlehnen  mufs. 

2)  Der  palatinische  Berg  hat  gerade  hier  —  vom  Titusbogen  bis  zni 
Kirche  S.  Maria  Liberatrice  —  grofse  Veränderungen  durch  die  Anlage  der 
Famesischen  Gärten  erfahren:  es  ist  auf  Grund  der  eben  betrachteten  Be- 
richte über  das  Pomerium  der  palatinischen  Stadt  wahrscheinlich,  dafs  der 
Berg  hier  ebenso  wie  an  der  Westseite  einst  schroffer  abfiel,  soda&  sich 
demnach  kein  abschüssiges  Terrain  der  Höhe  selbst  verlagerte. 

3)  1,  29. 

4)  Bei  Nonius  a.  0.  Eben  dahin  weist  auch  eioe  hischrift  I.  N.  n.  6764 


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—     129     — 

sei  in  Palatio  ad  portam  Mugionis  sub  sinistra:  so  mufs  man 
sich  nach  Yergleichung  beider  Angaben  dahin  entscheiden,  dafe 
die  fragliche  SteUe  zwar  schon  auf  dem  Abfall  des  palatinischen 
Berges,  aber  doch  auiserhalb  der  Mauern  des  oppidum  selbst  sich 
befand.  Die  Grenzlinie  ging  danach  von  der  Nordostecke  des 
Berges  auf  der  Sacra  via  her  bis  zu  dem  zur  porta  Mugionis 
fOhrenden  clivus,  um  von  hier  sich  direkt  zum  Berge  selbst  zu 
wenden  und  nun  unmittelbar  an  diesem  selbst  herzugehen.  Wir 
ersehen  also  daraus,  dafs  nur  im  Süden,  im  Osten  und  teilweise 
im  Norden  ein  gröfserer  Raum  dem  Mauerzuge  selbst  vorgelagert 
war,  da&  dagegen  im  Westen  und  teilweise  auch  im  Norden  die 
Grenzlinie  unmittelbar  mit  dem  Abhänge  selbst  zusammenfiel. 
Und  das  will  ja  auch  offenbar  die  Nachricht  besagen,  dafs  das 
Velabrum  von  jeher  ganz  auiserhalb  des  oppidum  antiquum  sich 
befunden  hatte.  ^) 

Man  ist  zunächst  versucht  ans  der  Beschreibung  des  Tacitus 
ZQ  schliefsen,  dafs  die  von  ihm  verfolgte  Grenzlinie  auch  im 
Süden,  Osten  und  Norden  wenigstens  nicht  sehr  weit  von  dem 
Abfall  des  Berges  selbst  her  lief:  dem  ist  aber  nicht  so.  Die 
von  ihm  im  Süden  des  Bergs  angeführten  beiden  Punkte  —  die 
ara  maxima*)  und  die  ara  Consi')  —  zeigen,  dafs  die  Grenze 
mitten  im  Thale,  ja  mehr  auf  der  dem  Aventin  zugekehrten  Seite 
herging:  denn  da  die  ara  Consi  am  äufsersten  östlichen  Punkte 
des  Circus  maximus  und  zwar  innerhalb  dieses  selbst  sich  befand, 
so  kann  die  Grenze  nur  am  Oircus  maximus  selbst  hergegangen 
sein  d.  h.  diesen  selbst  mit  eingeschlossen  haben.  In  Bezug  auf 
die  Linie  an  der  Ostseite  des  Bergs  haben  wir  allerdings  kein 
Anzeichen,  ob  dieselbe  unmittelbar  am  Berge  her  oder  weiter 
dem  Caelius  zu  lief:  das  Thal  zwischen  Palatin  und  Caelius  ist 
ja  im  ganzen  so  eng,  dafs  die  Linie  sich  hier  von  selbst  ergiebt. 

=»  C.  I.  L,  VI  1.  n.  466,  welche  (Laribas  publicis  sacrum)  in  ipso  fere  Pa- 
latiiii  montis  in  forum  descensa  gefmiden  ist.  Ich  werde  nnten  (Kap.  7) 
wahrscheinlich  machen,  daft  die  hier  genannte  angebliche  WohnaDg  des 
Ancus  Marcins  in  Wirklichkeit  mit  dem  alten  Eönigshanse  in  samma  sacra 
^  der  spätem  Wohnong  des  Rex  sacromm,  identisch  ist:  das  sacellum 
Unun  lag  danach  eben  in  summa  Sacra  via. 

1)  Vgl.  oben  S.  128.  Und  für  die  Nordseite  sagt  dasselbe  die  Angabe 
bei  Dionys,  wonach  das  Vestaheiligtum  aufserhalb  der  Roma  quadrata  lag: 
▼gl.  oben  S.  96f.      * 

2)  Vgl.  S.  76  f.  126. 

3)  Vgl.  8.  71  f.  78  f.  126. 

Gilbert,  Gesch.  u.  Topogr.  Rom«.  9  ^^ 

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-     130    - 

Dagegen  glaube  ich,  dafs  wir  das  Lokal  der  Curiae  veteres^  welches 
die  Prozession  berührte^  weiter  nach  der  Sacra  via  zu  zu  suchen 
haben.  Aus  den  Angaben,  die  wir  über  die  Prozession  haben, 
ergiebt  sich,  dafs  dieselbe  jedenfalls  ein  sehr  bedeutendes  Stück 
der  Sacra  via  selbst  beschritt^):  und  da  wir  als  das  natürlichste 
angenommen  haben,  daCs  Tacitus  die  einzelnen  Punkte,  welche 
er  zur  Bestimmung  der  Lustrationslinie  anführt,  deshalb  angiebt, 
weil  von  ihnen  die  bisher  eingehaltene  Linie  des  Prozessionzugs 
eine  Wendung  macht,  so  verlegen  wir  das  Lokal  der  Veteres 
curiae  am  richtigsten  an  die  Sacra  via'),  wo  die  Prozession  also 
von  Süden  kommend  links  nach  Westen  umbog,  um  sodann  die 
Sacra  via  selbst  bis  zum  sacellum  Lamm  hinau&usteigen,  und 
endlich  von  hier  aus  wieder,  links  abbiegend,  an  den  unteren 
Abhang  des  Bergs  selbst  hinanzusteigen  und  ihren  Umgang  bis 
zum  Lupercal  zurück  zu  vollenden. 

Fragen  wir  uns  nun,  welches  die  Motive  gewesen  sind,  ge- 
rade diesen  bestimmten  Umfang  des  Gebiets,  wie  wir  ihn  eben 
kennen  gelernt  haben,  zum  gemeinsamen  Bundes-  oder  Staats- 
eigentum zu  erheben,  so  haben  in  erster  Linie  zweifellos  mili- 
tärische Rücksichten  darauf  eingewirkt  Diese  haben  einerseits 
gefordert,  die  dominierende  Position  der  Velia  —  wenn  sie  auch 
anfserhalb  des  Mauerringes  selbst  blieb  •—  nicht  aufserhalb  des 
Verteidigungsrayons  zu  lassen;  sie  haben  färner  gefordert,  dem 
zu  verteidigenden  Berge  noch  einen  weiteren  Raum  in  der  Tiefe 
vorzulegen,  um  auf  ihm  die  Streitkräfte  gegen  den  Feind  sammeln 
und  den  ersten  Anprall  desselben  aufnehmen  und  abschlagen  zu 
können.^) 


1)  Vgl.  Aiigustin.  de  civ.  d.  18,  12:  Lupercorom  per  Saoram  viam 
ascensam  a^ue  deeceneum. 

2)  Eine  solche  weiter  nach  N.  vorgeschobene  Lage  der  Cnriae  veteres 
nimmt  anoh  Becker  100  an^  obgleich  er  darin  Unreeht  hat,  in  der  im  Cvi- 
riosum  Reg.  X  genannten  aedes  lovis  den  Tempel  des  Jupiter  Stator  ra 
sehen,  die  nach  der  Notitia  vielmehr  die  aedes  lovis  Victoris  ist  Die  No- 
titia  fahrt  coriam  veterem  zwischen  aedem  lovis  und  Fortnnam  respicientem 
aoy  woraus  man  ebensowenig  Schlüsse  ciehen  kann,  wie  aus  dem  Reg.  X 
genannten  vico  cnriarum  der  capitolinischen  Basis,  obgleich  es  sicher  ist, 
dafs  der  so  genanaie  vicus  eben  von  dem  Lokale  der  Cnriae  veteres  seine 
Bezeichnung  erhalten  hat. 

3)  Mit  Recht  sagt  Nissen  Pomp.  St.  468  f.:  „mag  die  Verteidigung 
auf  einer  noch  so  niedrigen  Stufe  stehen,  so  kann  sie  unter  keinen  Umständen 
erst  am  Fufs  der  Mauer  oder  am  Rand  des  Grabens  begimnen*^ 


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-     131     - 

Zweitens  aber  ist  offenbar  die  Rücksicht  auf  die  Heiligtümer 
fär  die  Erweiterung  des  Stadtgebiets  bestimmend  gewesen,  welche 
in  der  Tiefe  lagen  und  eben  durch  ihren  Einschlufs  in  das  gemein- 
same Gebiet  zu  Staats-  oder  Bundesheiligtümem  erhoben  wurden. 
So  ist  die  ara  maxima  sowohl  wie  die  ara  Consi  aus  dem  Besitz 
der  Einzelgemeinde  des  Palatium  durch  den  Einschlufs  in  den 
Stadtring  zu  gemeinsamen  Heiligtümern  erhoben  worden:  fortan 
haben  auch  die  Bürger  der  yeliensischen  Kurie  an  der  ara  ma- 
xima ihre  Rechtsgeschäfte  abgeschlossen. 

Was  aber  das  Cirkusthal  selbst  betrifft,  so  weisen  sehr  be- 
stimmte Momente  darauf  hin,  dafs  dasselbe  schon  früh  zum 
gemeinsamen  Yereinigungs-  und  Spielplatze  sämtlicher  drei  Kurien- 
bezirke gemacht  ist.  Nicht  nur  hebt  die  Sage  übereinstimmend 
heiTor,  dals  schon  vor  Erbauung  des  Circus  maximus  die  Bür- 
gerschaft hier  zu  frohen  Spielen  und  Pesten  sich  vereinigte,  denen 
die  uralte  ara  Consi  die  Weihe  gab^);  es  sind  auch  bestimmte 
sakrale  Anzeichen  dafür  vorhanden,  dafs  dieses  Thal  zugleich  mi- 
litärischen Zwecken^)  gedient  hat,  indem  die  Wehrpflichtigen  der 


1)  Vgl.  Cic.  rep.  2,  7,  12  ladonnn  gratia  — ,  quos  tum  primum  anni- 
Tenanos  in  circo  facere  institnisset  (sei.  Bomulns),  Consnalibns.  Verg.  Aen. 
8,  636.  Val.  Max.  2,  4,  4.  Pb.  Aßcon.  in  Cic.  Verr.  p.  142  f  u.  a.  Dazu 
Sehwegler  B.  G.  1,  471.  Dafe  diese  Sage  insofern  ein  Anachronismus,  als 
die  Circusspiele  —  auch  nach  bestimmten  Angaben  der  Alten  selbst  —  erst 
einer  späteren  Zeit  angehören,  ist  sicher;  damit  aber  noch  nicht  bewiesen, 
dafii  ideht  schon  seit  ältester  Zeit  hier  ein  Yereinigungspunkt  der  Bürger- 
schaft war.  Die  Consualia  sind  ein  uraltes  Satumalienfest,  an  dem  Freier 
ond  Knecht,  Mensch  und  Thier  gleichmässig  der  ausgelassensten  Lustbarkeit 
deh  hingab:  xmd  wenn  dieses  Fest  sich  gerade  an  das  Circusthal  und  seine 
aia  knapft,  so  darf  man  mit  Recht  daraiu  schliessen ,  dafs  hier  der  älteste 
Spiel-  und  Vereinigungsplatz  der  Bürgerschaft  war.  Wenn  Sehwegler  a.  0. 
dagegen  geltend  macht,  das  Circusthal  sei  damals  noch  ein  Sumpf  gewesen, 
•0  ist  das  unrichtig:  man  darf  nicht,  wie  es  von  Jordan  1,1.  126  f.  ge- 
sclneht,  die  gesamte  Tradition  ron  dem  nassen  und  teilweise  sumpfigen 
Terrain  Roms  in  ältester  Zeit  leugnen,  aber  auch  nicht  dieselbe  ins  mafs- 
Idse  übertreiben.  Die  römische  Tradition  hat,  indem  sie  die  ältesten  Spiele 
dem  Circusthale  zuweist,  selbst  ihr  urteil  in  dieser  Angelegenheit  gesprochen. 

2)  Der  Beweis  hierfSr  liegt  in  der  Angabe  Varros  1.  1.  6,  168,  wo  es 
heiCrt;:  armilustrum  ab  ambitu  lustri;  locus  idem  circus  maximus  dictus, 
qnod  circum  spectaculis  aedificatis  ibi  ludi  fiunt  et  quod  ibi  circum  metas 
fertur  pompa  et  equi  currunt.  Vgl.  damit  Varro  1.  1.  6,  22:  armilustrium 
^  eo  quod  in  armilustrio  armati  sacra  faciunt,  nisi  locus  potius  dictus  ab 
^;  sed  quod  de  bis  prius,  id  ab  ludendo  aut  lustro,  id  est  quod  circum- 
ibant  ludentes  ancilibus  armati.    Womit  endlich  Paul.  p.  19  übereinstimmt: 

9* 

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-~     132    - 

verbündeten  drei  Gemeinden  hier  sich  yersammelten^  sich  übten, 
sich  ordneten  zum  Aufbrach  gegen  den  Feind  imd  zu  den  fast 
jährlich  sich  erneuernden  Streifzügen  in  das  Gebiet  der  Nachbaren. 
So  ist  wenigstens  die  grofsere  Hälfte  der  vallis  Murcia  in  den 
Umfang  des  gemeinsamen  Staatsgebiets  hereingezogen. 

Und  gerade  in  diesem  Hereinziehen  des  gröfseren  Teils  des 
Cirkusthals  in  das  gemeinsame  Staatsgebiet  sehe  ich  den  Grund, 
weshalb  die  Südgemeinde  als  Stadtdistrikt  sich  nicht  nach  der 
Vallis  Murcia  selbst  sondern  nach  dem  Forum  (boarium)  benannt 
hat^),  eben  weil  die  Erhebung  eines  Hauptteils  ihres  bisherigen 
Sonderbesitzes  zum  Staatsbesitz  ein  Vorschieben  ihrer  Wohn- 
sitze nacji  dem  Tiber  zu  erforderlich  gemacht  hat 

Wir  erkennen  demnach  aus  vorstehendem,  wie  innerlich  be- 
gründet die  Ausscheidung  gerade  dieses  Gebiets  zum  gemeinsamen 
Staatsbesitz  erscheint  Es  galt  vor  allem,  den  verbündeten  Ge- 
meinden, nachdem  sie  selbst  mit  ihren  Wohnungen  in  die  Ebene 
hinabgerückt  waren,  eine  gemeinsame  Schutzwehr  und  Zufluchts- 
stätte zu  schaffen.  Zu^dem  Zwecke  ist  derjenige  Teil  des  Bergs 
selbst,  welcher  am  geeignetsten  dazu  erschien,  ummauert:  der- 
jenige Teil  aber,  welcher  aus  Gründen  seiner  physischen  Be- 
schaffenheit oder  anderweitigen  nicht  zum  Einschlufs  in  den  Mauer- 
ring sich  eignete,  wenigstens  in  das  System  der  Verteidigung  mit 
hereingezogen.  Zu  demselben  Zwecke  ist  femer  an  denjenigen 
Seiten,  an  denen  der  Berg  allmählich  abfiel  und  somit  ein  Er- 
steigen desselben  leicht  war,  die  immittelbar  vorgelagerte  Ebene 
gleichfalls  in  den  Festungsring  hereingezogen,  während  da,  wo 


armilustrium  festam  erat  apud  RomanoB  quo  res  divinas  armati  iaciebant 
ac  dum  sacrificavenmt  table  canebaut.  Aus  diesen  Angaben  ergiebt  sieb, 
dals  der  Circus  maximus  auch  Armilustrum  biefs  and  es  kann  nicht  be- 
zweifelt werden,  daüs  dieses  eben  der  ältere  Name  des  Platzes  war.  ß^i 
der  inneren  und  wesentlichen  Beziehung  aber,  in  der  in  Rom  lokale  und 
sakrale  Handlungen  stehen,  müssen  die  Ceremonien  der  Waffensühnung,  der 
feierlichen  Opfer  und  Prozessionen  Bewaffneter  eben  an  dieser  Stelle  insofern 
eine  tiefere  Bedeutung  haben,  als  sie  den  eigentlichen  und  ursprünglichen 
Charakter  dieses  Platzes  selbst  zum  Ausdruck  bringen.  Aus  dem  sollennen 
Namen  dieses  Platzes  Armilustrium  ergiebt  sich  also,  dafs  das  Sakral  recht 
den  uralten  Charakter  desselben  als  Waffenplatz  in.  Erinnerung  batte  und 
eben  durch  die  genannten  Sacra  als  solchen  festhielt  und  verewigte.  Auf 
die  Handlungen  selbst  komme  ich  weiter  unten  zurück. 

1)    Ich    meine   den   Namen    der  Curia   Foriensis,    über   welche  vgl« 
oben  S.  103  f. 


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—     133     — 

der  Berg  steil  abfiel,  oder  wenigstens  leicht  abgeschrofft  werden 
konnte,  der  Ring  naturgemäfs  mit  dem  Berge  selbst  abschlofs.^) 

1)  £b  ist  mir  wahrscheinlich,  dafs  der  Ausdrnck  Pectuscnm,  welchen 
Festüs  ßi  einen  Teil  der  Stadt  anführt,  sich  anf  die  Befestigung  desPa- 
latinns  bezieht  Die  Stelle  lautet  p.  213:  pecfcnscum  Palati  dicta  est  ea 
regio  Urbis,  quam  Romulus  ob^ersam  posnit,  ea  parte  in  qua  plurimum 
erat  agri  Romani  ad  mare  versus,  et  quia  (L  qua)  moUissime  adibatnr  Urbs, 
com  £truscorum  agrum  a  Romano  Tiberis  discluderet,  ceterae  yicinae  civi- 
tates  Celles  aliquos  haberent  oppositos.  Man  hat  diese  Angabe  merkwür- 
digerweise auf  Ostia  bezogen  (vgL  Lange  B.  A.  1,  505.  Mom rasen  Rom. 
Tnbns  S.  215),  was  sich  allein  schon  dadurch  ausschliefst,  dafs  die  Tradi- 
tion durchaus  einstimmig  dem  Ancus  Marcius  die  Gründung  von  Ostia,  so- 
wie die  Erweiterung  der  Stadt  nach  dem  Meere  zuschiebt^  während  das 
Pectoscum  hier  ausdrücklich  auf  Romulus  zurückgeführt  wird.  Die  näheren 
Beieichnungen  der  regio  durch  Urbis^  qua  mollissime  adibatur  Urbs,  sowie 
der  Zusatz  Palati  lassen  nur  die  Beziehung  des  pectuscum  auf  die  Stadt 
selbst  und  speziell  auf  das  Palatium  zu;  wie  auch  die  SchluTsworte  der 
Angabe  (cum)  vicinae  civitates  coUes  haberent  oppositos  sich  nur  auf  die 
Siadt  selbst  beziehen  können^  da  nach  dem  Meere  zu  keine  nennenswerten 
H5gel  liegen,  namentlich  nicht  solche,  mit  denen  sich  die  Erinnerung  an 
feindliche  Nachbaren  verknüpft,  während  gerade  die  Stadt  selbst  auf  allen 
Hfigeln,  wie  wir  noch  sehen  werden,  verschiedene  Ansiedelungen  und  Nie- 
derlassungen trug.  Man  muTs  zur  Erklärung  der  Angabe  von  dem  zusam- 
mengehörigen Ausdruck  pectuscum  Palati  selbst  ausgehen,  welcher,  wie 
schon  bemerkt,  allein  die  Beziehung  dieser  regio  ürbis  unmittelbar  auf  das 
Palatiam  verlangt.  Das  pectuscum  kann  nur  als  Befestigung  („Brustwehr") 
verstanden  werden  und  es  sind  vier  Motive,  die  hier  für  die  Errichtung 
desselben  angegeben  werden:  qua  mollissime  adibatur  ürbe,  was  nur  auf 
das  Herankommen  zu  Schiff  den  Tiber  herauf  bezogen  werden  kann;  die 
Nachbarschaft  der  Etrusker  unmittelbar  jenseits  des  Tiber;  die  Feindschaft 
der  auf  den  benachbarten  Hüben  sefshaften  Bevülkerungen;  endlich  der 
Umstand,  dals  gerade  hier  plurimum  erat  agri  Komani  ad  mare  versus. 
Dieses  vierte  Moment  ist  allerdings  unklar.  Denn  da,  wie  wir  Kap.  7  sehen 
werden,  die  Grenze  des  Palatium  nach  S.  zu  durch  den  Aventin  und  seine 
Gemeinde  gegeben  war,  die  sich  unmittelbar  dem  Palatin  vorlegte  und  ihn 
lüer  anf  die  Yallis  Murcia  selbst  beschränkte,  so  sieht  man  nicht  recht  ein, 
wo  man  das  plurimum  agri  Bomani  ad  mare  versus  zu  suchen  habe.  Man 
kann  entweder  an  die  Niederung  im  W.  am  Tiber  denken,  oder  an  das 
Gebiet  südöstlich  der  Stadt,  aufserhalb  der  porta  Capena:  wahrscheinlicher 
iit  die  erstere  Gegend,  wo  wir  in  der  That  später  den  eigentlichen  ager 
der  Bamnes  kennen  lernen  werden,  bis  derselbe  sich  über  den  Tiber  hin 
vorschob  und  hier  die  etruskischen  Dorfiansiedlungen  des  jenseitigen  Ufers 
«ich  anfOgend,  nach  N.  und  W.  zu  wuchs:  vgl.  Kap.  6.  Mag  daher  auch 
der  Zusatz  ad  mare  versus  nicht  recht  passen,  der  wahrscheinlich  auf  das 
ungenaue  Excerpieren  aus  einer  längeren  Zusatzangabe  des  Verrius  zu  pln- 
rimnm  agri  Romani  zurückgeht,  so  halte  ich  es  doch  für  durchaus  sicher. 


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—     134    — 

Zugleich  aber  sind  dem  neuen  Staatsgebiete  diejenigen  Heilig- 
tümer überwiesen,  welche  schon  früher  der  einen  und  der  andern 
Gemeinde  als  solche  gedient  hatten  und  nun  besonders  geeignet 
schienen,  zu  öfiFentlichen  Staatsheiligtümern  erhoben  zu  werden  5 
wie  nicht  minder  endlich  auch  ein  bestimmter  Bezirk  zu  mili- 
tärischen Übungen,  sowie  zum  Spiel-  imd  Festplatz  bestimmt  ist 
Innerhalb  des  Mauerrings  selbst  aber  haben  die  alten  Heilig- 
tümer, sowie  neu  geschaffne  die  Erinnerung  an  die  ältere  Phase 
der  Stadtentwicklung  festgehalten,  wie  für  die  junge  neue  Mittel- 
punkte geschaffen  sind. 

Haben  wir  im  Vorstehenden  nachgewiesen,  dafs  die  drei  ver- 
einigten Gemeinden  des  Forum,  des  Velabrum,  der  veliensischen 
Niederung  in  dem  palatinischen  Berge  und  seinen  angrenzenden 
Teilen  der  Ebene  ein  gemeinsames  Bundes-  oder  Staatsgebiet  aus- 
geschieden haben,  so  haben  wir  ein  Recht  anzimehmen,  dafs 
gerade  in  diesem  centralen  Gemeinbesitze  und  in  den  an  dasselbe 
sich  anknüpfenden  Kulten,  Riten  und  Institutionen  der  Staats- 
gedanke zuerst  und  am  schärfsten  zum  Ausdruck  gelangt  ist. 
Prüfen  wir  also,  ob  wir  hierfür  bestimmte  Bestätigungen  haben. 

Zunächst  darf  es  als  sicher  bezeichnet  werden,  deSa  sich  im 
Anschlufs  an  dieses  gemeinsame  Staatsgebiet  für  die  mauerumschlos- 
sene Burg  und  ihren  weiteren  auTserhalb  der  Mauer  liegenden 
Ring  zuerst  ein  gemeinsamer  Name  gebildet  hat.  Wenn  der 
Name  Romus,  Romulus  an  den  ältesten  Eultstätten  des  Berges 
haftet,  wie  auch  die  Sage  unmittelbar  und  ausschlieüslich  an  ihn 
sich  knüpft^);  wenn  femer  übereinstimmend  sowohl  dem  Mundus, 
als  dem  sakralen  Mittelpunkte  des  Stadtrings,  wie  der  Burg  selbst 
der  Name  Roma  (quadrata)  gegeben  wird^,  wie  denn  auch  die 


dals  pectuscum  Palati  sich  nur  auf  eine  besondere  Art  der  Befestigung  des 
Palatium  beziehen  kann,  die  zur  Sicherung  des  nach  dem  Tiber  zu  sich 
ausdehnenden  Gebiets,  zur  Sicherung  femer  gegen  Überfälle  von  den  F\vS& 
heraufkommenden  Seefahrern,  sowie  endlich  gegen  die  benachbarten  Etrusker 
von  jenseits  des  Tiber  und  gegen  die  Ansiedlungen  der  benachbarten  Höhen 
angelegt  war.  Wie  wir  die  Verhältnisse  kennen,  kann  man  hier  nur  an 
die  Westseite  des  Palatium  denken  und  dem  entsprechend  das  pectuscum 
Palati  entweder  in  der  Abschroffung  des  Berges  selbst,  oder  in  dem  dem 
Berge  vorgelegten  Bezirk  des  Velabrum  erkennen,  welcher  —  wie  seine 
Bewohner  als  Velites  galten  —  als  Brust-  und  Schutzwehr  der  Stadt  über- 
haupt betrachtet  werden  mochte. 

1)  Vgl.  oben  Kap.  2. 

2)  Vgl.  oben  S.  96  ff. 


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porta  Romana  und  wohl  auch  das  sacellum  Kumiuae  das  uralte  Recht 
dieses  Namens  erweist:  so  sind  wir  berechtigt  wie  gezwungen,  die 
Namen  Ramnes,  Romus,  Roma,  Romani  eben  speziell  dem  palati- 
nischen  Berge  zuzuweisen.  ^)  Und  da  wir  denselben  Namen  als  Romus, 
Bomulus  schon  den  Gemeinden  des  Cermalus  und  des  Palatium 
eigen  kennen  gelernt  haben,  so  ergiebt  sich  der  Schlufs  von  selbst, 
daCs  von  ihnen  der  alte  Name  auf  die  neugegründete  Burg  und 
Stadt  übertragen  ist:  dals  sich  also  die  dritte,  die  veliensische 
Gemeinde  an  den  alten  Namen  angeschlossen,  ihn  mit  auf  sich 
bezogen  hat.  Die  Bewohner  der  drei  Montes  des  palatinischen 
Bergs,  die  Bürger  der  als  Kurien,  d.  h.  als  Stadtdistrikte,  zu  der 
gemeinsamen  Burg  und  ihrem  Ringe  gehörenden  drei  Gemeinden 
haben  sich  also  fortan  als  einheitliche  Bevölkerung  gefühlt  und 
dementsprechend  in  ihrer  Zugehörigkeit  zu  der  neugegründeten 
Borg  und  Stadt  Roma  sich  als  Büi^er,  als  Staatsangehörige,  als 
einheitlichen  populus  bezeichnet.  Der  populus  Romanus  ^)  ist 
die  verbündete  Bürgerschaft  der  drei  Curiae  veteres  Foriensis, 
Velitia,  Veliensis. 

Ist  das  richtig  —  und  ich  wüsste  nicht  was  dem  entgegen- 
stände —  80  ergiebt  es  sich  als  weitere  Schlufsfolgerung  von 
selbst,  dafs  der  Ausdruck  populus  Romanus  Quiritium  zunächst 
und  von  Haus  aus  nur  für  den  Bimd  der  drei  geeinten  Curiae 
Teteres  Sinn  hat  Diesen  Ausdruck  von  einem  Zusammenschlufs 
zweier  verschiedener  Stamme  —  der  Raumes  und  Tities,  wie  es 
auch  jetzt  noch   häufig   geschieht   — -   zu  erklären^),   hat  nicht 

1)  Ich  Yerstebe  es  nicht,  wenn  Jordan  1,1.  200  sagt:  „der  Name 
Homa  haftet  an  keinem  der  sieben  Hügel.**  Ist  denn  die  Bezeichnung  des 
oppidom  Palatinnm  als  Roma  qnadrata  —  ganz  abgesehen  von  allen  an- 
(iern  Momenten  —  Erfindung  späterer  Zeit?  Ähnlich  leugnet  Volqnardsen 
N.  Bh.  Mns.  33,  543  die  Beziehung  des  Namens  Ramnes  auf  den  palatini- 
schen HfigeL  Aber  so  sicher  es  ist,  dafs  der  Name  Bamnes  mit  dem  Namen 
Borna  zusammenhängt,  so  sicher  ist  es  auch,  dals  jene  bestimmt  dem  Pa- 
ulis angehören,  eben  weü  dieser  die  älteste  Roma  getragen  hat. 

2)  Ims  Verhältnis  der  Namen  Ramnes,  Romani,  Roma  und  Romulus 
ut  klar:  der  älteste  Name  ist  Ramnes;  aus  ihm  hat  sieh  durch  Umlaut 
^Qunal  Romus,  sodann  Roma  gebildet;  und  von  dieser  letzteren  wieder  der 
NameBomani:  Romani  konnten  sich  die  Bewohner  des  Palatinus  erst  nennen, 
ab  die  Stadt  auf  ihrer  Area  erbaut  war. 

3)  Diese  schon  von  den  Alten  selbst  aufgebrachte  Ableitung  des  Na- 
ii^eas  Quirites  von  den  angeblich  aus  Cures  stammenden  Sabinem  (vgl. 
^MTo  l  1.  6,  68.  6,  61.  Fest.  p.  49.  63)  ist  in  neuerer  Zeit  besonders  durch 
Niebahr  wieder  vertreten,  welcher  der  sabinisohen  Stadt  auf  dem  Quirinal 


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weniger  als  alles  gegeu  sieb:  es  liegt  im  Ausdrucke  selbst  sebon 
enthalten,  dafs  das  Quiritium   nicht  auf  gleicher  Stufe  mit  dem 


den  Namen  Qairium  zuweist  (Rom.  Gesch.  1,  321)  nnd  nun  die  verbündete 
Doppelfitadt  der  Ramnes  und  Tities  darch  populus  Romanus  et  Quirites  aus- 
gedrückt werden  läfst,  woraus  dann  populus  Romanus  Quirites  nnd  endlich 
falschlich  popalus  Romanus  Quiritium  geworden  »ein  soll.  Ebenso  fassen 
Puchta  Institutt.  1*,  §  38.  S.  124 fif.,  Walter  Rom. 'llechtsgesch.  1»,  S.  16  ff., 
Esmarch  Rom.  Rechtsgesch.  2.  Aufl.  S.  8  ff.  die  Formel  pop.  Romanns  Qui- 
rites als  Ausdruck  des  durch  den  Zusammenschluls  der  Sabiner  mit  den 
Ramnes  geschaffenen  Staatsverbandes.  Da&  die  Formel  populus  Bomanus 
Quirites,  asyndetisch  zusammengestellt  oder  durch  et  verbunden,  wirklich 
in  Gebrauch  gewesen,  zeigt  die  von  Paulus  p.  67  überlieferte  Angabe:  diel 
mos  erat  Romanis  in  omnibus  sacrificiis  precibnsque:  populo  Romano  Qui- 
ritibusque,  so  falsch  auch  die  hinzugefügte  Erklärung  ist:  quod  est  Curen- 
sibus  quae  civitas  Sabinorum  potentissima  fuit.  Diese  Formel  populus  Ro- 
manus Quirites  darf  man  demnach  als  zweifellos  in  Gebrauch  befindlich 
ansehen.  Damit  ist  aber  nicht  ausgeschlossen,  dafs  daneben  die  andere- 
Formel  populus  Romanus  Quiritium  in  Gebrauch  war  und  der  von  Brisso- 
nius  gemachte  Versuch  (de  formulis,  pag.  66  f.  der  Ausgabe  vom  J.  1731), 
diese  Formel  ganz  auszumerzen,  ist  als  völlig  verfehlt  zu  bezeichnen.  Aus 
der  gleichfalls  von  Paulus  p.  64  überlieferten  Formel,  wonach  der  pracco 
bei  der  Anzeige  des  Leichenbegängnisses  eines  Bürgers  die  solleunen  Worte 
sprach:  ollus  (hdschr.  illius,  vgl.  dazu  Varro  1.  1.  7,  42)  Quiris  leto  datus 
(erhalten  sind  die  Worte  est  preco  qui  in  funeris  ....  iUius  Quiris  leto 
datus,  woraus  die  Wiederherstellung  in:  preco,  qui  in  funeris  [indictione 
ita  pronuntiare  solet]  ollus  Quiris  leto  datus  zweifellos  ist),  ersieht  man 
femer,  dafe  Quiris  schon  in  älterer  Zeit  allein  gebraucht  die  Bezeichnung 
des  civis  Romanus  war:  daraus  aber  folgt,  dals  der  Name  sich  nicht  ur- 
sprünglich auf  die  Sabiner  bezogen  haben  kann,  da  ein  solcher  Austausch 
der  Namen  Romanus  und  Quiris  gänzlich  unverständlich  bleiben  würde. 
Und  dasselbe  beweist  die  Rechtsformel  ex  iure  Quiritium,  wo  Quirites  nur 
die  Vollbürger  überhaupt  sein  können:  vgl.  Puchta  Institutt  2^,  §  2S6f. 
S.  616  ff.  Die  beiden  Formeln  populus  Romanus  Quirites  und  populus  Ho- 
manus  Quiritium  haben  beide  ihre  Berechtigung.  In  der  ersteren  wird  die 
Einheit  des  Volks  und  die  Gesamtheit  seiner  einzelnen  Bürger  neben  ein- 
ander gestellt  und  sie  wird  deshalb  gerade  —  wie  Paulus  sagt  —  ana 
passendsten  in  omnibus  sacrificiis  precibnsque  angewandt,  wo  es  gilt,  den 
von  den  Gröttem  erflehten  Segen  dem  Volke  als  solchem  — tI.  h.  dem 
Staate  — ,  wie  allen  einzelnen  Bürgern  zuzuwenden;  während  die  andere 
Formel  da  ihre  Anwendung  findet,  wo  der  populus  Romanus  in  seiner  Ein- 
heit auftritt:  denn  in  ihr  ist  die  Gesamtheit  der  einzelnen  Bürger  dem  ein- 
heitlichen populus  untergeordnet,  den  sie  eben  durch  ihr  Zusammen schliefsen 
und  durch  ihre  politische  Unterordnung  bildet  Dafs  Quiris,  Quirites  die 
Bürger  gerade  'in  ihrem  friedlichen  Charakter,  in  ihrer  Eigenschaft  als 
Bürger  —  nicht  als  Soldaten  —  bezeichnet,  ist  wiederholt  hervorgehoben, 
wofür  es  genügt   auf  Lange   Böm.  Altert  1,  91  zu  verweisen:  Beispiele 


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popalus  Romanus  steht,  sondern  dafs  es  eine  untergeordnete 
Näherbestimmung  enthalt,  welche,  so  wichtig  auch  das  dadurch 
angezeigte  charakteristische  Merkmal  ist,  doch  wesentlich  anderer 
Art  sein  muls^  als  der  eigentliche  Name,  wie  er  im  populus  Ro- 
manos aasgedrückt  liegt  Quirites  ist  nun  etymologisch  von 
caria,  curiae  nicht  zu  trennen;  das  angeblich  dem  Worte  zu 
Grande  liegende  sabinische  Wort  quiris  Lanze  ist  nirgends  nach- 
weisbar und  findet  sich  nur  in  den  ofiEenbar  zur  Erklärung  des 
mifsTerstandnen  Ausdrucks  Quiritium  selbst  künstlich  gemachten 
Etymologisierungsversuchen  der  Antiquare.*)  Quirites  sind  die 
in  Kurien  vereinigten ^),  nach   Kurien  gegliederten:  denn  in  den 


dafar  bieten  Paul.  p.  67.  Liv,  45,  37.  Tac.  ann.  1,  42.  Ea  hat  deshalb  auch 
»chon  Becker,  wenn  auch  nur  andeutungsweise  (Handb.  2,  25),  an  die  curiae, 
als  den  Ausgangspunkt  des  Namens  Quirites,  gedacht  und  Lange  hat  den 
Zasammenbang  zwischen  Curiae  und  Quirites  bestimmt  ausgesprochen.  Vgl. 
im  Ällg.  Schwegler  Eöm.  Gesch.  1,  494  ß.  Auf  die  Verbindung  der  Namen 
Quirinus,  Quirites,  Quirinalis  mit  den  Sabinem  komme  ich  Kap.  5  zurück. 

1)  Nacb  Jordan  bei  Preller  1,  369  Anm.  4  ist  der  Zusammenhang  von 
Quirites  mit  Cures  unwahrscheinlich,  während  Mommsen  ß.  6.  1,  55  Anm. 
üiD  fSr  wahrscheinlich  hält.  Was  das  angeblich  sabinische  Wort  für  Lanze 
=  quiris  oder  curis  betrifft,  so  spricht  schon  Jordan  seine  Verwunderung 
darüber  ans,  dafs  dasselbe  nirgends  weiter  als  bei  den  Etymologen  bekannt 
ist:  vgl.  Paul.  p.  49.  Ovid.  Fast.  2,  477.  Der  „pilumnus  poplus"  ist  be- 
kanntlich der  ältest  bezeugte  Ausdruck  für  die  „speerbewehrte  Wehrmann- 
sdiaft*^  (Fest.  p.  205  aus  den  saliarischen  Gesängen)  und  kein  thatsächliches 
Moment  weist  auf  ein  wirkliches  Vorhandensein  yon  quiris  =»  Lanze.  Na- 
mentlich sollte  man  erwarten,  dafs  quiris  gerade  im  Rechtsverkehr  —  des 
bürgerlichen  wie  des  heiligen  Rechts  —  uns  entgegen  trete,  wenn  wirklich 
Ton  ihm  der  eigentlich  staatsrechtliche  und  allein  vollgültige  Ausdruck  der 
(joirites  als  der  Bürger  abgeleitet  wäre.  Und  doch  ist  überall  nur  von  der 
hatia  die  Rede,  von  quiris  keine  Spur.  Vgl.  ten  Brink  de  hastae  praeci- 
pao  ^ud  Rom.  signo  imprimis  iusti  dominü.  Groniug.  1839.  Unter  diesen 
ÜmstSoden  erscheint  die  Erklärung  des  populus  Romanus  Quiritium,  wie 
ne  Mommsen  durch  „Lanzenmänner**  giebt  (R.  G.  1,  72),  sehr  bedenklich. 
In  gleicher  Weise  hat  sich  auch  v.  Jhering  Geist  d.  R.  R.  1',  116  f.  250  ff. 
^  diese  Deutung  des  Worts  Quirites  =■  Lanzenmänner  erklärt.. 

2)  Der  Zusammenhang  von  Quirites  und  Curiae  ist  von  Lange  Rom. 
Altert.  1^,  271  ff.  mit  Recht  angenommen.  Jordan  erklärt  sich  dagegen  bei 
PreUer  1,  278.  Anm.  2;  vgL  auch  im  Hermes  8,  217  ff.  Den  klarsten  Be- 
weis für  den  Zusammenhang  der  Quirites  mit  Curiae  bietet  die  Inno  Curi- 
tu  oder  Qniritis.  Wenn  luno  gei*ade  unter  diesem  Namen  in  allen  Kurien 
verehrt  wurde  (Dion.  2,  50.  Paul.  p.  64),  so  denke  ich,  ergiebt  sich  die 
Erklärung  desselben  von  selbst.  Bekanntlicb  hatte  jede  Curie  ihren  be- 
sondern  Kult,  d.  h.  besondere  Götter  die  sie  verehrte,  was  eben  daraus  sich 


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Kurien  als  StadtdiBtrikten  lebten  jene  ursprünglich  selbständigen 
Montes  oder  Gemeinden  weiter  und  bewahrten  auch  fernerhin 
als  solche  eine  gewisse  Selbständigkeit.  Das  nach  ,;Kuri6n^  d.  h. 
nach  bestimmten  lokal  und  sakral  streng  unter  einander  abge- 
schlossenen Bezirken  Geschieden-  und  Yerbundensein  bildet  fortan 
das  charakteristische  Merkmal  derjenigen  Bürger-  und  Einwohner- 
schaft^ welche  sich  in  ihrer  gemeinsamen  Zugehörigkeit  zu  der 
centralen  Burg  und  ihrem  Ringe  als  einheitliche ,  als  einen  po- 
pulus  fühlte«  Und  eben  darum  ist  populus  Romanus  Quiritium 
der  einzig  passende  staatsrechtliche  Ausdruck  für  diesen  Bund. 
Als  populus  Romanus  fühlt  sich  derselbe  als  Einheit;  in  dem 
Zusatz  Quiritium  spricht  er  zugleich  sein  Geschiedensein,  seine 
Besonderheit  nach  den  einzelnen  Kuriendistrikten  aus.  Aber  wie 
sich  diese  Sonderstellung  der  Einzeldistrikte  schon  grammatisch 
und  logisch  in  der  staatsrechtlichen  Bezeichnung  dieses  Bundes 
durch  die  Unterordnung  des  Quiritium  unter  das  populus  Ro- 
manus ausdrückt,  so  hat  auch  in  Wirklichkeit  das  Partikulare 
der  Einzelkurien  in  allen  wichtigeren  Stücken  dem  Centralen  der 
durch  die  Burg  repräsentierten  Staatsidee  sich  unterordnen  müssen 
und  aufser  den  berechtigten  Eigentümlichkeiten  in  Kult  und 
Glauben  ist  ihnen  nichts  Besonderes  geblieben.  In  der  Burg  und 
ihrem  Stadtringe  haben  die  vereinigten .  Gemeinden  einen  Kern 
für  alle  weitere  Staatsentwicklung  geschaffen:  und  wie  sich  im 
Laufe  der  Zeit  an  diesen  Kern  und  Mittelpunkt  römischer  Stadt- 
geschichte eine  Gemeinde  nach  der  andern  —  freiwillig  und  ge- 


erklärt, dafs  die  Kurien  alten  einst  selbständigen  Dorfbesirken  entsprechen, 
die  anch  als  Stadtdistrikte  ihren  ursprünglichen  Kult  beibehielten;  Juno 
aber  war  die  allen  gemeinsame.  Die  Hinzufügong  ihres  Enlts  zn  den^jeni- 
gen  der  Sondergottheiten  in  allen  einzelnen  Enrienhäusem  kann  also  nur 
auf  eine  spätere  gemeinsam  acceptierte  Mafsregel  zarfickgehen;  nnd  wenn 
Juno  eben  in  diesem  von  allen  Knrien  an-  und  aufgenommenen  Kalte  cn- 
ritis  »  qoiritis  heilst,  so  ist  die  Erklärung  dieses  Namens  als  „Knrien*'- 
göttin  selbstverständlich.  Wie  luno  qniritis  die  „Kurienangehörige",  so 
sind  auch  die  Quirites  die  „Kurienangehörigen".  Und  gerade  in  dieser  Be- 
ziehung des  Worts  auf  die  Kurien  erklärt  sich  auch  der  Gegensatz  von 
Quirites  und  Bomani,  von  denen  jene  die  Bürger  nach  ihren  inneren  An- 
gelegenheiten, diese  die  Staatsbürger  und  Krieger  in  ihrer  Beziehung  nach 
aufsen  sind.  Die  Kurienangehörigkeit  ist  in  älterer  Zeit  das  entschei- 
dende Merkmal  des  Vollbürgers  gewesen,  der  nur  als  Kurienangehöriger 
volles  Eigentum  (ex  iure  Quiritium)  erwirbt  und  alle  Einzelrechte  optimo 
iure  ausübt 


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~     139     - 

iwungeiiy  wenn  auch  nicht  ohne  vielfache  Unterbrechungen  und 
Stönmgen  der  Entwicklung  —  angeschlosBen  hat,  so  ist  auch 
der  Name  dieses  ältesten  und  spätesten  Centrums  der  Btadt  mit 
Recht  zum  Namen  sowohl  der  Gesamtstadt  wie  des  Volkes  selbst 
geworden,  welches  Kraft  und  Beruf  besaCs,  dem  gesamten  Erd- 
kreise seine  Signatur  au&uprägen. 

Von  diesem  Gesichtspunkte  aus  mag  es  angebracht  sein, 
noch  einmal  auf  den  Gott  Quirinus  zurückzublicken,  den  wir 
oben  als  den  eigentlichen  Kultgott  des  auf  der  Vereinigung  der 
beiden  Westgemeinden  beruhenden  Bundes  nachgewiesen  haben. 
Der  Name  Quirinus  ist  von  Quirites^)  und  damit  von  curia  nicht 
m  trennen.  Wir  erkennen  daraus,  daCs  der  Marskult  nicht  allein 
schon  für  jenAs  ältere  Foedus  des  Germalus  und  des  Palatium  das 
Band  bildete,  welches  dasselbe  religiös  und  sakral  zusammenhielt, 
sondern  auch  schon  in  spezieller  Beziehung  zu  der  Kurienver- 
&i8ung,  d.  h«  dem  Fortleben  der  alten  Gemeinden  als  Kurien- 
distnkte  stand.  Denn  als  Quirinus,  d.  h.  als  speziell  über  den 
Karien  stehender  und  sie  beschützender  Gott,  ist  Mars  anerkannt 
und  Yerehrt  worden;  imd  eben  als  Kurienschutzgott  zugleich  der 
Schutzer  des  Bundes  selbst  geworden.^ 

In  gleicher  Weise  ist  aber  auch  der  Marskult  zum  eigent- 
lichen Mittelpunkt  für  den  neuen  gröfseren  Bund  geworden.  Denn 
als  diejenige  Institution,  welche  speziell  zur  Verewigung  der 
neuen  Foederation  gestiftet  worden  ist,  haben  wir  da«  Kollegium 
der  Salii,  der  Springer,  anzusehen,  deren  Sodalität  dem  speziellen 
Dienste  des  Mars  gewidmet,  ohne  Zweifel  aus  Teilnehmern  aller 
drei  Gemeinden  zusammengesetzt  war  und  ihren  Sitz,  ihr  Kult- 
und  Versammlungshaus  innerhalb  der  Mauern  der  Arx  hatte.  ^ 


1)  Lange  a.  0.  S.  92.    Vgl  Jordan  bei  Preller  a.  0.  1,  369. 

2)  Danach  möchte  man  es  ftlr  wahrscheinlicher  ansehen,  daCs  auch  die 
Einsetzung  des  Flamen  Quirinalis  der  Periode  der  drei  vereinigten  Kurien- 
diatrikte  angehört:  doch  ist  keine  Andeutung  in  seiner  Thätigkeit  auf  den 
Beiirk  der  Velia  vorhanden.  Man  darf  daher  annehmen,  dafs  die  Ursprünge 
der  Knnenorganisation  bis  auf  die  Schliessung  des  ersten  Foedus  zwischen 
Palatium  und  Cermalus  zurückgehen.  Diese  beiden  Gemeinden  traten  fortan 
aU  Kurien  —  d.  h.  als  Distrikte,  von  denen  jeder  sein  gleichÜEÜls  Curia 
gnaantes  Gottes-  und  Gemeindehaus  hatte  —  zusammen  und  setzten  Ro- 
molus-Mars  als  ihren  speziellen  Kurienschutzgott  ein. 

S)  Ich  habe  schon  oben  S.  49  f.  bemerkt,  dafs  ich  die  Curia  Saliorum, 
welche  zugleich  als  Sacrarium  Martis  bezeichnet  wird^  als  den  sakralen 
^Gttelpunkt  sowohl  der  Einzelgemeinde  des  Palatium,  wie  des  Foedus  dieser 


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-     140     - 

Auf  diese  Institution  haben  wir  noch  etwas  näher  einzugehen: 
wobei  freilich  zu  bemerken^  dafs  dieselbe  uns  hier  nur  soweit 
interessieren  kann,  als  wir  aus  ihr  historischen  Grewinn  ziehen 
können. 

Es  gab  später  zwei  Sodalitaten  der  Salier^  die  Salii  Palatini 
und  die  Salii  Collini.  Von  diesen  gehören  die  letzteren  der  sa- 
binischen  Gemeinde  des  Quirinalis  an^)  und  sind  offenbar  den 
älteren  des  Palatinus  nachgebildet:  nur  diese  letzteren  beschäf- 
tigen uns  hier.^)  Ohne  Zweifel  ist  die  ganze  Institution  der 
Salii  Palatini  später  erweitert  worden^  indem  sie  als  eine  speziell 
der  Gesamtstadt  angehörige  Institution  angesehen  und  deshalb 
mit  Ausdehnung  dieser  gleichfalls  später  einen  erweiterten  Cha- 
rakter erhalten  hat.^)  Dafs  dieselbe  aber  in  ihrer  ursprünglichen 
Form  der  älteren  Periode  der  palatinischen  Stadt  angehört^  zeigt 
ihre  spezielle  Beziehung  zum  Palatino)  und  zu  Romulus  selbst. 
Der  lituus;  d.  i.  der  Augurstab  des  Romulus  wurde  in  dem  sa- 
crarium  Martis,  welches  zugleich  das  Heiligtum  der  Salii  war, 
aufbewahrt^)  und  spielte  bei  den  Ceremonien  dieser  offenbar  eine 
besondere  Rolle;  in  eben  demselben  Heiligtume  befanden  sich 
ferner  auch  die  ancilia,  die  heiligen  Schilde^),  um  welche  sich 


Gemeinde  mit  dem  Cermalas  ansehe.  In  gleicher  Weise  scheint  dieses 
Heiligtum  nun  aach  zom  Mittelpunkt  der  palatinischen  Stadt  selbst  erhoben 
zu  sein. 

1)  Vgl.  Kap.  5. 

2)  Vgl.  über  sie  im  allg.  Marqoardt  3,  410  ff. 

3)  Der  später  auf  fünf  Tage  erweiterte  Tag  der  Quinquatrus  am  19., 
sowie  der  des  Tubilustrium  am  23.  März  mögen  als  die  ältesten  und  haupt- 
sächlichsten Tage  des  ganzen  Komplexes  betrachtet  werden:  die  Tage  der 
Equirria  am  14.  (und  am  27.  Febr.),  sowie  der  Agonia  am  17.  März  be- 
trachte ich  als  durch  Einsetzung  der  Salii  Collini  hinzugekommen:  darüber 
Kap.  6. 

4)  Darüber  vgl.  hernach. 
6)  Vgl.  oben  S.  60. 

6)  So  oft  das  auch  bestritten  ist,  so  ist  es  doch  unzweifelhaft.  Dionys. 
sagt  2,  70  Yon  den  Salii  Palatini  wv  iv  IlaXaxüo  mtxai  ta  ts^a  und  hier 
kann  man  nur  an  die  curia  Saliorum  und  an  die  ancilia  denken.  Dais  diese 
aber  eben  in  der  Curia  Saliorum  aufbewahrt  wurden,  sagt  Serv.  Aon.  7, 603 
moris  fuerat  indicto  belle  in  Martis  sacrario  ancilia  commovere;  vgl.  dens. 
8,  3.  Es  ist  in  die  Auffassung  yon  den  ancilia  dadurch  Verwirrung  ge- 
kommen, dafs  es  aufser  den  ancilia  auch  hastae  Martis  gab,  welche  letzteren 
in  der  Begia  aufbewahrt  wurden;  und  dafs  sowohl  diese  hastae,  wie  jene 
ancilia  mitunter  kurz  als  arma  bezeichnet  werden  und  so  eine  Verwechse- 
lung beider  erleichtern.    Auf  die  hastae  komme  ich  zurück  Kap.  5.    Über 


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-     141     - 

der  Dienst  der  Salier  bewegte.  Diese  selbst  aber  hatten  ihren 
Namen  Yon  dem  Waffentanze,  den  sie  aufführten  und  der  von 
dem  Absingen  von  Liedern  begleitet  war. 

Tanz  ist  eine  der  ältesten  Kultformen  und  würde  als  solche 
nichts  besonders  Merkwürdiges  sein:  das  eigentlich  signifikante 
aber  der  Institution  selbst  und  ihrer  einzelnen  Kulthandlungen 
ist  der  eminent  kriegerische  Charakter^  der  aus  allem  spricht. 
Ich  betrachte  es  als  sicher,  dafs  die  Ancilia  ursprünglich  eine 
mythologische  Bedeutung  gehabt  haben  ^):  später  gelten  sie  aber 
ganz  als  Symbole  des  Kampfs  und  des  Kriegs.^  Als  voll- 
gerüstete   Krieger   tanzen   die   Salii*):   Trompeter   erofl&ien    ihre 


Name  mid  Form  der  ancilia  vgl.  Marqaardt  a.  0.  413 ff.:  sie  bieten  noch 
manche  Un^ewissheit.  Data  die  ancilia  den  eigentlichen  Mittelpunkt  des 
Dioistes  der  Salier  bilden,  kann  man  anch  ans  Plntarch  ersehen,  der  Nmn. 
13  die  Salier  als  q>vlcc%ag  %al  diKpixoXovg  der  ancilia  charakterisiert. 

1)  Darauf  näher  einzugehen  ist  hier  nicht  der  Ort  Das  HerabfiEillen 
des  Originalschildes  vom  Himmel  charakterisiert  denselben  als  ursprünglich 
am  Himmel  selbst  seinen  Platz  habend  xmd  von  hier  der  Erde  sich  mit- 
teilend. VgL  Ovid.  Fast.  3,  373  ff.  Der  Schmied  Mamurius  ist  in  Wirklich- 
keit Mars  selbst,  der  das  runde  Sonnenschild  gemacht  hat,  welches  im 
Gnmde  nur  eines,  doch  in  seinem  zwölfmal  yerschiedenen  Erscheinen  des 
J^re  —  denn  das  Jahr  ist  dem  älteren  Glauben  eine  Einheit:  das  neue 
Jahr  bringt  auch  eine  neue  Sonne,  weshalb ,  durchaus  richtig  gedacht,  das 
aociie  auch  am  ersten  Tage  des  ersten  Monats,  1.  März,  vom  Himmel  ge- 
fallen sein  soUte.  Ovid.  Fast.  3,  259.  373  —  gleichsam  in  zwölf  Offenbarun- 
gen sich  mitteilt.  So  ist  auch  die  Zwölfisahl  der  ancilia  im  Grunde  nur 
^e  Einheit,  indem  eilf  derselben  nur  Kopien  des  Originals  sind.  Die  Be- 
ziehung des  Mamurius  auf  den  Jahrescyklus  hat  üsener  im  N.  Rh.  Mus.  30 
(1875)  182 ff.,  speziell  209  ff.  so  überzeugend  dargelegt,  dafs  es  genügt,  auf 
um  zu  verweisen. 

2)  Das  tritt  anch  darin  hervor,  dafs  ihre  Bewegung  wie  eine  Weis- 
ngung  von  Gefahr  und  Krieg  erscheint:  vgl.  Liv.  epit.  68.  Obsequens  44. 

3)  An  dem  Haupttage  der  ganzen  Frühlingsfeier,  der  Quinquatrus, 
welche  ihren  Namen  a  quinquando  ■>*  lustrando  (vgl.  Charisius  1,  p.  81  Keil) 
Hatte,  bildete  wieder  die  Hauptoeremonie  ein  Tanz:  vgl.  Fast  Praen.  19.  März 
[Sah]  facinnt  in  comitio  saltu[s].  Varro  1.  1.  5,  85  Salii  a  salitando,  quod 
faeere  in  comitio  in  sacris  quotannis  et  solent  et  debent.  Dafs  dieser  Tanz 
Mf  dem  Comitium  stattfindet,  hat  seinen  Grund  darin,  dafs  derselbe  zugleich 
ein  Wetttanz  mit  den  Salii  Collini  war,  worüber  Kap.  Ö.  Von  Haus  aus 
kann  der  Tanz  der  palatinischen  Salii  nur  auf  dem  Gebiete  der  palatini- 
äefaen  Stadt  stattgefunden  haben  und  das  erweist  sich  aus  dem  oben  dar- 
gelegten älteren  Namen  des  Cirkus  als  des  Armilustrium:  die  lustratio  ar- 
Borom,  von  der  eben  der  Tag  selbst  seinen  Namen  Quinquatrus  hatte,  muis 
nnprünglich  allein  und  später  wahrscheinlich  in  einzelnen  Ceremonien  in 


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-     142     - 

Züge.^)  In  zwei  Perioden  vollziehen  sich  die  Umzüge  der  Springer: 
im  März  nnd  im  Oktober.  Im  März  bildet  das  ancilia  movere'), 
im  Oktober  das  ancilia  condere^)  den  Inhalt  ihrer  Umzüge  und 
es  ist  zweifellos,  dafs  durch  diese  symbolisch,  oder  richtiger  ge- 
sagt imitativ,  auf  serlich  darstellend  die  Aufgabe,  der  Charakter 
des  neuen  Bundes  zum  Ausdruck  gebracht  werden  sollte.  Die 
Waffen,  welche  im  Winter  ruhen,  werden  im  März  in  Bewegung 
gesetzt,  geübt  und  geweiht  zu  dem  Dienste,  den  sie  im  Sommer 
—  der  Zeit  der  Eriegszüge  —  leisten  sollen.*)  Diesem  Zwecke 
dienen  eben  die  Züge  des  März:  der  Haupttag  war  daher  ein 
Sühnfest,  der  19.  März,  Qoinquatrus  —  a  quinquando  d.  i.  In- 
strando  —  gekannt.'*)  Einige  Tage  später  fand  sodann  das  tu- 
bilustrium,  die  Sühnung  und  Einweihung  der  tubae,  der  Kriegs - 
trompeten  statt  ^  und  am  24.  März  erfolgte  endlich    die  grofse 


dem  danach  benannten  armilaBtriom  stattgefunden  haben,  wie  sich  das  für 
die  Feier  des  19.  Oktober  noch  bestimmt  nachweisen  läfst. 

1)  Diese  tnbioines  haben  nichts  mit  det  Musikergilde  zu  thon,  sondern 
nehmen  unter  dem  offiziellen  Namen  tabioines  sacromm  popnli  Romimi  eine 
besondere  Stelloag  im  Sakrabecht  ein:  vgL  Fest.  p.  362  Tnbicines  etiam 
hi  appellantnr,  qui  sacerdotes  yiri  speciosi  publice  sacra  ÜEiciunt,  tubarnm 
lustrandarum  gpraüa.  Die  diese  sakrale  Würde  bekleidenden  sind  denn  auch, 
wie  Festus  sagt,  viri  speciosi  t  vgl.  Orelli  3876  und  dazu  Mommsen  Zeitschr. 
f.  gesch.  B.  W.  16,  364.  Anm.  63,  der  die  völlige  Geschiedenheit  dieser 
tubicines  von  der  eigentlichen  Mosikerzunft  hervorhebt. 

2)  Offiziell  scheint,  sp&ter  wenigstens,  der  erste  März  als  Beginn  dee 
ancilia  movere  gegolten  zu  haben:  vgl.  Lyd.  de  mens.  3,  16.  4,  29  (%€ttti 
triv  n^iktr^if  %ov  Mu^Citv  {irivog  —  i%ivovp  —  za  onXa)»  Doch  haben  die 
Umzüge  selbst  wohl  erst  am  9.  März  begonnen,  zu  welchem  Tage  das  Ca- 
lendar.  Philocall  bemerkt  arma  ancilia  morent. 

3)  Vgl.  Sueton.  Otho  8. 

4)  Dals  dieses  wirklich  der  Gesichtspunkt  war,  welcher  das  ancilia 
movere  veranlarste,  geht  daraus  hervor,  dals  auch  bei  der  Kriegserklärung 
selbst  derselbe  Akt  yollzogen  wurde,  vgl.  Serr.  Aen.  7,  603  nam  moria 
fuerafc  indicto  hello  in  Martis  sacrario  ancilia  oommovere;  8,  8:  nam  is  qni 
belli  susceperat  eurem  saerarium  Martis  ingressus  primo  ancilia  eonuno- 
vebat,  post  hastam  simulacri  ipsins,  dicens:  Mars,  yigila. 

6>  Hierüber  vgl  oben  S.  140  f.  Auf  die  durch  das  Wort  selbst  ver- 
anlaiste  Avsdehnung  dieses  Tages  auf  6  Tage  komme  ich  Ksp.  6  zurück. 

6)  Die  tubae,  oder  genftaer  tnbi,  wie  sie  speziell  naek  Fesi  p.  352. 
Fast.  Praen.  ad  23.  Apr.  Yarro  5,  117  in  dieser  ihrer  Verbindung  mit  den 
Saliern  hiefsen,  werden  allerdings  als  sacrorum  tubae  (Varro  1.  1.  6,  14) 
oder  als  tubi  quibns  in  sacris  utuntur  (F.  Praen.  a.  0.)  bezeichnet:  aber 
man  kaBp  nicht  zweifehl,  dafs  sie  in  Wirklichkeit,  ebenso  wie  die  arma 
ancilia,   in   bestimmter   Beziehung    zum   Kriege   selbst    gestunden    haben. 


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-     143     — 

Heerschau  ^)^  mit  welchem  Tage  die  Ceremonien  der  Salii  ihr 
Ende  haben.  Denn  nun  begann  der  Ernst  des  Krieges  selbst, 
sa  dem  jene  Umzüge  und  Ceremonien  nur  Vorbereitungen  und 
Einweihungen  gewesen  waren. 

Ahnlich  waren  die  Ceremonien  des  Oktober  dazu  bestimmt, 
die  Waffsn  wieder  Yon  dem  blutigen  Gebrauche  des  Eriegsjahrs 
in  entsühnen  und  sie  dann  für  den  Winter  an  heiliger  Stätte 
rnhen  zu  lassen.*)  Der  Haupttag  war  der  19.  Oktober,  an 
welchem  Tage  das  eigentliche  armilustrium  stattfand.  Alle  diese 
Gebrauche  haben  ihre  innere  Berechtigung:  sie  zeigen  uns  den 
Bond,  wie  er  sich  um  die  palatinische  Arx  gruppiert,  als  einen 
eminent  kriegerischen:  der  alte  Hirtencharakter  ist  abgestreift, 
wir  haben  Krieger  und  Burgmaünen  vor  uns.  Derselbe  Geist, 
welcher  die  Burg  gebaut,  hat  auch  die  Sodalitat  der  Salier  ge- 
stiftet 

Mit  der  Ausdehnung  der  Stadt  hat  auch  diese  Institution 
eine  Erweiterung  erfahren:  denn  darf  es  als  sicher  betrachtet 
werden,  dafs  die  Umzüge  sich  ursprünglich  nur  auf  die  Lokale 
der  palatinischen  Stadt  beschränkt  haben,  so  treten  uns  dieselben 
spater  in  Beziehimg  zu  den  Hauptpunkten  der  Gesamtstadt  ent- 
gegen und  wir  ersehen  daraus,  dals  das  Institut  der  Springer 
eben  zum  Institut  auch  der  erweiterten  Stadt  erhoben  worden 
isi^    Die  alten  Ceremonien  sind   aber  dabei  in  allen    wesent- 


Denn  die  sacra,  va  denen  sie  gebraucht  werden,  sind  nur  die  Umzüge  der 
Salier  selbst:  nnd  die  tubae  tragen  in  diesem  ZnsaAsmenbange  ikneelben 
kriegerischen  Charakter,  wie  die  ganze  Institution  mit  allem  ihrem  Zubehör. 

1)  Dals  der  durch  die  Note  Q.  R.  C.  F.  d.  h.  quando  rex  comiüavit 
£u  in  den  Kaiendarien  bezeichnete  Tag  in  der  ältesten  Yer&ssung  die  Stelle 
einer  regelmässigen  Heerschau  eingenommen  hat,  werde  ich  an  einer  andern 
Stelle  darie^n. 

%)  Daher  der  soUenne  Ausdruek  für  den  Komplex  dieser  Handlungen 
u«a  aneilia  condere.  Über  das  armilustrium  vgL  oben  S.  laif.  Dafs  der 
Oktoberfeier  aber  nicht  dieselbe  Bedeutung  beigelegt  worden  ist,  wie  der 
l^inleier,  zeigt  der  Umstand,  daüa  sie  noch  keinen  integrirenden  Bestand- 
teil des  ältesten  Festi^klus  —  des  sogenannten  Numaschen  —  bildet.  Das 
ttma  morere  war  —  sehr  charakteristisch  —  die  Hauptsache. 

8)  Die  Erweiterung  des  hMtituts  und  seiner  Cerenoonien  geht  einmal 
VIS  den  Orten  hervor,  mit  denen  die  Salier  später  in  Yerbinduug  erschei- 
nen: Begia  Fest  829;  Comitium  Yarro  1. 1.  6,  86;  Gapitol  Dion.  2,  70;  pons 
SQ^lieius  Serr.  Aen.  2y  166;  Campas  Martins  Varro  1.  1.  6,  13;  sodami  aus 
^  Ausdehnung  der  Festtage  fast  über  den  ganzen  Monat  (Polybius  rechnet 


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liehen  Punkten  erhalten  geblieben  und  es  ist  interessant,  dafs 
selbst  aus  dieser  Erweiterung  die  ursprüngliche  Beschränkung 
auf  den  Palatin  und  die  palatinische  Stadt  sich  noch  erkennen 
lafst.0 


die  Festzeit  deshalb  21,  10  rund  auf  30  Tage,  Dionysias  sagt  ioQti^  —  i«l 
noXXag  ^niqag  dyonirrj  2,  70),  was  nicht  mit  der  Einfachheit  der  ältesten 
Zeit  stimmt;  femer  aus  den  einzelnen  Ceremonien,  von  denen  die  Equirria 
und  Agonia  nur  ans  der  Wechselbeziehung  mit  der  später  gestifteten  Soda- 
litat  der  Salii  Collini  sich  erklären  (vgl.  Kap.  6);  endlich  ans  vielen  Details. 
So  kann  die  lange  Reihe  der  Grötter,  die  nun  in  den  axamenta  der  Salier 
gefeiert  werden  (vgl.  Fest.  p.  3),  erst  allmählich  zusammengestellt  sein. 
Über  die  tubae  vgl.  Kap.  6.  Den  Spuren  der  Erweiterung  des  Festes  im 
Einzelnen  genauer  nachzugehen,  schliefst  sich  hier  von  selbst  aus:  ich  ver- 
weise noch  einmal  auf  Marquardts  Darstellung  a.  0. 

1)  Die  Haupthandlungen  des  arma  ancilia  movere  und  condere  finden 
auf  dem  Palatin  statt:  der  Girkus  hielt  zu  allen  Zeiten  den  Namen  armi- 
lufltrium  fest  (vgl.  oben  S.  131 1)  und  in  ihm  fand  die  Lustration  der  Waffen 
wenigstens  am  19.  Oktober,  wahrscheinlich  also  auch  im  März  statt  Wo 
das  tubilustrium  sich  vollzog,  ist  zweifelhaft,  da  über  die  Lage  des  dafür 
genannten  atrium  sutorium  (Yarro  1.  1.  6,  14.  Fest.  p.  352.  Fast  Praen. 
23.  Apr.)  keine  nähere  Angabe  vorliegt.  Mommsen  (G.  I.  L.  I,  S.  889)  hält 
dasselbe  für  identisch  mit  dem  atrium  Minervae,  was  sehr  unwahrschein- 
lich; Jordan  Hermes  4,  232  bringt  es  in  Beziehung  zur  Nordseite  des  Fo- 
rum, wo  später  der  Hauptwohnplatz  der  Schustergilde  zu  sein  scheint:  doch 
ist  auch  diese  Anseizung  des  atrium  durchaus  hypothetisch.  Die  leisen 
Spuren,  die  vorhanden  sind,  führen  auf  das  Palatium:  denn  Fest.  p.  352 
fuhrt  den  Akt  des  tubilustrium  auf  das  arkadische  Pallanteum  zurück,  denkt 
also  doch  offenbar  dabei  an  das  Palatium,  da  nur  dieses  —  resp.  seine  äl- 
teste Bevölkerung  —  mit  jenem  in  Verbindung  gebi*acht  wurde;  ferner 
denkt  Lutatius  (bei  Fast.  Praen.  a.  0.)  bei  der  Lustration  der  tubi  resp.  des 
tubus  an  den  lituus  des  Bomulus  auf  dem  Palatium,  woraus  sich  gleichfidls 
die  Wahrscheinlichkeit  eines  lokalen  Zusammenhangs  beider  ergiebt  Mar- 
quardt  weist  deshalb  auf  Grund  dieser  Andeutungen  das  tubilustrium  dem 
Palatium  zu:  was,  wenn  es  auch  nicht  sicher  ist,  doch  die  grOfste  Wahr- 
scheinlichkeit für  sich  hat  Vgl.  dazu  noch  Mommsen  Arch.  Ztg.  1847, 
S.  109,  der  sich  hier  dahin  ausspricht,  dals  „das  Atrium  jedenfalls  auf  dem 
Palatin  zu  suchen  isV.  Was  wir  uns  freilich  unter  dem  atrium  sutorium 
zu  denken  haben,  bleibt  völlig  unklar:  denn  was  die  Gilde  der  Schuster 
resp.  ihr  Versammlungshaus  mit  den  tubi  der  Salii  zu  thun  haben,  ist  un- 
ergründlich. Oder  kann  man  das  sutorins  hier  wie  andere  Ableitungen  von 
suere  in  weiterer  Bedeutung  fassen  (wie  balteus  sutilis,  aerea  suta  =»  Erz- 
panzer) und  auf  die  Anfertigung  der  tubi  beziehen?  Das  atrium  sutorium 
wäre  dann  die  alte  Werkstätte,  in  der  die  tubi  sacrorum  angefertigt  wurden. 
Jedenfalls  war  das  Palatium  durch  die  curia  Saliorum  mit  den  arma  ancilia 
und  dem  lituus  Bomuli  von  Haus  aus  der  Mittelpunkt  der  Sodalität  der 
Salii  und  aller  ihrer  Ceremonien. 


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--     145     - 

In  der  Sodalität  der  palatinischen  Springer  tritt  uns  also 
der  YoUbewulüste  Ausdruck  des  Charakters  und  Geistes  des  pala- 
tmiscfaen  Bundes  entgegen.  Im  Anschluss  an  den  Dienst  des 
Mars,  als  des  von  allen  drei  Gemeinden  gemeinsam  verehrten 
Gottes,  haben  diese  die  Sodalitat  der  Springer  eingesetzt  und 
in  all  den  einzelnen  Riten  und  Ceremonien,  mit  denen  sie  die- 
selbe ausgestattet,  den  Charakter  und  die  Aufgabe  ihres  Bundes, 
speziell  den  Verlauf  ihrer  kriegerischen  Thätigkeit,  wie  dieselbe  ' 
sich  regelmäfsig  in  jährlicher  Wiederholung  vollzog,  zum  Aus- 
druck gebracht.  Nicht  sinn-  und  zwecklose  Willkür  haben  wir 
in  den  einzelnen  Ceremonien  der  Salii  zu  sehen,  sondern  klar 
gedachte,  von  einem  bestimmten  Gesichtspunkte  aus  gebildete 
sakrale  Handlungen. 

Haben  wir  also  in  der  Sodalitat  der  palatinischen  Springer 
diejenige  Institution  zu  sehen,  die  so  recht  eigentlich  aus  dem 
Zosammenschlufs  der  drei  Gemeinden,  der  Schöpfung  ihres  Bun- 
des und  ihrer  Burg,  hervorgegangen  ist,  so  ist  als  eine  zweite 
Bundesinstitution  die  Sodalitat  der  Luperci  zu  fassen.  Ich  habe 
sehen  oben  bemerkt^),  dafs  alle  namhaften  alten  Autoren  darin 
übereinstimmen,  das  Institut  der  Luperci  habe  zwei  Phasen  sei- 
ner Entwicklung  durchlebt,  indem  ihrer  Beziehung  zur  palati- 
nischen Stadt  —  in  der  sie  später  uns  entgegentreten  —  eine 
ältere  Phase  voraufging.  Diese  ältere  Phase  kann  nur  die  der 
Dorfer  des  Westpalatinus  gewesen  sein,  imd  ich  habe  demnach 
schon  im  vorigen  Kapitel  wenigstens  dasjenige  Moment  betrach- 
tet, welches  am  schärfsten  den  Dualismus  jener  älteren  Periode 
zum  Ausdruck  bringt  Diese  Institution  ist  nun  später  auf  die 
neue  Entwicklungsphase  der  Stadt  übertragen,  ihr  angepafst  und 
80  haben  wir  in  der  Prozession  der  Luperci  den  Lustrationsum- 
zug der  palatinischen  Stadt  zu  erkennen.^)    Es  ist  also  diejenige 

1)  Vgl.  oben  S.  83  und  daza  noch  die  Worte  Ciceros  über  das  Fest 
pro  Coei.  11,  26  fera  quaedam  sodalitas  et  plane  pastoricia  atqne  agrestis 
gennaooram  Lnpercomm,  qnonim  coitio  iUa  silvestris  ante  est  instituta 
<{Qam  humanitas  atqne  legea.  Plutarch  sagt  von  demselben  Caes.  &l  mg 
soc^VflHT  To  nalaiov  cfi;. 

2)  Darfiber  vgl.  bernacb.  ünger  a.  0.  64  will  schon  in  dem  Namen 
Apercus  selbst  eine  Verderben  abwendende  Bedeutung  erkennen,  indem  er 
denselben  von  Ines  und  parco  ableitet.  Das  balte  icb  nicbt  ffir  richtig. 
Lupercns  ist  mit  Jordan  bei  Preller  1,  126  (Krit.  Beitr.  16^.  207)  als  „Wölf- 
Ibg**  SU  fassen:  nrsprfinglicb  war  der  Gott  selbst  als  Wolf  gedacht  und 
ihn  stellten  die  Sodales  Luperoi  dar,  indem  sie  sich  gleichialls  als  Wölfe 

Gilbert,  Gesoh.  a.  Topogr.  Bomn.  10 

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Institution,  welche  einst  die  beiden  Dörfer  des  Westpalatinus  ver- 
band und  ihr  Hauptkultfest  bildete,  nach  Erweiterung  des  Bun- 
des zum  gemeinsamen  Kult  eben  dieses  erweiterten  Bundes  er- 
hoben und  durch  diesen  jährlich  wiederholten  Umzug  der  einmal 
festgesetzte  Umkreis  des  neuen  Bundes-  oder  Staatsgebietes  immer 
von  neuem  feierlich  bestätigt  und  geweiht. 

Verweilen  wir  bei  dieser  Aufserung  des  römischen  Sakral- 
'  rechts  noch  einen  Augenblick,  da  die  Lustrationen  im  antiken 
Leben  überhaupt  eine  sehr  bedeutsame  Stelle  einnehmen.  Es 
sind  zwei  Momente,  die  bei  der  Lustration  eines  Gebiets  in  Be- 
tracht kommen:  einmal  die  Sühnung  selbst^),  sodann  die  feier- 
liche Dokumentierung  des  Besitzstandes.^  Es  ist  also  zunächst 
ein  religiöser  Akt,  der  sich  hier  vollzieht,  indem  die  Schuld 
und  Unreinigkeit,  die  sich  den  Göttern  gegenüber  möglicherweise 
über  dem  Besitztum  zusammengezogen  hat,  feierlich  gesühnt  und 
getilgt  imd  das  für  diese  Schuld  dargebrachte  Opfer  zu  dem 
Zwecke  geschlachtet  und  vergraben  wird.  Es  ist  sodann  aber 
auch  ein  juristischer  Akt,  in  dem  durch  die  Umgehung  des  betr. 
Besitzstandes  dieser  selbst  in  formellster  Weise  zur  Anschauung 


aufÜEjBten  und  benahmen.  Vgl.  Jastin.  48,  1,  7  ipenm  dei  (sei.  des  Fannns) 
simalacmm  nudnm  caprina  pelle  amictum  est,  quo  habitu  nunc  ßomae 
LupercalibuB  decurritur:  jedenfiEiJls  wollten  also  die  Luperci  den  Pannus 
LupercuB  nachahmend  darstellen. 

1)  Das  besagt  der  Name :  denn  lusirum  kann  von  luere  nicht  getrennt 
werden  (Forcellini  Lexic.  s  v.  nomen  a  luo,  lavo,  ut  videtur,  factum)  und 
bezeichnet  meiner  Ansicht  nach  zunächst  „das  Abgewaschene^S  den  Schmutz, 
sodann  die  wie  ein  Schmutz  abgehobene  und  förtgenommene  Schuld.  Das 
tritt  besonders  in  der  alten  sakralen  Formel  lüstrum  condere  hervor,  die 
nur  so  verstanden  werden  kann,  dals  wirklich  eine  „Beisetzung**,  ein  Ver- 
graben des  Opfertieres  stattfand,  indem  dieses  letztere  als  die  Schuld  des 
nun  gesQhnten  auf  sich  nehmend  und  an  seine  Stelle  tretend  angesehen 
wurde.     Vgl.  üsener  im  N.  Rh.  Mus.  30.  1876.  S.  204. 

2)  Vgl.  Siculus  Flaccns  p.  164,  25:  sed  et  pagi  saepe  significanter 
finiuntur.  De  quibus  non  puto  quaestionem  fnturam,  quorum  territoriomm 
ipsi  pagi  sint,  sed  quatenns  territoria.  Quod  iamen  intellegi  potest  vel  ex 
hoc,  magistri  pagorum  quod  pagos  lustrare  soliti  sunt;  ut  tothamus  qua- 
tenns lustrarent.  Man  muTs  bedenken,  dafs  diese  Grenzumgäsge  ihrem  Ur- 
sprünge nach  in  eine  Zeit  zurückreichen,  in  der  schriftliche  Fixierungen  in 
Urkunden  etwas  Unbekanntes  waren.  Die  Grenzumgänge  treten  hier  an 
Stelle  der  den  Besitz  genau  bestimmenden  und  beweitenden  Urkunden:  und 
sie  mulsten  eben/ deshalb  sich  wenigstens  j&hrlich  einmal  in  steter  gleicher 
Wiederholung  vollziehen,  um  so  gleichsam  dokumentarisch  den  Besitzstand 
selbst  allen  Anfechtungen  desselben  gegenüber  vor  aller  Augen  zu  führen. 


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-     147     - 

gebracht  und  damit  als  Eigeotum  erwiesen  sind.  Solcher  Lustra- 
tionen kennt  das  romische  Sakralrecht  zahlreiche:  nicht  nur  jeder 
Priyatmann  vollzieht  dieselbe^),  sondern  auch  das  einzehie  Dorf*), 
der  einzelne  Kurienbezirk®),  die  Stadt  Rom  selbst*)  und  seine 
Bürgerschaft*)  wird  so  in  feierlichenf  Umzüge  umschritten  und 
durch  das  in  diesem  Umzüge  zugleich  herumgetragene  SOhnopfer 
das  betreffende  Gebiet  selbst  einmal  wirklich  gesühnt,  sodann 
das  Besitzrecht  an  demselben  von  neuem  dokumentiert  und  fixiert. 
Und  wie  jedes  abgeschlossene  Gebiet  —  des  einzelnen  Privat- 
manns ebensowohl  wie  des  Distrikts  und  der  Stadt  —  durch  ter- 
mini^  bezeichnet  wurde,  deren  Heiligkeit  Numa  ganz  besonders 
eingesehärft  haben  sollte,  so  zeigen  uns  die  von  Tacitus  erwähn- 


1)  Vgl.  die  Anweisung  Catos  r.  r.  141  hierfür:  agrum  lastrare  sie 
oportet  Impera  suovetaurilia  circnmagi.  Mando  tibi,  Mani,  ut  illace  suove- 
Unrilia  fnndam,  agmm,  terramque  meam  qnota  ex  parte  sive  circnmagi 
nvt  circnmferenda  censeas,  nti  eures  lustrare.  lannm  lovemque  vino  prae- 
ftunino:  worauf  ein  Gtebet  an  Mars  nm  Schutz  folgt 

2)  Über  die  lustratio  pagi  vgl.  Marquardt  3,  195. 

3)  Über  die  Lnstraiionen  der  einzelnen  Eurienbezirke,  sowohl  in  ihren 
städtischen  Wohndistrikten,  wie  in  ihren  Äckereien  vgl.  Kap.  6. 

4)  Die  Stelle  nehmen  die  Ambarvalia  ein,  über  die  vgl.  Kap.  8.  Aber 
auch  in  anlsergewöhnlicher  Weise  kann  der  umfang  Roms  selbst  in  beson- 
deren Zeiten  der  Not  umgangen  und  lustaiert  werden:  vgl.  Fest.  p.  5  am- 
borbiales  hostiae  appellabantur  quae  circum  terminos  urbis  Romae  duce- 
Untor  und  Serv.  Verg.  ecl.  3,  77  ambnrbiale  vel  amburbium  dicitur  sacri- 
ficinm  qnod  urbem  circuit  et  ambit  victima.  Beispiele  bietet  Livius  21,  62 
nseh  der  Schlacht  an  der  Trebia;  36,  9  urbs  lustrata;  42,  20.  Die  Pro- 
Ksaon  bei  einem  solchen  amburbium  beschreibt  Lucanus  1,  692  ff.  Vgl. 
noch  Varro  r.  r.  2,  1. 

5)  £ine  solche  Sühnung  der  Bürgerschaft,  wenigstens  in  ihrem  Kerne 
^er  waffenfähigen  Mannschaft,  bietet  der  Lustrationsakt,  mit  dem  der  Cen- 
8U8  der  Gemeinde  geschlossen  wird.  Vgl.  Liv.  1,  44  (Servius)  —  in  Campo  • 
Mttrtio  —  instructum  exercitum  omnem  suovetaurilibus  lustravit  idque 
eonditnm  lustrum  appellatüm.  Dieser  Schlufsakt  ist  so  sehr  als  die  Haupt- 
sache betrachtet  worden,  dafs  der  Name  lustrum  auf  die  Zeit  selbst  über- 
gegangen ist,  für  welche  die  Neuordnung  und  Sühnung  des  „Pünfjahr- 
becre"  galt 

6)  Über  die  Gretrasteinsetznug  der  Privatöckerr  spricht  Dionjs.  2,  74, 
sowie  Plutarch  Num.  16  als  eine  spezielle  Anordnung  des  Numa.  Die  cippi 
inn  die  alte  palatinische  Stadt  erwähnt  Tacitus  a.  O.  Über  die  Grenzsteine 
^8  vgl.  Varro  1.  1.  6,  143  cippi  pomerii  staut  et  circum  arsclam  (in  Ar- 
deam  oder  Ariciam  verbessert)  et  circum  Romam.  Erhalten  sind  noch  drei 
««  der  Zeit  des  Vespasian,  des  Claudius  und  des  Hadrian.  C.  I.  L.  VI,  1. 
lMl-33. 

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—     148     — 

ten  cippi^  dafs  eben  der  Palatin  zu  einem  in  sich  abgeschlosse- 
nen ^  von  dem  übrigen  Räume  sakralrechtlich  ausgeschiedenen 
Gebiete  erhoben  war,  dessen  Lustration  eben  die  Prozession  der 
Luperci  diente.^)  Der  Lustrationsumzug  schlofs  sich  demnach 
genau  der  Grenzlinie,  wie  #ir  sie  oben  betrachtet  haben,  an  und 
umkreiste  so  den  ganzen  Berg. 

Diese  Thatsaehe,  dafs  die  Prozession  der  Luperci  wirklich 
den  ganzen  Berg  umkreiste,  d.  h.  vom  Lupercal  ausgehend  zu 
ihm  wieder  zurückkehrte,  wird  gewöhnlich  nicht  scharf  genug 
hervorgehoben.  Weil  Tacitus  die  Grenzlinie,  welche  ja  mit  der 
Prozessionsstrafse  der  Luperci  zusammenfällt,  nur  von  der  ara 
maxima  bis  zum  sacellum  Lamm  beschreibt,  so  nehmen  Mar- 
quardt  sowohl  wie  Unger  an*),  dafs  der  Umzug  schon  am  sa- 
cellum larum  seinen  Abschlufs  erreicht  habe.  In  diesem  Falle 
wäre  die  Prozession  selbst  überhaupt  keine  Lustratio,  denn  eine 
solche  mufs  das  ganze  Gebiet  umschreiten.  Der  Irrtum,  der  in 
dieser  Annahme  liegt,  hängt  mit  der  falschen  Anordnung  oder 
Ansetzung  des  Opferschmauses  zusammen,  den  die  Luperci  nach- 
weislich am  Lupercal  einnahmen  und  den  Marquardt  und  Unger 
vor  der  Prozession  selbst  stattfinden  lassen. 

Dafs  diese  Ansetzung  des  Opferschmauses  vor  Abschlufs  der 
Prozession  nicht  richtig,  ist  leicht  zu  ersehen.  Allerdings  ge- 
braucht Valerius  Maxiraus')  einmal  einen  Ausdruck,  der  nur  die 
eine  Deutung  zuzulassen  scheint,  Opfer  und  Opferschmaus  seien 
sofort  vor  Beginn  des  Umlaufs  vollzogen. 

Aber  einmal  dürfen  wir  die  Rückkehr  der  Laufenden  zum 
Lupercal  schon  aus  Plutarchs  Worten*)  schliefsen  rovg  tisqI  töv 


1)  Bestimmt  hebt  übrigens  Varro  selbst  diesen  Zweck  der  Lupercalia 
hervor  1.  1.  6,  13  februm  Sabini  purgamentum  et  id  in  sacris  nostris  ?er- 
bum;  nam  et  Lupercalia  febmatio;  und  6,  34  ego  magis  arbitror  Februa- 
rium  a  die  Febraato,  quod  tom  februatar  populus,  id  est  lupercis  nodis 
lustratar  antiqaom  oppidam  Palatinam  gregibus  hiimanis  cinctnm.  Momm- 
sen  hat  diesen  Ausdruck  gregibns  humanis  cinctum  beanstandet  (Rom.  Forsch. 
2,  39),  wogegen  Jordan  1,  162^.  und  bei  Preller  1,  390  denselben  verlei- 
digt. Auch  ich  kann  nicht  finden,  dafs  in  greges  humani  als  Bezeichnung 
der  mit  Thierfellen  geschürzten  nudi  luperci  etwas  „Skurriles*^  liegt. 

2)  Wenigstens  erwähnt  weder  Marqnardt  noch  Unger  ein  Zurückkom- 
men der  Luperci  zum  Lupercal. 

3)  2,  2,  9. 

4)  Komul.  21.     Plutarch.   setzt  ausdrücklich   hinzu:    nal   fiinrifice  tov 


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~     149    — 

'PofivXov  —  ik^atv  SQQ^im  iiera  xccg&g  inl  xov  xonov,  iv  cS  vq- 
xioig  ov6iv  avxolq  rj  Xvxaiva  «Ö^A^i;  vni6%e  — ;  anderseits  aber 
müssen  wir,  um  uns  ein  richtiges  Urteil  über  den  Verlauf  des 
ganzen  Festes  zu  bilden,  allein  Ovids  Beschreibung  folgen  und 
diese  besagt  dasselbe,  was  schon  Plutarch  hier  andeutet,  nämlich 
dafs  die  Laufenden  zum  Lupercal  zurückkehrten.  Denn  wenn  der- 
selbe') sagt:  Comipedi  Fauno  caesa  de  more  capella  venit  ad 
exigoas  turba  Yocata  dapes,  so  soll  damit  offenbar  nur  allgemein 
angegeben  werden,  dafs  der  letzte  Zweck  der  zur  Feier  der  Luper- 
ealien sich  versammelnden  Jünglinge  der  Opferschmaus  war: 
Pannus  ladet  sie  gleichsam  —  so  stellt  Ovid  die  Sache  dar  — 
zu  sich  zum  Festschmause.  ^  Dieser  ganz  allgemein  gegebenen 
Bestimmung  des  Festes  fügt  Ovid  sodann')  die  Schilderung  des 
Verlaufs  im  einzelnen  hinzu.  Während  die  Priester  das  Fleisch 
zum  Festessen  zubereiten,  findet  der  Umlauf  statt  (dum  sacer- 
dotes  —  exta  parant  —  Romulus  et  ftater  —  dabant).  Erst  nach 
der  Rückkehr^)  sodann  wird  das  Festmahl  eingenommen.  Denn 
mag  Ovids  Schilderung  zunächst  auch  nur  auf  die  erste  Feier 
der  Sage  sich  beziehen  —  unter  Romulus  und  Remus  — ,  so  darf 
man  doch,  wie  schon  angedeutet,  annehmen,  dafs  diese  als  Pro- 
totyp für  den  späteren  Verlauf  des  Festes  in  allen  seinen  Haupt- 
punkten aufzufassen  ist.  Wenn  also  Valerius  Maximus  die  Lu- 
perci  schon  vor  ihrem  Umlauf  sich  durch  Wein  und  Speise 
vorbereiten  und  stärken  läfst,  so  mag  das  immerhin  seine  Be- 
rechtigung haben,  indem  sie  in  der  That  schon  vorher  durch  einen 
tüchtigen  Trunk  sich  in  die  rechte  Stimmung  zu  ihrem  lustigen 
Treiben  setzten:  der  eigentliche  Opferschmaus  selbst  hat,  wie  es 
selbstverständlich  ist^)  und  wie  Ovid  ausdrücklich  bezeugt,  nach 
der  Prozession  stattgefunden. 


1)  Fasi  2,  361  f. 

2)  ÜDger  a.  0.  S.  57,  Marquardt  S.  425  und  Preller  1,  388  f.  scblielsen 
offenbar  gerade  ans  diesen  Worten,  dafs  der  eigentliche  Festschmaus  vor 
dem  Umzöge  erfolgte,  was  nicht  richtig  sein  kann. 

3)  A.  0.  368  flF. 

4)  Vgl.  ut  rediit  373. 

6)  DalB  es  wenigstens  ffir  die  Paganalia  —  und  ihnen  scblielsen  sich 
die  Lupercalia  als  darchaus  gleichartig  an  —  selbstverständlich  war,  dafs 
der  gemeinsame  Festschmaus  nach  der  lustratio  selbst  stattfand,  zeigt  die 
Inschrift  I.  N.  1504:  M.  Nasellius  —  Sabinus  —  et  Nasellius  Vitalis  —  in 
I>erpetaam  VI.    Id.  lun.  die  natale  Sabin i  epnlantib.  hie  paganis  annnos 


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—     150     — 

Daraus  folgt  also,  dafs  die  Luperci  nicht  am  sacellum  Larum 
ihren  Umzug  beendet  haben,  sondern  zu  ihrem  Ausgangspunkte, 
dem  Lupercal,  wieder  zurückgekehrt  sind.  Das  war  nur  möglich, 
wenn  sie  yon  dem  sacellum  Larum,  welches  in  summa  Sacra  yia 
vor  der  porta  Mugionis  lag,  aus  der  Tiefe  an  den  unteren  Ab- 
hang des  Berges  hinanstiegen  und  denselben  bis  zum  Lupercal 
weiter  umkreisten. 

Haben  wir  also  anzunehmen,  dass  die  Prozession  zum  Luper- 
cal zurückkehrte,  so  stellt  sich  dieselbe  demnach  durchaus  als 
Lustration  des  Bundesgebiets  "dar.  Vom  Lupercal  ausgehend  — 
wie  Plutarchus  ausdrücklich  bezeugt*)  —  ging  der  Zug  am  West- 
abhange  des  Palatinus  her,  betrat  an  der  Südwestecke  des  Berges 
das  Forum  boarium  und  umkreiste  nun  yon  der  ara  maxima  bis 
zur  ara  Gonsi,  von  hier  zu  den  curiae  veteres,  von  diesen  zum 
sacellum  Lamm  den  Berg,  um  schlief slich  am  Abhänge  selbst 
hergehend  zum  Lupercal  wieder  heimzukehren  und  daselbst  den 
Festschmaus  einzunehmen. 

Diese  beiden  Sodalitaten  —  der  Luperci  und  der  Salii  — 
haben  wir  demnach  als  die  sakralen  Institutionen  des  palatiuischen 
Bundes  anzusehen:  von  denen  die  eine,  aus  der  älteren  Phase 
herübergenommen,  speziell  der  Lustration  des  Bundesgebiets  dient; 
die  andere,  neu  geschaffen,  unmittelbar  aus  dem  Grunde  und  dem 
Zwecke  der  neuen  Föderation  erwachsen  ist.  Die  Feste,  wie  sie 
von  diesen  beiden  Sodalitaten  vollzogen  werden,  sind  recht  eigent- 
lich die  Feste  der  palatinischen  Stadt. 

Zu  diesen  Festen  kommt  aber  noch  ein  drittes,  welches  man 
gleichfalls  ein  Recht  hat,  mit  der  Gründung  des  oppidum  Pala- 
tinum  in  Beziehung  zu  bringen:  das  sind  die  Parilia.^)  Ja  bei 
keinem  ist  dieser  Zusammenhang  so  sicher,  da  bekanntlich  die 
Parilia,  der  21.  April,  stets  als  die  Gründungsepoche  Roms  ge- 
golten  haben.*)     Die   Gebräuche,   wie   sie   an  diesem   Festtage 

CXXV  dari  iosserunt  ea  condicione,  ut  Non.  lan.  pagum  lostrent  et  sequen- 
tibas  diebas  ex  consaetndine  saa  cenent. 

1)  Homul.  21  xal  yaQ  d^xoiiivovg  tijg  ns^ftÖQoiiijg  tovg  AovnSQ%ovg 
OQaiißv  ivtsvd-BVy  onov  rov  *P<ofi/vXov  intsdijvai  Uyovat. 

2)  Da&  Parilia  nicht  allein  die  gewöhnliche,  sondern  auch  die  allein 
korrekte  Schreibart  des  Namens,  geht  ans  einer  Beihe  von  Ealendarien  her- 
vor: vgl.  Monunsen  im  C.  I.  L.  I,  p.  391  und  Ephem.  epigr.  III  7.  Den- 
noch ist  der  Zusammenhang  dieses  Namens  mit  Pales  sicher:  vgl.  Corssen 
Ausspr.  1*,  223. 

3)  Vgl  Schwegler  R.  G.  1,  444  ff. 


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—     151     - 

üblich  wareu  und  wie  wir  sie  namentlich  aus  Ovids^)  Schilderung 
näher  kennen  lernen,  gehören  zu  den  altertümlichsten  und  eigen- 
artigsten^:  es  ist   unverkennbar ,   daüs   sie  in  der  That  in  die 


1)  Fast.  4,  721  ft.  Dazu  vgl  noch  Paul.  p.  222.  Dion.  1,  88.  Varro 
1.  1.  6,  16. 

2)  Vgl.  Schwegler  a.  0.  Marquardt3,  201.  Preller  1,  416  S.  unter  den 
Gebrauchen  dieses  Tages  ist  besonders  hervorzuheben  der  Ausschluls  jeden 
blutigen  Opfers:  vgl.  Ovid.  Fast  4,  741  ff.: 

Ure  mares  oleas  taedamque  herbasque  Sabinas 

et  crepet  in  mediis  laurus  adusta  focis. 

libaque  de  milio  milii  fiscella  sequetur: 

rustica  praecipue  est  hoc  dea  laeta  cibo. 

adde  dapes  mulctramque  suas  dapibusque  resectis 

silvicolam  tepido  lacte  precare  Palen. 
775  f.: 

qaae  precor  eveniani  et  nos  feiciamus  ad  annum 

pastorum  dominae  grandia  liba  Pali. 
Femer  ist  bemerkenswert  die  in  allen  Punkten  festgehaltene  Beziehung  zu 
Hirten  und  Herden:  vgl.  Ovid  a.  0.  723: 

alma  Pales  iaveas  pastoria  sacra  canenti. 
735  ff.: 

pastor  oves  saturas  ad  prima  crepuscula  lustra; 

unde  prius  spargat,  virgaque  verrat  humum. 

frondibus  ex  fizis  decorentur  ovilia  ramis 

et  tegat  omatas  longa  oorona  fores. 

caerulei  fiant  vivo  de  sulphure  fumi 

tactaque  fomanti  sulphure  balet  ovis; 
äowie  das  Gebet  747  —  776,  welches  sich  nur  auf  das  Gedeihen  des  Hirten 
and  der  Herde  bezieht    Dazu  vgl  Varro  r.  r.  2,  1. 

Endlich  ist  sehr  altertfimlich  die  Rolle,  welche  Feuer  und  Wasser  iu 
diesen  Gebräuchen  spielen;  vgL  Ovid  a.  0.  727 f.: 

certe  ego  transilui  positas  ter  in  ordine  flammas 

•   udaque  roratas  laurea  misit  aquas 
777  81: 

haec  tu  conversus  ad  ortus 

die  quater  et  vivo  perlue  rore  manus. 

tum  licet  adposita  veluti  cratere  camella 

lac  niveum  potes  purpureamque  sapam 

moz  per  ardentes  stibulae  crepitantis  acervos 

traicias  celeri  strenua  membra  pede. 
£8  ist  ebenso  ein  Bufs-  und  Sühntag,  wie  ein  Dank-  and  Freudenfest,  wel- 
ches die  Hirten  an  diesem  Tage  feiern:  denn  Wasser  und  Feuer  sind  das 
älteste,  einfachste  und  zugleich  heiligste  äahnmittel;  vgl.  Paul.  p.  8  funus 
pTOsecuti  redeuntes  ignem  supergradiebantur  aqua  aspersi;  quod  purga- 
tionis  genus  vocabant  suffitionem.  Später  hinzugefügt  sind  die  Beziehungen 
za  dem  allgemeinen  Eunenfeste  der  Fordioidia  und  zum  Vestaheiligtume, 


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-     152     — 

ältesten  Zeiten,  die  eigentliche  üirtenzeit  Roms;  zurückgehen. 
Der  Name  der  Göttin^  der  dieses  Fest  galt^  Pales^  kann  niin  von 
dem  Namen  Palatium  nicht  getrennt  werden^):  und  daraus  geht 
wieder  die  ühergewichtliche  Bedeutung  hervor,  die  der  Gemeinde 
des  Palatium  auch  für  die  Gründung  der  Stadt  selbst  zukommt. 
Die  Parilia  sind  ohne  Zweifel  ein  uraltes  Frühlingshirtenfest, 
welches  der  Gemeinde  des  Palatium  von  Haus  aus  eigentümlich 
war  und  welches  bei  Gründung  der  Stadt  —  gleich  den  Luper- 
calia  —  zum  Bundesfeste  erhoben  wurde. 

Es  ist  kein  Zufall,  dafs  die  Parilia  auf  den  21.  April  fallen. 
Haben  wir  früher^)  aus  den  sakralen  Obliegenheiten  des  Flamen 
Quirinalis  erkannt,  dafs  die  Festzeit  des  ältesten  Bundes  der  West- 
gemeinden an  drei  Epochen  des  Jahres  sich  anschliefst,  so  sehen 
wir  hier  an  und  um  diesen  Kern  sich  die  weiteren  Feste  auch 
der  palatinischen  Stadt  gruppieren.  Die  Parilia  am  21.  April, 
wahrscheinlich  schon  die  Yinalia^)  am  23.,   sowie  die  Robigalia 


indem  die  Asche  der  an  den  Fordicidia  verbrannten  Kühe,  sowie  das  Biat 
des  OktoberroBses  (vgl.  über  beides  Kap.  6)  aas  dem  Vestaheiligtume  zur 
Sühuung  geholt  wurde.  Man  hat  eben  zu  den  uralten  Sühnmitteln  diese 
später  aufgekommenen  hinzufügen  zu  müssen  geglaubt  und  zugleich  wieder 
durch  die  Verbindung  der  ganzen  Feier  mit  dem  Vestaheiligtume  ihren  von 
Haus  aus  auf  die  palatinische  Stadt  beschränkten  Charakter  auf  die  Ge- 
samtstadt  erweitert.  Damit  ist  das  Fest  aber  zugleich  zum  Fest  der  Ge- 
samtstadt geworden,  wie  ja  die  Gründung  der  palatinischen  Stadt  allerdings 
die  Gründung  zugleich  der  Gesamtstadt  geworden  ist,  eben  weü  sich  alle 
andern  Teile  der  Stadt  an  diesen  Kern  nach  und  nach  angeschlossen  haben. 

1)  Das  Verhältnis  der  Pales  zur  Palatua  (vgl.  oben  S.  51)  scheint 
mir  dasselbe,  wie  das  von  Bamnes  zu  Bomani:  Pales  ist  die  ältere  Form, 
aus  der  Palatium,  Palatuar  etc.  entstanden  sind;  Palatua  dagegen  die 
jüngere  Form,  die  erst  wieder  aas  dem  Palatium  sich  gebildet  ]iat.  Pales 
ist  jedenfalls  eine  uralte  italische  Göttin,  Palatua  eine  aus  ihr  hervor- 
gegangene, speziell  dem  Palatium  gehörige. 

2)  Vgl.  oben  S.  88  ff. 

3)  Varro  sagt  zwar  l.  l.  6,  16  Vinalia  a  vino.  EQc  dies  lovis  non 
Vcneris  — ;  dafs  aber  dennoch  die  Venus  an  diesem  Feste  beteiligt  war, 
ergiebt  sich,  wenigstens  für  die  Vinalia  des  19.  Aug.,  mit  voller  Sicherheit 
daraus,  dafs  auf  diesen  Tag  der  Stiftungstag  beider  Tempel  der  Venus 
(Fest.  p.  266.  Varro  l.  l.  6,  20)  gelegt  ist,  sowie  aus  bestimmten  Angaben 
Varro  a.  0.  Ovid.  Fast.  4,  877.  Man  darf  also  wohl  annehmen,  dafe  die 
Feste  der  Vinalia  von  Haus  aus  mit  dem  Kult  der  Venus  (Murcia)  verbun- 
den waren,  wenn  sie  vielleicht  auch  später  erst  (vgl.  Kap.  4)  ihre  spezielle 
Beziehung  zum  Wein  erhalten  haben.  An  den  Vinalia  des  April  wurde  der 
Wein  des   vorigen  Jahres  zuerst  angezapft:   Paul.  p.  65.   Fest.  p.  376;  an 


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—     153     — 

am  25.^)  bilden  eine  zusammenhängende  Gruppe  von  Festtageu^ 
welche  der  Frühlingszeit  angehören;  die  Gonsualia  am  21.  August^ 
und  wahrscheinlich  schon  die  Yinalia  am  19.  gleichfalls  eine  zu- 
sammenhangende Gruppe  Yon  Festtagen^  welche  der  Sommerfest- 
zeit angehören;  die  Consualia  endlich  am  15.  Dezembe)*^),  sowie 
die  Divalia  oder  Feriae  Divae  Angeronae  am  21.*),  sowie  die 
Larentalia  am  23.^)  wieder  eine  einheitliche  Gruppe  von  Tagen, 
welche  der  Winterfestzeit  angehören.  Alle  diese  Festzeiten,  die 
nachweislich  den  Gemeinden  des  palatinischen  Bundes  selbst  an- 
gehören, indem  die  Heiligtümer,  an  die  sie  sich  anschliefsen,  auf 
dem  Gebiete  der  palatinischen  Stadt  selbst  liegen  und  zu  den 
ältesten  Roms  gehören,  können  nicht  durch  einen  wunderbaren 
Zo&ll  der  Zeit  nach  so  genau  abgemessen  sein,  sondern  müssen 
plaomäfsig  und  in  berechneter  Absicht  diese  Anordnung  erhal- 
ten haben.  Sie  bilden  ein  einheitliches  System,  dem  die  Über- 
zeugung zu  Grunde  liegt,  dafs  das  Jahr  sich  in  drei  kritischen 
Epochen  entwickelt*) 

den  Yinalia  des  Angnst  die  Weinlese  angesagt;  au  den  Meditrinalia  des 
11.  Oktober  der  junge  Most  zuerst  probiert:  auch  der  letzte  Tag  galt  dem 
Japiter.  Vgl.  Varro  1.  1.  6,  21.  Fest.  p.  123  und  Mommson  C.  I.  L.  1, 
p.  404  a.  d  T. 

1)  Vgl.  oben  S.  90  f. 

2)  Vgl.  oben  S.  89. 

3)  Vgl.  über  dieses  Fest  Mommsen  C.  I.  L.  1,  p.  408. 

4)  VgL  oben  S.  56  f.  und  Mommsen  a.  0.  p.  409. 

5)  Vgl.  oben  S.  89. 

6)  Ich  gehe  von  dem,  wie  mir  scheint  selbstverständlichen  Satze 
Mommsens  Chronol.'  S.  9  aus,  dafe  in  Rom  der  Jahrmonat  ursprünglich, 
wenigstens  ungefähr,  den  Mon^lphasen  gefolgt  sein  müsse.  Wenn  Huschke 
das  röm.  Jahr  S.  4  dem  entgegen  die  ältesten  Monate  30tägig  annimmt,  so 
kum  das  keinen  Anspruch  aof  Glaubwürdigkeit  machen.  Alle  Kultur  be- 
ginnt damit,  dafs  sie  sich  der  Natur  anschliefsend  ihr  folgt,  nicht  dafs  sie 
ne  meistert.  Ein  Monat  ist  die  Zeit  von  dem  ersten  Erscheinen  der  Mond- 
iichel  bis  za  der  Wiederholung  eben  desselben  Zeitpunktes,  d.  i.  der  syno- 
dische  Monat  von  29  Tagen,  12  St^  44  Min.,  3  Sek.  Nach  diesem  wirk- 
lichen Mondlaufe  hat  auch  die  Ansetzung  der  einzelnen  Festtage  stattgefun- 
den. Später  hat  —  veranlaist  durch  die  Parilitätsscheu  —  die  Feststellung 
der  Monate  zu  7  29<%igen  und  4  Sltägigen  nebst  dem  Februar  von  28  oder 
29  Tagen  stattgefunden:  dabei  mögen  die  alten  Festtage  immerhin  eine 
gewisse  Verschiebung  erfahren  haben,  wesentliche  Änderungen  sind  aus- 
g^chlossen.  Wenn  ich  also  von  den  Festtagen  nach  ihrer  uns  allein  be- 
kaanten  Anordnung  in  den  29-  und  Sltägigen  Monaten  ausgehe,  so  bin  ich 
mir  wohl  bewufst,  dafs  diese  Anordnung  nicht  die  älteste  und  ursprüng- 
Hcbe:  glaube  aber  mit  Sicherheit  annehmen  zu  dürfen,  dals  jene  Anordnung 


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—     154     — 

Aufser  diesen  drei  hohen  Festzeiten  sind  es  aber  noch  zwei 
andere,  welche  uns  in  ihrer  Wichtigkeit  schon  in  dem  Festcyklus 
der  palatinischen  Stadt  entgegentreten:  der  Schlafs  des  Jahres 
und  der  Anfang  des  Jahres.  Denn  daran  kann  kein  Zweifel  sein, 
dafs  der  Monat  März,  der  Monat  des  Mars,  als  der  erste  des 
Frühlings  und  zugleich  des  Jahres,  sowie  nicht  minder,  dafs  der 
Februar  als  das  Ende  des  Jahres  betrachtet  worden  ist.  Wie 
dieser  der  Sühne,  so  dient  jener  der  Lust;  der  Schlufs  des  alten 
Jahres  verlangt  eine  Sühnung  und  Reinigung  aller  Kreise  und 
Beziehungen,  weil  das  neue  Jahr  wie  ein.  völlig  neuer  und  reiner 
Anfang  des  Naturlebens  betrachtet  wurde,  der  seinerseits  auch 
die  Reinheit  des  menschlichen  Lebens  erforderte.  So  sehen  wir 
in  der  zweiten  Hälfte  des  Februar  eine  eng  zusammenhängende 
Qruppe  von  Festtagen  uns  entgegentreten,  die  alle  durch,  ein 
Moment  ihre  Signatur  empfangen,  indem  sie  der  Sühnung  dienen. 
Die  Tage  der  Lupercalia  am  15.,  der  Quirinalia  am  17.,  der  Ter- 
minalia  am  23.  Februar  bilden  insofern  ein  System,  als  das  erste 
der  Sühnung  des  Bundesgebiets,  das  zweite  der  Sühnung  der  ein- 
zelnen Kurienbezirke  sowie  der  Gesamtstadt,  das  dritte  endlich 
der  Sühnung  des  einzelnen  Hauses  und  Besitztums  gilt.^)  Da- 
zwischen schiebt  sich  die  Aufserung  eines  weiteren  Gedankens,  dafs 
nämlich  das  Ende  des  Jahres  am  unmittelbarsten  und  natürlich- 
sten zum  Gedenken  derer  mahnt,  welche  die  unterirdischen  Mächte 


in  den  reinen  Mondmonaten  der  ältesten  Zeitrechnung  nnr  in  nnweaentlichen 
Änfserlichkeiten  verschieden  gewesen  sein  kann. 

1)  Über  die  Lupercalia  vgl.  oben  S.  145  ff.  Auf  die  Quirinalia  komme 
ich  besser  im  Zusammenhang  der  Kurienfeste  überhaupt  zurück  Kap.  6: 
sie  sind  der  Abschluls  und  die  eigentlich  staatliche  Feier  der  £inzelkurien- 
sühnfeste,  der  Fomacalia.  Doch  mag  auch  hier  darauf  hingewiesen  werden, 
dafs  die  Quirinalia  —  wie  wir  genauer  später  sehen  werden  —  am  ausge- 
prägtesten den  Charakter  eines  Staatsfestes  trägt:  weshalb  es  in  seiner 
engen  Verbindung  mit  den  Lupercalia  die  Beziehung  auf  die  palatinische 
Stadt  zum  Ausdruck  bringt  Über  die  Terminalia  vgl.  namentlich  Dion. 
2,  74:  xslBvaug  ya^  i%d<n(p  ne^fiyQa^ai  trjv  iavtov  Titijcw  %al  at^ai  U- 
^ovs  ini  toig  OQOtg  tegovg  cmedsi^tv  hgiov  Jiog  tovg  IC^ovgy  ual  Zeitig 
ita^sp  avtoig  imteXtiv  anavxixg  rjf^ifa  tixxt^  %a9''  ^tutatov  ivt^nnop  M 
tov  tmMOv  cvveQxoi^ivovgy  soffttiv  iv  toig  naw  xiykla^  %al  T^t»  tmv  bqünf 
d'smv  %atccati^adiuvog,  xavvqv  ^Pmfuxün  TiQfUvdXia  xaXovciv,  Plut.  Q.  R.  t6. 
Num.  16.  Daher  die  Nachbarn  an  diesem  Tage  zu  einem  dem  lupiter  Ter- 
minus geschlachteten  Lamm  oder  Ferkel  zusammenkamen,  um  bei  gemein- 
samem Mahle  der  friedlichen  Nachbarschaft  sich  zu  freuen.  Ovid.  Fast.  St 
665  ff:     Horat.  epod.  2,  69. 


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-     155    — 

im  Laufe  des  Jahres  der  Familie^  der  Gemeinde,  dem  Bunde  ge- 
nommen haben:  ihnen  gelten  die  Feralia.^)  Den  Schlufs  dieser 
ganzen  Reihe  ernster  Tage  bildet  der  Tag  des  Regifugium,  auf 
den  ich,  obgleich  ich  allerdings  annehme,  dafs  er  seiner  Einsetzung 
nach  schon  in  die  Zeit  des  palatinischen  Bundes  gehört,  besser 
bei  Betrachtung,  des  Bex  selbst  zurückkomme.  Wegen  der  März- 
feier  aber  genügt  es,  auf  das  oben  Gesagte  zu  verweisen.^) 

So  sehen  wir  aus  der  langen  Zahl  Ton  Tagen  des  Jahres 
eine  Reihe  yon  Einzeltagen,  gruppenweise  geordnet,  bestimmt  und 
deutlich  sich  abheben.    Zwölf  Mondläufe  schliefsen  sich  zu  einem 
Jahrescyklus  zusammen.^)    Beginnend  mit  dem  März  erreicht  die 
Frühlingszeit  in  der  zweiten  Hälfte  des  zweiten  Monats,  des  April, 
ihren  Höhepunkt;  wie  die  Sommerzeit  gleichfalls  in  der  zweiten 
Hälfte  des  zweiten  Sommermonats,  des  August,  und  die  Winter- 
zeit in  der  zweiten  Hälfte  des  zweiten  Wintermonats,  des  Dezem- 
ber, ihren  Höhenpunkt  erreicht.   Zu  diesen  drei  Hoch-Zeiten  tritt 
noch  das  Ende  und  der  Anfang  des  Jahres  als  bedeutsam  hinzu. 
Was  die  einzelnen  Festtage  selbst  aber  betrifft,  so  werden  die- 
selben durch  zw^i  Prinzipien  beherrscht  und  bestimmt:  das  ist 
einmal  die  eigentümliche  Parilitätsscheu^)  der  Römer,  d.  h.  die 


1)  Über  die  Feralia  vgL  Yarro  1.  1.  6,  13  Feralia  ab  inferis  et  ferendo, 
qnod  fenmt  tum  epalas  ad  septdcrum,  qaibus  ins  ibi  parentare.  Paul.  p.  85 
FeiaUa  düs  maaibus  sacrata  festa  a  ferendis  epulis  vel  a  feriendis  pecudi- 
bo8  appellata.  Maorob.  1,  4,  14.  Ovid.  Fast.  2,  567.  Sie  bilden  später 
—  ebenso  wie  die  Quirinalia  den  offiziellen  Abschlufs  der  Festfeier  der  ein- 
selnen  Kurien  —  den  öffentlioben  Abschlufs  der  Einzeltotenfeiem,  der  dies 
parentales,  fSr  die  man  die  ganze  Zeit  Tom  13. — 21.  Februar  angesetzt  hatte. 
Wie  dar  Gedanke,  welcher  dieser  Feier  selbst  zu  Grunde  liegt,  nrsprung- 
lidi  der  Familie  entsprangen  ist,  von  der  er  auf  die  Gemeinde,  den  Staat 
überg^angen  resp.  übertragen  ist,  zeigt  der  Name  parentalia,  dies  paren- 
Ules,  welcher  in  erster  Linie  die  unmittelbare  Beziehung  auf  die  nächsten 
FamiUttiangehörigen  enthält 

2)  VgL  oben  S.  140  ff.  Ich  bemerke  noch,  dafs  ich  anf  die  ganze  Ord- 
oong  der  Festeeiten  des  Februar  und  des  März  noch  einmal  genauer  Kap.  5 
azrackkomme.  Hier  galt  es  zunächst  die  Beziehung  auf  die  palatinische 
Stadt  üdstzustellen. 

3)  Auf  die  Schaltung,  deren  Notwendigkeit  auch  dem  ältesten  Kalen- 
der schon  nicht  verborgen  geblieben  sein  kann,  näher  einzugehen,  ist  hier 
nicht  der  Ort 

4)  Mommsen  r.  Chronol.^  S.  14.  Monunsen  führt  die  Parilitätsschea 
vd  pythagoreische  Einflüsse  zurück,  was  dahingestellt  bleiben  mufs.  Es 
wire  in  diesem  Falle  die  Ansetaumg  der  Feste  auf  imparile  Tage  erst  spä- 


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-     156     - 

bestimmte  Abneigung  gegen  alle  geraden  Tage^  wenhalb  alle  Feste, 
wo  nicht  andere  Rücksichten  bestimmend  einwirken^  auf  die  un- 
geraden Tage  gelegt  werden;  es  ist  sodann  die  Vorliebe  für  die 
zweite  Hälfte  des  Monats  ^  der  wieder  die  Thatsache  entspricht^ 
dafs  alle  Feste,  wo  nicht  andere  Umstände  bestimmend  vorhan- 
den sind,  nach  den  Idus,  jedenfalls  aber  nach  den  Nonae  fallen.') 
Diesen  Grundsätzen  entsprechend^  welche  das  römische  Sakral- 
recht leiten  und  beherrschen^  liegen,  wie  schon  im  einzelnen  an- 
gegeben ist,  alle  bislang  betrachteten  Festtage  in  den  zweiten 
Hälften  einmal  des  April,  des  August,  des  Dezember  —  als  der 
normalen  Jahreszeitenepochen  — ,  sodann  des  Februar  und  März 
als  des  Jahresanfangs  und  -endes;  sowie  nicht  minder  nur  an 
imparilen  Tagen.  Der  15.  und  17.  Februar  sind  für  das  romische 
Sakralrecht  zwei  auf  einander  folgende  Tage,  weil  der  dazwischen 
liegende  parile  16.  für  dasselbe  nicht  existiert 

Haben  wir  so  die  Grundsätze  kennen  gelernt,  die  dem  romi- 
schen Festkalender  zu  Grunde  liegen,  so  mag  auch  noch  darauf 
hingewiesen  werden,  dafs  alle  die  einzelnen  Feste,  wie  sie  im 
ältesten  Festcyklus  speziell  der  palatinischen  Stadt  uns  entgegen- 
treten, ausschliesslich  den  Westgemeinden,  keins  der  veliensischen 
Gemeinde  angehört,  die  demnach  scheinbar  nur  an  den  schon 
bestehenden  Festcyklus  sich  angeschlossen  hat.  Denn  steht  uns 
einerseits  keine  Tradition  über  den  Anschlufs  der  Velia  an  die 
Westgemeinden  des  Palatinus  zu  Gebote,  und  können  wir  ander- 
seits bestimmt  nachweisen,  dafs  die  wenigen  Sonderkulte,  die  uns 
im  Bezirke  der  veliensischen  Kurie  entgegentreten*),  stets  nur 


ter  gemacht:  nnd  die  Feste  selbst  wären  durch  diese  Rücksicht  arsprfing- 
licb  nicht  beeinflofst  gewesen. 

1)  Aas  dem  Grande  erfolgte  die  Verkündigrang  der  Monatsfeste  über- 
haupt erst  an  den  Nonae  des  laufenden  Monats.    Vgl.  Kap.  4. 

2)  Wir  kennen  zwei  Kaltstätten,  die  wir  mit  Sicherheit  auf  die  ve- 
lionsische  Sondergemeinde  zarückföhren  können.  Es  ist  dieses  einmal  das 
Heiligtum  der  Vica  pota,  nach  dem  Livias  2,  7,  Plutarch  Poblic.  10,  Asco- 
nius  Pison.  52  das  Hans  des  Yalerios  bestimmen:  denn  die  Victoria  bei  As- 
conins  a.  0.  ist  jedenfalls  mit  der  Vica  pota  identisch.  Als  Victoria  scheint 
auch  Cicero  de  leg.  2,  11,  28  den  Namen  za  fossen;  und  das  mag  inhalt- 
lich richtig  sein,  wie  denn  auch  Baecheler  Lexic.  Italic,  p.  XXX  die  Vica 
pota  mit  yincere  zasammenbringi  Jedenfalls  hat  das  Heiligtum  dieser  ye- 
liensischen  SondergOttin  kein  besonderes  Ansehen  gehabt,  da  es  fast  ganx 
Tersch windet  Das  zweite  Heilig^am,  welches  wir  mit  Sicherheit  der  Telien- 
sischen  Gemeinde  zuweisen  dürfen,  ist  das  des  Mutunas  Tatanus.  Über 
dieses  ist  die  Hauptstelle  bei  Feetus  p.  164  b:  Mutini  Titini  sacellam  foit 


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-     157     — 

geringes  Ansehen  gehabt  und;  wie  schon  bemerkt^   keine  Auf- 
nahme in  den  Gesamtkreis  der  Staatskulte  erhalten  haben:  so 


in  Velis  adveranm  mntum  Mostellinum  (beide  Worte  sehr  wahrscheinlich 
korrupt,  jedenfalls  unverständlich)  in  angi  (portu)  de  qao  aris  sublatis  bal- 
nearia  simt  (f)acta  domos  Cd.  D(omiti)  Calvini,  cnra  mansisset  ab  arbe  con- 
dita  (ad  pri)ncipatam  Augnsti  (Caesaris  inyiolatnm  religioseqne)  et  sancte 
coltnm   (foisset,  ut  ex  Pontificum  libris)  manifestam   est,  (in  quibus  signi- 
ficatar  fnisse  ad  sacrarinm  s)extam  et  vicensimam,  dextra  y(ia  ioxta  diver)- 
ticnlom   ....  ubi  et  colitur  (et  mnlieres  sacrificant)  in  e(o  togis  praetex- 
tie)  olatae  (1.  velatae).     Die  Ergänzung  des  letzteren  Satzes  steht  ans  der 
Epitome  des  Paulus  fest,  welcher  sagt:  Mntini  Titini  sacellnm  fuit  Romae, 
eni  mnlieres  velatae  togis  praetextatis  (I.  praetextis)  solebant  sacrificare. 
Auf  die  Worte  (ad  sacrarinm  s)extum  et  vicensimum  wird  Kap.  8  bei  Be- 
tnu^htnng  der  Argeersacra  zurückzukommen  sein:   hier  handelt  es  sich  nur 
um  das  Heiligtum  selbst.    Was  den  Namen  des  hier  verehrten  Gottes  be- 
trifft, so  hat  Augnstin.  de  civ.  d.  4,  11  Mutunus  Tutunus,  den  er  mit  dem 
griechischen  Priapus  vergleicht;  und  hiermit  stimmt  auch  Tertullian  über- 
ein,  vgl.  ad  nat.  2,  11   Mutunus  Tutunus  (Apologet.  26  Mutunus),   sowie 
nidit  minder  Amobius  (adv.  gent.  4,  7)  Tutunus  und  Lactantius  (instit.  1, 
20)  Mutunus,  so  dals  man  die  Form  Mutunus  Tutunus  als  feststehend  be- 
zeichnen kann.     Wir  haben  in  ihm  einen  wesentlich  der  Befruchtung  die- 
nenden Gott  zu  erkennen,  wahrscheinlich  eine  andere  Namensform  des  Mars 
in  seiner  ältesten  dem  Naturleben  zugewandten  Bedeutung.    Den  Namen 
Totunufi  bringt  man  am  richtigsten  mit  dem  umbr.  Worte  der  iguvinischen 
Sahninschrift  totar  liovinar,  tutas  liuvinas  etc.  zusammen,  welches  Wort 
dann  auch  wiederholt  in  ebenderselben  Inschrift  als  tota  abl.,  totam  acc.  etc. 
efucheint  und  zweifellos  die  Bedeutung  von  Gemeinde,  civitas  hat;  osk.  ist 
es  tovto  »  popnlus,  womit  meddix  tnticus  «s  magistratus  publicus  oder 
popoli  zusammenhängt:  vgl.  Tab.  Bantin.  Z.  9.  10.  14.  15.  21.  28  in  Zvc- 
taieff  sylloge  oscar.  inscript.  Tab.  XIX.    Auch  im  Volskischen  und  Marsi- 
sehen  igt  das  Wort  nachweisbar:  vgl.  Fabretti  G.  I.  I.  Glossar,  pag.  1829 
—1835,  wo  das  ganze  Material  gesammelt  ist.    Bringen  wir  mit  diesem  — 
fibrigens  dem  Latinischen  verloren  gegangenen  —  Worte  den  Namen  Tutu- 
nus lusammen,   so   scheint  damit  als  der  eigentliche  Name  des  Mutunus 
Tetanus  sich  nur  Mutunus  zu  ergeben,  welcher  durch  das  beigefügte  Tutu- 
uu  als  der  eigentliche  oder  Hauptgott  der  Gemeinde  —  ohne  Zweifel 
speziell  der  veliensischen  Gemeinde  —  charakterisiert  wird  (Tutunus  würde 
gebildet   sein    wie    Portunus    von   portus,    porta).     Der    Name    Mutunus 
hängt  aber   ohne  Zweifel  mit  mutunium,    muttonium  «»  membrum  virile 
Msammen  (Loewe  Prodrom.  Gloss.  302—4),  wie  denn  Mutunus  Tutunus  selbst 
eben  danach   als  ein   Priapus   geschildert   wird   (vgl.  Amob.   a.  0.  cuius 
inunanibus   pudendis   horrentique    fascino   vestras    ineqnitare   matronas  et 
»Hpicabile  ducitis  et  optatis.    Lactant.  a.  0.  in  cuius  sinn  pudendo  nuben- 
tei  praesident.    Augnstin.  6^  9.  7,  24).    Mutunus  hatte  also  seinen  Namen 
^  Gott  der  Befruchtung  und  seinen  Beinamen  Tutunus  von  seiner  Eigen - 
whaft  als  der  eigentliche  Gemeinde-  oder  Staatsgott  der  veliensischen  Kurie. 


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—     158     - 

iHt  der  Schlafs  ein  berechtigter,  dals  die  veliensische  Gemeinde 
wenigstens  in  sakraler  Beziehung  ohne  Einflnfs  auf  die  Entwick- 
lung der  palatinischen  Stadt  geblieben  ist  Und  das  tritt  auch 
darin  hervor,  dafs  die  Sodalitat  der  Luperci  bei  ihrer  Übertra- 
gung auf  die  neue  Phase  der  Stadtentwicklung  nicht  zugleich  in- 
sofern eine  Erweiterung  erhalten  hat,  dafe  zu  den  zwei  Gruppen, 
in  welche  die  Luperci  zerfielen,  noch  eine  dritte  —  eben  der 
veliensischen  Gemeinde  entsprechend  —  hinzugefügt  worden  ist.') 
Der  Hinzutritt  der  veliensischen  Gemeinde  zum  Bunde  der  pala- 
tinischen Stadt  ist  demnach  auf  die  sakrale  Entwicklung  dieser 
ohne  bestimmenden  Einflufs  geblieben. 


So  hoch  altertümlich  demnach  auch  der  Gk>tt  seinem  Namen  wie  seinem 
Wesen  nach  erscheint,  so  kann  das  Ansehen  seines  Heiligtums  doch  nicht 
bedeutend  gewesen  sein,  da  es  sonst  nirgends  hervortritt.  Die  später  in 
die  Stadt  eindringende  Gemeinde  der  Tusker  hat  unmittelbar  neben  dem- 
selben das  Heiligtum  der  Penaten  gebaut  und  auch  dadurch  die  Bedeutung 
der  alten  Kultetatte  mehr  und  mehr  zurückgedrängt:  vgl.  Kap.  6.  Wir 
können  also  zwei  alte  Heiligtümer  der  veliensischen  Gemeinde  —  das  der 
Vica  Pota  und  das  des  Mutnnus  Tntunus  —  nachweisen :  beide  zeigen  aber, 
dafs  die  Gemeinde  keinen  Einflufs  wenigstens  auf  die  sakrale  Entwicklung 
der  palatinischen  Stadt  gewonnen  hat,  da  ihre  Kalte  überhaupt  keine  Auf- 
nahme in  den  Festcyklus  gefunden  haben  und  demnach  nur  die  Sonder- 
knltstätten  der  Curia  Veliensis  geblieben  sind. 

1)  Von  diesem  Gesichtspunkte  aus  erregt  die  Nachricht  des  Aelina 
Tubero  bei  Dionysius  1,  80  unser  Interesse,  wonach  es  nicht  zwei,  sondern 
drei  Sodalitaten  waren,  welche  an  der  Prozession  der  Luperci  teilnahmen. 
Die  Worte  lauten  so  bestimmt,  daA  man  jedenfalls  nicht  bezweifeln  kann, 
Tubero  habe  wenigstens  dieses  sagen  wollen:  inBidtj  to  n^mtov  Toyfi«  ro 
av¥  TflS  *P(6iup  xat'  avtovg  iyivsto^  täw  dfitpl  'Pcnfivlov  rs  xal  aXkonf  votbqi- 
iovxfoiß  {tQi'Xy  y«f  ivBvifirjwto  %al  i%  l^iacvriiiatog  ^d'Boif).  Nun  ist  e«  be- 
kannt, da£9  Cäsar  zu  Ehren  im  Jahre  44  allerdings  eine  dritte  Sodidität 
errichtet  wurde  und  Unger  a.  0.  51  hält  es  für  möglich,  dals  znr  Recht- 
fertigung dieser  Erneuerung  die  Erfindung  gemacht  sei,  dafs  durch  sie  nur 
das  ursprüngliche  Verhältnis  wieder  hergestellt  worden  sei:  zum  Werkzeuge 
ihrer  Verbreitung  gebe  sich  hier  Tubero  her.  Ich  muls  gestehen,  dafs  mir 
daff  nicht  sehr  wahrscheinlich  ist:  aber  zu  einem  sichern  Urteil  kann  man 
bei  dieser  vereinzelten  Notiz  nicht  gelangen.  Jedenfalls  würde  diese  dritte 
Sodalität^  wenn  sie  wirklich  alt  wäre,  auf  die  veliensische  Gemeinde  be- 
zogen werden  müssen :  auch  so  aber  würden  diese  namenlosen  Sodales  neben 
den  hochangesehenen  Fabiani  und  Qninotiliani  sehr  gut  die  ursprünglich 
untergeordnetere  Stellung  der  dritten  Gemeinde  illustrieren.  Mir  ist  die 
Existenz  dieser  dritten  Sodalitas  hauptsächlich  aus  dem  Grunde  sehr  pro- 
blematisch, weil  man  dfum  erwarten  dürfte,  dafs  statt  der  zwei  Jünglinge, 
welche  als  Vertreter  der'  beiden  Gemeinden  des  Cermalus  und  des  Palatim» 


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Anders  könnte  es  in  politischer  Beziehung  scheinen.  Denn 
wenn  wir  später  das  Schwergewicht  der  palatinischen  Stadt  nicht 
mehr  nach  dem  Tiber^  sondern  nach  dem  Esquilin  zu  gewandt 
sehen,  ftlr  welche  Beziehung  gerade  der  Bezirk  der  veliensischen 
Gemeinde  als  das  eigentliche  Verbindungsglied  erscheint;  wenn 
wir  ferner  dem  entsprechend  von  Nordosten  her  den  Hauptzu- 
gang ^)  zur  Stadt  gelegt  finden^  an  den  sich  nun  —  in  einer  wei- 
teren Entwicklungsphase,  die  wir  sogleich  zu  betrachten  haben 
—  das  neue  Königshaus  und  eine  Reihe  anderer  wichtiger  Kult- 
statten lagert:  so  mag  es  alledings  auf  den  ersten  Blick  schei- 
nen, als  ob  an  dieser  völligen  Frontveranderung*),  welche  die 


mit  einem  blatigen  Messer  an  der  Stirn  berührt  wurden,  um  dann  mit  milch- 
geiränkter  Wolle  getrocknet  zu  werden  (vgl,  Plut.  Rom.  21),  drei  bei  dem 
Opfer  beteiligt  erscheinen  wtirden.  Weist  die  Zweiheit  der  Jünglinge  auf 
die  Beibehaltung  der  alten  Ceremonie  einer  früheren  Phase,  so  ist  auch 
wohl  die  Zweiheit  der  Sodales  beibehalten  worden. 

1)  Über  die  porta  Mugionis  vgl.  Varro  1.  l.  5,  164,  der  Mucionis,  Fest, 
p.  144,  der  Mugionia  hat:  beide  versuchen  sich  an  der  Etymologie  des 
Worts.  Solinus  sagt  mugonia  1,  24;  Dionys  na^^a  taig  iiv%<ov£6i  nvXatg 
2,  60.  Da  es  das  Hauptthor  ist,  kann  der  Ausdruck  des  Livius  1,  12  ad 
feteiem  portam  Palati  nicht  auf&Uen:  vgl.  auch  Ovid.  Trist  8,  1,  31.  Ober 
die  Etymologie  des  Worts  vgl.  Jordan  1,  1.  175  Anm.,  der  an  die  Ablei- 
tung Ton  muc-eo^  also  gleich  „alt"  denkt.  Ober  die  Lage  des  Thors  vgl. 
den  Plan  bei  Lanciani  Guida  und  daselbst  S.  110  f.  Es  ist  sehr  wahrschein- 
lieb,  dafs  wir  in  der  porta  Mugionis  nicht  das  eigentliche  Stadtthor  vor 
ma  haben,  welches  in  der  Ringmauer  selbst  lag,  sondern  ein  weiter  nach 
ontoi  gerücktes  Feeiungsthor,  welches  den  von  der  Sacra  Via  zum  Palati- 
not hinaufführenden  clivus  in  seiner  Mitte  absohlols  und  schützte:  wahr- 
icheinlich  liefen  dann  von  dieser  porta  Mugionis  bis  zur  Kingmaner  selbst 
auf  beiden  Seiten  gleichfolls  Schntzmanem,  wie  wir  ein  solches  Verteidigungs- 
System  sowohl  bei  der  porta  Romana  kennen  gelernt  haben,  wie  beim  Es- 
qnilin  (Kap.  4}  kennen  lernen  werden.  Auf  dem  clivus  ist  noch  eine  Strecke 
des  alten  Straisenpflasters  erhalten.  Vgl.  noch  Lanciani  a.  0.:  le  propor- 
zioni  dei  poligoni  di  lava  impiegati  nel  sno  pavimento  superano  tutti  gli 
siki  esemplari  conosciuti  ed  offrono  anche  la  particolarit^  di  ^ssere  solcati 
con  linee  profonde,  alle  scopo  di  facilitare  ai  cavalli  la  salita  del  monte. 
^T  das  Thor  selbst:  la  quäle  dev*  essere  stata  sostitoita  nei  tempi  im- 
periali  alla  porta  vetus  Palatü. 

2)  Man  hat  ein  Recht  zu  fragen,  ob  denn  die  drei  Thore  der  pala- 
tinischen Stadt,  wie  wir  sie  kennen  gelernt  haben,  wirklich  schon  der  älte- 
sten Phase  des  Stadtbaues  selbst  angehüren,  oder  ob  wir  nicht  annehmen 
dürfen,  auch  der  Mauerring  d.  h.  speciell  die  Lage  der  Thore  habe  mit  der 
Zeit  eine  Änderung  erfahren.  An  und  für  sich  ist  das  nicht  unmöglich: 
bei  dem  Mangel  aller  Anzeichen  nach  dieser  Richtung  mufs  man  sich  aber 


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—     160    — 

palatinische  Stadt  macht,  der  veliensischen  Gemeinde  ein  sehr 
wesentlicher  Anteil  gehören  müsse,  da  es,  wie  gesagt,  gerade  ihr 
Bezirk  ist,  über  den  sich  diese  Verbindung  mit  dem  Esquilin  an- 
bahnt und  in  den  dieses  Hauptthor  der  Burg  hinabführt.  Aber 
dieser  SchluTs  auf  die  Bedeutung  und  den  Einflufs  der  velien- 
sischen Gemeinde  in  politischer  Beziehung  mufs  doch  als  nicht 
zutreffend  abgewiesen  werden.  Jene  Frontveränderung  hat  sich 
allerdings  angebahnt:  aber  nichts  hindert  uns  anzunehmen,  dafs 
dieselbe,  wie  die  ganze  bisherige  Stadtentwicklung,  wesentlich  auf 
die  Initiative  der  Westgemeinden,  speziell  des  Palatium  zurück- 
geht; und  dafs  der  veliensische  Bezirk  nur  deshalb  von  diesem 
Frontwechsel  am  direktesten  betroffen  ist,  weil  er  eben  durch 
seine  physische  Lage  am  unmittelbarsten  der  Verbindung  zwischen 
Palatin  und  Esquilin  gedient  hat.  Nicht  die  veliensische  Sonder- 
gemeinde ist  es  demnach,  die  fortan  ihr  Gesicht  nach  NO.  wen- 
det: sondern  die  palatinische  Stadt  selbst,  die  ihren  Schwerpunkt 
von  SW.  nach  NO.  verlegt 

Wodurch  diese  Frontveränderung  des  römischen  Staats  aber 
angebahnt  oder  bewirkt  ist,  kann  für  uns  nicht  zweifelhaft  sein. 
Im  Nordosten  hatten  sich  auf  den  Höhen  des  Esquilinus  und  dem 
Verbindungsthale  zwischen  diesem  und  dem  Palatinus  Gemeinden 
angesiedelt,  mit  denen  Berührungen  und  Beziehungen  mancher 
Art  unvermeidlich  waren  und  welche  —  wie  schon  bemerkt  — 
allmählich  das  politische  Denken  und  Streben  der  palatinischen 
Stadt  und  ihrer  Bürgerschaft  nach  dieser  Richtung  hin  angezogen, 
beschäftigt  und  schliefslich  immer  mehr  ausgefüllt  habem  Gegen 
Norden  und  gegen  Osten  erfolgt  denn  auch  der  weitere  Fort- 
schritt der  politischen  Entwicklung  des  römischen  Staates  sowie 
die  Erweiterung  des  Stadtgebiets  selbst. 

begnügen,  die  Lage  der  Mauer  und  Thore,  wie  sie  scfalieislioh  geworden 
und  gewesen  sind,  zur  Grundlage  aller  Kombinationen  zu  machen.  Und 
diese  weist  allerdings  mit  Sicherheit  darauf  hin,  dals  der  Mittelpunkt  der 
Stadtgeschichte  während  einer  bestimmten  und  gewifs  nicht  kurzen  Periode 
in  der  durch  die  porta  Mugionis  vermittelten  Verbindung  zwischen  der  Burg 
und  der  nach  dem  Esquilinus  sich  erstreckenden  Ebene  zu  suchen  ist. 


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-     161     - 

Viertes  Kapitel. 
Das  Septimontivm. 

Dem  palatinischen  Berge  gegenüber,  nur  durch  ein  geringes 
Thal  geschieden,  lagert  sich  der  esquilinische  Berg.  Von  breiter 
Basis  im  0.  aus  zieht  sich  ein  doppelter  Höhenrücken  nach  W. 
lu:  ein  grofserer,  der  auch  zugleich  am  weitesten  vorwärts  sich 
erstreckt,  im  S.,  und  ein  schmälerer  und  geringerer,  der  auch 
seiner  Ausdehnung  nach  weit  hinter  dem  ersteren  zurückbleibt, 
im  N.  ^)  Jener  wird  durch  die  Kirchen  S.  Martino  in  Monti  und 
S.  Pietro  in  Vincoli  bestimmt,  die,  unmittelbar  über  dem  Abfall 
des  Höhenzuges  gelegen,  die  nördliche  Grenze  des  mächtigeren 
Zuges  bezeichnen:  abschüssige  Saliten  führen  heute  von  diesen 
hochgelegenen  Punkten  ins  Thal  hinab;  dieser  dagegen  —  der 
geringere  Höhenzug  im  N.  — -  wird  durch  die  Kirchen  S.  Maria 
Maggiore  und  S.  Prassede  bestimmt.  Der  südliche  Höhenzug 
wird  von  dem  nördlichen  durch  die  Via  di  S.  Lucia  in  Selci  mit 
ihrer  Fortsetzung  nach  0.  zu,  der  Via  di  S.  Martino,  geschieden ; 
während  der  nördliche  Höhenzug  von  dem  gegenüberliegenden 
Viminal  durch  die  Via  Urbaua  und  Via  di  S.  Pudenziana,  der 
südliche  Höhenzug  anderseits  von  dem  gegenüberliegenden  Cae- 
lius  durch  dasjenige  Zwischenthal  geschieden  wird,  dessen  An- 
fang das  Kolosseum  bezeichnet. 

Das  Sakralrecht  hat  uns  als  unzweifelhafte  Thatsachön  über- 
b'efert^  einmal:  dafs  der  später  einheitlich  benannte  Mons  Esqui- 
linus  einst  ebenso  wie  der  Palatinus  in  drei  Einzelhöhen  zerfiel, 
die  zugleich  wieder  drei  Einzelgemeinden  entsprechen;  sodann: 
dafe  diese  Gemeinden  sowohl  unter  einander  zu  einer  Stadt  sich 
zusammengeschlossen  haben,  wie  sie  anderseits  zugleich  mit  den 
Gemeinden  der  palatinischen  Stadt  zu  einem  Bunde  zusammen- 
getreten sind,  welcher  alle  zusammen  zu  einem  Septimontium, 
einem  Verein  von  sieben  geringen  Einzelgemeinden,  vereinigt  hat. 
Diese  Thatsachen  haben  wir  im  folgenden  zu  prüfen. 


1)  Im  allg.  vgl.  über  die  Lage  dieser  Höhenzüge  oben  S.  9.  Über 
den  Esqoilin  handelt  speziell  Brocchi  a.  0.  186—146.  Deruelbe  giebt  a.  0. 
2n  die  Höbe  einzelner  Punkte  über  dem  Meere  an  und  nennt  Piano  della 
chieua  di  S.  Maria  Maggiore  (Mons  Cispius)  177  F.  Argine  di  Servio  Tullio 
in  Villa  Negroni  204  F. 

Oilbert,  Gctch.  n.  Topogr.  Romi.  11  ^^  , 

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-     162     - 

Die  drei  Höhen  des  Esquiünus,  wie  sie  aus  dem  Feste  des 
Septimontium  als  Einzelglieder  eines  Bundes  uns  entgegentreten  ^\ 
sind  das  Fagutal,  der  Oppius,  der  Cispius.  Diese  drei  Einzel- 
namen sind  allmählich  verschollen  und  an  ihre  Stelle  tritt  der 
gemeinsame  Name  Esquiliae:  es  ist  aber  möglich^  die  Lage  und 
den  Umfang  dieser  Einzelmontes  noch  festzustellen. 

Das  Fagutal  als  Einzelmons  ist  nur  aus  der  Stelle  des  Festus  ^) 
bekannt:  es  kann  aber  nicht  zweifelhaft  sein^  dafs  der  lucus  Fagu- 
talis*)  und  das  sacellum  des  lupiter  Fagutalis*)  —  welches  selbst 
geradezu  Fagutal  genannt  wird  —  Reste  des  alten  Höhennamens 
sind.  Die  gewöhnliche  Ansicht  geht  dahin,  das  alte  Fagutal  mit 
der  später  Garinae  genannten  Höhe  zu  identifizieren.^)  Der  süd- 
liche Höhenzug  nämlich  des  Esquilinus  bildet  in  seinem  letzten 
Vorstofse  eine  weit  vorspringende,  im  Altertum  ohne  Zweifel  noch 
bedeutend  schroffer  als  heute  nach  drei  Seiten  abfallende  Kuppe, 
die,  wie  wir  noch  genauer  sehen  werden,  später  den  Namen  Ga- 
rinae getragen  hat^):  mit  dieser  Kuppe,  die  mehr  wie  jeder  andere 
Teil  des  ganzen  esquilinischen  Bergs  eine  selbständige  Bedeutung 
beanspruchen  kann,  identifiziert  man,  wie  gesagt,  gewöhnlich  das 
alte  Fagutal.  Diese  Annahme  ist  aber  entschieden  unrichtig:  und 
das  mag  zunächst  gezeigt  werden. 

Varros  Wiedergabe  der  Argeerprozession  setzt  das  erste 
sacrarium  eis  lucum  Fagutalem').    Da  nun  die  Prozession  von 


1)  festus  p.  348:  vgl.  oben  S.  38. 

2)  A.  0. 

3)  Vgl.  Varro  1.  1.  6,  49,  wo  es  von  den  Exqoiliae  heÜBt:  ibi  Lacns 
dicitur  Facutalis;  und  60  ans  der  Argeerurkunde;  Oppins  mons  princeps 
Exquilis  ouis  (1.  eis)  lucum  Facutalem.  Solin.  1,  26  Tarquinius  Superbus  et 
ipse  Esquilinus  supra  clivum  Pullium  ad  Fagutalem  lucum  (hdscbr.  lacum). 

4)  Vgl.  Varro  1.  1.  5,  162  Fagutal  a  fago  unde  etiam  lovis  Fagutalis, 
quod  ibi  sacellum.  Plin.  n.  h.  16,  37  (Roma)  silvamni  certe  disünguebatur 
insignibns:  Fagutali  love  etiam  nunc  ubi  lucus  fogeus  fuit.  Paul.  p.  87 
Fagutal  sacellum  lovis,  in  quo  fuit  fagus  arbor  quae  lovis  sacra  habebatur. 
Ein  vicus  lovis  Fagutalis  ist  uns  aus  einer  Dedicationsinschrift  der  Laren- 
kapelle vom  Jabre  109/110  (C.  I.  L.  VI,  1  n.  462)  bekannt:  da  sie  aber  ver- 
schleppt ist,  so  kann  sie  zur  BestimmuDg  der  Lage  des  Fagutal  nicht  dienen. 

6)  Vgl.  Jordan  2,  263  S. 

6)  Ich  sage  ausdrücklich  „später**:  denn  ich  bin  der  Ansicht,  dafs  diese 
von  Haus  aus  anders  benannte  Kuppe  erst  bei  der  Besetzung  und  Aneig- 
nung des  esquilinischen  Berges  von  Seiten  der  Caeliusgemeinde  (vgl.  dar- 
über Kap.  6)  den  Namen  Garinae  erhalten  hat. 

7)  De  1.  L  6,  60.   Die  Flor.  Hdschr.  hat  ouis,  wofür  Müller  onls  las:  ich 


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-     163     - 

der  Subara  kommt^  wo  das  letzte  sacrarinm  der  ersten  Region 
anzusetzen,  so  liegt  es  ja  allerdings  sehr  nahe,  das  Fagutal  in 
der  die  Subura  überragenden  Höhe  der  Carinae  zu  erkennen,  zu 
der  die  Prozession  eben  von  der  Subura  heraufgestiegen  wäre. 
Aber  man  vergifst  hierbei  nur  das  eine,  dafs  die  Carinae  über- 
haupt nicht  zur  zweiten  Region  gehört  haben,  sondern  dafs  sie, 
einen  Teil  der  ersten  Region  bildend,  schon  bei  dem  Beschreiten 
dieser  mit  begangen  sind,  wie  übrigens  aufs  unzweideutigste  von 
Varro  selbst  angegeben  wird.^)  Ist  also  das  Fagutal  nun  das 
erste  Sacrarium  der  zweiten  d.  i.  esquilinischen  Region,  so  mufs 
dasselbe  aufs  erhalb  der  Carinae  liegen.  Sehen  wir  daher,  ob 
sich  andere  Anzeichen  finden,  aus  denen  man  auf  die  Lage  des 
Fagutal  einen  Schlufs  ziehen  kann. 

Es  darf  als  sicher  bezeichnet  werden,  dafs  die  Argeerpro- 
zession  von  S.  resp.  SW.  —  eben  aus  der  Subura  —  den  Esqui- 
linus  betritt:  denn  sie  begeht  zunächst  den  südlichen,  sodann  den 
nördhchen  Höhenzug  des  Esquilinus,  und  das  Fagutal  mufs  dem- 
nach —  wenn  wir  der  Argeerprozession  nicht  zwecklose  Kreuz- 
und  Querzüge  zuschreiben  wollen  —  als  das  erste  Sacrarium 
des  Esquilinus  zugleich  das  am  meisten  nach  SW.  gelegene  sein. 
Das  wird  nun  in  unzweifelhaftester  Weise  durch  die  Näher- 
bestimmung sinistra  via   secundum   merum  est^)  bestätigt:  wel- 

•chlielse  mich  Corssen  Krit  Nachtr.  302  und  Jordan  2,  242  ff.  an,  die  mir 
erwiesen  za  haben  scheinen,  dafs  hier  nur  eis  gelesen  werden  kann. 

1)  ^gl«  Varro  L  1.  6,  47.  Cnm  Caelio  nunc  iunctae  Carinae  et  inter 
ea  (aber  die  Lesart  dieser  Worte  Tgl.  nachher)  quem  locum  Ceroliensem 
»ppellatum  apparet.  Wenn  Varro  dem  Ceroliensis  das  vierte  Sacrarium 
giebt,  und  sodann  fortfährt:  eid^ra  regioni  adtributa  Subura,  der  nun 
<ia8  sechste  Sacrarium  gegeben  wird,  so  darf  als  sicher  gelten,  dafs  nach 
dem  Ceroliensis  die  Carinae  begangen  wurden  und  diese  das  fünfte  Sacra- 
rium trugen,  eben  weil  Varro  unmittelbar  vorher  die  Carinae  als  mit  der 
Tribos  des  Caelius  verbunden  gekennzeichnet  hat.  Auf  alle  Fälle  gehören 
demnach  die  Carinae  nicht  in  die  zweite  Region  der  Argeer  und  das  Sacra- 
rinm des  Fagutal  kann  nicht  auf  ihnen  sich  befinden.  Da  ich  hier  zuerst 
die  Form  Ceroliensis  anführe,  so  sei  bemerkt,  dafs  dieselbe  in  der  Floren- 
tiner Hdschr.  (vgl.  Ad.  Groth  de  M.  Terenti  Varronis  de  lingua  latina  li- 
brorum  codice  Florentino.  Argentorati  1880,  p.  23)  dreifach  verschieden 
wiedergegeben  ist,  indem  zuerst  Ceroniensem,  sodann  Ceroliensis  (im  Texte 
der  Argeerurkunde  selbst),  endlich  Cerulensis  geschrieben  ist.  Müller  liest 
deshalb  — -  da  eine  Form  doch  nur  die  allein  richtige  sein  kann  —  alle 
dreimal  Ceroliensis:  ich  habe  mich  ihm  angeschlossen,  ohne  damit  für  die 
Bichtigkeit  dieser  Form  eintreten  zu  wollen. 

2)  Varro  5,  60. 

U* 

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—     164     - 

ches  Moment  freilich  erst  weiter  imten  in  anderm  Zusammenhang 
seine  volle  Beleuchtung  erhalten  kann.  Wir  ersehen  daraus^  dab 
das  Fagutal  unmittelbar  an  der  alten  Wallmauer  lag,  die  wir 
die  Carinae  resp.  die  auf  den  Carinae  liegende  Burg  umschliefsend 
kennen  lernen  werden:  das  Fagutal  hat  demnach  unmittelbar  an 
dem  ostlichen  Endpunkte  der  Carinae  begonnen  und  von  hier 
aus  sich  naturgemäfs  weiter  nach  0.  zu  ausgedehnt.  ^)  Das  wird 
noch  durch  eine  weitere  Angabe  bestätigt.  Nach  Solinus*)  war 
die  Wohnung  des  Tarquinius  Superbus  supra  clivum  PuUium  ad 
Fagutalem  lucum.  Ein  clivus  ist  ein  Bergabhang  resp.  ein  von 
einem  solchen  ins  Thal  sich  herabziehender  Weg  und  nach  der 
Lage  der  Dinge  kann  hier  nur  an  den  südlichen  Abfall  gedacht 
werden:  von  der  Höhe  des  Esquilinus  ins  Thal  nach  dem  Cae- 
lius  zu.*)  Wir  haben  demnach  in  dem  Fagutal  den  südlichen 
Abhang  resp.  die  südliche  Seite  des  ganzen  Höhenzuges  —  des 
Oppius  —  zu  erkennen;  während  die  nördliche  Seite  —  die  durch 
die  Kirche  S.  Martino  bestimmte  —  als  der  eigentliche  Mons 
Oppius  anzunehmen  ist.*)  Das  Fagutal  hat  also,  wie  aufs  un- 
widerleglichste  aus  den  Angaben  Varros  hervorgeht,  nichts  mit 
den  Carinae  zu  thun:  die  Carinae  sind  die  nach  S.,  W.  und  N. 
gleicbmäfsig  abfallende,  durch  die  Kirche  S.  Pietro  in  Vincoli 
gekennzeichnete  Höhe;  das  Fagutal  die  Süd-,  der  Oppius  die 
Nordseite  desjenigen  Höhenzuges  selbst,  *  welcher  sich  von  jener 
Kuppe  aus  weiter  nach  0.  hin  erstreckt 


1)  Wie  weit  freilich  die  AasdehnoDg  der  Carinae  nach  0.  xu  anzo- 
nehmen,  ist  nicht  sicher:  vgl.  unten. 

2)  1,  26. 

3)  Diese  Bestimmung  des  Fagutal  im  allgemeinen  hat  auch  Becker 
636,  aber  ohne  die  Motivierung,  wie  ich  sie  zu  geben  versucht  habe.  Der 
clivns  Pullius  ist  allerdings  erst  eine  spätere  Anlage  (vgl.  Varro  L  1.  5,  168 
clivos  Publicius  ab  aedilibus  plebei  Publicis  qui  eum  publice  aedificamnt 
Simili  de  causa  Pullius  et  Cosconius,  quod  ab  his  viocuris  dicuntur  aedi- 
ficati),  das  ändert  aber  nichts  an  der  Lage  desselben.  Wir  haben  als  sicher 
anzunehmen,  dafs  ursprünglich  hier  ein  Fufssteig  die  Höhe  erklomm,  wel- 
cher in  der  Zeit  der  Republik  in  eine  Fahrstrafse  verwandelt  wurde  und 
nun  nach  dem  Erbauer  dieser  den  Namen  clivus  Pullius  erhielt.  Durch 
die  Anlage  der  Thermen  des  Titus  erscheint  dieser  südliche  Abfall  des  es- 
quilinischen  Berges  heute  in  hohem  Grade  verändert. 

4)  Doch  bildet  die  Kirche  S.  Martino  jedenfalls  nicht  zugleich  den 
westlichsten  Punkt  des  Oppius,  da  dieser  im  Gegenteil  sich  ganz  an  dem 
Höhenzuge  her  bis  fast  an  die  Kirche  S.  Pietro  in  Vincoli  —  wie  ich  an- 
nehme —  erstreckt  haben  mufs.    Vgl.  darüber  hernach. 


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—     165     — 

Wenn  diese  Änsetzung  der  Namen  Fagutal  und  Oppius  an 
einen  Höhenzug  auf  den  ersten  Blick  auffallen  könnte^  so  mufs 
man  zur  Erklärung  dessen  in  Erinnerung  behalten^  dafs  wir  in 
den  Montes  Einzel  gemeinden  kennen  gelernt  haben.  Je  nach- 
dem dieselben  den  Höhenzug  von  den  beiden  verschiedenen  Sei- 
ten aus  besetzt  und  bewohnt  haben,  haben  sie  denselben  auch 
yerschieden  benannt  und  so  die  eine  Gemeinde  der  einen  Seite 
den  Namen  Fagutal,  die  andere  Gemeinde  der  andern  Seite  den 
Namen  Oppius  gegeben.  Die  Gemeinde  des  Fagutal  hat  sich 
also  nach  dem  von  einem  Buchenwalde  eingenommenen  Süd- 
abfall  des  Berges  benannt,  dessen  Höhe  seine  Schutz-  und  Zu- 
fluchtsstätte gebildet  hat  und  von  der  sie  sich  zugleich  —  wie 
wir  noch  sehen  werden  —  ins  Thal  selbst  nach  dem  Caelius  zu 
aDsgedehnt  hat;  die  Gemeinde  des  Oppius  dagegen  hat  die  Nord- 
seite des  Höhenzugs  eingenommen  und  von  hier  sich  wahrschein- 
lich mehr  auf  dem  Höhenrücken  selbst  nach  0.  zu  ausgedehnt; 
während  die  Gemeinde  des  Cispius  endlich  den  geringeren  nörd- 
lichen Höhenzug  allein  besetzt  und  sich  gleichfalls  ohne  Zweifel 
weiter  nach  0.  zu  ausgedehnt  hat. 

In  diesem  Verhältnis  der  drei  Gemeinden  resp.  ihrer  Namen 
hat  sich  nun  im  Laufe  der  Zeit  die  Änderung  vollzogen,  dafs 
der  Name  Oppius  für  den  ganzen  südlichen  Höhenzug  in  Ge- 
brauch gekommen  ist,  sodafs  also  jetzt  das  Fagutal  einen  Punkt 
resp.  einen  Teil  innerhalb  des  Oppius  bildet:  wie  der  Name 
Cispius  die  nördliche,  so  bezeichnet  der  Name  Oppius  fortan  die 
südliche  Höhe.^ 


1)  Dieses  Verhältnis  tritt  uns  in  der  Argeernrkunde  entgegen,  wo  das 
Fagatal  als  Teil  des  Oppius  erscheint  Varro  6,  50.  Die  Ausdehnung  des 
Namens  Oppius  auf  den  ganzen  südlichen  Höhenzug  mufs  sich  also  schon 
verh&ltnismäTisig  früh  vollzogen  haben  und  es  mag  als  Analogie  auf  den 
Palatin  hingewiesen  werden,  der,  ursprünglich  gleichfalls  nur  einen  Ein- 
zelmons  bezeichnend,  allmählich  zur  Bezeichnung  des  Gesamthergs  gewor- 
den ist,  innerhalb  dessen  Cermalus  und  Yelia  fortan  nur  einzelne  Punkte 
resp.  Teile  sind.  Was  die  Namen  Cispius  und  Oppius  betrifft  —  der  Name 
Fagatal  ist  ja  etymologisch  yöllig  klar  — ,  so  kann  die  analoge  Bildung 
derselben  (Cis-pius  und  Op-pius)  nicht  verkannt  werden  und  weist  schon 
hierdurch  auf  ein  engeres  Verhältnis  der  beiden  Hügel  hin.  Etymologisch 
nnd  die  beiden  Namen  —  soviel  ich  weifs  —  noch  nicht  erklart:  kann 
man  nicht  die  ersten  Silben  derselben  op-  und  eis-  mit  ob  und  eis  zusam- 
menbringen, so  dafs  sie  nach  ihrer  Lage  ^,dies8eit6**  und  ,Jenseit8*'  benannt 
wären?    Die  Namen  müfsten  sich  in  diesem  Falle  von  der  Aufsenseite  der 


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—     166     - 

In  dieser  modifizierten  Bedeutung  treten  uns  die  Höhen  Cis- 
pius  und  Oppius  als  der  kleinere  nördliche  uud  der  gröfsere  süd- 
liche Höhenzug  des  Esquilinus  auch  in  historischer  Zeit  noch 
wiederholt  entgegen.^)  Namentlich  aber  ist  es  die  Sage  und  der 
Kult,  denen  die  Scheidung  des  Mons  Esquilinus  nach  diesen  sei- 
nen beiden  Teilen  bewufst  bleibt:  wie  die  Argeerprozession  vier 
Sacraria  auf  dem  Oppius,  zwei  auf  dem  Cispius  kennt ^)  und  in 
der  Sage  die  Benennung  der  beiden  Höhen  auf  ähnliche^  aber 
doch  verschiedene  Anlässe  zurückgefQhrt  wird.^) 

Läüst  sich  also  die  ursprüngliche  Bedeutung  und  der  Umfang 
dieser  drei  Einzelmontes  Fagutal,  Oppius  und  Cispius  noch  er- 
kennen^  so  weisen  wieder  anderseits  bestimmte  Spuren  darauf 
hin,  dafs  die  Bevölkerung  dieser  Einzelhöhen  sich  früh  zusammen- 
geschlossen und  in  dieser  Vereinigung  sich  als  zusammengehörig 
gefühlt,  ihre  Sonderhöhen  als  ein  einheitliches  Gesamtgebiet 
betrachtet   hat.     Dahin    weist   zunächst   der  Name    Esquiliae*), 

Stadt  her  gebildet  haben,  indem  der  kleinere  und  vom  spätem  Mittelpunkt 
der  Stadt  entferntere  sich  als  den  „diesseitigen**  betrachtet  und  dem  ent- 
sprechend den  gröfseren,  näher  an  den  Palatin  herantretenden,  als  den 
„gegenüberzuliegenden  bezeichnet  hätte. 

1)  Wenn  auch  angenommen  werden  muls,  dafs  die  Namen  schon  zu 
Ciceros  und  Varros  Zeit  im  allgemeinen  wenig  oder  gar  nicht  mehr  im  Ge- 
brauch waren,  so  zeigen  doch  mehrere  Angaben,  dals  man  sich  ihrer  Lage 
im  allgemeinen  noch  bewufst  war.  So  heifst  es  noch  bei  Gellius  15,  1: 
ergo  familiäres  eins  circumfusi  undique  eum  prosequebamur  domum,  cum 
inde  subeuntes  montem  Cispium  conspicimus  insulam  quandam  occupatam 
igni  multis  arduisque  tabulatis  editam  et  propinqua  iam  omnia  flagrare 
vasto  incendio.  Doch  hatte  offenbar  der  Name  Esquiliae,  mons  Esquilinus 
allmählich  jene  Sondemamen  absorbiert 

2)  Vgl.  Varro  1.  L  6,  50. 

S)  Vgl.  den  Bericht  bei  Festus  p.  S48  Oppius  autem  appellatus  est, 
ut  ait  Varro  rernm  homanarum  1.  VIII,  ab  Opita  (1.  Opitre)  Oppio  Tuscn- 
lano,  qui  cum  praesidio  Tusculanorum  missus  ad  Komam  tuendam,  dum 
TuUus  Hostilius  Veios  oppugnaret,  consederat  in  Carinis,  et  ibi  castra  habu- 
erat  similiter  Cisitum  (1.  Cispium)  a  Laevo  Cispio  Anagnino,  qui  quidem 
rei  causa  eam  partem  Esquiliarum*,  quae  iacet  ad  vicum  Patricium  versus, 
in  qua  regione  est  aedis  Mefitis,  tuitus  est.  Über  diese  Angabe  selbst  vgl* 
Kap.  6. 

4)  Die  Form  Esquiliae  ist  die  besser  bezeugte:  das  beweist  die  Ober- 
einstimmung der  Inschriften.  Denn  während  nur  die  Angabe  des  Eal.  Praen. 
z.  1.  März  Exquiliis  hat:  sind  die  Fasten  im  Cognomen  Esquilinus  (vgl. 
z.  d.  J.  276.  296.  297.  304.  352.  354.  358)  und  ^ie  inschriftliche  Bezeich- 
nung der  Tribus  Esquilina  (I.  N.  6808)  durchaus  konstant.  Vgl.  auch  C. 
I.  L.  VI,  1.  1872.  2223  u.  a.    Handschriftlich  dagegen  wechselt  die  Scbreib- 


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—     167     - 

der  nur  Yon  ex-colere  abgeleitet  werden  kann  und  demnach  eine 
auTserhalb  gelegene  Wohnstatte  bezeichnet  Ein  solcher  Name 
kann  nur  von  einem  Punkte  resp.  einer  Wohnstätte  aus  gegeben 
sein,  welche  nicht  zu  fem  von  dem  Lokal  der  Esquiliae  selbst 
lag:  und  hier  kann  man  nur  an  die  Stadt  des  Palatinus  denken. 
Für  diese  waren  die  verbündeten  Gemeinden  des  Esquilinus  — 


art  zwischen  s  mid  x:  vgl.  Jordan  1,  1,  183;  doch  hat  die  Argeernrkunde 
bei  Yarro  1.  1.  5,  50  dreimal  Esquilinum,  Esqailinnm,  Esquilinis  und  nnr 
einmal  in  dem  überhaupt  verdorbenen  Ezquilisovis  x  statt  s.  Vgl.  Ad.  Groth 
a.  0.  pag.  23.  Schon  die  Alten  dachten  an  die  Ableitung  von  ex-colere, 
▼gL  Varro  l.  L  6,  49  Secundae  regionis  ExquiÜae.  Alii  has  scripsere  ab 
exenbiis  Kegis  dictas:  alii  ab  eo  quod  excultae  a  rege  Tullio  essent.  Huic 
origini  magis  concinunt  loca  vicini  (l.  -a),  quod  ibi  lucus  dicitur  Facutalis 
et  Lamm  et  Querquetnlanum  sacellum  etc.,  womit  Ovid.  Fast.  3,  545  f.  über- 

eioBtimmt: 

Adde  quod  excubias  ubi  rex  Etomanus  agebat 
Qui  nunc  Esquilias  nomina  collis  habet. 
Yarro  will  also  offenbar  sagen,  der  Berg  sei  ursprünglich  Wald  gewesen 
and  erBt  allmählich  „ausgerodet**  =»  excultae,  weshalb  Schwenck  röm.  My- 
thol  490  den  Namen  Esquiliae  durch  „Rodung",  „Reute**  übersetzt.  Jor- 
dan a.  0.  will  diese  Ableitung  nicht  gelten  lassen,  während  Mommsen  röm. 
Forsch.  2,  25  Anm.  9  mit  Recht  sagt:  „man  darf  doch  nicht  aus  den  Augen 
lassen,  dafs  diese  Lautgesetze  zum  Teil  selbst  relativ  jungen  Ursprungs 
Bind  nnd  nicht  selten  ältere  Wortbildungen  jenseits  derselben  liegen.  Der 
Art  sind  die  Umlautung  von  oe  in  6  in  pomerium,  von  t  in  d  in  quadrare 
neben  qnattuor,  von  x  vor  c  in  s  in  sescenti  und  Esquilinus,  dessen  corre- 
lates  Verhältnis  zu  inquilinus  evident  ist,  sogar  von  c  in  b  in  Sucusa,  Su- 
bara.  Man  kann  auch  dadurch  vom  rechten  Wege  abkommen,  dals  man 
SU  lange  auf  dem  geraden  Pfade  bleibt.**  Gerade  wegen  des  korrelaten 
Verhältnisses  von  Esquiliae  und  inquilinus  möchte  ich  auch  inhaltlich  eher 
HuBchke  Recht  geben,  welcher  Verf.  des  Servius  S.  60  sagt:  „wenn  später 
dm  inquilinus  einen  Bürger  bezeichnete,  der  aus  einem  Municipium  nach 
Born  gezogen  war,  so  mufste  exquilinus  der  Bürger  heifsen,  der  aufserhalb 
Roms  mit  einem  niedern  Bürgerrecht  wohnte  und  Exqailiae  war  der  In- 
begriff der  Wohnungen  solcher  Pfahl-  oder  Ausbürger**,  als  Varro  a.  0.,  der 
den  Namen  in  spezielle  Beziehung  zu  dem  Ausroden  des  ursprünglichen 
Waldes  bringt.  Vgl.  Schwegler  röm.  Gesch.  1,  727.  Eine  andere  Ableitung 
des  Namens  Esquiliae  knüpft  an  esculum,  esculetum  an,  vgl.  Varro  l.  1.  5, 
152:  esculetum  ab  esculo  dictum.  Müller  hat  deshalb  sogar  in  den  Text 
von  5,  49  durch  Konjektur  alii  ab  aesculetis  hineingebracht:  was  sich  in 
keiner  Weise  halten  läfst.  Ich  erkläre  also  Esquiliae  =  Exquiliae  als  die 
Aolsenwohnstätte.  Im  wesentlichen  stimmt  übrigens  auch  Jordan  hiermit 
überein,  der  1,  1,  184  bemerkt:  „man  thut  jedenfalls  wohl  daran,  die  Mög- 
Hcbkeit  offen  zu  lassen,  dafs  darin  der  Name  einer  Stadt  oder  doch  einer 
selbständigen  Niederlassung,  Esqu-iliae  wie  Urb-iliae,  Out-iliae  steckt**. 


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—     168    — 

besonders  nach  ihrem  ZusammenschluTs  zu  einem  Gemeinwesen 
—  die  Aufsenwohnstätte,  wodurch  sich  der  Name  Esquiliae  gut 
und  leicht  erklärt:  in  ihm  wird  sowohl  die  Mehrheit  der  sich 
zusammenschliefseuden  Gemeinden;  wie  das  einheitliche  Resultat 
dieses  ihres  Zusammenschlusses  gleichmäfsig  berücksichtigi  ^) 
Der  Sprachgebrauch  zeigt,  dafs  die  auf  diesem  Lokal  geeinten 
Gemeinden  sich  als  einheitliche  Niederlassung  betrachteten^  indem 


1)  In  dem  Namen  Esqniliae,  wie  er  später  der  allein  und  ganz  all- 
gemein herrschende  ist,  sind  die  Sondemamen  Oppins,  Cispius  und  Fagu- 
tal  untergegangen,  wenn  sie  auch  noch  vereinzelt  in  Gebrauch  sind.  Da- 
gegen hat  der  Name  Carinae,  der,  wie  wir  gesehen  haben,  der  Westkuppe 
des  Oppius  eignet,  stets  eine  selbständige  Bedeutung  für  sich  behauptet. 
Das  geht  nicht  nur  aus  Yarros  Argeerumsch'reibungen  hervor  (vgl.  1.  1.  5i 
47.  48),  sondern  hauptsächlich  aus  der  servianischen  Stadtteilung,  welche 
die  Carinae  der  ersten,  den  Esquilinus  selbst  der  zweiten  Region  zugeteilt 
hatte:  vgl.  Varro  1.  1.  6,  50.  Exquiliae  duo  montes  habiti  quod  pars  Oppius 
(pars  Oppius  nicht  hdschr.,  aber  von  Müller  mit  Recht  als  ursprünglich 
und  notwendig  wieder  eingefügt)  pars  Cespeus  mens  suo  antiquo  nomine 
etiam  nunc  in  sacris  appellatur,  während  die  Carinae  schon  47.  48  behan- 
delt sind.  Auch  andere  Angaben  bestätigen  das:  denn  wenn  auch  aus  ein- 
fachen Erwähnungen  der  Carinae  (wie  Dion.  3,  22  iv  zm  atsvamm  za  <pc- 
Qovzi  icno  KaqCvTiq  %ccza}y  8,  79  naza  zrjv  inl  Ka(fivag  q>iQovaav  odov.  Suet. 
de  ill.  gr.  15  docuit  in  Carinis  ad  Telluris  aedem.  Dio  48,  38  von  dem 
Hause  des  Pompejus :  zi^v  oUlav  zr\v  naz^mav  zriv  iv  zaig  Kaqivaig  %cctu%f, 
zonog  yaq  zig  zijg  zmv  ^Pmfiaüov  nolscag  ovzoa  %ceXoviisv6g  icziv.  Varro  1.  1. 
5,  48  pagus  Succusanus  quod  succurrit  Carinis,  wogegen  die  weitere  An- 
gabe bei  Festus  p.  309  Suburam  —  a  pago  Succusano  —  quod  solitum  sit 
succurrere  Exquiliis  infestantibus  eam  partem  Grabinis  nicht  geltend  gemacht 
werden  darf),  nichts  über  die  Selbständigkeit  resp.  ihre  Zugehörigkeit  zu 
den  Esquiliae  gefolgert  werden  kann,  so  zeigen  doch  Angaben  wie  Liv.  26, 
10  in  hoc  tumultu  Pulvius  Flaccus  porta  Capena  cum  exercitn  Romam  in- 
gressus  media  urbe  per  Carinas  Esquilias  contendit,  dafs  die  Unabhängig- 
keit des  Namens  der  Carinae  gegenüber  demjenigen  der  Esquiliae  auch  im 
Bewufstsein  selbst  noch  haftete.  Anstofs  allein  könnte  die  Angabe  bei 
Festus  p.  348  erregen,  wo  die  Benennung  des  Oppius  dai-auf  zurückgeführt 
wird,  daTs  der  Tusculaner  Opiter  Oppius  consederat  in  Carinis  et  ibi  castra 
habuerat,  woraus  allerdings  die  Zusammengehörigkeit  des  Oppius  und  der 
Carinae  gefolgert  werden  könnte.  Aber  einmal  bezieht  sich  dieses  auf  eine 
älteste  Zeit,  anderseits  werden  wir  über  diese  enge  Verbindung  des  Oppins 
und  der  Carinae  Eap.  6  Aufschlufs  erhalten.  Es  darf  also  als  feststehend 
bezeichnet  werden,  dafs  später  —  und  jedenfalls  seit  der  Servianischen 
Tribuseinteilung  —  die  Carinae  in  Namen  und  Organisation  unabhängig 
von  den  Esquiliae  selbst  gewesen  sind:  in  dem  Namen  Esquiliae  —  wie  er 
später  in  Gebrauch  ist  —  sind  die  älteren  Sondernamen  Cispius,  OppiuSt 
Fagutal  mit  enthalten. 


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—     169     — 

der  Name  Esquiliae  durchaus  wie  ein  stadtischer  Name  kon- 
sfruiert  wird^):  und  eben  dahin  weist  auch  der  Umstand,  dafs 
später  der  gesamte  Mons  Esquilinus  als  ein  pagus  aufgefafst  ist, 
welcher  als  pagus  montanus  von  den  übrigen  pagi  der  Stadt  sich 
unterschied.*) 


1)  YgL  Madvig  m  seiner  Aasgabe  des  Livius  1,  1,  XVII,  welcher  auf 
Gnind  von  ADgaben  wie  Cic.  de  legg.  2,  11,  28  (Esquiliis  ara  Malae  For- 
taoae),  de  oat.  d.  3,  26,  63'(aratii  Malae  Fortunae  Exqoiliis)  a.  a.  St.  mit 
Recht  erklärt  (EL  Sehr.  299),  dafs  die  Esquiliae  ein  Dorf  (wenigstens  eine 
Wohnstätte)  gewesen  sein  müssen.  Die  Gegenfrage  Jordans  (1,  1,  184  Anm. 
55]f  weshalb  nicht  auch  Palati  statt  in  Palatio  gesagt  werde  (die  er  übrigens 
Mlbst  als  unberechtigt  bezeichnet),  beantwortet  sich  einfach  dahin,  dafs 
Pftlatiam  nicht  der  Name  der  Ansiedlung  des  Palatinus  gewesen  ist,  son- 
dern Roma:  welcher  Name  in  gleicher  Weise  wie  Esquiliae  wie  ein  städ- 
tischer Name  konstruiert  wird. 

2)  Vgl.  die  Reste  einer  Inschrift  aus  Sullas  Zeit  im  Bull,  munic.  1876 
S.  194—203 1  XIX  «-  C.  I.  L.  VI,  1.  3823  (pag.  848).  Diese  Inschrift,  die 
für  onsere  Kenntnis  der  städtischen  Organisation  von  hervorragender  Be- 
deutung ist,  bedarf  hier  noch  einer  kurzen  Besprechung.  Sie  lautet  nach 
MoDimsens  Ergänzung  folgendermafsen : 

eisque  cnrarent  tu(erenturque  ar)bitratn 

aedilium  pleibeium  (quei)comque  essent; 

neive  ustrinae  in  eis  locis  regionibusve  nive 

foci  U8trina(e)  caussa  fierent; 

nive  stercus  terra(m)ve  intra  ea  loca  fecisse  conje- 
g^  cisseve  veli(t)  quei  haec  loca  ab  paago  Montano 

(redempta  habebit;  quod  si  stercus  in  eis  lo- 

ceis  fecerit  terramve  in  ea)  loca  jecerit  in 

.  .  .  (uti  HS  .  .  .  ma)nu8  injectio  pignorisq(ue) 

capi(o  siet). 
Was  zunächst  die  Form  der  Inschrift  betrifft,  so  haben  wir  in  ihr  ein  ädi- 
liciiches  Dekret  zu  sehen ,  welches  seinerseits  einen  Senatsbeschlufs  zur 
Kenntnis  bringt,  welcher  ein  bestimmtes  Lokal  geschützt  wissen  will.  In- 
h&ÜIich  haben  wir  in  ihr  ein  Verbot  mit  Strafandrohung  zu  sehen,  auf  dem 
betr.  Platze  weder  Leichen  zu  verbrennen,  noch  Unrat  abzuladen.  Über  die 
liier  in  Frage  kommenden  Orte  selbst  kommt  man  nicht  zur  vollen  Klar- 
heit: in  eis  locis  regionibusve  heifst  es  einmal;  sodann  neve  intra  ea  loca 
-^  coniecisse  velit  qui  haec  loca  ab  pago  Montano  redempta  habebit:  hier 
richtet  sich  das  Verbot  offenbar  gegen  denjenigen,  der  die  loca  von  dem 
pagus  Montanus  gepachtet  hat.  Es  kann  deshalb  nicht  mit  Lanciani  an 
den  esquiliniflchen  Begräbnisplatz  selbst  gedacht  werden,  innerhalb  dessen 
der  Stein  gestanden  hat  und  gefunden  ist,  sondern  mit  Mommsen  an  einen 
inmitten  desselben  gelegenen  Platz,  der  ausdrücklich  dem  obrigkeitlichen 
Bchutse  anbefohlen  wird.  Mommsen  will  hier  das  sacellum  des  pagus  Mon  • 
*aMs  verstanden  wissen:  aber  dazu  passen  die  V/orte  in  eis  locis  regioni- 


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—     170     — 

Wir  haben  nun  aber  auch  dafür  eine  Bestätigung^  dafs  die 
drei  Einzelmontes  —  gleich  denen  des  Palatinus  —  eine  Burg 
als  gemeinsame  Schutz-  und  Zufluchtsstätte  sich  gebaut  haben. 
Varro  berichtet  nämlich  von  einem  terreus  murus^)  Carinarum 
und  diese  Worte  können  nur  von  einem  Erddamm^  einem  Erdwall 
verstanden  werden,  der  noch  zu  Varros  Zeit  auf  den  Carinae  zu 
sehen  war.  Könnte  man  noch  zweifeln,  ob  dieser  terreus  murus 
wirklich  auf  eine  alte  Befestigung  zu  beziehen  sei,  welche  die 
Carinae  einst  umschlofs,  so  wird  dieser  Zweifel  durch  die  folgen- 
den Worte  Varros  völlig  beseitigt.  Varro  fügt  nämlich  folgen- 
des hinzu  ^):  Subura  lunius  scribit  ab  eo  quod  fuerit  sub  antiqua 
urbe.  Nun  hat  man  diese  Worte  freilich  auf  das  oppidum  Pa- 
latinum  bezogen;  dafs  das  aber  wenigstens  nicht  die  Annahme 


buBve  nicht,  da  sie  auf  einen  weit  ausgedehnten  Raum  hinweisen.  Meiner 
Ansicht  nach  handelt  es  sich  hier  um  Räume,  die  jemand  von  dem  pagos 
Montanus  in  Pacht  erhalten  hat  und  die  inmitten  des  esquilinischen  Be« 
gräbnisplatzes  selbst  gelegen,  dem  besondern  Schutze  der  Aediles  überwie- 
sen werden.  Es  kommt  für  uns  aber  nur  auf  den  pagus  Montanus  selbst 
an.  Lanciani  sowohl  wie  Mommsen  suchen  denselben  aufs  er  halb  der 
Stadt  selbst:  aber  mit  Unrecht.  Das  Gebiet,  um  welches  es  sich  hier  han- 
delt, grenzt  unmittelbar  an  den  Esquilin  selbst  und  hat  zweifellos  diesem 
angehört.  Wie  ein  pagus  aufserhalb  Roms  sich  als  pagus  montanus  und 
nicht  nach  seinem  ursprünglichen  Namen  (wie  in  Rom  selbst  der  pagas 
lanicolensis,  Aventinensis  etc.)  bezeichnet  haben  sollte,  ist  schwer  verständ- 
lich :  während  in  Rom  selbst  die  Montes  eine  feststehende  Bezeichmiqp  sind 
und  die  Benennung  eines  pagus  nach  ihnen  innerlich  durchaus  glaubwürdig 
ist  Wie  die  Verhältnisse  also  liegen,  kann  für  uns  die  Deutung  des  pagas 
montanus  nicht  zweifelhaft  sein:  denn  einmal  ist  die  Inschrift  —  und  zwar 
an  ihrer  ursprünglichen  Stelle  —  auf  esquilinischem  Boden  gefunden;  so- 
dann kann,  wenn  es  sich  um  montes  und  montani  handelt,  nur  der  Pala- 
tin  und  der  Esquilin  überhaupt  in  Betracht  kommen.  Es  wäre  einer  der 
seltsamsten  Zufälle,  wenn  unmittelbar  an  den  Esquilin  grenzend  ein  pagas 
montanus  existiert  hätte,  während  die  Bevölkerung  des  Esquilin  selbst  wie- 
derholt gleichfalls  montani  genannt  werden:  vgl.  nachher.  Der  pagus  mon- 
tanus kann  also  nur  der  Esquilin  selbst  sein:  die  drei  montes  des  Esqui- 
lin, wie  sie  in  ältester  Zeit  zu  einer  Urbs  sich  zusammengeschlossen,  haben 
auch  später  noch  als  pagus  weiter  existiert,  in  dem  Verbände  eines  pagas 
gestanden.  Vgl.  über  diese  Organisation  Kap.  8.  Ich  bemerke  noch,  dais 
auch  Jordan  den  pagus  montanus  (1,  1,  184)  auf  den  Esquilin  bezieht  und 
in  ihm  einen  Beweis  für  das  ursprüngliche  Bestehen  einer  gesonderten 
Niederlassung  erkennt. 

1)  De  1.  l.  5,  48  Subura  quod  sub  muro  terreo  Garinarum;  und  gleich 
darauf  noch  einmal:  quod  subest  ei  loco  qui  terreus  murus  Tocatur. 

2)  A.  0. 


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-     171     — 

des  Varro  selbst  gewesen  ist,  kann  man  klar  erkennen.  Denn 
wenn  Varro  zur  Bestätigung  dieser  Ansicht  des  lunius  hinzufügt: 
qnoi  testimonium  potest  esse  quod  subest  ei  loco  qui  Terreus 
murus  Yoeatur,  so  kann  er  dieses  doch  nur  in  dem  Sinne  an- 
fahren, daXs  er  eben  in  diesem  terreus  murus  Reste  einer  alten 
Stadtbefestigung  erkennt:  denn  wie  konnte  sonst  der  terreus  mu- 
ruß  zum  Beweise  dafür  dienen,  dafs  die  Subura  ihre  Benennung 
Ton  ihrer  Lage  sub  antiqua  urbe  erhalten  hätte?  Varro  selbst 
entscheidet  sich  allerdings  dahin  ^),  dafs  die  Benennung  von  einem 
alten  pagus  Succusanus  herrühre:  aber  dafs  er  überhaupt  den 
terreus  murus  zur  scheinbaren  Unterstützung  der  Ansicht  des 
lonius  heranzieht,  beweist,  dafs  er  die  Worte  desselben  sub  an- 
tiqua urbe  nicht  auf  die  Stadt  des  Palatinus,  sondern  auf  eine 
andere  bezieht,  die  er  ausdrücklich  den  Carinae  zuweist.  Man 
darf  also  sagen,  dafe  die  Existenz  einer  antiqua  urbs  auf  den 
Carinae  ausdrücklich  bezeugt  ist.^)  Auf  diesen  terreus  murus 
sind  nun,  wie  ich  oben  schon  angedeutet  habe,  die  Worte  der 
Argeerurkunde  sinistra  quae  secundum  merum  est  zu  beziehen. 
Der  hier  genannte  merus  kann  keine  andere  Mauer  sein,  als  der 
aas  Varros  Worten  bekannte  Erdwall  der  Carinenstadt:  die  von 
SW.  den  Esquilin  ersteigende  Prozession  wandte  sich  zum  Fa- 
gutal,  welches  auf  seiner  linken  Seite  —  also  nach  W.  zu  — 
den  Erdwall  hatte:  es  befand  sich  also  aufserhalb,  aber  unmittel- 
bar neben  dem  alten  Stadtwall.  ^)     Die  Stadt  auf  den   Carinae 


1)  A.  0.  Sed  ego  —  potius  —  puto. 

2)  Schon  Bansen  sagt  Beschreibung  Roms  III  2.  S.  190  f. :  „dnrch  eine 
glückliche  Fügung  ist  uns  nämlich  die  Stelle  des  Varro  erhalten,  welche 
001  lehrt,  dafs  in  der  ältesten  Zeit  die  Carinen,  ebenso  wie  das  Palatium 
ond  der  Qnirinal,  eine  befestigte  Stadt  bildeten,  nnd  daCi  sie  durch  einen 
Erdwall  yon  dem  unterhalb  liegenden  Dorfe  Sucnsa  (der  spätem  Subura) 
getrennt  waren". 

8)  Das  eis  lucnm  Fagutalem  der  Argeerurkunde  bestimmt  den  Punkt 
aleo  sehr  genau  als  zwischen  dem  merus  links  und  dem  lucus  rechts  ge- 
legen. Auch  Jordan  erkennt  in  dem  merus  eine  Mauer:  Tgl.  seine  Worte 
i,  254:  ,J)agegen  kommt  in  Betracht  die  Ansicht  von  Urlichs  (3,  2,  203), 
der  dfts  Fagutal  an  den  Gallienusbogen  setzt,  ofiPenbar  bewogen  durch  den 
Znsats  sinistra  secundum  merum  est;  denn  er  wird  darunter  die  Stadtmauer 
▼erstanden  haben.  Und  das  ist  sicher,  ein  moerus  mufste  zur  Linken  in 
der  Nähe  sein  und  zur  Linken  war  hier  in  der  That  der  senrianische  Wall, 
den  Varro  bei  Censorin  17,  8  nicht  agger,  sondern  murus  ac  turris,  quae 
nmt  inter  portam  CoUinam  et  Esquilinam ,  nennt".  Der  Gedanke  an  die 
serrianiache  Mauer  schlieüst  sich  aus  dem  Grunde  aus,  weil  die  Argeer- 


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—     172     — 

hat  demnach  nur  die  westliche  Kuppe  eingenommen  und  hat 
sich  nach  0.  zu  bis  an  die  Grenze  des  Fagutal  einer-,  des  Oppius 
anderseits  ausgedehnt.  Auch  diese  Stadt  ist  also,  ebenso  wie  die 
palatinische,  von  sehr  beschränktem  Umfang  gewesen^)  und  sie 
ist  wieder  nur  als  die  gemeinsame  Burg  d.  i.  die  Schutz-  und 
Zufluchtsstätte  der  verbündeten  drei  Montes  zu  fassen.^) 

Von  der  Höhe  der  Carinae,  d.  i.  der  antiqua  urbs,  führte 
nun  noch  in  historischer  Zeit  ein  clivus  in  die  Subura  herab, 
d.  i.  eine  allmählich  zu  Thal  sich  senkende  Fahrstrasse,  die  den 
Namen  clivus  Urbius  trug.  Es  scheint,  dafs  dieser  clivus  die 
einzige  Strasse  war,  welche  von  der  Burg  herabführte.  Denn 
wenn  Dionysius*)  diese  Strasse  als  6  ötsvmicdg^  ohne  weitere 
Namengebung,  bezeichnet,  so  mag  daraus  der  Schlufs  berechtigt 
sein,  dafs  diese  Gasse  der  Weg  schlechthin  war,  welcher  einst 
mit  der  alten  Stadt  die  Verbindung  aufrecht  erhielt.  Das  scheint 
übrigens  der  Name  clivus  Urbius^)  selbst  schon  zu  enthalten: 
denn  irre  ich  nicht,  so  ist  dieser  Name  mit  Urbs  selbst  zusam- 

Prozession  nachweislich  von  S.  kommt  und  nach  N.  geht  —  eben  weil  sie 
zuerst  den  Oppins  und  dann  erst  den  Cispius  beschreitet  — :  sie  hatte  dem- 
nach auf  alle  Fälle  die  Stadtmauer  —  den  agger  —  zur  Rechten,  nicht 
zur  Linken.  Der  moerus  des  Varro  kann  also  nicht  mit  dem  Servianisohen 
Walle  identifiziert  werden,  sondern  muTs  einen  andern  moerus  bezeichnen: 
und  da  wir  als  einen  solchen  andern  murus  nur  den  von  Yarro  zweimal 
genannten  terreus  murus  kennen,  so  lieg^  es  nahe,  ihn  mit  dem  moeras 
der  Argeerprozession  zusammenzubringen,  da  eine  Identifikation  beider  sich 
gleichsam  von  selbst  ergiebt. 

1)  Noch  im  16.  Jahrh.  haftet  der  Name  le  Carra  an  dieser  Spitze: 
vgl.  Andr.  Fulv.  de  ürb.  antiq.  p.  304.  Niebuhr  B.  G.  1 ,  481.  Jedenfalls 
ist  S.  Pietro  in  Vincoli  in  die  alte  Stadt  hereinzuziehen:  ich  glaube  aber 
nichts  dafs  sie  sich  sehr  viel  weiter  nach  0.  zu  ausgedehnt  hat.  Auf  den 
Namen  Carinae  komme  ich  Kap.  6  zurück:  ich  halte  denselben  für  erst 
später  entstanden  und  nehme  an,  dafs  die  Stadt  resp.  Burg,  welche  wir 
eben  hier  auf  der  Westkuppe  kennen  gelernt  haben,  einst  selbst  den  Namen 
Esquiliae  getragen  hat,  der  dann,  als  die  Burg  mit  Gewalt  den  drei  Montes 
des  Fagutal,  Oppius  und  Cispius  abgenommen  wnrde  (vgl.  Kap.  6),  auf  diese 
selbst  überging. 

2)  Auch  die  AtcKvlsiog  ayoqa  App.  b.  c.  1,  58  fiafst  man  am  natür- 
lichsten als  den  alten  gemeinsamen  Markt  der  Esquilingemeinden.  Über 
die  Fora  der  Eaiserzeit  vgl.  Kap.  10. 

3)  Vgl.  die  Worte  3,  22 :  iaxi  d*  h  reo  azevoonm  tm  tpii^avti  dno  Ka- 
Q^vrig  %at<o  tolüs  ^^l  ''ov  Kvn(^iov  i^xQiisvoig  cxBVfonov, 

4)  Dion.  4,  89.  Die  Identität  dieses  cxBvmnog  "Oi^ßiog  mit  jenem  8,  22 
ohne  weitere  Bezeichnung  genannten  axsvtonos  ergiebt  sich  daraus,  dafs 
Servius  Tullius  auf  den  Carinae  supra  clivum  Urbium  (Solin.  1,  25)  wohnte : 


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—     173     — 

menzubringen  und  wir  haben  in  dem  clivus  ürbius^)  den  Stadt- 
weg, den  Stadtbrink  zu  sehen,  eben  weil  er  —  jedenfalls  ur- 
•  sprüDglich  —  der  einzige  Aufgang  zur  Urbs,  zur  Stadt  war. 
DSrfen  wir  aus  diesem  Namen  mit  Sicherheit  schliefsen,  dafs 
die  Stadt  selbst  die  Bezeichnung  urbs  führte  —  wie  sie  auch 
Varro  ausdrücklich  nennt  — -,  so  tritt  damit  diese  Stadt  des  Esqui- 
linus  in  eigentümlichen  Gegensatz  gegen  die  Stadt  des  Palatinus, 
für  welche  die  Bezeichnung  oppidum  durchaus  die  Regel  ist 

Die  angeführten  Momente,  so  geringfügig  jedes  einzelne  er- 
scheinen mag,  genügen  doch  in  ihrem  Zusammenhange,  um  uns 
die  ältesten  historischen  Verhältnisse  des  esquilinischen  Berges 
au&uhellen.  Wir  sehen  drei  Einzelgemeinden  an  den  Esquilinus 
sich  anlehnen,  seine  Hohen  besetze;!!  und  sich  nach  ihnen  be- 
nennen; sehen  sie  aber  zugleich  zu  einem  Bunde  sich  zusammen- 
sehliessen  und  eine  gemeinsame,  durch  einen  Erdwall  geschützte 
Burg  auf  der  am  weitesten  in  die  Ebene  der  spätem  Gesamt- 
stadt vorspringenden  Kuppe  des  esquilinischen  Berges  errichten; 
um  nun  endlich  mit  den  Gemeinden  der  palatinischen  Burg  in 
Beziehungen  zu  treten,  die  zu  einem  Bündnisse  führen,  welches 
die  ältesten  Phasen  der  Stadtentwicklung  beherrscht  haben  mufs. 
Beyer  wir  auf  dieses  Bündnis  selbst  —  das  Septimontium  — 
eingehen,  mag  zunächst  der  Versuch  gemacht  werden,  über  die 
esquilinischen  Einzelgemeinden  selbst  noch  zu  etwas  mehr  Elar- 


der  cxtvojtog,  der  8,  22  als  dno  KaQ^vris  herabfflhrend  cbarakterisiert  wird, 
mnla  also  derselbe  sein,  den  Servios  hier  zn  seinem  Hause  auf  den  Carinae 
eilend  passiert. 

1)  Solinns  1,  25  hat  ürbius;  Diönys.  4,  89  sowie  Festos  p.  182  und 
Li?.  1,  48  haben  Orbins.  Die  Form  urbins  mag  gebildet  sein  von  urbs, 
wie  z.  B.  regins  von  rez,  praediom  von  praes,  Lucios  von  lux.  Was 
die  andere  Form  orbins  betrifft,  so  ist  ja  der  Zusammenhang  von  urbs 
ond  orbis  zweifellos:  es  ist  sehr  wohl  möglich,  dafs  die  esqnilinische  Stadt 
tla  orbis  oder  urbs,  die  palatinische  als  oppidum  bezeichnet  wurde,  jene 
doreh  ihre  runde ,  diese  durch  ihre  viereckige  Gestalt  ausgezeichnet.  Op- 
pidam  ist  nach  Nissen  Tempi.  88  (übereinstimmend  mit  Curtius  Grundz.  d. 
Griech.  Etym.*  S.  246.  82  f.)  gebildet  von  ob  und  pedum,  also  das  über  der 
^heae  liegende.  Eigentümlicherweise  hatte  Naevius  (bei  Varro  L  1.  6,  158) 
die  carceres  des  Circus  maximus  gleichfalls  oppidum  genannt  (womit  Festus 
p.  1S4  oppidum  dicitur  et  locus  in  circo  unde  quadrigae  emittuntnr  über- 
cntttimmt),  nach  Varro  a.  0.  quod  ad  muri  speciem  pinnis  turribusque  car- 
ceres olim  fuenmt,  was  seltsam  sein  würde:  vielleicht  haben  wir  hier  das 
Wort  noch  in  einer  älteren  allgemeineren  Bedeutung  erhalten.  Die  Verse 
dea Naevius  lauteten:  Dictator  ubi  currum  insidit  pervehitur  usque  ad  oppidum. 


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—    174    — 

heit  betreffs  ihrer  historischen  und  sakralen  Sonderbeziehnngen 
zu  gelangen. 

Auf  dem  Esquilinus  befanden  sich  noch  zu  Varros  Zeit  eine 
Reihe  von  Hainen^  die  als  Überbleibsel  jenes  grossen  Waldes 
anzusehen,  sind,  der  einst  den  ganzen  Berg  bedeckt  haben  mufs. 
Varro  selbst  hebt  hervor,  dafs  der  Umfang  dieser  Haine  nur  be- 
schränkt sei,  wofür  er  als  Motiv  angiebt:  iam  diu  enim  late  Ava- 
ritiae  numen  est.  Man  kann  noch  aus  einer  Yergleichung  der 
Angabe  Varros  mit  der  Argeerurkunde  das  allmähliche  Verschwin- 
den dieses  Waldes  erkennen.  Denn  wenn  in  der  letzteren  zwei 
Sacraria  nach  dem  lucus  Esquilinus  bestimmt  werden,  den  Varro 
selbst  überhaupt  nicht  erwähnt:  so  darf  man  annehmen,  dafs 
dieser  gröfsere  Wald,  der  einst  wahrscheinlich  die  östlicher  ge- 
legenen Teile  des  Oppius  und  Cispius  zusammenhängend  bedeckte, 
zu  Varros  Zeit  schon  verschwunden  war.^) 

Im  Bereiche  des  Esquilinus  treten  uns  eine  Reihe  von  Heilig- 
tümern und  Kulten  entgegen,  die  einen  hochaltertümlichen  Cha- 
rakter tragen  und  jedenfalls  als  die  ursprünglichen  Eultstätten 
der  drei  Einzelgemeinden  zu  fassen  sind.  Dem  Fagutal  gehört 
der  Kult  des  lupiter  Pagutalis*)  an,  der,  auch  wenn  wir  von  ihm 
nichts  weiter  vernehmen,  doch  als  ein  sehr  alter  zu  bezeichnen 
ist.  Dem  Cispius  femer  gehört  der  Kult  der  luno  Lucina.  Dafs 
das  Heiligtum  dieser  Göttin  auf  dem  Cispius  lag,  wissen  wir  aus 
der  Argeerurkunde.^)  Näher  noch  wird  seine  Lage  durch  einige 
weitere  Angaben  der  Alten,  sowie  namentlich  durch  mehrere  In- 
schriften bestimmt,  die  sich  auf  denselben  beziehen.  Aus  Ovid^ 
lernen  wir  zunächst,  dafs  der  auch  von  Varro  ^)   erwähnte  lucus 

1)  Varro  1.  1.  5,  49  huic  origini  magis  concinunt  loca  vicini  (1.  vici- 
nioe  mit  Jordan  2,  601  oder  1.  vicina):  qnod  ibi  lucus  dicitur  Fagutalis  et 
Laram  querquetalanum  sacellum  et  lucus  Mefitis  et  lunonis  Lucinae,  quo- 
rum  augusti  fines;  non  mirum:  iam  diu  enim  late  avaritiae  numen  est. 
Über  das  Fagutal  vgl.  oben.  Ob  auch  das  Varro  6,  152  genannte  escule- 
tum  nach  dem  Esquilin  gehört,  ist  zweifelhaft.  Die  Argeerurkunde  (Varro 
1.  1.  5,  50)  nennt  den  lucus  Fagutalis,  den  lucus  Esquilinus,  den  lucus  Poe- 
telius.  Über  den  lucus  Libitinae  (Dion.  4,  15),  sowie  über  den  lucus  luno- 
nis Lucinae  später.    Über  das  sacellum  Lamm  querquetulanum  vgl.  Kap.  6. 

2)  Vgl.  oben  S.  162. 

3)  Varro  1.  1.  5,  50  Cespius  mons  sezticeps  apud  aedem  lunonis  Lu- 
cinae ubi  aeditumus  habere  (1.  aedituus  habitare)  solet. 

4)  Fast.  2,  435  f.  monte  sub  Esquilio  multis  incaeduus  annis  lunonis 
magnae  nomine  lucus  erat. 

5)  De  1.  1.  5,  49. 


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—     175    — 

lanonis  Lucinae  sich  am  Cispius  herab  bis  in  die  Tiefe  zog, 
woraus  der  Schlufs  berechtigt  ist^  daJB  das  Heiligtum  selbst  oben 
am  Sande  des  Berges  sich  befand:  und  eben  dahin  weisen ;  wie 
gesagt,  die  gleichfalls  hier  gefundenen  Inschriften^),  sodafs  im 
allgemeinen  über  die  Lage  des  Junoheiligtums  auf  der  Höhe  über 
dem  Thale  zwischen  Oppius  und  Cispius  unweit  der  Kirche 
S.  Prassede  kein  Zweifel  sein  kann. 

Auch  diese  Eultstätte  ist  jedenfalls  sehr  alt.  Der  Hain  der- 
selben galt  für  älter  als  die  Stadt  ^;  und  die  Sage  verknüpfte 
die  Statte  schon  mit  den  ersten  Ereignissen  der  Stadtgeschichte.  ^) 
Auch  die  angeblich  von  Servius  TuUius  eingeführte  Ordnung,  dafs 
(or  je^n  Geborenen  eine  Abgabe  an  das  Heiligtum  entrichtet 
werden  mulkte,  weist  jedenfalls  auf  ein  hohes  Ansehen  und  zu- 
gleich auf  ein  hohes  Alter  desselben.*) 

In  mancher  Hinsicht  vergleichbar  mit  der  Inno  Lucina  und 
ihrem  Heiligtum  ist  Venus  Libitina.^)  Wie  jene  in  eigentüm- 
• 

1)  Die  der  luno  -Lucina  geltenden  Inschriften  sind  C.  I.  L.  VI  1  no. 
356—361.  3694.  95  zusammengestellt.  Topographisches  Interesse  haben  na- 
mentlich no.  358  und  359.  Jene  besagt,  dafs  Q.  Fedius  Q.  Urb.  im  J.  713 
0.  c  mumm  lunoni  Lucinae  locavit  eidemque  probavit.  Sie  ist,  wie  der 
Fandbericht  besagt,  1770  trovato  neir  Esquilie  nello  scavare  i  fondamenti 
del  nnoYO  monastero  delle  Faolette,  über  dessen  Lage  zu  vergleichen  Jordan 
i,  252  f.  (Monasterium  est  in  via  S.  Luciae  in  selci  sub  Esquilino  in  valle 
qnae  est  inter  Cespinm  et  Oppium).  Der  hier  erwähnte  murus  ist  aber 
wthrscheinlich  der  murus  des  lucus,  welcher  letztere  also  durch  eine  Mauer 
eingehegt  und  von  dem  profanen  Baume  abgeschlossen  wurde:  die  Inschrift 
ist  also  jedenfalls  unweit  ihres  ursprünglichen  Standorts  selbst  gefunden. 
Die  zweite,  eine  Weihinschrift  Bassa  Vitelli  pro  Q.  Vitellio  Q.  f.  filio  suo 
Innoni  Lucinae  v.  s.  1.  m.,  ist  nach  der  Angabe  des  Ligorius  nelle  Esquilie 
mnrata  sotto  sopra  in  un  cantone  di  una  casa  che  stä  accosto  alla  cappella 
nella  stcada  falsamente  chiamata  Suburra,  eine  Angabe,  welche  die  Heraus- 
geber freüich  —  aber  wohl  nicht  mit  Becht  —  für  fingiert  halten. 

2)  Plin.  n.  h.  16,  235  Bomae  vero  lotos  in  Lucinae  area,  anno  qui  fuit 
dne  magistratibus  CCCLXXIX.  urbis  aede  condita,  incertum  ipsa  quanto 
Tetufltior,  esse  quidem  vetustiorem  non  est  dubium,  cum  ab  eo  luco  Lucina 
Qomineinr. 

3)  Vgl.  Ovid.  Fast  II  427  ff.  Die  Sage  geht  von  dem  Alter  des  Juno- 
heiligtoms  aus;  Ungers  Annahme  (Bh.  Mus.  36,  59),  dieselbe  sei  spät  er- 
^den,  trifft  jedenfalls  nicht  diese  Voraussetzung  derselben.  Yarros  Be- 
hauptoog  1.  L  5,  74,  T.  Tatius  habe  auch  diesen  Kult  eingeführt,  ist  aus 
Beiner  Vorliebe  für  das  Sabinertum  geflossen:  vgl.  Kap.  5. 

4)  Fiso  bei  Dion.  4,  15;  vgl.  dazu  Marquardt  Handb.  VE  1  S.  84 f. 

5)  Ober  sie  im  allg.  vgl.  Freiler  1,  440  fif.  Über  die  Abgabe  bei  jedem 


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—     176    — 

lieber  Beziehung  zu  der  Gebart,  so  stand  Libitina  in  derselben 
Beziehung  zum  Tode,  indem,  gleichfalls  angeblich  nach  einer  Be- 
stimmung des  Servius  TuUius,  für  jeden  Todesfall  eine  Abgabe 
an  ihr  Heiligtum  entrichtet  wurde.  Anderseits  aber  war  die 
Göttin  selbst  eine  Göttin  des  Wachsens  und  Werdens,  der  Ve- 
getation, der  Gärten  etc.,  weshalb  wir  in  dieser  Verbindung  des 
Lebens  und  des  Todes  eine  höchst  eigentümliche  Auffassung  zu 
erkennen  haben.  So  häufig  nun  aber  auch  diese  Göttin  nebst 
ihrem  Heiligtum  genannt  wird,  so  fehlt  uns  doch  jeder  Anhalt^ 
die  Lage  dieses  letzteren  auch  nur  im  allgemeinen  zu  fixieren.*) 
Die  Analogie  mit  der  luno  Lucina,  ihre  Beziehung  zum  Begräb- 
nis^), ihre  Verwandtschaft  mit  der  Venus  Murcia')  weise^  aller- 
dings nach  dem  Esquilin:  aber  mit  Sicherheit  nachweisen  läTst 
sich  das  nicht.  Das  nächstliegende  wäre  anzunehmen,  dafs  ihre 
alte  Eultstätte  auf  dem  Oppius  gelegen  hätte:  denn  haben  wir 
die  Inno  Lucina  auf  dem  Cispius,  den  lupiter  Fagutalis  auf  dem 
Fagutal  kennen  gelernt,  so  ist  man  zunächst  vfrsucht,  die  Venus 
Libitina  als  den  Hauptkult  der  Gemeinde  de§  Oppius  zu  fassen. 
Wahrscheinlicher  ist  mir  aber,  dafs  wir  die  Göttin  in  dem  Thale 
zwischen  Esquilin  und  Caelius  zu  suchen  haben. 

Denn  das  darf  als  sicher  bezeichnet  werden,  dafs  dieses  Thal 
von  Haus  aus  zu  dem  Esquilinus  hinzugehört  hat.  Über  das- 
selbe heifst  es  bei  Varrp*):  Cum  Caelio  nunc  iunctae  Carinae  et 
inter  ea  quem  locum  Ceroliensem  appellatum  apparet  quod  pri- 


Todeafalle  Dion.  4,  15.  Plut.  Q.  R.  23.  Num.  12.  Gerade  der  lucus  Libi- 
tinae  wird  in  dieser  Beziehang  zum  Tode  speziell  genanDt:  so  Ascon.  Milon. 
34.  Dion.  a.  0.  u.  a.  Danach  heifst  die  Abgabe  selbst  lacar  Libitinae  C.  I.  L. 
V  5128,  aber  merkwürdigerweise  in  Bergamo:  für  Born  ist  dieser  Ausdruck 
scheinbar  nicht  bezeugt. 

1)  Der  lucus  Libitinae  erscheint  mehrfach  als  Bezeichnung  des  Wohn- 
orts ab  luco  Libitinae  Orelli  1378.  Henzen  5683:  die  letztere  Inschrift  ist 
unweit  des  Bibulusgrabmals  gefunden,  also  sehr  weit  vom  Esquilin  entfernt; 
doch  ist  das  für  die  Bestimmung  des  lucus  Libitinae  selbst  ohne  Wert. 

2)  Der  lucus  Libitinae  galt  später  ganz  als  grofses  BestattungsgeschäfV, 
indem  alles  zum  Begräbnis  Erforderliche  von  hier  bezogen  werden  konnte : 
YgL  Marquardt  Handb.  YII  1  S.  371  f.  Es  ist  hier  also  jedenfalls  an  einen 
grofsen  Komplex  von  Gebäuden  zu  denken,  welcher  mit  dem  Heiligtum 
selbst  verbunden  war  und  es  liegt  allerdings  nahe,  an  eine  Nachbarschaft 
mit  den  grofsen  Begräbnisplätzen  des  Campus  Esquilinus  zu  denken. 

3)  Darauf  weist  der  gleiche  Stiftungstag  beider  HeiligtQmer,  worauf 
ich  zurückkomme. 

4)  De  1. 1.  ö,  47.   Über  die  Form  des  Namens  CeroUensis  vgl.  oben  S.  163. 


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-     177    — 

mae  regionis  quartam  sacrarium  scriptum  sie  est:  Geroliensis 
quarticeps  circa  Minervium,  qua  in  Caeliomontem  iter,  in  taber- 
nola  est  Geroliensis  a  Carinarum  iunctu  dictus  — .^)  Aus  die- 
sen Worten  geht  evident  hervor^  dafs  der  Raum^  d.  h.  das  Thal 
zwischen  Caelius  und  Garinae,  wahrscheinlicher  aber  zwischen 
Caeh'us  und  Esquiliu  überhaupt  einst  Geroliensis  hielii.  Der  clivus 
Pullius^)  hat  demnach  die  Verbindung  zwischen  der  Höhe  des 
Esquilinus  auf  dieser  Seite  —  d.  h.  dem  Fagutal  —  und  dem 
Thale  Geroliensis  vermittelt.  Was  diesen  Namen  selbst  betrifft, 
so  stellt  er  sich;  um  das  gleich  hier  zu  bemerken,  seiner  En'dung 
nach,  in  Analogie  zu  den  Euriennamen  Foriensis,  Veliensis:  ich 
fesse  diesen  Bezirk  als  den  eigentlichen  Wohn-  und  Ackerbezirk 
der  Gemeinde  des  Fagutal,  die,  wie  wir  sehen  werden,  mit  den 
fibrigen  Gemeinden  des  Esquilin  gleichfalls  in  Kurien  gegliedert 
war.  Geroliensis  oder  Geroniensis  ist  scheinbar  in  Verbindung 
za  bringen  mit  dem  duonus  cerus  des  oalierliedes:  die  Benennung 
eines  ursprünglich  dem  Ackerbau  bestimmten  Bezirkes  nach  dem 
Cerus  lanus,  der,  wie  wir  sogleich  sehen  werden,  der  eigentliche 
Bundesgott  der  geeinten  Esquilingemeinden  war,  empfiehlt  sich 
durchaus.^  Wenn  ich  in  diese  Niederung  auch  das  Heiligtum 
der  Venus  Libitina  verlegen  möchte,  so  leitet  mich  dabei  die 
Rücksicht  auf  die  alte  Verbindung  dieser  Göttin  mit  dem  Wasser: 
die  in  Gärten,  an  Wassern,  in  üppiger  Vegetation  verehrte  Göttin 
scheint  mir  eher  in  dieser  feuchten  Niederung  ihren  Platz  zu 
finden,  als  auf  der  Höhe.*) 

1)  Die  Handschriften  haben:  cum  Caelio  nunc  iunctum.  Carinae,  was 
nicht  richtig  sein  kann,  da  auf  diese  Weise  die  Carinae  völlig  isoliert  stehen 
würden.  Müller  schob  vor  Carinae  die  Worte  huic  iunctae  ein,  was  möglich ; 
Jordan  1,  1,  245  liest  statt  nunc  iunctum  «»  coninnctae  und  verbindet  das 
vorhergehende  cum  Caelio  hiermit  Ich  lese  cum  Caelio  nunc  iunctae  Ca- 
rinae (die  Florentiner  Hdschr.  hat:  cum  celion  coniunctum,  vgl.  Ad.  Groth 
a.  0.  p.  23)  und  im  folgenden  statt  inter  eas  =  inter  ea  d.  h.  zwischen 
Caelius  und  Carinae:  so  erklärt  sich  auch  der  Zusatz  qua  in  Caeliomontem 
iter  als  sehr  passend.  Das  Bedenken  Jordans  wegen  des  nunc  ist  durchaus 
unbegründet:  das  nunc  mufs  hier  stehen,  da  es  anzeigen  soll,  dafs  die  Ca- 
rinae einst  einen  integrierenden  Bestandteil  des  Esquiliuns  ausgemacht^  erst 
■pater  iofolge  der  servianischen  Tribuseinteilung  zum  Caelius  hinzugelegt 
seien:  vgl.  Kap.  6. 

2)  Vgl.  oben  8.  164. 

3)  Janus  wurde  als  duonus  cerus  d.  h.  als  bonus  creator  im  Salierliede 
nach  Varro  1.  1.  1,  26  angerufen.  Vgl.  dazu  Preller  1,  79  f. 

4)  Vgl.  oben  S.  176. 

Gilbert,  Gesch.  n.  Topogr.  Borns.  12 

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—     178     — 

Können  wir  so  Jupiter  und  Juno,  Janus  und  Venus  als  die- 
jenigen Kulte  nachweisen,  um  die  sich  die  Gemeinden  des  Es- 
quilinus  zusammengeschlossen  haben,  so  treten  unter  diesen  wieder 
Janus  und  Juno  in  erster  Linie  hervor.  Denn  Janus  und  Juno 
erscheinen  in  engster  Verbindung  an  einem  Punkte  der  esquili- 
nischen  Stadt,  der  geeignet  ist,  unser  höchstes  Interesse  zu  fesseln. 
Am  Ausgange  des  clivus  Urbius  nämlich,  des  Fahrweges,  der 
sich  von  der  Höhe  der  Stadt  auf  den  Carinae  in  das  Thal  der 
Subura  herabsenkte,  und  zwar  da,  wo  er  in  dieses  selbst  hinüber- 
führfe,  befand  sich  noch  in  spätester  Zeit  ein  die  Strafse  selbst 
überspannender  Bogen,  das  sogenannte  tigillum  sororium,  unter 
oder  neben  dem  sich  die  Altäre  der  Juno  und  des  Janus  befanden.*) 

Die  Sage  verknüpfte  freilich  die  Errichtung  dieser  Kult- 
stätten mit  einem  späteren  Ereignisse,  dem  Kampfe  der  Horatier 
und  Kuriatier  und   dem  infolge   dessen   geschehenen  Morde  der 


1)  Über  das  tigillum  sororinm  vgl.  Liv.  1,  26  imperatnm  patri  nt 
filiam  expiaret  publica  pecunia.  is  quibusdam  piacularibus  sacrificiis  factis 
—  transmisBo  per  viam  tigillo  capite  adoperto  velut  sub  iugum  mieit  iuve- 
nem.  id  hodie  quoque  publice  semper  refectum  manet;  Bororiam  tigüluxn 
vocant.  Horatiae  sepulcrum  quo  loco  corruerat  icta,  constructum  est  saxo 
quadrato.  Die  Stelle  des  tigillum  war  also  keineswegs  mit  der  Stelle  des 
Todschlags  selbst  identisch.  Dion.  3,  22  %a%Bn>ot,  ßtofiovg  l8qvoay,Bvoi  ßvo^ 
tov  fihv  "HqaSy  rj  XsXoyxev  iniaKonsiv  ddsX<pag'  zov  d'  Btsqov  ini%(aqCov 
&SOV  Tivos  rj  daiitovog,  'lavov  XByo^isvov  %ata  vqv  inixcigiop  yXmTtaVy  ivat^ 
vv^ov  Se  KoquxConv  x&v  dvatQS&svtmv  dvs'^lJtoiv  vno  tov  dvdgog'  %al  dvalccg 
tivccg  in'  ccvtoig  noiriaavtsg  toig  ts  aXXoig  nad^aqfioCg  ixQV^^'*^^i  ^^^  tsXev^ 
xmvtBg  vnriyuyov  zov  ^Oqdtiov  vno  ^vyov.  —  iv&a  ot  %b  ßonfiol  iiivovaiv  of 
toxB  td(fv9'BVTBg^  xal  ^vXov  vnhQ  avtäv  xixoccai  dval  xoig  avxt%Qv  dXXrjXmv 
xo^X^ig  ivriqiMtaitivov^  o  yCvBxai  xoig  i^iovaiv  vnlq  xBtpaXfig  %aXovnBvov  xy 
^PatlJLCcXKij  diaXintm  SvXov  ddsXcp^g.  xovxo  (tlv  dfi  x6  x^Q^ov  xijg  avn€pOifag 
xov  dväQog  iivTiiiBiov  iv  xy  noXBt  ixv  tpvXdxxBi,  dvaiatg  yBQouQoiiBvov  vno 
^PcofiaConv  %a&*  bkuoxov  iviavxov.  Fest.  p.  297  Sororium  tigillum  appellatar 
hac  de  causa.  —  cum  —  Horatius  noster  exsuperasset  victorque  domum 
reverteretur  ob  via  soror  —  aversata  est  eins  osculum  quo  nomine  Horatias 
interfecit  eam.  —  damnatusque  provocavit  ad  populum,  cuius  iudicio  victor 
dno  tigilla  tertio  superiecto  quae  pater  eius  constituerat  velut  sub  iugutn 
missus  snbit,  consecratisque  aris  lunoni  Sororiae  et  lano  Curiatio,  liberatus 
omni  noxia  sceleris  est  auguriis  adprobantibus.  ex  quo  sororium  id  tigillum 
est  appellatum.  Paul.  p.  307  sororium  tigillum  appellabatur  locus  sacer  in 
honorem  lunonis,  quem  Horatius  quidam  statuerat  catisa  sororis  a  se  inter- 
fectae  ob  suam  expiationem.  Noch  die  Begionarier  —  im  6.  Jahrh.  n.  Chr.  — 
kennen  das  tigillum  sororinm  und  setzen  es  zwischen  Templum  Telluris 
und  Colossenm  an  (Reg.  IV).  Auch  bei  (Aurel.  Vict.)  de  v.  ill.  4,  9  heifst  es 
quod  nunc  qnoque  viae  suppositum  (1.  superpositum)  sororium  appellatnr. 


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—     179     — 

Horatia  durch  ihren  siegreichen  Bruder.  Aber  die  Verknüpfung 
jener  Altare  mit  diesen  angeblichen  Thatsachen  ist  geeignet  unser 
höchstes  MiiGstrauen  zu  erwecken.  Denn  in  Wirklichkeit  steht 
das  tigillum  sororium  in  absolut  gar  keinem  Zusammenhange^ 
sei  es  mit  dem  Kampfe  der  Drillingspaare,  sei  es  mit  dem  Morde 
der  Schwester:  da  jener  übereinstimmend  weit  vor  die  Thore, 
dieser  gleichfalls  aufserhalb  der  Stadt,  vor  die  porta  Capena  ver- 
legt wird.*)  Findet  ein  Ereignis  naturgemaXs  da  seine  Sühnung, 
wo  sich  dasselbe  wirklich  vollzogen  hat,  so  ist  zwischen  dem 
tigillam  sororium  und  den  genannten  Ereignissen  überhaupt  keine 
Beziehung  nachweisbar,  da,  wie  gesagt,  die  Stelle  des  tigillum 
sororium,  als  des  Aufgangs  zum  clivus  Urbius,  zur  Stadt  oder 
Barg  des  Esquilin,  nichts  mit  dem  Kampfe  der  Drillingspaare 
und  dem  Morde  der  Horatia  ^u  thun  hat 

Wir  werden  uns  der  Betrachtung  dieser  letzt  angeführten 
Ereignisse,  wie  sie  die  Sage  erzählt,  später  im  6.  Kap.  nicht  ent- 
ziehen können  und  werden  da  auch  die  Gründe  kennen  lernen, 
die  es  bewirkt  haben,  dafs  gerade  diese  Stelle  mit  jenen  Ereig- 
nissen in  Beziehung  gebracht  ist.  Das  tigillum  sororium  mit  den 
Aliaren  des  Janns  und  der  Juno  hat  eine  von  jenen  Ereignissen 
anabhängige  und  selbständige  Bedeutung  und  dieser  letzteren  uns 
bewu&t  zu  werden,  mag  daher  zunächst  und  vor  allem  versucht 
werden.^) 


1)  Dafs  der  Schwestermord  vor  der  porta  Capena* —  also  weit  ab 
vom  tigillnm  —  stattfand,  sagt  Liv.  1,  26,  weshalb  er  auch  das  sepulcrnm 
Horatiae  bestimmt  an  einer  von  dem  tigillam  entfernten  Stelle  ansetzt 
Nach  Dion.  3,  21  fand  der  Schwestermord  iyyvs  rmv  nvXmv,  also  jedenfalls 
an&erhalb  der  Manem  statt:  mit  dem  tigillam  selbst  bringt  keiner  das  Er- 
eignis in  lokale  Besiehong. 

2)  Ich  mnfs  gleich  hier  wenigstens  andeuten,  durch  welche  ßeweg- 
*  gründe  sich  die  Kombination  hat  leiten  lassen,  jene  Thatsachen,  wie  sie  die 

S^  kannte,  mit  diesem  Stadtaufgange  in  Verbindung  zu  bringen.  Einmal 
war  der  Name  des  einen  Geschlechts ,  der  Curiatii ,  in  dem  Kultnamen  des 
lanns  Coriatius  gegeben,  der  unter  dem  tigillum  seinen  Altar  hatte;  der 
Name  des  andern  Drillingspaars  in  dem  Namen  des  Geschlechts,  welches 
—  da3  darf  als  historisch  gelten  —  jedenfalls  bis  zu  seinem  Aussterben 
eine  Hauptrolle  bei  den  jährlich  wiederholten  Sühnungen  dieser  Stelle  spielte. 
Endlich  aber  war  in  dem  Kultnamen  der  luno  sororia  gleichfalls  ein  leicht 
wf  den  Schwestermord  umzudeutendes  Moment  gegeben,  welches  die  Kom- 
bination gleichsam  von  selbst  herausforderte.  So  erklärt  es  sich,  wie  mir 
»eheint,  dafs  die  Sage  gerade  an.  diese  bestimmte  Stelle  sich  knüpfte,  wenn 
<^it  auch  noch  nicht  die  Bedeutsamkeit  dieser  letzteren  überhaupt  er- 

12* 

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—     180    — 

Halten  wir  uns  allein  an  den  Umstand;  dafs  ein  über  die 
Strafse  gespannter  Bogen  mit  dem  Kulte  des  Janus  verbunden  war, 
so  sind  wir  berechtigt,  in  diesem  Bogen  eben  einen  Janusbogen 
zu  sehen.  ^)  In  gewisser  Weise  ist  jeder  lanusbogen  zugleich 
ein  Thor,  eine  porta,  und  es  ist  demnach  nicht  auffallend,  wenn 
Varro  einmal  geradezu  den  bekannten  Janusbogen  am  Comitium, 
auf  den  später  zurückzukommen  sein  wird,  porta  lanualis  nennt.*) 
Der  Vergleich  des  tigillum  sororium  mit  diesem  Janusbogen  — 
dem  bekannten  index  belli  pacisque  —  ergiebt  sich  also  von 
selbst:  und  wie  wir  denselben  später  in  der  That  als  ein  altes 
Thor  kennen  lernen  werden,  so  mufs  man  auch  bei  dem  Janus- 
bogen am  Aufgange  des  clivus  Urbius  zunächst  an  eine  porta 
denken. 

Dieser  Schlufs,  wie  er  sich  aus  der  Betrachtung  des  tigillum 
sororium  an  und  für  sich  und  aus  seiner  Yergleichung  mit  dem 
bekannteren  Janusbogen  am  Comitium  von  selbst  aufdrängt,  wird 
durch  einen  Bericht  bestätigt,  der,  an  jenen  Janusbogen  an- 
"knüpfend,  deutlich  in  ihm  ein  wirkliches  Stadtthor  erkennen  läfst, 
wie  er  ihn  denn  auch  geradezu  so  nennt.  Macrobius  nämlich 
erzählt^),  dafs    beim  Kampfe   der  Sabiner   gegen  Eomulus   und 

klärt  ist.  Diese  Bedeutsamkeit  selbst  liegt  einmal,  wie  wir  sogleich  seheu 
werden,  in  dem  Umstände,  dafs  das  tigillum  das  alte  Stadt-  resp.  Burgthor 
des  Esquilinus  war;  sodann  in  der  Thatsache,  dafs  an  diesem  Thore  sich 
alte  Sühogebräuche  vollzogen,  an  denen  die  Gens  Horatia  beteiligt  war. 
Dafs  aber  durch  die  Einsetzung  dieser  Sühngebräuche  erst  die  Errichtung 
der  Altäre  der  Juno  und  des  Janus  erfolgt  sei,  ist  trotz  der  bestimmten  An> 
gaben  des  Festns  und  Dionjsius  nicht  anzunehmen.  Es  sind  also  meiner 
Ansicht  nach  folgende  Momente  in  diesem  Komplex  von  Thatsachen  und 
Sagen  auseinander  zu  halten:  das  tigUlum  sororium  mitsamt  den  arae  des 
Janus  und  der  Juno  gehören  eng  zusammen:  über  ihre  Bedeutung  wird  so- 
gleich näheres  zu  sagen  sein ;  die  Sühngebräuche  sind  später  eingesetzt  und 
zwar  an  dieser  bestilnmten  Stelle  aus  Gründen,  die  wir  Kap.  6  kennen 
lernen  werden;  ihre  Motivierung  mit  dem  Zweikampfe  der  Drillingspaare 
und  dem  Morde  der  Horatia  sind  teils  aus  wirklichen  Thatsachen  —  über 
die  gleichfalls  Kap.  6  — ,  teils  aus  Kombinationen  herausgesponnen,  zu  denen 
die  Übereinstimmung  der  Namen  Curiatius,  Horatii,  sororia  den  äufsern  An- 
lafs  gab. 

1)  Ausdrucklich  bezeichnet  Dionjsius  3,  22  die  Altäre  der  Juno  und 
des  Janus  als  ein  (ivriftstov:  die  Altäre  müssen  ihre  Stelle  unter  oder  zur 
Seite  des  Bogens  selbst  gehabt  haben. 

2)  De  1.  1.  5,  165. 

8)  Der  interessante  Bericht  des  Macrobius  lautet  1,  9,  17  f.:  Cum  belle 
Sabine  quod  yirginum  raptarum  gratia  commissum  est  Romani  portam  quae 


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-     181     — 

Hostüs  Hostilius  jene  in  zwei  Scharen  sich  teilten,  von  denen 
die  eine  gegen  die  porta  Mugionis,  die  andere  gegen  die  porta 
lanoalis  sich  wandte.  Es  ist  klar,  wie  innerlich  glaubwürdig  eine 
solche  Tradition  ist.  Waren,  wie  wir  sehen  werden,  die  palati- 
nische  und  die  esquilinische  Stadt  gegen  die  Sabiner  verbündet, 
so  mufsten  sich  diese  selbstverständlich  gegen  die  Auf-  und  Ein- 
gauge  der  beiden  Städte  wenden,  um  diese  selbst  und  damit  zu- 
gleich die  Macht  ihrer  verbündeten  Gegner  zu  brechen.    So  stür- 


lub  radicibas  collia  Viminalis  erat,  quae  postea  ab  eventu  lanualis  Yocaia 
est,  claadere  feetinarent,  quia  in  ipsam  hostes  raebant,  postqnam  est  clausa 
moz  sponte  patefacta  est,  cumque  iterum  ac  tertio  idem  contigisset,  armati 
plunmi  pro  limine  quia  claudere  nequibant  custodes  steterunt,  cumque  ex 
alia  parte  acerrimo  proelio  certaretur,  subito  fama  pertulit,  fusos  a  Tatio 
nostros.  quam  ob  causam  Romani  qui  aditum  tuebantur  territi  profugerunt. 
camque  Sabini  per  portam  pateotem  inrupturi  essent,  fertur  ex  aede  lani 
per  hanc  portam  magnam  yim  torreotium  undis  scatentibus  erupisse  multas- 
qne  perduellium  catervas  aut  exustas  ferventi  aut  devoratas  rapida  yora- 
gine  deperisse.  Dieser  Bericht  des  Macrobius,  den  er  mit  den  Worten  huius 
aotem  rei  haec  causa  narratur  einleitet,  ist  offenbar  in  seinem  ganzen  Zu- 
sammeohaoge  einer  alten  vorzüglichen  Quelle,  einem  Annalisten,  entnommen : 
die  Schlofsworte  aber  ea  re  placitum  ut  belli  tempore  yelut  ad  urbis  au- 
xiliom  profecto  deo  fores  reserarentur,  sind  ebenso  wie  die  Einleitungsworte 
16  (lannm)  Patultium  et  Glasivium  quia  hello  caulae  eius  patent,  pace  clau- 
dimtur,  ansschliefsliches  Eigentum  des  Macrobius  selbst,  der  irrtümlich  das 
erzählte  Ereignis  mit  dem  ihm  hekannteren  oder  allein  bekannten  Janus- 
bogen  am  Comitium  verknüpft;  während  es  in  Wirklichkeit  nur  Sinn  hat, 
wenn  es  dem  Janusbogen  am  clivus  ürbius  angehört.  Denn  auf  diesen 
weisen  die  Worte  portam  quae  sub  radicibus  collis  Viminalis  erat;  auf 
diesen  das  Hervorsprudeln  heilsen  Wassers,  eben  weil  hier  die  aquae  Lau- 
toUe  waren  (vgl.  hernach);  auf  diesen  endlich  der  ganze  Znsammenhang 
des  Berichts,  der  die  porta  lanualis  als  angegriffen  von  den  Sabinern  dar- 
stellt, während  wir  den  Janusbogen  am  Comitium  als  im  Besitz  der  Sabiner 
kennen  lernen  werden.  (Über  das  geschichtliche  vgl.  hernach.)  Bietet  also 
der  Bericht  des  Annalisten  bei  Macrobius  absolut  nichts  unwahrscheinliches, 
sondern  ist  er  im  Gegenteil  ein  nach  allen  Seiten  hin  einheitlicher  und 
^obwürdlger,  so  haben  auch  weder  Becker  350  ff.  noch  Preller  1,  174  ge- 
zweifelt, dafe  die  hier  genannte  porta  lanualis  unter  den  Carinae  zu  suchen 
■ei.  Die  Berichte  des  Ovid  Fast  1,  269  ff.  Metam.  14,  778  ff.  verwirren 
allerdings  verschiedene  Momente,  indem  sie  die  Sage,  welche  sich  an  die 
porta  lanualis  der  Garinen  knüpfte,  auf  den  Janusbogen  am  Forum  bezogen^ 
wie  schon  Macrobius  selbst  thut.  Der  Versuch  Jordans  Hermes  4 ,  252  ff., 
aach  den  Bericht  des  Annalisten  selbst  als  auf  Konfusion  des  Macrobius 
beruhend  nachzuweisen,  halte  ich  für  verfehlt:  die  Existeuz  einer  porta 
linoaUs  und  die  Verknüpfung  derselben  mit  dem  Kampfe  der  Sabiner  in 
der  Sage  sowohl  wie  in  der  Geschichte  selbst  betrachte  ich  als  feststehend. 


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-     182     - 

men  sie  auf  der  einen  Seite  auf  dem  clivus  Palatinus  gegen  die 
porta  Mugionis,  auf  der  andern  Seite  gegen  das  Thor,  welches 
den  Aufgang  zur  esquilinischen  Stadt,  den  clivus  Urhius,  verschlofs 
und  schützte.  Dafs  in  der  That  die  hier  von  Macrobius  genannte 
porta  lanualis  mit  dem  tigillum,  mit  welchem  wir  den  Altar 
des  Janus  eng  verbunden  kennen  gelernt  haben,  identisch  ist,  kann 
nicht  bezweifelt  werden.  Denn  aus  dem  Berichte  des  Macrobius 
ersehen  wir,  dafs  jene  porta  nicht  nur  blos  lanualis  hiefs,  son- 
dern dafs  mit  ihr  der  Kult  des  Janus  selbst  in  engster  Verbin- 
dung stand  ^):  eine  Verschiedenheit  des  tigillum  mit  seinem  Janus- 
kulte  imd  der  porta  mit  ihrem  Januskulte  schliefst  sich  danach 
von  selbst  aus;  das  sogenannte  tigillum  sororium  ist  die  alte 
porta  lanualis  d.  h.  das  alte  Stadtthor,  welches  mit  dem  clivus 
Urbius  verbunden  war.^) 

In  dieser  Verbindung  der  porta  lanualis  mit  dem  Aufgange 
zur  Stadt^  zur  Burg  selbst  tritt  uns  dieselbe  Art  der  Befestigung 
entgegen,  wie  wir  sie  schon  an  der  porta  Romana  kennen  ge- 
lernt haben.*)  Von  dem  Mauerringe  selbst  auf  der  Höhe  des 
Berges  zieht  sich  ein  Weg  in  die  Tiefe  hinab,  der  bestimmt  ist, 
die  Verbindung  zwischen  Höhe  und  Thal  zu  vermitteln.  Diese 
Verbindung  aber  zu  schützen  und  zu  verteidigen  gegen  Angriffe 
und  Überfälle  ist  das  erste  Augenmerk  derjenigen  gewesen,  die 
diesen  Weg,  der  ja  an  und  für  sich  notwendig,  geschaffen  haben. 


1)  MacrobioB  spricht  a.  0.  von  einer  aedes  lani,  was  man  wohl  als 
Ungenaaigkeit  seiner  Quelle  ÜEtssen  darf:  wir  kennen  wenigstens  nur  eine 
ara  Jani. 

2)  Aus  den  Worten  des  Dionysins  8,  22  über  das  tigillum  sororium, 
dafs  es  sich  befunden  habe  iv  tm  ötevam^  r^  tpiqovxi  dno  Kag^vrig  %dtm 
toig  inl  tbv  Kvngiop  igzofiivoig  atevmnov  kann  man  allerdings  nicht  er- 
kennen, dfsSa  das  tigillum  am  Ende  des  clivus  Urbius  sich  .befiEind,  doch 
zeigen  die  Berichte  über  die  Ermordung  des  Servius  TuUius,  da£s  dieselbe 
nicht  auf  der  Höhe  stattgefunden  haben  kann:  vgl.  hernach.  Zur  Evidenz 
geht  das  aber  aus  der  Notiz  des  Arvalkalenders  z.  1.  Okt.  hervor,  nach 
der  (vgl.  C.  I.  L.  VI  1  pag.  626)  tigillo  sororio  ad  compitum  Acili  eine  Feier 
stattfand:  ein  compitum,  ein  Kreuzweg,  kann  nicht  an  der  Höhe  liegen, 
sondern  mufs  im  Thal  gesucht  werden,  wir  haben  demnach  das  tigillum 
sororium  da  zu  suchen,  wo  der  clivus  Urbius  von  der  Höhe  der  Carinae 
kommend  die  Thalsohle  erreichte. 

8)  Vgl.  oben  S.  121  ff.  Zu  Dionysius'  Zeit  war  der  clivus  selbst  offen- 
bar eine  bewohnte  Gasse:  daraus  folgt  aber  nicht,  dals  er  das  seiner  ur- 
sprünglichen Anlage  und  Bestimmung  nach  war;  die  Befestigung  der  Cari- 
nae war  schon  früh  beseitigt  worden.    Vgl.  Kap.  6. 


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—     183     — 

Daher  der  AbschluTs  dieses  Weges  nicht  nur  obeu;  wo  er  in  der 
Mauer  selbst  mündete,  sondern  auch  —  und  in  hervorragender 
Weise  —  unten,  wo  er  ins  Thal  mündet.  Wie  ein  bedeckter 
Gang  hat  sich  ohne  Zweifel  dieser  clivus  herabgesenkt,  um  an 
seiuem  Aasgange  durch  ein  festes,  geschlossenes  Thor  abgesperrt 
zu  werden,  welches  nur  mit  überlegener  Gewalt  durchbrochen 
werden  konnte.  Der  bis  in  die  späteste  Zeit  erhaltene  Janusbogen 
am  Ausgange  des  clivus  Urbius  ist  demnach  nur  als  das  Über- 
bleibsel eines  alten  Stadt-  und  Festungsthores,  welches  einst 
diesen  clivus  gesichert  uud  abgeschlossen  hatte,  zu  verstehen. 

In  dieser  Auffassung  des  Janusbogens  erfordern  die  mit  dem 
tigillum  selbst  verbundenen  Janus  und  Juno  eine  besondere  Be- 
achtung. Denn  unmittelbar  im  oder  am  Burgthore  stehend,  er- 
scheinen diese  beide  Gottheiten  wie  die  eigentlichen  Schutz-  und 
Burggotter  selbst,  die  den  Aufgang  hüten  und  verteidigen:  wie 
denn  die  Sa^e  in  betreff  des  Janus  wirklich  hervorhob,  dafs  die 
esquilinische  Burg  nur  durch  sein  persönliches  Eintreten  bei  dem 
überfalle  der  Sabiner  gerettet  sei.^)  Es  kann  meiner  Ansicht 
nach  ebensowenig  daran  ein  Zweifel  sein,  dafs  wir  in  Janus 
einen  Sonnengott^),   wie   daran,   dals   wir   in  Juno   eine  Mond- 

1)  Vf?!.  Macrob.  a.  0. 

2)  Schon  die  Alten  haben  wiederholt  Janas  mit  der  Sonne  identifiziert : 
Tgl.  Macrob.  1,  9,  9  lanum  quidam  solem  demonstrari  volunt  et  ideo  gemi- 
nam  quasi  utriosque  ianaae  caelestis  potentem,  qui  exorieas  aperiat  diem, 
occidens  claudat.  ib.  10  inde  et  simnlacrum  eins  plerumque  fingitur  manu 
dextera  trecentomm  et  sinistra  sexaginta  et  quinque  namerum  tenens  ad 
demonsirandam  anni  dimensionem,  qaae  praecipna  est  solis  potestas.  Auf 
dasselbe  kommt  es  hinaus,  wenn  Nigidius  (ib.  8)  pronuntiavit  Apollinem 
lannm  esse  Dianamque  lanam.  Desgleichen  falst  ihn  Lutatius  bei  Lydus 
de  mens.  4,  1  als  "HXi.ov  naqa  xo  i(p*  i%axiqai  nvlr^g  aQ%nv  avutolrii  ta<oq 
vä  dvot(ag.  Die  Vorstellungen,  wie  sie  sich  an  Janus  knüpften  und  wie  sie 
namentlich  bei  Ljdus  a.  0.  und  Macrobius  1,  9  sich  grossenteils  vereinigt 
finden,  lassen  sich  denn  auch  am  einfachsten  aus  diesem  seinem  Wesen  ent- 
wickeln und  verstehen,  wie  auch  die  reiche  Fülle  seiner  Eultnamen  ihn  als 
Sonnengott  preist.  Was  den  Namen  selbst  betrifft,  so  schliefse  ich  mich 
Corssen  Beitr.  z.  ital  Sprachk.  850  ff.  an,  welcher  lanus  =>  Dianus  fafst 
(vgl  Io?is  s>  Diovis,  lutuma  =»  Diuturna) :  und  dementsprechend  hat  Preller 

1,  166  ff.  den  Begriff  des  Gottes  entwickelt  und  dargelegt.  Ich  kann  mich 
aber  nicht  davon  überzeugen,  dafs  Janus  ein  rein  italischer  resp.  römischer 
Gott  ist,  wie  Mommsen  B.  Münzw.  185  Anm.  53  sagt^  womit  auch  Jordan 
bei  Preller  1,  166  übereinstimmt:  sondern  fasse  ihn  als  von  etruskischen 
Anscbannngen  in  hohem  MaDse   beeinflnfst.    Die  Ansicht  Müllers  (Etrusker 

2,  58  f.),  dafs  in  Janus  zwei  verschiedene  Gottheiten  vereinigt  sind,  halte 


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—     184     — 

göttin  ^)  zu  sehen  haben ;  die  enge  Verbindung  der  beiden  ist  daher 
eine  durchaus  natürliche:  es  sind  die  beiden  Lichtgötter  des  Tages 
und  der  Nacht,  die  hier  zusammentreten  zur  engen  Gemeinschaft 
unter  sich,  wie  zum  Schutze  derjenigen  Gemeinden,  die  sich 
ihrem  besonderen  Dienste  geweiht  haben.    Müssen  wir  schon  aus 


ich  insoweit  ffir  sehr  glaubwürdig,  dafs  ein  tuskiscber  Sonnengott  mit  ähn- 
lichen Vorstellungen,  wie  sie  jetzt  der  römische  Janus  bietet,  in  Rom  ein- 
gebürgert nnd  hier  in  eine  latinische  Namensform  umgeändert  ist,  wie  wir 
ein  ähnliches  Übersetzen  fremder  Kulte  und  Kultnamen  in  latinische  noch 
wiederholt  kennen  lernen  werden.  Jedenfalls  i^t  aber  dieser  latinische  Gott, 
in  den  der  tuskische  übergegangen  ist,  nicht  mit  Müller  als  ein  „Thüren**- 
gott  oder  mit.  Deecke  Etr.  Forsch.  2,  34—44  der  Janus  überhaupt  als 
„Bogen**  „Gewölbe"  zu  fassen,  der  ursprünglich  auf  das  Himmelsgewölbe 
bezogen,  mit  der  Kunst  des  Bogenbaus  nach  Rom  wanderte  und  hier  zam 
Gott  der  Bögen  selbst  wurde:  Janus  ist  im  Gegenteil,  wie  oben  gesagt, 
sowohl  seinem  Wesen,  wie  seinem  latinischen  Namen  nach  „Sonnengott". 
Es  ist  kein  Zufall,  dafs  lanus  auf  dem  Gebiete  der  palatinischen  Gemeinden 
nicht  nachweisbar  ist,  sondern  dals  er  einmal  den  esquilinischen,  anderseits 
den  kapitolinischen  Gemeinden  (vgl.  Kap.  5)  eigen  ist,  die  meiner  Ansicht 
nach  schon  beide  die  Spuren  fremder  Einwirkungen  an  sich  tragen.  Janus 
und  Mars  sind  beide  Sonnengötter:  nnd  schon  dieser  Dualismus  zwingt  uns, 
beide  auf  verschiedene  Stämme  oder  Gemeinden  zurückzuführen,  da  wir 
doch  nicht  denselben  Gemeinden  zwei  Sonnengötter  zuschreiben  können. 
Was  die  Verbindung  des  Janus  mit  den  ianuae,  ianus  betrifft,  so  sehe  ich 
dieselbe,  wenn  auch  nicht  als  Zufall,  so  doch  als  erst  nachträglich  auf- 
gebracht und  herausgefunden  an:  ich  schliefse  mich  Jordan  an,  welcher 
1,  168  Anm.  sagt:  „man  mnfs  sich  hüten  vorschnell  den  Zusammenhang^ 
dieser  Wörter  mit  der  indogermanischen  Wurzel,  welche  Licht  (Himmel) 
bedeutet,  zu  leugnen";  aber  es  ist  doch  in  erster  Linie  die  erfinderische 
Kombination  der  Römer  gewesen,  welche  diese  Verbindung  zwischen  dem 
Dianus  «=  lanus  mit  den  Bogen  und  Thoren  —  eben  wegen  der  Namena- 
übereinstimmung  beider  —  so  eng  geknüpft  hat 

1)  Von  keiner  Gottheit  kennen  wir  mit  so  positiver  Gewilsheit  ihr 
ursprüngliches  Wesen,  wie  von  Juno.  Denn  ans  den  Angaben  des  Varro 
6,  27  primi  dies  mensium  nominati  Calendae  ab  eo  quod  bis  diebus  calan- 
tur  eins  mensis  Nonae  a  pontificibus  quintanae  an  septimanae  sint  fntnrae 
in  Capitolio  in  Curia  Calabra  sie :  dies  te  quinque  calo  Inno  Covella.  Septem 
dies  te  calo  Inno  Covella,  sowie  des  Macrobius  1,  15,  10  pontifex  —  quot 
numero  dies  a  Kalendis  ad  Nonas  superessent  pronuntiabat  et  quintanas 
quidem  dicto  quinquies  verbo  xaZco,  septimanas  repetito  septies  praedicat  — 
ersehen  wir,  dafs  Juno  selbst  in  dem  ersten  Drittel  oder  Viertel  des  Mond- 
laufs  als  Covella,  als  „hohle"  angerufen  wurde,  dals  sie  demnach  hier  noch 
durchaus  mit  dem  Monde  selbst  identifiziert  wurde,  und  aus  diesem  ihrem 
Wesen  als  „Mondgöttin"  lassen  sich  alle  ihre  Beziehungen  am  natürlichsten 
entwickeln  und  verstehen. 


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—     185     — 

dieser  ihrer  Stellung  an  dem  einzigen  Thore  der  gemeinsamen 
Burg  den  Schlufs  ziehen^  dafä  sie  auch  den  gemeinsamen  Kult 
der  drei  Sondergemeinden  des  Esquilinus  bildeten^  so  tritt  uns 
dieses  noch  deutlicher  aus  den  Bei-  und  Eultnamen  entgegen, 
unter  denen  Janus  einer-  und  Ji»no  anderseits  verehrt  wurde. 
Denn  der  Name  Curiatius  ^),  der  dem  Janus  gerade  in  dieser  seiner 
Stellung  am  esquilinischen  Burgthore  zukam ,  läfst  nur  die  Deu- 
tong  auf  die  Curiae  zu:  und  wir  ersehen  daraus,  dafs  die  esqui- 
linischen Gemeinden,  ebenso  wie  die  palatinischen,  als  Kurien  zu  dem 
sie  gemeinsam  bindenden  Vereine  zusammen  getreten  waren;  dafs 
sie  demnach  als  Kurien  in  dem  Städtebunde  weiter  lebten  und  dafs 
dieselbe  Kurienverfassung  wie  die  palatinische  so  die  esquilinische 
Stadt  beherrschte.  Denn  Curiatius  ist  der  spezielle  „Kuriengott"*) 
und  die  zu  seinem  Kulte  vereinigten  Gemeinden  müssen  demnach 
auch  wirklich  als  Kurien  dem  Bunde  angehört  haben.  Und  in 
dieser  Verbindung  läfst  auch  die  Inno  sororia,  deren  Beziehung 
zu  den  Kurien  allgemein  bekannt  ist,  sich  am  natürlichsten  als 
die  allen  drei  Kurien  gemeinsam  verehrte  auffassen'):  die  Juno, 
wie  sie  von  der  einen  wie  von  der  andern  Sondergemeinde  ver- 
ehrt wurde,  galt  als  die  nah  verwandte,  die  schwesterliche.  Die 
enge  natürliche  wie  geschichtliche  Verbindung  dieser  beiden  Gott- 
heiten hat  sich  aber  darin  erhalten,  dafs  beider  spezieller  Fest- 
tag der  erste  jedes  Monats   geblieben  ist*),   an  dem  die  Mond- 


1)  Curiatii  und  Qnirites  mögen  als  zwei  verschiedene  Formen  eines 
Worts  aa^faist  werden,  die  am  einfachsten  auf  zwei  verschiedene  Stämme 
xorückgeführt  werden:  jene  gehört  dem  Esquilin,  diese  dem  Palatin.  Der 
lanos  Curiatius  am  clivus  Urbius  heifst  dementsprechend  auch  am  Forum 
I^Qs  Qnirinas.  Macrob.  1,  9,  16.  Jedenfalls  steht  meiner  Ansicht  nach  der 
enge  innere  Zusammenhang  des  Namens  Curiatius  mit  den  Curiae  fest. 

2)  Insofern  bietet^  sich  die  Vergleichung  des  Janus  Curiatius  mit  dem 
Man  Quirinus  von  selbst  dar:  was  der  letztere  für  die  palatinische,  war 
der  erstere  fiir  die  esquilinische  Stadt,  der  eigentliche  Schutz-  und  Bundes- 
gott der  Kurien. 

3)  Man  könnte  sonst  auch  daran  denken,  das  sororia  in  spezielle  Be- 
Ziehung  zu  dem  Janus  zu  bringen  und  in  Juno  die  Schwester  des  Janus 
za  sehen. 

4)  Vgl.  Macrob.  1,  9,  16  lanum  —  Innonium  quasi  non  solum  mensis 
Unoarii  sed  mensium  omnium  ingressus  tenentem;  in  dicione  autem  luno- 
nig  sunt  omnes  Ealendae,  unde  et  Varro  libro  quinto  rerum  divinarum 
Kribit  lano  duodecim  aras  pro  totidem  mensibus  dedicatas.  Fronteius  bei 
Lydns  de  mens.  4,  2  i<poQOv  avtov  (sei.  lanum)  otstoci  tov  navtos  ^jr^ovov 
ny%avHv  %al  xavfiß  dcaSiiidßmitov  slvat  tov  ccvtov  vuov  uar«  tov  tmv  (itj- 


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-     186     - 

gottiü  in  einer  neuen  Erscheinungsform  zu  neuem  Leben  sich 
offenbarte,  der  nun  auch  der  Sonnengott  in  gleicher  Thätigkeit 
zur  Seite  trat 

Glaube  ich  so  das  Wechselverhältnis  der  drei  Solidergemein- 
den des  Esquilinus  zu  einander  seinen  Hauptzügen  nach  erkennen 
und  verfolgen  zu  können,  so  liegt  es  uns  jetzt  ob,  den  Beziehun- 
gen weiter  nachzugehen,  in  die  sie  mit  den  Gemeinden  des  Pa- 
latin  getreten  sind. 

War  der  cJivus  Ürbius  der  einzige  Weg,  welcher  von  der 
esquilinischen  Stadt  zu  Thal  führte,  so  hat  sich  die  Verbindung 
dieser  mit  den  palatinischen  Gemeinden  auch  nur  auf  diesem 
Wege  vermitteln  lassen^):  und  es  kommt  daher  zunächst  darauf 
an,  die  Richtung  des  clivus  ürbius  selbst  festzustellen. 

Wir  haben  hierfür  eine  ganz  sichere  und  positive  Angabe 
in  den  Worten  des  Macrobius,  welcher  von  der  porta  lanualis 
sagt:  quae  sub  radicibus  coUis  Viminalis  erat.*)  Wir  ersehen 
daraus,  dafs  der  clivus  ürbius  nach  N.  oder  NW.  zu  mündete 
und  nichts  hindert  uns  anzunehmen,  dafs  dieser  Niedergang  sich 
da  befand,  wo  noch  heute  ein  höchst  pittoresker  Weg  von   der 


voiv  dgi/^fiov.  Über  Juno  und  ihren  Kult  an  den  ersten  Monatstagen  vgl. 
hemacb.  Ihre  spezielle  Verehrung  am  ersten  jedes  Mondmonats  ist  eine 
selbstverständliche,  absolut  notwendige,  solange  ihre  Auffassung  als  Mond- 
göttin noch  eine  klar  hewufste  war:  später  ibt  dieser  ihr  spezieller  Kult 
an  den  Calendae  haften  geblieben,  auch  nachdem  die  Monate  sich  von  den 
Mondläufen  selbst  unabhängig  gestellt  hatten.  Die  enge  natürliche  und 
kultliche  Verbindung  zwischen  Sonne  und  Mond,  Janus  und  Juno,  hat  aber 
hewirkt,  dafs  auch  der  Kult  des  ersteren  nach  denselben  Anschauungen  und 
sakralen  Riten  fixiert  worden  ist,  wie  derjenige  der  Juno. 

1)  Damit  ist  nicht  gesagt,  dals  nicht  von  der  Höhe  des  Fagutal,  dem 
Südabhange  des  südlichen  Höhenzuges  des  Esquilinus,  stets  ein  Verbindungs- 
weg in  das  Thal  zwischen  Caelius  und  Esquilinus  ^erabgeführt  hat:  aber 
von  der  Stadt  des  Esquilin  hat  der  clivus  Ürbius  die  einzige  Verbindung 
mit  dem  Thal  vermittelt,  wie  er  auch  der  einzige  Fahrweg  des  Esquilinus 
in  ältester  Zeit  gewesen  ist 

2)  A.  0.  17.  „Man  nennt  Viminal  jetzt  vorzugsweise  die  scharf  ins 
Thal  vorspringende  Spitze,  welche  die  Kirche  S.  Lorenzo  Panisperna  trägt^' : 
Jordan  2,  132.  Damit  ist  aber  keineswegs  gesagt,  dafs  das  Thor  selbst 
gerade  auf  diesen  Punkt  von  Haus  aus  orientiert  war:  dasselbe  konnte  sich 
vielmehr  sehr  wohl  weiter  gegen  NW.  zukehren  resp.  in  der  aus  dem  Thore 
sich  fortsetzenden  Strafse  nach  dieser  Richtung  sich  wenden.  Das  Thor 
blieb  dennoch  sub  radicibus  collis  Viminalis,  auch  wenn  die  HauptstraTse 
von  ihm  aus  auf  den  Quiiinalis  zu  lief:  denn  der  Viminalis  war  eben  der 
am  unmittelbarsten  und  nächsten  über  dem  Thcre  selbst  sich  erhebende  Hügel. 


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~     187     — 

Kirche  S,  Pietro  in  Vincoli  zur  Kirche  S.  Francesco  di  Paola 
und  in  die  Subura  hinab  führt  Der  clivus  Urbias  mündete  also 
keineswegs  direkt  auf  den  Palatin  zu,  sondern  in  das  Subura 
genannte  Thal^  an  welchem  auch  heute  noch  der  alte  Name 
haftet 

Von  dem  clivus  ürbius  selbst  —  in  seinem  Endpunkte,  dem 
tigUlum  sororium  oder  der  porta  lanualis  —  laufen  nun  ver- 
schiedene StraCsen  aus,  deren  Richtung  zu  bestimmen  mit  grofsen 
Schwierigkeiten  verbunden  ist  Und  zwar  sind  es  zwei  verschie- 
dene Strassen  resp.  Namen,  die  unmittelbar  mit  dem  clivus  ür- 
bins  verbunden  werden:  der  vicus  Cyprius  und  der  vicus  scele- 
ratos.  Was  zunächst  den  ersteren  betriflft,  so  sagt  Dionys^)  be- 
stimmt, dals  der  clivus  Urbius  direkt  in  denselben  einmündete, 
sodafs  die  Deutung  seiner  Worte,  der  vicus  Cyprius  setze  in 
gerader  Linie  die  Richtung  des  clivus  Urbius  fort,  sich  von  selbst 
ergiebt:  wir  haben  demnach  anzunehmen,  dafs  der  vicus  Cyprius 
Ton  dem  tigillum  sororium  aus  d.  h.  von  der  porta  lanualis, 
welche  den  clivus  Urbius  unten  abschlofs,  unter  dem  Viminalis 
her  auf  den  Quirinalis  zu  lief.*) 

Schwieriger  ist  die  Bestimmung  des  vicus  sceleratus,  welcher 
besonders  in  den  an  die  Ermordung  des  Servius  TuUiuB  sich 
knüpfenden  Erzählungen  erwähnt  wird.^)     Livius  berichtet,  dafs 


1)  3,  22  iv  tm  atevoonm  tm  tpiqovtt  ano  KuQ^vrjg  natm  totg  inl  tov 
Kv%Qiop  l^xo^tivoig  atspcauov.  Der  Cyprius  vicus  wird  noch  in  der  sogleich 
za  erwähnenden  Stelle  bei  Liv.  1,  48  genannt,  wo  Tullia  ad  snmmum  Cy- 
prium  yicom  kommt,  von  wo  sie  rechts  zum  clivus  ürbius  abbog  (flectenti  car- 
penkm  deztra  in  Urbium  clivum).  Endlich  von  Varro  1.  1.  5,  169  wo  es 
heilst:  Exqailifl  vicus  Africus  quod  ibi  obsides  ex  Africa  hello  Punico  dican- 
tar  costodiii.  Vicus  Cyprins  a  cypro  quod  ibi  Sabini  cives  additi  conse- 
deront  qui  a  bono  omine  id  appellarunt;  nam  cyprum  Sabine  bonum.  Prope 
Inmc  vicus  Sceleratus,  dictas  a  Tullia  Tarqnini  Superbi  uxore,  quod  ibi 
qnom  iaceret  pater  occisus,  supra  eum  carpentum  mulio  ut  inigeret  iussit. 
Ich  zweifle  nicht,  dafs  auf  alle  drei  hier  genannten  vici  (Africus,  Cyprius, 
sceleratus)  die  n&here  Bezeichnung  Exquilis  sich  bezieht:  daraus  geht  her- 
▼or,  dals  der  vicus  Cyprius  unmittelbar  unter  dem  clivus  ürbius  —  von 
dem  tigillum  sororium  aus  —  begann. 

2)  Die  heutige  Via  de'  Serpenti  mag  etwa  seiner  Richtung  nach  dem 
^teo  vicus  Cyprius  entsprechen. 

8)  Wenn  ich  hier  von  der  Ermordung  des  Servius  Tullius  spreche,  so 
üt  damit  natürlich  nicht  gesagt,  dafs  ich  dieselbe  als  ein  wirklich  histo- 
naches  Faktum  betrachte.  Aber  die  lokalen  Voraussetzungen  dieses  Ereig- 
Duies  sind  unabhängig  von  der  Beurteilung  dieses  selbst:  und  wir  haben 


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—     188     — 

der  König,  als  er  von  der  curia  Hostilia  zu  seiner  Wohnung  auf 
dem  Esquilin  fuhr,  gerade  in  dem  Augenblicke  ermordet  wurde, 
als  er  rechts  umwendend  in  den  clivus  Urbius  einbog.^)  Eben 
dieselbe  Stelle  aber,  die  auf  die  angegebene  Weise  genau  gekenn- 
zeichnet wird,  heifst  zugleich  sowohl  summus  Cyprius  vicus  wie 
vicus  sceleratus:  und  diese  hier  von  Livius  gemachten,  von  ver- 
schiedenen andern  Schriftstellern  bestätigten  Angaben*)  tragen 
so  sehr  das  Gepräge  der  Lokalkenntnis  und  Autopsie,  dafs  kein 
Zweifel  gestattet  ist,  dieselben  seien  den  thatsächlichen  Verhält- 
nissen, d.  h.  der  Ortlichkeit  selbst,  nicht  entsprechend.  Meiner 
Ansicht  nach  lassen  sich  dieselben  nur  so  verstehen  und  erklären. 


daher  die  Erwäbnangen  der  eiazelnen  LokalitäteD,  mit  denen  die  Sage  jenen 
Mord  in  Verbindung  brachte,  in  der  That  als  Angaben  aofeufassen,  die  den 
thateächlichen  topographischen  Verhältnissen  der  bezüglichen  Gegend  ent- 
sprechen. 

1)  Livius  berichtet  1,  48  von  Servius  Tullius:  cum  domum  se  reciperet, 
ab  üs  qui  missi  ab  Tarquinio  fiigientem  consecuti  erant,  interficitur.  Worauf 
es  weiter  von  der  Tullia  heifbt:  cum  se  domum  reciperet,  pervenissetqae 
ad  summum  Cyprium  vicum ,  nbi  Dianium  nupcr  fuit,  flectenti  carpentam 
dextra  in  ürbium  clivum,  ut  in  coUem  Esquiliarium  eveheretur,  resütit  pa- 
vidus  atque  inhibuit  frenos  is  qui  iumenta  agebat,  iacentemque  dominae 
Servium  trucidatum  ostendit.  foedum  inhumanumque  inde  traditur  scelas 
monumentoque  locus  est:  Sceleratum  vicum  vocant  quo  amens  agitantibus 
furiis  sororis  ac  viri  Tullia  per  patris  corpus  carpentum  egisse  fertur.  Offen- 
bar war  also  der  Ort,  wo  der  Wagen  der  heimkehrenden  Tulfia  den  Leich- 
nam des  Vaters  überfuhr,  derselbe,  an  dem  der  letztere  auch  ermordet  war. 

2)  Vgl.  Dion.  4,  22  62  tdxu  noXXm  r^v  iiszu^v  diavvaccvtsg  odov  iyyvg 
5vra  Tfig  olniag  rjdrj  tov  TvXXiov  navalaßovzss  ^cctioq)a^av,  —  insvov  dh 
ovtog  7CCCVV  tov  ctBvoanov,  Si'  ov  triv  dnipfrjv  iÖsi  disld'srv^  at  rniiovoi  %b 
mmfia  lÖovaai  8i,Bxaqa%9^attv  etc.  Ovid.  Fast.  6,  601  ff. 

ipse  sub  Esquiliis  ubi  erat  sua  regia  caesus 

concidit  in  dura  sanguinulentus  humo 

Filia  carpento  patrios  initura  penates 

ibat  per  medias  alta  feroxque  vias. 

corpus  ut  aspexit  lacrimis  auriga  profusis 

restitit.  hunc  tali  corripit  illa  sono: 

„vadis  an  expectas  pretinm  pietatis  amarum? 

duc,  inquam,  invitas  ipsa  per  ora  rotas". 

Certa  fides  facti:  dictus  sceleratus  ab  illa 

vicus  et  aetema  res  ea  pressa  nota. 
Fest.  p.  333  f. :  Sceleratus  vi(cus  appellatur)  quod  cum  Tarquinius  Superbas 
interfici(endum   cura8)8et  Ser.  Tullium  regem  soce(rum  suum,  corpus  eins 
iacens  filia  carp)ento  supervectast  pro(perans  in  posscssionem)  domus  pa- 
ternae. 


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-     189     — 

dais  Senrius  Tullius  nicht  auf  dem  vicus  Cyprius  selbst  fuhr, 
sondern  dals  er  auf  einer  mehr  nach  Süden  zu  laufenden^  von 
S.  resp.  SW.  her  kommenden  Strafte  zum  clivus  ürbius  eilte  ^):  die 
Angabe^  er  habe  den  summus  Cyprius  vicus  berührt,  kann  also 
nur  so  verstanden  werden,  dafs  er  den  Cyprius  vicus  kreuzte; 
der  Weg,  auf  dem  der  Eonig  fuhr,  mündete  eben  in  den  Cyprius 
vicus  und  zwar  an  der  Stelle  ein,  wo  derselbe  summus  war.  Die 
weitere  Angabe,  der  Wagen  habe  hier  rechts  abgebogen,  ist  also 
Tollig  richtig:  denn  indem  er  von  S.  oder  SW.  her  in  den  sum- 
mus Cyprius  vicus  einmündete,  mufste  er  zugleich,  um  wieder  in 


1)  Servias  Tullius  kam  von  der  curia  Hostilia:  vgl.  Liv.  a.  0.  Da 
dieselbe  auf  dem  Gomitinm  lag,  welches  letztere  wieder  unmittelbar  an  die 
Sacra  Via  grenzte,  so  liegt  zunächst  die  Annahme  nahe,  der  König  sei  auf 
der  Sacra  Via  gefahren,  die  ihn  —  wie  wir  Kap.  6  sehen  werden  —  zum 
Titosbogen,  von  hier  zur  Meta  sudaus  (um  bekannte  moderne  Lokale  zu 
neimeD)  und  von  hier  ziemlich  in  rechtem  Winkel  abbiegend  unter  die  West- 
kappe des  Esquilin,  also  zum  clivus  Urbius  selbst  führte.  Wie  weit  die 
Sacra  Via  hier  ging,  wissen  wir  nicht:  wir  wissen  nur,  dafs  sie  bis  unter 
die  Abhänge  des'  Esquilin  führte.  Setzte  sie  sich  nicht  bis  an  das  tigillum 
sororiom  resp.  bis  an  den  den  clivus  Urbius  in  gleicher  Richtung  fortsetzen- 
den vicus  Cyprius  fort,  so  mufs  jedenfalls  von  dem  Endpunkte  der  Sacra 
Via  bis  zu  diesem  Punkte  eine  andere  Verbindungsstrafse  geführt  haben, 
in  der  Servins  Tjdlius  dann  seinen  Weg  fortsetzte,  bis  diese  Strafse  eben 
in  den  CyprioB  vicus  einmündete  (cum  pervenisset  ad  sammum  Cyprium 
Yicam),  um  nun  rechts  abbiegend  den  clivus  Urbius  hinaufzuführen.  Aufser 
der  Sacra  Via  kommt  aber  noch  eine  zweite  Strafte  in  Betracht,  die  Ser- 
yios  Tullius  gefahren  sein  kann.  Über  sie  berichtet  Dionjs.  1,  68  vsms 
(acL  der  Penaten)  iv  ^Pmiirj  dsUvvtai  x^g  ayogäg  ov  nQoao)  nata  t^v  inl 
^^(yag  tpiQovaav  inCxo(Mv  6S6v.  Danach  lief  also  eine  Strafse  —  die 
IHonys  ausdrücklich  als  einen  Richteweg  bezeichnet  —  vom  Forum  in  di- 
rekter Linie  hinter  der  heutigen  Kirche  SS.  Cosma  e  Damiano  (dem  alten 
Penatentempel)  auf  die  Garinae  zu,  der  demnach  gleichfalls  in  seinem  End- 
punkte auf  den  vicus  Cyprius  stoisen  mufste.  Ich  gestehe,  dafs  mir  die 
gröiaere  Wahrscheinlichkeit  dafür  zu  sprechen  scheint,  dafs  die  angeführten 
Berichte  diese  letztere  Strasse  im  Auge  haben:  dieselbe  würde  die  heutigen 
8tra(den  Via  Alessandrina  und  Via  di  Tor  de'  Conti  (etwa  an  dem  Torre 
de*  Conti  selbst  vorübergehend)  geschnitten  haben  und  auf  der  Via  Leo- 
luna  in  den  vicus  Cyprius  eingemündet  sein,  welchen  letzteren  wir  ungef^r 
in  der  Via  de'  Serpenti  gesucht  haben.  Da  Servins  Tullius  nach  Hause 
eilte,  so  mufste  ihm  die  kürzeste  Verbindung  zwischen  Forum  und  Carinae 
—  vgl  die  Worte  des  Dionys:  t^s  ayogäs  ov  ngoam  nccta  vrjv  inl  Kaqivcig 
fi^sav  inito(u>v  oÖov  —  natürlich  die  liebste  sein,  und  es  ist  demnach 
^azonehmen,  dals  auch  die  Sage  selbst  diesen  kürzesten  Weg  der  Darstellung 
de»  Ereignisses  zu  Grunde  legte. 


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-     190     - 

den  clivus  ürbius  zu  gelangen,  rechts  umbiegen.    Alle  diese  An- 
gaben decken  sich  durchaus. 

Es  kann  also  nur  das  eine  in  Frage  kommen,  wo  wir  uns 
den  vicus  sceleratus  zu  denken  haben.  Für  die  Ansetzung  des- 
selben scheint  die  Angabe  des  Dionysius  entscheidend  zu  sein, 
welcher  sagt^):  ovrogo  6tsv(07c6sj  oQßiog  xaXoviisvog  tcqotsqov, 
i^  iyceCvov  xov  ösivov  xal  (ivöagov  nd^ovg  aöefiijs  vno  ^Pmiiaian/ 
xtttä  t^v  TtatQLov  ykAttav  ocaXettm.  Unzweideutiger  wenigstens 
kann  so  leicht  keine  Angabe  sein:  der  früher  s.  g.  clivus  Urbias 
wurde  infolge  der  Blutthat,  die  sich  auf  demselben  vollzogen 
hatte,  später  nicht  mehr  so,  sondern  vicus  sceleratus  genannt. 
In  der  That  halte  ich  diese  auch  von  Livius^)  vollinhaltlich 
bestätigte  Angabe,  dafs  der  früher  clivus  ürbius  genannte  Auf- 
gang später  vicus  sceleratus  genannt  sei,  für  der  Wahrheit  ent- 
sprechend und  nehme  an,  dafs  clivus  Ürbius  später  nur  noch  ein 
antiquarischer  Name  war®),  an  dessen  Stelle  der  andere  Name 
vicus  sceleratus  in  allgemeinen  Gebrauch  gekommen  war.  Wir 
haben  also  die  Berichte  des  Livius  und  Dionysius  dahin  zu  ver- 
stehen, dafs  der  Name  der  Strafse,^auf  der  Servius  TuUius  zum 
Esquilin  fuhr,  überhaupt  nicht  genannt  wird;  dafs  dieselbe  aber 
von  S.  oder   SW.  hergekemmen   sein  mufs,   um  auf  den   vicus 

1)  4,  22. 

2)  Vgl.  dessen  Worte  1,  48:  monamentoqne  locus  est:  sceleratum 
vicum  vocant 

3)  Der  clivus  ürbius  wird  an  den  angeführten  Stellen  bei  Livius  1,  48 
und  Dionysius  4,  S9  (gemeint  ist  derselbe  auch  3,  22)  erw&hnt;  femer  von 
Solinus  1,  26  Servius  Tullius  Esquilinus  supra  clivum  ürbium.  Die  erste- 
ren  beiden  sogen  geradezu,  der  cli?us  ürbius  sei  später  umgenannt;  die 
Angabe  bei  Solin  beweist  keineswegs^  dafs  der  Name  später  noch  in  wirk- 
lichem Gebranch  war.  Die  zerstückelte  Angabe  endlich  bei  Festns  p.  182, 
die  von  Müller  so  ergänzt  wird:  (Orbius  clivus  videtur  appella)tu8  esse  ab 
orbibus.  (Huius  per  flexuosos  orbes  Tulli)a  filia  Ser.  (Tulli  regis  et  cum 
ea  L.  Tarqui)nius  Superbus  ge(ner,  rege  in  Curia  interfecto  propera)verat 
tende(ntes  in  regiae  domus  in  Exquilis  po)88e88ioDem.  coe(perat  autem  hunc 
clivam  rex  Tulliu)s,  quod.pro{nus  erat  ascensus,  per  orbes  in  mODte)m  da- 
cere,  unde  (Orbius  ab  ipsis  bis  orbibus)  appellatua  est  ~,  macht  gleichfalls 
den  Eindruck,  dafs  es  sich  hier  nur  um  antiquarische  Reminisccnzen  han- 
delt. Wollte  man  das  aber  nicht  gelten  lassen,  sondern  im  Gegenteil  an- 
nehmen, der  vicus  sceleratus  sei  eine  von  dem  clivus  ürbius  unabhängige 
Bezeichnung,  so  mufste  man  annehmen,  dafs  diejenige  Strafse,  auf  der  Ser- 
vius Tullius  zu  den  Esquiliae  eilte  und  die,  wie  wir  annahmen,  von  S.  oder 
W.  kommend  in  den  vicus  Cyprius  mündete,  diese  Bezeichnung  —  etwa 
nur  in  ihrem  letzten  Teile  —  erhalten  habe. 


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Cyprius,  und  zwar  an  dessen  End-  und  Höhenpunkte,  wo  der- 
selbe in  den  ciiyus  Urbius  selbst  überging,  einzumünden;  welcher 
letztere  nun  fortan  infolge  der  auf  ihm  geschehenen  Blutthat 
Ticas  sceleratus  genannt  wurde.  ^) 

Auf  diese  Weise  scheinen  sich  mir  die  auf  den  ersten  Blick 
allerdings  nicht  klaren  Angaben  über  diejenigen  Strafsen,  die  in 
engste  Verbindung  mit  dem  clivus  Urbius  gebracht  werden,  am 
einfachsten  zu  deuten  und  zu  verstehen.  Haben  wir,  wie  be- 
merkt, an  der  Angabe  des  Macrobius  über  die  porta  lanualis, 
da&  sie  sub  radicibus  coUis  Viminalis  lag,  einen  festen  Halt  für 
die  Fixierung  derselben,  so  läfst  sich  im  allgemeinen  wenigstens 
an  der  Richtung  der  porta  selbst  und  der  von  ihr  ausgehenden 
resp.  in  sie  einmündenden  Strafsen  nicht  zweifeln. 

Jedenfalls,  das  kann  als  sicher  betrachtet  werden^  lief  der 
cHyus  Urbius  direkt  in  das  Thal  <|er  Subura  hinab*)  und  damit 
wird  unsere  Aufmerksamkeit  von  selbst  auf  dieses  letztere  ge- 
lenkt. Die  Subura  ist  die  zwischen  die  Ausläufer  des  Esquilinus^ 
Timinalis  und  Quirinalis  eingeschobene  Ebene,  die  aber  als  sie- 
bentes Mitglied  des  Bundes  des  Septimontium  zugleich  als  Mons 
erscheint*)  Diese  Bezeichnung  als  Mons,  die  auf  den  ersten 
Blick  auffallen  mag,   findet  in  dem  Umstände  ihre   Erklärung, 


1)  Zn  erwähnen  ist  hier  noch  einmal  die  Angabe  des  Arvalkalenders 
<•  1.  Okt.:  tigillo  8orori(o)  ad  compitum  Acilium.  Wir  ersehen  eben  dar- 
aog,  da/s  am  tigillum  sororium  ein  Kreuzweg  war,  indem  nach  NW.  der 
▼icQs  Cyprius,  nach  SO.  der  clivus  Urbius  (resp.  vicus  sceleratus),  nach  SW. 
die  i%\  KuQiväs  (piqovaa  inCxo^q  hdog  und  wahrscheinlich  auch  nach  NO. 
eine  Stra&e  Uef. 

2)  Die  direkte  Verbindung  der  Subura  mit  den  Carinae  haben  die  An- 
gaben bei  Festus  p.  309  und  Varro  1.  1.  5,  48  zur  Voraussetzung.  Dort 
heifit  68:  Suburam  Verrius  alio  libro  a  pago  Succusano  dictam  ait:  hoc 
vero  maxime  probat  eomm  auctoritate,  qui  aiunt,  ita  appellatam  et  regio- 
nem  urbis  et  tribum  a  stativo  praesidio,  quod  solitum  sit  succurrere  Ezqui- 
His,  infestantibus  eam  partem  Gabinis.  indicioque  esse  quod  adhuc  ea  tri- 
bos  per  C  literam,  non  B  scribatur;  und  bei  Varro  a.  0.  Subura  quod  sub 
mnro  terreo  Carinarum  etc.  Subura  lunius  [ecribit  ab  eo  quod  fuerit  sub 
antiqua  Urbe,  quoi  testimonium  potest  esse  quod  subest  ei  loco  qui  Ter- 
reos  mnms  vocatur  (vgl.  hierfiber  oben  S.  170 f.).  Sed  ego  a  pago  potius 
SnccQsano  dictam  puto  Snccusam:  nunc  scribitur  tertia  litera  C  non  B. 
Pagus  Succusanus  quod  snccurrit  Carinis.  Dasselbe  scheint  in  der  zerstückel- 
^n  Angabe  bei  Festus  p.  302  ausgesprochen  gewesen  zu  sein.  Ober  die 
Form  des  Namens  Subura  vgl.  noch  Quintil!  1,  7. 

3)  Vgl.  die  oben  S.  38  angeführte  Stelle  des  Festus  pag.  348. 


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dafs  die  Bevölkerung  der  Ebene,  die  wir  uns  in  der  ältesten  Zeit 
gleichfalls  als  eine  Sondergemeinde,  ein  Einzeldorf  zu  denken 
haben,  an  die  Vorhöhen  des  Yiminalis  und  Quirinalis  sieh  an- 
gelehnt und  hier  ihre  eigene  Schutzstatte  gefunden  hatte.  ^)  Mar- 
tialis  erwähnt*)  noch  den  Suburanus  clivus  und  die  Kirche 
S.  Agata  alla  Suburra  weist  noch  heute  auf  die  Hohe,  welche 
die  Auiiiahme  der  Subura  unter  die  Montes  veranlafst  hat.  Die 
Subura  maior^)  darf  als  die  eigentliche  Ebene  gefafst  werden. 


1)  Die  Subura  erscheint  als  Mons  (Festus  p.  348);  als  regio  (was  hier 
wohl  allgemein  als  „Gegend*^  zu  fassen  ist)  Festus  p.  309;  als  tribus  (d.  i. 
die  seirianische  tribus  Suburana)  Fest.  a.  0.;  endlich  als  pagus  Succusanas 
Fest.  a.  0.,  p.  302  und  Varro  a.  0.  Auf  den  pagus  Succusanus  sowie  auf 
die  tribus  Suburana  wird  zurückzukommen  sein. 

2)  5,  22,  5  alta  Suburani  vincenda  est  semita  cHyI.  10,  19  altum  vin- 
cere  tramitem  Suburae. 

3)  Vgl.  die  Inschr.  Orelli  n.^8  in  Sebura  (m)aiore  und  SchoL  Cruq. 
z.  Hör.  Sat.  1,  6,  113  vespertinum  hie  forum  dicitur  aut  Subura  maior,  in 
qua  vesperi  res  furtivae  vendebantur,  aut  minus  frequens  forum.  Auf  dieser 
Ebene  der  Subura  befand  sich  auch  das  Velabrum,  welches  man  später  als 
minus  von  dem  Hauptvelabrnm  im  W.  des  Palatinus  (vgl.  oben  S.  69  f.) 
unterschied.  Über  dieses  Velabrum  vgl.  Yarro  1.  1.  5,  156  Lautolae  a  la> 
yando  quod  ibi  ad  lanum  Geminum  aquae  caldae  fuerunt.  Ab  bis  palus 
fuit  in  minore  Velabro  a  quo  quod  ibi  vehebantur  lintribus  Velabrum  ut 
iUud  maius  de  quo  supra  dictum  est.  Die  aquae  caldae  erscheinen  bei 
Macrobius  a.  0.  gleichfalls  in  der  Form  der  Sage:  fertur  ex  uede  lani  — 
magnam  vim  torrentium  undis  scatentibus  erupisse.  Der  lanus  Geminus  bei 
Varro  a.  0.  kann  also  nur  der  lanus  Cudatius  unter  dem  tigillum  sororium 
sein,  und  wir  ersehen  aus  diesen  Angaben,^ dafs  das  Velabrum  (minus)  sich 
unmittelbar  unter  dem  tigillum  sororium  befand  und  jedenfalls  an  dieses 
selbst  angrenzte.  Darauf  beziehen  sich  auch  die  Worte  bei  Scrvius  A.  8, 
363  betreffs  der  Carinae:  alii  quod  Bomani  Sabinis  instantibus  fugientes, 
eruptione  aquae  ferventis  et  ipsi  liberati  et  hostes  ab  insequendo  represai. 
Dafs  die  Subura  auch  noch  in  der  Kaiserzeit  feucht  war,  wenn  auch  die 
aquae  caldae  wohl  schon  verschwunden  waren,  scheint  auch  Martialis  6, 
22,  6 f.  mit  den  Worten  anzudeuten: 

alta  Suburani  vincenda  est  semita  clivi 

et  nuraquam  sicco  sordida  saxa  gradu. 
Wenn  ich  übrigens  oben  bemerkt  habe,  dafs  der  summus  Cyprias  vicus  gerade 
vor  der  porta  lanualis  gemündet  habe,  so  widerspricht  das  nicht  dem  eben 
über  die  Feuchtigkeit  der  Subura  Gesagten :  der  vicus  Cyprius  durchschnitt, 
wie  ich  annehme,  die  Subura  selbst  und  stieg  aus  der  Tiefe  derselben  bis 
zum  tigillum  sororium  hinan,  wo  er  eben  summus  war.  Damit  ist  nicht 
ausgeschlossen,  dafs  die  Feuchtigkeit  der  Subura  sich  bis  zu  diesem  relativ 
hohen  Punkt  erstreckte,  wenn  wir  auch  das  eigentliche  Velabrum  selbst 
mehr  in  die  Tiefe  hinabrücken  müssen. 


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—     193    — 

wahrend  in  der  von  Appian^)  angeführten  UvßovQQU  oSog  die 
in  das  Zwischenthal  des  Oppius  und  Cispius  sich  vorschiebende 
Enge  wieder  zu  erkennen  ist,  die  durch  den  Namen  Suburra  gleich- 
falls den  alten  Namen  bis  auf  die  Gegenwart  fortgepflanzt  und 
erhalten  hat. 

Darf  mau  daher  die  Lage  der  alten  Subura^  wie  wir  sie 
eben  fixiert  haben,  als  durchaus  sicher  betrachten,  wie  auch  ihre 
Bezeichnung  als  Mons  yerständlich  ist:  so  findet  auch  ihre  Auf- 
nahme unter  die  übrigen  sechs  Mitglieder  des  Septimontiumbun- 
des  in  ihrer  Lage  selbst  ihre  Erklärung.  Denn  auf  der  einen 
Seite  an  den  Esquilinus,  auf  der  andern  Seite  an  die  Velia  — 
die  Gemeinde  der  palatinischen  Stadt  —  grenzend,  ist  die  Ge- 
meinde der  Subura  gleichmäisig  auf  beide,  die  esquilinische  und 
die  palatinische  Stadt,  angewiesen  gewesen  und  ihr  Anschlufs  an 
beide  hat  eben  zur  Stiftung  des  Bundes  der  sieben  Montes  geführt. 

Wir  können  nicht  erkennen,  ob  die  Subura  neben  dem  Kreise 
der  palatinischen  und  demjenigen  der  esquilinischen  Gemeinden 
einen  Kreis  für  sich  gebildet^);  oder  ob  sie  einen  näheren  An- 
schlufe  an  einen  dieser  beiden  grölaeren  Kreise  erstrebt  und  ge- 
fanden hat.  Mir  ist  das  wahrscheinlichste,  dafs  sie,  sei  es  frei- 
willig, sei  es  gezwungen,  der  palatinischen  Stadt  als  viertes  Mitglied 
und  zugleich  als  vierter  Kurienbezirk  ^)  sich  angeschlossen  hatte, 
80  da&  die  vier  Gemeinden  des  Palatinus  und  die  drei  Gemein- 
den des  Esquilinus  einen  Kreis  von  sieben  Montes  und  zugleich 
Ton  sieben  Kurien  bildeten,  die  sich  um  zwei  Mittelpunkte,  zwei 
Bargen,  zusammenschlössen.  Ob  resp.  welche  Kultstätte  die 
Sabara  einst  als  Sondergemeinde  und  später  als  Kurienbezirk  ge- 
habt hat,  ist  gleichfalls  unbestimmbar:  es  ist  nicht  unmöglich, 
dafs  dieses  ein  Heiligtum  der  Tellus  war*),  doch  kann  mit  Sicher- 
heit hierüber  nichts  gesagt  werden. 

1)  De.  b.  c.  1,  58  6  2vlXag  —  itSQovg  xccvä  ti^v  nctXovfiivriv  UvßovQ- 
9^9  odop  negiinifinsv, 

2)  Man  könnte  für  diese  Annahme  in  ihrer  Bezeichnung  als  pagus 
(▼gl  Festns  und  Yarro  aa.  00.)  einen  Beweis  finden  wollen,  da  pagus  — 
wie  ich  denselben  auffasse  —  schon  eine  höhere  Organisation  ist,  als  das 
l^orf;  wahrscheinlich  ist  aber  der  pagus  Succusanus  nur  eine  andere  Be- 
zeichnung der  tribus  Subnrana  und  bezieht  sich  auf  ihre  Organisation 
innerhalb  des  Stadtverbandes:  vgl.  darüber  Eap.  8. 

3)  Ich  beziehe  auf  die  Subura  den  vierten  Namen  der  Curiae  veteres 
Bapta:  vgl.  darüber  später. 

4)  Da  die  Lage   des  Tellustempels  ein  bedeutendes  topographisches 

Gilbert,  Gesch.  n.  Topogr.  Borns.  13 

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194     - 


Wenden  wir  uns  nnn  zu  dem  Wechselverhaltnis  selbst,   in 
dem   wir  die  esquilinisehe    Stadt   einer-,   die  palatinische  Stadt 


Interesse  hat,  so  mag  dieselbe  gleich  hier  erörtert  werden.  Der  Tempel 
wird  näher  bestimmt  als  in  Carinis:  vgl.  Suet.  de  ill.  gr.  15  docait  in  Ca> 
rinis  ad  Telluris  aedem.  Serv.  Aen.  8,  361  Carinae  sunt  aedificia  —  quae 
erant  circa  templnm  Telluris.  Man  ersieht  daraus,  dals  er  im  Bereiche  der 
Carinae  lag;  denn  dals  er  nicht  auf  diesen  selbst  lag,  zeigt  Dion.  8,  79, 
wonach  er  icara  xriv  inl  Kagivag  (pSQOvaav  böov  angegeben  wird.  Diese 
odog  ist  sehr  wahrscheinlich  der  vicus  Cyprius,  der  nach  Dion.  3,  22  direkt 
auf  den  clivus  ürbins  zulief  Man  darf  zur  Erklärung  des  Ausdrucks  in 
Carinis  mit  voller  Sicherheit  annehmen,  dals  derselbe  im  Laufe  der  Zeit 
überhaupt  die  Bezeichnung  eines  gröfseren  Bezirks  geworden  war,  der  sich 
an  die  Abhänge  des  Esquilin  anschlofs.  Ich  setze  daher  den  Tellustempel 
am  Anfange  des  vicus  Cyprius:  damit  stimmt  die  Angabe  der  Regionarier, 
wonach  er  vom  Kolosseum  aus  jenseits  des  tigillum  sororium  lag,  Oberem 
(Reg.  IV).  Das  Dianium,  dessen  Lage  Livius  1,  48  durch  den  summus  Cy- 
prius vicus  genauer  kennzeichnet,  gehört  meiner  Ansicht  nach  erst  einer 
spätem  Periode  an  (vgl.  Kap.  6)  und  hat  mit  der  ältesten  Gemeinde  der 
Subura  nichts  zu  thun.  Dagegen  darf  man  daran  denken,  aus  dem  Namen 
des  vicus  Cyprius  selbst,  der,  wie  wir  angenommen  haben,  die  Subura  selbst 
durchschnitt,  auf  einen  Kult  zurückzuschliefsen.  Der  vicus  Cyprius  ist,  wie 
Varro  1.  1.  B,  169  sagt,  benannt  a  cypro,  quod  ibi  Sabini  cives  additi  con- 
sederunt,  qui  a  bono  omine  id  appellarunt:  nam  cyprum  Sabini  bonum. 
Dals  das  Wort  cuprus  sabinisch,  ist  ein  Schlufs  des  Sabiners  Varro:  die 
Cubra  mater  der  umbrischen  Inschrift  bei  Fabretti  Supplem.  I  pag.  14  zeigt, 
dafs  das  Wort  keineswegs  spezifisch  sabinisch,  sondern  allgemein  italisch 
war:  und  nichts  hindert  uns  deshalb,  die  Bezeichnung  Cyprius  vicus  schon 
auf  die  ältesten  Bewohner  der  Subura  selbst  zurückzuführen.  Varro  schlols 
daraus,  dafs  der  Cyprius  vicus  auf  den  Quirinalis  —  die  Wohnsitze  der  sa- 
binischen  Gemeinde  —  zulief,  dafs  auch  der  Name  sabinisch  sei.  Dals  die 
Erklärung  des  cuprus  «=  bonus,  wie  wir  sie  bei  Varro  finden,  im  wesent- 
lichen richtig,  ist  nicht  zu  bezweifeln:  denn  wir  kennen  auch  einen  Mars 
Cyprius  (Henzen  5669);  und  dem  steht  nicht  die  ganz  wie  ein  Name  er- 
scheinende umbrische  Göttin  Cupra  entgegen  (Strabo  6,  p.  241),  aus  der 
man  nur  eben  ersieht,  dafs  dieselbe  ebenso  wie  die  Bona  dea  des  Aventin 
aus  einer  appellativischen  Bezeichnung  zum  Nomen  proprium  geworden  war. 
Ich  halte  es  für  nicht  unwahrscheinlich,  dafs  die  später  als  Tellus  hier  ver- 
ehrte Göttin  selbst  als  Cupra  den  Bewohnern  der  Subura  galt  und  dass  nach 
ihrem  sollennen  Kultnamen  die  Hauptstrafse  der  Subura,  der  vicus  Cyprius, 
benannt  worden  ist,,  an  dem  das  Heiligtum  der  Tellus  lag.  Im  Laufe  der 
Zeit  scheint  der  Tellustempel  zur  Bezeichnung  eines  ganzen  Bezirks  ge- 
worden zu  sein:  denn  nur  so  erklärt  es  sich,  dafs  mittelalterlich  sowohl 
die  Kirche  von  S.  Francesco  di  Paola  und  von  S.  Maria  de'  Monti,  wie  die 
von  S.  Salvatore  und  S.  Pantaleone  den  Beinamen  in  tellure  führen.  Vgl. 
Becker  S.  625.  Zu  bemerken  ist  übrigens  noch,  dafs  der  Tempel  der  Tel- 
lus, um  den  es  sich  hier  handelt,  erst  im  J.  270  v.  Chr.  erbaut  worden 


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anderseits  glauben  erkennen  zu  können.  Haben  wir  die  letztere 
früher  von  der  Eurienverfassung  bestimmt  und  beherrscht  kennen 
gelernt^  und  haben  wir  nicht  minder  in  dem  Beinamen  des  lanus 
Cnriatius  eine  Andeutung  dafQr  gefunden,  dafs  auch  die  esqui- 
linische  Stadt  in  gleicher  Weise  organisiert  war,  indem  die  früher 
als  selbständige  Gemeinden  lebenden  Montes  später  als  Kurien 
zu  der  gemeinsamen  Stadt  oder  Burg  hinzugehorten:  so  scheint  für 
die,  beide  Städte  gleicher mafsen  beherrschende  Kurienyerfassung 
Tor  allem  auch  das  Lokal  der  Yeteres  Curiae  zu  sprechen,  wel- 
ches ich  nicht  anstehe,  als  das  Bundeslokal  der  beiden  Stadt- 
kreise aufzufassen. 

Diese  alte  Kultstätte  haben  wir  schon  oben^)  an  der  Sacra 
Via,  an  der  Nordostecke  des  palatinischen  Berges  kennen  gelernt 
Wir  müssen  es  als  einen  der  scjiwersten  Verluste,  den  unsere 
Kenntnis  von  der  ältesten  Stadtgeschichte  Roms  erfahren  hat,  be- 
trachten, dalB  uns  die  Stelle  des  Festus,  welche  von  den  Yeteres 
curiae  bericht-et,  nicht  vollständig  oder  nicht  genau  überliefert 
ist*)  Denn  da  von  sieben  Kurien  die  Rede  ist,  die  sich  weiger- 
ten, das  Lokal  der  Yeteres  curiae  zu  verlassen,  während  nur  vier 
mit  Namen  genannt  werden,  so  ist  klar,  dafs  hier  eine  unaus- 
gleichliche  Differenz  obwaltet.  Man  kann  durchaus  nicht  mit 
Sicherheit  sagen,  wie  wir  uns  diese  Differenz  erklären  wollen.^) 


ist  und  zwar,  wie  es  heÜBt,  an  Stelle  eines  länger  als  200  Jahre  vorher 
niedeigeriseenen  Hansee:  aber,  wie  durchgehend  diese  Baaten  der  repnbli- 
kamschen  Zeit,  wird  der  mit  dem  neuerbanten  Tempel  eingeführte  Enlt 
der  Tellns  sich  an  einen  älteren  eben  derselben  Gegend  angeschlossen  haben. 
Vgl.  über  den  Bau  des  Tellnstempels  selbst  Kap.  9. 

1)  S.  126.  Es  lag  da,  wo  die  ans  dem  Thale  zwischen  Palatin  nnd 
Cftelins  kommende  Prozession  der  Lnperci  die  Sacra  Via  erreichte:  also 
etwa  genan  an  der  heute  noch  vorhandenen  Meta  Sudans. 

2)  Ich  habe  die  Stelle  selbst  S.  102  ihrem  Wortlaut  nach  angefahrt, 
worauf  ich  verweise. 

8)  Man  denkt  zunächst  daran,  dafs  statt  septem  nrsprönglich  geschrie- 
ben sei  quattuor,  so  dals  die  Stelle  —  abgesehen  von  der  FasjBung  des  Ex- 
cerpta  selSst  —  vollständig  erhalten  wäre.  Sodann  bietet  sich  die  Annahme 
dar,  es  seien  drei  Namen  ausgefallen.  Endlich  aber  ist  auch  nicht  ausge- 
Bchlossen,  dafs  Yerrius  in  längerer  Darlegung  berichtet  hatte^  es  hätten  sich 
onprfinglich  sieben  Kurien  geweigert,  in  das  neue  Lokal  überzusiedeln,  nur 
bei  vieren  aber  sei  dieser  Weigerung  Folge  gegeben,  während  die  übrigen 
^  Bchliefslich  doch  ihren  Protest  aufgebend  mit  übersiedelten.  Fdr  welche 
dieser  Annahmen  die  grö&ere  Wahrscheinlichkeit  spricht,  wird  sich  im  Ver- 
laufe unserer  Untersuchung  herausstellen. 

13* 

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-     196     — 

Nur  das  darf  mit  voller  Bestimmtheit  ausgesprochen  werden,  dafs 
das  Lokal  selbst,  um  welches  es  sich  hier  handelt,  eine  nähere 
Beziehung  zu  den  Montes  der  ältesten  Stadtphase  gehabt  haben 
muTs.  Denn  da  wir  von  den  vier  Namen,  die  hier  genannt  wer- 
den, drei  als  identisch  mit  drei  Einzelmontes  kennen  gelernt  haben^ 
so  lälst  sich  nicht  leugnen,  dafs  zwischen  den  Yeteres  curiae  und 
den  Montes  —  sei  es  allen,  sei  es  einem  Teile  derselben  —  eine 
WechselbeziehuDg  obgewaltet  haben  mufs. 

Diesem  Schlüsse  scheint  nun  aber  der  Wortlaut  des  Artikels 
bei  Festus  selbst  bestimmt  zu  widersprechen.  Denn  nach  der 
Darstellung  des  Festus  waren  schon  nach  der  ursprünglichen  An- 
lage und  Bestimmung  des  Lokals  sämtliche  dreifsig  Curiae,  in 
die  später  das  Stadtgebiet  Roms  zerfiel,  in  demselben  vereinigt; 
da  sich  dasselbe  aber  im  Laufe  der  Zeit  als  zu  klein  erwies,  so 
baute  man  an  seiner  statt  die  Novae  Curiae  genannte  Kult- 
statte,  in  welche  nun  aber  nicht  alle  dreifsig  Curiae  aus  dem 
alten  Lokale  übersiedelten,  sondern  vier  oder  sieben  in  diesem 
zurückliefsen.  Diese  Angabe  des  Festusartikels  wird  jetzt  durch- 
gehend auf  guten  Glauben  hingenommen  ^)  und  demnach  das  Ver- 
hältnis der  Kurien  so  verstanden,  dafs  jedes  der  beiden  Lokale 
—  der  Veteres  wie  der  Novae  Curiae  —  in  dreifsig  Säle  zer- 
fiel, in  deren  jedem  einzelnen  je  eine  Kurie  ihren  Kult  ausübte.*) 


1)  So  z.  B.  von  Mommsen  R.  6.  1,  50:  ,,liicr  lag  femer  das  Gebände, 
in  welchem  die  sämtlichen  Kurien  jede  an  ihrem  eigenen  Herd  zu  gottes- 
dienstlichen und  andern  Zwecken  sich  versammelten^^  Ebenso  wohl  auch 
von  Marquardt  8,  189;  denn  wenn  derselbe  sagt:  „für  die  letzteren  (die 
Geschäfte)  hat  jede  Kurie  ihr  Versammlungslokal,  ebenfalls  curia  genannt, 
mit  einem  Herde  und  Speisesaal'^  und  hierfür  sich  auf  Festus  p.  174  s.  v. 
Novae  curiae  beruft,  so  denkt  auch  er  sich  wohl  sämtliche  Curiae  in  einem 
resp.  später  zwei  Lokalen  vereinigt  Endlich  auch  von  Jordan  1, 1. 191,  der 
sehr  bestimmt  sich  dahin  ausdrückt:  „das  also  steht  fest,  dafs  die  Gram- 
matiker der  Zeit  Ciceros  und  Varros  keine  andern  über  die  Stadt  verteil- 
ten Kurien  als  Kultusstätten  der  so  benannten  Glieder  der  Geschlechtstribus 
kannten,  imd  es  sind  daher  einzelne  curiae  (Versammlungshäuser),  die  uns 
an  verschiedenen  Stellen  der  Stadt  genannt  werden,  mit  jenen  nicht  zu  ver- 
wechseln.** 

2)  Es  ist  klar,  dafs  diese  beiden  Lokale  dann  Riesengebäude  waren, 
in  deren  jedem  dreifsig  gröfsere  oder  kleinere  Säle  sich  befanden.  Man 
dürfte  in  diesem  Falle  sowohl  Reste,  als  eine  wiederholte  Erwähnung  der- 
selben erwarten.  Die  einzige  Notiz  aber,  die  wir  über  die  Veteres  curiae 
haben  —  über  die  Novae  fehlt  uns  auch  diese  —  dient  nicht  dazu,  die  land- 
läufige Ansicht  zu  bestätigen.     Ovid  sagt  Fast.  3,  139  f: 


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-     197    — 

Diese  Auffassung  halte  ich  für  nicht  richtig:  und  da  ich  der  rich- 
tigen Auffassung  des  Lokals  der  Veteres  curiae  eine  geradezu 
fundamentale  Wichtigkeit  für  das  Verständnis  der  ganzen  Kurien- 
und  damit  der  Stadtorganisation  überhaupt  beilege:  so  können 
wir  einer  Untersuchung  über  Zweck  und  Bedeutung  der  Kurien 
selbst  hier  nicht  aus  dem  Wege  gehen.  ^) 

Ich  setze  dabei  als  bekannt  voraus,  dafs  das  Wort  Curia^) 
in  zwei  Bedeutungen  gebraucht  wird,  indem  es  einmal  ein  Ge- 
bäude bezeichnet,  welches  sakralen  und  kultlichen  Zwecken  dient; 


ianua  tunc  regis  posita  Tiret  arbore  Phoebi, 

ante  tuas  fit  idem  cnria  prisca  fores. 
Es  stand  also  sowohl  vor  der  Thür  der  Regia,  wie  Tor  derjenigen  der  priscft 
curia  ein  Lorbeerbaum:  das  von  Ovid  hier  als  prisca  curia  bezeichnete 
Lokal  ist  zweifellos  identisch  mit  dem  von  Festus  als  Veteres  curiae  ge- 
kennzeichneten; die  Notit.  (Reg.  X)  nennt  es  curiam  veterem.  Wir  ersehen 
aber  aas  den  Worten  des  Ovid,  dtSs  dieses  Lokal  nur  einen  Eingang  hatte, 
TOr  welchem  eben  der  Lorbeerbaum  stand.  Hätte  das  Lokal  aber  wirklich 
mspronglich  als  Versammlungshaus  für  die  dreifsig  Volksabteilungen  ge- 
dient, so  dürfte  man  annehmen,  dafs  es  auch  seine  gesonderten  Eingänge 
für  die  verschiedenen  Teile  der  Bürgerschaft  gehabt  hätte.  Über  die  Zeit, 
▼ann  der  Neubau  der  Novae  curiae  erfolgt  sein  soll,  spricht  sich  keiner 
der  Forscher,  die  den  angeführten  Standpunkt  vertreten,  aus:  es  ist  bei 
dem  raschen  Sinken  der  Bedeutung  der  Kurien  und  ihrer  Verfassung  schwer 
glaoblich,  dafs  später  noch  so  bedeutende  Neubauten  zu  Eurienzwecken  er- 
folgt sein  sollten.  Mit  welcher  Periode  der  Stadtentwicklung  die  Erbauung 
des  Lokals  der  Novae  Curiae  zusammenhängt  und  welchem  Zwecke  das- 
selbe gedient  hat,  werden  wir  Kap.  6  sehen. 

1)  Diese  Untersuchung  bezweckt  aber  keineswegs,  eine  erschöpfende 
Behandlung  aller  an  die  Kurien  sich  knüpfenden  Fragen  zu  geben^  sondern 
begnügt  sich  damit,  die,  wie  mir  scheint,  für  das  Verständilis  der  Kurien 
gnmdlegende  Frage  nach  der  ursprünglichen  Bedeutung  derselben  und  dem 
Wechselverhältnis  zwischen  Kurienkultlokal  und  Kurien distrikt  klarzustellen. 
Anf  die  abschliefsende  Organisation  der  Kurienverfassung  —  nach  der  Drei- 
üigzahl  — ,  sowie  auf  die  Kurienfeste  komme  ich  Kap.  6  zurück. 

2)  Über  die  Etymologie  des  Wortes  vgl.  Corssen  Ausspr.  1*,  364:  da- 
nach bedeutet  es  „Versammlungshaus**,  womit  Jordan  Hermes  8,  217  ff.  und 
1,  1.  192  übereinstimmt  Das  Wort  wird  aber  keineswegs  für  jedes  belie- 
^^  „Vereammlungshaus**  gebraucht,  sondern  bedeutet  stets  den  centralen 
Vereinigungepunkt  für  die  sakrale  und  politische  Organisation  eines  als 
ümerlich  zusammengehörig  sich  fehlenden  Bevölkemngselements.  So  ist 
curia  zunächst  das  Kult-,  in  ältester  Zeit  zugleich  auch  das  Gemeindehaus 
eine«  Dorfes,  später  eines  Stadtbezirks;  und  eine  entsprechende  Bedeutung 
—  nur  für  einen  grö&eren  politischen  Kreis  —  hat  auch  die  curia  Hosti- 
lia  (Kap.  6),  die  curia  Calabra  (Kap.  8),  sogar  die  Curia  lulia  etc.  Über 
die  sonst  bekannten  Kuriennamen  vgl.  noch  Kap.  6. 


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—     198     - 

sodann  aber  auch  einen  Distrikt  bedeutet,  der  zu  jenem  Gebäude 
wie  zu  seinem  kirchlichen  Mittelpunkte,  seinem  sakralen  Centrum. 
hinzugehört,  indem  die  Bürger  eines  solchen  einzelnen  Eurien- 
distrikts  —  die  Curiales  —  in  eben  diesem  letzteren  zu  gemein- 
samen Feiern  und  Festlichkeiten  sich  vereinigen.^)    Die  gewöhn- 


1)  Ich  mnfs  gleich  hier  hervorheben,  daTs  für  das  Wechselverhältnia 
von  Curia  als  Distrikt  nnd  Curia  als  Gotteshaus  allein  das  Verhältnis  von 
„Kirche"  und  „Kirchspiel"  ein  schlagendes  Analogon  bietet.  Jede  Kirchen- 
gemeinde bedarf  auch  heute  noch  eines  kultlichen  Mittelpunkts:  und  wie 
dieser  in  der  „Kirche"  das  sakrale  Centrum  eines  bestimmten  lokal  um- 
grenzten Bezirks,  sowie  der  auf  diesem  seidhaften  Bewohner  ist,  so  dient  die> 
ttlbe  zugleich  als  Ausdruck  dieses  doppelten  VerhBltnisses,  indem  sie  einmal 
als  das  mit  besonderm  Namen  zum  Unterschiede  von  andern  bezeichnete 
Kultlokal  —  z.  B.  Elisabethkirche  —  die  Vereinigungsstätte  für  den  Kult 
der  ihr  Zugehörigen,  anderseits  aber  zugleich  auch  eben  diese  ihr  zuge- 
wiesene Gemeinde  bezeichnet  Denn  auch  heute  noch  kann  z.  B.  „Elisa- 
bethkirche" nicht  nur  das  Gotteshaus  selbst,  sondern  auch  die  demselbea 
eingepfarrte  Gemeinde  —  sei  es  als  Bezirk,  sei  es  als  Einwohnerschaft  — 
bezeichnen.  In  gleicher  Weise  hat  sich  die  Entwicklung  der  „Curia"  voll- 
zogen. Denn  wie  jede  Familie  in  dem  Kult  des  Lar  und  der  Penates,  und 
jede  Gens  in  den  dieselbe  verbindenden  Sacra  gentilicia  einen  sakral  und 
kultlich  geschlossenen  Kreis  in  Eom  bildet,  so  ist  auch  die  aus  beiden  all- 
mählich herausgewachsene  Dorfgemeinde,  welche  eben  aus  mehreren  Ge- 
schlechtern, wie  sie  sich  aneinander  geschlossen  haben,  besteht,  gleichfalls 
ein  solcher  Kreis,  der  als  Einheit  eines  gemeinsamen  Kults  bedarf.  Diese 
gemeinsamen  Sacra,  die  nicht  willkürlich  gemacht,  sondern  mit  der  Ge- 
meinde selbst  historisch  erwachsen  sind,  befinden  sich  naturgemäTs  —  wie 
wir  hernach  sehen  werden  —  an  einer  im  Mittelpunkt  der  Ansiedlung  lie- 
genden Kultstätte,  welche  eben  Curia  =»  Kirche  hiefs.  Denn  der  Name  Curia 
ist  offenbar  zunächst  der  Ausdruck  für  dieses  die  Gemeinde  vereinigende 
Kultlokal  gewesen  (vgl.  S.  197.  Anm.  2):  er  ist  sodann  übertragen  auf  die 
Gemeinde  selbst,  die  um  jenen  Mittelpimkt  sich  lokal  und  sakral  vereinigt. 
Und  wie  diese  Gemeinde  einmal  als  räumlicher  Bezirk  erscheint,  auf  dem 
die  Dorfangehörigen  ihre  Wohnstätte  haben,  anderseits  als  die  Summe  der 
Einzelangehörigen  dieses  Distrikts,  so  ergiebt  sich  daraus  die  dreifieiche  Be- 
deutung, in  die  das  Wort  Curia  allmählich  hineingewachsen  ist:  als  Kult- 
lokal, als  lokaler  Distrikt  und  endlich  als  Inbegriff  der  Bewohner  des  letz- 
teren. Auf  jenen  bezieht  es  sich,  wenu  z.  B.  Dionysius  2,  7  xrjv  nlrid-vw 
anaaav  —  d.  h.  die  ganze  Einwohner-  oder  Bürgerschaft  —  in  30  Teile 
d.  h.  Curiae  zerlegt  werden  läfst  (denn  die  römischen  Schriftsteller  stellen 
bekanntlich  die  Sache  so  dar,  dais  die  Dreifeigteilung  von  Stadt  und  Bür- 
gerschaft die  erste  grundlegende  Organisation  des  Romulus  war);  auf  die 
letztere  Einteilung  der  Bürgerschaft  selbst  bezieht  sich  Dionys  2,  23,  indem 
hier  den  Kurien  besondere  Götter  und  Sacra  zum  speziellen  Dienste  ange- 
wiesen werden.    Für  diese  Anwendung  des  Wortes  curia  ist  dann  freilich 


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-     199     — 

hche  Ansicht  geht,  wie  schon  bemerkt,  dahin,  die  centralen  Kalt- 
statten  der  Einzelkuriendistrikte  nicht  auf  dem  Bezirke,  in  dem 
Umkreise  dieser  selbst  sein  zu  lassen;  sondern  sie  sich  sämtlich 
in  den  schon  genannten  Lokalen  der  Veteres  Curiae  und  der 
NoTae  Curiae  vereinigt  zu  denken,  die  demnach  jedes  in  dreifsig 
Einzelsäle  mit  dreifsig  Einzelherden  geteilt  gewesen  sein  müfste. 

Diese  Ansicht,  dafs  es  überhaupt  nur  zwei  Kultlokale  der 
Curiae  gegeben,  von  denen  das  eine  4  oder  7,  das  andere  26 
oder  23  Kurien  in  sich  vereinigte  ^),  stützt  sich  allein  auf  die 
angefahrte  Stelle  des  Festus,  während  die  Definitionen  der  Anti- 
quare sowohl,  wie  die  unschätzbaren,  dem  Yarro  entlehnten,  Be- 
richte des  Dionysius  das  gerade  Gegenteil  davon  besagen. 

Gehen  wir  daher  zunächst  auf  die  Definitionen  der  Antiquare 
etwas  genauer  sein,  so  ist  es  allein  schon  sehr  bezeichnend,  dals 
dieselben  nur  die  Kultstätten  selbst,  nicht  aber  die  zu  ihnen  ge-* 
hörigen  Stadtdistrikte  oder  Volksabteilungen  berücksichtigen  und 
besprechen.  In  der  Hauptdefinition,  die  wir  bei  Festus  über  die 
Curiae  haben*),   hebt  Verrius    selbst   unter  Voraufstellung   der 


diejenige  von  cxurialeB  »■  ot  (pQcctgieig  die  gewöhnliche,  so  dalb  die  beiden 
äuiptbedeatuBgen  von  curia  zunächst  Koltlokal,  sodann  Distrikt  bleiben. 

1)  Je  nachdem  man  an  dem  septem,  oder  an  den  vier  überlieferten 
Namen  festhält 

2)  Der  grundlegende  Artikel  bei  Paulus  lautet  pag.  49:  Caria  locus 
est  abi  pnblicas  curas  gerebant.  Calabra  curia  dioebator  ubi  tantum  ratio 
aacroram  gerebatur.  Curiae  etiam  nominantor  in  quibus  uniuscuiasque  par- 
tim populi  Bomani  quid  geritnr,  quales  sunt  hae  in  qoas  Romulus  populam 
diatribnit,  numero  triginta  quibus  postea  additae^nnt  quinque  ita  ut  in  sua 
qoisqne  curia  sacra  pnblica  fiaceret  feriasque  obaervaret,  iisque  curiis  sin- 
golit  nomina  Gnriarnm  virginum  imposita  esse  dicuntur  quas  virgines  qnon- 
dam  Bomani  de  Sabinis  rapuemnt.  £s  wird  jetzt  einstimmig  —  und  mit 
Recht  —  angenommen,  dafa  der  Artikel  des  Verrius^  wie  er  in  vorstehen- 
der Fassung  und  Verkürzung  des  Paulus  wiedergegeben  wird,  von  diesem 
selbst  durch  einen  Zusatz  willkürlich  erweitert  und  gefälscht  ist:  die  Worte 
qnibos  postea  additae  sunt  quinque  können  nicht  von  Verrius  herrühren. 
Allerdings  wurde  diese  Angabe  des  Paulus  verteidigt  von  Ambrosch  de 
locis  nonnullis  qui  ad  curias  Romanas  pertinent  Breslau  1846  und  noch 
Marquardt  in  der  ersten  Ausgabe  des  Handbuchs  4,  S98  schlofs  sich  ihm 
an.  Sie  ist  aber  widerlegt  von  Mommsen  Böm.  Forsch.  1,  141,  der  nach- 
weist, dala  jener  Artikel  des  Paulus  von  diesem  selbst  aus  einer  Stelle  des 
Attgoatinns  ad  paalm.  121,  7  erweitert  ist,  weicher  letztere  an  die  curiae 
der  afrikaniaehen  Städte  denkt,  welche  der  Organisation  nach  völlig  gleich 
den  römischen  Tribus  waren,  weshalb  Augustinus,  beide  Ausdrücke  ver- 
wechselnd, sagt:  sicnt  Boma  triginta  quinque  curias  habet  populi;  hae  di- 


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—     200     ~ 

Worte  Curia  locus  est  hervor,  daXs  er  allein  die  Auftnerksamkeit 
auf  die  Curiae  als  Eultstatten  zu  lenken  beabsichtigt.  Damit  ist 
nicht  gesagt,  dafs  er  nicht  die  Curiae  als  Volks-  resp.  Stadtein- 
teilung später  und  yielleicht  sogar  im  AnschluTs  an  diesen  Artikel 
selbst  besprochen  und  definiert  hat:  aber  —  und  das  ist  festzu- 
halten —  der  Artikel,  wie  er  uns  hier  vorliegt,  beschäftigt  sich 
ausschliefslich  mit  den  Kurien  als  Kultstatten.  Verrius  stellte 
seiner  Ausführung  offenbar  zunächst  eine  ganz  allgemeine  Defi- 
nition vorauf:  Curia  locus  est  ubi  publicas  curas  gerebant,  um 
daran  anknüpfend  die  Einzelanwendungen  des  Wortes  mitzuteilen. 
Jene  allgemeine  Definition  ist  auch  bei  Verrius  selbst  ohne  Zwei- 
fel nicht  ausführlicher  gewesen:  denn  sie  enthält  alles  Wesent- 
liche. Durch  curas  soll  die  Etymologie  des  Wortes  curiae,  durch 
publicas  das  inhaltlich  Wesentliche  derselben,  nämlich  der  Umstand^ 
9afs  die  in  ihnen  vorgenommenen  Handlungen  öffentliche,  den  ge- 
samten populus  Romanus  betreffende  waren,  augegeben  werden.^) 


cuntur  tribus.  Ans  dieser  Stelle  scheint  Paulus  den  Auszug  des  Festos 
durch  den  Zusatz  quibus  postea  additae  sunt  quinque  erweitert  zu  haben. 
Heute  wird  wohl  niemand  mehr  die  Richtigkeit  dieser  Angabe  vertreten 
wollen.  Was  übrigens  die  Stelle  des  Paulus  selbst  betri£Pk,  so  scheidet  man 
am  richtigsten  auch  die  Worte  quales  sunt  hae  in  quas  Bomulus  populnm 
distribuit  numero  triginta  aus  und  fafst  als  den  eigentlichen  Kern  der 
ganzen  Angabe  die  innerlich  zusammenhängenden  Worte:  curiae  etiamnomi- 
nantur  in  quibus  uniuscuiusque  partis  populi  Bomani  quid  geritur,  ita  ut 
in  sua  quisque  curia  sacra  publica  faceret  feriasque  observaret.  Paulus 
wollte  sich  resp.  seinen  Lesern  offenbar  klar  machen,  was  unter  den  Wor- 
ten uniuscuiusque  partis  populi  R.  zu  verstehen  sei  und  fügte  deshalb  zur 
Erklärung  derselben  —  vftlieicht  zunächst  am  Rande  —  die  Worte  hinzu: 
quales  sunt  hae  in  quas  Romulus  populum  distribuit  numero  triginta  qui- 
bus postea  additae  sunt  quinque;  indem  er  diese  seine  Kenntnis  ihrem 
ersten  Teile  nach  aus  andern  antiquarischen  Angaben,  z.  B.  Festus  p.  174 
is  (Romulus)  populum  et  sacra  in  partis  triginta  distribuerat,  dem  zweiten 
Teile  nach  aber  aus  Augustinus  a.  0.  entnahm.  Aber  auch  nach  Ausschei- 
dung dieser  Interpolation  ist  das  übrigbleibende  wichtig  genug,  um  dasselbe 
als  die  Grundlage  für  unser  Verständnis  der  Kurienorganisation  zu  betrachten. 
1)  Denn  die  sacra  curiarum  bildeten  bekanntlich  einen  Teil  der  pu- 
blica sacra,  wie  Festus  p.  245  sagt:  publica  sacra  quae  publico  sumptu  pro 
populo  fiunt  quaeque  pro  montibus,  pagis,  curiis,  sacellis.  at  privata  quae 
pro  singulis  hominibus,  familiis,  gentibus  fiunt.  Über  die  Bedeutung  dieser 
Stelle,  sowie  die  weitere  Angabe  des  Festus  p.  253  popularia  sacra  sunt 
ut  ait  Labeo  quae  omnes  cives  faciunt,  welche  beide  die  Grundlage  für 
unsere  Kenntnis  des  gesamten  römischen  Sakralrechts  bilden  und  auch  für 
die  historische  Betrachtung  von  aufserordentlicher  Bedeutung  sind,  ist  Kap.  8 
zu  handeln. 


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—     201     — 

Dieser  allgemeinen  Definition  hat  Verrius  sodann  die  Einzelan- 
wendungen  des  Wortes  folgen  lassen.  Es  ist  mir  wahrscheinlich, 
dals  derselbe  wirklich  alle  curiae  aufgezählt  und  erklärt  hatte, 
die  mit  diesem  Namen  auf  dem  Gebiete  der  Stadt  Rom  bezeich- 
net wurden:  woraus  Paulus  freilich  nichts  weiter,  als  die  Curia 
Calabra  und  die  speziell  s.  g.  dreifsig  Curiae  übernommen  und 
uns  überliefert  hat,  von  denen  uns  vorläufig  besonders  die  letz- 
teren interessieren. 

Die  einzig  mögliche  Interpretation  der  Worte  des  Paulus  ist 
nun  die,  die  Curiae  als  eine  Mehrheit,  eine  Vielheit  von  Kult- 
statten d.  h.  von  Einzellokalen  zu  fassen.  Geradezu  geflissent- 
lich hebt  Verrius  die  Verschiedenheit  und  Getrenntheit  der  Kurien- 
lokale hervor.  Denn  die  Worte  uniuscuiusque  partis  populi 
Eomani  quid  —  in  sua  quisque  curia  —  iisque  curiis  singulis  — 
betonen  doch  wieder  und  wieder  das  Eine,  dafs  die  Teile  des 
römischen  Volkes,  wie  sie  auf  den  Kult  in  den  Kurienlokalen  an- 
gewiesen waren,  verschiedene,  mehrere  sind;  dafs  jeder  einzelne 
sein  ganz  bestimmtes  Einzellokal  hat,  in  welchem  er  seinen  Kult 
ausübt;  dafs  demnach  diese  Curiae  eine  Reihe  von  Einzelkult- 
»tatten  sind,  in  denen  —  jeder  in  seinem  Lokal  —  die  Teile 
des  populus  Romanus  ihre  Festfeiern  und  Opferhandlungen  vor- 
nehmen. Namentlich  der  letzte  Zusatz  der  Stelle  iisque  curiis 
singulis  nomina  Curiarum  virginum  imposita  esse  dicuntur  weist 
mit  absoluter  Sicherheit  auf  Einzellokale  hin,  die  nicht  nur  über- 
haupt räumlich  getrennt  waren,  sondern  deren  jedes  auch  einen 
eigenen  besonderen  Namen  hatte.  ^) 


1)  Diese  Namen  haften  also  an  den  Eultstätten  selbst:  damit  ist 
aber  nicht  ausgeschlossen,  dafs  die  Bezirke  —  zu  denen  jene  Kaltstätten 
als  die  sakralen  Mittelpunkte  gehörten  —  wieder  andere  Namen  führten, 
obgleich  sie  gleichfalls  die  Bezeichnung  Cnriae  tmgen.  Es  ist  auch  hier 
genau  dasselbe  VerhAltnis  wie  bei  unsem  Kirchen  oder  Kirchengemeinden. 
All  Bezirk  kann  eine  Kirchengemeinde  einen  andern  Namen  führen  als  die 
Kirche  selbst,  zu  der  sie  gehört,  obgleich  sie  anderseits  auch  wieder  nach 
^eser  selbst  benannnt  werden  kann:  die  „Altstadt^S  die  „Neustadt'S  die 
„Masch"  —  welche  Namen  oft  als  Namen  von  Stadtbezirken  erscheinen  — 
können  ebensowohl  nach  dieser  ihrer  Eigenschaft  als  Bezirke,  als  politische 
oder  administrative  Verbände,  wie  nach  den  Kirchen,  in  die  sie  eingepfarrt 
sind  —  z.  B.  „Marienkirche"  =  „Marienkirchengemeinde"  —  bezeichnet 
werden.  Die  „Neustadt"  und  die  „Marienkirche"  können  so  wesentlich  iden- 
tische Begriffe  werden.  In  gleicher  Weise  können  die  Kurien,  die  auch 
bierin  durchaus  unsem  Kirchen  entsprechen,  als  Kuriengemeinden  eine 


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-     202     - 

Mit  dieser  grundlegenden  Definition  des  Yerrius  stimmt  so- 
dann diejenige  des  Varro^)  durchaus  überein.  Seine  Worte:  Curiae 
duorum  generum,  nam  et  ubi  curarent  sacerdotes  res  divinas  ut 
Curiae  veteresj  et  ubi  senatus  humanas  ut  Curia  Hostilia  quod 
primum  aedificavit  Hostilius  rex,  zeigen,  daJs  auch  er  die  Curiae 
hier  nur  als  Lokale ;  als  Gebäude  fafst:  das  doppelte  ubi  beweist 
dieses.  Varro  scheidet  zwischen  denjenigen  Kurien,  in  denen  der 
Senat  seine  Amtshandlungen  vornimmt,  die  also  einen  weltlichen 
Charakter  tragen,  imd  denjenigen,  in  welchen  Kulthandlungen 
durch  die  Sacerdotes  yorgenommen  werden:  aber  beide  Klassen 
fallen  eben  unter  den  einen  BegriflF  des  Lokals.  Wenn  Varro 
aber  aus  der  zweiten  Klasse  ausschliefslich  die  Curiae  veteres  an- 
führt, so  steht  das  der  Annahme  nicht  entgegen,  dafs  Varro  die 
dreifsig  Kurienlokale  eben  als  einzelne,  gesonderte  Kultstätten 
aufgefafst  habe,  eben  weil  er  das  Lokal  der  Curiae  veteres  aus- 
drücklich nur  als  Beispiel  für  seine  zweite  Klasse  anführt.*)  Die 
Angaben  des  Varro  bestätigen  also  diejenigen  des  Verrius  und 
lassen  nlir  den  Schlufs  zu,  dafs  die  römischen  Antiquare  die  Kurien 
als  lokal  von  einander  getrennte  Einzelkultstätten  fassen,  die  dem- 
nach zerstreut,  jede  in  ihrem  Kurienbezirke,  lagen. 


andere  Bezeichnung  haben,  wie  als  Eurienk'ultlokale:  die  curia  Accoleia 
z.  B.  heifst  meiner  Ansicht  nach  so  von  dem  Kult  der  Acca  in  ihr,  die 
curia  Saliomm  von  dem  Kult  des  Mars,  obgleich  sie  als  Eultmittelpunkte 
zu  den  Kurienbezirken  Velitia  und  Foriensis  gehören,  die  ihrerseits  nach 
den  Stadtteilen  genannt  werden,  durch  die  sie  gebildet  werden.  Denn  so, 
ist  mir  das  wahrscheinlichste,  haben  wir  das  Verhältnis  der  Curia  Accijleia 
und  Curia  Velitia,  sowie  der  Curia  Saliorum  und  Curia  Foriensis  zu  fassen: 
obgleich  auch  nicht  die  Annahme  ausgeschlossen  ist,  dafs  der  Curia  Salio- 
rum eine  erhöhte  Bedeutung  als  sakraler  Mittelpunkt  der  palatinischen  Stadt 
zukommt,  sowie  ferner,  dafs  die  curia  Acculeia  in  Beziehung  zum  Tuscus 
vicus  steht:  vgl.  Kap.  6.  Es  ist  ein  eigentümlicher  Widerspruch  mit  sich 
selbst,  wenn  Lange  Rom.  Altert.  1,  275  f.  der  curia  Acculeia  —  deren  Lage 
als  Gebäude  unter  der  porta  Bomana  doch  zweifellos  feststeht  (vgl. 
oben  S.  56  f.)  —  zugleich  in  dem  Gebäude  der  Novae  Curiae  ihren  Platz 
anweist.  Auf  diese  Verschiedenheit  der  Benennung  der  Kurien  beziehen  sich 
vielleicht  die  Worte  Varrps  bei  Dion.  2,  47  in\  taüs  novi^Caig  zsd'fivtti  tä 
ovofMcxa  vno  tov  *P<oiivXov  xata  rr^v  nQtoTtjv  tov  nXjjd'ovg  diuCqBOiv  xa  f/kkv 
an  dvdQoiv  Irjtpd'ivta  i^/ff^ovoy,  xa  d'  dno  xmcmv.  Wahrscheinlicher  ist 
es  freilich,  dafs  die  Bemerkung  sich  auf  die  Verschiedenheit  der  Bezirks- 
namen  bezieht,  die  teils  gentilioisch  (z.  B.  Titia),  teils  lokal  klingen. 

1)  De  1.  L  6,  166. 

2)  Die  übrigen  Erwähnungen  der  Kurien  von   Seiten  Varros  halten 
gleichfalls    konsequent    die   Mehrheit    der    Kultstätten   fest.    So  heifst 


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—    203     — 

Hatten  wir  allein  die  Definitionen  der  Curiae,  wie  wir  sie 
eben  betrachtet  haben  ^  so  würde  Niemand  jemals  auf  den  Ge- 
danken gekommen  sein,  die  dreifsig  Kurienkultlokale  als  an  einem 
oder  zwei  Punkten  der  Stadt  in  der  Weise  vereinigt  sich  zu  den- 
ken, dafs  sie  in  Wirklichkeit  nur  ein  resp.  zwei  Gebäude  aus- 
maehten.^)  Aber  ausgehend  von  der  scheinbar  unzweideutigen 
Angabe  des  Festus  über  das  Lokal  der  Veteres  und  das  der  No- 
vae Curiae  hat  man  jene  wiederholten  Anführungen  der  beiden 
Antiquare  von  der  Vielheit,  der  Geschiedenheit  der  Kurienlokale 
eben  so  verstehen  zu  müssen  geglaubt,  dafs,  sie  sich  auf  die  Ge- 
trenntheit der  Kurien  sä  le  in  jenen  beiden  Lokalen  der  Novae  und 
Veteres  Curiae  bezogen.  Gegen  eine  solche  Deutung  der  übeirein- 
stimmenden  Angaben  der  Antiquare  mufs  sich  aber  jede  nüchterne 
Interpretation  aufs  allerbestimmteste  aussprechen.  Weder  bei 
Verrius,  noch  bei  Varro  findet  sich  auch  nur  die  leiseste  Andeu- 
tung eines  solchen  gemeinsamen  Kurienlokals.  ^)  Und  doch;  denke 
ich;  dürfte  man  billigerweise  erwarten  ^  dafs  diese  grundlegende 


ei  1.  1.  6,  16:  Fordicidia  —  eo  die  immolabantur  boves  in  curiis;  5,  83 
coriones  dicti  a  cariis  qai  fiunt  ut  in  bis  sacra  faciant;  6,  46  curiae 
abi  Benatos  rempublicam  curat  et  illa  ubi  cura  sacromm  publica,  ab  bis 
eoriones;  endlich  Nonias  pag.  67,  1 :  cariam  a  cura  dictam  Varro  designat 
<le  Tita  pop.  B.  1.  III:  itaqne  propter  curam  quoque  quo  suam  qnisque 
d<Hno  Senator  confert  curiam  appellant.  Während  Yärro  also  6,  166  die 
coriae  allgemeiner  fafst  und  demnach  auch  die  Curia  Calabra  etc.  mit  ein- 
scUielfit,  ist  6,  16.  6,  83.  6,  46  ausschliefslich  an  die  drei&ig  Kurienkult- 
lokale za  denken  und  hier  nirgends  auch  nur  mit  einem  Worte  angedeutet, 
dalt  die  Mehrzahl  resp.  Vielzahl  in  Wirklichkeit  nur  eine  £in-  oder  Zwei- 
te sind.  Zu  bemerken  ist  nur  noch,  dafs  6,  46  statt  illa  zu  lesen  ist 
illie;  denn  wenn  es  heifst:  ab  his  curiones,  so  leuchtet  ein,  dafs  dabei  nicht 
u  den  ersten  TeU  (ubi  senatus  rempublicam  curat)  zu  denken  ist,  sondern 
MMchlielsIiGh  an  den  zweiten,  weil  die  curiones  mit  der  curia  Hostilia  nichts 
za  Ümn  haben ;  sie  gehören  den  dreifsig  Curiae  (ubi  cura  sacromm  pubUca) 
und  der  Plural  ab  his  zwingt  schon  anzunehmen,  dafs  ein  Plural  (iUae)  Tor- 
vdging. 

1)  Soweit  ich  sehe,  hat  sich  keiner  der  zahlreichen  Forscher,  die  sich 
mit  den  Curiae  beschäftigt  haben,  und  welche  die  Ansicht  verfechten,  es 
habe  überhaupt  nur  ein  resp.  zwei  Kurienkultlokale  gegeben,  darüber  aus- 
gesprochen, wie  diese  grundlegenden  Definitionen  des  Verrius  und  Varro 
lut  jener  Ansicht  zu  vereinigen  seien. 

2)  Denn  die  Veteres  curiae  bei  Varro  a.  0.  werden  ausdrücklich  nur 
^  ein  Beispiel  (ut)  hervorgehoben,  wie  die  curia  Hostilia  gleichfalls  für 
^  andere  Klaaae;  und  der  Artikel  des  Verrius  über  die  Veteres  Curiae  ist 
ganz  unabhängig  von  seiner  Definition  der  Curiae. 


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—     204    — 

Bestimmung  der  Curiae  mitgegeben,  ja  dafs  sie  voraufgestellt 
wäre.  Wer  die  Erklärung  curia  locus  est  gewichtig  voransetzt, 
um  dann  in  verschiedenen  Wendungen  die  Mehrzahl  und  das 
Gesondertsein  der  curiae  hervorzuheben  —  während  er  in  Wirk- 
lichkeit nur  an  ein  resp.  zwei  Lokale  denkt  —  kann  nicht  er- 
warten, dafs  auch  nur  ein  Leser  den  Sinn  seiner  Worte  ver- 
stehen wird.  Die  Definitionen  der  Antiquare  stehen  in  unauf- 
löslichem Widerspruche  mit  jener  vereinzelten  Angabe,  wie  sie 
sich  gleichfalls  bei  Festus  angeblich  finden  soll,  dafs  alle  Kurien- 
stätten in  einem  resp.  in  zwei  Lokalen  vereinigt  gewesen  seien. 

Behalten  wir  uns  vor,  auf  eine  Erklärung,  einen  Ausgleich 
dieser  Difierenz  hernach  zurückzukommen,  so  müssen  wir  hier 
zunächst  noch  einen  Blick  auf  die  Berichte  des  Dionysius^)  wer- 
fen, der  uns  ganz  unschätzbare,  der  Hauptsache  nach  dem  Varro*) 
selbst  entlehnte  Nachrichten  über  die  Eurienorganisation  hinter- 
lassen hat,  deren  hauptsächlichste  Punkte  wir  hier  gebührend 
hervorzuheben  und  zu  kennzeichnen  haben. 

In  einem  Punkte  tritt  ims  nun  sofort  eine  sehr  wesentliche 
Difierenz  zwischen  den  Angaben  des  Festus  und  Yarro,  sowie 
denjenigen  des   Dionysius  hervor.     Wenn  für  die  Antiquare  das 


1)  Dafs  die  Nachrichten,  welche  uns  Dionysius  aus  den  Schriften  der 
römischen  Antiquare  und  Historiker  überliefert,  sei  es  durch  die  Mifs Ver- 
ständnisse, sei  es  durch  die  schematisch  konstruierende  Willkür  desselben 
vielfach  entstellt  und  getrübt  sind,  mufs  zugegeben  werden.  Namentlich 
ist  es  seine  Nachricht  über  die  Dekaden,  der  oft  besprochene  und  behan- 
delte Satz  2,  7  di^fftivto  dh  xorl  slg  Ösuccdccg  at  (pgcitgai  ngog  avtov  (sei.  xov 
Pmfivlov)  xal  rjysfLcliv  ixaerTjv  inocfin  Ssuddagzos  ncctä  r^v  intxdgiov  yXm- 
xTlv  fCQoaayoQSvofisvogy  der  seit  Niebuhr  immer  und  immer  wieder  der  Aus- 
gangspunkt von  Untersuchungen  und  Kombinationen  geworden  ist  und  der 
sicher  nicht  in  der  von  Dionysius  Oberlieferten  Fassung  richtig  ist  Vgl 
Lange  Rom.  Altert.  1,  223.  J.  J.  Müller  Philolog.  34,  96  ff.  Seine  Nach- 
richten aber  über  die  noch  zu  seiner  Zeit  herrschende  Organisation  der 
Kurien  machen  in  keinem  Punkte  den  Eindruck  der  Entstellung  oder  des 
Milsverständnisses  und  sind  das  Beste,  was  uns  über  die  Kurien  selbst  ge- 
boten wird. 

2)  Die  Berufung  des  Dionysius  auf  Varro  2,  21  (vgL  auch  2,  47)  in 
den  Worten:  Xsya  61  a  Tegevt^og  OvdffQmv  iv  dgxccioXoyiatg  yiygatpiVy 
dvTfQ  tmv  xara  tijv  avzrjv  rjXmlav  d%yMcdvxaiv  noXvn^iqoxaxog  —  bezieht 
sich  ja  zunächst  allerdings  nur  auf  die  unmittelbar  vorhergehende  Erörte- 
rung über  die  Einsetzung  der  Curiones  und  Flamines:  es  darf  aber  als 
sicher  gelten,  dals  Yarros  Antiquitates  überhaupt  die  erste  Quelle  des  Dio- 
nysius für  seine  Angaben  über  die  Kurien  gebildet  haben. 


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-    205    — 

Knitlokal  den  Ausgangspunkt  der  Benennung  sowohl,  wie  der 
weiteren  daran  angeknüpften  Angaben  bildet,  so  ist  für  Diony- 
fiias  umgekehrt  der  dem  einzelnen  EulÜokale  zugewiesene  imd 
gleichfalls  Euria  benannte  Stadtdistrikt  das  ursprüngliche  und 
hauptsächliche.  Nur  nebenher  erwähnt  er  einmal^),  dafs  auch 
das  gemeinsame  Kultlokal  der  Curiales  je  eines  Eurienbezirks 
ebenso  genannt  werde,  wie  dieser  selbst;  wo  er  sonst  den  Aus- 
druck Curia  resp.  q>QaxQa  gebraucht,  ist  dieses  eben  der  Distrikt, 
der  zusammenhängende  Wohnraum  derjenigen  Bürger,  welche 
sakral  jenem  Einzelkultlokal  zugewiesen  sind. 

Abgesehen  von  dieser,  aus  dem  verschiedenen,  hier  antiqua- 
rischen, dort  politischen*)  Standpunkte  des  Schriftstellers  sich 
erklärenden  Differenz,  stimmt  Dionysius  durchaus  mit  den  An- 
gaben der  Antiquare  überein.  Nach  seiner  Darstellung  teilt  Ro- 
mulus  freilich  von  Haus  aus  das  Stadtgebiet  in  dreiCsig  Bezirke 
oder  Distrikte,  sodafs  Eurien  und  Stadtdistrikte  identische  Be- 
griffe sind:  aber  diese  falsche  Auffassung  der  geschichtlichen 
Entwicklung  der  Stadt,  die  Dionysius,  resp.  seine  Quelle  Varro, 
mit  den  romischen  Autoren,  wie  schon  oben  bemerkt,  überhaupt 
teilt^  thut  dem,  was  er  über  die  noch  zu  seiner  Zeit  fortbestehende 
Oi^anisation  der  Eurien  selbst  berichtet,  keinen  Abbruch.  Nach 
dieser  seiner  Darstellung  hatte  jeder  einzelne  Euriendistrikt,  wie 
er  lokal  von  den  übrigen  geschieden  war'),  auch  seinen  Einzel- 

1)  2,  83. 

2)  Für  Dionysius  hat  natargemäfs  die  politische  Seite  der  Kurien- 
Organisation  das  meiste  Interesse,  die  für  uns  hier  aulser  Betrachtung  bleiben 
muls.  Denn  wie  die  um  den  Mittelpunkt  einer  gemeinsamen  Kultstätte 
geeinten  Kirchen-  und  Stadtdistrikte  zugleich  im  alten  Verfassnngsorganis- 
mos  eine  politische  Bedeutung  erhalten  haben,  die  im  Laufe  der  Zeit  immer 
wichtiger  geworden  ist^  so  hat  sich  der  Name  Curia  mehr  und  mehr  nach 
dieser  abgeleiteten  Bedentung  hin  entwickelt  und  fixiert.  Ein  solcher  Ent- 
wicklungsgang ist  der  normale:  überall  sind  die  Institutionen  in  ältester 
Zeit  fiberwiegend  kirchliche,  sakrale,  religiöse:  erst  allmählich  tritt  die  po- 
litische Seite  derselben  hervor,  die  dann  aber  Schritt  für  Schritt  sich  ent- 
wickelt, um  schlielslich  jene  ursprüngliche  zur  blofsen  Form  und  Formel 
herabzudrücken.  In  der  Darstellung  des  Dionysius  sehen  wir  deshalb  denn 
auch  £ast  ausschlielAlich  die  Kurien  als  lokale  Distrikte  resp.  Volksabteilun- 
gen  uns  entgegentreten,  die,  obgleich  kultlich  geeint  und  geweiht,  doch 
vor  allem  politische  sind.  Die  Kurien  in  dieser  Bedentung  als  Distrikte 
sind  Kirchspiele  und  in  der  Kuriatver£E»sung,  wie  wir  den  ältesten  Ver- 
tassongsorganismus  Roms  zu  bezeichnen  haben,  haben  wir  eine  „Kirchspiel- 
TerfiisBung**  zu  erkennen. 

8)  Vgl.  2,  7  xQix^  vi{(iag  tijv  nlrid-vv  Snaoav  i'Kuatjj  tmv  fiotQciv  rov 


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—     206     - 

kalt,  indem  —  wie  Dionysius  wieder  die  Sache  auffafst  —  Ro- 
mulas  jeder  Kurie  ihre  Sondergötter  gegeben  hatte. ^)  Dieser 
Sonderkult  der  Einzelkurie,  obgleich  allein  dieser  und  keiner 
andern  Kuriengemeinde  gehörig,  galt  aber  doch  zugleich  als 
Staatskult,  indem  die  zur  Ausübung  desselben  erforderlichen  Aus- 
gaben aus  der  Staatskasse  geleistet  wurden.^ 

Das  Kultlokal  selbst  aber  wird  als  ein  Sonderlokal  geschil- 
dert, welches  eine  gemeinsame  Speisestätte  und  einen  gemein- 
samen Herd  für  seine  Mitglieder  in  sich  schlofs.*)  Und  wenn 
Dionysius  ausdrücklich  hervorhebt,  dafs  von  dem  Wohnräume, 
welcher  der  einzelnen  Kuriengemeinde  angewiesen,  sogleich  bei 
der  ersten  Organisation  ^  aQxov6a  dg  [sQa  xal  rsiiivrj  y^  reser- 
viert worden  sei^),  so  ist  es  ein  von  selbst  sich  ergebender  Schlafs, 
dafs  eben  auf  diesem  für  Ugä  und  xBiiiv}]  ausgeschiedenen  Räume 
die  die  gemeinsame  sötia  und  das   gemeinsame  eöxiaxoQiov  ein- 


iniq)€cviazazov  iniatriasv  rjYSfiopu  ineixa  xmv  tgimv  naUv  fiotgoiv  fxdtfnjy 
alg  Ösna  fioiQccg  dislmv  — .  2,  21  of  ra  noivcc  nsgl  tijg  nölsas  tsQcc  avprs- 
XovvtBS  xorra  tpvXag  xb  xal  (pi^atqag  ^ir^iiovxa  xaxsaxdd'fjffav  inl  xfjg  i%Blvov 
(des  Romulus)  ciQir^gi  es  sind  das  eben  die  den  30  Cnriae  entsprechenden 
Coriones  und  Flamines  cunales;  über  die  letzteren  vgl.  Fest.  p.  64.  2,  64: 
anidai%B  S\  (liav  UgovQyimv  didxa^tv  xoig  xQici%ovxa  TtovQ^moiv. 

1)  2,  23  diTjQSi,  (og  itpriv^  %ccx'  inixrjSstoxrjxa  xaig  fpgdxQatg  xoc  Uqu, 
d'sovg  dnodBi%vvg  ^ndaxoig  xal  daifiovag  ot)^  ^(islXov  dsl  aißsiv:  daraus 
ergiebt  sich  also,  dafs  jeder  Bezirk  seine  eigenen  Gottheiten  verehrte;  er 
behielt  eben  diejenigen  bei,  welche  er  während  seiner  Existenz  als  selb- 
ständige Dorfgemeinde  besessen  hatte.  Nach  der  der  Eiozelkurie  speziell 
und  ansschlielslich  gehörenden  Gottheit  wird  die  Curia  d.  h.  das  Gottes- 
haus in  den  meisten  Fällen  benannt  sein,  eben  weil  jene  in  diesem  ihren 
Kult  hatte.  So  erhielt  sich  also  fdr  alle  Zeiten  der  uralte  Kult  der  Dorf- 
gemeinden. 

2)  Das  geht  schon  aus  der  oben  S.  200  angeführten  Stelle  des  Festas 
aber  die  sacra  publica  hervor;  bestimmt  bezeugt  es  aber  Dionjs.  2,  28  xo» 
xdg  sig  xä  ttffä  dandvag  ha^ev  ag  ixQrjv  ccvxoCg  i%  rov  dri{kOüCf^  iCdoa^ai, 

3)  Vgl  2,  23  6vvi^v6v  xb  ror^  Cbq6v<hv  ot  q>ifaxQiBtg  tag  dnoftBpiö^Bi- 
aag  avxotg  ^vcCag  xal  avvBicximvxo  naxd  xicg  ioffxotg  inl  xijg  q>qaTQia%iig 
iaxiag*  iaxucxoQiov  yaQ  rjv  }iaxB6%Bvcc6fiBvov  indaxfj  (pQdxgq:  %al  iv  avxA 
Xtt^cotf/flord  Tt^,  manBQ  iv  xoCg  ^EHrivitioCg  nffvxavB^oig^  iaxüc  noivq  tmv  tpQti' 
XQimv.  ovoiuc  S^  xal  xoig  Boxucxo^ioig  ^y,  onsg  xaig  ipQdxQUtgy  novqCcit,  sal 
fi^Bxqig  rjiköiv  ovxm  TiaXovvtai,  In  dem  iaxiaxoifioif  befand  sich  also  der  ge- 
meinsame Herd  für  die  q>Qax^iBtg  d.  i.  für  die  Curiales  der  Einzelkurie. 

4)  Dion.  2,  7  diBlav  xr^v  y^v  Big  X(^id%avxoL  nXriqavg  tcavg  B%dax^  fpQd- 
TQ(ji  nXij^av  dnidionBv  Iva,  i^BXmv  x^v  d^%ovaav  Big  tBifd  lucl  XBgiBwri  tal 
xiva  %al  iv  xm  Koivm  yijv  xaxaXinmv. 


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-^     207     — 

schliessende  Enltstatte  der  EinselgemeiDde  sich  befand.  Jede 
Eariengemeinde  einigt  sich  also  um  das  sakral  im  Centrum  lie- 
gende Eultlokal,  welches  in  der  iötia  tcoivt^  den  Mittelpunkt  aller 
Sacra  und  in  dem  an  die  iöxia  sich  anschliefsenden  iöuaroQiov 
den  Mittelpunkt  fttr  alle  Festlichkeiten  der  Euriengenossen  dar- 
bietet Diese»s  BöxiaxoQiov  d.  h.  der  Speisesaal,  in  dem  zugleich 
die  iexia  xoivq  der  tpgatQa  selbst  war,  hiefs  eben  curia;  und  in 
ihr  fanden  die  gemeinsamen  Festessen  xara  tag  iogtäg  statt^  wie 
sich  auf  der  ieria  xoivri  die  gemeinsamen  d'vöiat  vollzogen.  Denn 
gememsam  waren  diese  ^6cai,  indem  die  ^gdtgai  den  von  den 
Corionen  vollzogenen  Opfern  beiwohnten,  welche  ano^SQiöd'Btöai 
9v6üu  eben  die  ihnen  aus  ihrer  ältesten  Sonderäxistenz  über- 
kommenen Spezialgottesdienste  waren.  ^) 

Gleich  dem  Varro  und  dem  Verrius  deutet  auch  Dionysius 
nicht  mit  einem  Worte  an,  dafs  er  bei  den  so  eingehend  geschil- 
derten Sonderlokalen  nur  an  verschiedene  Säle  oder  Zimmer  eines 
Gebäudes  denkt*):  man  kann  seine  Darstellung  nur  so  verstehen, 
dafs  er  wirklich  verschiedene  Gebäude,  wenn  auch  natürlich  ge- 
ringen Umfangs,  im  Sinne  hat  Beruft  er  sich  für  seine  Schil- 
derungen auf  sein  eigenes  Sehen  und  läfst  er  die  delnva  xal 
tfÄOvdag  iv  Ugatg  olxiaig  vollziehen^),  so  kann  auch  dieser  Aus- 
druck nur  von  der  Mehrzahl  von  Gebäuden  d.  i.  Curiae  verstan- 
den werden,  welche  als  Eultlokale  fungieren.  Zur  vollen  Gewifs- 
heit  wird  das  für  jeden,  der  sich  nicht  absichtlich  dem  Verständ- 
m  verschliefsen  will,  durch  die  Äufserung  des  Dionysius,  die  er 
in  Bezug  auf  die  erste  Errichtung  der  Eurien  macht:  denn  die 
Worte  iv  ixdatTj  täv  XQidxovta  (fgatgäv  [dQvöä^svog  iöriav 
^'  fig  i^vov  oC  (pQazQtstg^)  sind  ein  vollgültiger  Beweis  dafür, 
dafe  Dionysius  die  einzelnen  Eurienherde  eben  innerhalb  der 


1)  Vgl.  2,  28. 

2)  Die  Lokale  der  Veteres  und  Novae  curiae  werden  von  Dionysias 
nirgends  auch  nur  angedeutet,  was  nicht  auffallend,  da  er  nur  von  den 
Sinzelkurien  spricht:  m()glich,  dafs  er  jene  überhaupt  nicht  gekannt  hat. 
^  auf  Autopsie  sich  g^ründende  Kenntnis  der  Einzelkurien  wird  man  ihm 
^-  seiner  Quelle  jeden&lls  nicht  absprechen  können. 

S)A.O. 

4)  %  66.  Fast  geflissentlich  ist  auch  sonst  die  Hervorhebung  der  ein- 
leben Kurie  von  Seiten  des  Dionysius:  vgl.  2,  7  snamjj  (pQdtQa,  2,  23 
"^9tj  fpifdtQa,  2,  66  iv  iiukavQ  tmv  (pifutQciv  —  ISiag  xmif  <pQ€ttQuap  iütCag. 
%^  h  ändcaig  taCg  novifüttg,     2,  21  i£  indötfjg  tpQdvqetg. 


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-     208    — 

verschiedenen  Euriendistrikte  selbst  sich  denkt.  ^)  Und  am  jeden 
Zweifel  zu  heben,  dafs  seine  Darstellung  sich  nicht  etwa  nur 
auf  die  erste  Stadtorganisation  beziehe,  die  dann  aber  später  eine 
wesentliche  Änderung  erlitten  habe,  fügt  er  ferner  noch  hinzu, 
dafs  Numa  tag  filv  Idiag  ovx  i^Cvr^ös  täv  ipQaxQiäv  iöziccg. 

Hiernach  betrachte  ich  es  als  völlig  sicher^  dafe  jeder  Kurien- 
bezirk auch  seinen  Kurienherd  —  und  zwar  innerhalb  seines 
Bezirks  selbst  —  hatte.  Weder  Varro,  noch  Verrius*),  noch 
Dionysius  erwähnen  auch  nur  mit  einer  Silbe  der  Lokale  der 
Curiae  veteres  und  novae,  was  absolut  nötig  gewesen  wäre,  wenn 
sie  wirklich  die  als  gesonderte  Lokale  geschilderten  Kurienherde 
nur  als  gesonderte  Gemächer  eines  Gebäudes  hätten  bezeichnen 
wollen.  Die  30  Kurienherde  haben  innerhalb  der  30  Kurien- 
distrikte gelegen  und  jene  Lokale  der  Curiae  veteres  und  novae 
müssen  eben  einem  andern  Zwecke  gedient  haben. 

Die  Erkenntnis  dieses  eigentlichen  Zweckes,  dem  die  Lokale 
der  Veteres  und  der  Novae  Curiae  gedient  haben,  hat  sich  den 
Antiquaren,  speziell  dem  Verrius,  aus  dem  Grunde  völlig  ent- 
ziehen müssen,  weil  sie  von  der  Annahme  ausgehen,  die  Organi- 
sation der  Stadt  nach  den  dreifsig  Kurien  sei  von  der  ersten 
Gründung  der  Stadt  an  dagewesen,  welche  letztere  sie  sich  wie 
mit  einem  mächtigen  Willensakte  ihrer  Gesamtheit  nach  von 
dem  Stadtgründer  selbst  ins  Leben  gerufen  denken.  Wir  haben 
im  Gegensatze  zu  dieser  falsch  systematisierenden  Auffassung  der 
Thatsachen  die  schrittweise,  allmählich  sich  vollziehende  Ent- 
stehung der  Stadt  kennen  gelernt;  und  der  ganze  Lauf  unserer 
Untersuchung  wird  diesem  Werden  der  Stadt  aus  dem  Zusam- 
menschlufs  der  einzelnen  Kurienbezirke  zu  folgen  haben.  ^)     Die 


1)  Denn  in  der  konsequenten  Anwendung  des  Worts  tpQuzQa  für  den 
Kurienbezirk  können  die  Worte  iv  iwiaTfj  —  hxCav  nur  so  verstanden 
werden,  dafs  die  ^axCa  innerhalb  der  tpqaxQa  d.  h.  des  betr.  Bezirks  sich 
befand. 

2)  Denn  die  gelegentliche  Erwähnung  der  Veteres  curiae  von  Seiten 
des  Varro  6,  155  ist,  wie  schon  hervorgehoben,  eine  nur. beispielsweise;  die 
des  Verrius  Fest.  p.  174  aber  ist  ganz  unabhängig  von  den  £inzelkurien, 
wie  wir  sogleich  sehen  werden. 

3)  Lange  sagt  Rom.  Altert  1,  275:  „was  die  Kurien  betrifiEt,  so  be- 
dai-f  es,  da  noch  niemand  bezweifelt  hat,  dafs  sie  kfinstliche  Schöpfungen 
sind,  —  des  Beweises  ihrer  künstlichen  Entstehung  nicht".  Ich  bezweifle 
diese  hier  als  selbstverständlich  vorausgesetzte  künstliche  Entstehung  ent- 
schieden.   So  gewifs  man  anzunehmen  berechtigt  ist,  dafs  die  runde  Zahl 


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—    209    — 

Giiederong  der  Stadt  nach  dreifsig  Einzelkarieii;  d.  h.  der  künst* 
liehe  and  planmäfsige  organisatorische  Afoschlnfs  einer  langen 
Ustorischen  Entwicklung,  hat  mit  den  ersten  Perioden  der  Stadt- 
entwicklnng  nichts  zu  thun:  derselbe  hat  sich  erst  in  einer  viel 
spatem  Zeit  vollzogen^  die  wir  Kap.  6  zu  behandeln  haben  wer- 
den. Indem  die  romischen  Antiquare  also  diese  Schlulsorgani- 
sation  der  Kurien  in  den  Anfang  der  Stadt  verlegen,  sind  sie  von 
YoUig  falschen  Voraussetzungen  betreffs  der  Kurien  selbst  aus- 
gegangen und  haben  demnach  auch  bei  der  Betrachtung  der 
Lokale  der  Veteres  und  der  Novae  Curiae  nicht  den  rechten 
Standpunkt  gewinnen  können.  Die  Veteres  Curiae  und  die  No- 
Tae  Curiae  sind  die  gemeinsamen  Bundes-  oder  Staatslokale  einer 
kleineren  oder  grofseren  Zahl  von  Kuriendistrikten,  die  sich  foe- 
derativ  aneinander  geschlossen  haben;  sie  entsprechen  —  als 
yeteres  und  als  novae  —  zwei  durchaus  verschiedenen  Phasen 
der  Stadtentwicklung.  In  den  gemeinsamen  Sacra  der  Veteres 
Curiae  kommt  das  Bundesverhaltnis  einer  kleineren  Zahl  von 
Gemeinden  zum  Ausdruck,  welches  einer  älteren  Periode  der 
Stadtentwicklung  entspricht;  in  den  gemeinsamen  Sacra  der  No- 
vae Curiae  tritt  diesem  älteren  Bundesverhältnis,  welches  einst 
mafsgebend  und  bestimmend  gevyesen  war,  dasjenige  der  abge- 
schlossenen Kurienorganisation  gegenüber,  welche  eben  einer 
spateren  Periode  der  Stadtgeschichte  angehört.  In  diesen  Lo- 
kaleu  finden  also  die  gemeinsamen  Bundessacra  gegenüber  den 
Einzelsacra  der  Einzelkurien  statt;  sie  haben  den  Zweck,  diesen 
Sonderkulten  gegenüber  den  Gedanken  der,  alle  Einzelgemeinden 
gleichmäfsig  verbindenden,  alle  Einzelkulte  beherrschenden  ein- 
heitlichen Bundes-  oder  Staatssacra  zum  Ausdruck  zu  bringen. 
Die  Lokale  und  Kulte  der  Veteres  und  Novae  Curiae   schliefsen 


I>rei£dg  nicht  ohne  künstliche  Nachhülfe  eines  politischen  Organisators  ent- 
itanden  ist,  so  sicher  ist  anderseits,  dais  die  Mehrzahl  der  Kurien  —  und 
speziell  die  älteren  —  einst  selbständigen  Dorfgemeinden  entsprechen.  Nur 
wer  auf  dem  Standpunkte  steht,  die  Einteilung  von  Stadt  und  Burgerschaft 
in  dreilkig  Kurien  als  in  einem  Akte  vollzogen  anzunehmen,  kann  der  An- 
sicht sein,  diese  seien  eine  künstliche  SchOpfang:  wer,  wie  wir,  die  ganze 
Stadtgescbichte  als  ein  Aneinanderschliefsen  von  einst  selbständigen  Dorf- 
gemeinden fjafsty  die  nun  als  Curiae,  als  Stadtdistrikte,  in  dem  städtischen 
Olgaaismus  weiter  leben,  wird  sich  nie  davon  überzeugen  können,  dafs  die 
Coriae  —  prinzipiell  —  künstlich  geschaffene  Kreise  sind.  Betreffs  der 
ibechlielsenden  Organisation  nach  den  30  Curiae  verweise  ich  noch  einmal 
aof  Kap.  6. 

Gilbert,  Gcscfa.  u.  Topogr.  Borna.  14 

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—     210    — 

demnaob  nicht  die  Existenz  der  Einzelkurien  mit  ihren  Einzel- 
Sacra  aus,  sondern  sie  setzen  die  letzteren  geradezu  voraus. 

Sehen  wir  uns  von  diesem  Standpunkte  aus  den  Artikel  des 
Festus  noch  einmal  genauer  an,  so  gewinnen  wir  denn  auch  leicht 
die  Überzeugung,  dafs  die  hier  geschilderten  Lokale  der  Veteres 
und  der  Novae  Guriae  nichts  mit  den  Einzelkurien  zu  thun  haben.  ^) 
Man  muTs  sich  aber  hüten,  die  ganze  Summe  der  hier  gemachten 
Angaben  auf  guten  Glauben  hinzunehmen,  sondern  muTs  zu  schei- 
den wissen,  was  thatsächlich  und  was  etymologischer  Schlufs. 
Wird  durch  die  Charakterisierung  der  Veteres  Curiae  als  a  Ro- 
mulo  factae  übe  is  populum  et  sacra  in  partis  triginta  distri- 


1)  Man  nimmt  gew()hnlich  an,  dafs  in  den  Lokalen  der  Veteres  und 
der  Novae  Curiae  Versammlungen  der  Curiales  aller  Curiae  stattfanden:  es 
läfst  sich  das  aber  nirgends  erkennen  oder  nachweisen.  Ebenso  knüpfen 
die  Kurienfeste  ^—  über  die  Kap.  6  zu  vergl.  —  nirgends  an  jene  Lokale 
selbst  an,  sondern  spielen  sich,  wenn  und  wo  das  Gemeinsame  der  Curiae 
hervorgehoben  werden  soll,  an  das  Forum,  an  das  Kapitol  etc.  an.  Die 
Opfer  und  Kulthandlungen  in  diesen  gemeinsamen  Lokalen  fanden  eben  von 
den  Curiones  für  die  Kurien  statt.  Die  einzige  Notiz,  die  im  entgegen- 
gesetzten Sinne,  d.  h.  so  gedeutet  werden  kann,  dafa  sie  sich  anf  das  Lokal 
der  Veteres  oder  Novae  Curiae  beziehen  würde,  bietet  Ovid  Fast.  4,  629  ff., 
wo  die  Worte,  die  er  von  den  Opfern  der  Fordicidia  gebraucht:  ter  denas 
curia  vaccas  accipit  et  largo  sparsa  cruore  madet  diese  Deutung  zu  ge- 
statten oder  zu  verlangen  scheinen.  Denn  der  Singular  kannte  eben  als 
auf  das  gemeinsame  Lokal  aller  Kurien  —  wie  man  die  Lokale  der  Veteres 
und  der  Novae  curiae  gewöhnlich  fafst  —  sich  beziehend  erklärt  werden. 
Dafs  der  Ausdruck  hier  aber  kollektivisch  steht,  wird  bei  genauerer  Er- 
wägung der  Angabe  nicht  verborgen  bleiben  können.  Denn  auf  ein  Lokal 
kann  sich  der  Ausdruck  auf  keinen  Fall  bezichen,  da  Ovid  jedenfalls  schon 
die  beiden  Lokale  der  veteres  nnd  der  novae  curiae  kennt,  von  denen  er 
das  erstere  Fast.  3,  140  prisca  curia  nennt.  Und  da  er  ausdrückh'ch  alle 
dreifsig  Kurien  hervorhebt,  so  hätte  er  auch  beide  genannten  Lokale  ver- 
stehen müssen,  da  erst  die  Vereinigung  der  in  dem  einen  und  der  in  dem 
andern  vertretenen  Kurien  die  DreiCsigzahl  ergiebt.  Müssen  wir  demnach 
den  Ausdruck  curia,  den  Ovid  hier  gebraucht,  auf  wenigstens  zwei  Lokale 
beziehen ,  so  folgt  daraus ,  dafs  wir  ihn  überhaupt  kollektivisch  zu  fassen 
haben;  und  dann  ht  er  in  der  unmittelbaren  Verbindung  mit  ter  denas 
vaccas  accipit  (curia)  jedenfalls  viel  leichter  und  natürlicher  auf  die  30  £in- 
zelkurien  zu  beziehen.  Es  fand  also  in  jedem  einzelnen  der  30  Kurienkult- 
lokale  das  Opfer  je  einer  Kuh  statt.  Die  Angabe  des  Macrobius  aber  1, 
12,  6  eodem  (Martio)  quoque  ingrediente  mense  tam  in  regia  curiisque 
atque  flaminum  domibus  laureae  veteres  novis  laureis  mutabantur  bezieht 
sich  zweifellos  auf  alle  Kurien,  d.  h.  die  dreüsig  Einzelkurien  und  die 
Gesamtkurien. 


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-     211     - 

Iraerat^)  von  vornherein  unserer  Auffassung  der  Standpunkt  ge- 
wiesen, dafs  es  sieh  hier  um  sagenhafte  Dinge ,  nicht  um  be- 
kaimte  Thatsachen  einer  späteren  Zeit  handelt,  so  sind  wir  be- 
rechtigt wie  verpflichtet,  das  wirklich  Thatsächliche  dieses  Be- 
richts von  dem  Gemachten  oder  nur  Geschlossenen  desselben  aus- 
einander zu  halten.  Das  Thatsächliche,  was  wir  dem  Festus  ent- 
nehmen, ist  die  Existenz  zweier  Gebäude,  in  deren  einem  Sacra 
für  4  oder  7,  in  deren  anderem  Sacra  für  26  oder  23  Kurien 
sich  vollzogen.  Alles  andere  ist  etymologischer  Schlufs.^)  Aus- 
gehend von  der  die  ganze  römische  Geschichtsauffassung  beherr- 
schenden Annahme,  dafs  die  gesamte  Eurienorganisation ,  die 
Teilung  von  Stadt  und  Bürgerschaft  in  30  Teile,  an  der  Spitze 
der  Stadtgeschichte  ihren  Platz  habe,  hat  Verrius  die  Namen 
Veteres  und  Novae  Curiae  auf  seine  Weise  sich  zu  deuten  ge- 
sucht. Aus  der  gegensätzlichen  Bezeichnung  der  Lokale  als  ve- 
teres und  novae  ergab  sich  für  ihn  der  Schlufs,  dafs  jenes  das 
alte,  ursprüngliche,  dieses  das  neue,  spätere  war,  bestimmt  an  die 
Stelle  jenes  zu  treten;  aus  dem  Umstände,  dafs  in  diesem  neuen 
Lokale  nicht  alle  Kuriendistrikte  vertreten  waren,  schlofs  er  so- 
dann weiter,  dafs  jene  nicht  vertretenen  nicht  mit  hatten  Über- 
riedeln wollen.*)  Der  Neubau  eines  der  Sage  nach  von  König 
Romulus  gegründeten  hochheiligen  Kultlokals  an  einer  von  der 
alten  durchaus  verschiedenen   Stelle*)  mufs  von  vornherein  als 

1)  Dafs  der  Artikel  selbst  aof  einem  sehr  ungecaaen  Ezeerpt  des  Fe- 
ttos  beruht,  ist  klar.  Denn  von  dem  Lokale  der  veteres  curiae  zu  sagen: 
übe  ifl  (Romulus)  populum  —  in  partis  triginta  distribuerat,  ist  mindestens 
tmgeschickt.  Vielleicht  haben  wir  diesen  ganzen  Satz  als  später  eingeflickt 
aniusehen,  wie  auch  der  andere  Artikel  pag.  49  über  die  Kurien  später 
bearbeitet  und  erweitert  worden  ist,  welche  Erweiterung  man  hier  zufilllig 
nachweisen  kano.  Auch  in  diesem  letzteren  Artikel  kommt  ein  ganz  ähn- 
licher Satz  vor,  wie  der  oben  angeführte:  vgl.  S.  199. 

2)  Insofern  unterscheidet  sich  dieser  Artikel  in  nichts  von  hundert 
andern  voll  ähnlicher  etymologischer  Kombinationen. 

3)  Diese  Angabe,  dafs  die  angeblich  zurückbleibenden  Kurien  ihre 
Sacra  als  Motiv  ihrer  Weigerung  überzusiedeln  angeführt  hätten,  welche 
Sacra  sich  eben  nicht  evocieren  lassen  wollten,  kann  sehr  wohl  auf  guter 
Tradition  beruhen.  Denn  wir  dürfen  es  als  sicher  ansehen,  dafs  das  Lokal 
der  Novae  Curiae  von  vornherein  zu  dem  Zwecke  errichtet  war,  gemein- 
same Sacra  für  sämtliche  Kurien  aufzunehmen.  Die  Ausschliefsung  der 
sogenannten  veteres  mufs  man  als  Konzession  an  diese  selbst  fassen,  welche 
dannteine  Sonderstellung  für  sich  beanspruchten  und  erhielten:  vgl.  Kap.  6. 

4)  Das  Lokal  der  Novae  Curiae  wird  auf  keinen  Erbauer  zurückgeführt 

U* 

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im  höchsten  Grade  unwahrscheinlich  bezeichnet  werden:  denn 
solche  durch  Alter  geweihten  Kultstätten  sind  vor  allem  durch 
die  Stelle  selbst^  an  der  sie  sich  befinden;  und  mit  der  sie  dem 
Glauben  nach  innerlich  und  wesentlich  verbunden  sind;  geheiligt 
und  dürfen  nicht  willkürlich  verpflanzt  werden.  Der  Ausdruck 
sodann  Veteres  curiae,  Novae  curiae  für  ein  Gebäude  zeigt;  dafs 
es  nicht  die  Lokale  selbst  sind;  welche  durch  den  Zusatz  vetereS; 
novae  charakterisiert  und  einander  gegenübergestellt;  sondern  dafs 
es  die  in  diesem  Lokal  sakral  geeinten  und  gepflegten  Kurien- 
distrikte  sind;  welche  als  veteres  resp.  als  novae  gekennzeichnet 
werden  sollen.  Der  Zusatz  veteres  hat  demnach  ursprünglich 
nur  die  Kurien  selbst;  deren  Sacra  in  diesem  Lokale  der  Veteres 
curiae  gepflegt  wurden,  charakterisiert:  sie  sind  ;,die  alten"  und 
schon  daraus  geht  hervor;  dafs  sie  nicht  als  dreifsig;  sondern 
nur  in  beschränkter  Zahl  verstanden  werden  können,  eben  weil 
sonst  überhaupt  kein  Gegensatz  zwischen  den  ;;alten''  und  den 
;;Ueuen"  Kurien  möglich  wäre. 

Wie  im  Vestaheiligtume  die  Sacra  für  die  ganze  Stadt  sich 
vollzogen;  ohne  dafs  dafür  ein  besonders  grofser  Raum  des  Tem- 
pels selbst  erforderlich  war;  so  sind  auch  auf  dem  beschränkten 
Räume  der  Novae  und  dem  noch  beschränkteren*)  der  Veteres 
curiae  die  gemeinsamen  Sacra  für  diejenigen  KurieU;  die  sich  in 
diesen  Lokalen  einen  Raum  zum  Ausdruck  ihrer  Gemeinsamkeit 
und  Zusammengehörigkeit  geschaffen  hatten,  ohne  Zweifel  von 
deren  Curionen  und  Opferdienem  gepflegt  worden  und  die  Gröfse 
der  Lokale  ist  von  der  Zahl  der  an  ihnen  teilnehmenden  und  zu 
ihnen  gehörenden  Kurien  ganz  unabhängig.  Die  beschränkte 
Zahl  von  vier  oder  sieben  KurieU;  die  in  dem  Lokale  der  Veteres 
Curiae  ihre  gemeinsamen  Sacra  pflegten,  ist  daher  nicht  auf  die 


und  schon  daraus  geht  hervor,  dafs  wir  in  demselben  nicht  etwa  einen  Bau 
ans  der  Zeit  der  Bepublik  zu  sehen  haben:  er  ist  ebenso  namenlos,  wie  das 
der  veteres;  denn  dals  dieses  auf  Romnlas  zurückgeführt  wird,  besagt  nichts. 
1)  Dafs  das  Lokal  der  Veteres  Curiae  wirklich  kleiner  war  als  das 
der  Novae,  darf  man  mit  Sicherheit  der  Angabe  des  Festus  selbst  entlehnen: 
denn  sonst  wäre  die  ganze  Schlufsfolgerung,  wie  sie  bei  ihm  erscheint, 
nicht  möglich  gewesen.  Aber  das  beweist  nichts.  Wenn  in  dem  einen 
nur  die  Guriones  und  Opferdiener  von  7,  in  dem  andern  die  von  23  Kurien 
zu  funktionieren  hatten,  so  ergab  es  sich  von  selbst,  das  eine  Gebäude 
gröfser  als  das  andere  zu  bauen.  Im  übrigen  haben  wir  in  beiden  —  na- 
mentlich freilich  in  dem  kleineren  —  HeiligtQmer  sehr  geringen  Umfangs 
zu  sehen. 


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—     213     — 

späte  Willkür  einiger  Kurien  zurückzuführen^  die  das  altgewohnte 
Lokal  nicht  verlassen  wollten,  wahrend  die  gröfsere  Mehrzahl 
das  neuerbaute  vorzog:  sondern  sie  ist  die  ursprüngliche,  mit 
dem  Lokale  selbst  innerlich  aufs  engste  verbundene,  die  als  solche 
eine  ganz  hervorragende  Bedeutung  für  sich  beansprucht. 

So  tritt  denn  die  Frage  noch  einmal  dringender  an  uns  heran, 
ob  wir  in  dem  Lokale  der  Veteres  Curiae  die  Sacra  von  vier 
oder  von  sieben  Kurien  anzunehmen  haben.  Meiner  Ansicht  nach 
kann  hierüber  nur  die  Lage  des  Lokals  selbst  entscheiden:  denn 
bei  der  wesentlichen  Bedeutung,  die  im  römischen  Sakralrechte 
dem  Lokale  zukommt,  können  wir  nicht  zweifeln,  dafs  auch  das 
alte  Kurienlokal  seiner  Lage  nach  in  engster  Wechselbeziehung 
zu  denjenigen  Kurienbezirken  gestanden  haben  wird,  die  in  dem- 
selben zu  gemeinsamen  Sacra  verbunden  waren.  Wären  nur  die 
vier  namentlich  genannten  Kurien  in  dem  Lokale  der  Veteres 
Curiae  vereinigt  gewesen,  so  würde  die  Beziehung  desselben  auf 
die  palatinische  Stadt  unabweislich  sein:  denn  die  drei  Curiae 
Foriensis,  Velitia,  Veliensis  haben  wir  als  identisch  mit  den  drei 
ältesten  Gemeinden  oder  Montes  des  Palatium,  des  Cermalus,  der 
Velia  kennen  gelernt;  und  in  diesem  Falle  würde  der  vierte 
Name  Rapta  sich  gut  auf  eine  vierte,  mit  Gewalt  dem  Bunde 
hinzugefügte  Gemeinde  —  wobei  man  etwa  an  die  Subura  denken 
konnte  —  deuten  lassen.  Bei  dieser  Beziehung  des  alten  Kurien- 
lokals würde  aber  die  Lage  desselben  ganz  unverstandlich  blei- 
ben: denn  genau  an  der  äufsersten  Grenze  des  Gebiets  der  pa- 
latinischen  Stadt  liegend,  würde  dieses  Gebäude  in  der  denkbar 
unzutreffendsten  Weise  den  Gedanken  eines  centralen  Bundes- 
lokals zum  Ausdruck  bringen. 

Das  Lokal  der  Veteres  Curiae  kann  nur  verstanden  werden 
als  das  Bundesheiligtum  des  Septimontium.  Unmittelbar  auf  der 
Grenze  des  beiderseitigen  Gebiets,  der  palatinischen  Stadt  einer-, 
der  esquilinischen  anderseits,  liegend^),  ist  diese  Kultstätte  dazu 


1)  Ich  habe  oben  S.  130  heryorgehoben,  dafs  die  Lage  der  Curiae 
▼eteres  durch  den  Prozessionszug  der  Luperci  bestimmt  wird,  die  au  den 
Cnriae  veteres  ihre  Wendung  nach  W.  zum  sacellum  Lamm  machen,  hier 
slso  die  Sacra  Via  betreten  müssen,  weshalb  ich  die  Curiae  veteres  an  dem 
äu£jerBten  östlichen  Punkte  der  Sacra  Via  —  der  heutigen  Meta  Sudans  — 
ftMetxe.  Genaueres  über  den  Lauf  der  Sacra  Via  sogleich.  Sowohl  Becker 
100,  wie  Preller  Hegg.  187,  wie  Joi^dan  1,  1.  165  und  annähernd  auch  Lan- 
ciaoi  Gaida  2S  verlegen  die   Curiae  veteres  deshalb  im  ganzen   richtig  in 


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bestimmt  gewesen,  der  Pflege  gemeinsamer  Sacra  zu  dienen, 
welche  die  beiden  Kreise  der  palatinischen  wie  der  esquilinischen 
Gemeinden  zu  engem^  Bunde  vereinigte.  Wie  wir  daher  auch 
die  Differenz  zwischen  der  ausdrücklich  genaimten  Siebenzahl 
der  in  diesem  Lokale  vertretenen  Kurien  und  den  vier  Namen 
erklären  wollen^),  von  Haus  aus  kann  das  Gebäude  in  der  That 
nur  für  die  sieben  Gemeinden  des  Septimontium  gedient  haben, 
die  in  ihm  eine  Kultstätte  schufen,  welche  dazu  bestimmt  war, 
sowohl  den  Sonderkulten  der  Einzelkurien,  wie  der  beiden  Stadt- 
kreise gegenüber,  gemeinsame  Sacra  aller  zu  pflegen« 

Die  Lage  der  Veteres  Curiae  an  der  Sacra  Via  führt  uns 
mit  Notwendigkeit  zur  Betrachtung  dieser  selbst.  Es  ist  schon 
öfter  auf  den  eigentümlichen  Umstand  aufmerksam  gemacht  wor- 
den, dafs  nur  zwei  Straüsen  in  Rom  Viae  heifsen^),  während  alle 
übrigen  durch  vicus,  clivus,  angiportus   etc.  bezeichnet   werden. 


die  Nähe  des  Konetantinbogens.  Andreas  Fulvius  sagt  de  urb.  antiquitt. 
p.  307  „curia  autem  vetus  fuit  in  angulo  Palatii  versus  Colosseum,  ut  qui- 
dam  tradunt":  und  diese  Ansetzung  halte  ich  für  die  richtigste,  obgleich 
ja  auch  die  „unweit  des  Eonstantinbogens^^  zutrifft.  *Die  Curiae  veteres 
haben  meiner  Ansicht  nach,  wie  bemerkt,  an  der  Sacra  Via  selbst  gelegen, 
die  bis  unmittelbar  vor  den  Eonstantinbogen  sich  fortsetzte,  um  von  hier 
nach  den  Carinae  zu  abzubiegen. 

1)  Auch  Jordan  1,  1.  191  f.  sagt,  „ich  denke  eher  an  Ausfall,  als  an 
Änderung  von  septem",  läfst  also  in  den  Curiae  veteres  sieben  Kurien  ver- 
einigt sein.  In  dem  Falle  ist  der  Gedanke  an  das  Septimontium  von  selbst 
gegeben,  da  drei  der  überlieferten  Namen  mit  drei  Montes  übereinstimmen 
und  der  vierte  ein  solcher  ist,  dafs  er  die  Beziehung  auf  einen  der  übrigen 
Montes  keineswegs  ausschliefst.  Nur  vertreten  die  sieben  hier  vereinigten 
Kurien  eine  schon  entwickeltere  Phase  als  die  Montes.  Jedenfalls  aber 
bleibt  es  sehr  beachtenswert,  dafs  bei  der  Gründung  dieses  Bundeslokals 
die  Einzelgemeinden  noch  als  solche  —  nicht  etwa  als  die  beiden  Stadt- 
kreise, unter  die  sie  sich  gleichfalls  zusammenschlössen  —  erscheinen.  Man 
ersieht  daraus,  wie  zäh  sich  der  alte  Dorfcharakter  der  Stadt  und  ihrer 
Teile  namentlich  im  Sakralrechte  erhalten  hat. 

2)  Vgl.  Jordan  in  Mem.  deir  Inst.  2,  288  ff.,  der  freilich  diesen  Um- 
stand so  erklärt:  hae  viae  antiquissimis  temporibus  solae  videntur  lapidi- 
bus  stratae  esse  quippe  quae  sacris  usibus  pompisve  inservirent.  Ich  glaabe, 
dafs  der  Grund  dieser  konstanten  Benennung  gerade  dieser  beiden  Strafsen 
ein  tieferer,  in  dem  Wesen  und  Zwecke  gerade  dieser  Strafsen  selbst  lie- 
gender sein  mufs.  Für  Rom  leidet  die  Beobachtung  über  den  Gebrauch 
des  Worts  Via  keine  Ausnahme:  denn  die  Via  lata,  tecta  u.  a.  befanden 
sich  bei  ihrer  Anlage  aufserhalb  der  Stadt.  Auf  den  eigentümlichen  Um- 
stand, dafs  bei  der  Sacra  wie  Nova  Via  der  Gebrauch  stets  das  Adjektiv 


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Via  ist  eine  Landstrafse;  vicus  eine  Stadtgasse  ^):  aus  dem  Um- 
stände^  dals  im  innersten  Herzen   der  Stadt    zwei   Landstrafsen 


Toraufetellt,  wodurch  Sacra  Via,  Nova  Via  wie  Nomina  propria  erscbeineo, 
macht  Jordan  1,  1,  613  f.  aufmerksam. 

1)  Nissen  Pomp.  Studd.  handelt  516  ff.  über  die  Siralsen ;  man  ersieht 
daraus  ^ber  nichts  über  die  ursprüngliche  wesentliche  Differenz  zwischen 
Via  und  anderen  Strafsenbezeichnungen.  Varro  leitet  1.  1.  5,  22.  35  via 
a  vebendo  ab;  seine  Angabe  l.  1.  5,  145  vici  a  via  quod  ex  utraque  parte 
viae  sunt  aedificia  kann  schwerlich  dafür  angeführt  werden,  dafs  die  via 
speziell  mit  Ansiedlungen ,  sei  es  Dörfern,  sei  es  Städten,  in  Verbindung 
lieht;  denn  jene  Zusammenbringung  von  via  und  vicus  ist  offenbar  der 
E^ologie  EU  Liebe  gemacht.  Via  heifst  ganz  allgemein  „Weg";  wo  das 
Wort  aber  in  technischer  Bedeutung  gebraucht  wird,  ist  der  Begriff  der 
„Landstrasse"  mit  ihr  verbunden.  Dafs  für  diese  aber  schon  in  einer  ur- 
alten Zeit  die  Pflasterung  das  unterscheidende  Moment  gebildet  habe,  ist 
ganz  unglaublich.  Bei  dem  späten  Beginn  der  Pflasterung  in  Rom  über- 
haupt (vgl.  Nissen  Pomp.  Studd.  519  f.)  ist  es  einfach  unmöglich  anzuneh- 
men, dais  so  alte  Strafsen  wie  die  Via  Salaria  —  die  „Salzstrafse'*,  die  zur 
Verbindung  der  Binnenlande  mit  dem  Meere  und  dem  aus  diesem  gewon- 
nenen Salze  diente  —  u.  a.  sich  dadurch  von  andern  Strafsen  unterschieden, 
dafe  sie  gepflastert  waren.  Die  Sacra  Via  und  nicht  minder  die  Nova  Via 
liegen  ihrer  Entstehung  nach  weit  vor  dem  Termine  der  ersten  Pflasterung 
ia  Rom.  Denn  wenn  (vgl.  Mommsen  Hermes  12,  486  ff.)  im  J.  174  v.  Chr. 
ent  die  Pflasterung  der  mit  den  Chausseen  aufserhalb  der  Stadt  in  unmittel- 
barer Verbindung  stehenden  Hauptstrafsen  Roms  selbst  erfolgte  und  in 
diedem  Jahre  sogar  erst  der  clivus  Capitolinus  gepflastert  wurde,  so  ist  das, 
denke  ich,  ein  untrügliches  Zeichen  dafür,  dafs  die  jedenfalls  doch  hoch 
in  die  Königszeit  ihrer  ersten  Anlage  nach  hinaufreichenden  Sacra  und 
Nova  Via  nicht  von  der  Pflasterung  ihre  sie  von  den  übrigen  Strafsen  der 
Stadt  unterscheidende  Bezeichnung  erhalten  haben.  Auch  ein  sakrales  Mo- 
ment kann  hierfür  angeführt  werden.  Denn  wenn  gerade  für  das  Fest  des 
Septimontium  das  sakrale  Verbot  existierte  (vgl.  Plutarch  Q.  R.  69),  kein 
Fohrwerk  zu  gebrauchen ,  so  ersieht  man  daraus ,  dafs  in  jener  Zeit  —  die 
dorch  das  Fest  des  Septimontium  selbst,  wenn  auch  nur  für  Stunden,  wieder 
ins  Leben  zurückgerufen  werden  sollte  —  überhaupt  noch  kein  Fuhrwerk 
in  allgemeinem  Gebrauch,  am  wenigsten  aber  Pflasterung  der  Strafsen  be- 
kannt war.  Wie  die  Römer  selbst  sich  der  Bedeutung  dieses  sakralen  Ver- 
bots sehr  wohl  bewufst  gewesen  sind,  da  Plutarch  im  Anschlufs  an  die 
Mitteilung  dieses  Verbots  anführt:  ivioi  tcov  *PaniaX%av  inivoovai  Suc  to 
ftijvtt  cviffifvi^ai  totg  fiigfoi  navtslöig  r^v  noXtv,  Und  doch  war,  wie  wir 
sogleich  sehen  werden,  gerade  die  Sacra  Via  die  älteste  Verbindungsstrafse 
des  Septimontium,  weshalb  der  Gebrauch  von  Fuhrwerk  auf  ihr  am  wenig- 
sten auffallen  konnte.  Und  wenn  Jordan  an  die  Pflasterung  sogar  wegen 
der  auf  diesen  Strafsen  (der  Sacra  und  Nova  Via)  stattfindenden  Prozessionen 
denkt,  so  mufs  bemerkt  werden,  dafs  für  das  älteste  römische  Sakralrecht 
die  Annahme  solcher  Rücksichten  auf  die  Bequemlichkeit  und  Reinlichkeit 


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—    216    — 

« 

sich  befinden;  darf  der  Schlafs  gezogen  werden^  dafs  ihr  Bau 
einer  Zeit  angehört,  als  die  Bezirke ,  über  die  sie  gingen ,  noch 
nicht  als  einheitliches  Stadtgebiet  galten;  sie  sind  als  die  Yer- 
bindungsstrafsen  zwischen  zwei  oder  mehreren  selbständigen  Ge- 
meinden zu  fassen.  Ergiebt  sich  das  schon  aus  dem  Namen  Via, 
so  weist  darauf  noch  viel  schlagender  ihre  nähere  Charakteri- 
sierung als  Sacra.  • 

Sacrum^)  ist  dasjenige,  was  unter  den  Schutz  der  Götter 
gestellt  ist  und  dessen  Verletzung  die  Strafe  der  Götter  und  die 
Bache  der  Menschen  herausfordert:  die  Sacra  Via  findet  nur  in  der 
Annahme  ihre  Erklärung,  dafs  sie  als  Verbindungsweg  zwischen 
zwei  oder  mehreren  Nachbarn  dadurch  speziell  geschützt  und  ge- 
sichert worden  ist,  dafs  sie  dem  Schirm  der  Götter  und  der  Auf- 
sicht der  Anwohner  selbst  übergeben  war,^) 


der  frommen  Wallfahrer  ganz  ausgeschlossen  bleiben  mufs.  Der  Grand 
dafür,  dafs  alle  Landstrafsen  und  ihnen  entsprechend  auch  die  Sacra  und 
die  NoTa  Vfa  die  Bezeichnung  Via  im  Unterschiede  Ton  den  Gassen  in  den 
Städten  geführt  haben,  kann  nur  in  dem  Gegensätze  liegen,  der  zwischen 
den  einen  und  den  andern  liegt.  Danach  haben  wir  aber  ein  Recht,  die 
Sacra  und  die  Nova  Via  als  Landstrafsen  anzusehen  und  zu  behandeln. 

1)  Aelius  Gallus  sagt  bei  Festus  pag.  321:  sacrum  esse  (quod)  quo- 
cumque  modo  atque  instituto  civitatis  consecratum  sit,  sive  aedis,  sive  ara, 
sive  Signum,  sive  locum,  sive  pecunia,  sive  quid  aliud  quod  dis  dedicatum 
atque  consecratum  sit;  ähnlich  heifst  es  bei  Fest.  p.  318  sacrosanctum  dl- 
citur,  quod  iure  iurando  interposito  est  institutum,  si  quis  id  violasset,  ufc 
morte  poenas  penderet.  War  die  Strafse  selbst  in  den  Schutz  der  Götter 
gestellt,*  so  war  es  auch  der,  welcher  sich  auf  ihr  befand,  und  jede  Ver- 
letzung desselben  war  eine  Verletzung  der  sacrata  lex  (vgl.  Festus  a.  0. 
Sacratae  leges  simt,  quibus  sanctum  est,  qui  quid  adversus  eas  fecerit,  sacer 
alicui  deorum  sit  cum  (statt  des  hdscbr.  sicut)  familia,  pecuniaque),  wo- 
durch der  Verletzende  selbac  sacer  wurde  und  damit  zugleich  jeder  das 
Recht  erhielt,  denselben,  ohne  der  Strafe  und  Rache  sich  auszusetzen,  su 
töten.  Vgl.  Fest.  a.  0. :  homo  sacer  is  est,  quem  populus  iudicavit  ob  male- 
ficium;  neque  fas  est  eum  immolari,  sed,  qui  occidit,  parricidi  non  damna- 
tur.  Wo  aber  die  ausdrückliche  Strafbestimmung  si  quis  id  violasset  ut 
morte  poenas  penderet  von  vornherein  festgestellt  war,  bedurfte  es  nicht 
erst  dieser  iudicatio,  sondern  jeder  konnte  den  Verletzer  der  res  sacrosancta 
oder  Sacra  töten,  ohne  sich  dadurch  des  parricidium  schuldig  zu  machen. 

2)  Als  die  Götter,  deren  Schutze  die  Sicherheit  dieser  Strafse  über- 
wiesen war,  haben  wir  speziell  Jupiter  und  Juno  anzusehen,  die  wir  nicht 
allein  als  die  eigentlichen  Bundes-  und  Schutzgötter  des  Septimontinm  ken- 
nen lernen  werden,  sondern  die  durch  die  eigene  in  jedem  Monat  sich  wie- 
derholende Benutzung  der  Strafse  auf  ihren  Prozessionen  dieselbe  geradezu 
zu  der  ihren  erklärten. 


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-     217     - 

Über  den  Lauf  der  Sacra  Via  haben  wir  zwei  wichtige  An- 
gaben, die  ich  hier  nach  ihrem  ganzen  Wortlaut  wiedergebe. 
Varro')  berichtet  folgendes:  Carinae  pote  a  cerimonia*)  quod 
hioc  oritur  caput  Sacrae  Viae  ab  Streniae  sacello,  quae  pertinet 
in  Arcem,  qua  sacra  quotquot  mensibus  feruntur  in  Arcem  et 
per  quam  Augures  ex  Arce  profecti  solent  inaugurare.  Huius 
Sacrae  Yiae  pars  haec  sola  volgo  nota  quae  est  a  foro  eunti 
primore  clivo.  Festus^  sodann  bestätigt  diesen  Lauf  durch  fol- 
gende Angabe:  Sacram  viam  quidam  appellatam  esse  existimant 
qnod  in  ea  foedus  ictum  sit  inter  Romulum  ac  Tatium^  quidam 
quod  eo  itinere  utantur  sacerdotes  idulium  sacrorum  conficien- 
dorum  causa,  itaque  ne  eatenus  quidem,  ut  yulgus  opinatur,  sacra 
appellanda  est  a  Regia  ad  domum  Regis  sacrificuli,  sed  etiam  a 
fiegis  domo  ad  sacellum  Streniae  et  rursus  a  Regia  usque  in 
arcem.  Es  haftete  also  der  Name  Sacra  via  speziell  allerdings, 
an  der  Strecke  vom  Hause  des  Rex  sacrorum  bis  zur  Regia,  doch 
waren  nicht  minder  zu  ihr  gehörig  sowohl  die  Strecke  vom  Hause 
des  Rex  sacrorum  bis  zum  sacellum  Streniae,  als  von  der  Regia 
bis  zur  Arx:  der  Anfangs-  resp.  Endpunkt  der  Sacra  via  war 
demnach  das  sacellum  Streniae  und  die  Arx.*) 

Was  das  erstere  betrifiPt,  so  ersehen  wir  aus  den  angeführ- 
ten Worten  Varros  nur,  dafs  es  in  unmittelbarer  Verbindung  mit 
den  Carinae  gestanden  haben  mufs:  denn  offenbar  will  Varro  den 
Namen  der  Carinae  durch  die  cerimonia  etymologisch  erklären, 
welche  eben  an  dem  sacellum  Streniae  ihren  Anfang  nahm;  dieses 
letztere  mufs  also  doch  unmittelbar  unter  den  Carinae  selbst  ge- 
legen haben. ^)     Und   da  wir  weiter  an  der  nordöstlichen  Ecke 


1)  De  1.  1.  6,  47  f. 

2)  Jordan  schlug  2,  246  statt  des  hdschr.  postea  cerionia  vor:  forte 
a  cerimonia,  hat  dieses  aber  später  1,  1,  196  io  pote  a  caerimonia  verbes- 
sert  Letztere  Emendation  der  Stelle  halte  ich  für  zweifellos  richtig.  Cae- 
nmonia  ffir  das  hdschr.  cerionia  hatte  übrigens  schon  Becker  S.  225 
▼ennntet. 

3)  P.  290  f. 

4)  Jordan  sagt  freilich  1,  1,  2S6  „es  ist  nichts  weniger  als  ausgemacht, 
^  der  Name  derselben  (sei.  der  Sacra  Via)  in  der  von  den  Priestern  be- 
stimmten Ansdehnong  jemals  gebraucht  worden**.  Dem  gegenüber  mufd 
Wrorgehoben  werden,  dafs  die  Geltung  derselben  als  Sacra  in  ihrer  ganzen 
utgegebenen  Ausdehnung  durch  die  in  jedem  Monat  sie  beschreitende  Pro- 
»««on  anfser  jedem  Zweifel  ist. 

5)  Das  sacellum  Streniae   oder   Strennae  hängt   zweifellos  mit  dem 

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des  palatinischen  Berges  —  da,  wo  das  alte  Pomerinm  der  pala- 
tinischen  Stadt  das  Thal  zwischen  Caelius  und  Palatin  verlassend 
sich  links  wandte,  um  nun  die  Sacra  via  hinaufzusteigen  —  das 
Lokal  der  Veteres  curiae  gleichfalls  an  der  Sacra  via  kennen  ge- 
lernt haben,  so  sehen  wir,  dafs  die  Sacra  via  —  um  moderne 
Bezeichnungen  zu  gebrauchen  —  von  dem  Titusbogen  nach  der 
Meta  Sudans  in  gerader  Richtung  weiterlief,  um  von  hier  aus 
sich  in  mehr  oder  weniger  rechtem  Winkel  gegen  die  Carinae  zu- 
zuwenden. In  dieser  ihrer  ausdrücklich  von  Varro  bezeugten 
Richtung  auf  die  Carinae  zu  können  wir  in  der  uralten  Sacra 
Via  nur  den  Verbindungsweg  zwischen   der  esquilinischen  Stadt 


lucus  Strenuae  zusammen,  über  welchen  Symmacbns  ep.  10,  35  sagt:  ab 
exortu  paene  urbis  Martiae  strenarum  usus  adolevit,  auctoritate  Tatü  regia, 
qui  verbenas  felicis  arboris  ex  luco  Strenuae  anni  novi  auspices  primus 
accepit.  Was  die  Verbindung  der  Strenua  mit  Tafcius  betrifft,  wie  sie  hier 
bei  Symmachus  erscheint,  so  urteilt  Jordan  bei  Preller  2,  234  über  dieselbe 
richtig,  wenn  er  sagt:  ,^natürlich  ist  weder  Strenia  noch  Salus  ursprüng- 
lich sabiniscb,  vielmehr  recht  eigentlich  römisch-latinisch."  Ich  halte  die 
Verbindung  der  Strenua  mit  Janus  für  das  echteste  Merkmal,  welches  wir 
über  jene  besitzen.  Denn  das  Fest  der  strenae  (so  hiefsen  bekanntlich  die 
Gaben,  die  man  sich  gegenseitig  zu  Anfang  des  Jahres  ominis  boni  gratis 
darbrachte,  die  noch  beute  in  den  französischen  dtrennes  erhalten  sind)  fiel 
auf  den  ersten  Januar,  Tag  und  Monat  des  Janus,  und  auch  im  einzelnen 
tritt  die  innere  Verbindung  zwischen  Janus  und  diesen  Strenae  hervor. 
Namentlich  waren  es  auch  Zweige  von  glückverheifsenden  Baumarten, 
Früchte  u.  dgl,,  welche  man  sich  schenkte,  während  der  Kult  die  Über- 
bringung von  Zweigen  aus  dem  Haine  der  Strenua  selbst  zur  Arx  vorge- 
nommen zu  haben  scheint,  worüber  vgl.  Symmach.  a.  0.  und  Lydus  de 
mens.  4,  4  q>vXXa  dl  Sdqtvri^  ididoaav,  amq  ittdXow  axQ^vUy  elg  rtfiijv  M- 
fiovog  tLvog  ovtat  nQoactyoffsvofjLSvriSy  jJTtg  iqfogog  ioti  tmv  vvKciv,  Jedenfalls 
steht  der  enge  Zusammenhang  des  Janus  mit  der  Strenua  aus  der  Verbin- 
dung dieser  mit  dem  ersten  Januar,  aus  der  Vorliebe  für  Münzen  mit  dem 
Januskopfe  —  bei  der  Auswahl  der  zu  verschenkenden  strenae  —  und  andere 
auf  Janus  selbst  bezügliche  ,  mit  seinem  Bildnis  geschmückte  Dinge  fest. 
Vgl.  Scheiffele  Beilage  1  z.  Fest-  und  Geschichtskalender  des  röm.  Volkes 
S.  15  ff.  Das  kann  uns,  glaube  ich,  einen  Anhalt  für  die  Fixierung  des  sa- 
cellum  Strenuae  geben.  Denn  irre  ich  nicht,  so  haben  wir  dasselbe  unweit 
der  porta  lanualis  selbst  zu  suchen,  bis  wohin  also  die  Sacra  Via  führte. 
Die  Überbringung  der  heiligen  Zweige  von  hier  —  aus  dem  lucus  Strenuae 
—  auf  die  Arx  (denn  das  wollen  die  Worte  des  Sjmmachus  a.  0.  Tatii 
regis,  qui  verbenas  felicis  arboris  ex  luoo  Strenuae  anni  novi  auspices  pri- 
mus accepit  besagen,  da  Tatius'  Wohnung  auf  der  Arx  war)  ist  also  genaa 
entsprechend  den  monatlich  sich  wiederholenden  Prozessionen  von  dem  sa- 
cellum  Strenuae  zur  Arx.  Der  Hain  der  Strenua  mnfs  an  dem  Westabhange 
der  Carinae  gesucht  werden. 

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-     219     - 

auf  den  Carinae  und  der  palatinischen  Stadt  erkennen.  Die  Sacra 
Via  muifl  von  den  Cnriae  veteres  ans  auf  die  Westseite  der  Cari- 
nae zu  und  weiter  an  ihr  hergelaufen  sein^  um  hier  jedenfalls 
nicht  sehr  weit  von  dem  clivus  ürbius  selbst  zu  enden.*)  Sie 
lief  zwischen  dem  Gebiete  der  Ceroliensis  und  der  Yeliensis  her^) 
nnd  schied  so  auch  äufserlich  den  esquilinischen  und  den  pala- 
tinischen Bund  von  einander:  während  sie  auf  ihren  letzten 
Strecken  unter  den  Carinae  und  am  Palatinus  selbst  das  Ge- 
biet dort  der  einen,  hier  der  andern  Stadt  überschritten  haben 
muls.  Jedenfalls  scheint  mir  au  dieser  ihrer  alten  Bedeutung 
einer  unter  den  Schutz  der  Götter  gestellten  Verbindungsstrafse 
zwischen  Esquilin  und  Palatin  kein  Zweifel  gestattet. 

Dafe  dieser  Teil  der  Sacra  Via  von  dem  Königshause  am 
Titusbogen  bis  zu  den  Curiae  veteres  und  von  diesen  bis  zum 
Sacellum  Streniae  später  dem  Bewufstsein  des  Volkes  sich  ent- 
zogen hatte,  spricht  nicht  gegen  die  Annahme,  dafs  derselbe  in 
Wirklichkeit  der  älteste  und  ursprünglichste  Teil  derselben  ge- 
wesen ist.  Wird  noch  spät  wenigstens  einmal  im  Monate  der 
ganze  Lauf  der  Sacra  Via  bis  zum  Sacellum  Streniae  in  feier- 
licher Prozession  beschritten,  so  kann  doch  kein  Zweifel  sein, 
dafs  diese  Strecke  einen  wesentlichen  Bestandteil  der  Sacra  Via 
von  Haus  aus  gebildet  hat.  Und  gerade  dadurch,  dafs  wohl  für 
die  weitere  Strecke  die  Tradition  einen  Anlafs  zu  berichten  wufste, 
indem  sie  ihre  Erbauung  auf  das  Foedus  zwischen  Romulus  und 


1)  Auf  die  Nähe  der  Sacra  Via  und  des  clivos  Urbius  weist  auch  der 
Kampf  zwischen  Sulla  und  Marius.  App.  b.  c.  1,  68  ff.  Beide  treffen  sich 
»of  der  Höbe  des  Esquilin  ns^l  xriv  Ala^vlnov  dyoQocv:  von  hier  wird 
Marias  zum  Tempel  der  Tellus,  also  den  clivus  ürbius  hinab  geworfen  (Plut. 
Soll  9  i^iaöd'slg  TCQog  x6  tijg  T^g  teQov)^  und  Sulla,  der  ihm  nachrückt,  ge- 
Isngt  so  auf  die  Sacra  Via:  o  Sh  2>6XXccg  tdzs  (ilv  ig  trjv  leyofiivriv  'isgäv 
^iw  TucQijWe.  Oros,  6, 19.  Denselben  Weg  in  umgekehrter  Richtung  macht 
Flaccus  Liv.  26,  10. 

%)  Da  die  Ceroliensis  von  Varro  5,  47  ausdrücklich  als  der  Raum 
ivisehen  Caelius  und  Carinae  bezeichnet  wird,  die  curia  Velieusis  dagegen 
gleichfalls  mit  Sicherheit  bis  hierher  von  W.  her  ausgedehnt  werden  mufs, 
CO  lief  die  Sacra  Via  von  den  Curiae  veteres  bis  zu  den  Carinae  zwischen 
beiden  Kurienbezirken  hindurch.  Und  das  mag  auch  der  Grund  gewesen 
lein,  dafs  die  Strafse  zunächst  in  gerader  Linie  südlich  lief,  um  sich  hier 
in  rechtem  Winkel  nach  W.  zu  wenden:  sie  schied  so  genau  die  beiden 
Kvienbezirke.  Noch  die  Augusteische  Regioneneinteiluug  berücksichtigt 
die«e  alten  Unterschiede:  die  Grenze  der  Regio  IV  wird  gegen  die  Regio  IH 
darch  diese  Strafse  bestimmt. 


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-     220     - 

T.  Tatias  zurückführte^  für  jene  dagegen  nicht,  darf  man  die 
Annahme  bestätigt  sehen,  dafä  der  letzteren  das  höhere  Alter 
zukommt.^) 


1)  Auf  die  Sacra  Via  wird  gewöhnlich  ein  Relief  des  lateranensischen 
Museums  bezogen^  welches  hier  nicht  unerwähnt  bleiben  darf.  Vgl.  über 
dasselbe  Benndorf  und  Schoene  die  antiken  Bildwerke  des  lateranensischen 
Museums.  Leipzig  18G7.  S.  230  ff.  Eine  Abbildung  des  Reliefs  findet  sich 
Monum.  dell*  Inst.  V,  7.  Es  sind  fünf  Gebäude  auf  demselben  dargestellt, 
die  von  rechts  nach  links  so  auf  einander  folgen:  1)  ein  tempelartiges  Ge- 
bäude mit  6  Säulen  in  der  Front,  innerhalb  welcher  —  zwischen  der  drit- 
ten und  vierten  Säule  —  eine  Nische  sich  findet,  in  der  eine  Jupiterstatue 
steht,  in  der  Rechten  den  Donnerkeil,  mit  der  Linken  ein  Szepter  auf- 
stützend; 2)  ein  Triumphbogen  mit  einem  gewölbten  Durchgang  in  der 
Mitte;  über  diesem  eine  doppelte  Attika,  in  deren  oberen  zwischen  zwei 
Kränzen  die  Inschrift  sich  findet:  ARCVS.  IN  SACRA  VIA.  SVMMA.  Die 
Mauern  links  und  rechts  Tom  Durchgang  sind  mit  zwei  stehenden  Figuren 
geschmückt,  links  Mars,  rechts  Victoria;  3)  Triumphbogen  von  aufTäliiger 
Schmalheit;  auf  dem  Bogen  eine  Quadriga.  „In  dem  Durchgang  sitzt  er- 
höht, d.  i.  etwas  höher  als  die  Säulenbaeen,  Kybele  en  face,  auf  einem  Sessel 
mit  Armlehnen,  die  Füfse  auf  einem  übereckgestellten  Schemel;  links  und 
rechts  am  Boden  neben  ihr  je  ein  kauernder  Löwe  (undeutlich).  Sie  hat 
ein  Diadem  im  Haar  und  das  Obergewand  über  den  Kopf  gezogen.  Zu  der 
erhöhten  Basis  des  Sessels  führt  eine  Treppe  hinauf;  am  FuTse  steht  über- 
eck eine  Ära  mit  brennendem  Feuer,  mit  einem  kuppeiförmigen,  schirm- 
ähnlichen Dach  überspannt.*^  4)  Andeutung  eines  Rundbaues:  Erdgeschofs 
und  zwei  Stockwerke  zu  je  drei  Bogen;  gekrönt  ist  der  ganze  Bau  mit 
einer  Art  oben  zugespitzter  Zinnen.  5)  Triumphbogen  mit  einem  Haupt- 
und  zwei  Nebeneingängen  und  der  Inschrift  in  der  Attika:  ARCVS  .  AD  . 
ISIS.  Die  gröfsere  Mehrzahl  dieser  Gebäude  ist  ohne  Schwierigkeit  zu 
identifizieren.  In  dem  sub  1)  gezeichneten  Gebäude  haben  wir  ohne  Zwei- 
fel den  Tempel  des  lupiter  Stator;  in  dem  sub  2),  dem  arcus  in^ Sacra  Via 
summa,  den  Titusbogen;  in  dem  sub  4)  das  Colosseum;  in  dem  sub  5)  einen 
namentlich  bezeichneten  Bogen  am  Isisheiligtume  zu  erkennen.  Dieses  letz- 
tere befand  sich  zwischen  Colosseum  und  der  Kirche  SS.  Quattro  coronati: 
darüber  Kap.  10  und  vorläufig  Preller  1,  293.  Jordan.  2,  265.  Dieses  letzte 
Denkmal  schlief&t  nun  den  Gedanken  an  die  Sacra  Via  entschieden  aus: 
denn  diese  endete  auf  alle  Fälle  unter  dem  Esquilin  (den  Carinae),  nicht 
aber  unter  dem  Caelius.  Das  Relief  ist  gefunden  mit  andern  Trümmern 
und  Inschriften  zusammen  an  der  Via  Labicana  (in  der  Nähe  der  Tenuta 
von  Centocelle)  und  gehört  zu  den  Gräbern  der  Gens  Hateria:  und  daraus 
geht  meiner  Ansicht  nach  bestimmt  hepvor,  wie  wir  die  bezeichneten  Ge- 
bäude aufzufassen  haben.  Sie  sollen  den  Weg  kennzeichnen,  den  der  Lei- 
chenzug von  seinem  Ausgangspunkte,  dem  Forum,  aus  bis  zu  seinem  End- 
punkte an  der  Via  Labicana,  dem  Erbbegräbnis  der  Haterii,  genommen 
hatte.  Der  durch  die  Gebäude  gekennzeichnete  Weg  föllt  danach  einem 
Teile  nach  wohl  mit  der  Sacra  Via  zusammen,  geht  aber  über  dieselbe  hin- 


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-     221     - 

So  sehen  wir  eine  Reihe  von  Dorfgemeinden  um  zwei  Mit- 
telpankte  sich  zusammen-  und  in  diesen  beiden  sich  zugleich  an 
einMider  schlie&en:  sie  bauen  eine  Verbindungsstrafse,  die  sie 
unter  den  Schutz  der  Götter  stellen;  sie  errichten  in  der  Mitte 
derselben,  auf  der  Grenzscheide  ihrer  beiden  Gebiete,  ein  Gottes- 
haus zur  Unterhaltung  gemeinsamer  Sacra,  wie  zur  Pflege  des 
Gefühls  der  Zusammengehörigkeit.  Demselben  Zwecke  hat  dann 
aaeh  das  Fest  gedient,  welches  sie  als  das  eigentliche  Bundes- 
fest eingesetzt  haben. 

Dieses  Fest,  Septimontium  oder  Septimontiale  sacrum^)  ge- 

aoB.  Der  Tempel  des  lupiter  Stator  bezeichnet  den  Ausgangspunkt  des 
Zuges,  das  Forum,  welcher,  wie  der  Titusbogen  zeigt,  zunächst  die  Sacra 
Via  beschreitet,  um  dann  von  dieser  abzubiegen  und  direkt  durch  das  zwi- 
schen Esquilin  und  Caelius  gelegene  Thal  auf  die  Via  Labicana  zuzuschrei- 
ten, wozu  sie  die  porta  CaeUmontana  (die  ich  hier  ansetze :  vgl.  Kap.  6) 
pssäieren  mufste.  Die  Gebäude  des  Colossenm  sowie  des  Isisheiligtums 
stehen  also  völlig  richtig  hier,  indem  in  der  That  der  Leichenzug  direkt 
%o  beiden  vorbei  mufste,  um  die  Via  Labicana  zu  erreichen.  Unklar  allein 
ist  der  mittelste  Bogen  sub  Nr.  3).  Ich  erkenne  in  demselben  —  es  ist  ein 
JanuBbogen  mit  einer  Quadriga  —  einen  der  von  Domitian  angestellten 
Bögen,  über  die  es  bei  Suet.  Domit.  13  heilst:  Domitianus  ianos  arcusque 
eam  qoadrigis  et  insignibus  triumphorum  per  regiones  urbis  tantos  ac  tot 
exstroxit  — .  Es  kommt  nur  darauf  an,  wo  wir  uns  denselben  zu  denken 
haben.  Eigentümlich  ist,  dais  mitten  in  dem  Bogen,  wie  auch  in  den  sub 
2)  and  6),  eine  Statue  stellt.  Diese  Statuen  sind  demnach  (vgl.  Schoene 
Qod  Benndorff  a.  0.  S.  233)  eine  Zuthat  des  Eflnstlers:  „jeder  Bogen,  wenn 
mai^  in  dieser  Weise  ihn  dekorierte,  würde  für  seinen  eigentlichen  Zweck, 
dem  Durchgang  zu  dienen,  unbrauchbar  werden.  Indes  ist  nicht  glaub- 
lich, dafs  diese  Zuthat  eine  rein  willkürliche  sei,  vielmehr,  wenn  die  Ge- 
bäude der  Sacra  Via  hier  dargestellt  sind  als  diejenigen,  an  denen  vorüber 
die  pompa  funebris  sich  bewegte,  liegt  der  Gedanke  nahe,  es  möchten  die 
ihnen  eingereihten  Götter  diejenigen  sein,  welche  in  unmittelbarer  Nähe  der 
Stialse  ihre  Heiligtümer  hatten  und  so  gewissermafsen  als  Zuschauer  an- 
wesend sein  konnten".  Ich  glaube  die  Statue  in  dem  Bogen  sub  3)  auf  den 
nicht  sehr  entfernten  Tellustempel  beziehen  zu  können^  nach  dem,  wie  wir 
oben  sahen,  der  ganze  Bezirk  an  dem  Westabbange  des  Esquilin  später  in 
tellare  hielk  Die  in  dem  Bogen  aufgestellte  Statue  bezeichnet  demnach 
die  Tellue  oder  Ceres.  Ich  setze  den  sub  3)  gezeichneten  Bogen  da  an,  wo 
der  Leichenzug  bis  unmittelbar  an  die  Carinae  auf  der  Sacra  Via  herschi*ei- 
tend,  rechts  abbog,  um  nun  unter  dem  Südabhang  des  Esquilin  hergehend 
an  dem  Colosseum  und  dem  Isisbogen  vorbei  nach  0.  dem  Thore  und  der 
^ia  Labicana  zuzustreben.  An  dieser  Stelle  stand  ein  Janusbogen  sehr 
passend. 

1)  Die  Hauptstellen  über  das  Fest  sind  Festns  p.  340;  Paul.  p.  341: 
danach  fiinden  septem  montibus  resp.  septem  locis  sacrificia  statt.    Ferner 


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—     222     — 

nannt  und  am  11.  Dezember  gefeiert,  hat  sich  bis  in  die  Kaiser- 
zeit erhalten.  Trotzdem,  wie  wir  noch  näher  sehen  werden,  die 
historischen  Verhältnisse,  die  dem  Bunde  der  sieben  Montes  za 
Grunde  liegen,  mit  der  Zeit  sich  vollständig  verändert,  ja  den 
Esquilinus  in  eine  untergeordnete,  gering  geachtete  Stellung  ge- 
bracht haben,  ist  dennoch  das  alte  Fest  mit  Zähigkeit  festgehal- 
ten, ja  hat  stets  in  hohem  Ansehen  gestanden.  Und  mehr  noch: 
die  Bewohner  der  alten  sieben  Montes  haben  sich  zu  allen  Zeiten 
als  zusammengehörig,  als  einen  besonders  hervorragenden  Teil 
unter  der  gesamten  Stadtbevölkerung  betrachtet  und  sich  dem- 
entsprechend selbst  als  montani  bezeichnet.^)  Man  mufs  sich  der 
hohen  Wichtigkeit,  die  in  diesem  Umstände  liegt,  klar  bewulst 
werden:  er  zeigt  schlagend,  dafs  der  Bund  des  Septimontium  nicht 
eine  vorübergehende  Bedeutung  gehabt  hat,  sondern  dafs  er  eine 


Fest.  p.  34S  Septimontio,  ut  ait  Antisiius  Labeo,  hisce  montibos  feriae. 
Palatio,  cui  sacrificinm  qnod  fit,  Palatoar  dicitar.  Yillae  (1.  Veliae)  coi 
item  sacrificium.  Fagaali  (1.  Fagatali),  Suburae,  Cermalo,  Oppio,  Caelio 
monti  (zu  tilgen),  Cispio  monti.  Zwei  der  sacrificia  hebt  Festus  also  be- 
stimmt  hervor  —  das  auf  dem  Palatium  dargebrachte  sogar  mit  seinem 
Sondemamen  Palatuar  — :  damit  ist  aber  keineswegs  gesagt,  dafs  dieses 
Palatuar  anf  ein  höheres  Ansehen  des  Palatinm  hinwiese;  Festns  nennt  es, 
weil  er  das  Palatinm  überhaupt  zuerst  erwilhnt.  Er  setzt  hinzu:  Veliae, 
cui  item  sacrificium,  um  dann  die  andern  Montes  ohne  besondere  Erwäh- 
nung des  sacrificium  anzureihen.  Kein  Berg  tritt  also  im  Kult,  so  weit  wir 
sehen  können,  über  die  andern  hervor,  auf  jedem  findet  ein  sacrificium  statt. 
Varros  Worte  1.  1.  5,  41  ubi  nunc  est  Roma  erat  olim  Septimontium  nomi- 
natum  ab  tot  montibus,  quos  postea  urbs  muris  comprehendit.  e  quis  Capi- 
toliam  —  zeigen,  dafs  damals  schon  Eonfnsion  betreffs  des  alten  Septimon- 
tium und  der  Septem  Montes  der  spätem  Stadt  herrschte,  und  unter 
derselben  Eonfusion  steht  auch  die  weitere  Angabe  1.  1.  6,  24  dies  Septi- 
montium nominatus  ab  his  septem  montibus  in  quis  ista  Urbs  est;  doch 
entspricht  der  weitere  Zusatz  feriae  non  populi,  sed  montanorum  modo  der 
thatsäch liehen  Beziehung  jenes  Festes.  Das  Septimontium  gehört  jedenfalls 
mit  zu  demjenigen  Teile  der  publica  sacra  (Fest.  p.  245)  quae  pro  monti- 
bus fiunt.  Über  den  Tag  siehe  Mommsen  C.  I.  L.  J,  p.  407.  Lydus  fr.  ed. 
Becker  p.  118.  Noch  Tertullian  de  idolatr.  10  erwähnt  das  Fest  als  ein 
allgemeines  Volksfest  und  auch  aus  Plut.  Q.  R.  69,  sowie  aus  Suet.  Domit  4 
erkennt  man  sowohl  den  altertümlichen  Charakter  (vgl.  oben  S.  215),  als 
das  allgemeine  Anächen,  in  dem  es  noch  im  1.  und  2.  Jahrh.  n.  Chr.  stand. 
Der  gebräuchlichere  Name  des  Festus  war  Septimontium;  bei  Sneton  a.  O. 
heifst  es  Septimontiale  sacrum. 

1)  Vgl.  oben  S.  38.    Ich  komme  Kap.  8  auf  diese  Klasse  der  Stadt- 
bevölkerung zurück. 


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-     223     - 

hoch  bedeutsame^  für  lange  Zeit  bleibende^  die  gesamte  Stadtent- 
wicklang  bestimmende  Phase  bedeutet. 

Das  Fest  selbst  trug  die  besondere  Bezeichnung  Agonia  oder 
Agonalia.^)  Dieser  verschiedenen  Festen  zukommende  Name  hat 
schon  die  Deutung  der  Alten  herausgefordert.')  Jedenfalls  darf 
es  als  sicher  bezeichnet  werden^  dafs  die  mit  diesem  Zusätze  ge- 
kennzeichneten Festtage  eine  ganz  besondere  Stellung  im  romischen 
FesÜralender  eingenommen  haben.  Welcher  besondere  Gehalt 
jedoch  gerade  diesen  Tagen  innegewohnt  hat,  ist  nicht  auf  den 
erst^  Blick  klar.  Da  mir  aber  der  etymologische  Zusammeur 
hang  des  Wortes  mit  griech.  äyciv  ganz  unabweislich  zu  sein 
sdieint,  so  sehe  ich  dieses  spezifische  Charakteristicum  des  Wor- 
tes nicht  in  einem  Opfer  oder  Feste  schlechthin  —  da  es  in 
diesem  Falle  eben  ganz  unerklärlich  bleiben  würde,  weshalb  ge- 
gerade diese  Opfer  und  Feste  unter  den  zahllosen  übrigen  Opfern 
und  Festen  so  ausgezeichnet  sein  sollten  — ,  sondern  in  einem 
Wettkampfe,  der  sich  in  oder  mit  dem  Opfer  vollzog.^)  Das 
agonistische  Moment,  welches  ich  oben  als  so  wichtig  für  den 
romischen  Kult  hervorgehoben  habe^),  findet  eben  an  den  so  ge- 


1)  Agonalia  bei  Fest.  p.  340;  Macrob.  1,  16,  6;  Lydus  fr.  ed.  Bekker 
pog.  IIS;  die  Ealendarien  haben  AG.  oder  AGON.;  andere  Septimoniinm 
oder  Septimontia. 

2)  Nach  Fest.  pag.  10:  hostiam  antiqai  agoniam  appellabant;  oder 
(das.)  agoniam  potabant  deum  dici  praesidentem  rebus  agendis  (also  von 
a^e);  siye  qoia  agones  dicebant  montes,  Agonia  sacrificia  quae  fiebant  in 
monte  (mit  Bezug  auf  das  Septimontium) ;  hinc  Romae  mous  Quiriaalis 
Agonus;  oder:  agonium  id  est  ludum  ab  hoc  dictum  quia  locus  in  quo  ludi 
ioitio  facti  sunt,  fuerit  sine  angulo  (scheinbar  also  an  a-genu  oder  yoyv 
denkend).  Ovid.  Fast.  1,  317  ff.  giebt  ähnliche  Ableitungen,  unter  denen 
besonders  die  vom  agere  des  Opfers  (agone?  fragt  der  Diener,  der  das 
Opfertier  hält)  zu  erwähnen.  Vgl.  auch  die  reiche  Glosse  des  Placidus  pag.  12 
ed.  De?erling.  Alle  diese  Deutungen  sind  nur  Schlüsse.  Schon  Bücheier 
I^xieon  Italic.  lY  scheint  das  Wort  mit  griech.  ccydif  zusammenzubringen; 
et  findet  sich  auch  im  Umbrischen,  Oskisohen  und  Marsischen  für  die  Be- 
leicbnung  eines  Festtages. 

3)  Nach  Curtius  Grundz.  d.  griech.  Etjm.'*  169  f.  hängt  griech.  dymv 
Wetikampf  mit  ofyo»  treibe  zusammen.  Das  Wort  aytov  findet  sich  aber 
Khon  in  skt.  ä-g'-i-s  Wettlauf  wieder.  Wenn  nun  selbstverständlich  lat.  ago 
nüt  griech.  ayat  identisch  ist,  so  ist  auch  zweifellos  lat.  agon  mit  seinen 
sehr  wechselnden  Endungen  in  griech.  aycav  wieder  zu  erkennen  und  gleich- 
WU  auf  einen  „Wettkampf"  zu  deuten.  Curtius  führt  dieses  Wort  —  in 
Bitten  yerschiedenen  Formen  —  nicht  mit  an. 

4)  Vgl.  S.  85. 


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-     224    — 

kennzeichneten  Opfer-  und  Festtagen  seinen  unmittelbarsten  Aus* 
druck.  Wenn  also  gerade  das  Septimontium  diese  Bezeichnung 
Agonalia  ffihrt,  so  schliefse  ich  daraus ^  dafs  von  Haus  aus  ein 
Wettkampf  mit  demselben  verbunden  war,  der  nur  zwischen  den 
Leuten  des  Esquilinus  einerseits,  des  Palatinus  anderseits  sich 
hat  vollziehen  können.^)  Im  übrigen  haben  wir  in  dem  Prozes- 
sionszuge, wie  er  an  dem  Tage  des  Septimontium  stattfand,  wieder 
eine  Lustration  zu  sehen,  die  sich  um  und  für  das  gemeinsame 
Gebiet  der  beiden  Berge  vollzog.*) 

Wenn  wir  schon  hier  sich  eine  gewisse  communio  sacrorum 
vollziehen  sehen,  welche  die  palatinische  und  esquilinische  Stadt 
enger  unter  einander  verband,  so  sind  wir  auch  sonst  nicht  ohne 
bestimmte  Anzeichen,  welche  uns  diese  sakrale  Gemeinschaft  der 
beiden  Städte  noch  klarer  erkennen  lassen.  Wir  finden  an  der 
Sacra  via  —  in  ihrem  ältesten  Teile  —  eine  Reihe  von  Gebäu- 
den, deren  Lage  unsere  volle  Aufmerksamkeit  auf  sich  zu  ziehen 
geeignet  ist.  Sehen  wir  nämlich  den  Tempel  des  lupiter  Stator, 
die  Wohnung  des  Flamen  Dialis,  die  älteste  Regia,  das  Heilig- 
tum der  Staatslaren  sämtlich  zwar  in  der  Nähe,  aber  doch  aufser- 
halb  der  Mauern  der  palatinischen  Stadt:  so  drängt  sich  uns 
unwillkürlich  die  Frage  auf,  wie  es  möglich  sei,  dafs  diese  Hei- 
ligtümer, die  wie  keine  andern  geeignet  sind,  ja  den  bestimmten 
Zweck  haben,  die  Einheit  des  Staatsgedankens  zum  Ausdruck  zu 
bringen,  nicht  innerhalb  der  palatinischen  Stadt  selbst  liegen. 
Mit  voller  Sicherheit  dürfen  wir  aus  dieser  ihrer  Lage  schlieüsen, 
dafs  diese  Gebäude  nicht  mehr  der  durch  den  Bau  der  Arx  auf 
dem  Palatin  gekennzeichneten  Phase  der  Stadtentwicklung  ge- 
hören, sondern  einer  späteren,  die  schon  über  die  palatinische 
Stadt  hinausgewachsen  war:  und  diese  kann  nur  die  Phase  des 
palatinisch-esquilinischen  Bundes  sein. 

1)  Wenn  der  Zusatz  IN.,  wie  er  eich  z.  d.  T.  des  Septimontium  in  den 
Fasti  Amiternini  findet,  mit  Mommsen  C.  I.  L.  I,  pag.  408  wirklich  durch 
Inui  aufzulösen  ist,  so  mufs  man  dabei  an  einen  alten  Kult  des  Jnuus  den- 
ken (ober  den  vgl.  Unger  im  N.  Rh.  Mus.  36,  71flf.),  in  dem  die  beiden 
wettkämpfenden  Parteien  ihren  Ausgleich  gefunden  hatten. 

2)  Als  solche  wird  das  Fest  geradezu  bezeichnet  von  Lydus  de  mens, 
p.  118  ed.  Bekker:  instiXovv  iogtriv  Xsyoftivrjv  'AymvdUa  Satpvritpoifm  %ai 
yBvaQXjj  *HXi(p  — .  iv  zavtfj  %al  ^  Isyanivri  na{Q*  avroip  Ztxti)fjLOvySiog 
ioifvrj  insxsXsixOt  toviiaxiv  ^  mqCodog  xtn  noX^mg^  eine  Angabe,  deren  Wert 
auch  nicht  durch  die  nachfolgende  Konfusion  in  den  Namen  der  Montes 
beeinträchtigt  wird. 


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-     225     - 

Das  wichtigste  dieser  Gebäude  ist  das  Königshaus.  Es  gab 
spater  in  Rom  zwei  Regiae^):  und  das  ist  eine  der  schwerwie- 
gendsten Thatsachen  der  älteren  Geschichte  Rotns.  In  der  einen 
dieser  Begiae  wohnte  in  der  Zeit  der  Republik  der  Pontifex  Maxi- 
moS;  in  der  andern  der  Rex  sacrorum;  jene  behielt  stets  diesen 
Namen  Regia,  diese  wird  nur  als  die  Wohnung  des  Rex  bezeich- 
net Nach  Beckers  Ausfahrungen*)  kann  kein  Zweifel  sein,  dafs 
das  Haus  des  Rex  sacrorum  in  summa  sacra  via  und  zwar  an 
dem  zur  porta  Mugionis  hinaufführenden  clivus  lag;  ebendaselbst 
befand  sich  aber  auch  das  Sacellum  der  Staatslaren,  der  lares 
pnblici.^)     Weiter  gegen  die  Mauer  der  palatinischen  Stadt  hin- 

1)  Auch  das  Haos  des  Romalas  galt  als  Eönigshaas,  wie  nicht  minder 
die  übrigen  „Könige"  mit  bestimmten  Teilen  der  Sadt  zasammengebracht 
wurden,  wo  sie  gewohnt  haben  sollten:  aber  dayon  ist  hier  nicht  die  Rede. 
Hier  handelt  es  sich  nm  die  aasdrucklich  mit  dem  Rex  als  solchem  in  Ver- 
bindang  gebrachten  beiden  Regiae  der  samma  Sacra  Via  and  des  Vesta- 
häligtams.'  Und  obgleich  nar  diese  wirklich  Regia  genannt,  jene  dagegen 
regelm^lfsig  als  die  Wohnung  des  Rex  (Sacrornm)  bezeichnet  wird,  so  dür- 
fen wir  doch  beide  einfach  als  „Regiae^'  auffassen  and  bezeichnen. 

2)  224  ff.  Aas  der  Vergleichang  von  Varro  I.  1.  6,  47  haius  Sacrae 
Tiae  pars  haec  sola  volgo  nota  quae  est  a  foro  eunti  primore  (primoro  die 
Florent.  Hdechr.)  cliyo  mit  Fest.  p.  290  itaqne  ne  eatenas  qaidem,  nt  val- 
giu  opinatar,  sacra  appellanda  est  a  Regia  ad  domnm  Regis  sacrificali  er- 
giebt  sich,  dafs  das  Haus  des  Rex  sacrificulus  (richtiger  sacrorum)  auf  der 
Höhe  primoris  clivi,  d.  h.  in  summa  Sacra  via  sich  befand.  Diese  von  der 
Begia,  d.  h.  vom  Forum  zur  summa  Sacra  via  hinaufsteigende  Strecke  hiefs 
Bacer  clivos,  vgl.  z.  B.  Horat.  4,  2,  33.  Martial.  1,  70,  5.  Die  Angabe  Dios 
M,  27,  wonach  Angustus  ri^v  tov  ßaailimg  rmv  tsgoiv  {oUiav)  xatq  dsLnaQ- 
9hoig  idtonfv^  und  zwar  mit  der  Motivierang  instd^  bfiotoixog  tccig  oUi^os- 
fif  avtäv  rjv,  kann  demach  nur  eine  Verwechslung  mit  der  Regia  selbst 
8ein;  ebenso  beruht  des  Servias  Angabe  Aen.  8,  363  (und  ähnlich  2,  57) 
domna  in  qua  pontifex  habitat  Regia  dicitur  quod  in  ea  Rex  sacrificulus 
habitare  consuesset  auf  Eonfusion.  Ambrosch  Studd.  Kap.  1  hat  hier  leider 
nicht  das  richtige  zu  finden  vermocht  und  dadurch  den  Wert  seiner  ver- 
dienstvollen  Untersuchungen  selbst  sehr  verringert.  Seine  Annahme  (a.  0. 
S.  62)  aber,  dafs  dem  Rex  sacrorum,  der  ja  in  priesterlicher  Beziehung  an 
die  Stelle  des  vertriebenen  Königs  trat,  wahrscheinlich  eines  der  alten 
Kdnigshäaser  (richtiger:  das  älteste  Königshaus)  angewiesen  sei,  trifft  jeden- 
falls die  Wahrheit. 

3)  Vgl.  Solin.  1,  28  in  summa  Sacra  via  ubi  aedes  Larum.  Die  Worte 
Orida  Fast.  6,  791  f.  Lacifero  subeunte  Lares  delubra  tulerunt  hie  ubi  fit 
docta  malta  Corona  manu  beziehen  sich  darauf,  dafs  in  summa  Sacra  via 
Blumen  und  Kränze,  Obst  und  wohl  auch  andere  Sachen  später  feilgehalten 
wurden:  vgl.  Varro  r,  r.  1,2.  Ovid.  Art.  am.  2,265,  Amor.  1,  8,  99  f.  Prop. 
2,  24,  11.  Anthol.  Lat.  n.  1636.   Vgl.  ferner  über  das  sacellum  Larum  Mon. 

Gilbert,  Oesch.  a.  Topogr.  Borns.  15 

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-     226     - 

auf  lag  der  Tempel  des  lupiter  Stator^),  den  der  Sage  nach 
ßomulus  freilich  erst  infolge  seiner  Beziehungen  zu  den  Tities 
gegründet  haben  sollte;  und  hier  endlich  mufs  auch  das  Haus 
des  Flamen  Dialis^)  gesucht  werden,  dessen  enge  Verbindung  mit 
dem  Jupiterkult  an  dieser  Stelle  zweifellos  ist. 


Ancyr.  4,  7  aedem  Lamm  in  summa  sacra  yia  (feci).    Über  Tac.  ann.  12^ 
24  und  C.  I.  L.  VI,  1.  n.  456  vgl.  oben  S.  128f. 

1)  Über  diesen  Tempel,  dessen  Unterbau  durch  P.  Rosas  Ausgrabungen 
1867  aufgedeckt  ist,  vgl.  Lanciani  Guida  S.  110  ff.  24.  Die  Anführungen 
der  Alten  Dion.  2,  50.  Ov.  Trist  3,  1,  81,  namentlich  aber  Plut.  Cic.  16 
(to  tov  StriaCov  Jiog  teffov  —  t^gvfiivov  iv  d(fxy  tfig  te^äg  bdov  v^bg  to 
TlttXttxiov  avtoptcDv)  haben  dieser  unmittelbaren  Aufdeckung  des  Baues  selbst 
gegenüber  an  Wert  verloren.  In  der  Nähe  dieses  Tempels  sollte  Tarqui- 
nius  Priscus  gewohnt  haben  Liv.  1,  41  habitabat  enim  rex  ad  lovis  Stato- 
ris.  Solin.  1,  24  Tarquinius  Priscus  ad  Mugoniam  portam  supra  summam 
Novam  viam.  Hier  war  auch  die  merkwürdige  Statue  der  sog.  Cloelia)  die 
man  später  für  eine  Valeria  ausgab:  Plin.  n.  h.  34,  28  f.  pedestres  (statuae) 
sine  dubio  Romae  fuere  in  auctoritate  longo  tempore  et  equestrium  tarnen 
origo  perquam  vetus  est,  cum  feminis  etiam  honore  communicato  Cloeliae 
statua  equestri,  ceu  parnm  esset  toga  eam  cingi,  cum  Lucretiae  ac  Bruto, 
q[ui  expulerant  reges  propter  quos  Cioelia  inter  obsides  fuerat,  non  decer- 
nerentur.  Haue  primam  cum  Coclitis  publice  dicatam  crediderim  —  nisi 
Cloeliae  quoqne  Piso  traderet  ab  iis  positam  qui  una  obsides  fuissent,  red- 
ditis  a  Porsina  in  honorem  eius,  e  diver^o  Annius  Fetialis  equestrem  (sta- 
tuam)  quae  fuerit  contra  lovis  Statoris  aedem  in  vestibulo  Superbi  domus, 
Valeriae  fuisse  Pnblicolae  consulis  filiae  (tradit).  Dieser  sehr  bestimmten 
Angabe  gegenüber  (in  vestibulo  domus)  halte  ich  die  allgemeinen  Angaben 
des  Liv.  2,  13  in  summa  Sacra  via;  des  Dion.  5,  35  inl  zrjg  Uifäg  oSov;  des 
Plut.  Popl.  19  av(i%Bitat  trjv  ib^uv  odov;  des  Serv.  Aen.  8,  646  in  Sacra 
via  für  weniger  glaubwürdig.  Gesehen  hat  übrigens  keiner  der  angeführt 
ten  Schriftsteller  die  Statue  selbst,  da  sie  schon  zu  Dionjs'  Zeit  verschwun- 
den war:  denn  Plutarch  korrigiert  das  avccnsixcii  a.  0.  an  einer  andern 
Stelle  (de  mul.  virt.  14)  selbst,  indem  er  hier  dvdi%Bwo  sagt.  (Aur.  Vict.) 
de  V.  ill.  18  Ansetzung  der  Statue  in  foro  kommt  nicht  in  Betracht  Ob 
diesen  sichern  Angaben  gegenüber,  welche  beweisen,  dafs  die  Statue  in  den 
letzten  Zeiten  der  Republik  und  in  den  ersten  des  Kaiserreichs  nicht  mehr 
vorhanden  war,  die  Angabe  des  Seneca  de  cons.  16  equestri  insidens  sta- 
tuae in  Sacra  via  celeberrimo  loco  Cloelia  ezprobrat  iuvenibus  nostris  pul- 
vinum  escendentibus  in  ea  illos  urbe  sie  ingredi,  in  qua  etiam  feminas  equo 
donavimus,  sowie  die  des  Servius  Aen.  8,  446  data  est  statua  equestris, 
quam  in  sacra  via  hodieque  conspicimus  in  Betracht  kommen  kann,  ist  mir 
doch  sehr  zweifelhaft.  Detlefsen  a.  0.  II  12  schliefst  aus  ihnen,  dafs  die 
Statue  später  wieder  hergestellt  oder  dals  die  alte,  etwa  infolge  einer  Feners- 
brunst  zeitweilig  zurückgestellte  und  irgendwo  deponierte  Statue  später 
wieder  an  ihren  alten  Platz  zurückgeführt  sei. 

2)  Über  dieses  vgl.  hernach. 


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—    227     — 

In  dieser  ilirer  Lage  an  der  ältesten  Sacra  Tia  kann  zunächst 
das  Königshaus  mit  dem  sacellüm  Larum  nur  als  dem  Bunde 
dar  palatinischen  und  der  esquilinischen  Stadt  angehörig  betrach- 
tet werden:  der  Kex,  welcher  hier  au&erhalb  der  Mauern  der 
palatinischen  Stadt  an  der  heiligen  Strafse  seine  Wohnung  hatte^ 
stand  den  gemeinsamen  Sacra  des  Bundes  vor.  und  wenn,  wie 
Marquardt  ausgeführt  hat^),  die  Zweiheit  der  Lares  stets  auf  einen 
Zasammenschluss  zweier  oder  mehrerer  Kreise  weist,  so  können 
diese  beiden  Kreise,  die  in  dem  sacellum  Larum  ihren  kultlichen 
Ausdruck  erhalten,  nur  wieder  die  Städte  des  Palatinus  und  des 
Esquilinus  sein.  Die  Gebäude  der  Curiae  veteres,  des  sacellum 
Larum,  der  Regia  bilden  demnach  ein  eng  zusammengehöriges 
System:  der  Siebenzahl  der  Dorfgemeinden  entspricht  die  Sieben- 
zahl der  Curiae,  der  Zweizahl  der  Städte  das  sacellum  der  beiden 
Staatslaren,  der  Einheit  des  Bundes  der  eine  Rex.^) 

Die  enge  Verbindung,  die  uns  in  diesen  Gebäuden  und  In- 
stitutionen zwischen  der  palatinischen  und  der  esquilinischen  Stadt 
entgegentritt,  findet  nun  ihre  weitere  Bestätigung  in  den  Kulten, 
welche  wir  als  die  gemeinsamen  erkennen  können.  Es  sind  Ju- 
piter und  Juno,  die  wir  als  diejenigen  Götter  bezeichnen  dürfen, 
welche  zu  den  eigentlichen  Bundesgöttem  erhoben  sind.  Der 
Gmnd,  weshalb  gerade  diesen  beiden  Göttern  der  höchste  Schutz 
des  Bundes  übertragen  worden  ist,  liegt  -7-  abgesehen  von  der 
hohen  Bedeutung,  die  der  Himmelsgott  und  die  Mondgöttin  als 
solche  in  dem  Glauben  aller  Religionen  des  Altertums  einnehmen 
—  darin,  dafs  beide  von  Haus  aus  schon  den  beiden  Städten  be- 
kannt waren,  welche  jetzt  zum  Bunde  zusammentraten.  Es  er- 
schienen daher  naturgemäfs  gerade  diese,  schon  bislang  von  der 
einen  wie  von  der  andern  Bürgerschaft  verehrten,  Götter  als  die 
geeignetsten,  fortan  auch  über  den  neugeschlossenen  Bund  selbst 
schützend  und  schirmend  sich  zu  stellen  und   zugleich  die  erste 


1)  3,  120  fF.    Vgl.  darüber  schon  oben  S.  63  f. 

2)  Die  eben  genannten  und  behandelten  Gebäude  des  Königshauses, 
des  Bacelium  Larum,  wie  nicht  minder  der  Curiae  veteres  erhalten  durch 
ilire  Lage  an  oder  auf  der  Sacra  via  meiner  Auffassung  nach  ihre  ganz  be* 
stimmte  Charakterisierung  als  „Bimdesgebäude'*,  als  „Buudeseigentum". 
hiden  aber  Königshaus  und  Larenheiligtum  möglichst  weit  an  den  Palatin 
betangerQckt  werden,  wird  dadurch  das  Übergewicht  ausgedrückt^  welches 
die  pelatinische  Stadt  in  diesem  Bündnisse  resp.  bei  AbschHefsung  dessel- 
ben besessen  hat. 

15* 

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—     228     — 

Stelle  in  dem  gemeinsamen  Bundeskulte  für  sich  zu  beanspruchen. 
Von  Jupiter  ist  es  sicher,  dafs  et  sowohl  den  Gemeinden  der  pala- 
tinischen  wie  der  esquilinischen  Stadt  bekannt  war:  denn  der 
lupiter  Fagutalis  auf  dem  Esquilin*),  wie  derjenige  Jupiter,  dem 
der  Kult  am  Larentinal  galt^),  gehören  beide  der  ältesten  Zeit 
an  und  ihr  Kult  muXs  vor  der  Schliefsung  des  Foedus  selbst  dort 
wie  hier  schon  vorhanden  gewesen  sein.  Aber  auch  den  Kult 
der  Juno  glaube  ich  der  einen  wie  der  andern  Stadt  von  Haus 
aus  angehörig  erkennen  zu  können.  Denn  irre  ich  nicht,  so  geht 
der  Junokult,  wie  wir  ihn  später  in  Rom  herrschend  finden,  von 
zwei  gesonderten  Mittelpunkten  aus,  deren  einer  der  Esquilin, 
deren  anderer  der  Palatin»  war:  von  diesen  beiden  Punkten  aus 
hat  sich  die  Ausgleichung,  die  Verschmelzung  der  beiden  Kulte 
und  ihre  schliefsliche  Aneignung  der  Herrschaft  in  der  Gesamt- 
stadt vollzogen.  Die  Juno  des  Esquilin  ist  als  luno  Lucina  ge- 
kennzeichnet, die  durchaus  als  die  weibliche  und  friedliche  Gottin 
erscheint.^)    Dieser  Erscheinungsform  der  Göttin  tritt  eine  andere 


1)  Vgl.  oben  S.  162. 

2)  Vgl.  oben  S.  67  f. 

3)  Über  die  Juno  als  Mondgöttin  überhaupt  vgl.  oben  S.  184  und  über 
sie  als  Lucina  gleichfalls  S.  174  f.  Der  Zusammenhang  der  Lncina  mit  lux 
braucht  nicht  noch  besonders  hervorgehoben  zn  werden.  In  dieser  ihrer 
Eigenschaft  als  Mondgöttin  beherrscht  sie  sodann  das  ganze  weibliche  Leben, 
welches  in  Menstruation  und  Schwangerschaft  vollsiÄndig  von  dem  Mond- 
laufe abhängig  ist.  So  wird  sie  zur  Göttin  der  Frauen  überhaupt,  der  am 
1.  März  das  Fest  der  Matronalia  gefeiert  wird.  Gewöhnlich  nimmt  man  an, 
das  Fest  habe  als  der  Stiftungstag  des  erst  im  J.  376  v.  Chr.  (vgl.  Plin.  n. 
h.  16,  236  anno  qui  fuit  sine  magistratibus  CCCLXXIX  urbis  aede  condita) 
gegründeten  Tempels  der  Juno  Lucina  erst  spät  ein  solches  Ansehen  ge- 
wonnen: aber  eine  solche  Annahme  ist  ganz  nnmöglich.  Wird  Hain  und 
Kult  der  Lucina  auf  dem  Esquilin  als  uralt  angesehen  (vgl.  oben  S.  175), 
so  haben  wir  schon  für  die  älteste  Zeit  auch  ein  wenn  auch  noch  so  pri- 
mitives Heiligtum  der  Göttin  hier  anzunehmen.  Ihr  Stiftungstag  —  der 
1.  März  —  ist  ein  ihrem  Wesen  als  der  Monat  und  Jahr  beherrschenden 
Mondgöttin  entsprechender  und  beruht  nicht  auf  der  zufälligen  Thatsache, 
dafs  an  diesem  Tage  ihr  Tempel  geweiht  ist,  was  vielmehr  geschehen  ist, 
weil  dieser  Tag  ihr  spezieller  Kulttag  war.  Die  Angaben  Cal.  Praen.  z. 
1.  März:  lononi  Lucinae  Exquiliis,  quod  eo  die  aedis  ei  (dedica)ta  est  per 
matronas  und  Fest.  p.  147  Martias  Calendas  matronae  celebrabant,  quod 
eo  die  lanonis  Lucinae  aedes  coli  coepta  erat,  können  daher  auch  nur  in 
allgemeiner  Bedeutung  in  Bezug  auf  den  Kult  der  Göttin  überhaupt  ver- 
standen werden.  Vgl.  noch  Juvenal  9,  63  femineae  Calendae.  Dafs  übrigens 
dieser  Tag  keineswegs  nur  von  den  Frauen  gefeiert  wurde,  kann  man  aus 


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gegenüber,  in  der  sie  im  geraden  Gegensatz  zu  jener  als  die 
kriegerische,  die  gewappnete  und  bewehrte  Göttin  auftritt:  der 
Kult  dieser  Gottin  geht,  so  weit  wir  erkennen  können,  vom 
Palatin  aus.^)    Auf  diese  beiden  verschiedenen  Formen  der  Göttin 


Schol.  Crnq.  zu  Hör.  Od.  3,  8,  1  ersehen:  Oalendis  Martiis  Matronalia  dice- 
bantar,  eo  quod  mariti  pro  conservatione  coniagii  snpplicabant;  und  über 
die  Geschenke,  di3  der  Mann  der  Frau  an  diesem  Tage  machte  Pompon. 
Dig.  24,  1,  31  §.  8.  Plaut,  mil.  gl.  689.  Macrob.  6,  4,  13.  Tibull.  3,  1,  1. 
Das  ganze  Fest  stammt  aus  aralter  Zeit  und  ist  nur  als  ein  Neujahrs-  und 
sogleich  Saturnalienfest  zu  verstehen  —  die  im  wesentlichen  ja  gleicher 
Bedeutung  sind  — :  als  Satnmalienfest  erkennt  man  es  namentlich  aus  Schil- 
derangen wie  Lydus  de  mens.  3,  16,  Macrob.  1,  12,  7,  wie  Martial  5,  84^  6 
geradezu  sagt:  scio  certe,  puto,  vestra  iam  venire  Satumalia,  Martias  Ga- 
lendas. 

1)  In  dieser  Erscheinungsform  wird  die  Göttin  als  Lanuvina  oder  So- 
Bpita  bezeichnet  und  erscheint  in  höchst  originaler  Auffassung  mit  Ziegen- 
fell, Helm  und  Panzer,  Schnabelschuhen,  Schild  und  Speer.  Vgl.  Cic.  nat. 
d.  1,  29, 83.  Orelli  1308.  Was  die  Namensform  Sospita  betrifft,  so  vgl.  über 
dieselbe  Fest.  p.  343  Sispitem  Innonem  quam  vulgo  Sospitem  appellabant, 
aotiqai  nsurpabant.  Dals  aber  in  der  That  beide  Namen,  Sospita  (Sospes) 
oder  Sispita  (Sispes)  und  Lanuyina,  dieselbe  Erscheinungs-  und  Eultform 
der  Göttin  bezeichnen,  beweist  in  höchst  interessanter  Weise  die  Inschrift 
C.  L  L.  I  n.  1110,  pag.  233: 

Q.  Caecilius.  Cn.  A.  Q.  Flamini.  leibertus.  lunone.  Seispitei. 
Matri.  Beginae , 
in  der  also  Q.  Caecilius,  der  Freigelassene  des  Cn.  und  A.  Caecilius,  sowie 
des  Q.  Flaminius,  der  Juno  Seispes  Mater  Regina  eine  aedicula  weiht,  auf 
deren  Epistyl  die  Inschrift  steht.  Epistyl  mit  Inschrift  ist  aber  gefunden 
anf  dem  Gebiete  von  Civita  Lavigna,  und  daraus  geht  hervor,  dafs  die  Juno 
in  Lanovium  speziell  als  Seispes,  d.  i.  Sospes  verehrt  wurde.  Vgl.  noch 
Orelli  n.  1408,  4014,  I.  N.  6763,  wo  dieser  Name  durch  S.  bezeichnet 
wird.  Wenn  daher  Livins  8,  14  zum  J.  337  v.  Chr.  —  nach  dem  bezwunge- 
nen Aufstände  der  latinischen  Städte  —  berichtet:  Lanuvinis  civitas  data 
ttcraqae  sna  reddita  cum  eo  ut  aedes  lucnsque  Sospitae  lunonis  communis 
I^anavinis  municipibus  cum  populo  Romano  esset,  so  kann  man  allerdings 
«M^hst  daran  denken,  dafa  der  Ursprung  des  Kults  der  luno  Sospita  oder 
Seispita  in  Rom  eben  auf  diese  Epoche  zurückgehe.  Dagegen  scheint  mir 
aber  das  Heiligthum  dieser  Göttin  auf  dem  Palatin  zu  sprechen,  über  wel- 
ches Ovid  Fast.  2,  55  ff.  sagt: 

Principio  mensis  (d.  h.  am  1.  Febr.)  Phrygiae  contermina  Matri 
Sospita  delubris  dicitur  auota  novis. 

Nmic  ubi  sint  illis  quae  sunt  sacrata  Ealendis 
Templa  deae?    longa  procubuere  die. 
Wenigstens  muls  es  als  ungewöhnlich  bezeichnet  werden,  dafs  schon  in  der 
Mitte  des  4.  Jahrb.  v.  Chr.  eine  solche  Liberalität  in  der  Anschauung  herrschte, 


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als  der  luno  Lucina  und  der  luno  Lanuyina  oder  Sospita  —  wie 
die  Römer  selbst  die  letztere  bezeichnen  —  läfst  sich,  wie  be- 


dals  fremde  Kulte  ohne  weiteres  in  die  Stadt  selbst  —  innerhalb  des  Pome- 
rium  —  aufgenommen  wurden.  Vgl.  darüber  Kap.  9.  Auch  ist  es  mir  von 
vom  herein  viel  wahrscheinlicher,  dala  jene  Friedensbestimmung  betreffs 
des  gemeinschaftlichen  Heiligtums  in  Lanuvium  deshalb  getroffen  wurde, 
weil  schon  derselbe  oder  ein  ähnlicher  Kult  in  Lanuvium  und  in  Born  exi- 
stierte, als  dafs  Rom  den  bislang  fremden  lanuvinischen  Kult  fortan  zu  dem 
seinigen  machen  wollte.  Das  Heiligtum  der  Göttin  in  Lanuvium  blieb 
übrigens  auch  fernerhin  ein  hochangesehenes,  welches  uns  durch  Lischrüten 
und  vielfache  Erwähnungen  bekannt  ist.  Jedenfalls  steht  fest,  dafs  dieser 
Kult  —  der  luno  Lanuvina  oder  Sospes  —  speziell  nach  dem  Palatium  ge- 
hört. Das  beweist  nicht  nur  der  Tempel  daselbst,  sondern  es  geht  auch  aus 
der  Angabe  des  Festus  p.  86  hervor:  Februarius  mensis  dictus  quod  tum, 
id  est  extrem  0  mense  anni,  populus  februaretur,  id  est  lustraretur  ac  pur- 
garetur,  vel  a  lunone  Februata,  quam  alii  Februalem,  Eomani  Februlem 
vocant,  quod  ipsi  eo  mense  sacra  fiebant,  eiusque  feriae  erant  LupercaUa» 
quo  die  mulieres  februabantur  a  lupercis  amiculo  lunonis,  id  est  pelle  ca- 
prina;  quam  ob  causam  is  quoque  dies  Februatus  appellabatur.  Man  er- 
sieht daraus,  dafs  das  amiculum  der  Luperci  amiculum  lunonis  hiefs  und 
dafs  diese  Göttin  in  enger  Beziehung  zu  den  Luperealien  stand.  Nun  ist 
allerdings  nicht  absolut  ausgeschlossen,  dafs  diese  Göttin  erst  später  in  Be- 
ziehung zu  diesem  Kulte  getreten  sei,  und  es  läge  nicht  fern,  für  diese 
später  hereingebrachte  Beziehung  der  Göttin  an  die  von  ünger  a.  0.  56  ff. 
angenommene  Erweiterung  des  Dienstes  zu  denken,  wonach  der  Gebranch 
des  Schiagens  mit  den  aus  dem  Ziegenfell  geschnittenen  Riemen,  wie 
es  von  den  laufenden  Jünglingen  an  den  Frauen  vorgenommen  wurde,  erst 
nach  292  v.  Chr.  aufgekommen  sein  soll.  Wäre  das  wirklich  richtig,  so  wäre 
es  in  der  That,  wie  gesagt,  naheliegend,  für  diesen  neu  aufgekommenen 
Gebrauch  an  den  Einflufs  des  Kults  der  lanuvinischen  Juno  zu  denken,  die 
selbst  stets  mit  dem  Ziegenfell  erscheint.  Aber  diese  angeblich  erst  spät 
erfolgte  Erweiterung  des  Kults  resp.  seiner  Gebräuche  ist  mit  nichts  er- 
wiesen und  von  vom  herein  äufserst  unwahrscheinlich.  Ich  mufs  deshalb 
dabei  bleiben,  dafs  der  Junokult  von  Haus  aus  eng  mit  dem  Palatin  und 
den  Luperealien  verbunden  gewesen  ist  und  dafs  diese  Form  der  Juno  die 
mit  dem  Ziegenfell  bekleidete  und  bewehrte  Göttin  gewesen  ist.  Aus  ihr 
ist  dann  auch  die  luno  Quiris  hervorgegangen:  denn  wenn  wir  auch  den 
Zusammenhang  dieses  Namens  mit  dem  angeblich  sabinischen  Worte  qui- 
ris Lanze  haben  abweisen  müssen  (vgl.  S.  137  f.),  so  wäre  doch  diese  schein- 
bar erst  von  Varro  aufgebrachte  Etymologie  überhaupt  nicht  möglich  ge- 
wesen, wenn  nicht  die  Inno  Quiris  wirklich  mit  der  Lanze  dargestellt  wäre. 
Als  Kuriengöttin,  wie  wir  Quiris  gefafst  haben,  erscheint  Juno  also  bewehrt 
Natürlich  ist  aber  Juno  auch  in  dieser  letzteren  Kultform  als  die  bewehrte 
Göttin  stets  Mondgöttin  geblieben.  So  glaube  ich  den  Kult  der  Juno  von 
zwei  Mittelpunkten  ausgehen  zu  sehen,  dem  Esquilin  und  dem  Palatin:  ai^ 
gerade  dieser  von  Haus  aus  gemeinsame  Kult  der  beiden  Städte  ist  meiner 


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-     231     — 

merkt;  der  gesamte  Junokalt  in  Rom  znrückfökren.  Wenn  wir 
daher  neben  Jupiter  auch  Juno  zur  eigentlichen  Bundesgottheit 
des  zwischen  der  esquilinischen  und  der  palatinischen  Stadt  ge- 
sehlossenen  Foedus  erhoben  sehen^  so  scheint  sich  die  Annahme 
fon  selbst  zu  ergeben,  dafs  die  verschiedenen  Gemeinden  gerade 
in  dem  gemeinsamen  Glauben  und  in  der  gemeinsamen  Verehrung 
dieser  beiden  Gottheiten  sich  einander  näherten,  sich  ausglichen, 
sich  zusammenschlössen.  Der  gemeinsame  Dienst  des  Jupiter  und 
der  Juno  bildet  fortan  das  stärkste  Band,  welches  die  Gemein- 
den vom  Palatin  und  die  vom  Esquilin  umschlingt  und  zusam- 
menhält. 

Diesem  Dienste  ist  speziell  das  Amt  des  Flamen  Dialis  ge- 
weiht und  ich  zweifle  nicht,  dafs  seine  Einsetzung  mit  der  Stif- 
toDg  des  palatinisch-esquilinischen  Bundes  selbst  zusammenhängt: 
der  Flamen  Dialis  hat  den  speziellen  Dienst  des  Jupiter,  die  Fla- 
mioica  Dialis,  seine  Gattin,  den  speziellen  Dienst  der  Juno.  Es 
ist  aber  eigentümlich,  dafs  uns  ein  ganz  ähnliches  Verhältnis 
bei  dem  ßex  und  der  Regina  entgegentritt.  Das  analoge  Ver- 
hältnis dieser  beiden  dem  Jupiter  und  der  Juno  gegenüber;  die 
gleiche  Stellung  ferner  dieses  priesterlichen  Amts  mit  derjenigen 
des  Flaminats;  selbst  die  unmittelbare  Nähe  der  Wohnungen  des 
einen  wie  des  andern  Priesteramts  läfst  die  Beziehungen  zwischen 
Bex  und  Regina  einerseits,  zwischen  Flamen  und  Flaminica  an- 
derseits als  sehr  eigentümliche  erscheinen.  Bevor  ich  daher  auf 
den  Dienst  des  Rex  und  des  Flamen  selbst  etwas  näher  eingehe, 
mag  es  gestattet  sein,  meine  Ansicht  über  die  allmähliche  Ent- 
stehung und  Umwandlung  dieser  beiden  Amter  darzulegen,  die, 
obgleich  sie  nur  eine  Hypothese,  mir  allein  geeignet  zu  sein 
Bekeint^  das  Wechselverhältnis  jener  beiden  Priestertümer  zu  er- 
klären. 

Sehen  wir,  dafs  Rex  und  Flamen  Dialis  wesentlich  dieselben 
priesterlichen  Funktionen  ausüben  und  denselben  Göttern  in  spe- 
ziellem Dienste  geweiht  sind,  so  drängt  sich  die  Überzeugung 


Ansicht  nach  vor  allem  Anlafs  gewesen,  ihn  zum  Hauptbondeskolt  —  neben 
dem  des  Jupiter  —  za  erheben.  Der  Juno  Sospes  des  Palatin  galt  der 
1.  Fehruar,  der  Juno  Lucina  des  Esquilin  der  1.  März  als  spezieller  Kult- 
gott:  demi  es  kann  doch  kein  Zufall  sein,  dals  als  der  Stiftungstag  des 
Tempels  jener  der  1.  Februar  (vgl.  Ovid.  Fast.  a.  0.),  als  der  Stiftungstag 
des  Tempels  dieser  der  1.  März  galt  (vgl.  Cal.  Praen.  z.  1.  März  und  Fest. 
P.  U7). 


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—     232     — 

auf^  dafs  die  Einsetzung  beider  Ämter  nicht  gleichzeitig  erfolgt 
sein  kann.  Der  Flamen  Dialis  ist  als  selbständiger  Beamter  erst 
später  kreiert  und  ursprünglich  mit  dem  Rex  identisch^):  der 
Rex  war  eben  der  Priester,  der  Opferbläser  d.  i.  Flamen  des 
Jupiter.  Um  zu  verstehen,  wie  sich  die  Notwendigkeit  hat  her- 
ausstellen können,  neben  dem  Rex  noch  einen  besonderen  Flamen 
Dialis  zu  schaffen,  müssen  wir  auf  einen  Augenblick  der  in  den 
folgenden  Kapiteln  darzustellenden  Entwicklung  vorgreifen  und 
die  Hauptpunkte  derselben  schon  hier  vorausnehmen.  Ich  habe 
schon  oben  den  Umstand,  dafs  es  in  Rom  zwei  Regiae  gab,  als 
eine  der  wichtigsten,  zugleich  aber  auch  als  eine  der  eigentüm- 
lichsten Thatsachen  der  ältesten  Geschichte  Roms  bezeichnet: 
diese  doppelte  Regia  entspricht  eben  den  zwei  Phasen,  in  denen 
sich  die  ältere  Eönigsgeschichte  abgespielt  hat  Die  Regia  der 
summa  Sacra  via  entspricht  dem  Bundesverhältnis  zwischen  Pa- 
latin  und  Esquilin;  die  Regia  neben  dem  Yestatempel  dem  Bun- 
desverhältnis zwischen  Palatin  und  Quirinal.  Als  das  Schwer- 
gewicht von  jener  Regia  in  diese  verlegt  wurde,  ist  eben  der  bis- 
lang in  der  älteren  Regia  wohnende  Rex  in  die  neuerbaute  Re- 
gia am  Forum  übergesiedelt  —  da  die  Stadt  zwei  Reges  nicht 
haben  konnte  — :  zugleich  aber  hat  man,  so  fasse  ich  die  Sache 
auf,  das  Amt  des  älteren  Rex  fortan  als  Dienst  des  Flamen  Dia- 
lis bestehen  lassen  und  diesen  nun  dem  Rex  selbst  untergeordnet. 
Mit  andern  Worten:  als  die  Entwicklung  der  Stadt  —  wie  wir 
genauer  Kap.  5  sehen  werden  —  die  Gründung  eines  neuen 
Mittelpunkts  als  Regia  verlangte,  hat  man  —  weil  eine  Nieder- 
reissung  der  alten  Regia,  sowie  eine  Aufhebung  des  mit  ihr  ver- 
bundenen bisherigen  Dienstes  sakralrechtlich  einfach  unmöglich 
war  —  das  alte  Amt  und  die  alte  Amtswohnung  ■  nur  unter  an- 
derm  Namen  bestehen  lassen,  indem  man  seinen  Inhaber  und 
Träger  fortan  nach  dem  Hauptdienste  als  Flamen  Dialis  bezeich- 
nete.^) Der  alte  Rex  hat  also  fortan  als  Flamen  Dialis  weiter 
funktioniert  und  dieser  ist  demnach,  wenn  auch  unter  veränder- 
tem Namen,  im  wesentlichen  der  alte  Rex'),  während  der  Rex 


1)  Ich  gehe  dabei  von  der  hier  nicht  näher  za  erörternden  Ansicht 
ans,  dafs  der  Rex  von  Haus  aas  nur  priesterlicher  Beamter  war. 

2)  Es  ist  unmöglich  anzunehmen,  dafs  die  ältere  Regia  unbewohnt 
blieb,  als  die  Städten twioklung  die  jüngere  Regia  geschaffen  hatte  xmd  der 
einzige  Rex  nun  dieses  jüngere  Königshaus  bezog. 

3)  Insofern  ist  der  Flamen  Dialis  älter  noch  als  der  Rex  Sacrorum, 


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^_     233     — 

selbst  fortan^  der  neuen  Entwicklung  entsprechend,  in  der  Regia 
am  Forum  wohnte. 

Weitere  Veränderungen  machten  sich  aber  nötig,  als  mit  der 
Grfindung  der  Republik  der  Rex,  welcher  dem  Namen  nach  aller- 
dings als  Rex  sacrorum  weiter  lebte  ^),  aus  politischen  Gründen 
seine  Hauptbefiignisse  dem  Pontifex  Maximus  abtreten  mufste. 
Denn  nun  trat  zu  den  zwei  bisherigen  Ämtern  des  Rex  und  Fla- 
men Dialis,  die  beide  derselben  Wurzel  entsprungen  waren,  noch 
ein  drittes  Amt,  welches  gleichfalls  dieselben  Ansprüche  auf  die 
Befugnisse  des  Rex  erhob.  Als  faktischer  Erbe  des  alten  sa- 
kralen Rex  bezog  der  Pontifex  auch  dessen  bisherige  Wohnung 
am  Yestatempel:  der  Rex  selbst  aber  zog  wieder  in  die  ältere 
Begia  ein,  welche  bislang  der  Flamen  Dialis  innegehabt  hatte. 
So  ergab  sich  die  Notwendigkeit,  für  diesen  eine  besondere  Woh- 
nung zu  bauen,  die  man  nun  unweit  der  älteren  Regia  selbst 
errichtet  hai^)     So  ist  der  Flamen  Dialis,  wenn  auch  nicht  dem 


eben  weil  dieser  doch  im  wesentlichen  die  spätere  Periode  des  Königtums 
—  wenigstens  nach  seiner  sakralen  Seite  —  fortsetzt,  während  das  Amt 
des  Flamen  die  unmittelbare  Fortsetzung  des  älteren  Bex  ist.  Das  bestätigt 
deh  durch  den  höchst  altertümlichen  Charakter  dieser  Würde:  kein  Prie- 
itertom  weist  auch  nnr  annähernd  so  altertümliche  Formen  auf,  wie  der 
Flamen  Dialis.  Eine  lange  Reihe  dieser  aus  der  ängstlichsten  Skrnpulosi- 
tät  hervorgegangenen  einzelnen  sakralen  Bestimmungen  hat  uns  Gellius 
10,  15  aufbewahrt:  Marquardt  3,  315  ff.  hat  alles  Bezügliche  gesammelt. 
Diese  Bestimmnngen  sind  einerseits  aas  dem  Streben  nach  äuTserster  Rein- 
heit hervorgegangen ;  anderseits  spiegeln  sie  in  ängstlicher  Kopierung  eine 
uralte  Zeit  —  die  Zeit  der  Kreiernng  des  Priestertums  selbst  —  in  all  ihren 
Einzelheiten  nnd  Äulserlichkeiten  wieder.  Besondere  Beachtung  verdient 
die  Yermeidong  auch  des  leisesten  Anscheins  von  Fesselung,  indem  der 
Flamen  sogar  weder  einen  Knoten  an  seinem  Anzüge,  noch  einen  geschlos- 
senen Rbg  tragen,  auch  kein  Epheu  berühren  darf  n.  dgl. 

1)  Dafs  der  Rex  sacrorum  zu  dem  bestimmten  Zwecke  kreiert  wurde, 
die  alte  priesterliche  Würde  des  Königtums  fortzusetzen,  sagt  Livius 
bestimmt  2,  2:  et  quia  quaedam  publica  sacra  per  ipsos  reges  factitata 
erant,  necnbi  regum  desiderium  esset,  regem  sacrificulum  creant.  Deshalb 
w  es  auch  durchaus  passend,  diesem  Res  die  alte  Regia  anzuweisen^ 
eben  weil  diese  noch  aus  einer  Zeit  stammte,  in  der  der  Rex  wirklich  ans- 
Bchlieislich  priesterlicher  Beamter  war. 

2)  Die  Wohnung  des  Flamen  Dialis  —  die  Flaminia  —  wird  aller- 
dings nur  einmal  bestimmt  erwähnt  Dio  54,  24;  doch  ersieht  man  wenig- 
ciens  ungefähr  aus  dieser  Angabe  die  Lage  derselben.  Denn  wenn  die 
Vestalinnen,  um  sich  aus  dem  brennenden  Vestaheiligturoe  zu  retten^  den 
Palatinus  auf  dem  clivus  der  porta  Mugionis  hinaufQüchtend ,  in  der  Fla- 


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-     234     -, 

Namen,  so  doch  den  wesentlichsten  sakralen  Befugnissen  nach 
der  Erbe  des  älteren  Königtums^);  der  Rex,  dem  Namen  und 
den  Ehren  nach  der  Erbe  des  jüngeren  Königtums,  hat  aber  zu- 
gleich die  eigentlich  wesentlichen  und  die  spezifisch  politischen 
Befugnisse  dem  Pontifex  abtreten  müssen.  Es  haben  sich  dem- 
nach später  drei  verschiedene  Amter  in  die  alten  Konigsbefugnisse 
geteilt:  der  Flamen  Dialis  aber  hat  am  ungetrübtesten  den  ur- 
sprünglichen Charakter  des  Rex  bewahrt,  der  von  Haus  aus  nur 
ein  priesterlicher  Beamter  und  zwar  speziell  der  Priester  des 
Jupiter,  wie  seine  Gattin  die  Priesterin  der  Juno  war.^) 

Damit  habe  ich  meine  Ansicht,  wie  ich  die  Entwicklung 
dieses  Priestertums  auffasse,  dargelegt.  Jedenfalls  aber  ist  die 
Beziehung  sowohl  des  Flaminats  wie  des  Königtums  auf  das  pa- 
latinisch-esquilinische  Bundesverhältnis,  speziell  auf  die  Bundes- 
götter, unverkennbar  und  das  mag  hier  jetzt  kurz  auseinander- 
gesetzt werden. 

Blickt  man  auf  jene  beiden  Götter  —  Jupiter  und  Juno  — , 
die  wir  sogleich  als  den  heiligen  Dienst  des  Rex  und  des  Fla- 
men bildend  kennen  lernen  werden,  so  tritt  uns  sofort  der  emi- 
nent chronologische  Charakter  derselben  —  wenn  dieser  Ausdruck 


minia  Schutz  sncbten,  so  darf  man  annehmen,  dals  dieses  Gebäude  das 
nächst  gelegene  heilige  Gebäude  war.  Wahrscheinlich  lag  die  Flaminia 
neben  dem  Tempel  des  lupiter  Stator. 

1)  Die  Wohnung  des  Flamen  Dialis  hat  durchaus  den  alten  Charakter 
einer  Regia  bewahrt;  d.  h.  dieser  letztere  ist  eben  auf  die  neu  errichtete 
Flaminia  übertragen  worden.  Die  Flaminia  gilt  nämlich  ganz  wie  ein  Staats- 
mittelpunkt: das  Feuer  darf  aus  demselben  nur  zu  heiligen  Zwecken  hinaus- 
getragen werden  —  ganz  gleich  der  Begia  resp.  dem  Yestaheiligtume  selbst 
—  Gell.  10,  15.  7.  Fest.  p.  106;  in  ihr  wohnt  er  mit  seiner  Frau  in  kon- 
farreierter  Ehe  Serv.  Aen.  4,  103  mit  seinen  Kindern  als  camiUi  und  camil- 
lae  Dion.  2,  22;  wie  die  Flaminia  auch  ängstlich  von  jeder  Verunreinigung 
frei  gehalten  wird.    GelL  10,  16.  8.  15. 

2)  Aus  diesem  seinem  Ursprünge  aus  dem  alten  Königturae  mag  es 
sich  erklären,  dafa  dem  Flamen,  wie  auch  dem  Bex  selbst,  auch  solche 
Handlungen  verboten  waren,  die  nur  aus  politischem  Mifstrauen  erklärlich 
sind:  er  durfte  kein  Staatsamt  bekleiden  Liv.  4,  54;  kein  bewaffnetes  Heer 
sehen  Fest  p.  249,  Gell.  10,  15.  4;  kein  Pferd  besteigen  GelL  10,  16.  3. 
Fest.  p.  81.  Anderseits  aber  erklären  sich  gerade  daher  auch  die  hoben 
Ehren,  die  ihm  zu  teil  wurden,  und  die  aus  der  ältesten  Zeit  seines  König- 
tums datierend  aus  sakralen  Bedenken  nicht  abgeschafft  werden  konnten: 
das  Vorrecht  der  toga  praetexta,  der  sella  curulis,  des  Sitzes  im  Senate 
Liv.  27,  8.  Plut.  Q.  B.  118;  des  Liktors  Fest.  p.  93. 


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—    235     — 

gestattet  ist  —  entgegen.  Jupiter  and  Juno  beherrschen  den 
Monat,  sie  sind  die  bestimmenden  Götter,  welche  die  heiligen 
Uondphaaen  zur  Erscheinung  bringen,  die  das  gesamte  Leben 
ordnen  und  regeln.  Wie  der  Juno,  als  dem  vergötterten  Monde 
alle  Ealenden  heilig  sind^),  an  denen  sie  selbst  zu  neuem  Licht 
and  Leben  sich  offenbart;  so  sind  dem  Jupiter  alle  Iden  heiligt), 
weil  an  diesen  Tagen  der  Himmelsgott,  als  den  wir  Jupiter  zu 
fassen  haben,  sich  Tag  und  Nacht  ununterbrochen  in  lichter  Klar- 
heit zeigt,  weshalb  diese  Tage  in  erster  Linie  für  ein  Unterpfand 
seiner  hOlfsbereiten  Treue  galten.^ 

Aus  dieser  Auffassung  des  Jupiter  und  der  Juno  heraus  hat 
sieh  der  Dienst  des  Rex  resp.  des  Flamen  Dialis  gestaltet.  An 
allen  Kaienden  bringt  der  Bex,  wie  die  Regina  der  Juno  ein 
Opfer  dar.  Man  yerlegt  dieses  Opfer  des  Rex  gewohnlich  auf 
das  Eapitol,  in  die  Curia  Oalabra;  das  ist  nicht  richtig:  das  Opfer 
&Dd  ohne  Zweifel  in  der  Wohnung  des  Rex  selbst,  der  alten 
Regia  statt ^),   während  die  Regina  ihr  Opfer  allerdings  in  der 


1)  Vgl.  Macrob.  1,  16,  18  omnes  Ealendas  lononi  tributas  et  Yarronis 
et  pontificalis  adfirmat  aactoritas.  Lydua  de  mens.  8 ,  7  Ictiov  dh  Ztt  at 
KeXhdcu  "Hqag  lo(ftri  itvyxavov,  rowiati  ZBli^vrjg,  An  einer  Reihe  von 
Kalenden  ist  dieses  DOch  speziell  DachzaweiseD :  der  Stiftungstag  des  Tem- 
pels der  Inno  Lucina  am  1.  März,  der  Inno  Sospes  am  1.  Februar  (vgl. 
oben),  das  Opfer  lunoni  Reginae  in  Aventino  am  1.  Sept.  (Fasti  Arval. 
L  d.  T.},  Tigillo  sororio  (d.  b.  lunoni  sororiae)  am  1.  Oktob.  (Fast.  Arval. 
s.  d.  T.)  zeigen,  daft  diese  Ealendae  als  speziell  der  Juno  heilig  gegolten 
luiben.  An  andern  Kalenden  sind  an  Stelle  der  Juno  später  andere  Mond- 
göttinnen  getreten:  so  am  1.  April  die  Fortuna  virilis  (vgl.  Kap.  8);  am 
1.  Juni  die  Carna  (vgl.  Kap.  6)  etc. 

2)  VgL  Macrob.  1,  16,  15  omues  Idus  lovis  ferias  observandas  sanxit 
aatiquitas.  Lydus  de  mens.  a.  0.  rag  dh  ElSovg  (tovtiatL  xriv  usaoiitiviav) 
^ti,  liyow  *HXü»y  aviipB^av  nXriviXovvhov  tag  Eidovg  naXovvxBg^  oIovbI  nXri' 
999ilfpfO¥.  Die  Gleicbsetznng  des  Jupiter  mit  der  Sonne  ist  freilich  ein 
Irrtom  des  Lydus. 

3)  Macrob.  1,  15,  14  Iduum  —  nomen  ~  interpretantur  lovis  fidu- 
ciam.  —  Iure  hie  dies  lovis  fiducia  vocatur,  cuius  lux  non  finitur  cum  solis 
occasn,  sed  splendorem  diei  et  noctem  continuat  illustrante  luna:  quod 
flemper  in  pleniiunio  i.  e.  medio  mense  fieri  solet. 

4)  Nach  Macrob.  1,  15,  9  lag  es  dem  Pontifez  minor  ob,  ut  novae  lu- 
nae  primnm  observaret  aspectum  visamque  regi  sacrificnlo  nuntiaret.  itaque, 
heifst  es  weiter,  sacrificio  a  rege  et  minore  pontifice  celebrato  idem  ponti- 
fex  calata  in  Capitolium  plebe,  quot  numero  dies  a  Kalendis  ad  Nonas  super- 
asKni  proDuntiabat.  Hier  nimmt  der  Pontifex  allein  die  Spectio  wie  die 
Verkuodigong  vor;  wenn  das  sacrificium  ihm  zusammen  mit  dem  Rex  zu- 


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neuen  Regia  darbrachte.*)  Bei  der  eigentümlichen  Entwicklungs- 
geschichte des  Amts  des  Rex^  welches  ursprünglich  an  das  alte, 
sodann  an  das  neue  Eönighaus  gebunden  gewesen  war,  um  schliefs- 
lich  wieder  dem  alten  anzugehören»  kann  es  nicht  auffallen,  wenn 
wir  dasselbe  in  seinen  geistlichen  Functionen  zwischen  der  alten 
und  der  neuen  Regia  geteilt  sehen.  Jedenfalls  war  Rex  und  Re- 
gina an  den  Kaienden  im  Dienst  der  Juno  thätig. 

In  gleicher  Weise  dürfen  wir  auch  von  dem  Flamen  und 
der  Flaminica  annehmen,  dals  diese  Tage  der  Kalendae  und  Idus 
in  ihrem  speziellen  Dienste  standen.  Denn  wenn  wir  den  Fla- 
men Dialis  in  täglichem  Dienst  seiner  Gottheit  beschäftigt  finden'); 
wenn  ferner  die  Flaminica  ausdrücklich  die  Priesterin  der  Juno 
genannt  wird^):  so  darf  man  es  doch  als  sicher  bezeichnen,  dafs 
auch  der  Flamen  und  die  Flaminica  Dialis  an  diesem  heiligen 
Tage  der  Juno  ihr  in  der  Flaminia  in  Opfer   und  Gebet  nahen. 

Und  ähnlich  verhält  es  sich  mit  dem  zweiten  Festtage  des 
Monats,  den  Idus:  nur  dafs  an  diesem  der  Flamen  Dialis  mehr 
hervortritt  An  diesem  Tage  fand  nämlich  die  grofse  Prozession 
auf  der  Sacra  Via  statt,  die,  in  späterer  Zeit  wenigstens,  von 
dem  sacellum  Streniae  bis  zur  Arx  ging.'*)  Die  spätere  Ausdeh- 
nung der  Prozession  hängt  mit  der  Anfügung  der  quirinalischen 


gewiesen  wird,  so  ist  doch  nicht  gesagt,  dafs  dieses  Opfer  des  Rex  auf  dem 
Eapitol  stattfindet.  1,  16,  19  sagt  Macrobias  aasdrflcklich  pontifex  minor 
in  cnria  Calabra  rem  divinam  lunoni  facit,  der  Rex  wird  nicht  erwähnt. 
Es  wäre  auch  sehr  auffallend,  wenn  der  Rex  von  der  alten  Regia  znm  Ea- 
pitol gehen  wollte,  um  hier  ein  Opfer  vorzunehmen,  während  er  die  Ver- 
kündigung selbst  dem  Pontifex  minor  überlieik.  Nahm  der  Rex  ein  Opfer 
vor  —  wie  es  selbstverständlich  ist  — ,  so  geschah  das  in  der  Regia  selbst, 
seiner  Wohnung.  Das  Eapitol  bildet,  wie  wir  noch  sehen  werden,  ein  ganz 
untergeordnetes  und  spät  hereingebrachtes  Moment  im  Dienste  der  Juno. 

1)  Macrob.  1,  15,  19  regina  sacrorum,  id  est  regis  nxor,   porcam  vel 
agnam  in  regia  lunoni  immolai 

2)  Gell.  10,  15,  16  Dialis  cotidie  feriatna  est. 

8)  Plut.  Q.  R.  86  xrjv  ^Xaiiiv^nav  tsQuv  trjg  "^Hgag  (hat  Sonovaav, 
4)  Macrob.  1,  15,  16  sunt  qui  aestiment  Idus  ab  ove  Iduli  dicias, 
quam  hoc  nomine  vocant  Tnsci,  et  omnibos  Idibns  immolatur  a  flamine.  Fest 
p.  104  Idulis  Ovis  dicebatur  quae  omnibus  idibns  lovi  mactabatur.  Ovid. 
Fast.  1,  55  f.  vindicat  Ausonias  lunonis  cura  kalendas,  Idibus  alba  lovi  gran- 
dior  agna  cadit.  Yarro  1.  1.  5,  47  oritur  caput  Sacrae  Yiae  ab  Streniae 
sacello,  quae  pertinet  in  Arcem  qua  sacra  qnotquot  mensibus  femntur  in 
Arcem.  Fest.  p.  290  Sacram  viam  —  quod  eo  itinere  utantur  sacerdotes 
idulium  sacrorum  conficiendorum  causa. 


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Gemeinde  und  der  in  Folge  dessen  vorgenommenen  Verlängerung 
der  Sacra  via  zusammen,  auf  die  wir  zurückkommen:  ursprüng- 
lich kann  die  Prozession  nur  bis  zur  Regia  selbst  gegangen  sein. 
Den  Kulminationspunkt  dieser  Feier  bildete  die  Darbringung  der 
Ovis  Idulis  an  Jupiter^  die  durcli  den  Flamen  Dialis  stattfand.^) 
Dals  dieses  Opfer  —  in  der  spätem  Anordnung  der  ganzen  Ce- 
remonie  —  in  einem  Heiligtume  des  Jupiter  selbst  stattfand, 
darf  man  als  sicher  annehmen  und  wird  von  Ovid  bestimmt  be- 
zeugt*): es  fragt  sich  nur  in  welchem.  Da  aber  wiederholt  und 
ausdrücklich  berichtet  wird,  dafs  der  Endpunkt  der  Sacra  Via 
wie  der  Prozession  die  Arx  d.  h.  die  nördliche  Kuppe  des  kapi- 
tolinischen Bergs  gewesen  sei^),  so  kann  hier  nicht  an  den  Ju- 
pitertempel auf  der  Südspitze,  diesen  späten  Bau  der  Tarquinier- 
zeit,  gedacht  werden.  Die  aedes  also,  in  der  nach  Ovid  die  ovis 
idulis  geopfert  wurde,  kann  nur  der  Tempel  des  lupiter  Stator 
sein,  an  dem  die  Prozession,  wenn  auch  nicht  unmittelbar,  so 
doch  in  nächster  Nähe  vorüber  kam.  Dieser  Punkt  mufs  aber 
ursprünglich  zugleich  der  Endpunkt  der  Prozession  selbst  gewe- 
sen sein:  denn  die  Sacra  Via  ging  eben  nur  bis  zur  Regia  in 
summa  Sacra  via;  das  Opfer  an  Jupiter  hat  also  einst  den  Be- 
schlufs  der  Prozession  gebildet. 

So,  scheint  mir,  können  wif  noch  den  ursprünglichen  Sach- 
verhalt«^ erkennen.  Die  Regia  am  Ende  der  ältesten  Sacra  via, 
unter  dem  clivus,  welcher  zur  Porta  Mugionis  führte,  war  der 
Zielpunkt  der  Prozession  selbst:  hier  mufs  zugleich  ein  Heilig- 
tum des  Jupiter  und  der  Juno  gelegen  haben,  in  dem  die  ovis 
Idulis  geopfert  wurde.  Dieses  Heiligtum  ist  aber  mit  Wahrschein- 
lichkeit in  dem  Hause  des  Rex  selbst  zu  suchen.  Denn  der  Rex 
als  höchster  Priester  des  Jupiter  und  zugleich  als  Repräsentant 
des  palatinisch-esquilinischen  Bundes  mufste  den  Herd  seines 
Hauses  naturgemäfs  als  den  eigentlichen  Bundesherd  und  sakra- 


1)  Vgl.  Macrob.  a.  0.  immolatur  a  flamine.  Ovid.  Fast.  1,  588  castus 
—  sacerdos—  flammis  viscera  libat  ovis.  Des  Festos  a.  0.  Angabe,  wonach 
eo  itinere  atantur  sacerdotes  iduliam  sacrorum  conGciendorom  causa  steht 
dem  nicht  entgegen:  an  der  Prozession  selbst  —  das  ganze  wird  allgemein 
idolia  Sacra  bezeichnet  —  nahm  eine  Reihe  von  sacerdotes  statt,  das  eigent- 
liehe  Opfer  brachte  der  Flamen  dar. 

2)  Ovid.  1,  588:  Idibus  in  magni  castus  levis  aede  sacerdos  semimaris 
flammis  yiscera  libat  ovis. 

3)  Varro  a.  0.  qaae  pertinet  in  Arcem.  Fest.  a.  0.  usqne  in  arcem. 


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—     238     - 

len  Mittelpunkt  der  von  ihm  vertretenen  Gemeinschaft  betrachten: 
auf  dem  Herde  der  Regia  haben  wir  uns  also  ursprünglich  das 
Opfer  der  ovis  Idulis  zu  denken.  Als  dann  später  der  Tempel 
des  Jupiter;  wenn  auch  etwas  abseits  von  der  Sacra  Yia^  gebaut 
wurde^  hat  man  das  Opfer  hierher  übertragen.  In  der  Regia  also 
hat  ursprünglich  an  den  Ealenden  das  Opfer  für  die  Juno;  an 
den  Idus  für  Jupiter  stattgefunden;  hier  hat  auch,  wie  ich  über- 
zeugt bin,  ursprünglich  die  Verkündigung  der  Tageszahl  der  fol- 
genden Woche  an  den  Kaienden'),  hier  die  Verkündigung  der 
Festzeiten  des  ganzen  Monats  an  den  Nonae^)  stattgefunden:  an 
der  Regia  haftete  der  Kult  des  Jupiter  und  der  Juno  und  der 
Rex  war  der  Flamen,  wie  die  Regina  die  Flaminica  des  grossen 
Gotterpaars.  Dieses  selbst  aber  hebt  sich  schon  hier  bedeutsam 
über  die  andern  Götter  empor.  Finden  wir  seit  den  Tarquiniem 
Jupiter,  Juno  und  Minerva  als  die  höchsten  Gottheiten  des  ro- 
mischen Staats,  so  stammen  die  ersten  beiden,  in  dieser  ihrer 
bedeutsamen  Stellung,  schon  aus  der  Zeit  des  Bündnisses  zwi- 
schen Palatin  und  Esquilin,  wo  sie  zu  den  eigentlichen  Bundes- 
göttem  erhoben  worden  waren. 

So  sehen  wir  sich  einen  gemeinsamen  Götterkreis  und  eine 
gemeinsame  Festordnung  gestalten,  welche  die  beiden  verbGn- 
deten  Städte  des  Palatin  und  Esquilin  fortan  mit  einander  ver- 
einigt.*) Die  Grundlage  dieser  Gemeinsamkeit  aber  in  Glauben 
und  Kult  bildet  die  Übereinstimmung  der  Zeitrechnung  und  Zeit- 
ordnung, über  die  der  Rex  des  Bundes  in  erster  Linie  zu  wachen 
hat.^)     Unmittelbar  nach  dem  Lauf  des  Mondes  sich  richtend, 

1)  Vgl.  oben  S.  156.  Da&  dieses  von  dem  Pontifex  minor  von  der 
Curia  Calabra  aus  stattfand,  kann  erst  in  der  tarqainischen  Zeit  einge- 
führt sein. 

2)  Diese  sacra  nonalia  fanden  in  arce  von  Seiten  des  Rex  statt  Varro 
1.  1.  6,  2S.  Aach  dieses  beruht  auf  späterer  Ordnung,  wenn  dieselbe  anoh 
einer  bedeutend  älteren  Zeit  angehört,  als  die  Erbauung  der  Curia  Calabra: 
hierüber  vgl.  Kap.  5. 

8)  Aufser  Jupiter  und  Juno  kann  man  Faunus  —  wenn  wirklich  Inuus 
als  derjenige  angenommen  werden  darf,  dem  der  Tag  des  Septimontinm 
galt:  vgl.  oben  S.  224  —  als  den  gemeinsamen  Kult  des  EsquiUnns  und 
Palatinus  erkennen.  Nicht  minder  aber  auch  Venus:  denn  die  Venus  Libi- 
tina  und  die  Venus  Murcia  können  nur  verschiedene  Erscheinungs-  und 
Kultformen  derselben  Göttin  sein.  Der  hauptsächliche  Kultnntersohied  der 
beiden  Gemeinden  scheint  namentlich  in  dem  Dienste  des  Sonnengottes  be- 
standen zu  haben,  der  dort  Janus,  hier  Mars  war. 

4)  Es  kann  kein  Zufall  sein,  dafs  die  Venus  Libitina  und  die  Venus 


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verfolgt  der  Bex  die  wechselnden  Erseheurangen  dieser  heiligen 
Gottheit,  um  nach  den  Ordnungen,  in  denen  sie  selbst  sich  offen- 
bart, ihren  und  aller  Götter  Dienst  überhaupt,  sowie  die  Ordnung 
des  irdischen  Lebens  selbst  zu  gestalten.  Im  übrigen  aber  ist 
jede  der  beiden  Städte,  wie  nicht  minder  wieder  die  einzelnen 
Gemeinden,  in  ihren  Sonderkulten  geblieben:  wir  sehen  keinen 
Kalt  des  esquilinischen  Gotterkreises  als  Festtag  in  den  ramni- 
schen  Festcjklus  aufgenommen  werden.  Das  wird  sich  deutlicher 
erkennen  lassen,  wenn  wir  diesen  selbst  in  seiner  weiteren  Ent- 
wicklung zeichnen  werden. 

Wenn  wir  somit  einen  engen  Bund  der  beiden  Stödte  vom 
ßsquilin  und  Palatin  glauben  nachweisen  zu  können,  so  drangt 
sieh  unwillkürlich  die  Frage  auf,  ob  denn   die  Sage  selbst,   die 


Miircia  denselben  Stifbangatag  ihres  Tempels,  d.  i.  ihren  HapptknU-  nnd 
Festtag,  nämlich  den  19.  Ang.  haben.  Vgl.  Fest  p.  266  Rustica  vinalia 
appellantur  mense  Angnsto  XIII  Kai.  Sept.  lovis  dies  festus,  qoia  Latini 
bellum  gerentes  adTersos  Mezentium,  omnis  vini  libationem  ei  Deo  dedica- 
venmi  eodem  antem  die  Veneri  templa  sunt  consecrata,  alterom  ad  Circam 
Maxirnnm,  altemm  in  luci  libitia  densi  (1.  luco  Libitinensi),  quia  inpiiis 
(l  in  eins)  deae  totela  sunt  horti.  Eben  derselbe  Tag  ist  aber  zugleich 
dem  Jupiter  heilig:  nnd  dafs  dieser  dem  Jupiter  und  der  Venus  heilige  Tag 
wieder  in  dem  speziellen  Dienste  des  Flamen  Dialb  stand,  sagt  Varro  1.  1. 
6,  16  Vinalia  a  vino.  Hie  dies  lovis,  non  Veneris  (dafs  das  nur  bedingt 
richtig,  ersieht  man  aus  dem  oben  angefahrten  Umstände,  dafs  der  Stiftungs- 
tag der  Venus  auf  diesen  Tag  fiel  vgl.  oben  S.  162 f.);  huius  rei  cnra  non 
levis  in  Latio;  nam  aliquot  locis  vindemiae  primum  ab  sacerdotibus  publice 
iebaat,  nt  Romae  etiam  nunc;  nam  flamen  Dialis  auspicatur  vindemiam  et 
jA  iosait  vinum  legere,  aqua  lovi  fadt,  inter  quoius  exta  caosa  et  porrecta 
flsnen  prorsos  (porus  hdschr.)  vinum  legit.  In  Tusculanis  sacris  (Flor. 
Hdschr.:  sortis,  v^oför  Mommsen  C.  I.  L.  I  p.  392  hortis  liest;  doch  vgl. 
Jordan  bei  Preller  1,  196)  est  scriptum:  Vinum  novum  ne  vehatur  in  ur- 
W  aote  quam  vinalia  kalentnr.  Paulus  sagt  dazu  p.  264  Rustica  Vinalia 
—  quo  die  primum  Tina  in  urbem  deferebant^  Mommsen  nimmt  an  (C.  I.  L. 
1  p.  S92.  399),  daia  Venus  erst  sp&t  mit  dem  Jupiierkulte  an  diesen  Tagen 
Terbonden  sei,  aber  dazu  ist  kein  Grund.  Betrachtet  Mommsen  doch  selbst 
die  Venus  Libitina  und  Mnrcia  als  lange  vor  der  Einführung  des  Kults  der 
Tenns  Erycina  in  Rom  existierend  und  ihnen  eben  galt  die  Feier  dieser 
Tage,  wie  ja  auch  der  19.  Aug.  der  Stiftnngstag  beider.  Vgl.  Kai.  Vall. 
«.  19.  Aug.:  Veneri  ad  Circum  Maximmn.  Plut.  Q.  R.  46  tc3v  OvsvsQaXioip 
(w  fiüsch  statt  Vinalia  das  Fest  bezeichnend)  t^  hoqxfi  noXvv  olvov  itix^- 
ov«iir  U  tov  tsQov  vjjg  'A(pQodLxjjQ.  Der  Flamen  Dialis  hatte  also  die  ganze 
Bestimmong  über  den  Anfang  der  Weinlese,  sowie  die  Leitung  und  Ein- 
weihung derselben,  die  sich  demnach  in  der  Periode  des  Septimontium  auf 
Iteide  Gemeinden  erstreckte. 


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wir  bislang  ganz  unberücksichtigt  gelassen  haben^  für  diese  hoaht 
wichtige  Phase  der  Stadtentwicklang  gar  keine  Bestätigung  bie- 
tet. Haben  wir  Bomulus  als  den  von  der  Sage  geschaffenen 
Repräsentanten  der  Raumes ,  d.  L  der  palatinischen  Stadt  kennen 
gelernt^  so  müfste  es  doch  als  höchst  wunderbar  bezeichnet 
werden,  wenn  die  Sage  in  ihrer  personifizierenden  Kraft  die  es- 
quilinische  Bevölkerung  gänzlich  ignoriert  und  übergangen  haben' 
sollte:  wen  aber  haben  wir  als  den  personifizierten  Repräsen- 
tanten dieser  letzteren  anzusehen? 

Eine  Beantwortung  dieser  Frage  bietet  die  bekannte  Bundes- 
genossenschaft des  Romulus  und  des  Hostus  Hostilius.  Hostus 
Hostilius*)  —  der  Sage  nach  der  Grolsvater  des  Tullus  Hosti- 
lius —  ist  seinem  Namen  nach  der  Fremde.*)  Wird  er  so  von 
Haus  aus  als  ein  dem  Staat  des  Romulus  nicht  angehöriger  ge- 
kennzeichnet, so  tritt  er  anderseits  in  ein  so  enges  Verhältnis 
zum  Gründer  der  Stadt,  dafs  man  ihn  geradezu  als  einen  andern 
Romulus  bezeichnen  kann.  Er  ist  der  treue  Kampfgenosse  des- 
selben, der  wiederholt  als  der  Hauptführer  der  Römer,  auch  ohne 
den  Romulus  selbst,  erscheint.^)  Die  Hersilia,  die  Tochter  des 
Königs  Titus  Tatius,  welche  nach  der  Angabe  dieser  Quellen 
Romulus  zur  Gemahlin  erhält,  führt  nach  andern  Berichten  Ho- 
stus Hostilius  heim.*)  Er  erscheint  in  jeder  Beziehung  als  der 
gleichberechtigte  Nebenbuhler  und  Genosse  des  Romulus.  Dio- 
nysius  berichtet  von  ihm,  dafs   seine   Heimatstadt*)   zuerst  sich 


1)  Über  ihn  vgl.  Schoemann  dissertatio  de  TuUo  Hostilio.  GryphisTald. 
1847  Ind.  lectt.  (wiederabgedruckt  Opusc.  Vol.  I  18  —  49)  1  ff.  Nach  der 
gewöhnlichen  Tradition  fiel  Hostos  Hostilius  in  der  Schlacht  gegen  Titos 
Tatius  Liv.  1,  14.  Dion.  2,  68.  Plut.  Rom.  28.  Prontin.  Strai  2,  6,  1.  Po- 
lyaen.  8,  3,  2.  Dafs  es  aber  auch  eine  andere  Version  gab,  zeigt  Plin.  n.  h. 
16,  5,  wonach  derselbe  fiir  die  der  Sage  nach  erst  in  der  letiten  Zeit  des 
Romnlas  erfolgte  Einnahme  von  Fidenae  (quod  Fidenam  primus  irrupisset) 
mit  einem  Kranze  beschenkt  wurde.  Man  ersieht  daraas,  dafs  er  überhaupt 
als  Helfer  und  Bundesgenosse  des  Romulus  in  der  Sage  galt. 

2;  Valer.  Max.  de  praenom.  4:  hostus  praenomen  fuit  in  eo  qui  pere- 
gre  apud  hospitem  natns  erat. 

8)  Liy.  1,  12  principes  utrimque  pugnam  ciebant  ab  Sabinis  Mettius 
Curtius,  ab  Romanis  Hostus  Hostilius. 

4)  Dion.  8,  1.  Plut.  Rom.  14,  18  Macrob.  1,  6,  16. 

6)  Als  solche  wird  allerdings  Meduliia  von  Dion.  3,  1  genannt  Zur 
Erklärung  desseu  mufs  man  aber  festhalten,  daJB  die  Sage  Rom  —  und 
zwar  schon  in  seinem  späteren  Umfang  —  als  selbstverständliches  Herr- 
schaftsgebiet des  Romulus  festhält,  sodafs  ihr  eine  Bundesgenossenschafl 


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-     241     - 

unter  allen  Städten  dem  Romulus  angeschlossen  habe,  weshalb 
er  selbst  mit  einer  grolsen  Schar  von  Männern  nach  Rom  über- 
gesiedelt sei  nnd  den  Römern  Verstärkung  gebracht  habe. 

Der  Kampf,  in  dem  hier  Hostus  Hostilius  den  Romulus  unter- 
stützt, ist  nach  den  übereinstimmenden  Berichten  gegen  die  Sa- 
biner  gerichtet  und  es  liegt  diesen  Angaben  ein  unzweifelhaft 
echter  Kern  zu  Grunde.  Namentlich  wufete  die  Sage  von  einer 
Episode  des  Kampfes,  von  der  Macrobius^)  erzählt  und  die  ich 
schon  oben  erwähnt  habe.  Während  eine  Schar  der  Sabiner 
gegen  die  porta  Mugionii^  heranstürmte,  um  den  Eingang  in  die 
palatinische  Burg  zu  erzwingen,  hatte  sich  eine  andere  Schar 
gegen  den  Ein-  und  Aufgang  zur  esquilinischen  Stadt  gewandt 
ond  war  hier,  wie  der  fromme  Glaube  zu  wissen  meinte,  nur 
durch  das  personliche  Eintreten  des  Schutzgottes  der  Stadt  selbst 
lurückgeworf en.  *) 

Tritt  uns  hier  eine  bestimmte  Beziehung  auf  den  Esquilinus 
entgegen  so  steht  an  und  für  sich  nichts  im  Wege,  Hostus  Ho- 
stilias  mit  seinen  angeblich  zugewanderten  Scharen  eben  auf 
diesem  Berge  zu  lokalisieren  und  ]ihn  daher  bestimmt  als  den 
Repräsentanten  der  esquilinischen  Stadt  aufzufassen.  Es  ist  aller- 
dings auffallend,  dafs  nirgends  ausdrücklich  der  Esquilinus^)  als 


innerhalb  dieses  späteren  ümfangs  der  Stadt  selbst  überhaupt  nicht  denk- 
bar war.  Wahrscheinlich  hat  die  Erinnerung  daran,  dals  Medullia,  welches 
fon  den  ersten  Zeiten  der  Bepublik  an  vollständig  verschwindet,  zuerst 
nnter  allen  weiter  gelegenen  Städten  mit  Rom  in  ein  Bündnis  trat,  auf  die 
Znsammenbringung  dieser  Stadt  mit  Hostus  Hostilius,  von  dem  eine  gleiche 
Tradition  im  Umlauf  war,  eingewirkt;  oder  es  haben  andere  nicht  mehr 
nachweisbare  Beziehongen  zwischen  dieser  Stadt  und  der  des  Esquilinus 
eingewirkt 

1)  A.  0.  1,  9,  17. 

2)  Das  Grabmal  des  Hostus  Hostilius  zeigte  man  auf  dem  Forum 
IHon.  3,  1.  Eben  dasselbe  ist  in  der  lückenhaften  Stelle  des  Festus  p.  177 
m  lesen,  wo  die  Worte  Niger  lapis  in  Comitio  looum  funestum  significat, 
nt  all,  Romuli  morti  destinatnm,  sed  non  usu  obv(enit  ut  ibi  sepeliretur, 

sed  Fau)8tulum  nutri(cium  eins  .  .  .)  tilium  avum  ti cuius  familia 

tionem  eins  zu  ergänzen  sind  Hostilium  avum  Tulli  Hostili:  ich  sehe 

nachtiAglich,  daJs  schon  Detlefsen  Bull.  delV  Inst.  1860.  p.  187  diese  Er- 
gänzung gefunden  hat 

3)  Ganz  hat  freilich  die  Sage  die  Erinnerung  an  den  Esquilinus  nicht 
onterdracken  können:  nach  Dion.  2,  37  steht  der  eine  Flügel  der  Römer, 
nnd  zwar  unter  persönlicher  Anfährung  des  Romulus,  gegen  die  Sabiner 
aof  dem  EsquüinuB. 

Gilbert,  Gesch.  tu  Topogrr.  Bomt.  16 

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-     242     — 

Sitz  und  Wohnstatte  des  Hostus  genannt  wird;  doch  wird  ander- 
seits dem  letzteren  überhaupt  kein  fester  Wohnraum  von  der 
Sage  angewiesen  und  wir  werden  weiter  unten  sehen,  dafs  die 
Sage  ihre  sehr  bestimmten  Gründe  gehabt  hat,  den  Esquilinus 
zu  ignorieren.  Wir  haben  ohne  Zweifel  in  Hostus  Hostilius  und 
seiner  Hülfsschar  die  Verbündeten  vom  Esquilinus  zu  erkennen. 
Es  ist  nun  aber  höchst  eigentümlich,  dafs  die  Sage  genau 
dasselbe,  was  sie  von  dem  Hostus  berichtet,  auch  von  einem  an- 
dern Helden,  dem  Lucumo^),  weifs.  Wie  jener  so  erscheint  auch 
dieser  als  der  Bundesgenosse  und  Helfer  des  Bomulus^);  wie 
jener  so  führt  auch  dieser  den  einen  Flügel  der  Römer®);  wie 
jener  so  fallt  auch  dieser  im  Kampfe  gegen  die  Sabiner.*)  Ohne 
Zweifel  haben  wir  es  hier  mit  einer  und  derselben  Gestalt  zu 
thun,  die  in  der  einen  Namensform  nur  als  Fremder,  in  der  an- 
dern nach  ihrer  Nationalität  auftritt:  der  „Fremde"  ist  eben  der 
Lucumo.  Und  wie  die  Römer  selbst  schon  in  diesem  letzteren 
den  Stammherm  und  Repräsentanten  der  Luceres  erkannt  und 
anerkannt  haben  ^),  so  ist  eben  Hostus  zugleich  der  Vertreter 
dieses  letzteren  Stammes,  den  wir  danach   dem  Esquilinus  zuzu- 


1)  Über  Lucamo  vgl.  Schwegler  1,  497  ff.  607  ff.  Schon  Schömaim 
a.  0.  8  f.  weist  aaf  die  Ähnlichkeit  des  Hostas  Hostilius  und  des  Lucamo 
hin.    Wir  werden  auf  Lucumo  Kap.  6  genauer  zurückzukommen  haben. 

2)  Cic.  Rep.  2,  8,  14  Lucumonis,  Romuli  socius.  Dion.  2,  47  ^x«  — 
^x  SoXtovCov  n6Xs(og  avriQ  ^QCtcti^QLog  Aonoiioav  6vo(ia  <pßiog  ov  tcqo  nollov 
yeyovoag.  Paul.  p.  119  Luceres  a  Lucero  Ardeae  rege  qui  auxilio  fuit  Ro- 
mulo  adyersus  Tatium  bellanti.  Prop.  4,  2,  50.    Sery.  Aen.  6,  690. 

3)  Dion.  2,  42  etxs  9h  tov  dt^iov  rrjv  rjysfiovuxv  avtog  o  ^Pmfj^vlog^ 
tov  d*  dffunsQOv  Ao%6ft4ov  o  TvQ(friv6g.  48:  ot  d*  iv  reo  evoavviMO  vax^ivxBs 
cifiM  Ao%6(ji,€ovi,  xioDg  (t^hv  dpteCxov  vno  vov  rjYBiiovog  dvad-aoffwofievoi^  Xcefir- 
nQOtdtov  xd  noliftut  dvÖQog  xal  nlsCaza  igya  xvvd  xovzov  xov  nolsfiov 
dnodsL^afisvov, 

4)  Cic.  Rep.  2,  8,  14  Lucumonis,  qui  —  in  Sabino  proelio  occiderat. 
Dion.  2,  48  {AoKmfLmv)  iXad'Blg  did  xmv  nlevQmv  cawCtp  xr^g  övvdfiemg  vno- 
XemovüTig  ineasv, 

5)  Cic.  Rep.  2,  8,  14  Romulus  populum  et  suo  et  Tatii  nomine  et 
Lucumonis  —  in  tribus  tres'  deacripsit  Paul.  p.  119  Luceres  —  a  Lucero. 
Serv.  Aen.  5,  690  Varro  dicit  Romulum  dimicantem  contra  Titum  Tatium 
a  Lucumonibus  hoc  est  Tuscis  auxilia  postulasse.  unde  quidam  venit  cum 
exercitu  —  ergo  a  Lucumone  Luceres  dicti  sunt  Ich  bemerke  aber  gleich 
hier,  dafs  der  Stamm  der  Luceres  eine  wechselnde  Geschichte  gehabt  hat 
und  dafs  daher  auch  die  an  den  Namen  des  Lucumo  resp.  der  Luceres  sich 
knüpfenden  Traditionen  nicht  einheitlich  sind,  worauf  näher  Kap.  6  einzu- 
gehen ist.    In  ihrer  älteren  Beschränkung  auf  den  Esquilin  scheint  mir  der 


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—     243    — 

weisen  ein  Recht  haben.  *Der  Bund  des  Septimontium  stellt  den 
Band  der  Ramnes  und  der  Luceres  dar:  wir  haben  also  in  den 
Städten  des  Esquilinus  und  des  Palatinus  zwei  der  alten  Stämme 
oder  Tribus  zu  sehen,  aus  denen  Sage  und  Historie  den  römi- 
schen Staat  erwachsen  sein  liefs.^) 

Aber  die  Entwicklung  der  Stadt  hat  sich  nicht  in  so  ein- 
fachen Formen  vollzogen,  dals  wir  nun  sofort  zu  derjenigen  Pe- 
node übei^ehen  konnten,  in  der  drei  gleichberechtigte  Bundes- 
glieder zu  einem  Gemeinwesen  zusammentraten  und  verschmol- 
zen. Die  Geschichte  des  Esquilin  und  seiner  Bevölkerung  wird 
durch  einen  mächtigen  Rifs  gespalten:  der  grofse  Einflufs^  den 
die  esquilinische  Stadt  der  Luceres  auf  den  Palatin  einst  aus- 
geübt hat,  tritt  mit  einem  Schlage  zurück,  ja  verschwindet;  weit 
und  unverbunden  klafiPen  die  beiden  Perioden  der  ältesten  und 
der  späteren  Geschichte  der  esquilinischen  Gemeinden  auseinander. 
Den  Grund  dieser  auffallenden  Erscheinung  werden  wir  im  6.  Ka- 


Name  Luceres  am  leichtesten  seine  Erklärung  aus  dem  Kulte  der  luno  Lu- 
cina xQ  finden. 

1)  Ich  habe  schon  oben  S.  67  bemerkt,  dals  ich  nicht  beabsichtige, 
aof  eine  Untersuchung  über  die  nationale  Herkunft  und  Verschiedenheit 
der  BevGlkerungselemente  Boms  einzugehen.  Doch  scheint  es  geboten, 
wenigstens  die  Hauptstellen  über  die  Bevölkerung  des  Septimontium  hier  - 
mitsoteilen.  Vgl.  darüber  Festus  p.  821  Sacrani  appellati  sunt  Beate  orti 
qd  ex  Septimontio  Ligures  Siculosque  exegerunt.  Ser?.  Aen.  11,  317  usque 
sd  fines  Sicanos,  quos  Siculi  aliquamdiu  tenuerunt,  id  est,  usque  ad  ea 
loca  in  quibus  nunc  Borna  est:  haec  enim  Siculi  habitaverunt,  unde  est: 
»et  gentes  venere  Sicanae.*^  Uli  autem  a  Liguribus  pulsi  sunt,  Ligures  a 
Sacranis,  Sacrani  ab  Aboriginibus.  Nur  das  eine  kann  man  diesen  wech- 
selnden Angaben  entnehmen,  dafs  verschiedene  Bevölkerungsschichten  ein- 
ander gefolgt  sind,  wie  wir  das  auch  in  den  Kulten  speziell  der  West- 
gemeinden des  Palatinus  noch  geglaubt  haben  nachweisen  zu  können.  Dafs 
die  Vertreibung  der  „Siculi  und  Ligures**  aber,  wie  Festus  die  Bevölkerung 
des  Septimontium  bezeichnet,  nicht  in  der  Weise  anzunehmen  isi,  dafs  nuu 
an  die  Stelle  der  vertriebenen  die  neuen  Ankömmlinge  sich  setzten,  geht 
daraus  hervor,  dafs  das  Fest  des  Septimontium  sich  durch  alle  Zeiten  Boms 
erhalten  hat  Jene  „Vertreibung**  einer  älteren  Bevölkerung  ist  nur  so  zu 
▼erstehen,  dals  der  Hauptteil  jener  dem  neuen  Bevölkerungselemente  sich 
^uuchlofa  und  mit  demselben  verschmolz.  Was  aber  den  Namen  Ligures 
betrifft,  der  bei  Fest.  a.  0.,  Serv.  a.  0.,  Dion.  1,  10.  40.  22  —  Philist.  fr. 
2  MülL  mit  den  ältesten  Einwohnern  Boms  resp.  des  Septimontium  yer- 
bjöpfl  wird,  so  ist  es  mir  das  wahrscheinlichste,  dafe  hier  eine  Verwech- 
Beloog  mit  dem  Namen  der  Luceres  vorliegt,  der  überhaupt  in  den  mannig- 
faltigsten Variationen  uns  entgegentritt. 

16* 

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—     244     — 

pitel  erörtern:  wir  werden  sehen,  wi6  eine  neue,  fremde  Bevöl- 
kerung das  Gebiet  der  Stadt  Rom  betritt;  den  Caelius  besetzt 
und  kolonisiert  und  von  hier  aus  den  Esquilin  erobert  und 
dauernd  sich  unterwirft.  Der  Esquilin  bildet  fortan  einen  Annex, 
einen  integrierenden  Bestandteil  der  Stadt  vom  Caelius:  und  die 
Bevölkerung  dieses  letzteren  4a*itt  fortan  als  ihre  Bechtsnachfol- 
gerin  auf.  Vorher  aber  hat  die  Entwicklung  der  Stadt  eine 
neue  Phase  zurückgelegt:  losgelöst  von  ihrer  bisherigen  Verbün- 
deten ist  die  palatinische  Stadt  mit  einer  sabinischen  Stadt  auf 
dem  später  sogenannten  Quirinalis  zu  einem  Bündnis  zusammen- 
getreten, welches  für  die  Stadtentwicklung  selbst  die  bedeutsam- 
sten Folgen  gehabt  hat.  Diese  weitere  Phase  der  Stadtgeschichte 
zu  betrachten  ist  unsere  nächste  Aufgabe. 


Fünftes  Kapitel. 
Die  ramniscli-titisclie  Doppelstadt. 

Dem  Westpalatinus  gegenüber  liegt  der  kapitolinische  HügeH), 
dessen  Seiten  heute  fast  überall  schroff  abfallen.  Es  scheint, 
dafs  das  Thal,  welches  die  unmittelbare  Verbindung  zwischen 
der  Nordwestecke  des  palatinischen  Hügels  und  dem  Gapitolinus 
bildet,  in  ältester  Zeit  und  noch  während  der  Phase  der  palati- 
nischen Stadt  durch  Wald  und  Sumpf  unwegsam  war*):  wenig- 
stens wird  die  Besiedelung  dieses  Raumes  durch  den  Vicus  Tus- 
cus  von  der  Tradition  —  und  zwar  sicher  mit  Recht  —  einer 
späteren  Zeit  zugewiesen.  Der  kapitolinische  Hügel  selbst  aber 
hat  jedenfalls  gleichzeitig  mit  der  palatinischen  Stadt  eine  Nie- 
derlassung getragen  und  den  Spuren  dieser  haben  wir  jetzt  zu- 
nächst im  einzelnen  nachzugehen. 

Der  kapitolinische  Hügel  zerfällt  in  drei  Teile.  Von  der 
mittleren  Area,  die  ihre  Front  nach  SO.,  dem  Forum,  zukehrt, 
steigen  auf  beiden  Seiten,  nach  N.  und  S.,  schroffere  Höhen  auf, 
die,   allmählich   in  ihren  Endpunkten    rückwärts    gegen  W.  sich 


1)  Die  Höhe  des  capitolinischeD  Berges  beträgt  auf  seiner  Nordspitze 
49,  auf  seiner  Südspitze  46  Meter  über  dem  Meere;  nach  Broochi  a.  0.  151 
und  141  piedi.  Vgl.  Jordan  1,  1.  188. 

2)  TTierüber  vgl.  Kap.  6. 


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—     245     — 

ombiegend,  die  mittlere  Area  einschliefsen  und  überragen.^)  Die 
nördliche  Höhe  trug  später  die  Arx,  die  südliche  den  Tempel 
des  kapitolinischen  Jupiter:  jene  führte  daher  die  Spezialbezeich- 
noüg  Arx;  diese  Eapitolium^  während  die  mittlere  Area  als  das 
Asylum,  der  Baum  inter  duos  lucos,  bekannt  ist.*)     Erscheint 


1)  Die  lange  und  lebhafb,  hauptsächlich  zwischen  den  deutschen  Ar- 
chäologen einer-,  den  italienischen  anderseits  geführte  Kontroverse,  ob  der 
südwestliche  Gipfel,  die  Höhe  des  Palazzo  Caffarelli,  oder  der  nördliche 
Gipfel,  die  Höhe  yon  S.  Maria  in  Araceli,  den  Jupitertempel  getragen,  ist 
jetzt  durch  die  Aufdeckung  seiner  Fundamente  definitiv  gelöst.  Vgl.  Jordan 
Eiapitol  Forum  Sacra  Via  8.  47  und  jetzt  Topogr.  1,  2.  64 ff.,  wo  diese 
Frage  in  eingehendster  Weise  behandelt  und  erschöpft  ist.  Für  uns  schliefst 
es  sich  aus,  der  Geschichte  dieser  Lösung  der  Frage  im  einzehien  nachzu- 
gehen. Mit  dieser  Fixierung  des  Jupitertempels  auf  den  südlichen  Gipfel 
Ut  zugleich  erwiesen,  dais  der  nördliche  GKpfel  die  Arz  trug,  da  die  beiden 
Gipfel  wiederholt  als  Arx  und  Capitolium  einander  entgegengesetzt  werden. 
Vgl.  Dion.  2,  16  to  yag  fista^v  %(OQiov  tov  xs  KanitoaUov  nal  trjg  ätiQocgy 
0  taXsixai.  vvv  xaxa  zriv  ^Ponfiaitov  duils%tov  fis^OQiov  dvoiv  SifVfuiv.  Str. 
6,  230  acvXov  ti  tifisvog  fifrafv  tijg  anqceg  %al  tov  KanixonX^ov.  Gell.  5,  12 
est  autem  etiam  aedes  Veiovis  Romae  inter  arcem  et  Capitolium.  Capito- 
Hain  et  arx  finden  sich  daher  häufig  als  Ausdruck  für  den  kapitolinischen 
Berg  überhaupt  Cic.  Catil.  4,  9.  Liv.  2,  7.  49.  8,  18  und  oft  Damit  ist 
nicht  ausgeschlossen,  dafs  bei  ungenauerer  Sprechweise  auch  Arx  oder  Ca- 
pitolium allein  für  den  ganzen  Berg  gebraucht  werden  kann.  Die  mittlere 
Area,  jetzt  Piazza  del  Campidoglio,  war  das  Asylum  oder  Inter  duos  lucos: 
▼gl  Dien.  a.  0.  Liv.  1,  8  locum  qui  nunc  septus  descendentibus  inter  duos 
luco«  est  asylum  aperit.  Vitr.  4,  8,  4  inter  duos  lucos  Veiovis.  Vellei.  1,  8,  6 
uyb  facto  inter  duos  lucos. 

2)  Die  den  Angaben  der  Alten  selbst  zu  entnehmenden  Beweise  für 
<üe  Identifizierung  der  Südkuppe  mit  dem  Eapitolium  stützen  sich  zunächst 
auf  den  Bericht  von  der  Überrumpelung  des  Kapitels  durch  Herdonius  Dion. 
10,  14  nlsvcag  dia  tov  Tißiffsoog  notafiov,  nQoaiaxs  trig  *P<6(irig  natu  tovzo 
w  loü^iovj  ^vd'a  to  KantxcoXiov  ictiv,  ovd*  oXov  ctddiov  anixov  xov  notu- 
P<w  —  dut  tmv  ä%X8iotmv  nvXoh,  —  Kagiisvt^vag  avtäg  üaXovatv,  dvaßt.' 
fatag  t^  Svvafinv  — ,  was  nur  für  die  Südkuppe  palst;  nach  der  Einnahme 
de«  Kapitols  heilst  es  weiter:  iyistd'sv  d'  inl  xrjv  anqav  madfi^svog  (ßexi  9b 
t»  KamxmTiXm  nqoasxijg)  xduslvrjg  iysyovei  %vQLog.  Sodann  auf  die  Erzäh- 
lung Ton  der  Botschaft  des  Pontius  Cominius  während  der  gallischen  Be- 
lagerung, der  von  der  porta  Carmentalis  die  Höhe  ersteigt  (Plut.  Cam.  25 
fßadi^i  XQog  xtjv  KagfiBvtida  nvXriv  —  fiaXi^ata  %at'  avtrjv  og^iog  6  tov 
^^ixaXiov  Xotpog  dviat7i%s)y  worauf  die  ihm  folgenden  Gallier  durch  Manlius 
vieder  herabgestürzt  werden:  die  Tarpeia  arx,  wie  Vergil.  Acn.  8,  652  den 
Standort  des  Manlius  nennt,  ist  eben  das  Kapitel.  Femer  auf  den  Sturm 
der  Yitellianer,  wie  ihn  Tacitus  beschreibt  Hist.  3,  71,  wo  namentlich  die 
Worte  diverses  Capitolii  aditus  invadunt  iuxta  lucum  asyli  et  qua  Tarpeia 


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-     246     - 

demnach  der  Hügel  in  zwei  durchaus  getrennte  Höhen  oder 
Spitzen  zerfallend,  die  durch  den  Mittelraum  nur  eine  sehr  not- 
dürftige Verbindung  erhalten,  so  hat  es  an  und  für  sich  nichts 
Unwahrscheinliches,  dafs  diese  beiden  gesonderten  Hohen  auch 
eine  gesonderte  Geschichte  haben.  Und  dem  ist  in  der  That  so. 
Während  die  nördliche  Spitze,  wie  wir  hernach  genauer  kennen 
lernen  werden,  in  enger  Verbindung  mit  dem  Quirinalis  und  dessen 
sabinischer  Gemeinde  steht,  hat  die  Südhöhe  davon  unabhängig 
ihre  durchaus  eigene  gesonderte  Geschichte,  die  sich  in  zwei 
Phasen,  einmal  um  die  uralte  Existenz  einer  Sondemiederlassung 
an  dieser  Stelle,  sodann  um  die  Verbindung  derselben  mit  den 
Ramnes  der  palatinischen  Stadt  dreht.  Verfolgen  wir  zunächst 
diese  beiden  Phasen  der  ältesten  Geschichte  des  Südhügels. 

Die  Angaben  der  Antiquare  und  Historiker  lassen  einstim- 
mig auf  der  Südhöhe  des  Capitolinus  eine  Niederlassung  sitzen, 
die  sie  konsequent  mit  dem  Namen  des  Satumus  in  Verbindung 
bringen.^)    Und  diese  Angaben  werden  durch  die  Thatsache  be- 


rupes  centum  gradibus  aditnr  beweisen,  dafs  an  dieser  letzteren  Stelle  nnr 
von  der  Südspitze  die  Rede  sein  kann.  Denn  die  Tarpeia  rupes  ist  nach- 
weislich ein  Teil  der  Südknppe  und  anderseits  wird  wieder  der  Jupitertempel 
eben  daselbst  wo  die  rupes  Tarpeia  angegeben:  Liv.  1,  55  lovis  templom 
in  monte  Tarpeio;  Dion.  3,  69  X6(pov  ov  tote  fihv  ^xaXsito  Tagw/iXog^  vvv  d% 
KanitoDlLvog;  Varro  1.  1.  6,  41  Capitolium  —  aedis  lovis  —  hie  mons  ante 
Tarpeius  dictns  —  quod  etiam  nunc  eins  rupes  Tarpeium  appellatur  saxum. 
Noch  heute  hält  der  vicolo  di  Rupe  Tarpea  den  alten  Namen  aufrecht. 
Danach  mufs  es  schon  hiemach  als  absolut  sicher  bezeichnet  werden,  dafs 
die  NordhGhe  die  Arx,  die  SüdhOhe  den  Tempel  des  Kapitolinischen  Jupiter 
trug.  Eine  genaue  Ausführung  dieser  Beweise  findet  sich  bei  Becker  387  ff. 
1)  Varr.  1.  l.  5,  42:  hunc  antea  montem  (es  ist  vom  Eapitolium  oder 
mons  Tarpeius  die  Rede)  Satumiam  appellatum  prodiderunt  et  ab  eo  late 
Satumiam  terram,  ut  etiam  Ennius  appellat.  Antiquum  oppidum  in  hoc 
fuisse  Satumia  scribitur.  Eins  vestigia  etiam  nunc  manent  tria:  quod  Sa- 
tumi  fanum  in  faucibus;  quod  Satumia  porta  quam  Innius  scribit  ibi  quam 
nunc  vocant  Pandanam;  quod  post  aedem  Saturoi  in  aedificiorum  legibus 
privatis  parietes  postici  muri  sunt  scripti.  Vgl.  dazu  Fest,  p  322  Satumii 
quoque  dicebantur  qui  castrum  in  imo  clivo  Capitolino  incolebant;  womit 
Solin.  1,  13  insofem  stimmt,  als  er  das  von  Varro  erwähnte  oppidum  auf 
der  Hohe  als  castellum  bezeichnet.  Zu  diesen  Beziehungen  des  Südhügels 
auf  den  Namen  und  Kult  des  Satumus  kommt  noch  die  ara  des  Satumus, 
über  deren  Lage  Dionys.  1,  34  sagt:  itt  nccl  vvv  dtccfj^ivsi  naga  tJ  (iijj  tov 
X6<pov  xttTtt  trjv  avodov  tr^v  uno  tf^g  ayogag  tpsQovffrig  slg  tä  Kccnttoiliov. 
6,  1  giebt  Dionys.  gleichfalls  die  ara  unmittelbar  am  Tempel  selbst  liegend 
an  (tov  vfmv  nad'LfQcod'rjvcci  t£  KQ6vq>  natoc  trjv  avodov  tr^v  elg  to  Kam- 


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—    247     — 

etätjgty  dafs  der  Kult  des  Saturnus  von  alters  her  an  dieser 
Stelle,  und  zwar  aasschliefslich  an  dieser  Stelle  haftet.  Nicht 
Dar  die  Niederlassung  selbst  wird  von  Ennius  allgemein  als 
Satnmia  bezeichnet,  auch  im  einzelnen  ist  es  die  porta  Satur- 
nia  auf  der  Hohe,  die  ara  Satumi  in  der  Tiefe,  welche  die  ur- 
alte Zugehörigkeit  des  Gottes  zu  dieser  Stelle  legitimieren:  von 
Satnmus  ist  aber  wieder  Ops  nicht  zu  trennen.*) 


u&liov  tpigovcav  Ix  tilg  ^yogäg.  —  ra  dh  nQO  xovxtov  tov  ßmftiv  avzod'i 
ttt^dffv^ai,  Xiyovai) :  wahrscheiDÜcb  war  sie  ein  uraltes  Heiligtam,  welches 
man  ans  snperstitiGsen  Bedenken  anch  nach  dem  Baa  des  Tempels  selbst 
bestehen  liefs.  Die  ara  erwähnen  femer  als  noch  vorhanden  Festus  p.  822 
(in  imo  clivo  Capitolino,  nbi  ara  dicata  ei  deo  ante  bellnm  Troiannm  vide- 
tor,  qma  apnd  eam  snppUcant  apertis  capitibns),  Macrob.  1,  8,  2  (habet 
aruB  et  ante  senacnlam.  illic  Graeco  ritu  capite  aperto  res  divina  fit,  qnia 
prirnnm  a  Pelasgis,  post  ab  Hercule  ita  eam  a  principio  factitatam  pntant), 
die  beide  den  griechischen  Ritas  (capite  aperto)  bei  den  an  ihr  vorgenom- 
menen sakralen  Handinngen  hervorheben.  Unmittelbar  mit  dieser  ara  Sa- 
tonii  war  anch  ein  Sacellum  Ditis  verbanden  Macrob.  Sat.  1,  11,  48,  anf 
welches  Kap.  6  zarfickzakommen. 

1)  Ops  and  Satomas  gehören  als  Götterehepaar  eng  znsammen.  Vgl. 
nameotlich  Macrob.  1,  10,  18  —  24.  Dafs  beide  Namen  echt  latinisch,  be- 
darf keines  Beweises.  Die  ältere  Form  dieses  als  Säetamas  ist  in  einer 
lofchrift  C.  L  L.  I,  n.  48  Saetami  pocolom  erhalten  and  wahrscheinlich 
bei  Festes  p.  326  qai  deas  in  saliaribas  Satamns  nominatar,  videlicet  a 
sationibns  wiederherzastellen,  da  hier  offenbar  eine  von  der  gewöhnlichen 
abweichende  Namensform  gegeben  worde.  Vgl.  Bitschi.  op.  4,  270  ff.  Der 
alte  Kaltname  der  Ops,  wie  er  ans  der  Aafschrifk  eines  Grabthongefäfses 
alstoitesia  bekannt  geworden  ist  (vgl.  Dressel  Annali  deir  Inst.  1880.  168  ff. 
Tay.  L  nnd  Jordan  Hermes  Bd.  16  1881.  226  ff.)  scheint  mir  ebenso  wie 
der  Totonns  der  Veliagemeinde  (vgl.  oben  8.  166  f.)  mit  dem  italischen  Worte 
toota  a  Gemeinde  (Baecheler  Lexic.  Italic.  XXVIII)  zusammenzuhängen  und 
<lie  Ops  als  Gemeindegöttin  zu  charakterisieren.  Über  die  Heiligtümer 
dieses  Götterpaares,  speziell  der  Ops,  vgl.  namentlich  Jordan  Ephem.  epigr. 
3|  67—78,  mit  dem  ich  aber  in  wesentlichen  Punkten  nicht  übereinstimmen 
kann.  Als  die  Mutterstätte  des  Kults  ist  die  uralte  ara  Satumi  anzusehen, 
über  die  vgl.  oben  S.  246.  Bei  der  engen  Beziehung  zwischen  Satumus 
ond  Ops  ist  anzunehmen,  dafs  dieselbe  beiden  Göttern  gemeinsam  geweiht 
war.  Vgl.  dazu  die  Bemerkung  des  Macrobius,  die  er  zur  Vergleichung 
deB  Satumkulta  in  Rom  macht  a.  0.  22:  Satumo  et  Opi  primum  in  Attica 
statoisse  aram  Cecropem.  Wie  hier  eine  gemeinsame  ara  der  beiden  Götter 
erscheint,  so  darf  man  auch  die  kurz  vorher  von  Macrobius  genannte  ara 
Sfttanii  als  beiden  Göttern  geltend  betrachten.  Als  später  —  im  Anfang 
der  Republik  —  der  Tempel  des  Saturn  gebaut  wurde,  hat  sich  die  alte 
tta  immittelbar  neben  diesem  Tempel  erhalten,  offenbar  weil  man  sie  nicht 
aimitasten  wagte:    Tempel  und  Altar  sind  als  ein  Heiligtum  anzusehen. 


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~     248     - 


Ein  weiterer  Kult  sodann ,  dem  ein  hohes   Alter  nicht  ab- 
gesprochen werden  kann,  ist  der  des  Volcanus.    Denn  der  unterste 


eben  weil  der  eretere  nur  als  eine  glanzvolle  Erweitenmg  des  alten  ein- 
fachen Altardienstes  anzusehen  ist.  Wie  der  Altar,  so  mnfs  auch  der  Tem- 
pel selbst  beiden  Gottheiten  geweiht  gewesen  sein,  wogegen  nicht 
spricht,  dafs  er  von  dem  wichtigeren  der  beiden  seinen  Namen  erhalten 
hat:  ebenso  heifst  der  Dioskurentempel  Castortempel.  DaTs  dem  so  ist, 
kann  man  bestimmt  nachweisen.  Nach  Macrob.  1,  10,  18  waren  die  spä- 
ter an  verschiedenen  Tagen  gefeierten  Opalia  und  Satumalia  auf  einei 
Tag  fallend,  den  19.  Dezember:  quo  solo  die  apnd  aedem  Satumi  convivb 
dissoluto  Satumalia  clamitabantur,  qui  dies  nunc  Opalibus  inter  Satuma- 
lia deputatur,  cum  primum  Satumo  pariter  et  Opi  fuerit  adscriptus.  Uid 
wenn  diese  Scheidung  des  ursprünglich  einen  Tages  in  zwei  in  ihrer  schein- 
baren Zuräckfuhrung  auf  Cäsar  (a.  0.  23)  auch  durchaus  irrig  ist  —  da 
beide  Festtage  schon  dem  ältesten  Kalender  Numas  angehören  — ,  so  mag 
jene  Angabe  allerdings  aus  dem  Gefühle  und  aus  der  Thataache  geflossen 
sein,  dais  beide  Tage  in  ihrem  Kulte  in  engster  und  innerster  Wechsel- 
beziehung stehen:  die  sakralen  Handlungen  an  den  Opalia  eben  daselbst 
sich  vollziehen,  wo  die  sakralen  Handlungen  der  Satumalia.  (Alle  auf  die 
Satumalia  bezüglichen  wesentlichen  Angaben  finden  sich  bei  Marquardt  3, 
562  —  64  gesammelt.)  Wenn  daher  das  Calend.  Amit.  z.  17.  Dez.  bemerkt: 
Saturno  ad  forum,  wie  z.  19.  Dez.  Opi  ad  foram,  so  ist  zweifellos  hier  eben 
derselbe  Tempel,  die  aedes  Satumi,  gemeint  und  daraus  auf  die  Zugehörig- 
keit beider  Gottheiten  zu  dem  einen  Tempel  zu  schlieisen.  Dagegen  wird 
allerdings  die  Inschrift  bei  Orelli  1506,  in  der  von  einem  locus  adsignatus 
aedi  Opi  et  Satumo  die  Rede  ist,  von  Jordan  a.  0.  68  f.  meiner  Ansicht 
nach  mit  Recht  als  gefälscht  angenommen  und  kommt  daher  als  weiterer 
Beweis  nicht  in  Betracht.  Von  dieser  Mutterstätte  —  wenn  wir  eben  die 
aedes  Satumi  und  die  ara  Satumi  als  eine  Stätte  auffassen  —  ist  der  Kult 
der  Ops  sowohl  in  die  Regia,  wie  auf  das  Kapitel  übertragen  worden :  dort- 
hin (um  das  gleich  hier  zu  bemerken)  bei  Schaffung  dieses  centralen  Kult- 
mittelpunkts in  der  Zeit  des  Foedus  zwischen  Ramnes  und  Tities  (vgl. 
nachher),  welche  centrale  Kultstätte  fortan  die  Hauptsacra  der  älteren  Ein- 
zelgemeinden in  sich  aufnahm;  auf  das  Kapitel  dagegen  bei  Erhebung  dieser 
Höhe  zum  Kultmittelpunkt  in  der  Tarquinierzeit.  Daher  es  durchaus  natür- 
lich, dais  die  Opiconsivia  des  25.  Aug.,  welche  der  Ops  in  der  Regia 
gelten,  in  den  Numaschen  Kalender  mit  aufgenommen  sind,  während  der 
Kult,  wie  er  sich  an  den  Tempel  der  Ops  auf  dem  Kapitole  anschliefst, 
seinem  sakralen  Gehalte  nach  durchaus  zurücktritt  Ober  die  Opiconsivia, 
d.  h.  das  Fest  der  Ops  in  der  Regia,  sagt  Varro  1.  1.  6,  20  Opiconsivia  dies 
ab  dea  Ope  consiva,  quoius  in  regia  sacrarium,  quod  ideo  actum,  ut  eo 
praeter  virgines  Vestales  et  sacerdotem  publicum  introeat  nemo;  welche 
Angabe  durch  die  Kaiendarien  bestätigt  wird,  wie  auch  Festus  sagt  p.  136: 
in  Regia  colitur  a  P.  R.  (Ops).  Über  den  Kultnamen  der  Ops  consiva,  der 
von  condere  abzuleiten,  vgl.  Jordan  Hermes  15,  16.  Was  endlich  den  Tem- 
pel auf  dem  Kapitole  betrifft,  so  wissen  wir  von  demselben  zunächst  aus 


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~     249     - 

Ab&Il  des  Hügels  selbst  nach  dem  Forum  zu,  welcher  später  als 
eine  Area^  eine  geebnets  Fläche  erscheint^  unterhalb  welcher  sich 
aach  die  ara  resp.  der  Tempel  des  Saturnus  befand ,  führte  den 
Namen  Yolcanal  ^)  und  ist  mit  sehr  eigenartigen ^  offenbar  hoch 
^altertümlichen  Gebräuchen  verknüpft:  mit  Volcanus  ist  aber  wieder 
die  Gottin  Maia  vereinigt.^  Diese  beiden  Götterpaare,  Saturnus- 
Ops  und  Volcanus-Maia,  treten  uns,  wie  bemerkt,  in  so  alter  und 
so  spezieller  Zugehörigkeit  zu  dem  betr.  Lokale  entgegen,  dafs 
wir  nicht  zögern  können,  in  ihnen  die  alten  Sonderkulte  der- 
jenigen Gemeinde  zu  sehen,  die  Höhe,  Abhang  und  Tiefe  des  Süd- 

Liv.  39,  22,  dfiTs  er  im  J.  186  v.  Chr.  schon  Yorhanden  war  (aedis  Opis  in 
Ci^ntolio  de  caelo  tacta  erat).  Wenn  daher  Plinins  n.  h.  11,  174  von 
L.  Metella«  —  nach  dem  Triumphe  über  die  Dalmater  117  —  sagt:  multis 
menribns  tortns,  dum  meditatur  in  dedicanda  aede  Opi  verba  dicore  —  sepfcamo 
fenne  anno  sermonem  ezprimit,  so  steht  nichts  im  Wege,  in  dem  hier  er- 
wähnten Tempel  der  Ops  einen  Neubau  jenes  älteren  zu  sehen.  Kultlich 
tritt  dieser  Tempel  nur  einmal  hervor,  indem  das  Cal.  Vall.  z.  25.  Aug. 
neben  den  Opiconsivia  ein  Opfer  auch  in  dem  Tempel  auf  dem  Kapitole 
erwähnt,  während  die  Beziehung  der  Worte  des  Arvalkalenders  z.  23.  Aug. 
Opi  Opifer.  zweifelhaft  bleibt.  Zweifelhaft  ist  auch,  auf  welches  Heiligtum 
Mch  die  Worte  Ciceros  Phil.  1,  7.  17.  2,  14.  36  u.  a.  beziehen,  wonach 
Cäsar  Gelder  ad  aedem  Opis  deponierte:  ob  auf  den  Saturntempel  selbst, 
der  also  hier  dann  als  Opstempel  bezeichnet  würde,  oder  auf  den  Tem- 
pel in  GapitoUo. 

1)  Diese  area  Volcani  (Liv.  9,  46)  war  ein  locus  editus  (Gell.  4»  6,  4) 
ond  sog  sich  am  untern  Abbang  des  kapitolinischen  Berges  hin:  es  ist  die- 
selbe area,  die  später,  wenigstens  zum  Teil,  durch  die  aedes  Concordiae 
eingenommen  wird  (Liv.  a.  0.),  weshalb  sie  nun  auch  als  area  Volcani  et 
Concordiae  bezeichnet  wird  Liy.  40,  19.  Auf  dem  Volkanal  erwähnt  Pli- 
niiB  n.  h.  16,  236  einen  uralten  Lotosbaum,  den  er  den  Anfängen  der  Stadt 
selbst  gleichzeitig  setzt:  altera  lotos  in  Volcanali  —  aequaeva  urbi  intel- 
legitor,  nt  auctor  est  Masurius.  radices  eins  in  forum  usque  Caesaris  pene- 
trant.   Über  die  mit  dem  Volkanal  verknüpften  Gebräuche  vgl.  nachher. 

2)  Es  ist  unrichtig,  Volcanus  als  Feuergott  von  Haus  aus  zu  fassen, 
da  er,  ebenso  wie  der  griechische  Hephästos,  in  erster  Linie  Sonnengott 
Qod  erst  in  übertragener  Bedeutung  Feuer-  und  dann  Schmiedegott  ist  und 
&lfi  solcher  nun  auch  mit  den  beiden  Tagen  des  Tubilustrium,  23.  März  und 
23.  Mai,  in  Verbindung  tritt,  zu  denen  er  die  heiligen  tubae  anfertigt.  Seine 
Gattin  Maia  ist  Mondgöttin,  obgleich  Cornelius  Labeo  bei  Macrob.  1,  12,  20 
>ie  als  terra  charakterisiert.  Die  Maiesta  des  Piso  das.  18  ist  nur  eine 
ttdere  Form  des  Namens  Maia.  Die  enge  Verbindung  der  beiden  geht  dar- 
ans  hervor,  dafs  der  Flamen  Volcanalis  Kalendis  Maus  huic  deae  rem  di- 
▼iiuun  facit:  vgl.  Macrob.  a.  0.,  wie  denn  auch  Maia  Volcani  eine  stehende 
Gebetsformel  ist  Gell.  18,  28,  2.  Die  Verehrung  beider  an  denselben 
Knltstätten  ergiebt  sich  daraus  von  selbst. 


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-     250     — 

capitolinus  in  ältester  Zeit  besetzt  hielt  Und  wenn  wir  auch 
über  diese  Gemeinde  selbst,  ihren  Ursprung,  ihren  Umfang  etc. 
nicht  zu  einem  sichern  Urteil  gelangen  können:  zweifellos  scheint 
mir  einmsd;  dafs  dieselbe  entweder  selbst  aus  verschiedenen  Be- 
völkerungen erwachsen  ist,  die  sich  hier  vereinigt  und  verschmolz 
zen  haben,  oder  dafs  sie  in  ihrem  ältesten  Kerne  wenigstens  eine 
tiefgehende  Beeinflussung  von  fremden,  zur  See  eingewanderten 
Elementen  erfahren  hat^);  sodann  aber,  dafs  diese  Gemeiuden, 
wie  sie  sich  an  den  kapitolinischen  Berg  anschliefsen,  sich  bis 
unmittelbar  an  und  über  den  Tiber  ausgedehnt  haben.  ^     Denn 

1)  Es  ist  nicht  meine  Absicht,  anf  eine  Kritik  der  verschiedenen  Sageo, 
wie  sie  sich  an  Satnmus^  Herknnft  knüpfen,  einzugehen.  Bekanntlich  sehen 
die  Alten  selbst  in  Satumus  den  griechischen  KQovogi  vgl.  z.  B.  Macrob. 
1,  7,  28;  eine  Sammlung  aller  Stellen  über  Satumns'  Beziehungen  zu  Born 
und  speziell  zum  kapitolinischen  Hügel  findet  sich  bei  Schwegler  röm.  Gescb. 
1,  212  ff.  354.  376  f.  Die  Gründung  der  satumischen  Kolonie  wird  entweder 
auf  pelasgische,  oder  auf  argivische  Ankömmlinge  zurückgeführt,  die  noter 
Satumus  selbst,  oder  unter  Herkules  kamen.  Eine  Differenz  in  dieser  Her- 
leitung des  Satnmkultes  aus  der  Fremde,  speziell  aus  Griechenland,-  exi- 
stiert nicht,  und  als  bestimmten  Beweis  hierfür  führen  schon  die  Alten 
selbst  den  griechischen  Ritus  bei  den  Sacra  dieses  Kultes  an,  der  ebenso 
wie  an  der  ara  des  Herkules  auch  meiner  Ansicht  nach  mit  Sicherheit  anf 
griechischen  Ursprung,  jedenfall  auf  direkte  griechische  Beeinflussung  weist. 
Diese  letztere  aber  erst  auf  die  Einwirkung  der  sibyllinischen  Bücher  zurück- 
zuführen, oder  gar  ihre  Binsetzung  mit  Marquardt  a.  0.  562  erst  in  das 
Jahr  217  y.  Chr.  zu  verlegen,  halte  ich  für  ausgeschlossen.  Ich  erkenne  in 
der  Einstimmigkeit  der  Tradition  ein  sicheres  Beweismoment  für  den  alten 
Zusammenhang  des  Satumkultes  mit  dem  griechischen  Ritus.  Wenn  man 
die  Namen  Satumus  und  Ops  für  den  echtlatinischen  Ursprung  dieser  Gott- 
heiten geltend  macht,  so  kann  der  latinische  Ursprung  derselben  immer- 
hin zugegeben  werden :  damit  wä>re  noch  nicht  bewiesen,  dats  dieses  Götter- 
paar nicht  schon  früh  hellenisiert  ist.  Es  ist  aber  auch  nicht  ausgeschlossen, 
dafs  die  Namen  geradezu  eine  Anbequemung,  eine  Übersetzung  ins  Lati- 
nische sind:  wie  wir  das  auch  bei  Volcanus,  Menerra  u.  a.  sehen  werden. 
Dafs  die  Sabiner  später  auch  Satumus  für  sich  in  Ansprach  genommen 
haben,  Varro  1.  1.  5,  74,  kann  nicht  auffallen,  da  dieselben  in  ihren  An- 
sprüchen so  ziemlich  auf  alles  Beschlag  gelegt  haben. 

2)  An  den  Kult  des  Volcanus  knüpfte  sich  ein  höchst  merkwürdiger 
Gebrauch,  der  um  so  auffallender,  weil  er  so  ganz  dem  Wesen  des  Vol- 
canus zu  widersprechen  scheint.  Am  23.  August  nämlich  brachten  die 
Fischer  des  rechten  und  linken  Tibemfers  auf  die  area  Volcani  ihre  Fische 
zu  Markte,  von  wo  die  Römer  —  wie  es  scheint  jeder  Familienvater  für 
sich  und  sein  Haus  —  ihren  Bedarf  erstanden,  den  sie  nun  als  Sühnopfer 
für  sich  dem  Volcanus  darbrachten,  indem  sie  die  Fische  als  maenae  dem 
Feuer  übergaben.    Vgl.  hierüber  Varro  1.  L  6,  20  Volcanalia  a  Volcano 


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—    251     — 

kann  man  den  Yolkandienst  gerade  am  und  speziell  am  jensei- 
tigen Ufer   des  Tiber  nachweisen,  wo  er  den  Hauptkult  einer 


qnod  ei  tum  feriae  et  quod  eo  die  popalas  pro  se  in  ignem  animalia  mit- 
lit  und  die  sogleich  anzufahrende  Stelle  bei  Festus  pag.  238.  Für  diese 
Leistong  der  Fischer  wurden  denselben  —  angeblich  zur  Belohnung  —  am 
7.  Joni  die  ludi  piscatorii  gestattet,  über  die  es  bei  Festus  p.  238  heifst: 
piscatorii  ludi  yocantur  qui  quotannis  mense  lunio  trans  Tiberim  fieri  so- 
lent  a  Praetore  urbano  pro  piscatoribus  Tiberinis,  quorum  quaestus  non  in 
macellum  perrenit  sed  fere  in  aream  Volcano,  quod  id  genus  pisciculorum 
morum  dator  ei  Deo  pro  animis  humanis.  Damit  stimmt  die  weitere  An- 
gabe desselben  pag.  210  fiberein:  piscatorii  ludi  yocantur  qui  mense  lunio 
trans  Tiberim  fieri  solent  pro  quaestu  piscantium.  Wir  müssen  annehmen, 
daCs  diese  Stellen  des  Festus  stark  verkürzt  sind.  Denn  wenn  die  ludi 
piscatorii  als  Dank  oder  als  Äquivalent  für  den  quaestus  piscatorum  er- 
seheinen, den  diese  nicht  zu  Markte  bringen,  sondern  auf  der  area  Volcani 
offenbar  umsonst  für  die  gebräuchlichen  Opfer  pro  animis  humanis  zur  Verfü- 
gong  stellen,  so  kann  sich  dieses  letztere  nur  auf  die  Volcanalia  selbst  beziehen, 
Ton  denen  Yarro  a.  0.  diese  Opfer  bestimmt  erwähnt.  Als  sehr  auffallend  mufs 
es  freilich  bezeichnet  werden,  dafs  diese  Gabe  der  Fischer  am  23.  Aug.  darge- 
bracht wird,  während  am  7.  Juni  des  folgenden  Jahres  die  Gegengabe  in  den  ludi 
piscatorii  erfolgt:  offenbar  ist  diese  Wechselbeziehung  zwischen  beiden 
Tagen  erst  später  von  den  Antiquaren  hereingebracht;  von  Haus  aus  haben 
beide  nichts  mit  einander  gemein  gehabt  Wir  haben  die  ludi  piscatorii 
überhaupt  als  ein  altes  Schiffer-  und  Fischerfest  anzusehen,  die  Volcanalia 
aber  als  ein  Fest  dieses  Gottes,  welches  zunächst  eben  die  Fischer  selbst 
unter  sich  gefeiert  haben,  wobei  sie  Sühnopfer  dem  Gotte  darbrachten:  bis 
dann  spBAer  beide  Tage  in  die  publica  sacra  aufgenommen  wurden  und  nun 
das  ganze  Volk  an  den  Sühnopfem  teilnahm,  wofür  die  Fischer  das  Mate- 
rial lieferten,  während  zugleich  auch  die  alten  Spiele  der  Schiffer  selbst 
insofern  vom  Staate  übernommen  wurden,  oder  richtiger  gesagt  in  die  Teil- 
nahme des  Staats  übergingen,  als  der  praetor  urbanus  die  offizielle  Leitung 
derselben  erhielt  und  der  Staat  zugleich  die  Kosten  trug.  Danach  also  ge- 
hören die  ludi  piscatorii  und  der  Kult  des  Volcanus  innerlich  zusammen 
nnd  weisen  auf  eine  Flufebevölkerung ,  die  Fischerei  und  Schifferei  trieb 
nnd  durch  den  speziellen  Kult  des  Volcanus  zusammengehalten  wurde.  Zu 
beachten  ist  nun  die  Hervorhebung,  dafs  die  ludi  piscatorii  trans  Tiberim 
gefeiert  wurden.  Zwar  heifst  es  bei  Ovidius  Fast.  6,  237  ff. 
tunc  ego  me  memini  ludos  in  gramine  campi 

aspicere  et  dici,  lubrice  Thybri,  tnos. 
festa  dies  illis,  qui  lina  madentia  ducunt, 
quique  tegunt  parvis  aera  recurra  cibis: 
nnd  es  ist  ja  möglich,  dafs  später  der  Hauptteil  des  Festes  im  Campus 
lUrtius  statt&nd,  wo  zu  solchen  Festlichkeiten  immer  der  beste  Platz  war. 
Bicher  scheint  mir  aber  aus  den  wiederholten  Angaben  des  Festus  hervor- 
xugehen,  dals  die  eigentlich  ofßziellen,  d.  i.  die  sakralen  Handlungen  jen- 
•etts  des  Tiber  stattüanden.    Dann  haben  wir  aber  auch  anzunehmen,  dafs 


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—     252     — 

Fischer-  und  SchiflFerbevölkerung  ausmacht,  so  liegt  es  naie  an- 
zunehmen, dafs  der  Volkankult  überhaupt  von  jenseits  des  Tiber 
gekoipmen  ist,  von  wo  er  sich  mit  dem  vom  Meere  gekommenen 
Saturnkult  verschmolzen  hat  und  so  zugleich  auf  eine  Vereinigung 
zweier  Bevölkerungselemente  in  der  Gemeinde  des  kapitolinischen 
Hügels  weist.  ^)     Vom  Meere  her  und  von  jenseits  des  Flusses 


hier  in  ältester  Zeit  der  eigentliche  Mittelpunkt  and  Ausgangspunkt  der 
Feier  zu  suchen  ist.  Ohne  Zweifel  muTs  mit  dieser  Ceremonie,  oder  allge- 
meiner gesprochen  mit  dieser  religiös  und  sakral  eng  verbundenen  Bevöl- 
kerung an  den  Tiberufem  das  zweite  Heiligtum  des  Volcanus  in  Verbindung 
gebracht  werden,  welches  wir  in  Rom  kennen.  Wenn  dasselbe  vom  Cal. 
Vall.  z.  23.  Aug.  in  Circo  Flaminio,  von  Livius  24,  10  (und  vielleicht  auch 
vom  Arvalkalender  z.  23.  Aug.)  in  Campo  angesetzt  wurde,  so  dürfen  wir 
dai-aus  wohl  auf  eine  Lage  dieses  Heiligtums  an  der  Grenze  beider  Bezirke 
und  unweit  des  Flusses  selbst  schliefsen.  Dieses  Heiligtum  war  später 
jedenfalls  eine  aedes  (vgl.  Liv.  24,  10  tacta  de  caelo  —  aedem  in  Campo 
Vulcani.  Cic.  Verr.  II  2.  61,  150  propter  aedem  Vulcani.  Vitruv.  1,  7): 
doch  haben  wir  auch  hier  eine  ältere  ara  anzunehmen,  die  wir  als  Kult- 
lokal  der  Fischerbevölkerung  der  Tiberufer  und  zugleich  als  Verbindungs- 
glied zwischen  der  Bevölkerung  des  jenseitigen  Ufers  und  dem  Hauptkulte 
des  Gottes  südlich  des  Eapitolinus  anzusehen  haben.  Und  unweit  dieses 
Volkanheiligtums  haben  wir  auch  wohl  das  forum  piscarium  zu  suchen, 
über  das  Varro  l.  1.  5,  46  sagt:  Secundum  Tiberim  ad  lunium  (corrupt) 
forum  piscarium  vocant;  ideo  ait  Plautus:  apud  piscarium  ubi  variae  res. 
Die  Vermutung  Prellers  aber  2,  161,  dafs  die  Fischablieferung  an  dieses 
Volcanheiligtum  erfolgte,  ist  jedenfalls  abzuweisen,  da  immer  nur  von  einer 
area  Volcani  die  Rede  ist,  diese  aber  nachweislich  die  am  Forum  ist.  Die 
Übertragung  der  Volkanalien  nach  Ostia  (vgl.  Preller  2,  162)  kann  erst 
einer  späteren  Zeit  angehören. 

1)  Ich  halte  Volcanus  für  etruskisch  von  Haus  aus.  Bekanntlich  kommt 
er  wiederholt  auf  etruskischen  Spiegeln  als  Se^lans  vor  und  man  darf  diesen 
Namen  für  den  ursprünglichen  des  Gottes  halten.  Vgl.  Müller  Etrusker 
2,  66  f.  Mir  ist  es  das  wahrscheinlichste,  dafs  wir  in  Volcanus  wieder  nur 
eine  Übersetzung  ins  Latiuische  zu  sehen  haben,  und  zwar  glaube  ich  in 
diesem  sonst  jeder  Deutung  sich  entziehenden  Namen  (vgl.  Preller  2,  147  f.) 
die  Beziehung  auf  seinen  Ursprung  aus  dem  etruskischen  Volci  zu  erkennen. 
Denn  wenn  die  Bevölkerung  des  Tuscus  vicus  sich  von  Volci  herleitete, 
vgl.  Fest.  p.  366  (quod  Volci)ente8  fratres  Caeles  et  Vibenn(a)  —  (eum 
colue)rint  (über  welche  jetzt  zweifellose  Ergänzung  vgl.  Deecke  bei  Müller 
Etr.  1,  111),  und  wenn  femer  (wie  wir  Kap.  6  sehen  werden)  der  Zusammen- 
hang zwischen  dem  Tuscus  vicus  und  etruskischen  Gemeinden  des  rechten 
Tiberufers  nachweisbar  ist,  so  darf  man  auch  wohl  Volcanus,  den  Gott 
dieser  rechts-  und  linkstiberinischen  etruskischen  Gemeinden,  auf  Volci 
zurückführen  und  in  seinem  Namen  gleichfalls  eine  Übertragung  resp.  eine 
Anbequemung  an  die  launische  Sprache  sehen. 


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-     253     — 

scheioen  also  verschiedene  EinwanderuDgen  erfolgt  zu  sein,  die 
—  vielleicht  an  eine  schon  vorhandene  latinische  Gemeinde  sich 
anschliefsend  —  sich  zusammenfanden^  sich  ausglichen,  sich  ver- 
schmolzen und  in  der  gegenseitig  sich  austauschenden  Mittei- 
lung ihrer  Kulte  zur  Einheit  einer  gemeindlichen  Niederlassung 
gelangten« 

Die  zweite  Phase  dieser  kapitolinischen  Niederlassung  wird 
durch  ihre  Beziehung  zu  Romulus,  d.  h.  zu  den  Raumes  der  pala- 
tinischen  Stadt  gekennzeichnet,  und  diese  Wechselbeziehungen 
zwischen  Üapitolinus  und  Palatinus  sind  wieder  so  eigenartig, 
dafs  sie  die  höchste  Beachtung  verdienen.  Dahin  gehört  die 
Thatsache,  denn  als  eine  solche  kann  man  sie  bezeichnen,  dafs 
auf  der  Südhohe  des  Capitolinus  der  erste  Tempel  erbaut  wird, 
der  uns  überhaupt  auf  dem  Grebiete  der  spätem  Stadt  Rom  ent- 
gegentritt; und  dieser  Tempel  wird  in  der  allerdirektesten  Weise 
auf  Romulus,  d.  h.  die  Ranmes,  zurückgeführt^)    Dahin  gehören 


1)  Es  ist  das  der  Tempel  des  lupiter  Feretrias,  über  den  Livins  1,  10 
sagt  (Romalas)  spolia  dncis  hostiam  caesi  snspensa  fabricato  ad  id  aperte 
fercnlo  gerens  in  Capitolium  escendit  ibiqae  ea  cam  ad  quercam  pastoribns 
iacram  deposoisset,  simal  com  dono  designavit  templo  lovis  finis  cognomen- 
que  addidit  deo.  „Inppiter  Feretri"  inqnit  „haec  tibi  yictor  Bomnlns  rex 
regia  arma  fero,  templumqne  bis  regionibas,  qnas  modo  animo  metatas 
smn,  dedico  sedem  opimis  spoliis,  qnae  regibus  ducibnsqne  bostium  caesis 
me  aactorem  seqnentes  posteri  ferent'^  haec  tempH  est  origo,  qnod  primnm 
omniam  Romae  sacratam  est.  Die  Erbauung  dieses  ersten  Tempels  auf  dem 
Sddcapitolinus  durch  die  Ranmes,  deren  eigentliche  Stadt  sich  doch  keines- 
w^  bis  hierher  ausdehnte,  ist  höchst  auffallend  und  erklärt  sich  eigfentlich 
ntur,  wenn  wir  annehmen,  dafs  der  Tempel  infolge  der  Aneignung  dieser 
Eöhe  durch  die  Bamnes  errichtet  worden  ist.  Es  steht  nichts  im  Wege, 
gerade  mit  dieser  Höhe  des  Capitolinus  die  Namen  Acren  ui^d  Caenina  eu 
verbinden:  von  Acron,  dem  Könige  von  Caenina^  hatte  eben  der  Sage  nach 
fi<nnnla8  jene  spolia  opima  erbeutet.  Es  existiert  absolut  keine  Tradition 
daröber,  wo  diese  mit  dem  Namen  Caenina  bezeichnete  Niederlassung  wirk- 
lieh gelegen  hat:  nur  das  galt  als  feststehend,  dals  sie  in  unmittelbarster 
Nähe  Yon  Rom  gelegen  habe,  vgL  PauL  p.  46  Caenina  urbs  quae  fuit  yi- 
eiaa  Romae;  Liy.  1,  9  Caeninenses  —  proximi.  Propert.  4, 10, 9.  Dion.  1,  79. 
So  wtbrde  sich  auch  am  einfitchsten  die  Einsetzung  einer  besonderen  Soda- 
Utas  von  Sacerdotes  Caeninenses  (Marquardt  3,  460)  erklären,  die  in  dem 
TOmiKhen  Sakralrechte  selbst  eine  Stellung  hatten.  Über  den  Tempel  selbst 
vgl.  Heibig  Italiker  54.  Wir  haben  von  dem  Tempel  eine  Abbildung  auf 
Denaren  des  Lentulus  Marcellinus,  über  die  ygl.  Mommsen  röm.  Münzw. 
D.  803,  S.  648  und  Donaldson  Arohitectura  numismat.  n.  11,  S.  46  ff.  Der 
Tempel  erscheint  hier  viereckig,  als  Tetrastylon,  die  Säulen  auf  hoher  Base: 


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-     254    — 

ferner  die  Traditionen,  welche  am  saxum  Tarpeium  haften,  die, 
so  mythenhaft  und  ausgeschmückt  sie  erscheinen,  doch  von  dem 
einen  als  einer  Thatsache  ausgehen,  dafs  das  saxum  Tarpeium 
einst  in  ramnischem  Besitze  war,  aus  dem  es  durch  Verrat  — 
wenn  auch  nur  vorübergehend  -—  in  den  Besitz  der  Tities  kam.^) 
Das  Volkanal  endlich  trug  nicht  minder  Denkmäler  und  Erin- 
nerungen an  Romulus,  die  einen  spezifisch  politischen  Charakter 
haben:  denn  hier  hatte  er  nicht  blofs  Denkmäler  seiner  Siege 
aufgestellt,  hier  hatte  er  auch  ein  Oomitium  und  einen  Stadtmittel- 
punkt, der  zugleich  die  älteste  Versammlungsstätte  der  Patres 
war,  gestiftet.*) 


Marcellinus  vor  den  zam  Eingange  fahrenden  Stafen  mit  den  spolia  opima 
stehend.  Das  Bild  stimmt  durchaus  mit  dem  überein,  was  Dionjs  2,  84 
über  den  Tempel  sagt  hi  am^sxai,  xb  df^xaiov  T^yog  iXavxovag  rj  nivts  nodmv 
xocl  di%a  tag  ftsiSovg  nXsvffag  ^%ov.  Durch  diese  Angabe  des  Dionys  er- 
ledigt sich  Helbigs  Zweifel,  ob  der  Tempel  ein  Bundbau  gewesen.  Dies 
Bemerkung  54,  8,  Augustus  habe  den  Tempel  des  Mars  Ultor  xaTa  xo  xov 
duhg  xov  ^Sfffxifiov  ^rilmfuc  erbaut,  mufs  auf  einem  Irrtum  beruhen,  wenn 
eben  dieser  Marstempel  wirklich  ein  Rundbau  war.     Vgl.  Kap.  10. 

1)  Betreffs  des  Tarpeiischen  Felsens  genügt  es,  auf  Seh  wegler  röm. 
Gesch.  1,  484  zu  verweisen.  Nur  das  eine  mufs  hier  besonders  hervor- 
gehoben werden,  dalB  die  Tarpeia  einen  besondem  Kult  auf  dem  Capitoli- 
nus,  also  ohne  Zweifel  am  saxum  Tarpeium  selbst,  hatte,  vgl.  Dion.  2,  40: 
zdtpov  XB  yuQ  ivQ'u  imcBv  rj^imxai  xov  tsQoixatov  xijg  noXemg  natixifvaa 
Xotpov^  nai  xoocg  avxfi  'PoDfLcctot  %<xd''  ^Tcaaxov  ivuxvxov  inixsXovat  (Xiym  dh 
a  Wacov  y(fa(psi).  Danach  erhielt  die  Tarpeia  also  ein  jährliches  Toten- 
opfer und  das  läfst  auf  einen  wirklich  einst  vorhandenen  Kult  der  Tarpeia 
schliefsen:  das  Totenfest  der  Tarpeia  läfst  sich  am  besten  mit  der  jährlich 
am  28.  Dezember  sich  vollziehenden  Totenfeier  der  Acca  Larentia  verglei- 
chen, nur  dafs  die  letztere  auch  Aufnahme  in  den  Festcyklus  des  Nnma 
gefunden  hai^^ 

2)  Über  die  Siegeszeichen  sagt  Dionysius  2,  64  dno  xmv  XatpvQmv  %i- 
d'Qinnov  ^alxfO)'  dvi^ns  tc?  *H(paCax<p  xal  naQ*  avxm  xfjv  IdCav  ivxriüBv 
sUovcc  iniyqd'ipag  ^ElXrivi%oig  yQdfi,fLccai  xccg  ioevxov  nffd^sig,  Plut  Rom.  24. 
Betreffs  der  Existenz  dieser  Siegeszeichen,  resp.  betrefBs  ihres  Alters,  darf 
man  allerdings  sehr  gegründete  Zweifel  hegen,  wie  sich  denn  auch  Plutaroh 
Rom.  16  selbst  in  diesem  Punkte  widerspricht.  Jedenfalls  aber  steht  fest, 
dafs  der  Baum  in  der  Sage  mit  Romulus  zusammenhing,  wie  denn  auch 
sonst  eben  diese  area  als  Standort  von  Denkmälern  bekannt  ist  und  sich 
auch  von  dieser  Seite  als  ein  altes  Comitium  charakterisiert.  Und  das  will 
ohne  Zweifel  die  Angabe  besagen,  welche  diesen  Raum  als  ein  altes  sena- 
culum  kennzeichnet:  vgl.  Fest.  p.  347  Senacula  tna  Romae  —  unum  abi 
nimc  est  aedis  Concordiae  inter  Capitolium  et  Forum.  Und  daher  erklärt 
sich  ferner  die  sehr  eigentümliche  Tradition,  der  Plutarch  Q.  R.  47  Aus- 


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—    255    — 

Diese  Übereinstimmung  aller  Momente  laust  nur  die  eine  Deu- 
tung* zu,  dafs  die  auf  dem  Südcopitolinus  durch  die  Sage  wie 
durch  die  Sonderkulte  bezeugte  Niederlassung  auf  irgend  eine 
Weise,  sei  es  durch  Grewalt,  sei  es  durch  freiwilligen  Anschlufs^ 
in  den  Besitz  der  Ramnes,  d.  i.  der  palatinischen  Stadt;  gekommen 
ist,  die  diese  Höhe  besetzt  und  festgehalten  haben.  Und  wenn 
daher  bei  dem  Eindringen  der  Sabiner  diese  Südhöhe  des  Capito- 
linus  im  Besitz  des  Romulus  erscheint,  die  nur  vorübergehend 
von  den  Sabinem  überrumpelt  und  eingenommen  wird,  so  ist 
auch  in  dieser  Tradition  durchaus  nichts,  was  Anstofs  oder  Be- 
denken erregen  könnte. 

Nach  alle  dem  haben  wir  ein  Recht  anzunehmen,  dafs  auf 
und  an  dem  Südcapitolinus  seit  ältester  Zeit  eine  dorfartige  Nie- 
derlassung sals,  die  wahrscheinlich  wieder  aus  dem  Zusammen- 
treffen verschiedener  Bevölkerungselemente  erwachsen,  mit  den 
Kulten  des  Volcanus  und  der  Maia,  des  Saturnus  und  der  Ops, 
zu  einer  gemeindlichen  Einheit  gelangte,  die  ihre  Schutzstatte  auf 
der  Höhe  selbst  gehabt  haben  wird,  wo  das  saxum  Tarpeium  mit 
seinem  Kulte  der  Tarpeia  auf  einen  solchen  Mittelpunkt  hin- 
weist Die  Gemeinde  ist  in  den  Besitz  der  Ramnes  gelangt  und 
Tielleicht  ist  es  die  Sage  von  Acron  und  Caenina,  dem  ersten 
Kampfe  des  Romulus,  welche  einst  an  diese  Höhe  und  Gemeinde 
des  Südcapitolinus  anknüpfte.  Mit  der  Aneignung  dieser  Ge- 
meinde von  Seiten  des  Romulus,  d.  h.  der  Ramnes  der  palatini- 
schen Stadt,  wird  das  Gebiet  vom  Forum  über  den  Capitolinus 
bis  zum  Tiber  ramnisches  Gebiet  und  von  dieser  Epoche  datieren 
die  Denkmäler  spezifisch  ramnischen  Charakters,  welche  sich  fortan 

<^k  giebt,  data  dieser  Banm  als  aufs  erhalb  der  Stadt  liegeAcl  betrach- 
tet wurde.  Eine  solche  Gharakterisierang  des  Platzes  hat  nur  Sinn  für  eine 
s^hr  alte  Zeit,  ans  der  sich  dann  die  Tradition  bis  spät  erhalten  hatte. 
Denn  diese  mit  Jordan  bei  Preller  2,  166  auf  die  aedes  Volcani  in  Circo 
Flaminio  zu  be2dehen,  ist  unmöglich,  da  die  Worte  Plntarchs  bestimmt  das 
Volkanal,  d.  h.  die  area  Volcani  unter  dem  Abhänge  des  Kapitoliums  er- 
kennen lassen:  vgl.  Bomnl.  21  ot  (ilv  si^natov  iv  tm  te^m  tov  'Htpaiatov  tovg 
ffivUvtag  ifiavaöxartag  avxm  (sei.  xiß  *Pcaii,vX<p)  xal  Sia(pd'$£(favxag,  vB^fiav- 
ut$  To  awfM  xal  itiQog  %%aaxov  ivd'ifu^svov  Big  xov  xöXnov,  Worte,  die  nur 
^  das  comitinm  des  Volkanal  passen;  und  Q.  B.  47  dta  xl  x6  xav  ^HtpaC- 
^ov  Uqw  l£o>  noXBtag  b  'Pmi^vlog  t$Qvaaxo\  —  totioSofiri^  h  vaog  i|  a^^^ff 
99tii^op  xal  ßovXsvxi^ifiov  anoQfftixov  avxm  (isxä  Tax£ov  xov  üVftßaaiXBv- 
^ffnos,  onmg  avviopxBg  ivxav^a  fitxa  xmv  yBqovxoav^  avBv  xov  na^BvoxXBi- 
^ffi  %a^'  riov%letv  ^wjXbvowxo  nBql  xav  nqayfiMxmv. 

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—    256     — 

an  diese  Gegend  knüpfen.  Auf  der  Höhe  erhebt  sich  der  be- 
scheidene, aber  doch  der  erste  Tempel  Roms,  das  templum 'loyis 
Feretri;  hier  femer  die  casa  Romuli,  die  wir  wie  eine  zweite 
ramnische  Königswohnung  aufi&ufassen  haben  ^);  während  der  Ab- 
hang zum  Forum,  da,  wo  mit  der  palatinischen  Stadt  die  nächste 
Verbindung  sich  ergiebt,  ein  Kult-  und  Yersammlungsplatz  ein- 
gerichtet wird,  welchen  wir  am  richtigsten  wie  den  alten  Kult- 
und    Gemeindemittelpunkt    auffassen^),    der    nun    zugleich    zum 

1)  Ober  die  casa  Romali  vgl  Macrob.  1,  16,  10  coriam  CaLabram  qnae 
casae  Romali  prozima  est.  Vitra  v  2 ,  1 ,  20  item  in  Capitolio  commone 
facere  polest  et  significare  mores  vetustatis  Romali  casa.  Seneca  controv.  2, 1, 4 
colit  etiam  nanc  in  Capitolio  casam  yictor  omniam  gentiam  populas.  Conen 
Narr.  48  8sC%vvxoli,  —  %aXv^ri  ztg  iv  tm  diog  tegm  yvmQiaiia  trjg  ^cevatvlov 
dialzrig^  r^v  in  q>oifvxmv  %al  viav  (pQvyavwv  avviaxmvteg  ducamiovaiv. 

2)  Das  Volkanal  denkt  sich  meiner  Ansicht  nach  richtig  Preller  2, 160 
„wie  eine  Art  Staatsherd,  wahrscheinlich  mit  einer  Feaerstfttte  und  einem 
Saeptam**.  Jordan  sagt  das.  148:  „die  Paare  Volcanas-Maia  and  Volcanos- 
Stata  Mater  kennzeichnen  die  ältere  and  jüngere  Epoche  der  Aoffassong. 
Der  ursprüngliche  Feaergott  ist  mit  der  Stadtgründnng  eng  verbanden,  doch 
so,  dafs  die  area  Volcani  den  Sinn  einer  Sühnst&tte  des  stets  gefiihr- 
drohenden  Feaer-  and  (wie  das  Fest  zeigt)  Sonnenbrands  hat  (im  Gegensate 
za  dem  in  den  Dienst  des  Haases  gestellten  Vestafeaer),  während  die  Eul- 
tusßtätte  vor  das  Thor  verlegt  ist  — .  Der  jüngere  Gott  der  Feuersbrünste 
ist  das  Symbol  der  werdenden  Grofsstadt'*.  Danach  nimmt  Jordan  die  Ein- 
fübnmg  des  Dienstes  der  Stata  Mater  aach  erst  spät  an  and  Preller  fabt 
den  Namen  Stata  Mater  wie  qaae  sistit  incendia.  Diese  Beziehungen  and 
Erklärungen  der  Kalte  des  Volcanas  and  der  Stata  mafs  ich  ablehnen.  Es 
ist  mir  anglaablich,  dafs  die  Namensform  Stata  za  einer  so  späten  Zeit  in 
dieser  speziellen  Beziehung  auf  das  sistere  incendia  geschaffen  sein  sollte; 
ich  fasse  sie  —  namentlich  in  ihrer  Charakterisierang  als  Mater  —  als  eine 
andere  Form  der  Vesta:  vgl.  Prenner  Hestia  Vesta  S.  221,  and  sehe  ihren 
Kalt  als  von  Haas  aas  mit  dem  Volkanal  verbanden  an.  Die  spezielle  Be- 
ziehung der  Stata  auf  Feaersbrünste  gehört  erst  einer  späten  Zeit  an,  ebenso 
wie  Volcanas  allmählich  ganz  zum  Feuergotte  geworden  ist:  der  ursprüng- 
liche Charakter  beider  ist  ein  allgemeinerer  gewesen.  Der  Stata  gilt  die 
nicht  verständliche  Angabe  des  Festus  p.  317  Statae  matris  simalacnun  in 
foro  colebatar:  postqaam  id  collastravit  (korrupt:  verbessert  in  Cotta  oder 
Sulla  stravit  und  dieses  stravit  auf  das  forum  bezogen)  ne  If^ides  igni  cor- 
rumperentur,  qni  plurimus  ibi  fiebat  noctumo  tempore,  magna  pars  popoli 
in  suos  quiqae  vicos  rettulerunt  eins  deae  cultum.  Ich  glaube,  dals  man 
hier  die  Worte  in  foro  auf  den  Kult  der  Stata  Mater  auf  dem  Volkanal 
selbst  beziehen  mafs  —  es  wird  ein  ungenaues  Ezcerpt  des  Festus  sein  — 
und  dats  sich  die  Angabe  selbst  auf  das  Verschwinden  resp.  das  Aa%ehoben- 
werden  ihres  Kults  ebendaselbst  bezieht,  der,  Tag  und  Nac^t  in  dem  Saeptam 
als  brennendes  Feuer  von  dem  Flamen  Volcanalis  unterhalten,  za  manoher- 


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—     257     - 

Yersammlaiigsplatz    fÖr   die   Patres   der   erweiterten   ramnischen 
Bürgerschaft  gemacht  wird. 

Es  ist  aber  noch  ein  zweiter  Öezirk  —  wenn  derselbe  auch 
mit  dem  eben  betrachteten  lokal  eng  zusammenhängt  — ,  der  an 
dieser  Stelle  näher  betrachtet  werden  mufs.  Die  Verbindung  der 
palatinischen  Stadt  selbst  und  ihrer  Kurienbezirke  mit  der  Süd- 
hohe des  CapitolinuSy  d.  h.  der  hier  sefshaften  Ansiedlung,  kann 
nur  durch  den  später  s.  g.  Yicus  iugarius  erfolgt  sein  und  es 
liegt  nahe,  in  diesem  Namen  die  Beziehung  auf  die  Verbindung 
2Q  erkennen,  welche  durch  denselben  zwischen  der  eigentlichen 
Stadt  und  der   Aufsenhohe  hergestellt  worden  ist.^)     Von  dem 


lei  Bedenken  Anlals  geben  mnfste:  nach  dem  Verschwinden  dieser  Eult- 
sUUte  warde  dann  der  Statadienst  —  der  damals  schon  eine  spezielle 
Beziehung  zu  Feuer  nnd  Feaersbmnst  erhalten  hatte  —  von  den  Vici  flber- 
Dommen.  Als  solche  vicatim  verehrte  erscheint  sie  auch  inschriftlich  C.  1.  L. 
VI,  1.  n.  761  —  766.  In  ihrer  Verbindung  mit  Volcanus  und  in  dem  gemein- 
samen Kulte  beider  in  einem  abgeschlossenen  Saeptum  auf  der  area  kaun 
ich  demnach  nur  mit  Preller  a.  0.  „eine  Art  ^taatsherd**  erkennen. 

1)  Der  Vicus  iugarius  zog  sich  von  der  Porta  Carmentalis  zum  Forum 
Wd:  YgL  Liv.  27,  37  boves  porta  Carmentali  in  urbem  ductae  —  a  porta 
Ingario  vico  in  forum  yenere.  Er  sollte  seinen  Namen  von  einer  ara  der 
lano  Inga  oder  Ingis  erhalten  haben,  welchen  Namen  man  später  freilich 
in  Beiiehung  zu  dem  matrimonia  inngere  brachte  Paul.  p.  104  Iugarius  vicus 
dietiu  Romae,  quia  ibi  fnerat  ara  Innonis  Ingae,  quam  putabant  matrimonia 
iungere.  Placidus  s.  v.  Dürfte  man  den  Kult  dieser  Göttin,  und  zwar  in 
dieser  ihrer  speziellen  Charakteristik  als  inga,  für  alt  ansehen,  so  hätte  die 
Ableitung  des  Namens  iugarius  von  jener  iuga  nichts  gegen  sich:  es  ist 
aber  viel  wahrscheinlicher,  dafs  erst  der  Name  iugarius  die  Weihung  eines 
Altars  an  die  Inno  iuga  veranlalst  hat;  wenn  dieser  letztere  nicht  in  Wirk- 
lichkeit nur  den  deutelnden  Antiquaren  seine  Existenz  verdankt.  Das  letz- 
tere iüt  mir  das  wahrscheinlichere,  da  ein  sonstiges  Anzeichen  für  die  Exi- 
stenz einer  solchen  ara  hier  nicht  vorhanden  ist.  In  unmittelbarer  Verbindung 
mit  dem  Vicus  ingarius  mufs  das  Aeqnimelium  gestanden  haben:  die  von 
Varro  L  L  6,  167  (Liv.  4,  16)  gegebene  Deatung  des  Wortes  verdient  keine 
Beachtung;  auch  nicht  andere  des  Cic.  pro  domo  38,  101,  des  Dion.  12^ 
4  fin.  (Eiefsling).  Aus  Liv.  38,  28  (substmctionem  super  Aequimelium  in 
Capitolio  —  locaverunt)  ersieht  man,  da&  das  Aequimelium  unmittelbar 
miter  dem  Eapitole  selbst  lag.  Da  es  nun  einen  integrierenden  Bestand- 
teil des  Vicns  iugarius  nicht  bildete,  wie  die  Worte  des  Livius  24,  47  er- 
nennen lassen  (solo  aequata  omnia  inter  Salinas  ac  portam  Carmentalem 
<:iun  Aequimaelio  lugarioque  vico),  dieser  aber  bis  unmittelbar  an  die  porta 
Carmentalis  ging  (Liv.  27,  37  a  porta  [Carmentali]  lugario  vico  in  forum 
venere),  so  setzt  man  am  richtigsten  das  Aequimelium  schon  aulserhalb  des 
Thores,  wo  es  an  das  Foram  olitorium  gegrenzt  haben  mofe.    Es  wird  ge- 

Gilbert,  Qesch.  a.  Topogr.  Borns.  17 

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—     258     - 

Vicus  iugarius  mufs  ein  Pfad  zu  der  Höhe  des  kapitolinischen 
Südhügels  hinaufgelegt  sein:  denn  die  alte  porta  Satumia  oder 
Pandana^),  welche  über  dem  saxum  Tarpeium  stand  und  nach 
dem  Palatin  zu  blickte^  hat  nur  Sinn^  wenn  wir  sie  als  Abschlufs 
eines  Weges  annehmen,  der  aus  der  Tiefe  zur  Höhe  klomm  und 
die  Verbindung  zwischen  der  Ebene,  resp.  der  palatinischen  Stadt, 
und  der  Südhöhe  des  kapitolinischen  Hügels  vermittelte.  So  hat 
sich  also  die  palatinische  Stadt  bis  zum  kapitolinischen  Hügel 
ausgedehnt,  indem  sie  die  dorfartigen  Ansiedlungen,  welche  sich 
hier  befanden,  sich  unterwarf  und  sich  anfügte. 

Auch  die  auf  dem  Vicus  iugarius  anzunehmende  Sonder- 
ansiedlung hat  wieder  ihre  Sonderkulte  gehabt  und  auch  sie  sind 
geeignet,  in  hohem  Grade  unser  Interesse  ?u  fesseln.-  Zunächst 
ist  es  die  Carmenta  oder  Carmentis,  welche  hier  verehrt  wurde. 
Auch  in  Bezug  auf  diese  Gestalt  kann  man  nicht  zweifeln,  daCs 
sie  zu  den  ältesten  Roms  gehört  Der  Name  haftet  an  zwei 
Stellen:  einmal  an  der  Höhe  des  Cermalus,  wo  sie  später  in  den 
Namen  einer  Victoria  übergegangen  ist^;  sodann  an  der  spätem 
porta  Carmentalis,  zwischen  dem  südlichen  Kapitolabhang  und  dem 
Tiber,  wo  ihr  eine  oder  zwei  sehr  altertümliche  Arae  geweiht  waren,^ 

schildert  als  ein  xonog  ixi  xal  sig  iftl  iv  nollcug  taig  nigi^  oUiaig  fnovog 
dvtifiivog  igrifiog  (Dion.  a.  0),  sowie  als  eine  area  (Liv.  a.  0.).  Den  Namen 
Aeqoimeliam  falst  Jordan  1,  1.  195  ==>  aeqaimeriam  und  vergleicht  ihn 
seiner  Bildung  nach  mit  pomerium.  Über  das  forum  olitorium  vgl.  Varro 
l.  1.  5,  146  forum  olitorium  —  erat  antiquum  macellum  ubi  olemm  copia. 
Schon  aus  dieser  Bezeichnung  geht  hervor,  dafs  das  cogoomen  olitoriam 
nur  nach  der  Hauptsache  der  Verkaufsartikel  daselbst  benannt  war.  Dafs 
auch  andere  Gegenstände  daselbst  zu  haben  waren,  zeigt  Cic.  de  div.  2,  17 
cum  in  Aequimelium  misimus,  qui  afierat  agnum  quem  immolemus:  das 
Aequimelium  grenzte  eben  an  das  Forum  olitorium  und  diente  zugleich  mit 
als  Verkaufsstelle.  Ich  bin  überzeugt,  dafs  dieses  antiquum  macellum  einst 
eine  wichtigere  Stelle  in  der  Stadtgeschichte  eingenommen  hat,  indem  es, 
auf  der  Grenze  der  an  und  um  den  Capitolinus  gelagerten  Ansiedlungen 
liegend,  auch  hier  —  wie  die  übrigen  Fora  —  den  Verkehr  nach  aulsen  ver- 
mittelt hat. 

1)  Über  die  Lage  der  porta  Pandana  vgl.  Dion.  10,  14,  wonach  Appius 
Herdoniu8  beim  Überfall  des  Eapitols  Sicc  tmv  dtilsCcrmv  levXmv  eindringt, 
die  wir  hernach  als  die  porta  Pandana  kennen  lernen  werden.  Ebendahin 
weist  die  Angabe  Polyaens  8,  25,  1,  dafs  sie  sich  ^l  nixQag  dnQocßdxov 
befand.    Über  die  mit  diesem  Thore  verbundenen  Gebräuche  vgl.  hernach. 

2)  Vgl.  oben  S.  66. 

3)  Über  die  Ära  vgl.  Solin.  1,  18  pars  infima  Capitolini  montis  habita- 
culum  Carmenti  fuit  ubi  Carmentis  nunc  fanum  est  a  qua  Carmentali  per- 


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~     259    — 

Es  hindert  uns  nichts  anzunehmen^  dafs  der  Cermalus  sowohl 
wie  der  später  Vicus  iugarius  genannte  Raum  ursprünglich  die- 
selbe Bevölkerung  und  dieselben  Kulte  gehabt  haben  und  dafs 
der  Name  dort  absichtlich  später  geändert  ist.  Jedenfalls  darf 
der  Kult  der  Carmenta  in  der  Beziehung  dieser  Göttin  zu  Euan- 
dros  und  in  den  merkwürdigen  Kultgebräuchen,  wie  sie  sich  an 
dieselbe  knüpfen^  zu  den  ältesten  Roms  gezählt  werden.^)  Wir 
können  übrigens  nicht  zweifeln,  dafs  auch  die  Carmenta  nichts 
anderes  als  eine  Mondgöttin  ist :  wenn  sie  besonders  in  zwei  Be- 
ziehungen, als  Porrima  und  als  Postverta,  verehrt  wurde,  so  haben 
wir  sie  darin  in  ihrer  Erscheinung  als  zunehmender  und  als  ab- 
nehmender Mond  zu  erkennen,  was  die  Römer  später  in  ihrer 
kleinlichen  und  trivialen  Weise  zu  deuten  gesucht  haben. ^ 


tae  nomen  datam  est.  Serv.  Aen.  8,  337  (haec  ara  Carmentis)  est  inxta 
portam  qoae  primo  a  Carmente  Carmentalis  dicta  est.  Hier  sollte  die  Car- 
menta auch  begraben  liegen  Serv.  Aen.  8,  336  aram  quia  ibi  sepulta  est 
et  post  excessnm  dea  credita.  Danach  war  also  auch  der  Carmentakult 
speziell  Totenkult,  gleich  dem  der  Acca  Larentia,  Tarpeja  etc.  Dion.  1,  82 
«c(l  pmitovg  id'taadfiTjv  tSQViiivovg  Kagitivrjj  fihv  vno  tcS  %aXovyi,^(p  Kam- 
lallm  noQa  xaCq  KaQitsvtüsi  nvXaig  — .  Man  kann  nicht  erkennen,  ob  diese 
ara  der  Carmentis  innerhalb  oder  aufserhalb  des  Stadtthors  lag:  mir  ist  das 
letztere  wahrscheinlicher;  in  Wirklichkeit  waren  es  zwei  arae,  vgL  unten. 

1)  Jedes  Tieropfer  war  von  dem  Dienste  der  Carmenta  so  konsequent 
ausgeschlossen,  dals  selbst  kein  Leder  in  den  heiligen  Raum  kommen  durfte: 
Orid  Fast.  1,  629  f. 

scortea  non  iUi  fas  est  inferre  sacello, 
ne  violent  puros  examinata  focos, 

eme  Angabe,  die  durch  Varro  1.  1.  7,  84  bestätigt  wird:  inde  in  aliquot 
sacria  ac  sacellis  scriptum  habemus:  ne  quid  scorteum  adhibeatur  ideo  ne 
morticinum  quid  adsit.  Danach  war  also  der  Dienst  ein  ganz  unblutiger. 
Vgl  auch  CaL  Praen.  z.  11.  Jan. 

2)  Varro  bei  Gell.  16,  16,  4  arae  statutae  sunt  duabus  Carmentibus 
qnanmi  altera  Postverta  cognominata  est,  Prorsa  altera  a  directi  perversi- 
qae  partua  et  potestate  et  nomine.  Andere  Deutungen  der  Namen  giebt 
Ovid.  a.  0.  631  ff.: 

Si  quis  amas  veteres  ritus,  adsiste  precanti: 

nomina  percipies  non  tibi  nota  prius. 

Porrima  placatur  Postvertaque,  sive  sorores 

sive  fogae  comites,  Maenali  diva,  tuae. 

altera  quod  porro  fuerat,  cecinisse  putatur, 

altera,  versumm  postmodo  quicquid  erat. 
Serv.  Aen.  8,  886. 

17* 

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-     260     — 

Als  ein  weiterer  Kult^  der  an  diesem  Bezirke  haftet,  ist 
Janas  zu  nennen.  Man  kann  freilich  nicht  erkennen,  ob  dieser 
Kult  von  Haus  aus  hierher  gehört,  oder  ob  er  erst  hierher  über- 
tragen ist:  denn  wir  haben  denselben  auch  in  der  esquilinischen 
Gemeinde  kennen  gelernt,  wo  er  gleichfalls  eine  bedeutsame  Stelle 
in  dem  Kulte  einnimmt,  und  es  wäre  nicht  unmöglich  anzuneh- 
men, dafs  der  Janus  der  spätem  porta  Carmentalis  erst  von  dort 
verpflanzt  wäre.  Aber  gerade  Janus  dürfen  wir  als  eine  weit 
verbreitete  Göttergestalt  ansehen  und  die  am  Tiber  sefshaffce 
Bevölkerung  kann  so  gut  wie  die  des  Esquilinus  diesen  Kult 
von  Haus  aus  gehabt  haben.  ^)  Sein  Heiligtum  lag  aufserhalb 
der  spätem  porta  Carmentalis*),   aber  seine  innere  Verbindung 


1)  Die  Sage  läist  Janas  hier  schon  sefshaft  sein,  als  Satumus  einwan- 
dert: vgl.  Seh  wegler  R.  G.  1,  212  ff.  Aach  das  Janicalani  weist  aof  die 
ursprüngliche  Zagehörigkeit  des  Janas  zu  diesen  Gebieten.  Über  den  Ur- 
sprung dieses  Gottes  and  Kaltes  vgl.  das  oben  S.  183  f.  gesagte. 

2)  Die  erst  in  der  Periode  des  Servias  Tullias  erbaute  porta  Carmen- 
talis hat  natürlich  nichts  mit  dem  Janas-  and  Carmentiskult  zu  than: 
doch  ist  es  nicht  an  wahrscheinlich  bei  der  inneren  Verbindung  des  Janas 
mit  den  Thoren  überhaupt,  dafs  die  beiden  Bögen  des  Thors  durch  swei 
Janasaltäre  geweiht  waren  (vgl.  das  deztro  lano  bei  Ovid.  Fast.  2,  201  und 
Liv.  2,  49),  mit  denen  dann  vielleicht  wieder  die  beiden  Altäre  der  Car- 
menta  in  Zusammenhang  standen.  Dieser  rechte  Thorbogen  der  porta  Car- 
mentalis (um  das  gleich  hier  zu  bemerken)  bieüs  porta  scelerata  Fest.  p.  334 
Scele(rata  porta  eadem  app)ellatur  a  qaibusdam  (quae  et  Carmentalis)  di- 
citur,  quod  ei  prozimum  Car(mentae  sacellum  fuit.  8cele)rata  aotem  quod 
per  eam  (sex  et  trecenti  Fabi  c)am  clientium  millibus  (quinque  egressi  ad- 
versas  E)trasco8  ad  amnem  (Cremeram  omnes  sunt  inter)f6cti.  qua  ex 
cau(sa  factum  est,  ut  ea  porta  int)rare,  egredive  (mali  ominis  habeatur). 
Paul.  p.  336.  Vgl.  auch  Serv.  Aen.  8,  337.  Oros.  2,  6.  Hier  wird  irrtümlich 
die  Benennung  porta  scelerata  auf  das  ganze  Thor  übertragen,  während 
nur  an  dem  ianus  dexter  desselben  dieser  Aberglaube  haftete:  vgl.  Ovid. 
Fast  2,  201  f.: 

Carmentis  portae  dextro  est  via  proxima  iano 

ire  per  hanc  noli,  quisquis  es,  omen  habet. 
An  diesen  Aberglauben  knüpft  sich  ein  weiterer  antiquarischer  Irrtum. 
Denn  wenn  es  heilst  bei  Fest  p.  285  religioni  est  quibusdam  porta  Car- 
mentali  egredi  et  in  aede  lani  quae  est  extra  eam  senatum  haberi:  quod 
ea  egressi  CCCVI  Fabii  apud  Cremeram  omnes  interfecti  sunt,  cum  in  aede 
lani  S.  C.  factum  esset,  ut  proficiscerentur,  so  mufs  man  daraus  schliefsen, 
dafs  damals  schon  die  aedes  lani  existierte,  die  nach  Tac.  ann.  2,  49  erst 
C.  Duilius  erbaut  hatte.  Offenbar  ist  die  Senatssitzung  in  der  aedes  lani 
(Liv.  2,  48  weiis  nichts  von  ihr,  l&fst  im  Gegenteil  die  betr.  Senatssitzung 
ausdrücklich  in  der  Curia  sein)  später  von  den  Antiquaren  hinzugedichtet, 


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-     261     — 

mit  diesem  Bezirke  ist  sicher:  die  serrianisclie  Stadtmauer  hat 
hier  aas  Rücksichten  der  bessern  Verteidigung  den  zusammen- 
gehörigen Bezirk  durchschnitten.*)  Es  ist  aber  eine  besondere 
Beziehung,  in  der  Janus  hier  verehrt  wurde,  indem  er  den  KuU- 
namen  Portunus  trug.  Daraus  erhellt  seine  unmittelbare  Ver- 
bindung mit  dem  Tiber:  denn  als  Portunus  ist  Janus  der  Auf- 
seher und  Schützer  von  Hafen  und  Schiffahrt*)  Schon  daraus 
geht  also  hervor,  dafs  die  Gemeinde,  der  lanus  Portunus  als 
Eultgottheit  angehörte,  sich  bis  immittelbar  an  den  Tiber  aus- 
gedehnt hat. 

So  sehen  wir  die  palatinische  Stadt  ihre  Besitzungen  weiter 
und  weiter  vorschieben.  Denn  wenn  wir  auch  keinen  unmittel- 
baren Beweis  dafür  haben,  dafs  auch  dieser  später  als  Vicus 
iugarius  bekannte  Bezirk  sich  den  B>amnes  angeschlossen  hat,  so 
weist  doch  die  Verbindung,  wie  sie  fortan  zwischen  der  pala- 
tinischen  Stadt  und  diesen  Bezirken  unter  und  am  Capitolinus, 


um  den  yerhängniBVollen  Aaszug  der  Fabii  aus  der  porta  Carmentaliä  in 
ein  noch  gelleres  Licht  zu  setzen.    Vgl.  Becker  138  f.  Jordan  Hermes  4,  234. 

1)  Über  die  Lage  des  Jannsheiligtams  vgl.  die  Angaben  der  Ealenda- 
rien  z.  17.  Aog.:  lano  ad  theatmm  Marcelli.  Fest.  p.  286  in  aede  lani 
qnae  est  extra  eam  (portam  Carmentalem).  Tac.  ann.  2,  49  Tiberias  dedi- 
cayit  et  lano  templum  quod  apnd  forum  hoUtorium  C.  Duilius  struxerat. 
Senr.  Aen.  7,  607  iuxta  theatmm  Marcelli.  Der  von  C.  Dnilius  erbaute 
Tempel  setzt  ein  alte  ara  an  derselben  Stelle  voraus.  Der  Znsammenhang 
dieses  Janusheiligtums  mit  diesem  Bezirke  geht  ans  der  sakralen  Verbio- 
(hing  des  Janus  mit  der  Carmenta  hervor,  über  die  hernach. 

2)  Portus  hatte  nach  Festus'  Versicherung  p.  233  noch  in  den  Zwölf- 
tafeln die  allgemeine  Bedeutung  domus,  was  nicht  richtig  ist,  da  es  hier 
▼ielmehr  ftir  porta  steht.  Daher  ist  Portunus  ein  deus  portarum  Paul.  p.  66 : 
claadere  et  clavis  —  cnins  rei  tutelam  penes  Portnnum  esse  pntabant  qui 
clavim  manu  teuere  fingebatur.  Erst  allmählich  scheint  sich  das  Wort 
portus  —  porta  in  jener  Form  für  den  Hafen  als  Ein-  und  Ausgangsthor 
des  Landbezirks,  in  dieser  fär  den  Ein-  und  Ausgang  des  Hauses  differen- 
ziert zu  haben.  Und  wie  Janus  gleichfalls  ursprünglich  überhaupt  der  Bogen, 
speziell  der  Thür-  oder  Thorbogen  ist  (Cic.  de  nat.  d.  2,  27.  Liv.  2,  49), 
>o  ergiebt  sich  daraus  der  enge  Zusammenhang  von  porta,  portus  und  ianus, 
Portonos  und  Janus.  Die  Inschrift  Orelli  1586  lano  Portuno  ist  zwar  als 
ligorianisch  verdächtig:  Marquardt  (3,  316.  Anm  3)  hat  aber  mit  Recht  die 
Angabe  des  Festus  p.  217  persillum  vocant  sacerdotes  rudusculum  picatum 
ex  qao  unguine  Flamen  Portunalis  arma  Quirini  unguit  auf  den  Ianus  Qui> 
rinuB  (denn  sonst  dürfte  man  die  Thätigkeit  des  Flamen  Quirinalis  hier 
erwarten)  bezogen,  sodafs  also  der  Flamen  Portunalis  speziell  den  Dienst 
des  Janus  (Portunus  oder  Quirinus)  hatte. 


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-     262     — 

sowie  am  Tiber  stattfindet,  darauf  bin^  dafs  die  Verbindung  zwi- 
schen diesen  Gemeinden  sich  schon  früh  vollzogen  haben  mufs. 
Das  ganze  Gebiet  über  den  Capitolinus  bis  zum  Tiber  mulk  schon 
früh  mit  der  palatinischen  Stadt  zu  einer  unlöslichen  Einheit 
verschmolzen  sein. 

Diese  Einheit,  zu  der  die  palatinische  Stadt  mit  diesem 
Aufsenbesitz  verschmilzt,  tritt  uns  vor  allem  in  dem  abgeschlos- 
senen Kultsysteme  entgegen,  welches  fortan  jene  wie  diesen  um- 
schliefst und  vereinigt.  Schritt  für  Schritt  können  wir  es  ver- 
folgen, wie  an  den  einfachen  Festcyklus  der  palatinischen  Stadt 
die  neuen  Kulte  sich  anschliefsen,  in  ihn  sich  einfügen  und  nun 
ihrerseits  denselben  Prinzipien  folgen,  welche  für  jenen  mafs- 
gebend  gewesen.^)  Und  —  was  noch  wichtiger  —  wir  sehen 
nach  der  Vereinigung  der  Kulte  dieser  neuen  Distrikte  mit  denen 
der  eigentlichen  palatinischen  Stadt  den  Festcyklus  in  allen  seinen 
Hauptpunkten  abgeschlossen:  die  neuen  Gemeinde-  und  Volks- 
elemente, welche  später  als  Tities  und  unter  andern  Namen  dem 
Gemeinwesen  der  Ramnes  sich  anfügen,  finden  dieses  abgeschlos- 
sene sakrale  System  vor  und  können  nichts  anderes  thun,  als 
sich  ihm  einfach  fügen.  Auch  daraus  geht  wieder  die  grund- 
legende und  mafsgebende  Bedeutung  der  palatinischen  Stadt  für 
die  gesamte  Stadtentwicklung  hervor. 

Gehen  wir  die  Kulte,  wie  wir  sie  eben  als  am  satumischen 
Hügel  und  am  Vicus  iugarius  haftend  kennen  gelernt  haben,  im 
einzelnen  durch,  so  sehen  wir  dieselben  ihrer  gröfsern  Mehrzahl 
nach  der  Sommer-  und  Winterfestzeit  —  d.  h.  der  zweiten  Hälfte 
des  August  und  der  zweiten  Hälfte  des  Dezember  —  eingefügt, 
wo  sie,  nach  denselben  Grundsätzen  behandelt,  die  wir  früher 
kennen  gelernt  haben,  die  Gruppen  der  schon  vorhandenen  Fest- 
tage erweitem  und  ergänzen.  lanus-Portunus  eröfbet  die  som- 
merliche Festzeit,  indem  sein  Fest  als  Portunalia  am  17.  August 
den  Vinalia  am  19.  August  unmittelbar  vorgelegt  wird.^     Den 


1)  Volcanus  und  Maja,  lanus  Portanus  sowie  Cannenta  erbalten  je 
ihren  Flamen:  von  Satumus  und  Ops  wissen  wir  es  nicht.  Über  den  Flamen 
Volcanalis  vgl.  Varro  1.  1.  5,  84.  Macrob.  1,  12,  18  Maia  quam  Vulcani 
dielt  uxoremf  argumentoque  utitur  quod  flameo  Vulcanalis  Kalendis  Mails 
huic  deae  rem  divinam  facit.  C.  I.  L.  VI  1,  1628.  Über  den  Flamen  Por- 
tunalis vgl.  oben  S.  261.  Der  Flamen  Carmentalis  wird  nor  Cic.  Brut 
14,  66.  C.  I.  L.  VI  1.  8720  erwähnt. 

2)  Die  Portunalia  fanden  ad  pontem  Aemilium  (heute:  Ponte  Kotto) 


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-     263     — 

CoDSualia  sodann  am  21.  August  wird  wieder  das  Fest  des  Vol- 
canos  am  23.  August^  die  Yolcanalia,  unmittelbar  angefügt^), 
sodafs  sich  nun  die  Feste  des  17.  19.  21.  23.  August  in  uumit- 
telbarer  Folge  aneinanderschlieisen.  Aber  auch  damit  ist  die 
Festzeit  dieses  Monats  noch  nicht  erschöpft,  indem  nun  noch 
zwei  Feste,  die  Opiconsivia  am  25.*)  und  die  Volturnalia  am 
27.  August*),  einander  folgen  und  damit  endlich  die  Festreihe 
abschlielsen. 


statt:  80  die  bestimmte  Angabe  mehrerer  Ealendarieo,  während  Philocalus 
das  Fest  Tiberinalia  nennt.  Hier  mufs  also  das  von  Fronte  epp.  1,  7  (Ne- 
ber  p.  19)  (nach  einer  alten  Raudbemerkung)  erwähnte  Portnnium  gelegen 
haben,  wo  später  Blumenverkäufer  ihren  Sitz  hatten.  Ob  damit  die  von 
Yarro  I.  1.  6,  19  (Portunalia  dicta  a  Portuno,  quoi  eo  die  aedes  in  portu 
Tiberino  facta  et  feriae  institntae)  in  portu  Tiberino  erwähnte  aedes  ge- 
meint ist,  ist  zweifelhaft:  nach  Mommsen  C.  I.  L.  I  p.  399  ist  dabei  an 
Ostia  zu  denken  und  diese  Annahme  hat  viel  fOr  sich.  Vgl.  Jordan  Her- 
mes 4,  258.  Topogr.  1,  1.  482.  2,  199.  Danach  würden  wir  also  zwei  Kult- 
stätten des  lanus  Portunus  resp.  seines  Festes  Portunalia  haben:  am  Pur- 
tunium  des  Pens  Aemilius  und  in  Ostia.  Diese  zweite  Feier  der  Portuna- 
lia in  Ostia  ist  also  später  hinzugefügt:  sie  ist  aber  um  so  weniger  auf- 
fallend, als  überhaupt  eine  enge  sakrale  Beziehung  später  zwischen  Born 
und  Ostia  und  zwar  speziell  in  Bezug  auf  den  Tiber  zu  erkennen  ist  und 
weü  auch  der  Volcannskult  eine  ähnliche  Doppelbeziehung  auf  den  Flufs 
der  Stadt  und  Ostias  aufweist.  Vgl.  oben  S.  262.  An  dem  Portunium  des 
spätem  pons  Aemilius  darf  man  aber  auch  zugleich  in  ältester  Zeit  die 
Anlegestelle,  d.  h.  den  Portus  dieser  alten  Ansiedlung  selbst  annehmen, 
nach  welchem  eben  lanus  Portunus  zubenannt  ist. 

1)  Über  die  Volcanalia  vgl.  oben  S.  250  f.  Jedenfalls  scheinen  die  Vol- 
canalia  speziell  an  die  Eultstätte  des  Volkanal  angeknüpft  zu  haben;  und 
wenn  daher  das  Cal.  Vall.  z.  23.  Aug.  hinzufügt:  Volcano  in  Circo  Flami- 
nio,  80  scheint  nur  das  dieser  Notiz  zu  entnehmen,  dafs  neben  der  Haupt- 
feier auf  dem  Volkanal  auch  an  der  andern  Eultstätte  des  Volcanus  eine 
sakrale  Handlang  stattfand. 

2)  Über  die  Opiconsivia  vgl.  oben  S.  247  f. 

d)  Über  Voltumas  ist  es  schwer  zur  Klarheit  zu  gelangen.  Da  das 
Kai.  Capranic.  (0.  L  L.  I  p.  400)  z.  27.  Aug.  hat:  Voltum.  Flumini  sacri- 
ficiom;  da  femer  Arnob.  3,  29  den  Janus  patrem  Fonti,  Vulturni  generum, 
Intamae  maritum  nennt,  so  liegt  mit  Mommsen  der  Gedanke  an  den  Tiber 
nahe.  Doch  ist  niir  mit  Jordan  bei  Preller  2,  143  wahrscheinlich,  dafs  der 
Name  ursprünglich  eine  allgemeine  Bedeutung  gehabt  und  dann  erst  in 
spezielle  Beziehung  zu  dem  Flusse  gebracht  ist.  Jedenfalls  ergiebt  sich 
die  Wahrscheinlichkeit,  das  Fest  in  Verbindung  mit  den  eben  betrachteten 
Gemeinden  zu  bringen.  Einen  Flamen  Volturnalis  erwähnt  Varro  l.  1.  7,  45. 
Paul.  p.  379  Volturnalia  Voltomo  suo  deo  sacra  faciebant,  cuius  sacerdo- 
tem  Yoltomalem  vocant. 


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-     264     - 

Id  gleicher  Weise  fugen  sich  auch  in  den  Festcyklus  der 
Winterzeit  die  Saturnalia  am  17.,  die  Opalia  am  19.  Dezember*) 
ein,  so  dafs  auch  in  diesem  Monate  die  Tage  des  15.  17.  19. 
21.  23.  Dezember  in  unmittelbarer  Folge  sich  ablösen.  Man  er- 
kennt, wie  bestimmt  diese  Festzeiten  aus  dem  Rahmen  des  Ea- 
lenders  überhaupt  hervortreten. 

Eine  besondere  Stelle  erhält  nur  der  Kult  der  Garmenta, 
sowie  der  des  eng  mit  dieser  yerbundenen  Janus  im  Festkalender, 
indem  jener  zwei  Tage  des  Januar,  und  zwar  der  11.  und  der 
15.*),  diesem  in  engem  Zusammenhange  damit  der  9.  Januar  zu- 
gewiesen werden.  Man  darf  wohl  annehmen,  dafs  diese  Sonder- 
stellung, die  damit  die  Kulte  der  Carmenta  und  des  Janus  für 
sich  beanspruchen,  auf  besonderen  sakralen  Anschauungen  be- 
ruht, die  wir  in  derjenigen  Gemeinde  herrschend  anzunehmen 
haben,  welche  eben  den  Kult  der  Carmenta  und  des  Janus  hatte. 
Jedenfalls  geht  auch  hieraus  der  innere  Zusammenhang  zwischen 
beiden  Kulten  und  ihre  Zugehörigkeit  zu  einer  und  derselben 
Gemeinde  hervor.  Die  Zweiheit  der  der  Carmenta  geweihten 
Tage  erklärt  sich  übrigens  leicht  aus  dem  Umstände,  dafs  die 
Carmenta  eben  unter  zwei  Formen  verehrt  wurde:  der  11.  galt 
ihr  als  dem  zunehmenden,  der  15.  als  dem  abnehmenden  Monde. 
Der  dem  Janus  geweihte  9.  Januar  führte  aber  die  besondere 
Bezeichnung  Agonia*)  und  in  dieser  speziellen  Charakterisierung 
des  Tages  dürfen  wir  wieder  die  Erinnerung  an  die  Kämpfe  aus- 
gedrückt sehen,  welche   dem  Anschlufs  der  um  den  Capitolinus 


1)  Über  diese  beiden  Feste  vgl.  oben  S.  248. 

2)  Vgl.  die  Kaiendarien  z.  d.  Tagen.  Daher  die  duae  arae  Gell.  16, 
16,  4,  wahrscheinlich,  wie  oben  S.  260  bemerkt,  vor  jedem  der  beiden  Bo- 
gen der  porta  Carmentalis  eine  Liv.  2,  49.  Die  Alten  haben  sich  die  zwei 
Tage  der  Carmentafeier  auf  ihre  Weise  zu  erklären  gesucht  vgl.  Ovid.  Fast. 
1,  617  ff.  Plut.  Q.  R.  66,  wobei  unter  Yermengung  von  carmenta  und  car- 
penta  und  unter  der  Einwirkung  der  Erinnening,  dafs  der  Gebrauch  der 
carpenta  für  die  Matronen  seit  der  Eroberung  Vejis  aufkam,  die  bekannte 
Wagengeschichte  entstanden  ist  Das  Fest  der  Carmenta  hat  jedenfalls  eine 
sehr  bedeutende  Stello  in  dem  Sakralrechte  eingenommen:  Macrob.  zlkhM 
es  1,  16,  6  neben  den  Agonalia  und  Lupercalia  als  das  wichtigste  unter 
den  feriae  stativae  auf.  Es  ging  speziell  die  Matronen  an.  Neben  den  zwei 
arae  scheint  später  ein  wirklicher  Tempel  gestiftet  zu  sein:  vgl.  Solin.  1,  18 
ubi  Carmentis  nunc  fanum  est. 

3)  Vgl.  Ovid.  Fast.  1,  317  f.  Quattuor  adde  dies  ductoB  ex  ordine  no- 
nis,  lanus  Agonali  luce  piandus  erit.  Und  die  Ealendarien  z.  d.  T.  Über 
die  Benennung  dieses  Tages  als  Agonia  oder  ähnlich  vgl  oben  S.  223  f. 


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—     265    — 

se&hafteD  BeTolkerung  an  die  palatinische  Stadt  yoraufgingen. 
Auf  die  Verlegung  seines  Festtages  in  den  Januar  hat  aber  jeden- 
falls der  Umstand  mit  bestimmend  eingewirkt,  dafs  der  Januarius 
der  ihm  in  erster  Linie  heilige  Monat  war;  weshalb  für  ihn  auf 
den  ersten  überhaupt  kultfahigen  Tag  das  Fest  gelegt  worden  ist^) 
So  sehen  wir  die  Götter  der  neuen,  fortan  mit  dem  Palatinus 
geeinten  Gemeinden  mit  denen  des  letzteren  zu  einem  Systeme 
geeint:  es  ist  kein  Unterschied  mehr  zwischen  den  Göttern  der 
Altstadt  und  denen  der  Neustadt  vorhanden;  sie  bilden,  wie  die 
Gemeinden  selbst,  eine  eng  zusammengehörige  Einheit  Und 
wenn  auch  kein  bestimmtes  Anzeichen  dafür  vorhanden  ist,  in 
welcher  Weise  die  neue  Bevölkerung  in  Verhältnis  zu  der  alten 
gegliedert  und  organisiert  war,  so  muTs  man  es  jedenfalls  als  der 
Wahrscheinlichkeit  entsprechend  bezeichnen,  dafs  auch  sie  in 
Form  von  einer  oder  von  zwei  Kurien  den  älteren  Kurien  des 
Palatinus  sich  anschlofs.')  Jedenfalls  darf  dieser  ganze  Bezirk, 
wie  wir  ihn  im  vorstehenden  betrachtet  haben,  nach   allen   An- 


1)  Es  ist  unverkennbar,  dafs  das  römische  Jahr  von  zwei  Anfangs- 
pnnkten  ausgeht,  die  darauf  hinweisen,  dafs  zwei  verschiedene  Jahres- 
rtfchnnngen  oder  -Systeme  zusammengetroffen  sind,  die  dann  mit  einander 
aosgeglichen  sind:  Januar  und  März  treten  fiEist  gleichberechtigt  in  dieser 
Beziehung  uns  gegendher.  Vgl.  Preller  1,  167  ff.  Der  Sage  nach  hatte 
Nnma  den  Januskult  und  die  Monate  Januar  und  Februar  eingeführt,  Momm- 
seo  Chrono!.  47,  worin  ganz  richtig  die  Überzeugung  zum  Ausdruck  kommt, 
dafs  sowohl  Janus,  wie  der  durch  seinen  Namen  bezeichnete  Jahresanfang 
mit  dem  ramnischen  Mars  und  seinem  Jahresanfang  verschmolzen  resp.  ver- 
einigt ist.  Janus  selbst  spielt  im  römischen  Sakralrecht  eine  aulserordeut- 
Hch  wichtige  Rolle  vgl.  Marquardt  3,  25  ff.  Mag  auch  diese  seine  hervor- 
ragende Stellung  zum  Teil  schon  aus  der  Zeit  der  Yerbindimg  des  Palati- 
nus mit  dem  Esquilinns  herrtihren  (über  die  vgl.  oben  S.  188 f.),  so  dürfen 
wir  doch  wohl  die  ausschlaggebende  Bedeutung  für  die  hervorragende  Stelle, 
welche  fortan  dem  Janus  eingeräumt  wird,  den  neuen  Bevölkerungselemen- 
ten vom  Tiber  zuweisen,  die  diesem  Kult  das  höchste  Ansehen  eingeräumt 
hatten.  Denn  während  der  Janus  der  esquilinischen  Gemeinde,  so  bedeut- 
sam immer  sein  Einfluls  auf  die  Ramnes  aufgefafst  werden  mag,  doch  keine 
Äofiiahme  in  das  sakrale  System,  in  den  Festcyklns  dieser  gefunden  hat, 
hat  der  Janus  der  Tibergemeinde  in  jenem  sowohl  als  Portunus  seine  Stelle 
erhalten,  wie  er  zugleich  als  der  das  Jahr  bestimmende  Gott  fortan  auch 
den  gesamten  Jahresfestcjklus  eröffnet:  beide  Tage  gehören  dem  Numaschen 
Festcyklns  an. 

2)  Beweise  haben  wir  dafür  nicht:  nur  das  eine  kann  dafür  angeführt 
werden,  dafs  Janus  fortan  auch  bei  der  Tibergemeinde  den  Eultnamen  Qni- 
nnoB  erhält:  vgL  oben  S.  261. 


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zeichen,  die  uns  darüber  zu  Gebote  stehen,  als  fortan  den  Bam- 
nes  gehörig  gelten.*) 

In  dieser  ihrer  Ausdehnung  über  die  Südhöhe  des  CapitoU- 
nus  bis  zum  Tiber  und  über  denselben  hinaus  sind  die  Raumes 
nun  in  Berührung  mit  einem  neuen  Volkselemente,  den  Tities, 
gekommen  und  wir  müssen  uns  daher  jetzt  zu  diesen  wenden. 

Die  römische  Tradition  ist  darin  einstimmig,  den  Stamm 
der  Tities  mit  dem  Quirinalis  in  Verbindung  zu  bringen:  eine 
Betrachtung  jener  wird  daher  zugleich  eine  Betrachtung  dieses  sein. 

Man  darf  bei  Beurteilung  des  Quirinalis  nicht  seine  heutige 
physische  Gestalt  zu  Grunde  legen:  es  hat  im  Altertume  eine 
viel  engere  Verbindung  zwischen  ihm  und  dem  kapitolinischen 
Hügel  stattgefunden.  Diese  Verbindung,  welche  sich  als  ein 
fortlaufender  Höhenrücken  von  der  Nordspitze  des  Capitolinus 
bis  zur  Südspitze  des  Quirinalis  gezogen  hat,  ist  erst  unter  Trajan 
durchbrochen  und  niedergelegt  und  so  die  Niederung  geschaffen, 
welche  sich  jetzt  zwischen  beide  Hügel  lagert.  Denn  mag  auch 
die  Inschrift  der  Trajanssäule  an  und  für  sich  unklar  sein,  in 
Verbindung  mit  der  bestimmten  Nachricht  Dios  kann  sie  nur  so 
verstanden  werden,  dafs  ihre  Höhe  der  Tiefe  entspricht,  die  Tra- 
jan durch  Niederlegung  des  Höhenrückens  schuf.  ^)  Wir  ersehen 
daraus,  dafs  der  so  niedergelegte  Hügelzug  eine,  verhältnismäfsig 
sehr  bedeutende  Höhe  hatte   und   einst   —   wie   gesagt  —  eine 

1)  Über  die  Ausdehnung  der  Bamnes  auf  das  jenseitige  Ufer  des  Tiber 
vgl.  Kap.  6. 

2)  Die  Inschrift  der  Trajanssäule  C.  I.  L.  VI  1.  n.  960  (pag.  176)  lau- 
tet: Senatus  Populusque  Romanus  Imp.  Caesari  Divi  Nervae  f.  Nervae  Tra- 
iano  Aug.  Germ.  Dacico  Pontif.  Maxime  trib.  pot.  XVII.  Imp.  VI.  Cos.  VI. 
P.  P.  ad  declarandum  quantae  altitudinis  mons  et  locus  tan(ti8  ope)ribu8 
sit  egestus.  Damit  ist  die  Angabe  Dios  zu  vergleichen  68^  16:  %al  icvqaiv 
iv  ty  ayoqa  nal  nCovu  fieyiarov  a/Lia  fihv  ig  raqp^v  sctvrm,  Sfut  dl  slg  ini- 
dfi^iv  tov  %atä  xriv  dyoQav  l'^yov.  navtog  yciQ  xov  xcoQiov  ixsivov  Offetvov 
ovxog  naTBOnatps  toaovtov  ooov  h  %lo>v  avicxsi,  %al  Tr]v  dyoQccv  ix  tovxov 
nsöivfiv  Hcctsaxtvaas»  Die  hier  übereinstimmend  gemachten  Angaben  kön- 
nen nur  auf  die  Gesamthöhe  der  Säule  —  c.  32  m.  —  bezogen  werden:  es 
wird  also  offenbar  gesagt,  dafs  an  dieser  Stelle  ursprünglich  eine  Bodon- 
erhebuDg  war,  deren  Maximum  der  Höhe  der  Säule  selbst  gleichkam.  Diese 
Bodenerhebung  ist  selbstverständlich  als  eine  langgestreckte  zu  fassen,  die 
nur  au  einer,  eben  der  höchsten  Stelle,  die  Höhe  von  c.  82  m.  «=  100  F. 
erreichte.  In  Verhältnis  zu  der  Höhe  von  Araceli,  die  auf  c.  160  F.  ange- 
geben wird,  ist  also  der  niedergelegte  Rücken  jedenfalls  ein  sehr  bedeuten- 
der zu  nennen. 


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~     267     — 

fortlaufende  engere  Verbindung  des  kapitolinischen  und  des  qui- 
rinalischen  Hügels  herstellte. 

Dieser  Gesichtspunkt  ist  sehr  wichtig  für  die  Bestimmung 
der  Ausdehnung  der  sabinischen  Niederlassung.  Es  wird  bezeugt, 
dals  die  Tities,  d.  i.  die  Sabiner,  nicht  nur  den  Quirinalis,  sondern 
auch  die  Nordhohe  des  Capitolinus  in  Besitz  hatten^)  und  bei 
der  eben  hervorgehobenen  engen  Verbindung  dieses  Teiles  mit 
dem  Quirinalis  ist  das  auch  von  Yomherein  wahrscheinlich. 
Gehen  wir  daher  jetzt  auf  die  zusammenhängende  Geschichte  des 
Quirinalis  und  des  Nordcapitolinus  etwas  näher  ein. 

Ich  will  mich  nicht  mit  der  Untersuchung  der  Frage  auf- 
halten, ob  die  Tities  vor  resp.  mit,  oder  ob  sie  nach  den  Kam- 
nes  eingewandert  sind:  das  letztere  behauptet  die  Sage  wohl  ein- 
stimmig, indem  sie  sie  erst  infolge  des  abgeschlossenen  Foedus 
Quirinalis  und  Capitolinus  besetzen  läfst.^)     Da  diese  Frage  aber 

1)  Vgl.  darüber  hernach. 

2)  Ober  den  Krieg  selbst,  sowie  die  Einigung  der  Tities  und  Ramnes 
Tgl.  8ch wegler  Böm.  Gesch.  1,  462  fP.  484  ff.  und  die  daselbst  angezogenen 
Stellen.  Näher  auf  die  verschiedenen  Berichte  über  den  Einfall  der  Tities 
einzi^ehen,  ist  hier  nicht  der  Platz.  Im  ganzen  einstimmig  lassen  die 
Berichte  die  Sabiner  zunächst  den  Capitolinus  durch  Verrat  (der  Tarpeja) 
nehmen,  von  hier  aus  dann  erobernd  über  das  Forum  gegen  die  porta  Mu- 
gionis  einer-,  den  Esquilinaufgang  anderseits  vorgehen.  Vgl.  oben  S.  180 f. 
Denn  die  Römer  erscheinen  als  ein  Doppelheer,  indem  Romulus  das  eine, 
Hostns  HostiHus  das  andere  kommandiert  Liv.  1, 12;  während  andere  Quellen 
an  Stelle  des  letzteren  den  Lucumo  setzen,  vgl.  Dion.  2,  37,  der  die  Auf- 
itellong  des  Heeres  eigentümlicherweise  so  angiebt:  n^a  fihv  fioLQoc  zov 
*EmLvlivop  TUttBXOvau  h'fpov,  i<p'  ^g  ccvtog  6  *Pa>fivXog  rjv,  iti^a  dh  xov  Kv- 
9^uiv  omim  tavTTjv  Hxovta  trjv  TCQoarjyoQÜxv  j  rjg  o  TvQ(ffiv6g  tjv  AoyiOfiODv 
Tffi^op.  Der  Einfall  der  Sabiner  ist  also  gegen  das  Septimontium  gerich- 
tet, die  verbündeten  Gemeinden  des  Esquilinus  und  Palatinus,  mit  welchem 
letsteren  dann  die  Niederlassungen  auf  und  unter  dem  Südcapitolinus  zu 
einer  Einheit  verschmolzen  sind.  Bei  der  ersten  Aufstellung  haben  also  die 
B^mer  noch  selbst  den  Quirinalis  inne,  der  dann  beim  Abschlufs  des  Foe- 
dus in  den  Besitz  der  Tities  übergeht,  die  zugleich  auch  die  Nordhöhe  des 
Capitolinus  festhalten,  während  die  8üdhöhe  an  die  Ramnes  zurückfällt. 
In  diesem  ganzen  Sagenkomplex  ist  nichts,  was  irgend  wie  unwahrschein- 
Hdi  wäre,  wenn  wir  von  den  Zustutzungen  durch  mythische  und  andere 
Elemente  absehen.  Nur  fSr  die  Annahme,  dals  der  Quirinalis  schon  eine 
nmniBche  Gemeinde  getragen  habe  beim  Einfall  der  Tities,  spricht  nichts: 
auch  hier  hat  wieder  das  Streben  eingewirkt,  dem  Romulus  von  Haus  aus 
den  Besitz  der  ganzen  Stadt  in  ihrem  späteren  Umfang  zuzuweisen.  Wenn 
aber  die  Sabiner  nach  Auf&ssung  der  Quellen  den  ganzen  Capitolinus 
durch  Verrat  einnehmen,  so  ist  dazu  zu  bemerken,  dals  die  bestimmte  Ver- 


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für  die  Stadtgeschichte  selbst  im  ganzen  gleichgültig  ist;  so  mag 
es  an  dieser  Stelle  genügen,  im  Anschlufs  an  die  Tradition  zu 
konstatieren^  dafs  sie  eingewandert  sind  und  mit  den  Ramnes 
in  enge  Beziehungen  getreten  sind,  die  wir  im  Folgenden  so- 
gleich näher  zu  erörtern  haben. 

Das  Foedus,  welches  der  Sage  nach  den,  anfangs  siegreich 
von  den  Tities  geführten,  schliefslich  aber  ohne  Entscheidung 
ausgehenden  Kampf  abschlofs,  liefs  den  Tities  die  Nordspitze 
des  Capitolinus  ^)   und   räumte   ihnen   den  Quirinalis  noch   dazu 


knüpfiing  dieser  Eroberung  mit  dem  Namen  Tarpejus,  Tarpeja  in  Wirklich- 
keit nur  auf  die  Södhöhe  des  Capitolinus  weist.  Der  später  einheitliche 
Berg  hat  hier  offenbar  bewirkt,  dafs  der  Verrat  auf  den  ganzen  Capito- 
linus bezogen  wurde.  Daran  ändert  auch  der  Umstand  nichts,  dafe  durch 
diesen  Verrat  die  Arx  eingenommen  wurde,  wie  Livius  ausdrücklich  sagt, 
denn  diese  Bezeichnung  mufs  hier  gleichfalls  dem  ganzen  Capitolinus,  nicht 
der  Nordhöhe  gelten,  die  in  genauer  Sprechweise  allerdings  allein  diesen 
Namen  fährt.  Livius  sagt  1,  11:  Spurius  Tarpejus  praeerat  arci  —  ut  vi 
capta  arx  videretur  —  tenuere  tamen  arcem  8abini.  Die  Bezeichnung  arx 
mufs  hier,  wie  gesagt,  in  allgemeinerem  Sinne  auf  den  ganzen  Capitolinus 
bezogen  werden,  der  später  ja  allerdings  in  seinem  ganzen  Umfange  als 
Burg  galt:  eben  weil  die  Verknüpfung  des  Capitolinus  mit  dem  Tarpejus 
auf  alle  Fälle  die  südliche  Höhe  in  die  Eroberung  der  Sabiner  einschliefst 
Doch  mag  immerhin  auf  die  Bildung  dieser  Traditionen  der  Umstand  mit 
eingewirkt  haben,  dalk  die  Arx  —  in  dem  beschränkteren  Sinne  der  Nord- 
höhe —  als  einst  im  Besitz  der  Sabiner  befindlich  bekannt  war;  dafs  ander- 
seits aber  nicht  minder  der  Verrat  in  der  Erinnerung  haftete,  der  sich  an 
den  Namen  Tarpeja,  Tarpejus  und  damit  an  die  Südhöhe  des  Capitolinus 
knüpfte:  80  ist  dieser  Verrat  auf  den  ganzen  Capitolinus,  als  die  Arx  in 
späterer  ausgedehnterer  Bedeutung,  bezogen  worden.  Ich  glaube  daher  an- 
nehmen zu  dürfen,  dais  die  Sabiner  schon  Quirinalis  und  Nordcapitolinus 
wenigstens  eine  Zeit  lang  besetzt  gehalten  hatten,  d.  h.  als  Gemeinde  diese 
Höhen  kolonisierten,  bis  sie  dann  mit  den  benachbarten  Ramnes  in  Kampf 
gerieten,  der  zunächst  dazu  führte,  dafs  die  Sabiner  auch  die  Südhöhe  des 
Capitolinus  überrumpelten.  Das  sodann  zwischen  ihnen  und  den  Ramnes 
geschlossene  Foedus  hat  zur  Folge  gehabt,  dafs  die  Südhöhe  wieder  an  die 
Ramnes  zurückfiel,  während  Nordcapitolinus  und  Quirinalis  im  Besitze  der 
Sabiner  blieben,  die  nun  aber  in  ein  engeres  Bundesverhältnis  zu  den  Ram- 
nes, resp.  zu  den  Ramnes  und  Luceres  traten. 

1)  Livius  sagt  1,  12  tenuero  tamen  arcem  Sabini  und  hier  ist  arx, 
trotz  der  voraufgehenden  Eonfunion  mit  dem  ganzen  Capitolinus  als  arx, 
entschieden  nur  in  der  eigentlichen  Beschränkung  auf  die  Nordhöhe  des 
Berges  zu  verstehen,  da  nur  diese  in  wirklich  dauerndem  Besitze  der  Sa- 
biner nachweisbar  ist.  Wenn  aber  Schwegler  röm.  Gesch.  1,  462  auch  die 
erste  Eroberung  resp.  Überrumpelung  nur  auf  die  nördliche  Kuppe  beschrän- 
ken will,  so  kann  das  nicht  richtig  sein,  da  —  abgesehen  von  andern  Mo- 


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ein*);  es  schuf  femer  —  wenn  wir  eben  der  Sage  glauben  wollen  — 
sogleich  einen  Staat,  aber  mit  Fortbestehen  der  zwei  Gemeinden 
und  der  zwei  Eönigsherrschaffcen.^)  König  Tatius  sollte  seine 
Wohnung  auf  dem  Nordcapitolinus,  der  Arx,  genommen  haben*), 
während  die  sonstige  Beziehung  der  Sabiner  zu  dem  Quirinalis 
den  SchluJjs  nahe  legt,  dafs  dieser  Hügel  die  eigentliche  Nieder- 
lassung trug.  Und  da  durchaus  kein  Anzeichen  dafür  vorhanden 
ist,  dafs  der  Quirinalis  selbst  ummauert  gewesen  ist^),  so  müssen 


menten  —  die  Sage  yon  der  Tarpeja  doch  offenbar  speziell  der  südlichen 
Koppe  angehört.  Aber  in  dauerndem  Besitz  erscheinen  die  Tities  allerdings, 
wie  bemerkt,  nur  in  Bezug  auf  die  nördliche  Kuppe,  die  eigentliche  Arx. 

1)  Vgl.  Varro  1.  1.  6,  61  (Collis  Quirinalis)  sunt  qui  a  Quiritibus  qui 
com  Tado  Curibus  yenerunt  Bomam  quod  ibi  habuerint  castra.  Fest.  p.  264 
Quirinalis  collis  —  olim  Agonus  appellabatur  antequam  in  eum  com- 
migrareot  fere  Sabini  Coribus  venientes  post  foedus  inter  Romulum  et  Ta- 
tiam  ictum.  Dion.  2,  50  Tuttos  zov  KumxfoXuiv  ovtvsq  i^  o:qx^S  xaxiax^ 
xoi  xcv  KvqCviov.  Strabo  5,  234  ot  fiiv  ys  n^mtoi  to  KctmxdUov  xal  x6 
IlaltcxLOv  ital  xov  KvQtvov  X6<pov  ixBCxiaav  oq  riv  ovxtag  sven^ßccxog  xois 
lißt^tv  aox*  i^  itpodov  Tixog  Taxiog  bIXsv  ineXd'dv, 

2)  Ober  die  Bedingungen  des  Bündnisses  handelt  Dionjd.  2,  46.  Flut. 
Born.  19.  Natürlich  läfst  sich  aus  diesen  rhetorischen  Au^utzungen  der 
Sage  nichts  entnehmen;  doch  weist  die  Sage  von  der  Regierung  des  T.  Ta- 
tii28  neben  Bomulus  auf  das  Fortbestehen  der  sabinischen  Gemeinde  we- 
nigstens für  einige  Zeit  Durchaus  anachronistisch  ist  es,  wenn  Dionys. 
a.  0.  a.  a.  die  Sabiner  sofort  in  die  schon  bestehenden  Kurien  verteilt  wer- 
den ]SM.  Neben  der  allgemeinen  Angabe,  das  Bündnis  sei  in'  tajj  aal 
hfioU  geschlossen  —  wie  Appian  h.  B.  1,  fr.  4  sich  ausdrückt  — ,  muTs  es 
aoch  ebe  andere  Tradition  gegeben  haben,  der  Serv.  Aen.  7,  709  Ausdruck 
gegeben  wird:  post  &ctum  inter  Bomulnm  et  T.  Tatium  foedus  recepti  in 
orbem  Sabini  sunt:  sed  hac  lege  ut  in  omnibus  essent  cives  Bomani  ex- 
eepta  soffiragii  latione;  nam  magistratus  non  creabant.  Danach  erscheinen 
also  die  Sabiner  als  minderen  Rechts. 

3)  Vgl.  Solin.  1,  21  Tatius  in  arce  ubi  nunc  est  aedes  lunonis  Mone- 
tae.  Plnt.  Rom.  17  oSxf  t  dl  Tcixiog  (ihv  onov  vvv  o  xrjg  Movrixrig  vaog  iaxt. 
Die  Worte'  Vitruvs  dagegen  2,  1,  20:  item  in  Capitolio  commonefacere  pot- 
eet  et  eignificare  mores  vetustatis  Romuli  casa  et  in  arce  sacrorum  stra- 
mentis  tecta,  die  man  yersucht  sein  könnte,  auf  dieses  Königshaus  zu  be- 
gehen, sind  mit  Wahrscheinlichkeit  auf  das  auguraculum  zu  beziehen,  über 
velehes  sjAter;  denn  das  titische  Königshaus  wurde  später  zerstört,  kann 
also  mit  dieser  absichtlich  erhaltenen  casa  nicht  identisch  sein. 

4)  Es  wird  wohl  einmal  gelegentlich  von  Mauern  auf  dem  Quirinalis 
g^Bprochen  vgl.  Dion.  2,  62.  Str.  a.  0.,  aber  das  ist  ohne  Bedeutung.  Die 
Manerreste  auf  dem  Yiminalis,  über  die  Lanciani  Ann.  1871  S.  46  f.  zu 
vergleichen  ist,  sind  richtiger  als  Sabstruktionen  —  um  das  Abbröckeln  des 
HSgelabhangs  zu  yerhindem  —  zu  fassen. 


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—     270    — 

wir  es  als  wahrscheinlich  bezeichnen,  dafs  die  Nordhöhe  des  Ca* 
pitolinus  mit  der  Königswohnung  zugleich  die  Burg  trug,  wäh- 
rend der  Quirinalis  eine  oflTene  Stadt,  einen  ungeschützten  Wohn- 
bezirk umfafste.^)  Von  hier  aus  sind  also  die  Sabiner,  welche 
als  Sondergemeinde  den  Namen  Tities  trugen,  in  Verbindung  mit 
der  palatinischen  Stadt  getreten  und  haben  vertragsmäfsig  ein 
Wechselverhältnis  geschaffen  und  dasselbe  sodann  nach  seinen 
einzelnen  Beziehungen  ausgebildet.  Dieses  Bündnis,  wie  die  Sage 
die  zwischen  den  beiden  Gemeinden  sich  bildenden  Wechsel- 
beziehungen zusammenfassend  bezeichnet,  ist  eine  der  unzweifel- 
haftesten  Thatsachen  der  ältesten  Geschichte  Roms*)  und  wir 
haben  jetzt  die  durch  dasselbe  hervorgerufenen  Anlagen,  Bauten 
und  Ordnungen  der  Stadt  selbst  zu  prüfen. 

Beginnen  wir  mit  denjenigen  Momenten,  die  mit  dem  Lokale 
der  sabinischen  Gemeinde,  dem  Quirinalis  selbst,  zusammenhängen, 
so  kann  es  zunächst  nicht  bedeutungslos  sein,  dafs  die  beiden 
Hügel  Quirinalis  und  Viminalis  —  denn  der  letztere  kann  vom 
Quirinalis  nicht  getrennt  werden  —  schon  durch  ihre  besondere 


1)  Über  die  engere  Verbindung  dieser  Nordhöbe  des  Capitolinns  mit 
dem  Qoirinal  im  Altertum  vgl.  oben  S.  266. 

2)  Bekanntlich  hatte  sich  zuerst  und  am  entschiedonsten  schon  Nie- 
buhr  1,  321  ff.  für  die  Zugehörigkeit  des  Quirinalis  zu  den  Sabinem  ausge* 
sprechen,  dessen  Annahme  einer  Stadt  Quirinm  wir  freilich  entschieden 
zunlckweisen  müssen.  Auch  Mommsen  R.  G.  1,  44ff.  fafst  die  Tities  als 
Sabiner,  nimmt  aber  58  ff.  unal^ängig  von  der  Verschmelzung  dieser  sabi- 
nischen Stammeselemente  mit  der  arsprflnglichen  latinischen  Gemeinde 
eine  zweite  Stadt  auf  dem  Quirinalis  an,  deren  Stammverschiedenheit  — 
gegenüber  den  Römern  —  er  nicht  für  bewiesen  ansieht.  Die  meisten  For- 
scher entscheiden  sich  mit  Recht  dahin,  in  der  Stadt  oder  Gemeinde  des 
Quirinalis  eben  die  zweite  Tribus,  die  Tities,  zu  erblicken.  Vgl.  Lange 
Rom.  Altert.  1,  88  f.  Es  ist  allgemeine  Annahme  der  Alten,  den  römischen 
Staat  aus  drei  Tribus  entstehen  zu  lassen,  den  Ramnes,  Luceres,  Tities: 
vgl.  Dionys.  2,  7  tQixi  vsifMcg  xriv  nlrfivv  anaaav,  Dio  fr.  6,  8  Dind.  e^ 
tQSts  ivsfii^d'rjaav  fuo^ag  nXr^^süfag  xQ^ßovg.  Varro  1.  1.  5,  55  ager  Roma- 
nus primum  divisus  in  parteis  tris  a  quo  tribus  appellata  Tatiensium,  Bam- 
nium,  Lucerum;  vgl.  auch  5,  81.  89.  Liv.  10,  6  tres  antiquae  tribus  Ram- 
nes, Titienses,  Luceres.  Ober  den  angeblichen  Unterschied  zwischen  topi- 
schen und  ethnischen  Tribus  —  vgl.  Dion.  4,  14,  der  ausdrücklich  tag  xQBig 
fpvlccg  tag  avyyBvixdg  und  tonindg  entgegensetzt  —  vgl.  unten  Kap.  8.  Was 
der  Name  Tities  etymologisch  bedeutet,  ist  unklar:  vgl.  Paul.  p.  366  Titnli 
milites  appellantur  quasi  tutuli  quod  patriam  tnerentur,  unde  et  Titi  prae- 
nomen  ortum  est.    Varro  1.  l.  7,  44. 


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—    271     — 

Bezeichnung  als  colles  von  den  montes  sich  unterscheiden.^)  Es 
sieht  wie  ein  bewufster  Gegensatz  aus,  der  sich  in  dieser  Be- 
zeichnung entgegen  derjenigen  der  alten  Montes  ausdrückt:  jeden- 
falls haben  diejenigen,  welche  mit  diesem  Namen  die  im  übrigen 
Ton  den  Hügeln  des  Palatinus  und  Esquilinus  sich  durch  nichts 
unterscheidenden  Hügel  ^)  benannt  haben,  dieselben  als  wesent- 
lich verschieden  von  den  alten  schon  besiedelten  bezeichnen 
wollen,  unter  den  beiden  colles  ist  der  südlichere,  dem  Esqui- 
linos  benachbarte,  Viminalis  der  unbedeutendere  und  unbekann- 
tere, von  dem  Esquilinus  sowohl,  als  von  dem  Quirinalis  durch 
ein  Thal  geschieden.*)  Übereinstimmend  leiten  die  Alten  den 
Namen  des  Hügels  von  dem  Weidengebüsch  ab,  welches  ihn  einst 
and  später  noch  zum  Teil  bedeckt  haben  soll;  und  diese  Ablei- 
tung ist  sicher  richtig:  der  Altar  des  lupiter  Viminus,  welcher 
uns  auf  der  Höhe  selbst  genannt  wird,  hat  diesen  seilen  Kult- 
Damen  von   dem   Namen    des    Berges    selbst   erhalten. '^)     Dieses 


1)  Das  wird  durch  die  Argeerorkunde  aufoer  Zweifel  gesetzt,  welche 
6,  51 1  sowohl  den  Qoirinaiis  und  VimiDalis  selbst,  wie  auch  die  Einzel- 
höhen dieser  beiden  Hügel  konsequent  colles  nennt.  Es  tritt  uns  also  hier 
ein  ganz  analoges  Verhältnis  entgegen,  wie  wir  es  bei  den  Montes  kennen 
gelernt  haben:  hier  heifsen  sowohl  die  Einzelhöhen  Montes,  wie  sodann 
zQsammenfassend  die  Berge  in  ihrer  Gesamtheit  —  als  Palatinus  und  Es- 
qniUnns  — ;  in  ganz  gleicher  Weise  dort  die  Einzelhöhen  colles  und  so- 
dann zusammenfassend  die  Berge  in  ihrer  Gesamtheit  collis  Quirinalis  und 
Viminalis.  Auf  die  gleiche  Bildung  der  Namen  dieser  beiden  colles,  wie 
anch  der  Einzelcolles  Salutaris,  Mucialis,  Latiaris  weist  Jordan  1,  1.  179 
hin;  aacfa  nach  dieser  Richtung  hin  treten  ihnen  die  Montes  entgegen,  die 
wieder  ihrerseits  unter  einander  —  Palatinus,  Esquilinus,  sodann  auch  Ca- 
pitolinus,  Aventinus  —  ihrer  Namensbildung  nach  gleich  sind. 

2)  Brocchi  a.  0.  211  führt  als  Höhenbestimmungen  des  Quirinals  an: 
Piano  del  cortile  del  palazzo  Pontificio  (des  Quirinals)  148  piedi;  piano 
della  chiesa  di  S.  M.  degli  Angeli  alle  terme  Diocleziane  170;  piano  del 
boschetto  del  giardino  Colonna  159;  piano  del  boschetto  di  Villa  Aldobran- 
<lini  169;  piano  di  viUa  Barberini  165  piedi  über  dem  Meere. 

8)  Vom  Esquilinus  scheidet  den  Viminalis  der  vicus  patricius,  der 
etwa  der  Via  del  Viminale  entspricht;  vom  Quirinalis  die  vallis  Quirini, 
<Ke  in  der  Via  di  S.  Vitale  gesucht  werden  mag.    Über  diese  Thäler  später. 

4)  Über  den  Namen  des  Hügels  vgl.  Varro  1.  1.  5,  51  Viminalis  a 
Io?e  Vimino  quod  ibi  ara  (die  Änderung  des  quod  in  quoius,  wie  Jordan 
^l  2,  261,  ist  unnötig,  dagegen  statt  des  hdschr.  arae  zu  schreiben  ara, 
wie  derselbe  vorschlägt);  sunt  qui  quod  ibi  vimineta  fuerint.  Fest.  p.  373 
hinaus  porta  et  collis  appellantur  quod  ibi  viminum  fuisse  videtur  silva, 
nbi  est  et  ara  lovi  Vimino  consecrata.  luven.  3,  71  dictum  a  yimine  coUem. 


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—    272     - 

Heiligtum  ist  aber  auch  das  einzige,  welches  auf  dem  Viminalis 
genannt  wird:  im  übrigen  tritt  derselbe  ganz  zurück  in  Geschichte 
und  Kult;  und  nur  die  gleiche  Benennung  und  die  Zusammen- 
legung desselben  zum  Quirinalis  in  der  Servianischen  Stadtein- 
teilung läfst  uns  mit  einiger  Sicherheit  schliefsen,  dafs  er  auch 
eine  mit  der  des  Quirinalis  gleichartige  d.  h.  sabinische  Bevöl- 
kerung von  Haus  aus  getragen  hat 

In  jeder  Beziehung  bedeutender  tritt  der  Quirinalis  hervor. 
In  der  Argeerurkunde  erscheint  der  gewöhnlich  mit  einheitlichem 
Namen  bezeichnete  collis  Quirinalis  in  vier  Einzelcolles  zerlegt, 
welche  die  Namen  Quirinalis,  Salutaris,  Mucialis  und  Latiaris 
führen.^)  Es  ist  nicht  unwahrscheinlich,  dafs  wir  in  diesen  vier 
Namen  die  Kult-  und  Schutzstatten  von  vier,  sei  es  in  natür- 
licher geschichtlicher  Entwicklung,  sei  es  künstlich  geschiedenen 
Gemeindebezirken  zu  sehen  haben,  die  wieder  von  diesen  Höhen 
auf  die  ihnen  vorgelagerten  Ebenen  sich  ausgedehnt  haben  müssen. 
Nach  der  ausdrücklichen  Versicherung  Varros  sind  alle  vier  Na- 


Aolser  dieser  ara  des  Japiter  scheint  allerdings  noch  ein  zweites  Heiligtom 
auf  dem  Viminalis  gesucht  werden  zu  müssen:  denn  von  den  6  Argeer- 
kapellen  dieser  Region,  von  denen  Varro  6  anführt,  gehören  vier  dem  Qoi- 
rinalis  und  man  mag  daher  zunächst  daran  denken,  die  ersten  zwei  auf  dem 
Viminalis  zu  suchen.  Doch  ist  es  eigentümlich,  daüs  Varro  ausdrücklich 
quinque  colles  erwähnt:  die  sechste  d.  h.  der  Reihenfolge  nach  die  zweite 
Kapelle  der  Region  ist  demnach  vielleicht  in  dem  Thale  zwischen  Vimi- 
nalis und  Quirinalis,  der  sogenannten  Vallis  Qniriui,  zu  suchen. 

1)  Die  für  die  Topographie  des  Quirinalis  grundlegende  Stelle  des 
Varro  1.  1.  5,  51  f.  lautet:  Collis  Quirinalis  ob  Quirini  fanum;  sunt  qui  a 
Quiritibus  qui  cum  Tatio  Curibus  venerunt  Romam  quod  ibi  habuerint 
castra.  62.  Quod  vocabulum  coniunctarum  regionum  nomina  obliteravit: 
dictos  enim  collis  plureis  apparet  ex  Argeorum  sacrificiis  in  quibus  scriptum 
sie  est: 

Collis  Quirinalis,  terticeps  eis  aedem  Quirini. 

Collis  Salutaris,  quarticeps,  advorsum  est  Apollinar 
eis  aedem  Salutis. 

Collis  Mucialis,  quinticeps  apud  aedem  Dei  Fidi  in  delubro 
ubi  aeditumus  habere  solet. 

Collis  Latiaris  sexticeps  in  vico  Insteiano  summo  apud 

auguraculum  (auraculum  Flor.):  aedificium  solum  est. 
Herum  deorum  arae,  a  quibus  cognomina  habent,  in  eins  reg^onis  partibus 
sunt.  Die  Worte  quod  vocabulum  coniunctarum  regionum  nomina  oblite- 
ravit: dictos  enim  collis  plureis  apparet  —  wollen  besagen,  dafs  der  Name 
„collis  Quirinalis**  allmählich  die  Namen  der  Einzelcolles,  wie  sie  aus  der 
Argeerurkunde  noch  zu  ersehen  sind,  verdunkelt  und  absorbiert  hat. 


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—     273     — 

men  resp.  Hügel  von  Heiligtümern  und  Göttern  benannt^):  der 
Quirinalis  ist  danach  von  Quirinus^  der  Salutaris  von  der  Salus, 
der  Latiaris  wahrscheinlich  von  lupiter  Latiaris,  der  Mucialis 
Ton  Dius  fidius  benannt.  Das  letztere  scheint  Varro  geradezu 
zü  sagen,  obgleich  wir  nicht  wissen,  in  welchem  Zusammenhange 
jener  Name  mit  dieser  Gottheit  steht;  die  Beziehung  des  coUis 
Latiaris  dagegen  auf  lupiter  Latiaris  ist  nur  ein  Schlufs,  da 
Varro  kein  besonderes  Kultheiligtum,  sondern  nur  ein  auguracu- 
lum  als  in  Beziehung  zum  coUis  Latiaris  stehend  nennt.  ^) 

Die  Lage  dieser  vier  Einzelcolles  und  damit  der  Heiligtümer, 
welche  die  Benennung  jener  veranlafst  haben,  darf  man  im  all- 
gemeinen als  feststehend  bezeichnen.  Während  der  coUis  Quiri- 
nalis*) auf  der  innerii,  dem  Viminalis  zugekehrten  Seite  des  Ge- 


1)  Vgl.  die  angeführten  Worte:  tertiac  regionis  colles  qninque  ab 
deomm  fanis  appellati  — ;  und:  hornm  deomm  arae,  a  quibus  cognomina 
habent  in  eins  regionis  partibns  snnt. 

2)  Was  den  coUie  Mucialis  betrifft,  so  scheinen  allerdings  die  un- 
mittelbar folgenden  Worte  apud  aedem  Dei  Fidi  darauf  hinzuweisen,  dafs 
dieser  Name  mit  dem  Namen  des  collis  in  innerer  Beziehung  steht,  worauf 
ja  die  Worte:  horum  deorum  arae  a  quibus  cognomina  habent  schliefsen 
lassen.  Es  ist  aber  zu  beachten,  dafs  die  Argeerurkunde  selbst  ausdrück- 
lich zwei  Heiligtümer  anführt:  apud  aedem  Dei  Fidi  in  delubro  und 
mit  dem  zweiten  unbenannten  offenbar  das  eigentliche  Argeer  heiligt  um  ver- 
bindet. Die  Möglichkeit  bleibt  also,  dafs  dieses  nicht  näher  bezeichnete 
delobrom  zu  dem  Namen  Mucialis  in  Beziehung  stand.  Der  Name  Mucialis 
selbst  ist  unerklärlich:  Scaligers  Änderung  in  Martialis  hat  viel  bestechen- 
des und  ist  auch  von  Müller  in  den  Text  aufgenommen,  ist  aber  zu  will- 
tolich,  um  sich  ihr  anschliessen  zu  können.  Ober  den  collis  Latiaris 
Tgl.  später. 

3)  Der  Name  Quirinalis  erscheint  demnach  in  doppelter  Ausdehnung, 
einmal  als  Name  des  GesaiAthügeU,  sodann  als  Name  einer  Einzelhöhe 
dieses  letzteren.  Die  Ansetzung  dieser  letzteren  auf  der  innem,  dem  Vimi- 
nalis zugekehrten  Seite  stützt  sich  auf  die  Angabe  der  Notitia  Reg.  VI: 
Floram,  Capitolium  antiquum,  thermas  Constantinianas ,  statuam  Mamuri, 
templam  dei  Quirini,  wonach  zwischen  dem  an  der  Südseite  des  Gesamt- 
bugeis gelegenen  Capitolium  und  dem  templum  Quirini  die  statua  Mamuri 
l&g,  das  Andenken  dieser  aber  in  mittelalterlichen  Quellen  noch  am  ge- 
nannten Abhänge  haftet.  Vgl.  nachher.  Nach  Liv.  8,  20  lag  die  aedes  Qui- 
rini der  des  Semo  Sancus  gegenüber,  was  richtig  ist,  da  wir  diesen  letzteren 
auf  dem  entgegengesetzten  Abhänge  des  quirinalischen  Hügels  nach  dem 
Campas  Martins  zu  kennen  lernen  werden.  Auch  weist  der  Name  der  vallis 
Quirini,  die  nur  in  der  Via  di  S.  Vitale  gesucht  werden  kann,  auf  einen 
nahen  Zusammenhang  mit  dem  templum  Quirini;  wie  auch  die  Reihenfolge 
der  Argeerheiligtümer  selbst  darauf  hinweist,  in  dem  collis  Quirinalis  die 

Gilbert,  Qe«oh.  n.  Topogr.  Roms.  18 

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-     274     - 

sainthügels  zu  suchen  ist,  wo  auch  die  vallis  Quirini  —  das  Thal, 
welches  Quirinalis  und  Viminalis  scheidet  —  auf  den  dieselbe 
überragenden  Hügel  hinweist,  ist  der  coUis  Latiaris  ^)  in  der  süd- 
lichsten Spitze,  welche  sich  gegen  Forum  und  Eapitol  kehrt,  zu 
suchen;  die  colles  Mucialis  und  Salutaris  aber  erhalten  durch  die 
portae  Sanqualis  und   Salutaris*)   ihre    nähere  Bestimmung,  von 


dem  Viminalis  nächste  Seite  za  sehen.  Es  haben  sich  daher  auch  Becker 
673 ff.,  Jordan  2,  125,  Urlichs  Beschreibnng  d.  St.  R.  3,  2,  370,  Lanciani 
Bull,  munic.  1,  226  dahin  entschieden,  den  collis  Quirinalis  —  als  Einzel- 
höhe —  auf  der  dem  Viminalis  zugekehrten  Ostseite  des  quirinalibchen 
Hügels  zu  suchen. 

1)  Die  Lage  des  collis  Latiaris  wird  durch  die  Reihenfolge  desselben 
in  der  Aufzählung  der  Argeerurkunde  bestimmt.  Das  neben  ihm  erwähnte 
Auguraculum  kann  nur  auf  der  Südspitze  des  Berges  gesucht  werden,  da 
das  nach  S.  orientierte  templum  eben  einen  freien  Blick  in  diese  Welt- 
gegend haben  mufste.     Auch  Martial  7,  73 

sed  Tihurtinae  sum  proximus  accola  pilae 
qua  videt  antiquum  rustica  Flora  lovem 
beweist  diese  Lage,  da  der  hier  genannte  vetus  lupiter  ohne  Zweifel  eben 
das  Capitolium  vetus  ist.  Varro  bezeichnet  die  Lage  des  collis  Latiaris 
noch  näher  durch  in  vico  Insteiano  summo;  wenigstens  ist  dieser  vicns 
Insteianus  jedenfalls  in  der  Nähe  des  collis  Latiaris  selbst  zu  suchen.  Jor- 
dan 2,  263  benutzt  diese  Angabe  zur  nähern  Fixierung  des  collis  Latiaris. 
Denn  da  dieser  vicus  auch  bei  Livius  24,  10  erwähnt  wird,  wo  es  heifst: 
et  in  vico  Insteio  fontem  sub  terra  tanta  vi  aquarum  fluxisse,  ut  serias 
dohaque  quae  in  eo  loco  erant  provoluta  velut  impetus  torrentis  tulerit,  so 
kann  man  allerdings  daran  denken,  dafs  dieser  vicus  in  das  Thal  der  Subnra 
sich  herabsenkte,  welches  wir  oben  S.  192  als,  namentlich  in  früherer  Zeit, 
wasserreich  kennen  gelernt  haben.  Man  wird  nicht  irren,  wenn  man  den 
collis  Latiaris,  wie  auch  gewöhnlich  geschieht,  auf  der  Höhe  der  Via 
Magnanapoli  ansetzt. 

2)  Über  die  Lage  dieser  beiden  Thore  vgl.  Kap.  8.  Das  templum  Sa- 
lutis  mufs  jedenfalls  auf  der  dem  Pincio  mehr  zugekehrten  Seite  gesucht 
werden  und  man  kann  nur  zwischen  der  Höhe  über  piazza  Barberini  (wie 
Becker  132,  Preller  Regg.  134  und  Lanciani  Bull,  munic.  1,  228  nach  dem 
Vorgange  Caninas  wollen)  und  der  von  S.  Susanna  schwanken  (wofür  sich 
Bunsen  Beschr.  1,  126  und  Urlichs  3,  2,  377  entscheiden).  Vgl.  auch  Jordan 
2,  121.  Über  die  Lage  des  Heiligtums  des  Dens  fidius  endlich  sagt  Livius 
8,  20^  dafs  dasselbe  sich  ad  versus  aedem  Quirini,  d.  h.  ohne  Zweifel  auf  der 
dem  Quirinnstempel  entgegengesetzten  westlichen  Seite  des  quirinaliscben 
Hügels  befand.  Becker  bestimmt  für  ihn  die  Gegend  der  Piazza  di  Monte 
Cavallo  oder  des  Palazzo  del  Quirinale  (676),  womit  Urlichs  Beschr.  3,  2. 
365  übereinstimmt;  Lanciani  dagegen  macht  für  ihn  das  frühere  Kloster 
S.  Silvestro  wahrscheinlich  Bull,  munic.  VoL  9  S.  6.  Danach  darf  man 
die  Lage  der  vier  von  Varro  a.  0.  genannten  colles  im  gp-ofsen  und  ganzen 


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—     275     — 

deDen  jene  auf  der  gegeu  deu  Campus  Martius  und  den  Collis 
Hortorum  zugekehrten  Seite  die  südlichere,  diese  die  nördlichere 
Stelle  einnimmt.  Betrachten  wir  nun  die  Namen  der  Götter  und 
Heiligtümer,  von  denen  diese  EinzelcoUes  ihre  Bezeichnungen  er- 
halten haben,  noch  etwas  genauer. 

unzweifelhaft  sabinisch  ist  zunächst  der  Name  und  Kult  des 
Dias  fidius  oder  Semo  Sancus.  ^)    Die  Formen,  in  denen  sich  dieser 


als  feststehend  bezeichnen:  die  Argeerprozession  geht  vom  Viminalis  darch 
das  Thal  zwischen  Viminalis  und  Quirinalis,  um  dann  den  Qnirinalis  von 
S.nacb  N.  nnd  auf  der  westlichen  Seite  weitergehend  von  N.  nach  S. 
ZQ  umkreisen;  die  Südhöhe  (Magnauapoli)  bildet  den  Schlufs  dieses  Umgangs. 
1)  Semo  Sancus  und  Dius  fidius  (Varro  hat  Dens  Fidius)  sind  iden- 
tisch: vgl.  Ovid.  Fast.  6,  218  ff. 

quaerebam  Nonas  Sanco  Fidione  referrem, 

au  tibi  Semo  Pater?  Tum  mihi  Sancus  ait: 

Cuicumque  ex  illis  dederis,  ego  munus  habebo 

Nomina  tema  fero,  sie  volnere  Cures. 
Vgl.  Fest.  p.  241  in  aede  Sancus  qui  Dius  Fidius  vocatur.  So  heifst  auch 
die  aedes  Dii  Fidii  Varro  1.  1.  6,  42  zugleich  sacellum  Sancus  («=-  Sanci) 
ÜT.  8,  22  (so  ist  statt  des  hdschr.  Sangus  nach  Jordan  bei  Preller  2,  271 
za  lesen,  da  die  Namensform  Sancus  sonst  überall  konsequent  festgehalten 
wird).  Ober  die  sabinische  Origo  des  Gottes  vgl.  Tertull.  ad  nat.  2,  9  est 
et  SancQs  propter  hospitalitatem  a  rege  Tatio  fanum  consecutus.  Propert. 
4,  9,  73  hunc  —  Sanctum  Tatiae  «omposuere  Cures.  Varro  1. 1.  5,  66  Aelius 
Diam  Fidium  dicebat  Diovis  filium  ut  Graeci  Ji.6a%0Q0v  Castorem  et  puta- 
bant  hunc  esse  Sancum  ab  Sabina  lingua  et  Herculem  a  Graeca.  Fest.  p.  229 
Herculi  aut  Sanco  qui  scilicet  idem  est  deus.  Ich  halte  diese  sabinische 
Origo  weniger  wegen  dieser  Urteile  der  Alten,  als  wegen  der  eigentümlichen 
Kaltformen,  des  Namens,  der  nachweisbar  auch  sonst  bei  den  Umbrem  etc. 
vorkommenden  Beziehungen  des  Gottes  für  sicher,  obgleich  Jordan  a.  0. 
272  sagt:  „der  sabinische  Ursprung  des  Gottes  ist  eine  Fabel**.  Es  ist  sehr 
wahrscheinlich,  dafs  wir  in  Dius  Fidius  einen  Himmelsgott,  jedenfalls  aber 
einen  Lichtgott  zu  sehen  haben.  Auf  die  Angabe  des  Lydus  de  mens.  4,  58 
To  Sayxog  ovofia  ovQavov  arifuahsL  rfj  EapCvmv  yXdaaTj  ist  allerdings  wohl 
nichts  zu  geben:  dagegen  ist  die  Nachricht  des  Livius  8,  20  ebenso  inter- 
essant wie  wichtig,  dafs  aus  dem  für  das  öffentlich  veräufserte  Besitztum 
des  Fnndaners  Vitruvius  aufgekommenen  Gelde  aenei  orbes  gemacht  und 
in  sacello  Sancus  aufgestellt  seien.  Mit  diesen  kupfernen  Scheiben,  die  wir 
80  dem  Sancus  geweiht  sehen,  und  die  man  wohl  am  richtigsten  als  Nach- 
ahmungen der  Sonnenscheibe  falst,  wie  auch  die  ancilia  im  Dienste  des 
Mars  nichts  anderes  als  Kopien  der  Soiinenscheibe  sind,  ist  zu  vergleichen 
die  Weisung  der  iguvinischen  Sühninschrift:  vitulum  votivum  cum  voles 
^acere,  eadem  dicatione  sistito  lovi  patri.  cum  sistis  orbitam  in  manu 
habeto.  istam  orationem  habeto:  luppiter  Sanci,  tibi  istum  vitulum  voti- 
Tnm  siato.    So  die  Übertragung  von  Buecheler  interpretatio  tab.  Iguv.  II. 

18* 

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-     276     — 

Kult  erhalten  hat,  sind  stets  dieselben   altertümlichen  geblieben: 
es  ist  wohl   als   ein  Überbleibsel    aus  der    ältesten  Zeit,   als  der 


Bonn  1878.  (Progr.  z.  22.  März)  S.  7,  der  selbst  S.  16  auf  den  Fall  des 
Vitnivius  verweist  und  unter  der  orbita  (umbr.  urfeta),  die  der  Betende  in 
Händen  halten  muTste,  sowie  unter  den  orbes  des  Vitnivius  „orbes  in  rotae 
speciem  fignratos**  versteht  Ein  solches  Bad  mit  3,  4,  6  Speichen  kommt 
häufig  auf  etruskischen  und  umbrischen  Münzen  vor  und  Mommsen  fafst 
dasselbe  Rom.  Münzw.  222f.  als  Zeichen  eines  Städtebundee«.  Da  aber  dieses 
Bad  als  in  bestimmter  Beziehung  zu  Semo  Sancus  stehend  durch  Livius 
a.  0.,  sowie  zum  Sancus  oder  Jupiter  Sancus  von  Iguvium  stehend  durch 
die  iguvinische  Sühninschrift  bekannt  ist,  so  fafst  man  dasselbe  richtiger 
als  ein  Wahrzeichen  eben  dieses  Gottes,  der  als  der  Gott  der  Eide,  sowie 
des  öffentlichen  Recht«  und  internationalen  Verkehrs  zugleich  der  geeig- 
netste Schutzgott  jedes  Bundesverhältnisses  war.  Wenn  wir  aber  so  den 
Semo  Saccus  des  Quirinalis  sowohl  wegen  dieser  ganz  eigentümlichen  Be- 
ziehung, als  wegen  seines  Namens  mit  vollem  Bechte  mit  dem  iguvinischen 
lupiter  Sancus  zusammenbringen  dürfen,  so  folgt  daraus,  dafs  wir  in  Semo 
Sancus  wirklich  einen  fremden  Gott  zu  sehen  haben,  da  auf  latinischem 
Boden  sonst  keine  ähnlichen  Anschauungen  nach  Namen  und  Kult  uns  ent- 
gegentreten: und  es  liegt  sehr  nahe,  den  betreffenden  Kult  der  stammlich 
jedenfalls  eher  mit  den  Sabinem,  als  mit  den  Latinern  nahe  verwandten 
ümbrer  zur  Vergleichung  wie  zur  Bestätigung  für  den  sabinischen  Semo 
Sancus  heranzuziehen.  Auch  der  Name  Fidius  findet  in  dem  umbr.  Fisius 
seine  Erklärung:  vgl.  über  diese  und  abgeleitete  Formen  Fabretti  Glossar. 
490  f.  Beachtenswert  ist  aber  noch,  dafs  in  den  dem  Semo  Sancus  gelten- 
den Weihinschriften  eine  decuria  sacerdotum  bidentalium  erscheint:  sowohl 
C.  I.  L.  VI,  1  n.  568 

Sanco  Sancto  Semon 

Deo  .  Fidio.    Sacrum 

Decuria.     Sacerdotum 

Bidentalium  .  Reciperatis 

Vectigalibus 
wie  in  der  erst  im  Sommer  1880  gefundenen,   von  Drossel  Bull,  deir  Inst. 
T.  39.  1881.  S.  38,  Lanciani  Bull,  munic.  Vol.  9.  1881.  S.  4  ff  und  Visconti 
Stndi  e  documenti  di  storia  e  diritto  Anno  II.  1881.  105  ff.  veröffentlichten 

Semoni  .  Sanco 

Sancto  .  Deo  .  Fidio 

Sacrum 

Decuria.    Sacerdot. 

Bidentalium. 
Man  geht  also  wohl  nicht  fehl,  wenn  man  diese  decuria  sacerdotum  biden- 
talium in  spezielle  Beziehung  zu  dem  Kulte  des  Semo  Sancus  bringt.  Und 
das  bestätigt  sich  auch  durch  die  letzte  Inschrift,  die  uns  den  Semo  Sancus 
nennt,  C.  I.  L.  VI,  1.  n.  567,  indem  auch  hier  der  Weihende  sich  als  Decur. 
BidentaliK  bezeichnet.  (Die  decuria  sacerdotum  bidentalium  wird  aufnerdem 
noch  in  der  von  Henzen  Ann.  deir  Inst.  1856,  p.  143  herausgegebenen,   an 


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—     277     — 

jsabinische  Stamm   noch  ohne  Tempel  nur  in  Hainen  und  Wäl- 
dern lebte   und  daselbst  auch   seine  Götter  verehrte,  anzusehen, 


der  Via  Praenestina  gefandenen  Inscbrifb  erwähnt.)    Man  denkt  zunächst 
bei  dem  Namen  dieser  Priesterschaft  an  das  bidental,   worüber  zu  vergl. 
Panl.  p.  33  bidental  dicebant  qnoddam  templam  quod  in  eo  bidentibns  ho- 
stiis  »acrificaretnr.     Schol.  Pars.  6,  27   bidental  locus  sacro  percussus  ful- 
mine,  qno  bidente  ab  arnspicibus  consecratnr.    Ich  beziehe  den  Dienst  dieser 
Körperschaft  auf  das  falgura  condere,   welches  sie  wahrscheinlich  —  unter 
Aufsicht  der  Pontifices   —   besorgte   (denn  die   Teilnahme  der  Hamspices 
bei  diesen  sakralen  Obliegenheiten  gehört  erst  einer  spätem  Zeit  an)  und 
erinnere  daran,  dafs  das  bidental,  d.  h.  der  Sarg,  wenn  man  sich  so  aus- 
drucken darf,  in  dem  der  Blitz  begraben  wurde,  genau  in  derselben  Weise 
^baut  wurde,  wie  wir  das  sacellum  des  Sancus  selbst  kennen  lernen:   vgl. 
Pest.  p.  333  fulgur  conditnm  —  (ne)  fas  est  integi:  semper  forami(ne  ibi 
aper)to  caelum  patet;  und  aber  das  sacellum  des  Sancus  selbst  Yarro  1.  l. 
5,   66    (Dius  Fidius)    itaque  inde  eins  perforatnm  tectum,  ut  ea  yideatur 
divom  id  est  caelum;  quidam  negant  sub  tecto  per  hunc  deierare  oportere; 
welche  Sitte  dann  auch  auf  Privatverhältnisse  übertragen  wurde,  wie  Nonius 
p.  494  sagt:  itaque  domi  rituis  nostri  qui  per  Dium  Fidium  iurare  vnlt  pro- 
dire    sob  t  in   compluvium.     Ergiebt  sich  hier  eine   nähere    Beziehung  des 
bidental  zum  Kulte  des  Semo  selbst,   wie  es  denn  nicht  Zufall  sein  kann, 
dafs  die  dreimal  erwähnte  decnria  sacerdotum  bidentalium  dreimal  in  Ver- 
bindung mit  dem  Semo  erscheint,  so  ist  man,  wie  bemerkt,  wohl  nicht  zu 
käbu,  das  fulgura  condere  als  die  Hauptthätigkeit  der  sacerdotes  bidentales 
zu  fassen  und  dieses  wieder  als  in  dem  speziellen  Dienste  des  Semo  stehend 
za  betrachten.     Sonnenscheibe  und  Blitz  sehen  wir  so  in  den  Händen  und 
anter  dem  Befehle  des  Gottes.   Auf  die  Statue  selbst,  die  auf  der  betr.  Base 
siebend  gefunden  ist  und  welche  sich  hA  Visconti  a.  0.  in  photographischer 
Nachbildung  findet,  gehe  ich  hier  nicht  weiter  ein,  da  nach  der  Bemerkung 
Jordans  bei  Preller  1,  273  die  ursprüngliche  Zusammengehörigkeit  von  Hase 
and  Statue  mindestens  zweifelhaft  ist.    Jedenfalls  glaube  ich   aber  danach 
ein  Recht  zu  haben,   wenn  ich  sage,  dafs  die  mit  dem   Semo  Sancus  ver- 
knfipiten  Momente  darauf  hinweisen,  in   demselben  eine  fremde  Gottheit 
za  sehen:  und  wie  die  Verhältnisse  sind,  kann  man  hier,  wie  bemerkt,  nur 
an   die  Sabiner  denken,  welche  diesen  Gott  von  Haus  aus  verehrten.     Zu 
dieäeo  Momenten  kommt  endlich  noch  ein  weiteres  und  zwar  sehr  schwer- 
wiegendes hinzn:  es  gab  eine  besondere  Art  der  Auspicien,  die  speziell  mit 
Sancus  verknüpft  war,  ygL  Fest.  p.  317   Sanqualis  avis  a(pellatur  qua  in 
com)mentariis  augura(libus  ossifra)ga  dicitnr  quia  in  (Sangi  dei)  tutela  est 
Diese  besondere  Art  der  Auspicien  weist  mit  Sicherheit  auf  eine  nationale 
V^erschiedenheit  derjenigen  hin,  die  diesen  besondern  Kult  hatten,  und  man 
darf  diese  Sanqualis  avis  wohl  mit  den  Titiae  aves  identifizieren,  worüber 
es  bei  Varro  1.  1.  6,  86  heifst   Sodales  Titii  dicti  ab  Titiis  avibus  quas  in 
augnriis  certis  observare  solent.    Danach  betrachte  ich  die  sabinische  Origo 
des   Gottes   als   feststehend  und  sehe  in  ihm  den  Hauptgott  der  Sabiner, 
d.  h.   der  Tities.    Die  Nonen  des  Juni  werden  zwar  nur  als  Stiftunghtag 


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-     278     - 

wenn  wir  die  Bestimmung  finden,  dafs  der  Tempel  des  Semo 
Saneus  eine  Öffnung  im  Dach  haben  müsse,  damit  die  Eide  auch 
so  unmittelbar  unter  freiem  Himmel,  gleichsam  im  Angesichte 
desselben  stattfanden.  Jedenfalls  haben  wir  in  dem  Kulte  dieses 
Gottes  den  eigentlichen  Nationalkult  der  Sabiner  zu  sehen:  nach 
ihm  wurde  eine  besondere  Art  des  Vogelflugs  avis  Sanqualis  ge- 
nannt und  dieser  ist  wohl  wieder  mit  den  allgemeiner  als  aves 
Titiae  bezeichneten  Auspicien  identisch. 

Wenn  wir  hier  also  in  der  That  sehr  altertümliche  und  sehr 
originale  Kultformen,  und  zwar,  wie  ich  glaube,  unzweifelhaft  sa- 
binischen  Ursprungs  erhalten  sehen,  so  ist  doch  anderseits  her- 
vorzuheben, wie  wenig  bedeutend  der  Kult  selbst  hervortritt. 
Allerdings  scheint  das  Heiligtum  des  Saneus  in  der  Königszeit 
sich  noch  eines  bedeutenden  Ansehens  erfreut  zu  haben,  welches 
jedenfalls  in  dem  Charakter  des  Gottes  als  des  Schützers  und 
Vertreters  von  Wahrheit  und  Recht  seine  Begründung  haben  wird: 
so  sehen  wir  Spindel  und  Rocken,  sowie  die  Sandalen  der  Tana- 
quil,  der  Gemahlin  des  Tarquinius  Priscus,  in  demselben  aufbe- 
wahrt, wie  auch  die  Urkunde  des  von  Tarquinius  Superbus  mit 
Gabii  abgeschlossenen  Bündnisses  dort  deponiert  war.  ^)  Was  aber 
wichtiger,  ist  der  Umstand,  dafs  der  Gott,  trotzdem  wir  in  ihm. 
den  höchsten  und  den  eigentlichen  Nationalgott  der  Tities  er- 
kannt haben,  keine  Aufnahme  in  den  Numaschen  Festkalender  ge- 
funden hat.  Der  von  Spur.  Postumius  im  J.  466  v.  Chr.  am 
5.  Juni  dem  Dius  Fidius  geweihte  Tempel  hat  sich,  was  diesen 
Tag  betriflt,  ohne  Zweifel  an  den  älteren  Kult  des  älteren  Hei- 
ligtums angeschlossen  und  dieser  Tag  ist  denn  auch  für  alle  Zeiten 
der  eigentliche   Festtag   geblieben*):   aber  von   irgend   einer  be- 


des  später  gebauten  Tempels  genannt:  doch  haben  wir  auch  hier  ohne  Zwei- 
fel diesen  Tag  als  den  alten  Eulttag  des  Gottes  anzusehen 

1)  Vgl.  Plut.  Q.  R.  30  f^s  (sei.  der  Tanaquil)  iv  zm  xov  Zdyntov  ifQm 
Xalnovg  dvSgiag  BaxT^HBV'  ^nsito  dh  ndXott  x«)  GavduUa  xal  axQanxoij  xo  ftff 
olyiovQiag  avxrigy  x6  öl  hsgysiag  avfißoXov.  Plin.  n.  h.  8,  194  lanam  in  colu 
et  fuso  Tanaquilis,  quae  eadem  Gaia  Caecilia  vocata  est,  in  templo  Sangi 
durasse  prodente  se ,  auctor  est  M.  Varro.  Fest.  p.  238  f.  Paul.  p.  96  f. 
Ober  den  Vertrag  mit  Gabii  vgl.  Dion.  4,  68  xovxmv  iaxl  xmv  oqküov  iivri- 
fiBiov  iv  *P<6fiy  TiB^fievov  iv  tsgm  Jiog  JliOxCov^  ov  Paificctoi  2dy%ov  xaXov- 
civ.  Auf  die  Verbindung  der  Tarquinier  mit  dienern  Heiligtum  komme 
ich  zurück. 

2)  Über  die  Weihung  des  Tempels  berichtet  Dion.  9,  60  iv  Öh  x^  noUi 
xov  vsmv  xov  TlicxCov  Jiog  ZnoQiog  Tlocxovfiiog  o  ovvvnccxog  avxov  xor^if  poxrf 


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-     279     - 

sonderD  Bedeutung  desselben  kann  nicht  die  Bede  sein,  da  er, 
wie  bemerkt^  durch  sein  Ausgeschlossensein  von  dem  Festkalen- 
der des  Numa  selbst  zu  erkennen  giebt,  dafs  er  nicht  würdig 
gehalten  ist,  mit  den  ramnischen  Kulten  auf  gleiche  Stufe  zu 
treten.^) 

Das  Heiligtum  des  Dius  Fidius  stand,  wie  wir  oben  sahen, 
auf  dem  Westabhang  des  Quirinalis,  von  dem  es  in  den  Campus 
Martins  blickte:  wenden  wir  uns  nun  zu  dem  nordlichsten  Teile 
des  qoirinalischen  Hügels,  dem  Collis  Salutaris.  Über  den  hier 
befindlichen  Kult  der  Salus  steht  uns  ein  absolut  sicheres  Urteil 
freilich  nicht  zu:  sie  aber  als  eine  spezifisch  sabinische  Gottheit 
zu  fassen,  wie  wegen  der  Lage  ihres  Tempels  häufig  geschieht, 
liegt  kein  Grund  vor.^)  Denn  kein  Anzeichen  weist  darauf  hin, 
dafs  jemals  die  Salus  speziell  bei  den  Sabinern  verehrt,  nament- 
lich aber,  dafs  sie  jemals  auf  dem  Gebiete  der  Stadt  Bom  anders 
als  in  Beziehung  zur  Gesamtstadt,  zum  Gesamtstaat  aufgefafst 
worden  sei.     Die  Salus  erscheint  stets  als  die  Salus  publica,  die 


^fjipot  Vtyoviov  tatg  KaXovfiivatg  Novvaig  inl  tov  'EvvaXiov  l6(f0Vj  Kccta- 
mv€C6^iptcc  fihv  vno  rov  tslevraCov  ßaatXsms  TaQ%vv£oVy  trjg  dl  vofitio- 
jtivrig  ««9«  *Pm(utioig  dviSQoiasoig  ov  xvxovtcc  vn  insivov,  Cal.  Venus,  z 
5.  Juni  Dio  fidio  in  colle.  Oyid.  Fast.  6,  213—18.  Das  sacellam,  welches 
wir  far  die  ältere  Zeit  anzunehmen  haben,  ist  wohl  mit  dem  Bau  der  aedes 
▼erachwonden.  Allerdings  spricht  Livius  8,  20  noch  von  dem  sacellum  Sanci, 
Varro  dagegen  in  der  Argeerurkunde  schon  von  der  aedes  Dei  Fidi:  doch 
ist  hier  freilich,  wie  schon  oben  bemerkt,  sehr  beachtenswert,  dafs  er  neben 
dieser  aedes  noch  ein  delubrum  erwähnt  (apud  aedem  Dei  Fidi  in  delubro 
nbi  aeditamus  habere  solet). 

1)  Daför  kann  man  auch  anfuhren,  dafs  Sancus  als  Semo  bezeichnet 
wirl  Denn  nach  der  gewöhnlichen  Auffassung  (vgl.  Preller  1,^  90  f.)  gelten 
die  Semones  als  untergeordnete  göttliche  Wesen,  als  Genien  oder  Heroen. 
Mommsen  sagt  über  sie  C.  1.  L.  1,  p.  10:  quisquis  snpra  huni^nam  natu- 
ram  est  sive  deus  quicumque  semo  est,  indem  er  das  Wort  von  se 
privativum  und  homo  ableitet.  Aber  wir  wissen  von  den  Semones  zu 
wenig,  als  dafs  wir  über  sie  urteilen  könnten:  man  kann  sie  auch  (im 
^alliede  werden  sie  mit  den  Lases  zusammen  angerufen),  und  nicht  ohne 
eine  gewisse  Wahrscheinlichkeit,  als  eine  besondere  Klasse  unter  den  Göt- 
tern überhaupt  betrachten,  in  welchem  Falle  mit  der  Bezeichnung  Semo 
ober  den  Bang  des  betr.  Gottes  nichts  gesagt  wäre. 

2)  Über  die  Salus  vgl.  Preller  2,  235  flf.    Die  Annahme,  dafs  die  Salifs 
speziell  sabiuisch,  stützt  sich  nur  auf  die  Lage  dieses  ihres  Heiligtums  auf 
dem  Quirinalis.    Jordan  sagt  mit  Recht  a.  0.  2,  284:  „natürlich  ist  weder 
okenia  noch  Salus  ursprünglich  sabinisch,  vielmehr  recht  eigentlich  römisch- « 
launisch/' 


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—     280     — 

Salus  populi  Romani:  zu  ihr  fand  im  Anfange  jedes  Amtsjahres 
ein  höchst  feierliches  Gebet  statt,  zu  dem  das  mit  scrupulösester 
Genauigkeit  beobachtete  augurium  Salutis  die  Genehmigung  des 
Himmels  erflehte.^)  Es  liegt  also,  wie  gesagt,  kein  Anzeichen 
irgend  welcher  Art  vor,  dafs  die  Salus  und  speziell  die  Salus  des 
quirinalischen  Berges  eine  andere  Bedeutung  als  die  zur  Gesamt- 
stadty  zum  Gesamtstaat  gehabt  habe. 

Dasselbe  gilt  von  dem  Quirinus,  nach  dem  wir  sowohl  spe- 
ziell die  dem  Viminalis  zugekehrte  Seite  des  quirinalischen  Ber- 
ges —  als  Einzelcollis  — ,  wie  später  diesen  selbst  in  seiner  Ge- 
samtheit benannt  sehen.  Haben  wir  Namen  und  Gestalt  des 
Quirinus  schon  früher  betrachtet  und  haben  wir  ihn  hier  als 
speziell  den  Ramnes  angehörig  kennen  gelernt^):  so  kann  es  sich 
für  uns  hier  nur  um  eines  handeln,  nämlich  festzustellen,  auf 
welche  Weise  Quirinus  von  den  Ramnes,  resp.  von  der  palati- 
nischen  Stadt,  zu  den  Tities  i*esp.  zum  Quirinalis  gelangt  ist. 

Zu  einem  sichern  Urteil  hierüber  ist  allein  auf  Grund  einer 
Inschrift  zu  gelangen,  welche  lautet:  P.  Corn[elios]  L.  f.  coso[lJ 
prob[avitJ  Mar[te  sacrom]  und,  wie  Mommsen  wahrscheinlich 
macht,  dem  P.  Cornelius,  Consul  des  J.  236  v.  Chr.,  gehört.  Die- 
selbe ist  zusammen  mit  einer  andern:  Quirino  L.  Aimilius  L.  f. 
praitor  im  J.  1626  „in  hortis  Quirinalibus  pontificÜJ!^'  gefunden, 
welche  letztere  einem  Aemilier,  Prätor  204,  191  oder  190,  ange- 
hören mufs.^)  Das  Wichtigste,  was  sich  aus  einer  Vergleichung 
der  beiden  Inschriften  ergiebt,  ist  dieses,  dafs  der  um  das  J.  236 
noch  als  Mars  verehrte  Gott  schon  um  oder  nach  200  als  Qui- 
rinus angerufen  wurde:  dieser  Quirinus  ist  also  kein  anderer  als 
Mars  selbst.  Es  ist  also  Mars,  der  ramnische  Stararagott,  wel- 
cher auf  den  Quirinalis  übertragen  worden  ist*)  und  in  dieser 
Übertragung  ein  sehr  klares  Licht  auf  das  Verhältnis  der  Ram- 
nes und  Tities  unter  einander  wirft,  welche  letzteren  den  ersteren 


1)  Auch  hierüber  genügt  es  auf  Preller  2,  286  zu  verweisen. 

2)  Vgl.  oben  S.  189. 

8)  Jene  findet  sich  C.  I.  L.  I,  41  »  VI,  475;  diese  daselbst  I,  630  » 
VI,  566.  Von  jener  sagt  Mommsen  z.  d.  Inschr.  pag.  22:  remoti  aevi  in- 
dicia  omnia  adsunt. 

4)  Damit  stimmt  Mommsen   a.  0.  überein,  welcher  sagt:  nam  denm 

Quirinnm  quamquam   non  esse  nisi  alterum  Martern  omnes  consentinnt  et 

•cognomeii  olim  fuisse  quod  deinde  nomen  dei  factum  est,  tamen  pro  Qoi- 

rino  Martern  praeter  bnnc  lapidem  nusquam  reperimus.     Als  andern  oder 


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—     281     — 

gegenüber  sich  fast  ausschliefslich  empfangend  verhalten  haben. ^) 
Und  mit  dieser  Übertragung  des  Mars-Quirinuskults  auf  den  Collis 


Eweiten  Mars  fafet  Mommsen  denn  auch  in  der  Rom.  Gesch.  Quirinus  kon- 
aeqnent. 

1)  Das  tritt  auch  in  einem  andern  gleichfalls  hier  zu  nennenden  Denk- 
male herror,  der  statna  Mamuri.  Die  Regionarier  erwähnen  zwischen  dem 
Capitolium  vetus  and  dem  templom  dei  Quirini,  resp.  zwischen  den  ther- 
mae  Constantinianae  und  dem  templum  dei  Quirini,  eine  statua  Mamuri. 
Dieser  Name  ist  nur  eine  andere  Form  des  Namens  Mars:  denn  die  Iden- 
tität beider  geht  mit  Sicherheit  —  obgleich  von  Jordan  bei  Preller  1,  360 
abgewiesen  —  ans  dem  Kalender  hervor.  Wenn  im  Cal.  Maffei.  z.  14.  März 
EQ.,  im  Vatic.  [e]QüIRR.  mit  der  Notiz  feriae  Marti,  in  den  beiden  Meno- 
logia  Rustica  CoUot.  und  Yall.  Sacr.  Mamur.  resp.  Sacrum  Mamur.,  bei 
Philocalus  endlich  geradezu  Mamuralia  notiert  ist,  so  ersehen  wir  daraus, 
dafe  die  Equirria,  feriae  Marti  und  das  Sacrum  Mamuno  in  innerer  Bezieh- 
hang zu  einander  standen,  wenn  -sie  nicht  eben  geradezu  identisch  sind; 
dals  demnach  das  Sacrum  Mamurio  mit  den  Feriae  Marti  eng  zusammen- 
hängt und  der  Tag  zugleich  eben  nach  den  an  ihnen  gefeierten  Pferde- 
rennen auch  Equirria  genannt  wurde.  Was  die  letzteren  betrifft,  so  bezeugt 
Festus  p.  80  ausdrücklich  durch  die  Angabe  Equirria  ludi  quos  Romulus 
Marti  instituit  per  equorum  cursum  qui  in  Campo  Martio  exercebantur  die 
Zugehörigkeit  derselben  zum  Marskult,  womit  auch  Fest.  p.  181  und  Värro 
6,  13  übereinstimmen.  Nun  werden  allerdings  auch  zum  27.  Februar  Equir- 
ria genannt  (im  Cal.  MaflFei.  z.  d.  T  und  Ovid.  Fast.  2,  867  f.)  und  es  ist 
nicht  überall  klar,  ob  sich  die  angeführten  Angaben  auf  den  einen  oder 
den  andern  Tag  beziehen.  Dafs  aber  die  Stelle  Fest.  p.  181  allein  auf  den 
14.  März  sich  bezieht,  zeigt  die  Vergleichung  mit  Ovid.  Fast.  3,  617  if.,  und 
90  darf  man  auch  Fest.  p.  80  demselben  Tage  zuweisen.  Jedenfalls  wird 
einstimmig  bezeugt,  dais  die  Equirria  dem  Mars  galten,  und  wenn  daher 
eben  derselbe  Tag,  welcher  durch  seine  nähere  Bezeichnung  Equirria  so- 
wohl, wie  Feriae  Marti  als  dem  Mars  gehörig  sich  erweist,  zugleich  als 
Mamuralia  oder  als  Sacrum  Mamurio  gekennzeichnet  wird  (vgl.  auch  Serv. 
Aen.  7,  188  cui  sei.  Mamurio  et  diem  consecrarunt),  so  haben  wir  ein  Recht, 
eben  Mamurius,  sowie  Mars  in  die  innigste  Wechselbeziehung  zu  bringen. 
In  Wirklichkeit  ist  nun,  wie  schon  angedeutet,  Mamurius  ohne  Zweifel 
Mars  selbst,  wie  mit  Recht  Usener  im  N.  Rh.  Mus.  30,  213  annimmt.  Ma- 
mnrius  steht  in  engster  Beziehung  zu  den  Saliern,  und  wie  wir  die  Insti- 
tution der  Salii  gleichfalls  auf  den  Quirinalis  übertragen  sogleich  kennen 
lernen  werden,  so  ist  eben  mit  jener  zugleich  Mamurius  eben  dortbin  ver- 
pflanzt: ohne  Zweifel  haben  wir  seine  Statue  und  dus  sacrarium  der  Salii 
Collini  in  engstem  localen  Zusammenhang  uns  zu  denken  Mamurius  haben 
wir  als  die  ältere  Form  des  Namens  Mars  aufzufassen,  der  in  dieser  altern 
Namensform  speziell  in  den  Traditionen  und  Gesängen  der  Salier  sich  er- 
halten hatte;  später  ist  an  seine  Stelle  die  jüngere  Form  Mars  getret«'« 
and  nun  die  ältere  Form  Mamurius  auf  den  Salierkult  beschränkt  und  so 
allmählicb  Mamurius  zu  einer  selbständigen  Gefctalt  geworden.    Jedenfalls 


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-     282     — 

der  Tities  hängt  auch,  wie  ich  gleichfaUs  schon  oben  hervor- 
gehoben habe,  das  sacrificium  statum  in  Quirinali  colle  gentis 
Fabiae  zusammen,  welches  Livius  bezeugt*):  der  altramnischen 
Gens  Fabia  war  ein,  resp.  der  Hauptdienst  des  Mars-Quirinus 
auf  dem  neuen  Gemeindehügel  übertragen  worden.  Denn  war 
der  Kult  des  Mars  Quirinus  ein  ramnischer  und  wurde  derselbe 
in  den  neuen  Gemeindebezirk  verpflanzt,  so  ergab  sich  von  selbst^ 
den  Dienst  desselben  nicht  den  neuen  Ansiedlern  selbst  anzu- 
vertrauen, die  mit  den  heiligen  Gebräuchen,  in  denen  derselbe 
sich  vollziehen  mufste,  unbekannt  waren,  sondern  ihn  einem  Ge- 
schlechte derjenigen  Gemeinden  zu  lassen,  aus  denen  der  Kult 
selbst  hervorgegangen  war.^J 

Von  dem  Namen  des  Quirinus  ist  ferner  der  Name  des  Hügels 
selbst,  Quirinalis,  abgeleitet  und  es  fragt  sich  daher  jetzt  weiter, 
wie  wir  diesen  aufzufassen  haben.  Übereinstimmend  wird  uns 
bezeugt,  dafs  der  Quirinalis  ursprünglich  diesen  Namen  nicht  ge- 
tragen habe,  sondern  erst  später  so  benannt  worden  sei.^)  Den 
bestimmtesten  Beweis  hierfür  bietet  die  servianische  Regionen- 
einteilung: denn  wenn  hier  neben  den  drei  Namen  der  Palatina, 
Exquilina  und  Suburana  die  vierte  Regio  als  Collina  bezeichnet 
wird,  so  ergiebt  sich  daraus,  dafs   eben  CoUis  der  ursprüngliche 


aber  gehört  Mamunus  ursprunglich  ausschliefälich  dem  Palatinns  und  dessen 
Salierinstitution  an  (vgl.  oben  8.  141)  und  kann  auf  den  Quirinalis  nur 
durch  Übertragung  gelangt  sein.  Ober  das  Alter  der  statua  selbst  erfahren 
wir  nichts  weiter:  doch  ist  es  bedeutsam,  dafs  bis  tief  ins  Mittelalter  hin- 
ein sich  das  Andenken  eines  clivus  und  eines  vicus  Mamuri  in  den  Um- 
gebungen des  Quirinals  erhalten  hat,  wofür  es  genügt  auf  Jordan  2,  126—127 
zu  verweisen. 

1)  5,  46 

2)  Es  mag  mit  dieser  Beziehung  der  gens  Fabia  zum  Quirinusdieust 
zusammenhängen,  wenn  wir  auf  Münzen  der  Fabia  den  Quirinus  abgebildet 
finden.  Wenigstens  scheint  mir  die  Deutung  des  QVIttlN.  auf  dem  Schilde 
eines  behelmten  und  bewehrten  Mannes  (Mommsen  Münzw.  S.  642.  N.  527) 
auf  Quirinus  selbst  viel  näher  liegend,  als  auf  den  flamen  Quirinalis  Fabius 
Pictor,  wie  Mommsen  will. 

3)  Vgl.  Fest.  p.  254  Quirinalis  collis  qui  nunc  dicitur  olim  Agonus 
appellabatur.  PauL  p.  10  Agonium  —  hinc  Romae  mons  Quirinalis  Agonos. 
Dionys.  2,  37  tov  KvgCviov  —  ovitoa  xoxi  tavrrjv  ^lovra  trjv  nQoarjyo(fütv. 
Von  Verrius  wurde  demnach  Agonus  als  der  ursprüngliche  Name  des  Qui- 
rinalis gefafst,  was  freilich  —  in  dieser  Form  wenigstens  —  nicht  richtig 
ist:  doch  ist  das  wichtigste  in  dieser  Angabe,  dafs  der  Name  Quirinalis 
eben  späteren  Ursprungs  war.  Auf  den  Namen  Agonus  kommen  wii*  her- 
nach zurück. 


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-     283     — 

Name  des  Hügels  gewesen  ist.^)  Aber  weiter:  wir  könneu  mit 
gleicher  Sicherheit  bestimmen^  von  wo  der  neue  Name  seinen 
Ausgangspunkt  genommen  hat.  Denn  wenn  in  der  Ärgeerurkunde 
einer  der  vier  SondercoUes,  in  die  der  GesamtcoUis  zerfällt,  die 
Bezeichnung  Quirinalis  führt  ^),  so  folgt  daraus  wieder,  dafs  eben 
dieser  Sondemame  im  Laufe  der  Zeit  zum  Gesamtnamen  gewor- 
den ist;  gerade  wie  der  Name  des  Palatium  schliefslich  die  Be- 
zeichnung des  Gesamtberges  wird.  Gerade  in  der  Existenz  jenes 
Sondernamens  Quirinalis  liegt  aber  zugleich  ein  weiterer  Beweis, 
dafc  nicht  der  Gesamtberg  von  Haus  aus  denselben  Namen  ge 
tragen  hat:  erst  im  Laufe  der  Zeit  kann  durch  besondere  Ver- 
hältnisse der  Sondemame  zum  Gesamtnamen  geworden  sein.  Sehen 
wir  also  auch  hieraus,  wie  der  Name  Quirinalis  erst  spät  zur 
Geltung  gelangt  ist,  so  ist  es  nicht  schwer,  den  Entwicklungs- 
gang zu  erkennen,  den  Name,  Gestalt  und  Kult  des  Quirinus  ge- 
nommen hat.  Mit  der  Übertragung  des  Mars-Quirinus  auf  den 
Collis  der  Tities  ist  die  Errichtung  von  sacella  dieses  Gottes  an 
verschiedenen  Punkten  des  Berges  und  zugleich  die  Benennung 
desjenigen  Sonderhügels  verbunden  gewesen,  auf  dem  sich  fortan 
das  Hauptsacellum  des  Gottes  befand  und  welcher  eben  nach 
diesem  Quirinalis  hiefs.^)    Als  später,  zufolge  einer  das  gesamte 


1)  Vgl.  Varro  1.  1.  5,  56  tribas  Suburana  Palatina  Exquilina  Collina. 

2)  Vgl.  oben  S.  273  f. 

3)  Aufaer  dem  Hauptbeil igtum  des  Quirinus  findet  sich  noch  ein  zwei- 
tes sacellum  Quirini  proxiwe  portam  Quirinalem.  Paul.  p.  255:  Quirinalis 
porta  dicta  sive  quod  ea  in  collem  Quirinalem  itur  seu  quod  proxime  eam 
^  Qnirini  sacellum.  Obgleich  übrigens  jenes  Hauptheiligtum  zuerst  im 
J.  436  V.  Chr.  erscheint  (Livius  4,  21  a  Virginio  senatus  in  aede  Quirini 
coottolitur),  so  ist  doch  nicht  zu  bezweifeln,  dafs  dieses  Heiligtum,  resp.  ein 
ilteres  sacellum  schon  seit  ältester  Zeit  existierte,  wie  aus  Plinius'  Worten 
wi  erkennen  ist  h.  n.  15,  120:  inter  antiquissima  namque  delubra  habetur 
Quirini.  Von  dem  Hauptsacellum  des  Gottes  ist  dann  auch  das  zu  FüTsen 
liegende  Thal  vallis  Quirini  genannt.  In  enger  Beziehung  zu  jenem  sacel- 
lum, resp.  jener  aedes  erscheint  ferner  noch  ein  Heiligtum  der  Hora  oder 
Horta,  wenn  auch  das  Verhältnis  beider  Heiligtümer  zweifelhaft  bleibt.  Die 
Verbindung  beider  Gottheiten  ist  genau  entsprechend  der  des  Mars  und  der 
Here  (Paul.  p.  100),  des  Komulus  und  der  liersilia,  wie  denn  auch  aus- 
drücklich diese  letztere  wieder  mit  der  Horft  identifiziert  wird.  Die  Über- 
tragung ihres  Kults  auf  den  Quirinalis  schildert  Ovid.  Metam.  14,  832  ff. 
Einen  Tempel  oder  ein  Heiligtum  der  Hora  (Horta)  erwähnt  Plut.  Q.  H.  46 
und  berichtet  voa  demselben  als  Merkwürdigkeit,  dafs  derselbe  stets  offen 
"*»od  (vgl.   seine  Frage   9ice  xC  xov  t^9  '^Of^aq  vaov  dvsmyfiivov  slxov  ot 


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~     284     - 

Sakralrecht,  sowie  die  gesamte  Religion  durchziehenden  und  sie 
beherrschenden  Tendenz,  der  Quirinus  zu  einer  selbständigen  Gott- 
heit wurde,  der  nun,  eben  weil  bislang  der  Mars-Quirinus  den 
Hauptkult  gebildet  hatte,  zugleich  die  Hauptgottheit  des  Berges 
wurde,  hat  sich  sein  Name  und  der  Name  des  ursprünglich  nach 
ihm  benannten  Sonderhügels  allmählich  auf  den  Gesamthügel  aus- 
gedehnt und  ist  so,  wie  zum  Hauptkult,  so  auch  zum  Haupt- 
namen geworden.  Diese  allmähliche  Ausdehnung  der  Bedeutung 
des  Namens  kann  erst  verhältnismäfsig  sehr  spät  stattgefunden 
haben:  sie  hängt  zusammen  mit  den  Einwirkungen  sabinischer 
Anschauungen  und  sabinischer  Prätensionen,  wie  dieselben  von 
sabinischen  Geschlechtern,  vornehmlich  den  Valeriern,  geltend  ge- 
macht wurden  und  auf  die  wir  zurückkommen.  Meiner  Ansicht 
nach  kann  die  Festsetzung  dieser  erweiterten  Namensbedeutung 
des  Quirinalis  erst  der  letzten  Hälfte  des  dritten  Jahrhunderts 
V.  Chr.  angehören.^) 

Schon  hier  tritt  uns  also  das  wahre  Verhältnis,  wie  es  zwi- 
schen Palatinus  und  Quirinalis,  zwischen  Ramnes  und  Tities  be- 
standen hat,  in  klaren  und  fafsbaren  Formen  entgegen:  von  den 
Ramnes  des  Palatinus  aus  hat  sich  die  Beeinflussung  der  Tities, 
ihrer  Gemeinde  und  ihres  Wohnraums  vollzogen,  indem  ramnische 
Kulte  und  ramnische  Namen  auf  diese  übertragen  sind  und  hier 
zur  Geltung,  zum  Anseheu,  zur  Herrschaft  gelangt  sind. 

Fahren  wir  in  der  Betrachtung  des  Lokals  des  quirinalischen 
Hügels  fort,  so  finden  wir  unmittelbar  neben  dem  Tempel  des 
Quirinus  noch  ein  anderes,  keineswegs  uoberühmtes  Heiligtum, 
dessen  echt  sabinische  Origo  als  zweifellos  betrachtet  werden  darf. 


nalaiol  dianavtos).  Die  Worte  Ovids  a.  0.  quae  nunc  Dea  iuucta  Quirino 
est  weisen  anf  eine  enge  d.  h.  lokale  Verbindang  des  Qoirinub  und  der 
Hora:  aber  beide  einem  Heiligtume  zuzuweisen  ist  schwierig,  da  man  in 
diesem  Falle  erwarten  durfte,  dafs  Plutarch  jene  Merkwürdigkeit  von  dem 
Tempel  des  Quirinus  selbst  berichtet  hätte.  Man  darf  daher  ein  kleines 
Heiligtum  der  Hora  neben  dem  Tempel  des  Quirinus  annehmen. 

1)  Dafs  die  Benennung  des  Collis  als  Quirinalis  von  dem  Heiligtuor 
des  Quirinus  selbst  ausgegangen  ist,  hat  den  Alten  natürlich  nicht  verbor- 
gen bleiben  können.  Vgl.  Varro  1.  1.  6,  Öl  collis  Quirinalis  ob  Quirini 
fanum  (ob  fehlt  hdschr.,  ist  aber  von  Müller  mit  Recht  eingefügt).  Fest, 
p.  254  Quirinalis  collis  —  qnamvis  existiment  quidam,  quod  in  eo  factum 
sit  templum  Quirini,  ita  dictum.  Aber  indem  sie  den  Quirinns  zum  aas- 
schliefslichen  Besitz  der  Sabiner  macheu,  wird  auch  die  Benennung  des 
collis  Quirinalis  eine  spezifisch  sabinische. 


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_     285  j.- 

Es  ist  dieses  das  Heiligtum  des  Sol.  ^)  Antiquare  und  Historiker 
heben  wiederholt  den  sabinischen  Charakter  dieses  Kults  hervor, 
dessen  Dienste  die  sabinische  Gens  Aurelia  ihren  Ursprung  und 
ihren  Namen  verdankte.  Haben  wir  nun  nach  dem,  was  wir  oben 
gesagt  haben,  Mars-Quirinus  selbst  als  einen  Sonnengott  kennen 
gelernt,  so  kann  diese  unmittelbare  Vereinigung  der  beiden  gleich- 

1)  Die  Lage  des  Soltempela  bezeugt  Qaintil.  1,  7,  12  in  pulvinari  Solis 
qoi  colitor  iuxta  aedem  Qnirini:  danach  steht  die  unmittelbare  lokale  Ver- 
bindung des  Quirinus-  und  des  Solheiligtums  fest.  Den  Sol  als  sabinischen 
Gott  nennt  Varro  5,  68.  74  (was  freilich  nichts  beweist),  Dio  2,  50  Tdttog 
di  'Hl^a,  was  aber  wohl  auch  dem  Varro  entnommen  ist.  Entscheidend 
hierfür  ist  aber  die  Angabe  bei  Paul.  23  über  die  gens  Aurelia:  Aureliam 
familiam  ex  Sabinis  oriundam  a  Sole  dictam  putant  quod  ei  publice  a  po- 
pulo  Romano  status  sit  locus  in  quo  sacra  faceret  Soli  qui  ex  hoc  Auseli 
dicebantur,  ut  Valesii,  Papisii  pro  eo  quod  est  Valerii,  Papirii.  Diese  An- 
gabe darf  als  durchaus  der  Wahrheit  entsprechend  bezeichnet  werden:  nach 
Cnrtiufl  Grundz.  d.  Etym.*  401  f.  ist  die  Wurzel  us  und  der  auf  etruskischen 
Spiegeln  vorkommende  Name  des  Sonnengottes  üsil  (vgl.  Müller  Etrusker 
t,  81.  Fabretti  Glossar,  pag.  2017)  ist  ohne  Zweifel  ein  wahrscheinlich  den 
ümbrem  entlehnter  Gott  und  Name.  Der  sabinische  Sonnengott  kann  jeden- 
falls nicht  viel  anders  (etwa  Ausil— )  geheifsen  haben,  da  sonst  die  Gens 
Aorelia  von  diesem  Namen  sich  nicht  herleiten  könnte:  und  wenn  daher 
trotzdem  der  Gott  des  Quirinalis  in  der  Namensform  Sol  angeführt  wird, 
so  ersieht  man  auch  hieraus  wieder,  wie  der  ramnische  d.  i.  latinische  Ein- 
flofs  sich  überall  geltend  macht,  indem  er  selbst  den  Namen  des  fremden 
^ttes  umgestaltet,  gleichsam  in  den  eigenen  Dialekt  übersetzt.  Vgl.  noch 
Boecheler  Lexic.  Italic.  V  f.  DaDs  übrigens  der  Kult  des  Sol  wirklich  sabi- 
nisch,  geht  noch  aus  den  Kalendern  (Vall.,  Amit.  und  Allif.)  selbst  hervor, 
die  tarn  8.  resp.  9.  Aug.  bemerken :  Solis  indigitis  in  coUe  Quirinale  sacri- 
ficiom  publicum.  Wenn  hier  Sol  als  indiges  bezeichnet  wird,  so  kann  darin 
nur  gefunden  werden,  dals  er  ein  spezifischer  Nationalgott  ist:  denn  die  ein- 
zig mögliche  Ableitung  dieses  Namens  ist  die  von  Preller  1,  92  vorgeschla- 
gene von  indu  (endo)  und  geno  (gigno),  wonach  das  Wort  als  „eingeboren" 
reratanden  werden  mufs.  Jenes  nach  den  Cal.  Vall.  und  Amit.  am  8.  Aug., 
nach  dem  neugefundenen  Bruchstück  des  Cal.  Allif.  dagegen  (Ephem.  epigr. 
Vol.  4,  If.)  wahrscheinlich  am  9.  Aug.  dem  Sol  dargebrachte  sacrificium 
poblicum  beweist  die  Aufnahme  dieses  Kults  in  die  sacra  publica.  Schliefs- 
lich  sei  noch  bemerkt,  dals  die  Lage  des  Solheiligtums  vielleicht  auch  durch 
die  Argeerurkunde  selbst  angedeutet  wird:  denn  die  verdorbenen  Worte 
derselben  advorsum  est.Apollinar  hat  C.  Fr.  Hermann  de  loco  Apoll,  in 
carm.  Horat.  saec.  p.  8  f.  (Götting.  Univ.  Progr.  vom  J.  1843)  in :  advorsum 
Solis  pulvinar  korrigiert,  wodurch  sich  eine  Übereinstimmung  mit  den  Wor- 
ten Quintiiians  a.  0.  in  pulvinari  Solis  ergeben  würde.  Dagegen  hält  Jor- 
dan 2,  266  und  Preller  1,  808  ApoUinar  fest  (die  Florent.  Hdschr.  hat  pilo- 
narois),  welches  dann  jedenfalls  als  ein  von  dem  Liv.  8,  68  in  den  pratA 
Flaminia  genannten  ApoUinar  verschiedenes  betrachtet  werden  mufs. 


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—     286     - 

wertigen  Götter,  Kulte  und  Heiligtümer  doch  kein  Zufall  sein: 
das  Heiligtum  des  ramnischen  Sonnengottes  ist  neben  dem  Hei- 
ligturae  des  sabinischen  oder  titisehen  Sonnengottes  erbaut  und 
zwar,  wie  man  annehmen  darf,  zu  dem  ausdrücklichen  Zwecke, 
durch  die  offizielle  Geltung  und  das  höhere  Ansehen  seines  Staats- 
kults den  alten  partikularen  Kult  der  titisehen  Gemeinde  zu  ab- 
sorbieren und  zu  verdrängen. 

Wenden  wir  uns  nun  nach  Betrachtung  der  colles  Mucialis, 
Salutaris  und  Quirinalis  mit  ihren  Kulten  und  Heiligtümern  zu 
dem  vierten  coUis,  dem  coUis  Latiaris,  der  Südhöhe  des  quirina- 
lischen  Hügels,  so  weist  derselbe  ja,  mehr  noch  wie  jeder  der 
übrigen  drei  colles,  allein  schon  durch  seinen  Namen  auf  die  Ab- 
hängigkeit hin,  in  welche  die  sabinische  Gemeinde,  wenigstens  in 
sakraler  Beziehung,  zu  den  Ramnes  der  palatinischen  Stadt  ge- 
treten ist  Denn  mag  auch  der  Name  des  collis  Latiaris  speziell 
von  einem  Heiligtume  des  lupiter  Latiaris  oder  nicht  benannt 
sein^):  er  kann  nur  als  die  bestimmte  Hervorhebung  eines  natio- 
nal von  den  Sabinern  selbst  durchaus  verschiedenen,  ja  in  direk- 
tem Gegensatze  zu  ihnen  stehenden  Volkselements  aufgefafst 
werden,  die  innerhalb  des  sabinischen  Wohnbezirks  eine  sehr 
eigentümliche  Beleuchtung   erhält.     Bestimmt  erwähnt  wird   auf 


1)  Ober  den  lupiter  Latiaris  vgl.  Jordan  2, 268  f.  Er  ist  in  Rom  selbst 
so  gut  wie  unbekannt.  Premiert  man  die  Bemerkung  Varros,  alle  Colles 
seien  ab  deorum  faiiis  benannt,  so  bleibt  allerdings  nichts  übrig,  als  die 
Bezeichnung  Latiaris  von  einem  Kulte  abzuleiten,  mit  dem  dieser  Name  ver- 
bunden war.  Aber  ob  Varros  Worte  wirklich  so  scharf  gefafst  werden 
müssen,  ist  mir  sehr  zweifelhaft.  An  dieser  Stelle  —  der  Südhöhe  des  qui- 
rinalischen  Berges  —  finden  wir  später  das  vetus  Capitolium  mit  den  Kul- 
ten des  Jupiter,  der  Juno  und  der  Minerva:  seine  Errichtung  resp.  die  Ein- 
setzung dieser  drei  Kulte  gehört  aber  zweifellos  erst  einer  spätem  Zeit  an, 
auf  die  zurückzukommen  ist.  Es  ist  mir  nicht  unwahrscheinlich,  dafs  die 
Benennung  des  Hügels  als  Latiaris  eben  mit  dieser  spätem  Periode  zu- 
sammenhängt: denn  ich  bin  allerdings  der  Ansicht,  dafs  die  latinischen 
resp.  ramnischen  Beeinflussungen,  wie  ich  sie  hier  wahrscheinlich  zu  machen 
gesucht  habe,  nicht  mit  einem  Schlage,  BOiidem  allmählich  sich  vollEOgen 
haben.  Vgl.  Kap.  6.  Wichtig  ist,  dafs  auf  dieser^Südhöhe,  dem  collis  La- 
tiaris, das  auguracalum  von  Varro  erwähnt  wird:  es  ist  wahrscheinlich,  dafs 
sich  an  dieser  Stelle  die  spezifisch  titisehen  auspicia  der  aves  Titiae  (avis 
Sanqualis)  vollzogen^  weshalb  wir  hier  auch  wohl  die  aedes  sacrae  der  so- 
dales  Tili  zu  suchen  haben,  welche  C.  I.  L.  VI  1.  934  erwähnt  werden; 
stammen  diese  auch  erst  aus  der  Kaiserzeit,  so  setzen  sie  ältere  als  Woh- 
nung dieser  Körperschaft  voraus. 


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—     287     — 

dieser  Südhöhe  des  Quirinalis  noch  ein  Heiligtum  der  Flora*), 
über  deren  nationalen  Ursprung  wir  zu  keinem  sichern  Urteile 
gelangen  können:  aber  auch  wenn  wir  in  demselben  ein  spezifisch 
sabinisches  Heiligtum  zu  sehen  haben,  ist  doch,  wie  bemerkt, 
dorch  den  Namen  des  Collis  Latiaris  die  Zugehörigkeit  desselben 
EU  den  Latinern  d.  i.  Ramnem,  die  Herrschaft  dieser  —  wenig- 
stens in  sakraler  Beziehung  —  auf  diesen  Gebieten  in  unzwei- 
deutigster Weise  hervorgehoben  und  bestätigt. 

Ziehen  wir  die  Ergebnisse  unserer  Betrachtung  der  Kulte 
und  Heiligtümer  des  quirinalischen  Hügels.  Die  ursprüngliche 
Zugehörigkeit  dieses  Hügels  zu  den  Tities  ist  unverkennbar:  denn 
die  altnationalen  Kulte  und  Kultlokale  des  Himmelsgottes  und 
des  Sonnengottes,  jenes  über  dem  westlichen,  dieses  über  dem 
ostlichen  Abhänge  des  Hügels,  bestätigen  die  Angaben  der  Alten, 
dafe.der  Quirinalis  den  Tities  gehört  habe.  Aber  so  sicher  das 
ist,  för  ebenso  unzweifelhaft  dürfen  wir  es  ansehen,  dafs  ramnische 
Kulte  sich  auf  dieses  von  Haus  aus  titische  oder  sabinische  Ge- 
biet vorgedrängt  haben;  dafs  sie  neben  und  über  titischen  Kulten 
und  Heiligtümern  Platz  gefafst  und  Schritt  für  Schritt  die  Be- 
deutung und  das  Ansehen  dieser  zurückgedrängt  haben.  Neben 
den  echtnationalen  Sonnengott  der  Tities  stellt  sich  so  der  ram- 
nische Sonnengott,  der  zugleich  in  seinem  eminent  politischen 
Kultnamen   Quirinus  beweist,   dafs   die   ramnische  Beeinflussung 


1)  Für  Flora  als  arsprünglich  sabinlBche  Göttin  spricht  hauptsächlich 
der  Umstand,  dafs  in  den  Gebieten  der  Sabiner,  Marser  und  Samniter  wie- 
iiolt  ein  nach  ihr  benannter  Monat  inschriftlich  uns  entgegentritt:  vgl.  die 
Zusammenstellungen  von  Preller-Jordan  1,  430.  Anm.  2.  Dafs  Tatius  ihr 
einen  Altar  gegründet,  sagt  Varro  6,  74,  was  aber  wieder  nichts  beweist. 
Wichtig  ist  aber,  dafs  sie  einen  eigenen  Flamen  hatte  (Varro  7,  46),  was 
auf  eine  bedeutsame  Stellung  der  Göttin  in  früherer  Zeit  schliefdcn  läfst. 
Wir  haben  in  ihr  eine  der  Venus  vergleichbare  Gottheit  zu  sehen.  Kult- 
iich  erscheint  sie  vom  28.  April  bis  3.  Mai:  doch  bezieht  sich  die  Feier 
dieser  Tage  auf  die  erst  im  J.  240  oder  238  v.  Chr.  gestifteten  Floralia, 
die  nur  dem  Namen  nach  etwas  mit  dem  alten  Kulte  der  Flora  zu  thun 
taben.  Doch  wird  die  Kultzeit  selbst  der  altem  dieser  Göttin  entsprechen. 
Kine  eigentümliche  Ceremonie,  die  sich  an  den  Kult  der  Flora  knüpft,  er- 
ahnt Schol.  Pers.  5,  177  ludis  Floralibus  omnia  semina  sparguntur  in  po- 
pulum,  ut  Tellus  velut  muneribus  suis  placaretur:  ein  Gebrauch,  der  viel- 
leicht alt  ist.  Doch  bietet  der  Floradienst  im  übrigen  zu  weuig  Anhalts- 
punkte ,  um  etwas  Sicheres  über  diese  Göttin  sagen  zu  können,  wenn  auch 
üire  ursprüngliche  Zugehörigkeit  zu  den  Sabinem  als  wenigstens  sehr  wahr- 
Bcheinlich  anzusehen  ist. 


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sich  nicht  blofs  auf  das  sakrale  Gebiet  beschränkt  hat;  neben 
den  echt  nationalen  Himmelsgott  tritt  nicht  minder  der  höchste 
und  beste  Gott  der  Latiner,  der  latinische  Himmelsgott.  Und  wäh- 
rend zwei  der  Sonderhöhen  und  Sondergemeinden  ihre  sakrale 
und  politische  Benennung  von  diesen  ramnischen  Göttern  erhal- 
ten, wird  die  dritte  Höhe  nach  der,  beiden  fortan  geeinten  Stäm- 
men angehörigen  Salus,  dem  Heile  des  Bundesstaats,  benannt.  Es 
ist  das  Übergewicht  der  ramnischen  Gemeinde  über  die  schwächere 
titische,  die  sich  in  diesen  Übertragungen  und  Geltendmachungen 
ramnischer  Kulte  und  Heiligtümer  ausspricht. 

Von  dem  Quirinalis  ist  die  später  unter  dem  Namen  Cam- 
pus Martius  bekannte  Ebene  nicht  zu  trennen.^)  Dieselbe  dehnt 
sich  zwischen  den  westlichen  Abhängen  des  Quirinalis  und  Capi- 
tolinus  einerseits,  dem  Flusse  anderseits  in  so  bedeutendem  Um- 
fange aus,  dafs  sie  an  Raumgehalt  etwa  zwei  ganzen  Stadtquar- 
tieren oder  Tribus  entspricht.  Diese  Ebene  ist  nördlich  und 
südlich  enge,  indem  hier  der  Flufs  sich  mehr  der  Stadt  nähert, 
dehnt  sich  aber  in  der  Mitte  weit  nach  Westen  aus,  indem  hier 
der  Flufs  gleichfalls  eine  grofse  Ausbuchtung  macht  und  sich 
weit  von  der  Stadt  entfernt.  Diese  Niederung  ist  der  natürliche 
Thalabfall  des  Quirinalis  und  es  weisen  bestimmte  Spuren  darauf 
hin,  dafs  sie,  wie  es  natürlich  und  fast  selbstverständlich,  von 
Haus  aus  den  Sabinern  d.  h.  der  Gemeinde  des  Quirinalis  gehört 
hat:  denn  die  ältesten  Traditionen  des  vornehmsten  sabinischen 
Geschlechts,  der  Valerii,  knüpfen  an  diese  Ebene  an.^) 

Trotzdem  nun  aber  diese  Ebene  gleichsam  von  selbst  auf  die 
Sabiner  als  Besitzer  hinweist,  treten  uns  auch  hier  sehr  bestimmte 
Spuren  einer  ramnischen  Beeinflussung  entgegen.  Zunächst  spricht 
der  Name  Campus  Martius  selbst  hierfür.  Denn  die  Erklärung 
dieses  Namens  von  der  späteren  Bestimmung  der  Ebene  für  Heer- 


1)  Ich  mufs  betreffs  der  Lage  dieser  Ebene  auf  die  Karten  verweisen. 

2)  Es  iät  das  die  bekannt«.'  Geschichte  von  dem  Valeeiue,  der  aus  dem 
Sabinerlande  zur  Rettung  seiner  kranken  Kinder  zufolge  eines  Orakelsprucbs 
kommt  und  auf  dem  Tarentum  des  Campus  Martius  landet:  vgl.  Valer. 
Max.  2,  4,  5.  Zosim.  2,  1-3.  Ich  kann  mich  aber  nicht  davon  überzeugen, 
dafs  der  in  dieser  Geschichte  eine  Rolle  spielende  Kult  des  Dis  und  der 
Proserpina  in  innerer  Beziehung  zu  den  Sabinern  selbst  steht,  sondern  glaube 
seine  Origo  auf  das  in  Tullus  Hostilius  personilizierte  Volkselement  zurück- 
führen zu  müssen,  weshalb  derselbe  sepe  nähere  Betrachtung  erst  Kap.  6 
erhalten  wird.  Doch  bleibt  auch  so  die  Verbindung  der  Gens  Valeria  mit 
der  Ebene  des  Campus  Martius  beachtenswert. 


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-    289     - 

and  Volksversammlungen  ist  allein  nicht  genügend,  die  Beziehung 
auf  den  ranmischen  Hauptgott  zu  erklären:  der  Kult  desselben 
mufe  ausdrücklich  eben  dorthin  übertragen  sein;  die  Ebene  hat 
von  Mars  ihren  Namen  erhalten.  Und  daß  beweist  vor  allem  die 
alte  ara  Martis,  die  ihren  Ursprung  auf  Romulus  selbst  zurück- 
filhrt.  Denn  in  der  lex  des  Numa  über  die  spolia  opima  kommt 
schon  diese  ara  neben  den  gleichfalls  alten  Heiligtümern  des 
Jupiter  Feretrius  und  lanus  Quirinus  vor.  ^)  Die  Lage  dieser  Ara 
läfst  sich  noch  mit  Sicherheit  dahin  fixieren,  dafs  sie  unweit  der 
späteren  Septa,  des  Raumes  für  die  Comitia  centuriata,  gelegen 
haben  mufs,  also  jedenfalls  im  ostlichen  Teile  des  Marsfeldes,  weit 
ab  vom  Flusse  und  nicht  zu  fern  von  den  Westabhängen  des 
Qnirinalis  selbst.^)  Diese  ara  Martis  nimmt  insofern  eine  äufserst 
bedeutsame  Stellung  im  römischen  Sakralrecht  ein,  als  auf  ihr 
das  Opfer  des  Oktoberrosses  stattfindet,  indem  an  den  Iden  des 
Oktober  ein  Wagenwettkampf  auf  dem  Campus  Martins  stattfand 
und  von  dem  siegreichen  Gespann  der  equus  dexterior  auf  jener 


1 


1)  Es  heilst  bei  Festas  s.  v.  opima  spolia  pag.  189:  esse  etiam  com- 
pelli  reges  (1.  Pompilii  regis)  legem  opimorum  spolioram  talem:  „cnius 
aagpicio  olasse  procincta  opima  spolia  capimitur,  lovi  Feretrio  darier  opor- 
teat,  et  bovem  caedito,  qai  cepit  aeris  C.  C.  secanda  spolia  in  Martis  aram 
m  campe  solitanrilia  ntra  volnerit  caedito.  tertia  spolia  lanai  Qtdrino 
agnimi  marem  caedito,  C.  qni  ceperit  ex  aere  dato,  coius  auspicio  capta, 
dia  piacolnm  dato**.  Näher  auf  diese  wichtige  lex  einzugehen  ist  hier  nicht 
der  Ort:  vgl.  M.  Voigt  Abh.  d.  Leipz.  Gesellsch.  d.  Wiss.  Bd.  XVU.  S.  661  f. 
Inpiter  Feretrius,  Mars  und  lanus  Quirinus  erscheinen  hier  gleichsam  in 
gradueller  Rangverschiedenheit,  der  erstere  in  der  höchsten,  der  letztere  in 
der  niedrigsten  Stellung.  Dafs  die  lex  auf  Numa  zurückgeführt  wurde,  er- 
sieht man  aus  Plut.  Marc.  8  %aitoi  tpaalv  iv  toig  vnofivrjfuxci.  Noviiäv  Uofi- 
nOiiov  %al  •KQWztov  ontiiioav  %al  dsvzsQcav  xorl  xqCxoiv  nvrifiovsveiv'  ra  fihv 
VQmxa  Xjjtpd'ivTa  x(p  ^sgstQÜp  JiX  ubIsvovzcc  nad'iSQOVVf  ta  ösvtsqcc  S}  tm 
"A^tij  ta  dh  xqita  tm  KvgCvtp  etc.,  welche  Stelle  es  ermöglicht,  die  korrup- 
ten Worte  bei  Fest  compelli  reges  zu  verbessern  und  auch  sonst  den  viel- 
&ch  entstellten  Wortlaut  wieder  herzustellen.  Hier  erscheint  also  die  ara 
Martis  (in  Campo  Martis)  schon  als  eine  hochbedeutsame,  angesehener  selbst 
als  lanus  Quirinus,  über  den  hernach. 

2)  Nach  Liv.  85,  10  wurde  eine  porticus  ab  porta  Fontiuali  ad  Mar- 
tis aram  erbaut,  was  auf  eine  nicht  zu  grofse  Distanz  zwischen  der  porta 
nnd  der  ara  selbst  weist;  und  nach  Liv.  40,  45  fand  der  Gensus  —  und  die 
comitia  centuriata  —  an  der  ara  Martis  statt,  wie  die  Worte  besagen: 
comitÜB  perfectis,  ut  traditum  antiquitus  est,  censores  in  Campo  ad  aram 
Martis  sellis  curulibus  consederuni  Die  ara  Martis  erscheint  hier  also  schon 
ganz  als  politisches  Gentrum  für  die  öffentlichen  Staatshandlnngen. 

Gilbert,  GetolL  o.  Topogr.  Boxni.  19 

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-     290    — 

ara  geopfert  wnrde.^)  Ich  komme  auf  die  Bedeutung  dieser  Cere- 
monie  im  folgenden  Kapitel  zurück:  jedenfalls  geht  aus  ihr  die 
Wichtigkeit  und  Heiligkeit  jener  ara  hervor.  Die  an  den  Altar 
selbst  sich  anschliefsende  Gegend  scheint  den  Namen  ad  Cico- 
nias  nixas  geführt  zu  haben:  wahrscheinlich  ein  populärer  Aus- 
druck für  den  zu  den  Wagenrennen  abgesteckten  ßaum.^  Jeden- 
falls dürfen  wir  die  ara  Martis  durch  alle  Zeiten  der  Stadt  als 
den  Mittelpunkt  des  gesamten  Marsfeldes  sowohl  nach  seiner  poli- 
tischen Seite,  wie  in  seiner  Bedeutung  als  Spielplatz  bezeichnen. 
Aufser  dieser  ara  lassen  sich  nun  aber  auch  Heiligtümer, 
wahrscheinlich  gleichfalls  Altäre,  des  Jupiter  und  der  Juno  an 
dieser  Stelle  nachweisen,  die  nicht  minder  einem  hohen  Altertume 
anzugehören  scheinen.  Denn  Ton  der  palus  Caprae  oder  Capreae, 
die  in  unmittelbarer  Nähe  der  ara  Martis  gesucht  werden  muÜB 
und  in  der  Romulus  verschwunden  sein  sollte^),  kann  die  luno 

1)  Vgl.  Fest.  p.  178.  220.    Paul.  81.   Näheres  Kap.  6. 

2)  Die  Ciconiae  oixae  werden  in  der  Notitia  in  Regio  IX  in  der  Reihen- 
folge: campum  Martinm,  trigarium,  ciconias  nixas,  panthenm  erwähnt.  Wich- 
tiger ist  aher  die  Angabe  im  Kalender  des  Philooalus  zum  15.  Oktober: 
Lndi.  Equns  ad  Nixas  fit.  Die  hier  genannten  Ludi  können  nur  die  Wagen- 
rennen an  den  Iden  des  Oktober  sein,  an  denen  eben  die  Opferung  des 
Rosses  stattfand,  die  in  den  Worten  equus  ad  Nixas  fit  ausgesprochen  wird. 
Wenn  diese  Opferung  das  einemal  als  dem  Mars  —  und  ohne  Zweifel  auf 
seiner  ara  —  dargebracht,  das  andere  mal  als  ad  Nixas  stattfindend  er- 
wähnt wird,  so  mufs  die  letztere  Gegend  an  der  ara  selbst  gesucht  werden. 
G.  Herwart  hat  (vgl.  Preller  Regg.  174)  den  Ausdruck  Ciconiae  nixae  durch 
rostra  sibi  invicem  obversa  habentes  sicque  sese  mutuo  aspicientes  erklärt 
und  Preller  (das.)  führt  als  Analogen  die  tQBig  nsXaQyovg  dvttngoamnmg 
dXXriXoiv  offmtas  Konstantinopels  aus  Hesych.  Miles.  Oiigg.  Cpol.  zur  Er- 
klärung des  Ausdrucks  an.  Zu  bemerken  ist  übrigens  noch,  dafs  auch  die 
Equirria  des  Februar  sowie  des  März  eben  hier  an  der  ara  Martis  resp.  ad 
Ciconias  nixas  gefeiert  sein  müssen,  worauf  nicht  nur  die  allgemeine  An- 
gabe, sie  seien  in  Martis  compo,  sondern  der  bestinunte  Ausdruck  Ovids 
Fast.  2,  855 :  quae  Dens  (Mars)  in  Campo  prospicit  ipse  suo  hinweist.  Da- 
nach erscheint  die  ara  Martis  sowohl  als  ein  sakraler  Mittelpunkt,  wie  als 
Mittelpunkt  des  für  Wagen-  und  Pferderennen,  sowie  für  Spiele  überhaupt 
bestimmten  Platzes. 

3)  Der  Name  schwankt  zwischen  der  Form  Caprae  und  Capreae;  vgl. 
Liv.  1,  16  Caprae  paludem,  Ovid.  Fast.  2, 491  Capream  paludem.  Vgl.  auch 
Paul.  p.  65  Capralia  (so  ist  zu  lesen,  obgleich  die  Hdschr.  Cuprali  haben) 
appellatur  ager  qui  yulgo  ad  caprae  paludes  dici  seiet.  Da  fast  sämtliche 
Quellen  betonen,  Romulus  seii  während  er  eine  Volksversammlung  oder  dgl. 
abhielt  (Liv.  1,  16  quam  ad  exercitum  recensendum  contionem  haberet. 
Ovid.  Fast.  2,  491  iura  dabat    Flor.  1,  1,  16  cum  contionem  haberet    De 


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—    291    — 

Caprotina^  der  der  Tag  der  Nonae  Caprotinae  gehörte  —  an  wel- 
chem Tage  eben  die  Himmelfahrt  des  Romulus  stattgefunden 
haben  sollte  — ,  nicht  getrennt  werden;  desgleichen  aber  mufs 
auch  der  Tag  der  Poplifugia,  welcher  in  Beziehung  zu  dem  Kult 
des  Jupiter  stand^  mit  demselben  Lokale  in  Verbindung  gebracht 
werden:  die  Ceremonien  und  festlichen  Gebräuche  der  Poplifugia, 
der  Nonae  Caprotinae^)  bilden  offenbar  zusammen  mit  der  Sage 
vom  Verschwinden  des  Romulus  —  welches  gleichfalls  wieder 
in  bestimmten  Gebräuchen  später  noch  seinen  Ausdruck  fand^) 

vir.  ÜL  2  qQnin  exercitom  lostraret.  Zon.  7,  4  i%idriaücv  ayovtos  avtov), 
veiBchwmideD,  so  haben  wir  ein  Recht  anzunehmen,  dafe  die  palus  oder 
palades  Caprae  selbst  unweit  des  Kanms  sich  befanden,  wo  Volks versamm- 
loDgen  etc.  abgehalten  wurden,  d.  h.  zugleich  wo  sich  die  ara  Martis  be- 
fand. Danach  erscheint  diese  auch  als  politischer  Mittelpunkt  dieses 
Baumes. 

1)  Die  Nonae  Caprotinae  oder  KanQotivai  (Flut.  Rom.  29),  an  welchem 
Tage  Romulus  verschwunden  sein  sollte  (Flut.  Rom.  27.  Num.  2),  fielen  auf 
die  Nonae  Quinctiliae  (7.  Juh).    Der  Tag  war  später  bekannt  durch  ein  Fest 
der  Freude  und  Ausgelassenheit,  welches  namentlich  den  Frauen  und  spe- 
ziell den  Dienerinnen  und  Sklavinnen  galt:  vgl.  Varro  1.  1.  6,  18.    Auson, 
de  fer.  9.  Macrob.  1,  11.  86.   Liegt  es  schon  an  und  fdr  sich  nahe,  die  palus 
Caprae,  in  deren  Nähe  Romulus  verschwunden  sein  sollte,  mit  den  Nonae 
Caprotinae,  an  welchem  Tage  dieses  stattgefunden  haben  sollte,  in  Verbin- 
dimg zu  bringen,  so  geht  dieser  innere  Zusammenhang  von  Ort  und  Zeit 
denthcher  noch  aus  Flut  Rom.  29  hervor,  wo  die  Feier  der  Nonae  Capro- 
tinae ausdrücklich  und  wiederholt  an  to  trjg  alyoq  %Xog  verlegt  wird.    Wir 
enehen  also  daraus,  dafe  sich  hier  auch  ein  Altar  der  luno  Caprotina  hat 
befinden  müssen,  der  das  ganze  Fest  galt:  vgl.  Varro  1.  1.  6, 18  Nonae  Ca- 
protinae, quod  eo  die  in  Latio  lunoni  Caprotinae  mulieres  sacrificantur  etc. 
Wenn  es  von  Romulus  selbst  heifst  (Flui  Num.  2),  er  habe  gerade  ^vcCav 
uva  dri^kot^Xri  nqo  f^g  nolscog  dargebracht,  als  er  in  den  Himmel  aufge- 
nommen sei,  so  mufs  diese  9v6ia  eben  auf  das  Fest  der  Inno  Caprotina 
Belbst  bezogen  werden.     In  enger  Beziehung  zu  diesem  Tage  steht  ferner 
der  5.  Juli,  die  Foplifugia,  wie  übrigens  die  Alten  selbst  schon  bestimmt 
hervorheben,  indem  sie  die  Foplifugia  auf  eine  Niederlage,  die  Nonae  Ca- 
protinae auf  einen  darauf  folgenden  Sieg  der  Römer  bezogen  Varro  1.  1. 
^  18.   Macrob.  8,  2,  14.    Dafs  dieser  Tag  dem  Jupiter  galt,  geht  aus  der 
Notiz  des  Calend.  Amit.  z.  d.  T.  Feriae   lovi  sowie  aus  Dio  47,  18  (vgl. 
Merkel  z.  Ovid.  F.  p.  CLIX)  hervor.    Wir  dürfen  also  auch  wohl  eine  ara 
des  Jupiter  an  dieser  Stelle  annehmen,  auf  der  Jupiter  an  diesem  Tage  ein 
Opfer  eriiielt.    Dafe  dieser  Tag  übrigens  in  enger  Beziehung  zu  dem  fol- 
g^den,  den  Nonae,  stand,  beweist  der  Umstand,  dafs  von  manchen  der  Tod 
des  Romulus  auf  die  Poplifugia  verlegt  wurde.    Dionys.  2,  66.  Flut.  Rom.  29. 
2)  Hierauf  beziehen  sich  die  Worte  Flutarchs  Rom.  27  Öffärcct  yäg  iti 
^  o\kouL  tip  tote  ndd-ei  noXXa  %cncc  vfjv  ijfuiQav  insivrip. 

19* 


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-     292    — 

—  einen  innerlich  zusammenhängenden  Kultkomplex,  der,  wenn 
wir  ihn  auch  seinem  Wesen  nach  nicht  mehr  völlig  verstehen 
können,  jedenfalls  mit  der  Göttergruppe  Jupiter,  Juno,  Mars  in 
engstem  Zusammenhang  stehen  mufs.  Zweifellos  scheint  mir, 
dafs  die  Verbindung  beider  Tage,  des  5.  und  7.  Juli,  auf  eine 
alte  Lustration  mit  darauf  folgendem  Freudenfeste  nach  voll- 
zogener Sühnung  sich  bezieht:  das  Verschwinden  des  Romulus 
mufs  ursprünglich  am  5.  Juli,  den  Poplifugia,  gefeiert  sein,  wie 
in  verschiedenen  Angaben  auch  ausdrücklich  berichtet  wird.*)  Die 
Ceremonie  der  Poplifugia  entspricht,  glaube  ich,  der  des  Regi- 
fugium^):  wie  die  Flucht  des  Rex  offenbar  seinen  Tod  vertrat, 
den  er  stellvertretend  für  die  Schuld  des  ganzen  Volkes  eigent- 
lich hätte  erleiden  müssen,  so  scheint  dem  Tode  des  Romulus, 
den  der  Glaube  annahm,  gleichfalls  diese  Kraft  beigelegt  zu  sein: 
und  dem  entsprechende  Ceremonien  haben  später  noch  diesen  an- 
geblichen Tod  dargestellt.  Durch  den  Tod  war  dann  das  Volk 
entsühnt  und  gab  am  folgenden  Festtage  dieser  seiner  Stimmung 
Ausdruck.  Als  man  später  die  Ceremonien,  die  den  Tod  des 
Romulus  in  jährlicher  Wiederholung  zum  Ausdruck  brachten,  nicht 
mehr  verstand,  hat  man  verschiedene  historische  Ereignisse  zu 
Anlässen  und  Ausgangspunkten  der  Ceremonie  gemacht.  ^)  Wich- 
tig ist  aber,  dafs  hier  schon  der  Campus  Martins  als  Vereinigungs- 
punkt dieser  bis  i»  die  romulische  Zeit  hinaufreichenden  Gebräuche 
und  Kulte  erscheint:  wir  ersehen  daraus,  daJDs  jene  Götter-  und 
Kultgruppe  in  der  That  einer  Zeit  angehört,  in  der  der  ramnische 

1)  Vgl.  Dionye.  2,  56.  Plut.  Rom.  27.  Wahrscheinlicher  noch  ist, 
daXs  die  verschiedenen  Feste  ursprünglich  einem  Tage  angehörten.  Vgl. 
auch  die  Worte  Varros  a.  0.:  aliquot  hnius  diel  vestigia  fngae  in  sacris 
apparent  (er  spricht  von  den  Poplifugia). 

2)  Über  das  Regifoginm  vgl.  hernach.  Die  Sage  von  der  Himmelfahrt 
des  Romnlos  ist  wahrscheinlich  ans  verschiedenen  Momenten  entstanden, 
die  in  ihr  zusammentrafen.  Einmal  ist  dieses  der  Akt  der  Königsflacht 
selbst  —  denn  obgleich  der  Akt  Poplifagia  heifst,  ist  doch  anzunehmen, 
dafs  eben  der  Repräsentant  des  populns  selbst  diesen  Akt  vollzog,  der  zur 
Sühnung  des  populns  stattfand  — ;  sodann  wahrscheinlich  ein  Mythus  aus 
dem  Marskreise,  der  von  einer  Himmelfahrt  dieses  Gottes  wufste;  endlich 
mag  auch  die  historische  Thatsache  eines  an  jener  Stelle  einmal  vorge- 
kommenen Verbrechens  gegen  den  König  auf  die  Gestaltung  der  Sage  von 
Romulus'  Tode  eingewirkt  haben. 

8)  Vgl.  Varro  l.  l.  6,  18,  wo  ein  Einfall  der  Piculeates  ac  Fidenates 
et  finitmii  alii,  Macrob.  8,  2,  14,  wo  ein  Angri£F  der  Tusci,  Ovid  de  arte 
am.  8,  2,  14,  wo  ein  tumultus  der  Anlaüs  ist. 


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—     293     - 

Einfluß  bestimmend  und  leitend   auf  sabinisches  Gebiet  vorge- 
druBgen  war. 

So  sehen  wir  die  Kulte  der  Ramnes  auch  auf  dieses  Gebiet 
des  Campus  Martins  vordringen.  Die  Kulte  des  Jupiter  und  der 
JanO;  der  höchsten  Bundesgotter  des  Septimontium^  zusammen 
mit  dem  des  MarS;  des  charakteristischsten  und  bedeutsamsten  der 
palatinischen  Stadt,  werden  auf  das  neugewonnene  Gebiet  über- 
tragen und  die  drei  Altäre,  die  man  hier  aufstellt,  werden  der 
Mittelpunkt  bedeutsamer  Kulthandlungen  und  sakraler  Akte.  Denn 
es  kann  meiner  Ansicht  nach  nicht  zweifelhaft  sein,  dafs  diese 
Altare  dazu  bestimmt  sind,  fortan  dem  gemeinsamen  Kulte  der 
Banmes  und  Tities  zu  dienen.  Die  Tage  der  Volksflucht  und  der 
Caprotina^)  gelten  dem  neuen  Bunde:  die  Sühnung,  wie  sie  sich 
an  dem  ersteren  Tage  vollzieht,  dient  der  Bürgerschaft  dieses 
Bundes;  der  Marsaltar  ist  der  Mittelpunkt  aller  militärischen 
Handlungen,  die  sich  auf  den  JBund  beziehen,  wie  aller  Spiele  und 
Festlichkeiten,  welche  die  Einwohnerschaft  beider  Städte  in  ge- 
meinsamer  Lust   vereinigen.^)     So  sehen    wir  den   Einflufs  der 


1)  Ober  diesen  Namen  mag  hier  noch  eine  Yermntnng  stehen.  Der 
Zusammenhang  der  Inno  Caprotina  mit  capra  «-  Ziege  ist  unverkennbar. 
Da(s  sie  diesen  Enltnamen  von  der  palns  Caprae  oder  Capreae  erhalten 
haben  sollte,  ist  schwer  glaublich :  es  liegt  viel  näher,  denselben  auf  innere 
und  wesentliche  Beziehungen  der  Juno  selbst  zurückzuführen.  Nun  erscheint 
Inno  Lanuvina  oder  Sospes  (vgl.  oben  S.  229  f.)  in  der  That  als  eine  Ziegen- 
jnno,  indem  sie  ganz  mit  einer  pellis  caprina  bekleidet  gefafst  wird.  Ich 
halte  die  Inno  Caprotina  för  die  älteste  Form  dieser  Ziegen juno  in  Eom, 
die  spater  —  nach  Ausgleichung  mit  dem  Kulte  von  Lanuvium  —  in  den 
Koltnamen  dieser  Inno  Lanuvina  Sospes  übergeht.  Der  Kult  der  Inno 
Sospes  auf  dem  Palatium  fafste  dieselbe  also  ursprünglich  als  Caprotina 
and  in  dieser  ältesten  Kultform  und  mit  diesem  ältesten  Kultnamen  ist  sie 
auf  den  Campus  Martins  übertragen.  Varro  sagt  1.  1.  6 ,  18  Nonae  Capro- 
tinae  quod  eo  die  in  Latio  lunoni  Caprotinae  mulieres  sacrificantur  et  sub 
caprifico  facinnt,  e  caprifico  adhibent  virgam.  Man  ersieht  daraus,  da&  der 
Name  Caprotina  einem  andern  Umstände  seine  Entstehung  verdanken  mufs, 
als  der  zufälligen  Nähe  der  palus  Caprae  in  Rom;  dafs  sie  vielmehr  die 
alte  latinische  Göttin  ist,  die  allgemein  als  Ziegenjuno  galt,  was  mit  mjthi> 
tchen  Anschauungen  zusammenhängt,  auf  die  hier  nicht  weiter  eingegangen 
▼erden  kann.  Die  Caprificus  ist  offenbar  nur  wegen  ihres  Namens  später 
in  den  Kult  mit  hereingezogen. 

2)  Es  ist  eigentümlich  und,  wie  mir  scheint,  sehr  beachtenswert,  dafs 
die  auf  sabinischem  Gebiete  sich  vollziehenden  Sacra  ein  anderes  Kult- 
System  wiederspiegeln,  als  wir  bei  den  Ramnes  kennen  gelernt  haben.  Der 
Kalt  des  Semo  Sancus  findet  am  5.  Juni,  der  des  Sol  am  9.  August,  die 


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Bamnes  sich  weiter  und  weiter  ausdehnen.  Und  während  der 
Palatinus  selbst  in  all  seinen  Namen^  Kulten^  Heiligtümern  und 
Institutionen  sich  völlig  frei  von  sabinischen  Elementen  erhalten 
hat,  erweist  sich,  wie  wir  gesehen  haben,  der  Wohnraum  der 
titischen  Gemeinde  nach  allen  Richtungen  hin  von  Spuren  ram- 
nischer  Kultur  durchsetzt:  die  mafsgebende,  die  praeponderierende 
Stellung  in  dem  zwischen  den  palatinischen  und  quirinalischen 
Gemeinden  abgeschlossenen  Bündnisse  hat  nach  diesen  sichern 
Anzeichen  die  palatinische  Stadt  eingenommen. 

Das  bestätigt  sich  nun  weiterhin  an  allen  wirklich  echten 
und  glaubwürdigen  Momenten,  die  uns  zur  Beurteilung  des  Ver- 
hältnisses der  beiden  Städte  zu  Gebote  stehen.  Dafs  die  Tities 
sich  an  die  Bamnes  angeschlossen,  nicht  diese  jenen  sich  ge- 
fügt haben,  geht  zunächst  zweifellos  aus  den  sakralen  Institu- 
tionen hervor,  welche  dem  Bündnisse  der  beiden  Städte  entstam- 
men. Denn  die  Salii  Collini  sowohl,  wie  der  Flamen  Martialis, 
welche  beiden  Institutionen  als  speziell  der  sabinischen  Gemeinde 
angehörig  erscheinen,  sind  nichts  als  Nachbildungen  der  schon 
bestehenden;  den  Bamnes  des  Palatinus  eigentümlichen  Salii  Pa- 
latini,  sowie  des  Flamen  Quirinalis.  Das  wird  sich  aus  einer 
kurzen  Betrachtung  derselben  ergeben. 

Was  zunächst  die  Salii  Collini  betriifft,  so  ist  das  charakte- 
ristische derselben  die  völlige  Kopierung  der  älteren  palatinischen 
Sodalität:  die  ganze  innere  Einrichtung  derselben  war  genau  die- 
selbe, wie  diejenige  der  palatinischen  Salier.')  Und  da  die  Alten 
selbst  des  Umstandes  sich  wohl  bewufst  geblieben  sind,  dafs  die 
kollinischen  Springer  später  errichtet  worden  sind,  als  die  pala- 
tinischen, so  geht  daraus  die  Annahme,  dafs